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Momtsbellage: „Zuldaer Gefchichtrblätter"

wochenbeirage:.Illustrierte SonntagszÄung"

V

Fulda, Donnerstag den 12. Oktober 1911.

38. Jahrgang.

Erstes Blatt.

Sotatiourdruckund Verlag der Fuldaer At- üeudruckerei in Fulda Fernsprecher Ur. 9.

ore es spaltige Petitzeile oder deren Sau« 15 Pfg. ReNamend'.ePetitzeile Pfg.. bei Wiebet= gelungen wird entspr. Rabatt gewährt.

£ Dürfen wir das italienische Beispiel nachahmen?

Botschafter den Beschluß der Besucher bildete, und weil Frankreich, daS sich in der Angelegenheit die größte Zurückhaltung auferlegte, in der Reihe fehlt.

Einer der hervorragendsten Reichstagsabgeord- /reten der konservativen Partei bezeichnet die „Rheinisch-Westfälische Zeitung" als den Urheber einer Zuschrift, in der das Vorgehen Jaliens als mustergiltig hingestellt wird. Wenn der vorläufige Erfolg der italienischen Draufgängerei schon einen konservativen Abgeordneten ersten Ranges blenden kann, so ist wohl ein Wort der Warnung am Platze.

Wenn zwei dasselbe tun, so ist es nicht das­selbe. Was Italien sich unter Umständen gestat­ten kann, darf sich das deutsche Reich noch längst nicht immer gestatten. Das lateinische Sprichwort sagt: Quod licet Jovi, non licet bovi, d. h. einem gewöhnlichen Ochsen ist nicht alles erlaubt, was der als Ochse maskierte Jupiter sich erlauben dars, oder: dem Großen wird in der Regel mehr nachgesehen, 'als dem Kleinen. Sonderbarer Weise liegt aber auch die Sache manchmal auch umgekehrt, nament­lich in der hohen Politik. Einem kleinen Staats­wesen gestattet man nachsichtig, was man einer Großmacht ersten Ranges nicht durchgehen lasten würde.

Der erwähnte konservative Abgeordnete meint: Italien zeige, was ein energisches Handeln zu er- ^reichen vermöge; wenn Italien bei geringerer Lei­stungsfähigkeit auf diesem Gebiete seine Ansichten zur Geltung bringen könne, so würde Deutschland bei seiner starken Rüstung es um so mehr können. Äst das nicht ein Trugschluß? , Die Entscheidung , liegt nicht allein in der Energie oder Leistungs- fähigkeit des handelnden Staates, sondern in der Stellungnahme der übrigen Großmächte. Italien darf sich ungetrost Tripolis nehmen, weil es (abgesehen von der ziemlich wehrlosen Türkei) keinen Gegner hat. Wenn aber z. B. Deutsch­land irgend ein Stück von irgend einem schwä­cheren Staatswesen sich einverleiben wollte, so würde seine ganze Reihe von neidischer oder feindseliger ' Großmächten Zeter und Mordio schreien, ein W e l t- brand wäre im Anzuge!

