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M 234.

»nmmla, 12. Mobec >»n

38. Jahrgang.

fuldaer M Zeitung «

2. Blatt.

vrack und Verlag der 8«lda« Artiendruckerri ta Salto.

•%* Kriegsgefahr und Lebensmittel­versorgung.

Jnmer mehr wird eS allen Einsichtigen klar, wie wichtig und unbedingt notwmdig es ist, daß wir bei der Beschaffung der unentbehrlichen Lebensmittel möglichst unabhängig vom Auslande sind.

Auf das Ausland ist immer weniger Verlaß. Die Industrie und die Bevölkerung des Auslandes wach­sen, die Lebensmittel werden dort immer teurer. DaS Ausland braucht immer mehr seine Lebensmittel selbst, es will und kann kaum mehr etwas an andere Länder abgeben, jedenfalls nicht mehr zu den frühem billigen Preisen, besonders wo die Er- zeugrmgskosten der Nahrungsmittel im Auslande so schnell und so stark gestiegen sind.

Viel gefährlicher und schwieriger wird die Frage natürlich noch im Kriegsfälle, wo der Feind cs in der Hand hat, uns sämtliche Lebensmittelzu­fuhren abzuschneiden. Er könnte uns dann einfach durch Aushungerung bezwingen, wenn wir keine eigne leistungsfähige Landwirtschaft mehr be­saßen. Es ist daher für uns in jedem Fall die wich­tigste Aufgabe, die Leistungsfähigkeit un­serer Land wirtschaft nach Möglichkcit zu erhalten und zu st ä r k e n.

Run gibt es allerdings Leute, und zwar sind eS insbesondere die unverantwortlichen Sozialdemokra­ten, die sich in der leichtftrtigsten Weise über diese gefährlichen Möglichkeiten hinwegsetzen und so tun, als wenn das alles gar nicht so schlimm wäre Um so bemerkenswerter erscheint eine neuerliche Auslas­sung der radikal-sozialistischen „Leipziger Volkszei­tung", die in ihrer Nr. 215 schreibt: „Bricht ein Krieg aus, so stehen wir vor einer Hungersnot!" Sie erklärt dies damit, daß im Kriegsfälle die Lebens­mittelzufuhr, insbesondere die G etr ei d ezu fuh r, aus hören würde. Für England wäre die Gefahr wegen seiner insularen Lage nicht io groß, wobl aber für Deutschland. Die „Leipziger Volkszeitung" scyrcibr hier:

„Dagegen gehört ein Kapiiän, der es bei einem Kriege zwischen England und Deutschland versuchen wollte, den Hamburger Hafen zu erreichen, ins Toll- hans. ' Er liefe Gefahr, unfehlbar gekapert zu werden, gleie viel, welchen Weg er einschlagen würde."

Was folgt daraus für jeden vernünftigen Men­schen? Doch unzweifelhaft das eine, einer solchen Gefahr der Hungersnot beizeiten zu begegnen und dafür zu sorgen, unsere eigne Lebensmittelver­sorgung zu stärken, um möglichst unabhängig vom A u s l a n d e zu sein und zu bleiben. Wer es nicht täte, gehörte ins „Tollhaus". Durch unsere Wirtschaftspolitik aber haben wir es erreicht, unsere Lcbensmittelproduktion so toeit zu starken, daß. wir nach dem ausdrücklichen Geständnis des „Vorwärts" selbst (Nr. 195 1909) vierzehn Fünfzehntel, also fast den ganzen Bedarf an den wichtigsten Nährfrüch­ten durch eigne Produktion decken. Der „Vorwärts" schreibt an dieser Stelle: „Handelt es sich also um )lc Ernährung der Einwohnerschaft, so kann Deutsch­land im Ernstfälle diese noch immer allein be­sorgen."

Wie aber stände es damit, wenn man damals dem sozialdemokratischen Geschrei gegen unsere Zollpolitik nachgegeben hätte! Wie stände es, wenn wir unsere lebensmittelschaffende Landwirtschaft schutzlos preisge­geben hätten, ähnlich wie in England! Woher sollten wir dann die Lebensmittel hemehmen! Dann wäre allerdings die Hungersnot für uns bald da, wenn wir nach dem sozialdemokratischen Rezept vorgegangen wären, und cs verdient immer wieder ausdrücklich be­tont zu werden:

Die Sozialdemokratie träfe die Schuld an der Hungersnot!

