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Fulda, Montag den 9. Oktober 1911.

Erstes Blatt

M 231.

38. Jahrgang.

Haika.

Die Kriegslage in Tripolis.

Wieder ein Bombardement.

äußersten Osten des Mittelländischen Meeres, aus Syrien kommende Orontesfluß sich in die

Im wo der

See ergießt, ist dec kleine Hafen S u e i d j e, wenige Meilen von dem alten Antiochia (dem heutigen An- takja) entfernt, von einem italienischen Kriegsschiff beschaffen worden. Es wird darüber gemeldet:

Konstantinopel, 7. Oki. 1911. Wie einige Blätter berichten, bombardierte gestern nacht ein ita­lienischer Kreuzer den kleinen Hafen von Sueidje im Wilajet Aleppo, ohne Schaden anzurichten.

Den italienischen Schiffskommandanten tut nie­mand etwas zu Leide. Die türkische Flotte ist weit fort, überall ist freie Bahn für die Italiener. Offen­bar langweilen sich da die Schiffskommandanten und schießen drauf los, wo sie können. Es wird hohe Zett sein, daß man von Rom aus diesem Unfug ein Halt gebietet, der in Widerspmch steht mit verschiede­nen amtlichen Kundgebungen der italienischen Regie­rung.

«-

* Mailand, 8. Okt. 1911. Nach einem Gerücht, das der „Messaggero" verbrettet, soll gestem die ita­lienische Torpedobootflottille zwei wettere türki­sche Torpedoboote in den Grund g e° bohrt haben. Dadurch wäre die Zahl der übrigen türkischen Torpedoboote auf 16 zusammengefchmolzen. Die Meldung ist jedoch nur mit allem Vorbehalt wie- derzugebm und bedarf noch der Bestätigung.

W Neapel, 8. Okt. 1911. Heute sollte ein größe­rer Tcuppenttansport in See gehen. Im letzten

das Bombardement erschreckt, durch das bekannüich die Forts Sultania und Hamidie zerstört wurden, und in der Furcht, daß in der von der türkischen Gav- nison verlaffenen Stadt Plünderungen durch das der Lebensmittel entblößte Boll erfolgen könnten, begaben sich die arabischen Schecks in Begleitung einpr großen Menge Volles auf das italienische Konsulat, wo der deutsche Konsul vorläufig seinen Sitz aufgeschlagen hat, und ersuchten um die sofortige Einstellung des Feuers seitens der Kriegsschiffe, sowie die soforttge Landung italienischer Truppen. Die Stadt wurde alsdann besetzt. Die türkischen Truppen zo­gen sich in die Keinen Forts zurück, die gegen die Wüste hin liegen. Sie sind im Besitz von 10 kleinen Kanonen. Die Soldatm find ohne Lebensmittel und nähren sich von unreifen Datteln. Man nimmt an, daß sie sich bald ergeben werden. — Die in Tttpolis gelandeten M a r in e so l d a t en lan­gem in der großen Kaserne am Strand unter dem unmittelbaren Schutz der Schiffskanonen. Die Ara­ber lieferten Massen und ben größten Teil der Mu­nition ab. Das Lazarett und ein großer Teil der

' Zollanlagen sind infolge der Beschießung zerstött wor­den. Die in ben Zollanlagen aufbewahrten Waren liegen zerstreut über den Trümmem. Marinetaucher durchschnitten die Leitungsdrähte zu den Minen, die zur Verteidigung des Hafens von den Türken gelegt worden waren.

Die türkischen Truppen in Tripolis.

W Tripolis, 7 Okt. 1911. Die türkische Hauptmacht befindet fich ungefähr 10 Kilometer von der Stadt entfernt. Nur einige Abteilungen be­finden sich im Jnnem des Landes.