Einen Vorgeschmack davon haben wir gehabt, als Oesterreich-Ungarn die Okkupation Bosniens in eine Besitzergreifung umwandelte. Es war eine reine Formsache; aber welche Auf­regung, welche Kriegsgefahr! Herr Iswolsky wollte 'auf dieses 'verhältnismäßig harmlose Vorgehen durchaus mit einem schönen Koalitionskrieg ant- i Worten. Anaesichts der Solidaritäts - Erklärung 'Deutschlands "hatten aber die Westmächte doch be- greisliche Bedenken. Die Krisis lief gut aus, doch war es eine sehr ernste Krisis, die allerseits die Mahnung hinterließ, man dürfe nicht ohne Not den europäischen Frieden auf die Probe stellen. ■ Noch lehrreicher ist der Marokko fall. Im lJahre 1904 haben Frankreich und England es wahr­lich nicht an „energischem Vorgehen" fehlen lasten. ' Sie regelten eigenmächtig die Zukunft Marokkos und 'zogen Italien' und Spanien durch besondere Ab­machungen, sowie Rußland durch das bestehende Bundesverhältnis in die Verständigung. Ein Vor- ' gehen, das mit viel größeren Mitteln gestützt wurde, ials das jetzige italienische Abenteuer. Und doch 'ging die Eroberung Marokkos nicht so glatt durch, wie die Okkupation von Tripolis. Deutschland er- yob Einspruch gegen das französische Vorgehen und letzte die Hindernisse von Algeciras durch. Als die Franzosen versuchten, die Algeciras-Akten nachträg­lich zu durchlöchern, kam es zu jenem Gegensatz, der in der Entsendung des deutschen Kreuzers nach Aga- stzir seinen vorläufigen Gipfelpunkt erreichte. Die /Folge davon war, daß die französischen Drausgänger dich zu diplomatischen Verhandlungen bequemen mußten. .

Es zeigt sich klar, daß mit dem „energischen Vorgehen" nicht immer durchzukommen dann nicht, wenn mehrere Großmächte zugleich da­hinter stehen. . „

/ Italien nimmt eine Ausnahmestelle em. $n dem verflossenen halben Jahrhundert ist es durch eine Reihe von Niederlagen groß geworden, ^etzt (scheint es durch Krankheit noch sich vttgroßern zu wollen. Italien gehört formell zum Dreibund und tatsächlich zu der entgegenstehenden Grichpe der (Triple-Entente. Es hat infolgedessen viel Freunde 'und keine ausgesprochenen Gegner. Den Wertzu­wachs in Folge der Erwerbung von Tripolis be- .trachtet niemand als steuerpflichtig; an eme Gefahr- düng des eiiropöischen Gleichgewichtes wird nicht gedacht. Denken wir uns nun aber den Fall, daß in Nordafrika noch ein vogelfreies Landstuck läge und dahin Deutschland seine Kriegsschiffe schickt, 'tvelch eine Entrüstung und welch em Widerspruch itoürbc von London bis Petersburg Europa durch­hallen!

Eines schickt sich nicht für alle! Wenn dem jungen Und schwächeren italienischen Staatswagen die Aben- fteuerpolitik diesmal gut bekommt, so beweist das noch fnicht, daß sie einem älteren und schärfer kontrollier- 4en Staat ebensogut bekommen würde. Deutschland braucht sich nicht zur Untätigkeit, wohl aber zur ^größten Nachsicht bestimmen zu lassen. Ehe « wir zu einer Aktion schreiten, müssen wir uns ^dar­über klar sein, ob sie einen Kampf auf Tod '.und Leben lohnt.

<x Krieg Wen Stollen unh fier AM

♦ Die Vermittlung.

i Eine ganze Reihe diplomatischer Konferenzen 'soll Berliner Blättermeldungen zufolge am Diens- Jag abend im Auswärtigen Amt stattgefunden Haden. Der Staatssekretär v. Kiderlen-Wachter empfing in der Zeit zwischen 4'/, und 7 Uhr abends nacheinander den Besuch der Botschafter Oesterreich- .Ungarns, Englands, der Vereinigten Staaten von Amerika, Spaniens und der Türkei. Die Ver- . mutung, daß es sich bei den Besprechungen um den Stand der Vermittlungsaktion im Tripoliskrieg ge« handelt haben dürste, liegt nahe, weil der türkische

Nächtliche Angriffe anf Tripolis.

W. London, 11. Okt. 1911. Wie ,Daily Tele­graph' aus Tripolis meldet, versuchten mehrere tausend Türken in der Nacht zum Dienstag einen Angriff auf die Stadt, wurden aber gegen Morgen von den Scheinwerfern der Kriegs­chiffe entdeckt und durch ein heftiges Feuer der Besatzungstruppen, die von den Schiffen mit Granatfeuer unterstützt wurden, zurückgeworfen.