Amt Geisa und Umgebung.

* Vacha, 11. Ott. 1911. Dem Bahnhofsvorsteher Henning-D o r n d o r f und dem Weichensteller Wart- mann-G e r st u n z e n ist für das entschlossene Handeln und die bewiesene Aufmerksamkeit, durch die sie auf der Strecke Salzungen-Gerstungen Betriebsunfälle verhü­teten, besonder; Belohnungen als Auszeichnungen zu­erkannt worden.

* Dermbach, 11. Ott. 1911. Aus Anlaß des letz­ten Brandes in Neidhardshausen weilte der Untcr- fuchungsrichter Kolbe aus Eisenach hier und in Neid- härdshousen.

* Stadtlengsfeld, 11. Ott. 1911. Der Stadt- lengSfelder Brigant Klotzbach, soll jetzt um jeden Preis gefaßt werden. Der Steckbrief gegen ihn wird erneuert, ferner erläßt der Erste Staatsanwalt in Eisenach folgende Bekanntmachung:

V1 Fs ist ,u meiner Kenntnis gelangt, daß Personen, die Sachdienliches über den jeweiligen Aufenthaltsort und das Treiben des Einbrechers Christian Klotzbach tu Erfahrung gebracht haben, dies den Behörden zu melden Unterlasten haben, wett sie Furcht vor der Rache der Anverwandten Klotzbachs hätten. Ich wette daraus hin, daß solche Personen unter Umständen eine Ver­urteilung wegen Begünstigung Klotzbachs zu gewärtigen haben. Die Furcht vor den Anverwandten Klotzbachs ist aber auch völlig unberechtigt. Sobald ich Meldung erhalte, daß einer der Anverwandten Klohbach's eine solche Auskunstsperson bedroht, beschimpft oder gar mißhandelt, werde ich sofort die Slrafoerfolgung gegen die beteiligten Klotzdachschen Anverwandten einleiten und deren unverzügliche Verhaftung vornehmen.

* Tiefenort, 11. Okt. 1911. Der Geschäftsbetrieb der Gewerkschaft Kaiseroda in Hämbach erlitt eine große Störung, indem das gußeiserne Rohr (Durchmesser: 300 Mllimeter), das durch die Werra führt und von der Rasenmühle in Tiefenort aus Waffcr in die chemische Fabrik pumpt, im Stromge­biet platzte. Sofortige Reparaturversuche wurden eingeleitet.

* Wölferbütt, 11. Ott. 1911. Unter den Kindern herrscht stark der Keuchhusten.

* Wölfershausen, 11. Ott. 1911. Gutsbesitzer Gliemeroth hat sein etwa 200 Morgen umfassendes Gut mit allem toten und lebenden Inventar an ein Händlerkonsortium aus Schenklengsfeld und Kastel verkauft. Der Kaufpreis beträgt 220 000 Mark. Das Gut wird voraussichtlich zerschlagen werden, wozu Zeit und Lage sehr günistg sind, da Wölfers­hausen inmitten von vier Kalischächten liegt.

* Mariengart, 11. Ott. 1911. Die Bautätig- kei t ist in unserem Heinen Dörfchen in diesem Jahre eine Rege. 4 Neubauten sind zurzeit im Entstehen be­griffen.

Aus Oberhessen u. den Hess. Aemtern.

* Kirchhain, 11. Ott. 1911. Die Bürgermeister­stelle von Kirchhain, welche anr 25. d. Mts., nach Ablauf der jetzigen Ämtsperiode, frei wird, ist neu zu besetzen. Sie wird nunmehr öffentlich ausge­schrieben. Das Anfangsgehalt beträgt 3000 Mk., steigend von 3 zu 3 Jahren um je 300 Mk. bis zum Höchstgehalt von 3900 Mk.

* Ziegenhain, 10. Ott. 1911. Von einem aus­wärtigen Händler wurden auf dem hiesigen Bahnhofe bereits drei Waggons Holländer Kartoffeln zum Preise von 3,40 Mk. für den Zentner zum Verkauf gebracht, die guten Absatz fanden. Die hiesigen und benach­barten Beamten haben sich zum Bezüge billiger Speift- kartoffeln zusammengrschloffen, für welchen Zweck aber­mals ein Waggon mit 250 Zentnern von demselben Händler eintrifft.

