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Aus -em Nachbargebiete.

* Schlüchtern, 10. Okt. 1911. Im August erhielt ein hiesiger HMdelsmann eine briefliche Aufforde­rung, bis zu einer in dem Briefe angegebenen Frist tausend Mark an die Adreffe Aron Goldschmidt, haupt- postlagcmd Frankfurt a. M, zu senden, andernfalls er und seine Familie unreücbar verloren seicli. Der Absender des Briefes sei Mitglied des Anar­chist e n b u n d e s. Als ein junger Mann in Frank­furt das Geld abholen wollte, wurde er durch die benachrichtigte Geheimpolizei festgenommen. Der Ver­haftete legitimierte fick als der 27 Jahre alte Maurer Karl Spahn aus Riickers im Kreise Fulda. Von der Hancmcr Strafkammer wurde am Montag Spahn wegen versuchter Erpressung und Bedrohung zu zwei Monaten Gefängnis vemrteilt mit der Be­gründung, daß die seitherige Unbescholtenheit und die geistige Beschränktheit des Angeklagten als strafmil­dernd in Betracht gezogen worden sei.

„■/ Kassel, 9. Okt. 1911. Am vergangenen Sams­tag abend fand im kleinen Saale des Gesellenhauses eine recht gut besuchte allgemeine Vertrauens« männer-Versammlung desBolksvereins für das katholische Deutschland statt. An­wesend war u. a. auch der Diözesan-Vertreter des Volksvereins, Herr Regierungsrat Klocke. Es wurde die am 29. Oktober im großen Stadtpark-Saale zu veranstaltende Ketteler-Feier besprochen. Zur Ausführung des schönen und reichhaltigen Pro­gramms, als deffen Hauptpunkt die Festrede des be­liebten Dr. Donders hervorgehoben zu werden ver­dient, wurde ein Komitee gewählt, bestehend aus Mitgliedern des Volks-, Gesellen- und Arbeiterver­eins. Der Anfang der Feier wurde auf 71/» Uhr festgesetzt. Hoffentlich wird der Besuch an jenem Abend recht zahlreich werden, da es gilt, das soziale Wirken des großen Bischofs zu feiern. Nach der eigentlichen Vertrauensmänner - Versammlung hielt Herr Regierungsrat Klocke noch eine Ansprache über zeitgemäße brennende Fragen unter besonderer Be­rücksichtigung der Kasseler Verhältniffe und über daraus sich ergebenden Folgerungen. Er erntete für seine Ausführung lebhaften Beifall und begeisterte Zustimmung.

* Aus dem Landkreise Kassel, 10. Okt. 1911. Ein Fremder, ein alter Mann, wollte von Nieder- Mehren nach Kaffel wandern. Kurz nach seinem Weggange wurde er seitwärts von der Straße, in t»r Nähe vom Park Schönfeld, erschöpft liegend auf- gefuitben. Die Polizei nahm sich seiner an, doch starb er nach zwei Stunden. Seine Persönlichkest konnte bisher noch nicht festgestellt werden. — Der Kreisausfchuß des Landkreises Kassel hat dem Zimmermeister Johannes Scheffer in Ochshausen im Landkreise Kassel durch schriftlich zugegangenen Bescheid die weitere AusübungdesZimmer- bandwerks untersagt wegen wirtschaftlicher Unzuverlässigkeit. Der Betreffende ist trotz aller Anmahnungen seinen Verpflichtungen gegen Be­hörden, Lieferanten, Berufsgenossenschaft, Kranken­kassen usw. nicht nachgekommen.

