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Zerufprecher Nr. 9.

Fuiva, Dienstag len 10. Oktober 1911.

Erstes Blatt

38. Jahrgang.

e 6in unentwegter Friedensstörer

Der Evangelische B u n d hat sich in Dort- mnd wieder einmal als das gezeigt, was er in Wirklichkeit ist: ein Verein zur Bekämpfung der katholischen Kirche.

Das kann nach allem, was der „Evangelische Hund zur Wahrung der deutsch-protestantischen In­teressen" geleistet hat, nicht überraschen. Wie ein roter Faden zieht cs sich durch die Dortmunder Verhandlungen der Grimni gegen die katholische Kirche. Fast alle Redner beschäftigen sich mit der katholischen Kirche und ihren wesentlichen Einrich­tungen und ergingen sich in falschen Darstellungen oder plumpen Verleumdungen und fanatischen An­griffen auf dieselben; sie flössen dabei aber über von den Versicherungen, daß sie selbstverständlich nur dem lieben konfessionellen Frieden bienen wollten.

Um wenigstens nach außen hin den Anschein zu wahren, als ob der Kampf gegen die katholische Kirche eine Notwendigkeit zur Wahrung der deutfch- irotestantischen Interessen ist, sucht man den An- chein zu erwecken, als ob die katholische Kirche bezw. >er Papst sich Angriffe und Uebergriffe gegen die evangelische Kirche zu schulden kommen lasse. Die katholische Kirche wurde von fast allen Rednern als der eigentliche Friedensstörer hingestellt und zum Beweise für diese Behauptung »erref man sich immer wieder auf die Borromäus- Enzhklika und den Antimodernisteneid, die schon im hörigen Jahr die Entrüstung hatten schüren helfen Müssen.

Wann werden die Herren vom Evangelischen Bund endlich einsehen, daß die Borromaus- En z h klik a und der A n t i m o d er nist en- e i d Dinge sind, die einzig und allein die katholische Kirche angehen. Sie sind keine Störung des kon­fessionellen Friedens und kein Angriff auf die Jn- teresicn der evangelischen Kirche. Zum Äusgangs- siunkt wiederholter Angriffe auf den „Ultramonta- nismus" wird ein angeblicher „friedensstörender" BeschlußdesKatholikentagesin Mair^ genommen, worin die Borromäus-Enzhklika als eine naturnotwendige, „zur Erhaltung des Christentums Notwendige apostolische Tat" eines im Dienste der Porsehung stehenden Papstes gebilligt worden sei. Uns ist ein solcher Beschluß nicht bekannt, er ist Überhaupt dort nicht gefaßt worden! Auch von pro- iestautischer Seite ist wiederholt anerkannt worden, haß die Katbolikenverfammlung in Mainz sich jeg­licher Einmischung in Verhältnisse der protestan- siscben Kirche enthalten habe.

Daß es natürlich an kräftigen Seitenhie- ben auf das Zentrum nicht fehlte, diese „Po­litische Vertretung des Ultramontanismus" ist zu selbstverständlich, als daß es wundernehmen konnte. Und daß das Zentrum ein „konsessionelle Partei ist das ist für die Herren vom Evangelischen Bund Io'sonnenklar, daß sie es nur zu behaupten, aber nicht zu beweisen brauchen. Es hieße Eulen nach Athen tragen, wollten wir unsere Zeit auf die Widerlegung dieses abgeschmackten Märchens, das bunderttnal widerlegt und ebenso häufig wiederauf­getaucht ist, verschwenden. Was soll man aber dazu sagen, wenn ein Redner, der Justizrat E l z e-Halle, die erst in diesen Tagen als unwahr nachgewiesene Behauptung Bebels,'von dem an den Kaisergra- beru im Dome zu Speher geschlossenen Bünduis zwischen dem Zentrum und der Sozialdemokratie flim besten gab?