Spätere Meldungen lassen erkennen, daß es sich um einen Kampf wegen der Wasserleitung der Stadt Tripolis gehandelt hat. Die auf dem Wege über Jtal.en gemeldeten Einzelheiten bestätigen, daß das Treffen mit einer Niederlage der an Zahl schwachen Türken geendet hat.

W. Rom, 11. Okt. 1911. lieber den Angriff der türkischen Truppen auf Tripolis in der Nacht zum Dienstag bringt die ,Agencia Stefani' fol­gende Einzelheiten: Gegen */*2 Uhr morgen? wurde der italienische Posten beim Bumiliana-Brunnen von den Türken angegriffen. Nach einem etwa halbstündigen Gefecht zogen sich die Angreifer zurück und ließen auf dem Kampfplätze Tote und Verwun­dete und mehrere Gewehre. Ein oetrounbetet Türke, der gefangen genommen wurde, erklärte, daß die an­greifende Streitmacht aus zwei Abteilungen Infanterie und einer Abteilung Kavallerie, im ganzen aus 300 Mann bestanden habe. An dem Kampfe nahmen auch die Schiffsgeschütze der „Sardegna" und des „Carlo Alberto" teil, die nach vorher verabredetem Signal feuerten. Die italienischen Matrosen legten Proben von großem Mut und Kaltblütigkeit ab.

W. Rom, 11. Okt. 1911. Aus Tripolis wird gemeldet: Der Rückzug der Türken nach dem gestrigen Gefecht geschah in planloser Flucht. Es hat den Anschein, als ob die Türken deabsich- tigen, sich in das die Ebene von Tripolis um­gebende Gebirge zurückzuziehen. Wagen und Ka­nonen wurden in den Oasen zurückgelaffen. Ihre Pulvervorräte reichen höchstens noch 20 Tage aus. Ihre Verproviantierung ist wegen Mangels an Zufuhrstraßen sehr schwierig.

* Paris, 11. Okt. 1911 Wie dem ,New-York Herald' aus Tripolis gemeldet wird, versuchten in der «ergangenen Nacht gegen 2 Uhr 300 türkische Fuß­soldaten in Bumiliana die Wasserzusührungs- lertung nach Tripolis zu zerstören. Sie wurden jedoch rechtzeitig bemerkt und von dem dort liegenden Vorposten der italienischen Truppen in Stärke von 300 Mann unter dem Befehl des Kommandanten Cagni nach einem lebh asten Feuergesecht, das etwa 20 Minuten währte, zurückgetrieben. Zwei Stunden später versuchten 120 Mann der tür­kischen Reiterei, die ihre Pferde zurückgelassen hatten, sich der Wasserleitung zu bemächtigen. Es ge­lang ihnen auch, bis auf eine Entfernung von un­gefähr 30 Meter heranzuschleichen. Dann wurden sie jedoch von den Italienern bemerkt und durch einen schnell formierten Bajonettangriff zurück- geworfen. Zahlreiche Verwundete blieben auf dem Kampfplätze.

Weitere Kämpfe bei Tripolis.

W. Malta, 10. Okt. 1911. Hier traf die Mel- düng ein, daß die Italiener bei Tripolis drei türkische Pulvertürme gesprengt haben. In der Umgebung der Stadt fanden mehrere Ge­fechte statt, wobei beide Teile erhebliche Verluste erlitten.

W. Mailand, 10. Okt. 1911. Der.Corriere della Sera" meldet aus Tripolis: Ta viele türkische Offiziere im Hospital zurückgeblieben waren, indem sie sich alsAerzte ausgaben, so wurde das Hospital zu einem Mittelpunkt der Spionage die mit den geflüchteten türkischen Truppen in Ver­bindung stand. Daher verfügte Kommandeur Cagni die Ausweisung der Aerzte. Die militärische Lage gibt nicht viel Anlaß zu Besorgnis. Häufig ein« treffende Ueberläufer erklären, die türkischen Truppen hätten keine Führer und seien desorganisiert.