Im Widersprach zu dieser Meldung steht folgende Nachricht:

* Mailand, 8. Ott. 1911. Die „Sera" bringt aus Malta folgende interessante Meldung: Die Türken haben im Innern von Tripolis etwa 10 000 Mann konzentriert. Ebensoviel Araber wurden mit Gewehren ausgerüstet. Sie konnten so ein rich­tiges Heer bilden, das zwar keine besonders gute Ausrüstung ausweisen kann, aber mit reichlicher Mu­nition versehen ist. Es ist noch unentschieden, ob man das Verbleiben dieser Truppen am Gebelfluffe oder deren Vorrücken auf Tripoli? zu erwarten hat.

W Konstantinopel, 8. Ott. 1911. Die Blätter melden: drei in Benghasi ansäffige Stämme rüsteten eine Schar von Freiwilligen zum Kampfe gegen Italien aus.

Neue Krise im türkischen Ministerium.

W Konstantinopel, 7. Ott 1911. An der Pforte verlautet, der Minister des Aeußern Reschtd Pa­scha habe demissioniert. Der frühere Minister Noradunghian, dem das Portefeuille des Aeußern angeboren war, lehnte ab.

W Konstantinopel, 8. Okt. 1911. Durch die De­mission des Ministers des Aeußern, Reschid Pascha, die peinlich überraschte, wird die Stellung des Kabi­netts von verschiedenen polittschen Kreisen als er- schüttett betrachtet. Es verlautet, daß das Porte­feuille des Ministeriums des Aeußern dem Gesandten in Sofia, Mupha Afsim Bei, angeboten ist. Der Mi­nisterrat dauerte bis ein Uhr früh. Wie es heißt, wurde beschlossen, durch Vermittlung der ttirttschen Botschafter den Großmächten eine neue Note zu über­reichen, in der um Vermittlung zugunsten des Frie­dens und der soforttgen Einstellung der Feindseligkeiten gebeten wird

Aegypten erklärt sich neutral.

Die ägyptische Regierung hat, wie dem Mailän­der Serolo aus Kairo telegraphiert wird, den Be­schluß gefaßt, sich in dem türkisch-italienischen Kriege neutral zu verhalten. — Es dürfte zweifelhaft er­scheinen, ob die ägyptische Regierung in völkerrecht­lichem Sinne zu dieser Neutralitätserklärung berech­tigt ist. Aegypten ist kein souveräner Staat, sondern steht nominell noch unter der Oberhoheit der Türkei, wenn es sich auch tatsächlich umer englischer Herr­schaft und Verwaltung befindet. Es ist jedenfalls auffallend, wenn ein — wenn auch nur nominell — unter türkische Herrschaft gehörender Staat -durch eine Neutralitätserklärung nicht nur jede Unterstützung ab­lehnt, sondern sogar Maßregeln trifft, welche die Ver­teidigung von Tripolis in vieler Hinsicht erschweren müssen. Der Durchzug tückischer Truppen durch Aegypten ist dadurch unmöglich geworden, und damit jede unmittelbare Unterstützung der aktiven Garni- sonen.

Augenblick aber wurde die Abfahrt aufgeschoben. Ms Grund wird angegeben, daß bei einigen Mannschaf­ten Anzeichen von Cholera er krankung fich bemerkbar gemacht hätten. ____

* London, 7. Ott. 1911. Aus Kairo meldet die englische Presse, daß ein Ministeckaldettet das natio­nalistische Organ „Misr el Fatal' unterdrückt. Das Blatt hat die Regierung aufs heftigste angegriffen, weil sie parteiisch die Italiener zum Scha- den der Türkei begünstigt habe. Es klagt die Regierung weiter an, sie habe bewaffnet? Beduinen verhaftet und das tückische Verlangen aDgelehnt, die Leuchtfeuer im Mittelmeer auszulöschen. „As al Alaf, ein anderes nationalisttsches Glatt, meldet weiter, daß große Scharen von Beduinen ans der lydischen Wüste ben Trip olit an ern zu Hilfe eilen.

