Einzelbild herunterladen
 

erscheint täglich mit Ausnahme der 8o.m- #äb Leiertage Vierteu jLkrlicherSezuqLpreis ohne Srmgeriohn und VestevgeldinZMast- VirimrwSrtr^SvLt.

Serautt». Redakte,ir t «arl Schütter fSk die Anzeigen:

Z-pnrzeSer 'm Lnkda.

daer

Anzeigen: Vie er» fpaltigepetitzeileoder deren Baum ZS Pfg. Seklamendrepetitzeile

Pfg., bei wieder» Holungen wird entfpr.

Rabatt gewährt.

Lotationsdruckund Verlag der Luldaer At- tiendruckerei in Luldo

Lernsprecher Ur. 4.

Erstes Blatt

Fulda, Mittwoch den 11. Ottober Illi.

233.

38. Jahrgang.

x Krieg MW Men und der Mei.

An dm Greis, der sich nicht zu helfen Weitz.

wird man erinnert, wenn man sich die Vorgänge in Konstantinopel ansieht.

Seit dem Stoße, den Italien der Türkei verseht hat, beschäftigt man sich dort mit Ministersucherei. In dem Augmblick, wo schnelles Handeln unter konzen­trierter Willenskraft zur Verteidigung des Staatswe­sens auf das Dringendste geboten ist, blieb der türkische Staat Tage lang, ja über eine Woche lang ohne eine regelrechte Regierung. Die alten Minister, die für die bisherigen Entlaffungssünden verantwortlich sein niüß- jten, drückten sich zu Beginn der Krisis bei Seite, rind neue Staatsinänner wollten sich nicht finden lassen oder zogen nach einer Heinen Dienstprobe unter irgend 'ei.k..> Vorwand sich zurück. Jetzt endlich ist das Mini­sterium vollständig, nachdem wie gestern am Schluß des Blartes noch gemeldet wurde, der türkische Ge­sandte'in Sofia das Portefeuille des Aeußern ange- normnep hat. Man kann es verstehen, daß es lange gedauert hat, bis man alle Minister beisanrmen hatte; jeder sieht die unvermeidliche Niederlage voraus und möchte nicht zu den Prügelknaben gehören, auf die sich die enttäuschte Volksseele stürzen wird.

Welch' ein anderes Leben zeigte sich in der Türkei angesichts der letzten Gegenrevolution? Da war das Komitee von Saloniki als tatsächlicher Machtinhaber sofort zur Stelle. Im Handumdrehen waren seine Armeekorps auf dem Marsch nach Konstantinopel; nach ein paar Tagen war Abdul Hamid entthront und in's Geivach 'am geführt. Ein neuer Sultan und eine neue Regier ig waren alsbald in ihre Würde und ihre Ar­beit eiu'fesetzt. Es ging damals .wie am Schnür­chen", sodaß man allgemein die Ansicht gewann, die Türkei habe jetzt den Schlafrock der Unentschlossenheit und des Fanatismus abgeworfen und trete auch in der Arbeiisfähigkeit den modernen Staatswesen an- die Seite.

Aber jetzt sehen Ivir den Rückfall: die alte Rat­losigkeit und Haltlosigkeit. Ja, es ist anscheinend noch schlimmer, wie vor 34 Jahren bei Ausbruch des rus­sisch-türkischen Krieges. Der absolute Herrscher, von dem damals noch alles abhing, raffte sich wenigstens soweit auf, daß die Türkei den eindringenden Ruffen einen ehrenvollen Widerstand leisten konnten. Jetzt aber ist keine Spur von Maßregeln oder auch nur von Fähigkeiten zur Erringung von irgendwelchen Lor­beeren zu sehen. Der Sultan Mahmud, den die Salo- niker Machthaber seiner Zeit eingesetzt haben, ist wirk­lich eine Kreatur und nicht ein Herrscher, der im kriti­schen Augenblick die Hand an das Steuer legen oder auch nur di« rechten Männer zur verantwortlichen Ar­beit mobil machen könnte.