* Wiesbaden, 10. Okt. 1911. Heber angeblich weit geförderte Pläne zur Erbauung eines neuen Kaiserschlosses in Wiesbaden läßt sich ein Berliner Blatt berichten. Die Idee, den Neubau an der Stelle des Paulinenfchlößchens zu errichten, sei fallen gelassen, dafür soll städtisches Terrain in der Nähe des Neroberaes in einer Stadt und Um­gebung beherrschenden Lage zur Verfügung stehen. Die BUttel zum Bau würden sich aus dem Verkauf des jetzigen alten Schlaffes, dem Verkauf des Paulinenschlößchens, sowie aus besonders interes­sierten Kreisen unschwer ausbringen lassen. Das Bemerkenswerteste an allen diesen Plänen ist aber, daß;bci der zuständigsten Instanz hier, dem Ober­bürgermeister Tr. v. Jdell, von diesem Projekt noch gar nichts bekannt ist. Der Bau eines neuen Schlosses wird wohl einmal mit Sicherheit kommen, aber nicht auf dem Umwege über Berlin und nicht durch private Sammlungshikfe.

Ami Geisa und Umgebung.

♦ Dermbach, 10. Okt. 1911. Der Schulbetrieb in dem neuen hiesigen Schulgebäude soll am 1. Juli kommenden Jahres ausgenommen werden.

* Stadtlengsfeld, 10. Okt. 1911. Auf dem v. Mo- sengeil'schen Hofgüte ist die Maul- und Klauen­

seuche auSgebrochen. Der Großherzogl. BezickS- direktor hat Über den Gemeindebezirk StadÜengsfeld und Baiershof die Feldmacksperre verhängt. Das Be- obachtungsgebiet umfaßt den Schrammenhof, die Ge- meindebezicke Weilar und Gehaus mit Hohenwart. — Der hiesige Konsumverein hat im letzten Betriebsjahr einen Umsatz von über 100 000 Mk. erzielt. Der Rein- überschuß beträgt 7887 Mk. Wie in Dermbach, so soll auch in Weilar eine Veckaufsstelle errichtet werden.

* Buttlar, 10. Okt. 1911. Am Samstag konnte hier das R i ch t f e st der neuen zweiten Schule ge­feiert werden.

* Aus Thüringen, 10. Okt. 1911. Abermals hat es in S a a l s e l d gebrannt und wieder soll Brand- stistung vorliegen. Ein an der Veitsburg gelegenes Haus eines Gärtners war diesmal das Brand- objett. — Der Neubau des Personenbahnhofs in C o b u r g hat eine nette Submissionsblüte gezeitigt. Um eine ganz bestimmte Arbeit bewerben sich ^21 Unternehmer; von diesen fordert der billigste 31 725 Mark, während die höchste Forderung auf 73 520 Mark lautete. — Die Stadtverordneten in Halle bewilligten für Jugendpflege 516 800 Mark. Es soll ein Jugendheim, ein Knaben- und Mädchenhort, Kindergarten, Kinderkrippe und eine Spielwiese er­richtet werden. — Das im Juli d. I. in Jena abgehaltene 25. Thüringer Bundessängerfeft hat trotz der regen Teilnahme mit einem Fehlbeträge von etwa 1040 Mark abgeschlossen. Den Fehlbe­trag muß der Thüringer Sängerhund begleichen. — In Eisenach will der Gemeinderat eine Kom­mission bilden, die den Bezug von Kartoffeln, Ge­müse und Seefischen von gemeinbetoegen herbei­führen soll. — In einer Eisenacher Automobil­werkstätte goß der Besitzer aus Versehen statt Was­ser einen Eimer Benzin auf ein Holzfeuer. Es erfolgte eine Explosion, bei der ein Chauffeur sehr schwere Brandwunden erlitt. — Aus Spielerei war die 14jährige Tochter eines Erfurter Kauf­manns in den Geldschrank des Vaters gekrochen. Ein Lehrling warf die Tür zu, und das Kind ge­riet nun tn die Gefahr des Erstickens. Da die Schlüssel zum Tresor nicht zur Hand waren, mußte ein Loch in das Mauerwerk geschlagen werden, um der Eingeschloffenen Luft zuzuführen.

Aus Gberhesseu u. den Hess. Remtern.