♦ Konstantinopel, 7. Ott. 1911. Das Kriegs­ministerium erhielt von ber militärischen Leitung in Tripolis folgendes Telegramm: Infolge des Bom­bardements sind zahlreiche Wohnstätten zer­stört. Eine große Zahl der Bewohner, darunter mehrere Frauen, fanden den Tod, und zwar ent­weder infolge der Ungeschicklichkeit der italienischen Artilleristen, die auf das Fock zielten, aber in die Stadt trafen, oder infolge der Barbarei der Italiener, die zweifellos danach trachteten, in ben bevölkerten Quartieren Tod zu säen. Von fünf Forts von Tri­polis sind nach sicherer Quelle zwei zerstört. Die italienischen Kriegsschiffe schoflen aus großer Di­stanz und waren von den Focks nicht erreichbar. Am 3. Oktober hatten die Türken zwölf Tote und 23 Ver­wundete. Einige italienische Kriegsschiffe sollen durch die Geschosse ber tückischen Batterien beschädigt wor­den sein. — Wie ber beütsche Generalkonsul von Tri­polis mitteilt, ist bei ber Beschießung weber das Eigentum noch Leben von Europäern zu Scha­den gekommen.

Deutsches Reich.

*♦ Berlin, 7. Okt. 1911. Das Kronprinzen- paar verabschiedete sich in einem herzlich gehaltenen Schreiben von der Potsdamer Bevölkerung. — Für die Landtagsersatzwahl im 5. Berliner Wahl, kreis anstelle des verstorbenen Abg. Borgmann haben di. Sozialdemokraten den Schriftsteller Borchardt als Kandidaten aufgestellt. Das Mandat ist sicherer Besitz der Sozialdemokraten. Die Wahlmänner­wahlen finden am 17. Oktober statt.

*♦ Zum Stand ber Maroktoverhandlungen. Die Verständigung zwischen Deu-schland und Frankreich ist, wie eine Nochrichtenstelle wissen will, völlig g e s i ch e r t und könne durch die bestehenden Meinungs­verschiedenheiten, die rein formaler Natur seien, unter keinen Umständen in Frage gestellt werden. Der Zeitpunkt der Beendigung der Verhandlungen lasse sich zur Stunde keineswegs voraussehen. Die Be- sprechungen könnten sich noch geraume Zelt hin. ziehen, sie tonnten aber ebenso gut einen über- raschenden Abschluß finden. Sicher sei nur, daß ein Scheitern der Verständigung in maßgebenden Kreisen als ausgeschlossen gehe. — Dem Reichs­tag soll, wie von angeblich „autunterrichteter Seite' verlautet, der Marotkovertrag erst gegen Ende Oktober unterbreitet wetb.-n.