Man sieht, daß die Umwälzung in t».r Türkei alte Werte zerstört hat, ohne für den vollwichtigen Ersatz zu sorgen. Die Türkei ist „modern" gerade in gewissen Aeußerlichkeiten, aber es fehlen ihr die Tugenden, die In den Kulturstaaten die Mängel der Einrichtungen guszugleichen pflegen.

So erklärt sich auch das Hin- und Her­schwanken des Ministerrates. Da melden die De­peschen zunächst den sehr „energischen" und folgen­schweren Beschluß, die sämtlichen in der Türkei ansäs­sige« Italiener innerhalb dreier Tage auszuweisen; nebenbei soll auch noch ein Zollkrieg mit Zuschlägen bis zu 100 Prozent beschlossen fein. Dann aber sagt die folgende Meldung: die Ausweisung der Italie­ner sei „nur im Prinzip" beschlossen und noch keine Maßnahmen zur Ausführung getroffen worden. Die heutige Meldung der Frage lautet: „Der Beschluß über die Ausweisung der Italiener soll der Kam­mer unterbreitet werden, weil'die Regierung die Verantwortung für eine so schwerwiegende Ange­legenheit nicht allein übernehmen will." An vierter Stelle wird dann die Aufhebung des vorrätig erlasse­nen Verbots der Kohlenversoraung fremder Schiffe berichtet. In schroffem Gegensatz zu der scharfen Kampstnaßregel ad 1 steht Mcldung Nr. 5, wonach die Großmächte durch eine neue Note um Vermit­tel n n g zu Gunsten des Friedens und der sofortigen Einstellung der Feindseligkeiten gebeten werden. Als- '6alb folgt sechstens eine Berichtigung, daß nicht die Vermittelung angerufen, sondern nur die Großmächte befragt werden sollen, unter welchen Voraussetzun­gen sie die Einstellung der Feindseligkeiten für mög­lich halten. Zum Ueberfluß wird dann noch sieben­tens eine Mitteilung des Ministeriums des Aeußeren in die Welt telegraphiert, die es als unzutreffend be­zeichnet, daß die Pforte unter gewiffen Bedingungen über die Anerkennung d.r Okkupation von Tripolis verhandeln wolle.

, Höher kann doch die Unklarheit kaum getrieben werden! In Konstantinopel weiß man offenbar nicht, was man will, was man kann, was man soll. .Das ist fatal für die Türkei, aber es hat sein gutes für die Friedcnssache. Je größer die Hilfslosigkeit "(ntf der türkischen Sette, desto, eher wird ein geschickter Vermittler Gehör finden für einen Vorschlag zur Güte, der einen Ausweg aus der Not eröffnet.

/ Inzwischen wollen wir uns wieder abgewöhnen, ,wcun wir etwa schon die junge Türkei als ein mo- denres Staatswesen bettachtct haben sollten. Der alte Schlendrian überlebt auch die schönsten Revolutionen.

Friedeusau-sichien.

Zwischen den Kabinetten der Großmächte dau- ttn tote der „Berk. Lokal-Arn." hört, der lebhafte Gedankenaustausch über V rzelnen Punkte des füngsten türkischen Zirkulars jUt. Man dürfe an- Annchmen, daß das Resultat dieser Fühlungnahme hie Diplomatie in kurzem in den Stand setzen herbe, festzustellen, inwieweit in Rom die Anfrage der Pforte Aussicht auf Erfolg im Sinne einer baldigen Verständigung der beiden kriegführenden Mächte über beit zukünftigen Stand der Dinge in Tripolis bietet.

/ Konstantinopel, 9. Okt. 1911. Der russische Bot­schafter Tschafloto hat einer vertrauenswürdigen Person erklärt, daß bis Ende der Woche die tripolitanische Frage grundsätzlich geregelt sei» wird. Die Antwort bei Mächte auf bie Bitte

der Türkei um Vermittlung ist günstig aus­gefallen.

Kampfe bei Tripolis.