A Marburg, 9. Ott. 1911. Nach den endgül­tigen Feststellungen hatte der Kreis Marburg bei der letzten Volkszählung 56 954 Einwohner (gegen 53 779 im Jahre 1905. Der Religion nach waren vorhanden 50 902 (490 43) Evangelische, 3618 (3339) Katholiken und 824 (839) Israeliten. 1590 (558) Einwohner gehörten anderen Religions­gemeinschaften an.

* Kirchhain, 10. Okt. 1911. In unserer Stadt ist ein Baubureau für die seit Jahren geplante Wohratalbahn errichtet worden. Außer dem Vorsitzenden, Regierungshaumeister Finkelde, ge­hören zu demselben zwei Sekretäre, fünf Bureau­assistenten und zwei Gehilfen. In Gemünden, dem anderen Endpunkte der Bahn, wird ein Zweigbureau gebildet werden. Man nimmt mit Bestimmtheit an, daß mit dem Bahnbau im nächsten Frühjahr be­gonnen wird. — Das von Bauunternehmer H. Lang an der Brückenstraße errichtete Wohnhaus „Mein Heim" ging durch Kauf in das Eigentum des Oberpostassiftenten Heußner über. Der Kauf­preis beträgt 15 000 Mk

* Neukirchen (Kr. Ziegenhain), 11. Ott. 1911. Im nahen Seigertshansen hahen 2 Handwerksbur­schen, die für den Winter ein warmes Unterkommen suchten, einen Einbruch ausgeführt, bei welchem sie durch Nachbarn gestört wurden. Der Gendarm wurde sofort benachrichtigt und es gelang ihm, die Einbrecher in Neukirchen, wo sie ebenfalls einen Einbruch versucht hatten, feftzunehmen. Der eine der Kerle erklärte frech, da das Betteln nichts mehr einbringe, müsse man es eben mit dem Einbrechen versuchen.

* Homberg, 10. Ott. 1911. In Borken ist ein neues Postgebäude seiner Bestimmung übergeben worden.

* Zwesten, 10. Okt. 1911. Eine Reihe von Grundstücksverkäufen sind in der letzten Zeit in unserem Dorfe vollzogen worden. So wurde

M 235.

Mittwoch U ©höbet V>U

58. Jahrgang.

fuldaer

Zeitung

2. Blatt.

Druck «nb vertag bei Sulbatr Ätiienbrudetei in £ulba.

kürzlich das Bornemannsche Gut für 90 0000 vom Landwirt Arendt erworben. Der im hiesigen Orte gelegene Gutshof der Herren v. Heßberg-Betzi- gerode ging durch Kauf für den überaus billigen Preis von 15 000 dH in den Besitz eines hiesigen Bauunternchmers über. a _.

* Aus dem Kreise Fritzlar, 10. Okt. 1911.S Die Stadtverordnetenwahlen in Fritzlar sind aus den 14. November anberaumt worden. — DieKartoffelernte, welche hn wesentlichen beendet ist, ist für den Kreis Fritzlar weit besser ausgefallen, als erwartet wurde, im Durchschnitte darf sie als eine gute Mittelernte bezeichnet werden. Die Preise stehen noch nicht fest, doch werden für 3 M pro Zentner überall Abschlüsse gemacht. — Die Zuckerrübenernte hat in diesen Tagen be­gonnen. Obwohl die Quantttät recht viel zu wün­schen übrig läßt, hebt die Qualität der Rüben die­sen Uebelstand ziemlich auf.

vermischtes.

* Eine Wette, die viele halten werden. Wir lesen in einem Quersurter Blatt: Eine kürzlich ver­anstaltete Wette zwischen einem Gutsbesitzer und einem Fischermeister in einem hiesigen Hotel brachte folgende Blüte zutage. Der eine behauptete, daß man nicht imstande sei, 14 Tage hindurch täglich ein Rebhuhn zu essen. Die Wette kam zustande. Jedes Rebhuhn über die Zahl 15 sollte mit einem Hasen belohnt, und außerdem sollten noch mehrere Flaschen Wein spendiert werden. Der Rebhuhn­liebhaber hat aber in den 14 Tagen 30 Rebhühner verzehrt, nämlich an manchem Tage drei. Der Verlierer hat nun nicht nur die 30 Rebhühner, die zubereitet 54 Mark gekostet haben, sondern oben­drein noch 15 Hasen und mehrere Flaschen Wein zu bezahlen!