0 Die Selbstüberschätzung be8 Freisinns. .Der Zentrumsturm wankt', so und ähnlich kann man seit der Tüffeldorser Wahl täglich in der frei- sinnigen Presse lesen. Die Linksliberalen scheinen das wirklich auch zu glauben, und die „Frkf. Zig." verstieg sich ja bekanntlich schon zu der Hoffnung, den Wahlkreis Fulda-Gersfeld-Schüchtern demnächst zu erobern. Ob der Zentrumsturm erschüttert ist oder nicht, darauf wollen wir uns gegenwärtig nicht näher einlassen, es genügt der ^Hinweis, daß das Zentrum über eine große Zahl absolut sicherer Wahlkreise verfügt, daß ein Wanken des Zenirumslurmes nur in der Einbildung der üintSUbiralen besteht. Statt sich mit so fcrnliegen» den Dingen zu beschäftigen, sollte sich der Libera­lismus lieber einmal im eigenem Hause um­sehen. Wir könN'N es ja begreifen, wenn er das nicht gern tut, beim viel Angenehmes wrd er da nicht finden. Die Wahlen von 1907 waren für b:e Freisinnigen ganz außerordentlich günstig, da sie überall Wahlhilse gegen die Sozialdemokratie und Zentrum erhielten, lind doch konnte der Freisinn bei den Hauptwahlen des Jahres 1907 von feinen 47 Reichslagsmandaten nur neun retten, während ihm die übrigen 38 erst in der Stichwahl zufielen. Auch von den neun geretteten Wahlkreisen ist nicht ein einziger sicherer Besitz des Freisinns, sechs von ihnen gehörten vorher den Sozialdemokraten ober Nationalliberalen, und drei hatten sie bei bet vor- letzten Wahl 1903 erst in ber Sti chirall gegenbie Sozialdemokraten behauptet. Bei den Nachwahlen hat sich nun bekanntlich überall gezeigt, baß die Sozialdemokratie auf Kosten des Freisinns einen gewaltigen Stimmenzuwachs erhalten hat, ber nicht zuletzt auf bie liberale Verhetzung der Massen zurückzuführen ist. Es ist danach sehr leicht mög­lich, daß die Freisinnigen in diesen neun Wahl­kreisen die Folgen ihrer Hetze an ihrem eigenen Leide zu spüren bekommen. Noch schlimmer flehen die Dinge für den Freisinn in den 38 Reichstagswahlkreisen, die er 1907 erst in ber Stichwahl gewinnen konnte. In nicht weniger als 13 Wahlkreisen konnten sie sich nur mit konservativer Hilfe behaupten und in 3 Wahlkreisen wurde ihnen bie Hilfe des Zentrums zuteil. Also fast die Hälfte ber in der Stichwahl gewonnenen Mandate verdankt der Freisinn ben Konservativen und dem Zentrum. In einigen schlesischen Wahl­kreisen könnte ber Freisinn durch ein Zusammengehen von Konservativen und Zentrum unschwer von der Stichwahl ausgeschaltet werden, so z. B. in Glogau und Jauer-Bolkenhain; weiter ist damit zu rechnen, daß in einer ganzen Anzahl von Wahlkreisen die Sozialdemokratie den Freisinn ans, der Stichwahl herausdrängt, so z. B. in den Wahlkreisen Eckern­förde, Heilbronn, Hagenom, Parchm.. Lndwlgsluft Oldenburg 1 und 2. In weit über die Halste seiner

Wahlkreise wird sich der Freisinn bei ben Neuwah­len der Sozialdemokratie als Gegner gegenübersehen und sich nur mit Hilfe der Konservativen und deSZenkrums behaupten können. Daß dem Freisinn aber die Hilfe dieser Parteien wie 1907 auch jetzt wieder zuteil werden wirb, ist so gut wie aus­geschlossen. Es würde ja nahezu an Selbstmord grenzen, wenn die Konservativen, auf die es haupt­sächlich ankommen wird, sich dazu herbeilaffen wür­ben, den Freisinn gegenüber seinem roten Bundes- btubet aus der Patsche zu helfen, demselben Freisinn, ber es sich zur Aufgabe gesetzt hat, den Konservativen soviel Abbruch zu tun, als ihm nur trgenb möglich ist. Zieht man aw daS in Betracht, so bleibt eine mehr als bescheidene Zahl von Wahlkreisen übrig, in denen ber Freisinn mit einiger Sicherheit auf Ersog rechnen kann. Aber auch hier nur bann, wenn ihm bie Sozialbemokraten, woran allerdings nicht zu zweifeln ist, ihre Stichwahlhilfe leihen. Im ganzen dürften es etwa 10 Wahlkreise sein, also noch nicht einmal ein Fünftel seines gegenwärtigen Besitzstandes. Um diese selben Leute, deren Aus­sichten für die kommenden Reichstagswahlen die denkbar ungünstigsten sind, fühlen sich bemüßigt, tiefsinnige Erwägungen über den Besitzstand anderer Parteien anzustellen.

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Die tripolitanische Küste ist in der Gewalt der Italiener, seitdem auch die fünf Hasenplätze der Kyrrnaika, nämlich Benghasi, Derna, Bomba, Tobruk ^und Urica, von den italienischen Kriegsschiffen bom­bardiert und von Landungstruppen der Kreuzer be­netzt worden sind. Der erste Abschnitt der Tripolis- 'toJebition ist damit abgeschlossen. Der zweite wird M ber militärischen Durchdringung des ganzen tripo- Manischen Gebietes bestehen. Man hofft in Rom, chaß die militärische Besetzung des inneren Tripoli- ctonien sich ebenso unblutig vollziehe werde, wie die Beschießung von Tripolis und der Höfen der Kyre-

X Italien und der Dreibund.