Die türkische Darstellung der Kämpfe um Tripolis.

W. Konstantinopel, 10. Ott. 1911. Die Pforte erhielt aus Tripolis amtliche Berichte über die Be­schießung von Tripolis. Danach brachte während des Bombardements das türkische Feuer das italienische Torpedoboot Garibaldi zum Sinken, während zwei italienische Panzer­kreuzer außer Gefecht gesetzt wurden. Die türkischen Behörden stellen entgegen den italienischen Nachrichten fest, daß die Stadt Tripolis sich nicht ohne weiteres ergeben habe. Die türkischen Truppen zogen sich einige Kilometer von Tripolis zurück, wo sie befestigte Stellungen einnahmen. Tie Senujsis strömen in großer Zahl hinzu. Sie sind gut be- waffnet und stellen sich dem türkischen Oberst Reschad Bey zur Verfügung. Die Moral der Truppen und der Bevölkerung ist gut. Lebens­mittel und Munition find ebenfalls zur Ge­nüge vorhanden. Die italienischen Versuche, die Eingeborenen mit Geld zu bestechen, habe diese entschieden zurückgewiesen.

Die italienische« Landungstruppen.

* Rom, 11. Oktober 1911. Die Transportschiffe mit einem Teil des Expeditionskorps sind, von Kreuzern und zahlreichen Torpedobooten geleitet, heute mittag vor Tripolis angekommen. Die Ausschiffung erfolgte sofort und ist bereits voll­endet.

Ausschreitungen hüben und drüben.

Rom, 11. Ott. 1911. lieber türkische Feind­seligkeiten in Saloniki wird solgende Depesche veröffentlicht: Zwei Polizeiagenten waren gegen die Italiener vorgegangen und hatten in einem italie- lienischen Postamt die Briefe befchlagnahmt. Am selben Abend stürmte eine erregte Volks­menge die italienisch. Schiffsbarken, riß die italienische Flaggen herunter und traten sie in den Schmutz. Am andern Morgen begab sich die Volksmenge zu dem italienischen Konsulat., An der Spitze sollen sich der Polizeipräsident und einige andere Polizeiagenten befunden haben. Die Menge drang in das italienische Konsulat ein, zertrüm­merte die Möbel und bedrohte den Konsul mit Revolvern. Erst auf den energischen Protest des deutschen Konsuls entsandte die Regierung eine Abteilung Kavallerie, die die Menge zerstteute.

Malta, 11. Ott. 1911. An Bord des üalrenrschen Schiffes „Asiiria" befand sich ein muselmanischer Journalist, der mitteilt, daß sich an Bord des Dampfers ungefähr 250 M u s e l m a n en, darunter viele vornehme befanden, die während der ganzen Ueberfahrt, die 36 Stunden dauerte, wederetwas zu esfen noch etwas zu trinken bekamen, und dazu noch die schwer st en Beleidigungen hinnehmen mußten. Die italienischen Matrosen, die daraus Geld zu schlagen suchten, haben von ihnen für eine Scheibe Fleifch 3 Franks und für eine Handvoll Makkaroni 2 Franks erpreßt. Dem Se­kretär des Gouverneurs wurde fogar eine Kerze ver- toeigert, obwohl er extra darum bat. Im Hafen von Malta angekommen, ließ der Kapitän der „Assiria den Dampfer neben einen anderen italienischen Dampfer anlegen, was zur Folge hatte, daß auch die Besatzung dieses Dampfers die Muselmanen auf das schlimmste beleidigten.

Deutsches Reich.