* Bei einer Schlägerei zwischen zwei Realschülern und jungen Burschen in Gummersbach im Rheinland wurde einer von letzteren durch Schläge auf den Kopf so schwer verletzt, daß der Tod eintrat. Beide Schüler tourt)en jetzt zu 2 und 3 Monaten Ge­fängnis vemrteilt und auf die Begnadigungsliste ge­fetzt.

* Ein Raubmord ist in dem mecklenburgischen Dorfe K ä s e l o to bei Güstrow anfgedectt worden. In einem durch die Dürre ausgetrockneten Teich lag, mit einer eisemen Feldbahnschiene beschwert, eine weibliche Leiche, die man als^ die eines Mädchens feststellte, das im vorigen Jahre in Begleitung eines Vorschnitiers das Dorf verlassen hatte. Der Ver­lacht, das junge Mädchen ermordet zu haben, lenkte sich naturgemäß auf jenen Burschen, der dem Mäd­chen kurz vor seiner Abreise 200 Mack ausbezahlt hatte und also wußte, daß sie im Besitze von Geld war. Der Vorschnitter ist aber verschwunden.

* „Zur Pflege der Gotteslengnung". Daß die Monisten mit reichen Geldmitteln arbeiten, um ihren Bestrebungen die weiteste Verbreitung im Volk zu verschaffen, ist bekannt. Diese Tatsache findet jetzt wieder ihre Bestätigung durch eine Mit­teilung des Leipziger Universitätsprofessors Hen­ri c i in der evangelischen Landesshnode Sachsens. Danach versuchte ein reicher, in Holland lebender deutscher Monist im Anschluß an eine Universität oder wissenschaftliche Gesellschaft eine mit meh­reren Millionen ausgestattete Stif­tung ins Leben zu rufen, die der Pflege des Atheismus dienen sollen. Die Universität Leipzig lehnte das Anerbieten ab.

* Verhaftung von 6 „Toten". Was man so­fort nach der Touloner Katastrophe annahm, hat sich jetzt als bittere Wahrheit herausgestellt. Ver­schiedene Marine-Soldaten haben die allgemeine Be­stürzung, die nach der Liberts-Katastrophe herrschte, nnb die Unmöglichkeit, festzustellen, wer alles hier­bei den Tod in den Wellen gefunden hat, dazu be­nutzt, nm zu desertieren. Von diesen Deser­teuren sind bisher sechs abgefangen worden, drei in Bordeaux, einer in Amiens und zwei in Le Havre. Alle sechs Marine-Soldaten waren in den amtlichen Listen bereits als tot geführt.

Handel und Industrie.

* Berlin, 10. Ott. 1911. Auch heute trug das Geschäft wieder den Stempel der Festigkeit bei

regen Umsätzen Führende Baniaklien fest und ca. 0,5 Prozent höher. Auf dem Montanmarkte waren trotz späterer Abschwächung die Preise noch 0,75 Prozent gebessert. Schiffahrtsaktien fest, Elekirizi- lätswerte bis 1,5 Prozent steigend.

Kurjer Getreide-Wochenbericht der Preisberichtsstelle des deutschen Landwirtfchaft- rats vom 3. bis 9. Oktober 1911.