Das Schönste ist, daß in Dortmund der Evan­gelische Bund von verschiedenen Seiten als „Hort des konfessionellen Friedens" gefeiert wurde. Der Superintendeitt Dr. Wächter- Halle versicherte, daß der Evangelische Bund es als seine Aufgabe be­trachte, den konfessionellen Frieden zu schützen und zu wahren. Solchen Redensarten stehen Aeußerun- gen gegenüber, die wahrlich nicht danach angetan sind, 'zur Wahrung des konfssionellen Friedens bei­zutragen. Schon gleich am Begrüßungsabeud ging die Hetze gegen die katholische Kirche kj. Aus­gerechnet dein Vertreter des Königlichen Konsi­storiums in Münster, also einer staatlichen Behörde, war es Vorbehalten, als erster in die Kttegstrom- pete zu stoßen. Neugierig sind wir darauf, was bas königliche Konsistorium Münster zu der Leistung seines Vertreters sagen wird.

Wir verzichten gern daraus, die Angrisfe, die in Dortmund aus uns Katholiken gerichtet worden find, besonders zu erörtern. Wer eine Bemerkung können wir doch nicht übergehen, weil gerade sie die beste Illustration zu der Behauptung ist, daß der Bund sich zur Ausgabe gesetzt habe, den konfes­sionellen Frieden zu wahren. Es war wieder der schon genannte Justizrat Elze-Halle, der sich folgende Beleidigung der deutschen Katholiken leistete:

„Noch nie gedieh ein Staat, der sich unter Rom stellte und wenn jetzt evangelische Brüder sich Mit den schwarzen Truppen Roms verbinden wollen, dann rufen wir ihnen warnend zu: noch keiner verband sich ungestraft mit Rom, er war ünmer der Betrogene — hütet ench vor den falschen Propheten. Aeuberlich geben sie sich jetzt als die besten Vaterlandssreunde und brüsten sich, als ob sie allein die rote Flut bändigen könnten — sie, die mit Franzosen, Polen und Welfen zusammengehen."

Diese Schmähung richtet sich in erster Linie gegen das Zentrum, bann aber auch in gleichem Maße gegen die Katholiken Deutschlands, .deren politische Vertretung ja das Zentrum ist. Wir begnügen uns damtt, diese Beleidigung des Zentrums sowohl wie der Katholiken Deutschlands zurückzuweifen. Sich angehender mit den Ausführungen des Haller Justizrats zu beschäf- |gen, hieße ihm zuviel Ehre erweisen.

t Die Generalversammlung des Evangelischen Lundes hat aufs Neue den Beweis erbracht, daß Derttschland den konfessionellen Frieden nicht finden Wird, so lange der Evangelische Bund existiert.

x too zviM SM» uni) ter ML

Türkische Bitte um Frieden.

Das neue Kabinett Said Pascha scheint einem raschen Friedensschluß in irgend einer Form ent- gegenzustreben. Es ist allerdings bloß ein Teilmini­sterium. Ein Minister der auswärtigen Angelegen­heiten fehlt ihm noch immer. Der Wiener türkische Botschafter Resch ib Pascha, der anfangs zuge- ägt hatte, besann sich bekanntlich inzwischen eines anderen. Aus Aeußerungen, die Reschid Pascha in den letzten Tagen getan har, ist zu schließen, daß er die Verteidigung bis zur äußersten Möglichkeit be- ürwortet. Der alte Said Pascha scheint nicht der- elben Ansicht zu sein. Daraus würde sich die Wei­gerung Reschids, dem Kabinett beizutteten, erklären taffen. Im türkischen Ministerrat wurde in der Nacht zum Sonntag der Beschluß gefaßt, von neuem die Vermittelung der Mächte anzurufen. Es wird sich nun vor allem zeigen muffen, wie die Weigerung Neschids auf die Stellung des Kabinetts Said wirkt und inwieweit Said mit feinen Bestrebun­gen zur Herbeiführung eines Friedens, der unter allen Umständen Opfer kosten wird, die Bevölkerung, die Presse, das Komitee und die Armee hinter sich hat. Der Beschluß des Ministerrats begegnet bereits in einem Teil der türkischen Presse heftigem Wider­spruch, wie aus nachstehender Meldung erhellt:

* Konstantinopel, 8. Okt. 1911. Der,Tanin' er­hebt heftigen Einipruch gegen das Friedensvermit» telangsgesuch der Pforte. Er sagt, die Tripolissrage sei ebensosehr eine Frage der inneren wie der äußeren Politik; ein Ministerium, das Tripolis an Italien ab­treten wolle, werde mm der Verachtung der Nation hinweggefegt werden.

lieber die neusten Friedensbemühungen der Türkei wird in einer öfter vom Berliner Auswärtigen Amt benutzten Nachrichtenstelle mitgeteill, daß die Pforte es mit Rücksicht auf die Stimmung des türkischen Volkes vermeidet, bestimmte Vorschläge für die Uebcrlaffung von Tripoli? an Italien zu machen. Der Schritt der Pforte bezweckte vielmehr, von den Großmächten zu erfahren, ob diese eine etwaige Bereitwilligkeit der Türkei, auf Tripolis unter ge­wissen Vorbehalten zu verzichten, ihrerseits zum Anlaß für vermittelnde Schritte bei der italienischen Regierung nehmen würden. In dieser Form beschäftigt die türkische Anregung augenblicklich die Kabinette der Großmächte.

Der türkische Botschafter bei Kiderlen. Wie das „Berl. Tagebl." erfährt, stattete der ttirkische Botschaf­ter in Berlin, General Osman Nisami-Pascha, um Sonntag mittag Herrn v. Kiderlen-Wächter einen Besuch ab und konferierte längere Zeit mit ihm. Er teilte diesem, wie die „Tägl. Rundschau" er­fahren haben will, mit, daß Präsident T a f t un­ter Umständen dazu berett sei, den Fricdensvermittler zwischen der Türkei und Italien zu spielen. Rußland soll die Friedensbestrebungen des Präsidenten Taft unterstützen.

** Keine Ausweisung der Italiener.

Das neue türkische Kabinett weiß weder aus noch ein. Einerseits möchte man Italien durch Vergeltungs­maßnahmen schaden, anderseits einen billigen Frieden. Der letzte Ministerrat am Samstag hatte die Ausweisung der in der Türkei ansässigen Italiener beschlossen. Diese sollten das Land innerhalb dreier Tage verlassen. Außerdem sollte der Miiüsterrat auch einen Zollkrieg mit Zöllen bis zu 100 Prozent beschlossen haben. Die Nachricht über diesen solgenfchweren Beschluß wird ab­geschwächt durch eine unmi telbar darauf verbreitete Meldung: Der Beschluß des M nisterrats, betr. die Ausweisung der Italiener aus der Türkei, ist zwar im Prinzip gefaßt, bisher sind aber keine Maßnahmen zu seiner Ausführung getroff.n worden. Dem .Tag' wird dazu noch berichtet:

Der deutsche Botschafter Freiherr Mattchall v. Bieberstein besuchte am Sonntag den Großwesir und konferierte mit ihm über die Ausweisungsfrage. Der Botschafter Hot geraten, man möge einen so schwerwiegenden Schritt nur nach reiflicher Erwägung tun. Bisher habe die Türkei die öffentliche Meinung Europas für sich gehabt; durch die Ausweisunz der Italiener könnte sie viele Sympathien verlieren. In den Streifen der Pforte scheint der Beschluß des Mi­nisterrats, der vortäustg nicht durch eine Jrade sank­tionier ist, mehr dahin ausgesaßt zu werden, daß man den Eindruck einer solchen Maßnahme erkunden, sie aber erst praktisch durchführen wollte, wenn der nächste Ministerrat sich darüber schlüssig geworden ist, ob die Ansiveisung wirklich z,»eckmäßig erscheint und in welchem Umfange und mit welchen Mitteln im ein­zelnen sie zu bewerkstelligen ist.