** Unterzeichnung des Marokko-Abkommens.

Endlich ist der erste Teil der Marokkoverhand- langen abgeschlossen. Die ,Nordd. Allg. Ztg.' schreibt gestern abend hochosfiziös:

„Der auf Marokko bezügliche Teil des deutsch - französischen Abkommens ist heute hier paraphiert worden. Die damit zu sammenhängenden Kompensationsverhandlungen sind wieder ausgenommen worden."

Unter .paraphieren" versteht man den Ausdruck der Uebereinstimmung in der Weise, daß die beiden Unterhändler unter die einzelnen Punkte des Ab- kommens die Anfangsbuchstaben ihres Namens setzen. Volle Vertragskraft erhalten die Verhandlungen erst, wenn auch über die Frage der Entschädigungen eine Einigung herbeigeführt ist. Immerhin ist „ die Einigung doch ein ganz gewaltiger Schrüt vorwärts. Was den Inhalt des Abkommens anbelangt, so sind beglaubigte Mitteilungen darüber noch nicht an die Oeffentlichkeit getreten, und nach offiziöser Ver­sicherung liegt es auch nicht in der Absicht der ver­tragschließenden Teile, den Inhalt der Verein­barungen bekannt zu geben, ehe auch das Abkommen über den Kongo vereinbart und damit den ganzen Verhandlungen Vertragskraft gegeben sein wird.

♦* Berlin, 11. Okt. 1911. Das Kaiserpaar ist Mittwoch morgen auf dem Jagdschloß Hubertus­stock eingetroffen; Prinzessin Viktoria Luise traf wieder in Berlin ein. — Der Vorstand des Aerzte- ausschusses von Groß-Berlin hat beschloffen, eine Petition an den Reichstag einzureichen, dahin­gehend, daß in das Reichsversicherungsgesetz für Angestellte der ärztliche Stand unter keinen Umstäiiden einbezogen werde.

)( Einigkeit im Zentrum. In einer gestern in Breslau abgehaltenen Vertrauensmänner - Ver­sammlung der schlesischen Zentrumspartei, an der 23 Reichstags- und Landtagsabgeordnete teilnahmen, wurde folgende Resolution angenom­men:

,Die Vertratrensmänner-Versammlung der schlesi­schen Zentrumspartei erklärt sich gegen alle Sonderbeftrebungen, durch welche die zumal in der jetzigen Zeit so notwendige Einheit der Partei ge- säbrdet, das Bertrauen zur Parlei erschüttert und die Parteidisziplin gelockert wird."

Die Versammlung tagte unter dem Vorsitz des Abg. Dr. Porsch. Pfarrer Dr. Nieborowski, einer der Vorkämpfer der oberscblesischen Mißver­gnügten, hatte vier Anträge in seinem Sinne ge- stellt, die nach mehrstündiger Beratung gegen nur zwei bis drei Stimmen abgelehnt wurden. Die oben mitgeteilte Resolution war das Ergebnis der Besprechung der Angelegenheit be5 Grafen von Oppersdorfs. Sie wurde mit allen gegen nur eine Stimme vom Anhang des Grafen v. Oppersdorff angenommen.

Nochmals der Briefwechsel Müller-Bebel von 1907. Die Tatsachen geradezu auf den Kopf zu stel- len, versuchte bekanntlich die Großblockpreffe ange­sichts der Brief-, die im Januar 1907 zwischen den Abgg. Singer, Müller (Fulda) und Bebel gewechselt worden >aren. Die Akten besagten klipp und klar, daß B et der Zentrumspartei ein allgemeines Stichmai).abkommen auf Gegenseitigkeit angeboten und daß der Stichwahlausschuß der Zentrumspartei dieses Angebot glatt abgelehnt hatte. Ueber diesen Tatbestand wurde nun in bet Großblockpresse unter Aufbauschung, Mißdeutung und Fälschung von Nebensächlichkeiten so lange herumgeredet, bis der weniger utteilsfähige Leser in den Irrglauben versetzt wurde, das Zentrum hübe das Angebot des Sttch- wahlbündnisses gemacht. Diesen Irrglauben sucht jetzt der „Vorwärts" noch zu befestigen. Da wird zunächst der Anschein zu erwecken versucht, als ob der Abg. Müller (Fulda) nicht auf eigene Hand und eigene Verantwortlichkeit gehandelt habe. ES wird betont, daß er dem SrlchwahlauSschirsse angehött habe was unseres Wiffens kein Mensch bestritten hat. Werl