W Rom, 10. Okt. 1911. Die Beschießung von Tripolis dauert noch immer fort. Die Schüsse sind hauptsächlich gegen den Küstenrand ge­richtet, um zu verhindern, daß türkische Trup­pen einen Angriff gegen die italienische Be­satzung ausführen. 2000 Mann türkische Soldaten haben sich nach Gheriar zurückgezogen. Die Ita­liener nahmen zwei Vorposten mit je 21 Mann gefangen.

W Chiasso, 10. Ott. 1911. Die Stadt Tripolis ist völlig von türkischen Soldaten verlassen. Die türkische Kavallerie steht jedoch noch immer vor den Toren der Stadt. Sie bildet die Vorhut der Türken und unterrichtet diese über die Bewe­gungen der italienischen Flotte. Die Zahl dieser verwegenen Reiter soll 200 betragen. Sie behin­dern besonders die nächtlichen Operationen der Ita­liener. Es bestätigt sich übrigens, daß sich im Innern von Tripolis die Araber mit den Türken verbrüdern. Die Unterwerfung der Küstenbewohner kennzeichnet sich lediglich als ein Akt der Not.

' Paris, 10. Okt. 1911. Der vom „Temps" nach Tripolis entsandte Korreipourent telegraphierte über Malta: Die Türken haben heute Nacht, um der, Landung der italienischen Truppen zuvorzukommen einen wirklichen Kampf gegen die Borposten unternommen, insbesondere in der Nähe der Quelle Bumiliana. Da? Gewehrfeuer war von beiden Seiten hartnäckig. Die Panzerschiffe unterstützten die italieni­schen Marinetruppen. Die Kanonade dauerte bis zum Tagesanbruch. Die Türken zogen sich mit Ver­lusten zurück. Auf italienischer Seite ist niemand gefallen, dagegen sind die Truppen erschöpft.

* Rom, 10. Ott. 1911. Nach dem „Giornale d'Jtalia" beschloß ein Teil der türkischen Truppen, fünf Meilen von Tripolis, etttblößt von Nahrungsmitteln, aufgelöst und entmutigt, s i ch zu ergeben. Da Mangel an Lebensmittel herrsche, sei ihre Lage unerträgli^' geworden, und auf Zufuhr von Konstantinopel könnten sie nicht mehr rechnen.

Ein Seegefecht im Roten Meer soll stattgefunden haben. Es wird gemeldet, die italienischen Kreuzer „Pisa" und „Amalfi" hätten 6 türkische Torpedoboote angetroffen, die versuchten in das Rote Meer einzudringen. Es kam zu einer Schlacht, und mehrere Kanonenschüsse wurden gewechselt. 4 türkische Torpedoboote sollen in den Grund gebohrt sein, die zwei anderen entflohen. — Eine Bestätigung dieser Nachricht, die aus ttalienischer Quelle stammt, liegt bis jetzt noch nicht vor. Vielleicht hat die Schlacht nur in der Phantasie irgend eines sensationslüster­nen Reporters stattgesunden.

♦

* Konstantinopel, 10. Okt. 1911. „Jem Gazetta" erfährt, daß der im Hinterlande von Tripolitanien ansäffige Scheck Nussi den Italienern den heil t g e n Krieg erklärte. — Der Sultan ließ den Blättern zufolge Imam Jahia für das Angebot, 100 000 Mann für den heiligen Krieg gegen Italien stellen zu wollen, seine Befriedigung aussprechen. Auch der Großwesir antwortete dankend und fügte hinzu, die angcbotene Hilfe fei vorläufig unnötig.