Die Beschießung von Tripolis.

W. Konstantinopel, 9. Okt. 1911. Die Blätter melden: Die türkische Garnison von Tripoli? unter Oberst Neschet zog sich nach Behare und Kirkka- rffch zurück, wo sie Berteid igung sst ellu ng ein« nahm. Ein italienische Kompanie versuchte bis Behare vorzurücken, mußte sich aber infolge des Widerstandes der türkischen Truppen zu rückziehen. Die einheimische Bevölkerung nahm am Kampfe teil. — Aus Malta wird berichtet, daß t ü r - kische Kavallerie ununterbrochru vor Tripolis herum manöveriertn und die im Hinterlande liegende,, Truppen von dem Stand der Landungen unterrichtet. Auch werden die italienischen Marinesoldaten durch die türkische Kavallerie ständig belästigt.

W. Rom, 9. Ott. 191L Wie aus Neapel hierher televhonierk wird, erhält sich dort das Gerücht, daß die in Tripolis gelandeten italienischen Truppen aus ihren Stellungen im Osten der Sladt, die sie am Samstag eingenommen hatten, sich wieder zurück­ziehen mußten, weil sie sich einer plötzlich auf» tauchenden Uebermadjt gegenüberfahen. Die feind­liche Kavallerie scheint die italienischen Posten stark zu beunruhigen.

* Mailand, 9. Okt. 1911. Der ,Sortiere della Sera' erhält von seinem Sonderberichterstatter Barzini ein sehr langes Telegramm über die Ereig-

uifse m Tripolis vor und nach der Beschießung, das aber nur Einzelheiten nachträgt und Stimmungen childert, ohne neue Nachrichten zu melden. Be» nerkenswert wegen der Tatsache, daß die italieni« chm Siegeshymnen über die vollständige Niederwerfung von Tripolis doch etwas einge- chränkt werden müssen, ist das schon gestern erwähnte Telegramm der ,T>.ibuna' ans Malta, wonach angekommene Reisende berichten, daß die Beschießung von Tripolis noch nicht ein­gestellt fei. Die Stadl fei von den türkischen Truppen zwar verlassen, aber die türkische Kava llerie habe verschiedene Einfälle ~in die Stadt unternommen und besonders nach Einbruch der Dunkelheit die italienischen Matrosen ange­griffen. Diese Reiterei stelle für die Masse der türkischen Truppen, die sich iu's Innere zurück- gezogen hätten, die Ausklärungstruppe dar. , Plan erwarte mit Sehnsucht die Ankunft des Expeditlvns- korps.

Marsa Tobruk.

Die Italiener haben sich in Tripolis nun auch, wie gestern noch die Letzten Nachrichten meldeten, des Hafens von Marsa Tobruk bemächtigt. Ter Hafen liegt in der Provinz Benghasi, östlich nach Aegypten zu, nicht weit von der Bombabncht. Marsa Tobruk war unmittelbar nach dem Kriegs­ausbruch mehrfach in englischen Preßerörterungen erwähnt worden. Dian hatte dott den Wunsch ge­äußert, daß, wenn Tripolitanien au Italien falle, wenigstens der Hasen von Marsa Tobruk den Engländern Vorbehalten bleibe, da eine andere Macht von dort aus die mittelländischen S.lisfs- verbindnngen Englands bedrohen konnte. Das haben sich die Italiener nicht zweimal sagen lassen. Jetzt sind sie die »andere Macht", die über Marsa Tobruk verfügt.

Mufelmanischt Hülfstruppen.

* Malta, 9. Okt. 1911. Hier eingekoffene Flücht­linge aus Tripolis behaupten, daß sich im Innern des Landes rund 40 000 kriegsbereite Musel­manen befinden.