Die kriegerischen Ereignisse haben trotz der damit zusammenhängenden Beeinträchtigung des Schiffsver­kehrs keinen sonderlichen Eindruck auf den Weltmarkt gemacht. Auch argentinische Frostmeldungen blieben wickungslos, da Frost um diese Zeit für 'die Weizen­saaten noch keine ernste Gefahr bildet. Die Import­länder zeigen sich angesichts der Erschwerung des Be­zuges vom Schwarzen Meere und von der Donau in keiner Weise beunruhigt. Dirett betroffen ist ja nur Italien, das aber diesmal über eine auskömmliche Ernte verfügt, sodaß ein dringendes Jmportbedürfnis vorläufig nicht besteht. Zwar hat Italien diesmal kleine Anschaffungen in Deutschland gemacht, aber es ist kaum anzunehmen, daß dieses Land in größerem Maße als Absatzgebiet für deutschen Weizen in Be­tracht kommt. Der allgemeinen Sage entsprechend war auch in Deutschland die Stimmung überwiegenb ruhig unk das Geschäft sehr still, zumal die schwierigen Ver­hältnisse im Binnenschiffahrtsveckehr fortbestehen und hohe Wasserfrachkn die Unternehmungslust lähmen. Trotz geringen Angebots konnten sich die Preise für Brotgetreide nicht behaupten, doch sind die Rückgänge keineswegs erheblich. Auf Lieferung drückten zeitweise stacke Oktober-Andienungen, die aber bei dem bestehen­den großen Aufgeld für Dezember zur Weiterlage­rung Aufnahme fanden. Dezemberabgaben, die im Zusammenhänge damit erfolgten, bewirkten schließlich eine Verringerung des Aufgeldes, indem Ottoberliefe- rung bei Weizen i/2 Mack, bei Roggen 1 Mark ge­wann, während Dezember um 1 )Z>—1% Mk. nach ge­ben mußte. In Hafer begegnete das knappe Angebot des Inlandes guter Kauflust, zumal Rußland frühere Abschlüsse rückgängig zu machen suchte, doch sträubten sich hiesige Händler zum Schluß gegen die gesteiger­ten Forderungen. Sehr fest war die Sttmmuug für russische Gerste, da ein großer Teil der zu billigeren Preisen erfolgten Abschlüsse von ben südruflischen Ab­ladern nicht erfüllt wird. Die Rückwirkung dieser Ve> hältnisse zeigt sich auch auf dem Maismackte. Auch amerikanische Rückkäufe trugen zur Befestigung dieses Ackikcks bei.

Danzig Berlin Frankfurt

Weizen Roggen Hafer

197 <-2)168 (-3) ngv.i+iv.) 200 ( ) 179 (- 2 ) 198 ( Z-2)

208V. (- IV.) 187V.( — 1)190 ( )

234 ( - 2 ) 212 ( ) 195 ( )

Es stellten sich die Preise für inländisches Getreide am letzten Markttage in Mark pro 1000 Kilogr. je nach Qualität, wobei das Mehr (+) bezw. Weniger (—) gegenüber der Vorwoche in Klammern () beigesugt ist wie folgt:

München

Weltmarktpreise: Weizen: Berlin Oktob. 202.25 (4-0 50), Dez. 207.75 (— 1.50), Budapest Oki. 205.95 I 5.15), Liverpol Dez. 168.30 (-0.50), Paris Ott 204.25 1.10), Chicago« Dez. 151.00 (- 0.60). Roggen: Berlin Okt. 180.50 l-st 1.00), Dez. 186.00 (— 1.75). Safer: Berlin Okt. 181.00 (-j- 1.00). Futtergerste cif. Hamburg Okt. 133.00 (— 0.00), Nov. 134.00 (— 0.50), De,. 135.00 (— 0 50). Mais Mixed Dez. bts März 128 50 (— 1.00), Donau Okt. 130.00 (—0.00), Odessa schwim. 128.50 (— 1.50) Mk. per 1000 Kilogr.

Reklamen- und Anzeigenteil.

rebenswende.

8] Roman von Horst B ödem er.

Erika Rollen war geradenwegs zum Hofrat Schulte gegangen.

„(Sben find wir dabei, Ihnen zu schreiben. Ihr Bild ist veckcmst worden."

„Ich weiß es schon, Herr Hofrat."

„Fräulein, ich hab schon manches junge Talent gefördert; verkaufe ich schnell, ist das natürlich ein Lttisporn für mich! Und deshalb bitte ich Sie, mit recht bald wieder etwas zu überlassen. Ich habe Ver­trau en zur „Lebenswende"' gehabt, vorgestern fragte schon eine Dame nach dem Preise, na verkauft ist v«- klmft. Also lassen Sie mich nicht im Stich. -- Zehn Prozent gehen für Gebühr ab, hier sind fünfhundert­vierzig Mack!"