* Homberg, 11. Ott. 1911. Nachts wurde hier im Gasthause „Zum Deutschen Kaiser" ein frecher Einbruchsdieb stahl ausgeführt. Der Dieb hat sich vermutlich am Abend eingeschlichen und ein­schließen lasten, um dann, nachdem im Hause alles zur Ruhe gegangen war, ungestört „arbeiten" zu können. Er hat dabei außer den Restaurations­räumen auch mehreren anderen Zimmern seinen Besuch abgestattet. In ersteren raubte er den Bar­bestand der Tageskaste und einige Waren, ivährend ihm in letzteren eine wertvolle, goldene Damenuhr zur Beute siel. Zum Schluffe ließ er dann noch ein einem Logiergaste gehöriges Fahrrad mit- geheu, um mit seinem Raube schneller verschwinden zu köunen. Er soll dann nach Vermutung des diensttuenden Polizeibeamten in der Richtung nach Wabern davongefahren sein. Da der Dieb jeden­falls versuchen wird, die gestohlenen Gegenstände, Uhr und Rad, in Geld umznsetzen, sei vor deren Ankauf gewarnt.

* Jesberg, 11. Ott. 1911. Die hiesige Spar- und Darlehnskasse hat im Betriebsjalr 1910 so erfolgreich gearbeitet, daß dem nun bald auf 60 000 Mark erhöhten Reservefonds wieder etwa 6000 Mk. als Reingewinn zngeführt werden. Der Zeitpunkt, wo die Ueberschüfle der Sparkaffe der Stadtkasse zur Deckung kommunaler Bedürfnisse zugeführt werden können, rückt also näher heran.

♦ Schweinsberg, 10. Oft. 1911. Ein Leichen- Begängnis, wie es unser Städtchen noch nicht ge­sehen, bewegte sich heute durch die Straßen der Stadt zum Friedhof. Der frühere hochverdiente Landrat des Kreises Kirchhain, v. Schenck, dessen Familie in Schweinsberg ihren Stammsitz hat, wurde zur letzten Ruhe bestattet. Fast sämtliche Bürgermeister des Krei- sts warm anwesend. Die Beisetzung erfolgte in der Familiengruft der Freiherren Schenck zu Schweins­berg auf dem Friedhöfe.

vermischtes.

* Nach dem Genuß gehackten Fleisches ist in Köln eine Familie unter Vergiftungserscheinungen schwer erkrankt. Der Zustand mehrerer Kin­der ist bedenklich. Die Gesundheitspolizei beschlag­nahmte die Speiseüberreste und leitete ein Ver­fahren gegen den Metzgermeister ein, von dem das Fleisch gekauft war.

* Der Typhus. In Duisburg stieg die Zahl der Erkrankungen an Typhus um weitere zwanzig Fälle auf 84. Tödlich verliefen bisher sechs Fälle. Der Erreger der Seuche ist wahrscheinlich schlechtes Trinkwasser.

* Znsolge vorzkitigm Verlassens des Zuge? geriet in Duisburg ein Reisender aus Köln, der mit dem Baseler Expreßzug eintraf, unter die Räder, die ihm beide Beine abtrennten.