** Mailand, 10. Ort. 1911. In Neapel fand gestern die Abfahrt des ersten Teiles des E x p e- ditionskorps in Gegenwart des Königs statt, der von der Bevölkerung emhustastisch begrüßt wurde. Ein kleiner Trupp war schon am 6. Ottober nach Marsa Tobrik eingeschifft worden. Das Mailänder Infanterie-Regiment 68 geht heute und morgen nach Tripolis ab. Im Korpskommandogebäude wurde gestern durch das Offizierskorps ein Abschiedsfest ge­feiert. — 'Der sozialistische Avanti unterzieht die Mo- bilistemng einer scharfen Kritik. Diese dauere nunmehr beinahe einen Monat und sei noch nicht be­endet. Dabei handle es sich nur um 50 000 Mann. Allmählich werden auch gemäßigte Blätter stutzig über die Schwierigkeiten der italieni- schenMobilisationen oder beffer gesagt, über die Gefahren, die mobilisierten Soldaten Hungers sterben zu taffen. Es scheint da sehr vieles nicht klap- pen zu wollen. Auch wenn manches, was der sozia­listische Avanti über die Verproviantierungsmöglich- kciten zum besten gibt, übertrieben sein mag, so gibt doch das, was bürgerliche Blätter in kaum verhehltem Unmut nur leise andeuten, zu denken. Von den 80 000 Mann, die durch königliche Order vom 24. v. M. unter die Fahne gerufen worden waren, haben heute, am 10. Ottober, über 50 000 noch kein m i- likärischeS Kleid an^ieljen können. Ob sie wohl innerhalb vier Wochen eingrschisft werden kön­nen? ruft der Secolo verzweifelt aus. Wäre nicht der langsame Tücke unser Feind, sondern Oesterreich, dann könnte man es eckeben, daß dieser Feind vor den Mauen, von Rom ftünbe, eher das erste Armee­korps überhaupt mobilisiert wäre. Alles in allem, die Kriegsbereitschaft Italiens habe sich in einem wenig erfreulichen Lichte gezeigt.

* Konstantinopel, 10. Okt. 1911. Eine Neu- tralitätserklärung Aegyptens ist, wie von ägypttscher Seite mitgeteilt wird, nicht er­folgt. Sie wird auch nicht erfolgen. Doch wird selbst ohne diesen Schritt Aegypten die Neiittalität durch führen.

□ Konstantinopel, 10. Okt. 1911. Die Pforte be­schloß, die Durchfuhr neutraler Getreidedam­pfer durch die Dardanellen-Meerenge zu gestatten, falls die Dampfer nicht nach italienischen Kriegshäfen bestimmt sind. Diese wichttge Ent­scheidung hat begreiflicherweise in Rußland, dessen Handel sonst lahmgelezt worden wäre, große Befrie­digung hervorgemfen. .

* Konstantinopel, 10. Okt. 1911. Aus Saloniki werden tumultartige Kundgebungen ge­meldet, in denen die Bevölkerung die sofortige Aus­

führung / O Ausweisungsbeschlusfas gegen die Italiener fordert. In nichtmohammedani- schen Komiteckreisen sieht man der Kammer mit Miß- rrauen entgegen, da man Hetzreden der Abgeordneten fürchtet. Die hiesigen Hafenarbeiter und Lastträger erhielten Anweisung, von dem anttgriechischen Boy­kott abzulafsen und den Boykott gegen die Ita­lien er durchzuführen.

* Konstantinopel, 10. Ott. 1911. Der Großwesir nahm das von Dschavid Bey übermittelte Gelöbnis des jun g türkisch en Komitees, für die Ver­teidigung der Rechte auf Tripolis Widerstand bis zum Tode leisten zu wollen, stillschiveigend entgegen.

Deutsches Reich.

** Berlin, 10. Okt. 1911. Der Kaiser be­endete gestern seinen Jagdaufenthalt in Rominten und weilte am Dienstag in Königsberg, too er Gast seines dortigen Regiments war. Mittwoch werden der Kaiser und die Kaiserin wieder im Neuen Pa­lais in Potsdam eintreffen. Die folgenden Tage wird das Kaiserpaar im Jagdschloß Hubertusstock zubringen. — Der Vortragende Rat im Finanz­ministerium Geheimer Obersinanzrat Freiherr von Tschammer und Quaritz ist zum Regierungs- Präs i d e n t en in B r e sl a u ernannt worden. — Auf eine neue Anschwärzung Deu t s ch- lands zielte eine Behauptung des deutsch-feind­lichen ausländischen Preßklüngels hin, wonach Deutschland sein begehrliches Auge auf das bel­gische Kongogebiet geworfen haben sollte. Das „Echo de Paris" meldete sogar: Deutschland habe im Laufe der Marokkoverhandlungen Frank­reich geraten, von der belgischen Regierung die Pach­tung eines Landstreifens im Norden des belgischen Kongo zu verlangen. Frankreich hätte dann diesen Teil an Deutschland abtreten sollen. Das Wolffsche Bureau bemerkt dazu: Diese Nachricht des „Echo de Paris" ist gänzlich erfunden. Deutschland gab niemals Anregungen in dem augedeuteien Sinne.