Verwöhnte Kinder sind niemals dankbar und irn- .ner unzufrieden.

Die Italiener hätten wirttich Grund, dem Deutschen Mich und der Habsburgischen Monarchie dankbar zu fein für die freundliche Behandlung, die der peinliche unb gefährliche Friedensbruch dort gesunden. Erst schien es auch, als ob man sich der Dankespflicht be- ftußt sei. Aber neuerdings mehren sich die Stimmen, hie an der Haltung der verbündeten Kaisermächte und an der Sprache ihrer PVeffe zu nörgeln suchen. Der „Sortiere della Sera", ein seht einflußreiches Mai­länder Blatt, droht sogar offen mit dem Austritt Italiens aus dem Dreibund, und ein Turiner Blatt ruft in demselben Sinne aus: Gott schütze uns vor unseren Freunden!

' Die italienischen Eiferer beschweren sich über zwei Dinge: Erstens über die Fordemng Oesterreich- Üngarns, daß Italien die Angriffe auf albanische oder epirische Plätze einstelle, überhaupt die europäische Tückei und namentlich das adnaiische und jonische Meer aus dem Kriegsspiel lassen solle. Zweitens übe? die „heftige Sprache", welche die deutsche und öster- reichijche Presse gegen Italien führten.

Zum ersten Punkt ist zu bemerken, daß Oesttttreich- Ungarn vollständig in seinem Recht ist und zugleich im Interesse von ganz Europa handelt, wenn es auf die „Lokalisierung" des Krieges drängt, d. h. baraitf, daß ber Krieg auf seinen Herb beschränkt bleibt, unb jede 'Ruhestörung auf dem Balkan zu verhüten sucht. Die italienische Regierung hatte zugleich mit dem Ultima­tum an bie Pforte ein Rundschreiben an ihre Balkan­vertreter veröffentlicht, in welchem die Ruhe auf dem Balkan als das eigenste Ziel ihrer Politik hingestellt wurde. Die „Heldentaten" des Herzogs der Abruzzen vor Prevesa usw. standen mit dieser Kundgebung, der italienischen Regierung nicht in Einklang. Es offen­barte sich da eine Strömung des militärischen Ehr­geizes, bie für bie Nachbarschaft Oesterreich-Ungarns und für ben europäischen Frieden gefährlich zu werden drohte. Das Feuerchen mußte im Keime erstickt wer­den, und das ist ber Wiener Regierung gelungen, aller­dings erst nach zweimaligem Anlauf. Der Einwand des Herzogs dec Abruzzen und ber sonstigen Draufgän­ger, daß von Prevesa oder einem anderen türkischm Hafenort Ausfälle gegen die italienische Küste ge­macht werden könnten, war nicht ernst zu nehmen. Man sieht ja, daß die Türkei gar keine Unternehmungs­lust zu Wasser besitzt. An Handstreiche im adriatischen Meere würde sie auch im Falle größerer Leistungs- fahivkeir gewiß zu allerletzt erst denken, da bie Macht­haber in Konstantinopel ebensogut, wie die Staats­männer in Rom den entschiedenen Einspruch Österreichs gegen bie Beunruhigung jener Gegenden kennen. Also Wenn sich jemand zu beklagen hat, so ist es Oesterreich- Ungarn wegen bet Nichtbeachtung der in ter italieni­schen Zirkularnote gegebenen Zusicherungen.