Mit verlegemm Gesicht nahm sie die Scheine und das Gold und unterschrieb die Quittung.

„Ein Heidebild wird Ihnen demnächst zugehen, Herr Hoftat."

„Aber nicht zu toll arbeiten, Fräulein Rollen, immer ruhig Blut, es würde mit leid tun, wenn ich ■ zurückweisen müßte!"

-Ich gebe nichts aus der Hand, was ich nicht für gut halte, dazu bin ich zu gewissenhaft!"

„Uno werden es hoffentlich bleiben', erwiderte der Hoftat ernst. „Ich spreche aus Erfahrung und mancher und manche hat angefangen, zu „schludern-, als sie meckten, w« schnell oft unter Umständen die Dukaten winken."

Sie sab sich ihr Gemälde an, das bis zum Schluß des Monats auf seinem Platz verblieb. Immer wie­der mußte sie auf den Reinen Z-:ttel „verkauft" blicken und den Kopf schütteln.

Da rauschten hinter ihr Kleider. Zwei Damen baten heran.

„Wie schade, Stephanie, nun ist „Lebenswende' schon verkauft. Wamm habe ich mich auch nicht schneller entschlossen.'

Fräulein Rollen trat bescheiden zur Sette.

Die Sprecherin, eine ältere Dame, sah das junge Mädchen freundlich an.

„Das Blld gefällt Ihnen wahrscheinlich auch gut?' „Ich habe es gemalt, gnädige Frau!'

„Sie?' Es klang sehr zweifelnd.

„Ja, mein Rame ist Erika Rollen.'

„Don Ihnen möchte ich gern mehr sehen, mein liebes Fräulein, darf ich Sie einmal besuchen?'

„Ich male im Atelier des Herrn Professors Meyer, Lützowplatz 4.'

„Paßt es Ihnen übermorgen früh, gegen halb zwölf?'

„Gewiß, gnädige Frau.'

„Ich bin die Palastdame Gräfin Werstenbruck, meine Begleiterin, Fran v. Dahlow, eine Richte von mir '

Fräulein Rollen machte in ihrer Verwirrung eine unbeholfene Verbeugung. Die Damen gaben ihr die Hand und gingen mit freundlichem „Auf Wieder- schen', in einen andern Saal.

Wie Erika auf die Straße gekommen war, wußte sie nicht. Die kalte Lust brachte ihre Gedanken schnell wieder in Ordnung. Auf dem nächsten Postamte zahlte sie viechunderi Mack für ihre Eltern ein. Wie würden sie sich freuen! Schade, daß sie ihnen nicht selbst das Geld vushöndigen konnte. Magdeburg lag ja nicht aus ber Welt,' aber sie mußte jede un­nütze Ausgabe vermeiden.

Dann eilte sie nach Hause. Also war doch etwas an der „LÄenswende'! Als ihr Herr von Hakburg gesagt hatte, daß sein Freimd das Gemälde erstanden, war sie ein unangenehmes Gefühl nicht los geworden. Run waren ihre Bedenken zusannmngeftmken! Einen langen Brief schrieb sie an ihre Eltern, aber daß übermorgen hoher Besuch ihre Leistungen kn sichtigen wollte, veckchwieg sie. Die gute Mutter würde sonst enttäuscht fein, wenn sie nicht wieder etwas veckaufie.

VIII.

Das Telephon läutete. „Hier Sosauen-KlingS- derg. — Ah, guten Morgen, Herr v. Mereuth! — Ja, ich bin auch zu Wustermarks cingeladen! — Weiß

noch nicht, ob ich an nehmen werde! — Dann aller­dings werde ich kommen. — Nun, nun, ich halte mit meiner Meinung absolut nicht hinter dem Berge! — Schön! Meine Empfehlungen Ihrer Frau Gemahlin! Adieu! Schluß!'