* Mailand, 9. Ott. 1911. In Nieder ägypten wollten die Beduinen-Häuptlinge 4000 Mann sammeln, um damit den Türken in Tripolis zu Hilse zu kommen. Die Beduinen machten jedoch dir Häuptlinge daraus ausmerksam, daß momentan in N.ederägyvten 80 000 Beduinen sind, die wegen türkischer Willkürakte Tripolis verlassen haben und jetzt die Hoffnung hegen, nach Tripolis zurückkehren zu können.

* TaS Fell des Biir.n.

Die „Polst. Sotr." erhält die sehr interessante Mitteilung, daß die italienische Regierung in Paris zugesichert"habe, sie werde die Grenzlinie von Tri­polis, so wie sie im französisch-englischen Vertrag von 1899 sestgestelll worden ist, ie[pch tieien. In diesem Vertrage hatten Frankreich und England, ohne den Sultan unv die Pforte zu fragen, das ganze unter türkischer Oberhoheit stehende Hinterland von Tripolis unter sich auf geteilt. Wenn diese Meldung korrekt ist, bestätigt sich die Vermutung, daß sich Italien in Paris und London für die frühere Ermunternng, Tripolis zu nehmen, durch die lleberlasfung des von Frankreich und England schon verteilten tür­kischen Hinterlandes eihnnthd) zeigen werde.

In Italien hat diese Meldung in nationalisti­schen Kreisen keineswegs angenehm gewirkt. Man verlangt dort Ausklärungeu darüber, ob die Regie­rung auch das Gebiet von Ghadames zu dem Hinterland geschlagen wissen wollte. Ghadames habe man lange als italienische Kolonie zu be­trachten gelernt. Ter Streit um die Abgrenzung des Hinterlandes könne, meint das „Giornale d' Italia", zu höhst unangenehmen Konsequenzen führen, wenn Frankreich und England den berechtig- leit Wünschens Italien nicht nachgeben.

Deutsches Heid).

** Berlin, 9. Ott. 1911. Im Reichskolo­nialamt ist an Stelle des zum Unterstaatssekretäc besördenrn früheren Ministerialdirektors Dr. Conze der Geheime ObrrregiernngSrat Ebermaier zum Dirigenten der Finanzabteilung ernannt worden.

-j- Die Einberufung des preußischen Landtags wird, Berliner Blätt-rmeldungen zufolge, zu Diens­tag, den 16. I a n u a r 19 12, erfolgen. Als Grund der späteren Einberufung wird angegeben, die Re­gierung befürchte durch die Herbsttagung irgendeinen Einfluß auf die Reichstagswahlen auszuüben. Zu einer Befürchtung liegt unseres Erachtcns gar keine Ursache vor. Wohl aber ist, wie wir schon einmal hervorgehoben haben, zu befürchten, daß die Arbeiten des Landtages durch die Reichstagswahlen empfind­sam gestött werden. Diese Besorgnis wird augcn- scheinlich auch von der Regierung gehegt, denn, wie es heißt, soll die Regierung beabsichtigen, den Landtag gleich nach seiner Einberufung auf 14 Tage wieder zu vertagen. Darnach würde der Landtag tatsächlich erst am 1. Februar seine Arbeiten aufnehmen können. Wir hoben schon barauf hingrwiesen, daß wir die späte Ein­berufung des Landtages für sehr bedauerlich halten. Auch sonst werden in der Presse mehrfach Stimmen laut, die ihr Befremden über den Beschluß der Regie- tung Ausdruck geben.

'** Für das »er Agadir stationierte Kano enboot „Eber" wird, wie das ,B. T.' erfährt, zu Beginn dieser Woche ein Ablösungstransport formiert, der am 11. d. Mts. von der Heimat nach den west- afrikanischen Gewäffern in See zu gehen hat.