Was nun bie Sprache ber Pres se angehi, so ha­ben unseres Erachtens bie meisten deutschen und öster­reichischen Blätter auf die „Bundesgenossenschast" Jta- siens reichlich Rücksicht genommen. Ohne diese Rück­sichtnahme wäre bie Kritik des italienischen Vorgehens toch viel schärfer ausgefallen. Dieses eigenar- !ige Vorgehen war eine Ueberraschung, aber wahrlich feine angenehme Ueberraschung für Deutsch­land unb O-.sterreich-Ungarn. Zu ben moralischen imb ästhetischen Bebenken kam bie Erkenntnis ber Schwierigkeiten unb Gefahren, die unsere Politik im Orient sowie in Europa aus dem italienischen Aben­teuer zu erwachsin brohen. Soll es nun etwa „Bünd- nisnflicht" sein, auch bie bedenklichsten Handlungen des Bundesgenossen durch dick unb dünn zu loben unb «zu verherrlichen? Das Wäre doch in ber Tat zuviel § verlangt. Erst recht in bem vorliegenden Falle, da ; ber Dreibundvertrag, ber uns mit Italien verbindet, mit ber ganzen tripolitanischin Angelegenheit gar nichts zu tun hat.

Die Italiener sind, Wie man sieht, sehr geneigt, die Rechte aus dem Bündnisvertrag sehr zu überspan­nen; aber bie entsprechenben Pslichten aus dem Bündnisvertrag kommen ihnen weniger zum Bewußt­sein. In A l g e c i r a 3 stand Italien trotz Dreibund- Vertrag an ber Seite Frankreichs gegen Deutschlanb. Das jetzige Abenteuer hat Italien unternommen, ohne erst mit ben „Bundesgenossen" sich in's Einver­nehmen zu setzen.

Die Drohung mit bem Austritt mis bem Drei­bunde macht nach ben Erfahrungen ber letzten Jahre keinen Einbruch mehr. Früher wagte höchstens mal ein Zentrumsblatt, Italien als einen „unsicheren Kan- -toniften" zu bezeichnen. Jetzt ist biese Ansichr schon allgemein geworben. Jetzt brängt sich bie Frage auf, "ob es nicht besser gewesen, wenn Italien schon vor bem tripolitamschen Abenteuer auch formell aus dem Drei- bund ausgetreten wäre.

Deutschlanb unb Oesterreich-Ungarn können, wie bie scharfe Probe vor zwei Jahren ge­zeigt hat, ganz gut allein fertig werden. Sie können es umso leichter, wenn sie für italienische Abenteuer auch nicht ben Schatten einer Veramwock- lichkeit zu tragen haben.

D Hanau, 8. Ott. 1911. Bei der bevorstehenden Ersatzwahl zum preußischen Abgeordne- tenhause wird der Bund der Landwine, der bei der letzten Wahl mit einem eigenen Kandidaten her« vorgetreten ist, den konservativen Kandidaten Haupt­lehrer Schumann in Bruchköbel unterstützen. Es sind, da auch die fortschrittliche Volkspartei von der Aufstellung eines eigenen Kandidaten abgesehen hat, nur drei Kandidaten vorhanden: Baurat Wohlfahrt (national!.), Hauptlehrer Schumann (kons.) und Par- teifetreär Dißmann (soz.). Die Sozialdemokraten haben noch kurz vor dem Wahltermine eine starke Agitation entfaltet und gestern und heute Wahlver­sammlungen abgehalten, in denen der sozialdemo­kratische Landtags-Abg. Adolf Hoffmann aus Berlin als Hauptredner ausgetreten ist.