• „L. Z. 9", das schnellste Luftschiff der Welt. Das neue, für die Militärverwaltung bestimmte Zeppelin- Luftschiff „L. Z. 9", das, tote berichtet, auf seiner ersten Probefahrt eine Geschwindigkeit von 21 Sekun­denmeiern erzielt hat, bezeichnet die „Kölnische Zei­tung" als das schnellste Luftschiff der Welt. Diese rasche Aufeinanderfolge von Weltrekorden bedeutet einen völligen Umschwung einmal in dem Ver­hältnis der Zeppelinschen Luftschiffe zu den übrigen, vor allem in dem der tiufildtitfe tu den FIna- brachen. Da es heute vor allen Dingen auf die Geschwindigkeit eines Luftfahrzeuges ankommt, so ist kein Zweifel, daß in diesem Hauptpunkt, solange die Pralluftschiff; nicht über ihre bisherige Höchstgeschwin­digkeit von etwa 16.5 Sekundenmetern hinauskommen, die Zeppelinschen Luftschiffe unbestritten an der Spitze marschieren. Dieses Aufrücken der Luftschiffe ist eine Überaus erfreuliche Tatsache. Denn wenn auch nach wie vor der Flugdrache in seinen besten Typen das schnellste Flugzeug bleibt, so besitzt das Luftschiff ihm gegenüber doch so viele Vorzüge, die in größerer Si­cherheit, größerer Nutzlast und längerer Flugsähigkeit bestehen, daß man sich nur freuen kann, wenn es ihm an Geschwindigkeit näher kommt. Solange mit dem Flugdrachen Leistungen von 100 Kilometer in der Stunde möglich waren, mit dem Luftschiff aber nur solche von 16.5 Sekundenmetern, so gab das einen Unterschied von 40 Kilometer in der Stunde, die das Lufischiff langsamer fuhr als der Flugdrache, also 40 Prozent geringere Schnelligkeit. Die Zahl der Se- kundenmeier ist nun aber durch die Zeppelinschen Luftschiffe auf 21 hinaufgeschnellt, die gleich sind 75.5 Stundenkilometer. Das sind nur ttoch 24.5 Prozent geringere Schnelligkeit. Das neue Zeppelin-Luftschiff, das dem Vernehmen nach als Militärkreuzer in Köln stationiert werden soll, ist in allen Teilen sehr stabil. Die Gesamtform und die Anordnung der Steuer sind die gleichen wie bei der „Schwaben". Nur sind die Steuer etwas verkleinert. Die beiden Gondeln mit drei Maybach-Motoren zu je 150 Pferdestärken sind ziemlich nahe an den Schiffsrumpf herangerückt. „L. Z. 9" ist 132 Meter lang, acht Meter kürzer als die „Schwaben".

* Bürgerkunde für Schüler. Eine Akademie für kommunale Einrichiangcn, an der für die Primaner dcr höheren Lehranstalten Vorträge über Bürger­kunde gehalten werden sollen, ist von den Düsseldorfer Stadtverordneten genehmigt worden. Die Vorträge werden von höhcren Verwaltungsbeamten der Stadt und dec Provinz gehalten. Die Akademie wird am 30. Oktober mit einer besonderen Feier eröffnet. Bis­her haben sich 90 ordentliche Hörer angemeldet.

* Die Teuerung. Die Stadtverwaltung von Straßburg hat zur Steuerung der allgemeinen Teuerung den Bezug von Speisekartoffeln in größe­rem Maßstabe in die Wege geleitet. Auch werden hier Markte für den Socsischverkauf eingerichtet wer­den.

* Die Stilserjochftraße verfchneit. Auf der Stil- serjochstraße in Tirol liegt der Schnee schon ein­einhalb Meter hoch. Die Straße ist daher für dieses Jahr gesperrt. 9cut bis Weißenknott ist sie noch für den Wagenverkehr offen.

Lebenrwende.

9] Roman von Horst SB ob em er.

„Ich habe selten eine so wohlerzogene, seingcbil- dete junge Dame kennen gelernt; ich glaube auch, Fräulein Rollen hat als Malerin eine recht bedeu­tende Zukunft, kurz und gut, sollte sie gewillt sein — über Jahr und Tag, meine Herrschaften —, Hans Heinrich ihre Hand zu reichen, so wird's für ihn ein Gnadengeschenk dis Himmels sein, um das ich ihn wohl beneide!"

Das siebzehnjährige Fräulein Agathe v. Wuster­mark, die in der Fohlenkoppel und im Pferdestall aufgcivachsen war, schob die Unterlippe vor. „Ihr Vater soll ein kleiner Düichenkcämer in Magdeburg sein und eine ganz ordentliche Pleite hinter sich haben!"

„Ich kenne den Herrn nicht, aber soviel weiß ich, unter Entbehrungen hat er seine Tochter musterhaft erzogen und Hans Heinrich dieses sehr gute Geschäft ohne jedwedes Entgelt vermittelt!"

Wustermark lachte. „Sehr vefftändlich! Schlieft lich hat ja Hakburg noch ein paar Dreier, und wenn der Mann ihn festgelcgt hat, dann wird eben seine Tochter auf ihre Kosten kommen!"