'4- Ministerielle Warnung vor einer sozialdemo- krattschen Jugendzeitnng. Der Kultusminister hat unter Hinweis auf die verhetzende Wirkung der von der Zentralstelle für die arbeitende Fugend Deutsch­lands in Berlin h-»ausgegebene Zeitung „Dre Ar- beiterjngend", dir Kreisschulinspettoren beauftragt, die ihnen unterstellten Lehrer anzuwersen, darauf zu achten, ob etwa diese Zeitung schon in den oberen

Klassen der Volksschulen vertrieben wird, und ihrer Berbrettung mit allem Nachdruck entgegenzuwirken.

** Zm Neichswertzuwachkstwergeseh glaubt der Justizrat Viebig eine Lücke entdeckt zu haben. In einer Zuschrift an dm ,Berl. Lokal-Anz." macht er dem Reichstag den Vorwurf, die Verabschiedung des Gesetzes übereilt zu haben. Die Ausführungen gipfeln in dem Satze, daß das Gesetz für die in der Zeil zwischen 1. Januar und 1. April 1911 abge­schlossenen Rechtsgeschäfte keine rückwirkende Kraft enthalte. Wie das Reichsschahamt nun in einem Schreiben an das betreffende Blatt feftstrllt, ist da­bei die Vorschrift des § 62 übersehen, welche lautet: Die Steuerpfiicht erstreckt sich auch auf Rechtsvor­gänge, die nach dem 31. Dezember 1910 bis zum Inkrafttreten des Gesetzes stattgesunden haben.

ns. Nürnberg, 9. Okt. 1911. Die Hauptver­sammlung des Vereins für Sozialpolitik wurde hier heute von dem Vorsitzenden Professor Dr. Schmoller mit einer programmatischen Rede über die Ziele dieses 1872 gegründeten Vereins er­öffnet. Der erste Gegenstand der Verhandlung war das Problem der Gemeindebesteuerung. Darüber erstattete Prof. Dr. Lotz (München) einen eingehenden Bericht, in dem er den süddeutschen Städten für chre Besteuerung u. a. das preußische Vorbild empfahl und für Ueberschusse bei den Ge­meindebetrieben eintrat.

* Köln, 9. Okt. 1911. Gestern fand hier eine große Kettelerfeier katholischer Arbeitervereine statt, zu der weit über 3000 katholische Männer her­beigeeilt waren. Am Schluffe der Versamm­lung hielt der Reichstagsbgeordnete, Junizrat Trimborn eine Ansprache, die im Hinblick aus die letzten heftigen Angriffe aus den verschiedensten gegnerischen Lagern gegen den katholischen Klerus besondere Bedeutung gewinnt. Abg. Trimborn führte u. a. aus:

Das 19. Jahrhundert wird mit Vorliebe als das demokratische Zeitalter bezeichnet und nicht mit Un­recht. In diesem Jahrhundert war der erste, emsich- tigste, tatkräftigste, mit einem Wort der idealste De­mokrat im eminentesten Sinne des Wortes ein — Aristokrat! der große Bischof v. Kettel er. Auf dem Boden der christlichen Grundsätze sind diesem Manne, diesem edlen Volksfreund die Ziele er­wachsen. An den Lehren des Christentums hat er diese Ziele abgemessen und er hat diese Ziele kritisch be­leuchtet am Lichte der christlichen Lehre. Er schöpfte bei seiner Tätigkeit aus der edelsten Quelle: aus der tiefen christlichen Liebe zum Volke. In der Liebe zum Volke erblicken wir auch eine Erklärung für die Tatsache, daß so viele Männer des gcist- l i ch e n S t a n d es in so hervorragendem Waste volks- freundlich und in den Spuren Kettelers gewirkt haben und noch wirken. Kolping, der so viel geleistet hat, können wir neben Ketteler stellen, der so viel für die soziale Größe Deutschlands getan. Ich kann auch Hin­weisen mit einem Wort auf einen würdigen Priester, das neulich ein nicht im Zentrnmslager stehendes Blatt geprägt hat für einen katholischen Geistlichen; das Blatt hat ihn bezeichnet als „den allzeit getreuen Eckart der christlichen Sozialpolitik". Es ist dies unser allverehrter Abgeordneter Profefior Dr. Hitze. (Stürmische Zustimmung.) Weil diese Männer von der echt christlichen Liebe durchdrungen waren, deshalb haben sie so segensreich gewirkt. Heute ist der Augen­blick gegeben, da wir, das katholische Volk, unserem Klerus Dank ab st alten müssen für seine her­vorragende Wirksamkeit im Dienste und zum Segen des Volkes auch auf sozialem Gebiete. Es ist mir aus glaubwürdiger Quelle bekannt geworden, daß bei Gelegenheit der letzten R e i.ch s t a g s w a hl in Düs­seldorf die größten Schmähungen gegen unseren Klerus gerichtet loorben sind (Stürmisches Pfui!), daß katholische Geistliche in der gröbsten Weise insul­tiert worden sind. Meine Herren! In solchen Ta- gen rufen wir laut: Jetzt erst recht! Jetzt erst recht Treue zu unserm Klerus! (Brausender, mi­nutenlanger Beifall.) Wir bitten ihn, der immer so treu zum Volke gefallen, auch fernerhin zu uns zu halten, mit uns zu arbeiten und mit uns zu wirken. (Lebhafter Beifall.) Wir werden nicht von ihm lassen und unsere Treue wird wachsen mit der Wucht der Angriffe, die sich gegen ihn richten _ und nie und nimmermehr werden wir uns von ihm trennen! (Brausender Beifall.)

<? München, 8. Okt. 1911. In der Abgeordneten­kammer sprach im weiteren Ver' *uf der Teue­rungsdebatte als erster Redner namens der Liberalen Abg. Meußdörsfer. Er erkannte die schwierige Lage der Landwirtschaft vollständig an und versicherte, daß die Naiionalliöeralen an der Schutz­zollpolitik festhalten. Die Rede stand in wohltuendem Gegensatz zu den Exzessen gewisser liberaler Blätter, die für die Lebensmitteltenerung in erster Linie die Landivirtschaft veraniwortlich machen. Namens der SozialdemKraten sprach Auer, der selbstverständlich die Aufhebung der Zölle auf Lebens- und Futter- mitiel, Oeffnung der Grenzen, Aufhebung des Sh- ffcmS der Einfuhrscheine usw. verlangte, kurz alles, was die Landwirtschaft dem Ruin zuführen könnte. Minister v. Brett re ich hielt eine große Rede. Er führte die bisher getroffenen Maßnahmen an und ver­sicherte, daß die Regierung sofott mit weiteren Mit­teln eingreifen würde, wenn es nötig werden sollte. Ter Minister glaubt aber, nachdem sich inzwischen die Verhältnisse gebeffett haben, daß es den Landwirten gelingen wird, über den Winter hinweg zu kommen. Lebensmittelteuerung besiehe überall, ohne daß man ihr wirksam abhelfen könne. Sie sei hervorgerufen durch die weltwirtschaftliche Sage, durch (Steigerung der Produktionskosti n, Steigerung der Löhne, ver­mehrten Fleischkonsum, bessere Lebenssührung, Spe­kulation nsw. Ganz entschieden lehnte der Munster die Aufhebung der Lebensmittel-Zölle ab und betonte energisch, daß die Landwirtschaft zu ihrer Entwick­lung einen Zovsckutz nötig hat Auch die Einfüh­rung ausländischen Fleisches und die Oennung der Grmzen lehnte der Minister ab. Schließlich mahnte er zu aller Sparsamkeit und insb-.sondere zur Ein­schränkung der Vergnügungen. Letzter Redner war Abg. Beckh (Fr. Bon.), der Sreuernachlasfe, Bereit­stellung von Staatsmitteln zum gemeinsamen Ankaus von Futtermitteln und g-nügende Streuab.je.be for­derte. Am Dienstag Nachmittag wird die Debatte fortgesetzt.