X Kassel,8.Okt. 1911. Die Stellungnahme der Nationalliberalen zum Zentrum im kommenden Neichstagswahlkampse erfuhr in einer dieser Woche hier abgehaltenen Verfammlung der Vlationattiberalen eine scharfe Beleuchtung. Partei­sekretär Nübel warf einen Rückblick auf die politischen Ereignisse unb Parteiverhältnisse, die den Stürz Bülows als Reichskanzler zur Folge hatten. Scharf ging Redner hierbei gegen das Zentrum vor, bas besonders an dem Sturze Bülows schuld fei. Es gelte nun, das Zentrum im bevor­stehend en Wahlkampf niederzuringen. Wenn die Zertrümmerung des Bülowblocks nicht erfolgt wäre, hätte das Zentrum ans dem letzten Katholikentag nicht gewagt, die Herrschaft der Kirche über die Schule so energisch zu fordern, wie cs das jetzt getan habe, es hätte keinen Modems st en- etö gegeben u. a. Auch diesmal unterließ es der Kandidat derNationalliberalen, Geheimrat Schröder, die ungerechtfertigten Angriffe gegen das Zen.rurn und die Katholiken zurückzuweisin, ebensowenig wie er seinerzeit die Anwürfe des Vorsitzenden des Evangelischen Bundes, des Herrn Oberlehrer Hof­mann zurückwies, der sich die Aeußerung erlaubte, „Zentrum und Sozialdemokratie hätten die Axt an die Wurzel des Reichsbaumes gelegt." Man wirb sich das für den bevorstehenden Reichstagswahlkampf merken. Jntereffant ist'. übrigens auch die Stellung­nahme der hiesigen Nationalliberalen zur sozialdemo­kratischen Partei. Der jetzige Inhaber des Man­dats von Kassel-Melsungen, Herr Amtsgerichtsrat Lattmann, hat den Nationallidera'en eine Unter­stützung auf Gegenseit angeboten. Aber bis heute konnten diese sich nicht entschließen, dos Anerbieten anzunehmen, tatsächlich läuft ihr Verhalten darauf hinaus, gegen den „schwarzblauen Block' dem Sozialdemokraten zum Siege zu verhette:'.

* Treysa, 6. Ott. 1911. Auf eine Anfrage kam vom Minister des Innern bie Antwort, daß im Reichs­tagswahlkreis Fritzlar-Honiberg-Ziegenhain noch vor den Neuwahlen eine Ersatzwahl stattfü.oet. Der Termin ist noch nicht festgesetzt.

§ Darmstadt, 8. Okt. 1911. Mitten während der Wahlkämpfe zur bevorstehenden Landtagswahl wird die hessische Zentrumssraktion durch den Ver­lust eines ihrer Mitglieder betroffen; heute- vor­mittag starb in Bingen der langjährige Vertreter seiner Vaterstadt im hessischen Landtag, der Abg. Jakob Pennrich, nachdem er vor Kurzem von schwerer Krankheit genesen war und man die besten Hoffnungen aus eine völlige Wiederherstellung hegen konnte. Jakob Pennrich wurde 1849 in Bingen geboten. 1877 übernahm er die Buchdruckerei und den Zeitungsverlag des „Binger Anzeigers", das als Zentrumsorgan namentlich in ben Zeiten des Kulturkampfes sich große unb bleibende Verbiet: sie erwarb. Im Jahre 1872 bereits hatte Pennrich bie Redaktion übernommen; im Jahre 1902 ging das Blatt unter dem Namen „Mittelrheinische Vocks- zeitung" in ben Besitz eines Konsortiums über, während fein langjähriger Besitzer in den Ruhe­stand trat. Seit dem Jahre 1874 gehörte Pennrich mit kurzer Unterbrechung bem ©cmeinberat bezw. der Stabtverorbnetenversaminlnng seiner Vaterstadt an, wo er eine gewichtige Rolle spielte. Seck dem 27. März 1879, wo er an Stelle des früheren Bürgermeisters Allmann als Abgeordneter bet «stabt Bingen in die Zweite Sommer der Stände berufen wurde, gehörte ec ununterbrochen bis zu fernem Hinscheiden dem Landtag und in ihm der Zentrum.- sraktion an; in letzterer führte er nach dem Hm- scheiden des Frhr. von Köth als Senior den Vorsitz. Die Dauer des Binger Mandats geht erst 1915 zu Ende; durch das unerwartete Hinscheiden Pennrichs steht eine Neuwahl in Bingen Stadt bevor, die wohl gleichzeitig mit der Erneuerung der Hälfte der Zweiten Kammer am 3. November stattfinden dürste. Die Zentrumspartei hat somit wieder den Kamps um die Erhaltung eines ihr seit Jahrzehnten gehörigen und bis dahin niemals krnstlich bestrittenen Mandats aufzlmehmen. Dem Verblichenen werden seine Ver«

* Mailand, 8. Ott. 1911. Der „Corriere" be- Mtet, daß die Besetzung von Tripolis auf -Wunsch der arabischen Bevölkerung erfolgt sei. Durch