* Der Ausschuß des Bundesrats für die Aus- wärtigrn Angelegenheiten wird der „Nordd. Allg. Ztg." zufolge am Mittwoch zusammentreten, um, wie in den letzten Jahren vor dem Zusammentritt des Reichstags, Mitteilungen > des Reichskanzlers entgegenzunehmen. Es ist selbstverständlich, daß dem Bundesratsausschuß in erster Linie Mitteilun­gen über den Verlauf und den gegenwärtigen Stand der deutsch-französischen Marokko-Un­terhandlungen gemacht werden, die man nach euer: Meldung aus Paris jetzt endgültig abschließen zu können glaubt — b. h. soweit Marokko selbst in Betracht kommt — da über den letzten strittigen Punkt des Abkonimens eine Einigung erzielt sein soll.

)( Vertagung der Strafprozessordnung. Dr. L i s- k o, der Staatssekretär des Reichsjustizamts, hatte Dienstag eine längere Besprechung mit den Mit­gliedern der Strafprozeßkommisswn, in der die Frage erörtert wurde, ob die weitere Beratung der Strafprozeßnovelle in der kommenden Sitzungs­periode des Reichstages noch erfolgen könne. Zu einer Entscheidung kam es noch nicht, da diese von der Entschließung des Seniorenkonvents abhängt. Nach der Ansicht maßgebender Parlamentarier wird die Strafprozeßnovelle schwerlich noch in diesem Reichstage erledigt werden.

a Die Schiffahrtsabgabenkommiffion des Reichs­tages begann am Dienstag ihre Arbeiten wieder mit der Beratung des Artikels 2 (Aufbringung und Verwendung der Mittel). Der Minister der öffent­lichen Arbeiten leitete die Verhandlungen mit einer längeren Darlegung über die Stellung der Regie­rung zu den bisherigen Beschlüssen der Kommis­sion ein. Wenn die Regierung bereit sei, den An­trägen aus 1. Lesung und den zu Artikel 1 in 2. Lesung gestellten Anträgen Folge zu geben, so habe das Gesetz für sie damtt jedes finanzielle Jn- tereffe verloren und sei nichts weiter als ein Ver­kehrsmeliorationsgesetz.

* Fahrtermätzigung für die preußischen Lehrer hat der Eisenbahmninister gewährt. Für Reisen, die int Interesse des Unterrichts gemacht werden hat er eine Ermäßigung der Fahrpreise um ein Drittel gewährt. Den Teilnehmern an Lehrkursen aller Art wird diese Erleichterung sehr willkommen

sein.

A Schülerattentate. Im Anschluß an das Attentat des Schülers Koch in Magdeburg gegen einen Lehrer an dem dortigen Gymnasium, Jsmer, schreibt „ein alter Schulprattiker", ein Gvmnasial- lehrer Schneider, in bei „Deutschen Montags- zeitung" folgenbcs:

„Derartige Scyüleratteniate sind keine Seltenheit An einem mitteldeutschen Gymnasium geschah es vor ein paar Jahren, daß ich und ein Kollege durch zu- sütliae Auffindung von Briefen, die sich Schüler unter­einander geschrieben halten, einer Verbindung auf die Spur kamen, die keinen anderen Zweck halte, als den, den Direktor d es Gy in n asi u ms zu erschießen. Dinge, die unglaublich klingen, für die ich aber jedcr- zeit das Bewet-material vorzulegen bereit bin. Es handelte sich unt eine reguläre Verschwörung gegen das Leben des Schulchefs, unternommen von 13- und 14jägrigen Knaben! Man hatte beschlossen, einen aus der Verbindung als Attentäter auszulofen.