Herr Müller sich ben Brief zum Parteisekretariat tn Köln hat senden lassen, soll er nach dem „Vorw." der Geschäftsleiter des Stichwahlausschusses gewesen sein und für ihn die Korrespondenz geführt haben. Was' hat beim der Versuch eines solchen kühnen Indizien­beweises noch für einen Wett, nachdem einwandfreie Zeugen und auch Herr Müller s e l b st erklärt haben, daß der Ausschuß nur von dem Briefe Be­bels in Kenntnis gesetzt sei und daß im Namen des Ausschusses keine andere Antwort ergan­gen sei, als die rückhaltlose Ablehnung des An­gebots. Alles übrige hat eben, zugestandener Maßen, Herr Müller (Fulda) für seine Person und auf seine Verantwortung getan. Er kann cs. verantworten, denn ein Stichwahlangebot war auch in dem ersten Briefe des Abg. Müller an Singer nicht enthalten. Der „Vorwärts" will weiter unter allerhand Trug- chlüssen den ©tauben wecken, das Zentrum habe nur : o r meII das Bebel'sche Angebot abgelehnt, und es habe nicht aus „moralischen Bedenken oder Rücksichten auf Thron und Altar" so gehandelt, sondern aus Wahlpolitik, um nicht der Unterstützung der Natio­nalliberalen im rheinisch-westfälischen Jndu- trierebler verlustig zu gehen. Demgegenüber ist her- vorzuheben: Wenn das von Bebel angcbotene Stichwahlbündnis angenommen worden wäre, dann hätte die Berechnung der Wahlaussichten ergeben, daß keine Blockmehrheit zu stände kommen werde. Die Vereitelung der Blockmehrheit mußte doch damals für das Zentrum das alles überwie­gende Politische Interesse sein. Wenn trotzdem die Patteileitung das Bündnis mit dm Sozialdemo­kraten ablehne, so sind natürlich dafür viel ge­wichtigere Gründe maßgebend gewesen, als die Rücksicht auf vereinzelte Wahlfälle In Rheinland und Westfalen. Das äußerlich votteilhaste Angebot Bebels wurde glatt abgelehnt, weil man grundsätzlich die Verbindung mit der Sozialdemokratie verwarf.

X Der Kronprinz bei Kardinal Kopp. Der Kron- prinz trifft, der „Vossischm Ztg." zufolge, im Laufe der nächsten Woche als Gast des Kardinals Kopp auf Schloß Johannesberg (Oesterreichisch-Schlesien) rin, um einer Einladung zur Jagd zu mtsprechm.

Die Interpellationen über Marokko dürfte, wie die „Tägl. Rundschau" wissen will, den Reichs­tag schon am dritten Tage nach seinem Wiederzusam» mmiritt beschäftigen. Die Regierung will sich auf eine Beantwortung der Jnterpellationm mit Rücksicht auf die schwebenden Verhandlungen nicht ttnlassen, sondem nur durch den Reichskanzler eine kurze Erklärung abgeben lassen. Die Parteien sollen aber, wie das genannte Blatt behauptet, gesonnen sein, eine Besprechung der Interpellation auch ohne Mitwirkung der Regierung durchzusetzen. — Wir möchten die Richtigkeit dieser Behauptung in Zweifel ziehen; was hättm die Jnterpellationm für einen Zweck, solange die Regierung nicht bereit ist, die ge- wünschten Aufklärungen zu geben? Und daß sic ba8 nicht gut tun kann, solange die Verhandlungen noch schweben, liegt auf der Hand.