„Sie kennen Fräulen Rollen nicht, sonst würden Sie nicht wagen, solch; Behauptungen aufzustellen!"

„Göttchen, Göttchen, lieber Herr v. Sosquen, fpielen Sie sich doch nicht immer auf den Idealisten!"

„Ich trete hier nur für eine Dame ein, die zu kennen Sie nicht einmal die Ehre haben, Herr v. Wustermark!"

Ter alte Löberdau schmunzelte. Keine fünf Mi­nuten dauerte es mehr, und der Gastgeber bekam eine moralische Ohrfeige nach der andern. Ihm geschah ganz recht. Wamm forderte er diesen klugen Sosquen heraus. Wustermark war ftug geworden, er wollte stch saldieren!

„Die Geschmäcker find eben ganz verschieden, Herr v. Sosquen!"

„Die Ansichten!"

„Na, meinetwegen!"

Mer Sosquen war in Kampfesstimmung.

„Wamm kümmert man sich eigentlich auf einmal soviel um den jungen Hakburg? Das war doch meines Wissens nicht der Fall, als er noch aktiver Offizier war! Ich habe kaum von einem einzigen Menschen em Wort des Mitgefühls gehört!"

„Soll man das vielleicht auch noch haben? Uns dauert seine Schwester, die sich die Augen ausweint über ihren Bmder."

„Wozu gerade jetzt aber auch nicht der geringste Gmnd vorhanden ist. Gewiß, er hat über die Stränge geschlagen, hat man ihm das übel genommen? Na ja, mitunter schüttelte man wohl den Kopf, und Hinter seinem Rücken prophezette man ein böses Ende. Und daß er sich gegen dieses böse Ende nun nach Kräften wehrr. begreift man auf einmal nicht. Er soll unse­ren Kreisen brüsk den Rücken gekehrt haben. Ja, wäre das denn nicht auch geschehen, wenn er sich über den großen Teich hätte schicken laffen? Biele würden das in der Ordnung gefunden haben. Er­ledigt ist erledigt, aber seinen uralten Namen auf „ein Firmenschild zu Heben", ist natürlich eine Sünde und Schande! Und dann noch womöglich die arme Tochter eines „Dürchenkrämers" heiraten zu wollen, — horrible!"

Da konnte Herr v. Wustermark den Mund nicht mehr halten. „Hätte Hans Heinnch überhaupt nur den ernsthaften Willen gezeigt, Natterheide zu halten, wäre ihm sicherlich mehr wie einer beigespmngen, zum Beispiel Arwed Hakburg, Sie und ich!"

„Von seinem Onkel glaube ich es ebensowenig, wie von mir", erwiderte Sosquen mit größter Seelen­ruhe.

„Sie - nicht?"

»Nein, denn das Geld wäre auf die Straße ge­worfen worden. Hans Heinrich eignet sich nicht zum Landwirt."

„Sie muffen es ja wissen", meinte Wustermark höhnttest — —

„Sagen Sie doch selbst, wobec soll denn Freude an der Arbeit kommen? Sick rumplagen, um die Zin­sen herauszuwirtschasten für andere Leute, na, ich danke! Das Gut hätte ihm doch nur dem Namen nach gehört! Und zum Landwirt ist er auch nicht gedrillt worden. Er wäre abhängig von seinem In­spektor gewesen, mindestens ein Jahrzehnt lang. Und das hätte ihn mürbe gemacht!"

Herr v. Meceuth hatte interessiert zugchöct.

„Ich meine, wir sollen ruhigen abwarten, wie sich Hans Heinnch durchs Leben findet. Zweifellos bat Herr v. Sosquen recht, und man würde ein gutes Werk tun. vor allem Fräulein Hakburg die Augen zu öffnen."

„Für dieses Wort danke ich Ihnen, lieber Me- reuth!"

Später nahm der Gastgeber den alten Major v. Löberdau in eine stille Ecke.

„Der Mereuth ist unter die Rebellen gegangen!" „Die neue Zeit, mein lieber Wustermark! Die neue Zeit!" —

♦

Hakburg saß in der übelsten Laune seinem So­zius gegenüber.