Und ich bin überzeugt, daß die jungen Hitzköpfe ihr Vorhaben zur Ausführung gebracht hätten, wenn wir ihm nicht rechtzeitig auf die Spur gekommen wären. In einer Lehrerkonferenz wurde dann beschlossen, die Sache mit Rücksicht auf die Familien, denen die Schüler angehörten, vor der Oeffentlichkeit totzu­

schweigen.

In Halle a. d. Saale haben vor fünf bis sechs Jahren Schüler einem Restaurateur den durch Samm­lung zustande gebrachten Betrag von 300 Mark an­geboten, salls er ihnen gestatten wolle, am Büfett in den Abendschoppen des Mathematiklehrers einen „Schnaps" hinemzugießen. Dem Restaurateur kam die Sache nicht geheuer" vor, und er meldete den-Vorfall vorher dem Lehrer. DaS Bier wurde untersucht, und der „Schnaps" entpuppte sich als eine starkprozentige jl r 1 'gibt em” deutsches Gymnasium, dessen Direktor mir erklärte: .Wir alle sind hier unseres

Lebens nicht sicher!" Ueberfäüe weniger ernsten Charakters sind ja namentlich in Berlin an der Tagesordnung. Der Turnlehrer eines Berliner Gym­nasiums wurde vor einiger Zeit (auch ein wohl im Interesse der „Autorität" geheimgehallener Fall!) buchstäblich im Angesicht der Klasse blutig geschlagen."

Die mitgeteilten Vorfälle klingen schier un- glaublich, und doch kann man nach den bestimmten Angaben, die der Verfasser macht, nicht daran zweifeln, daß sie auf Wahrheit beruhen. Welch ein Blick in die Zukunft, wenn der Lehrer sich vor seinem Schüler des Lebens nicht mehr sicher ist! Wenn er nicht mehr eine gerechte schlechte Zensur austeilen darf, ohne Gefahr zu laufen, von einem einzelnen Schüler oder gar von einer Verschwörung seiner Klasse erschossen, erschlagen ober vergiftet zu werden! Wir haben es wirklich herrlich tocit ge­bracht, wenn dem so ist. Der Verfasser der obigen Mitteilungen schließt resigniert, daß aus unfern Gymnasien eine ewige Schlacht tobt zwischen Lehrern und Schülerti, die manchmal tatsächlich auf Leben und Tod gehe. Wo ist das gute alte Verhältnis hin, wo der Lehrer väterlicher Freund und Berater des Schülers, wo er Mitwisser seiner Geheimnisse war? Unsere vielgepriesene Kultur, der Fortschritt der modernen Zeit hat mit diesem „altmodischen" Verhältnis aufgeräumt. Verkehrt ist es, solche Vorfälle aus „Gründen der Autorität" geheim zu halten. Hier kann nur rücksichtslose Offenheit, rücksichtsloses Durchgreifen das Uebel ausrotten.

)( Tie sozialdemottaiifchen Eisenbahner. Das Organ des sozialb.-mokraüschen Eisenbahnerver- bandes (6er ,Weckrufs veröffentlicht in seiner neuesten Nummer die nachstehende beachtenswerte Mitteilung:

„(Der internationale Sekretär, Kollege Jochade, wird sich einige Wochen in England aufhalten, um die Einrichtungen der befreundeten Organisationen naher zu studieren und neue Verbindungen anzu­knüpfen, die Lohnverhältnisse und Arbeitsmethoden der Verkehrs- und Transporiarbeiter kennen zu (einen, speziell die Schutzmaßnahmen für Leben und Gesund­heit beim Laden und Löschen der Schiffe, weitere In­formationen über den Verlauf und die Resul­tate der letzten großen Bewegung zu sam­meln."

Plant man bei den Sozialdemokraten, das eng- lijche Beispiel nachzuahmen?