** Zur Einberufung des preußischen Landtags. Gegenüber der Meldung, wonach die Regierung ent­schlossen sei, den Landtag erst am 16. Januar ein- zuberufen, wird dem „B. T." von zuverlässiger Seite mit geteilt, daß bis jetzt über den Termin der Einberusimg eine Entschließung noch nicht gefaßt sei. Es sei auch unwahrscheinlich, daß sich die Regierung den letzten verfassungsmäßig zuläs­sigen Tag wählen werde. — Aus den Tag der Einberufung kommt es in der Hauptsache ja schließ­lich auch nicht an, sondern darauf, daß sie e r st t m Januar erfolgen soll. Und daß sich die Regie­rung dazu entschlossen hat, scheint sestzustehen.

* Erweiterung der Anstellung von Beamtinnen aus dem Lande. In letzter Zett ist die Anstellung von Beamtinnen auf dem Lande, msbefondere von weiblichen Postbeamten, erheblich erweitert worden. Man hat nämlich den Postverwaltern der Postämter 3. Klasse, die schon früher ihre Angehörigen zur Hilfe heranziehen durften, gestattet, weibliche geeignete Hilfskräfte aus der Einwohnerschaft der ländlichen Gegend im Postdienst zu beschäftigen. Die Anstel­lung von Militäranwäriern ist übrigens, entgegen einer anderen Meldung, durch Anstellung von Frauen durchaus nicht ins Stocken geraten.

4- Die Bekämpfung der Güterschlächterei wird, Berliner Vlättem zufolge, neuerdings auch von den Kreisverwalmngen in Angriff genommen, indem st« sich bemühen, bei unumgänglich notwendig werdenden Gmndstücksvettäufen die Gemeinden mit Unter­stützung der Sparkassm ober der Darlehenskassmver- etne zu dem Ankauf zu bewegen, sofem ein solcher wirt- schafllich verantwottet werden kann. Wmn bei diesem Verfahren die Gemeinde nachher die Parzellierung übernimmt, den größeren Teil an Einzelläufer wieder abgibt, und den kleineren T-il für sich zur Vergröße­rung des Gemeindelandes behäli, so werden Vorteile mannigfacher Art erzielt. Im Kreise S ch l. ü ch- ter n find, wie kürzlich mitgeteilt, eine Anzahl Gemeinden auf derartige Anregungen eingegangen und es sind damit gute Erfahrungen gemacht worden.

» Die Schiffahrtsabgabenkommission des Reichs- tags erledigte gestern die Vorlage in zweiter Le- sung, so daß sie nunmehr dem Plenum des Reichs­tags zugehen kann. Eine längere Erörterung fand über § 8 der Vorlage statt. Es handett sich dabei um die Festsetzung der Tarife in fünf Klassen an tonnenkilometrischen Einheitssätzen, wobei die Güter­einteilung der Eisenbahnsrachttarise zum Anhalt zu nehmen ist. Personenverkehr und Flößerei sollen abgabenfrei bleiben, ebenso kleinere Schiffe ohne eigene Triebkraft auf dem Rhein, der Weser und der Elbe.

** Zur Düss ldorfer Reichstagswahl war m ver­schiedenen Blättern behauptet worden, daß sog« hohe Beamte die sozialdemokratische Kandldatn, durch Agitation, durch Stimmenthaltung oder in anderer Weise unterstützt hätten. Einer dieser Be- Hauptungen tritt nur Regierungspräsident Dr. Kruse in einer Zuschrift an die ,Köln. Volksztg/ entgegen, in der es heißt:

,Zn Nr. 835 der.Köln. Volksztg.' cum 30. Sept d. Js. wird unter der Ueberfchrist Dir Düsseldorf« I Reichstagswahl behauptet, „daß sogar «u« königlich