„Was haben Sie eigentlich? Seit ein paar Ta­gen laufen Sie mir finsterem Gesicht herum und lassen an Bleistiften und Federhaltern Ihre schlechte Laune aus. Mindestens ein Dutzend haben Sie schon zer­brochen."

„Sie wissen doch", stotterte Hans Heinrich ein wenig verlegen, „Herr Rollen hat eine Tochter — Malerin — sehr talentiert, — ich habe Ihnen ja erzählt, daß Herr v. Sosquen ein Bild von ihr ge­kauft hat. Sie kam zum Essen in dieselbe Pension, in der ich bis vor einigen Tagen wohnte. — Aus ein­mal kam sie nicht mehr! — Ich schrieb ihr also einen Brief! — Und die Antwort? — Es ist besser, wir gehen uns aus dem Wege, Sie müssen sich in Ihrem neuen Berufe einarbeiten, ich will ungestört schaffen können, — wir müssen uns beide unser tägliches Brot verdienen. — Darüber bin ich so wütend aeworden.

* Maschimstenstreik in der holländischen Dampf- fischerei. Tas Maschinenpersonal des Tampsfischer i- betriebes in der holländischen Stadt Imuiden ist in den Ausstand getreten. Vierzig Fischeretdampser, die zur Abfahrt bereit sind, wurden ausgehalten. Tas Maschiuenpersonal fordert einen Zuschlag, der dem Anteil jedes Teckardeitets gleicbkommt.

* Der Palast des Kardinals Prisco, Erzbischofs von Neapel, rft zusam men gest ürzt. Drei Personen sind batet getötet worden. Zwei Damen, die durch Gesteinsmassen verschüttet wurden und sofort tot waren und ein Polizeibeamter, der ster. bend nach dem Hospital gebracht wurde. Der Kar­dinal Prisco, der sich im Augenblick der Einsturz, katastrophe im Arbeitszimmer befand, ist Wunder, barerweise unverletzt geblieben.

* Maskierte Räuber im Eisenbahnzuge. Einen dreisten Raubüberfall in einem Schnellzug vollführwn spanische Banditen zwischen den Stationen Ernstes und Jllan. Ter Schnellzug hatte gerade die Station Ernstes verlassen, als zwei maskierte Männer in ein Abteil dcr ersten Klaffe sprangen, in dem sich die Marquise Villaseca und ihre Nichte besandcn. Die Verbrecher forderten die überaschten Damen auf, ihnen ihr Geld und ihre Kostbarkeiten auszuliefern. Als sich die Marquise dieser Aufforderung toiber» setzte, zog der eine der Räuber einen Revolver hervor und setzte ihn auf die Brust der Gräfin. Der andere Räuber knebelte ihre Begleiterin, und nun gingen beide daran, die Marquise und ihre Nichte auszu- plündern. Es fielen ihnen 1000 Pesetas bares Geld und Juwelen int Werte von 1500 Peseta in die Hände. Nachdem die Räuber ihre Tat ausgeführt hatten, sprangen sie aus dem Zuge. Die beiden Damen fielen in Ohnmacht, und als die Marquise Villaseca das Ve- toußtsein lviedererlangt hatte, zog sie die Notbremse. Ter Zug wurde zum Stehen gebracht und die Ver­folgung der Räuber durch das Zugpersonal aufgenom- mcn. Auch wurden den Verbrechern von Jllan aus radfahrcnde Polizisten nachgcschickt, doch haben die Bemühungen der Verfolger zu keinem Ergebnis ge­führt.

* Ucberschwemmunqen. Heber Petersburg ist ein derartiger Weststurm dahingezogen, daß die meisten Inseln im Newadelta und das Hafcnviertel überschwemmt sind. Auf der Newa sind zahlreiche Schiffe havariert, viele Barken mit Holz und Getreide sind gesunken. Es herrscht starker Schneesturm.

* Todessturz eines japanischen Diplomaten. Ein sapanist-französischer Diplomat, der vor einigen Tagen in Marseille cmgekommcn war, besuchte am Montag verschiedeue Vergnügungslokale. In angetrunkenem Zustande lehrte er nach seinem Hotel zurück, lehnte sich dort zum Fenster hinaus, verlor das Gleichgewicht und stürzte in den Hos hinab, wo er tot liegen blieb. Der japanische Konsul in Marseille hat die Koffer des Verunglückten ver­siegeln lassen.