Sosguen lachte vor sich hin.

„Gleich wissen es die braven Leutchen, wenn man mal ausgeflogen ist — und wohin! Dann plagt sie die Neugierde! Man mag ihnen noch so über den Mund fahren, immer wieder bringen sie dieselben Dinge aufs Tapet! Und verderben wollen sie es nicht mit mir, weil ich noch zu Haden bin und weit und breit,die beste Jagd besitze! Ausgerechnet dieser Wustermark! Ich werde einmal versuchen, wie straff sich das Tischtuch mit Menschen dieses Schlages span­nen läßt!'

♦

Außer Mereuths und Sosguen waren noch Löber- daus in Langenau bei Wustermarks. Den braven Major hatte man natürlich eingeladen, weil er feinem Freunde Arwed Hakburg brühwarm erzählen würde, was der Klingsberger Sonderling, manche nannten ihn in vertrautem Kreise einen „Rebellen', von Hans Heinrich Neues erfahren hatte.

Es dauerte gar nicht lange, bis das Gespräch auf ihn kam.

„Alles, was recht ist', meinte Herr v. Wuster­mark, „aber das hätte der Junge doch nicht tun dür­fen, einen Verlag aufmachen unter dem Namen: Rost u. v. Hakburg, G. m. b. H., Beiles Nachfolger!'

Sosguen nahm die Herausforderung an. „Und warum nicht?'

„Na, hören Sie mal, die Hakburgs sind altmär- kischer Uradel, den Hebt man nicht auf ein Firmen­schild!'

„Kennen Sie den Beileschen Verlag, Herr v. Wustermark,"

„Nu, nee!'

„Er ist bekannt als ein gediegener, wenn auch vorläufig noch recht bescheidener Betrieb!'

„Und dieser Mittnhaber Rost soll so ungefähr als Ausläufer mtt ein paar Büchern unterm Arm in . dem Verlag angefangen haben!'

„Ich wünschte jedem von uns eine so vortreffliche v Bildung!— Uebrigens gestehe ich ganz ehrlich, ich habe, und das danke ich heute meinem toten Vater auf den Knien, auch als Landwick die Mistgabel und die Senfe gebrauchen lernen, und noch manche andere niedere Arbeit getan!'

„Aber ich bitte Sie, das ist doch was anderes!'

„Jnwiefnm?'

Da fuhr Herr v. Wustermark mit der geballten Faust verlegen über das Tischtuch.

„Gott ja! Ihr tierftorbener Herr Papa wußte, daß Sie einstmals ein großes Gut übernehmen wür­den, da ist es doch angebracht, man macht alles mal durch! Jawohl — natürlich, dann lernt man beur­teilen, was man feinen Leuten zutrauen darf!"

„Da wären wir ja einig, Herr v. Wustermark! — Herr Rost ist ein gebildeter Mann, hat eben auch alles von der Pike auf durchmachen müssen, kommt nur noch hinzu, daß er es soweit gebracht hat aus eigener Kraft. Und gerade deshalb freue ich mich so herzlich über die Vernunft, die mein Freund Hakburg bei dem Geschäftsabschluß gezeigt hat!"

Frau v. Löberdau trommelte nervös mit den Fingern auf den Tisch. „Er scheint auch in anderer Hinsicht recht ins demokratische Fahrwasser gekommen zu fein!"

„Wie meinen Sie das, gnädige Frau?"

„Nun, Manfted Hakburg hat seinem Vater ge­schrieben Hans Heinrich sei sehr liiert mit einer jun- gin Malerin, wie heißt sie nur gleich?'

„Fräulein Rollen — ich kenne sie persönlich!"

^Ah!" Man reckte die Hälse.

„Und wie gefaxt Ihnen diese Dame?" fragte die junge, kluge Frau v. Mereuth.

„Ausgezeichnet!'

Nun wurde man erst recht neugierig und Sosguen ließ sich nicht lange nötigen.

(Fortsetzung folgt.)