-f- Sozialdemokratische Temonstratiosen. An der Spitze des .Vorwärts" wird ein Aufruf ver­öffentlicht, aus dem hervorgeht, daß die Sozial­demokratie für den Tag der Wiedereröffnung des Reichstags Demonstrationen plant. Es heißt in dem Aufrufe u. a.,

bei dem Zusammentritte des Reichstages werde sich auch das arbeitende Volk Berlins zu wuchtigen Protestkundgebungen zusammenfinden, um Ein­spruch gegen die Politik des Brot- und Fleischwuchers zu erheben; mit unzweideutiger Schärfe werde auch das Berliner Proletariat sein Urteil über die Politik der Volksaushungerung aussprechen.

Will man etwa das Wiener Beispiel nach­ahmen?

— Meschede, 9. Okt. 1911. In Gegenwart vieler Zentrumsabgeordneter und einer großen Zahl von Delegierten sand hier der sauerländische Zentrumsparteitag statt. In der damit verbundenen Volksversammlung sprach Haupt­redakteur Warnecke (Münster) über das Zen­trum und seine Wähler. Er mahnte insbesondere, die Organisation überall aufs beste auszurüften, daß sie zu jeder Zeit in Tätigkeit treten tarnt. Äbg. Herold sprach über die wirtschaftlichen Programm- punkte des Zentrums und rechnete mit dem Hansa- bund ab, besprach die Teuerungsftage und bann bie Stellung des Zentrums zu den anderen Parteien, besonders zur Sozialdemokratie. Heber die Mei­nungsverschiedenheiten innerhalb der Zentrums­partei sagte er: sie haben keine Bedeutung, es stehen keine Personen dahinter. Die Fraktion will Einig­keit, und was die Fraktion nicht erreichen kann, das werden die Wähler erzwingen, und die Wähler wollen keine Zersplitterung. De Redner schloß: Vertrauensvoll treten wir in den Wahlkampf in der Gewißheit, daß die Zentrum iähler uns treu bleiben und mit uns kämpfen werden für Wahr­heit, Recht und Freiheit! Mit einem brausenden Hoch auf die Zentrumspartei fand dann die impo­sante Versammlung ihren Abschluß.

□ Köln, 9. Okt. 1911. Als letzter der diesjäh- rtgeit rheinischen Parteitage des Zentrums sand heute derjenige für den Kölner Bezirk statt. Alle Kreise waren durch Delegierte vertreten. Abg. Trimborn faßte das Ergebnis der Besprechung in folgende Sätze zusammen: 1. Gelegentlich der Wahl­vorbereitungen müssen alle Organisationsmängel ausgemerzt werden. 2. In jeder Gemeinde ist ein Ort'skomttee einzusetzen. 3. Die Finanzen müssen in der vorgeschriebenen Weise in Ordnung gebracht werden. 4. Die Zentrumspresse muß gepflegt werden; ohne eine starke Zentrumspresse ist kern Wahlkreis auf die Dauer zu halten. 5. Alle Wähler besonders die Vertrauensmänner, sind über die schwebenden Fragen auszuklären. Als vorbildlich bezeichnete bei Vorsitzende den sechstägigen siaats- wiffenschaftlichen Kursus, der in der »ergangenen Woche seitens des Bolksvereins in Köln abgchaltsn wurde und on dem 400 bis 500 Vertrauensmänner teiluahmeu. Eure rege Aussprache fand schlieguch über verschiedene un Vordergründe des stehende Vorgänge des öffentlichen-Levens satt wurde u. a. die Teuerungsfrage behandelt und ihr Zusammengehen mit dem Börsenspekulantontum be­leuchtet. — Eine große Zent r^u m s v erf a m m- r.. n a beschloß den Parteitag. Die Gesamtzahl der Erschienenen betrug 4000. Die Redner des Abends, die Abgg. Trimborn, Fürst Löwenstenl und Marx, fanden mit ihren Ausführungen eine gespannt lau­schende Zuhörerschaft, welche ihre llebereinstmrmung mit den Rednern durch wieberholte lebhafte Zu­stimmung und dröhnenden Beifall zu erkennen gab. Fürst Alois zu L ö w e n st e i n sprach unter außer­ordentlich starkem Beifall in anderthalbstündger Rede über die auswärtige Politik und die inner-