Literarische?.

Die Schädlinge des Obst- und Weinbaues. Ein Volks­buch für jung und alt zur Kenntnis und erfolg­reichen Abwehr des verbreitetsten Ungeziefers. 3. Auflage (40.—60. Tausend), verbessert und erweitert von Dr. L. Reh. Mit 18 Abbildungen und zwei großen Farbentafeln nach Aquarellen des Verfassers. Frankfurt a. O„ Verlag von Tro- witzsch und Sohn. Gebunden 1,50

Auf zwei großen Tafeln werden 45 Hauptfeinde in musterhafter, naturgetreuer Weise farbig darge­stellt, und zwar so, daß jeder diese Hauptschädlinge nicht nur in allen Stadien ihrer Entwicklung, sondern auch bei ihrer zerstörenden Arbeit kennen lernt Da­durch geben diese ausgezeichneten, unübertroffenen Ab- bildungen dem Obst- und Weinbauer die Möglichkeit, selbst sofort und ohne Mühe zu bestimmen, mit welchen Schädlingen er es im gegebenen Falle zu tun hat. Der Text gibt über das Wesen dieser Tiere volkstüm­liche Belehrung und führt in einfachster Weise die Mittel vor, die Schädlinge nachdrücklichst zu bekcinu pfen.

Handel nnd Judnftrie.

* Berlin, 11. Ott. 1911. Die Börse eröffne!« heute in fester Haltung, ba'd jedoch kam es zu einer merklichen Verstimmung, die ein langsames Weichen der Preise brachte. Auf dem Montanmarkte traten Preisabschwächungen von ca. 0,5 Prozent ein, Schiffahrtsaktien gingen gleichfalls um 0,5 Prozent zurück, Eleklrizitätsaktien dagegen meist höher.

daß ich fortgezogen bin und nun — ärgere ich mich natürlich darüber."

Herr Rost schüttelte lächelnd den Kopf und putzt« stch bann feine scharfe Brille.

»Nun, so etwas kommt alle Tage vor", sagte ei bann trocken.

»Aber dieser Zustand fällt mir auf bie Nerven.'

»So machen Sie ihm ein Ente", lachte bet So zius.

Aber Hans Heinrich saß trübselig vor seinem Putt und ärgerte sich weiter.

IX.

Auch Enka Rollen saß in ihrem Heinen Zimmer- chen unb sann, ben Kopf in bie Hände gestützt. Wie sie dazu gekommen war, ihr Bild »Lebenswende" zu nennen, wußte sie eigentlich nicht. Genau so hätte sie „Im Mai" oder einen ähnlichen Ausbruck wählen kön­nen. Unb nun stanb sie in ber Tat vor ihrer Lebens- luenbe. Das Bild war verkauft. Die vornehme Dame, die es ebenfalls hatte kaufen wollen, hatte zwei Heinere Sttzzen erstanden, für billiges Geld zwar, aber in den Kreisen bekannt zu werden, war für sie viel wert. Hätte sie Herrn v. Hakburg nicht kennen geleint, wäre ihr der Verkauf dieser Bilder eine reine Freude gewesen. Nun hatte leider dieser junge Mann, der im Lcbcn noch gar nichts'geleistet, einen tiefen Eindruck auf sie gemacht! Vom guten Willen aber konnte man nicht allein leben. Der Selbsterhaltungstrieb befahl ihr, vorläufig sich von ihm abzuwcnden. Arn eigenen Leibe hatte sie erfahren, wie bittet schwer es ist, sich unter Entbehrungen dutchzuriugen. Und überwälti­gend waten ihre Erfolge doch noch nicht! Mußten sic beide ihre Zukunst dem Schicksal nicht erst abttotzen? Unb sie mit ihrer reichen Phantasie, bie tausend Bilde, sah, bevor sie ein einziges auf die Leinwand zauberte fürchtete für Hans Heinrich Hakburg! Sie kam au» dem Grübeln nicht heraus, das lahnne ihre Schwingen Dor einem neuen Entwurf hatte gestern der alte Pro feffot Mehet gestanden und sich den Bact getraut

(Fottietwng folgt)