Einzelbild herunterladen
 

M 230.

Samstag 7. ©ftober Ml

58. Zahrgang.

" fuldaer L Zeitung

2. Blatt.

t »red nnb Verlag der $*lbetr Actieedrvderei i» Selbe.

wochen-Uun-fchau.

[:] Fuiba, 6. Oktober 1911.

„ „ ■Trtholi § verdrängt. Fast

feÄ ÄÖ£ sjfftÄ fiÄ S&äsää mirtlun^seiie- s der Großmächte möglich machte, steht "rfcU der ganzen zivilisierten Welt fest. Ueberall findet da? Vorgehen Italiens die schärffte Mißbilli­gung. In seiner Bedeutung wächst das Vorgehen Italiens weit über eine rein italienisch-türkische An­gelegenheit hinaus. Einmal deswegen, weil es leicht zu einer Aufrollung der Balkanfrage führen kann, dann aber auch, weil es die übrigen Mach«, vor allrm aber

Deutschland stark in Mitleidenschaft zieht. Besonders die Stellung Deutschlands ist ganz besonders mißlich. An Italien ist es durch das gegenseitige Bundesver­hältnis gebunden und mit der Türkei unterhält es sehr freundschaftliche Beziehungen und es sind gewaltige wirtschaftliche Interessen, die da mitsprechen. So sind ihm gewissermaßen nach beiden Seiten die Hände ge­bunden. Ke bisherigen „Wafftntaien" der italieni­schen Flotte, die bei diesem Kriege die Schlappe von „Liffa", die ihr 1866 von den Oesterreichem beigebracht wurde, wieder gütmachen will, sind nicht danach ange­tan, den italienischen Kriegsruhm zu befestigen. Daß es den Italienern gelingen werde, in Tripolis zu landen, daran hat kein Mensch gezweifelt, aber damit haben sie die türkische Provinz noch nicht im Besitz. Sie können sich, wenn sie zur Eroberung des Hinterlan­des schreiten wollen, auf cinen langwierigen Kampf mit den Araberstämmen gefaßt machen, die sich schon jetzt auf einen solchen Kleinkrieg vorbereibcn. Das Wichtigste bei diesen« türkisch-italienischen Kriege ist, ob er auf Tripolis beschränkt bleiben wird. Vorläu­

fig ist der Balkan noch ruhig.

Ist sonach der Horizont der auswärtigen Politik von schweren Wolken verhängt, so ist andererseits auch die innerpolitische Lage in Deutschland derart, daß alle vaterlandsliebenden Kreise nur mit einer gewiffen Be­sorgnis in die Zukunft blicken können. Der Ausfall der Düsseldorfer Stichwahl hat gezeigt, daß der Großblock von Basiermann bis Bebel prccktisch bereits in die Erscheinung getreten ist. Diejenigen libe­ralen Kreise, die da glauben, auf das Wörtchen „na­tional" Anspruch erheben zu dürfen, haben sich nicht gescheut, gemeinsame Sache mit dem Umsturz zu ma­chen, um dem Zentrum das Mandat zu entreißen und das ist ihnen auch gelungen. Das Zentrum ist um einige tausend Stimmen hinter dem Sozialdemokraten zurückgeblieben, da es trotz der mehr als 30000 Nicht­wähler im Wahlkreise Düsseldorf nicht die nötigen Re­serven aufzuöringm vermocht hat, die notwendig wa­ren, den Vorsprung des Umstürzlers wett zu machen. Unsere Düsseldorfer Parteifreunde haben gewiß alles getan, was sich bei der Kürze der Zeit tun ließ. Aber die große Zahl der Nichtwähler, unter der sich zweifel­los auch zahlreiche Anhänger des Zentrums befinden, beweist, daß noch viel mehr geschehen muß und kann. Die Parteiorganisation muß so vervollkommnet wer­den, daß jeder Zentrumsanhänger mich ein Zentrums­wähler wird. Was hier gesagt ist, gilt aber nicht nur für Düsseldorf allein, sondern gilt für alle Zentrums­wahlkreise, mögen sie noch so sicher sein. Für die Zen- irumswähler ist der Verlust Düffeldorfs eine ernste Mahnung, daß sie immer und unter allen Umständen mit dem Mahlzettel zur Urne gehen müssen. In dem schweren Wahlkampf, dem das Zentrum bei den bevorstehenden Neuwahlen entgegengeht, muß jeder Anhänger des Zentrums seine volle Pflicht tun, wenn anders das Zentrum dem gemeinsamen Ansturm der Gegner mit Erfolg die Stirn bieten soll. Bemerkenswert ist auch das Ver­haften der Nordd. Allg. Ztg. anläßlich der Düffeldor- f* Nachwahl. Das offiziöse Blatt fand ebenso wenig für die nationalliberale Parole der Wahlenthaltung wie für die direkte Unterstützung des Umsturzes durch die die Nationalliberalen mich nur ein einziges Wort des Tadels. Das ist um so auffallender, als das offiziöse Blatt sonst immer in ähnlichen Fällen die bürgerlichen Parteien ermahnte, unter allen Umstän­den zu verhindern, daß die Sozialdemokratie den Sieg davontrage. Dies Verhalten des offiziösen Blattes gibt zu denken und läßt den Schluß zu, daß die Regierung trotz aller schlechten Erfahrungen noch immer die sogenannte Politik der Mittelpar­teien, d. h. der Nationalliberalen, machen will. So

steht denn das Zentrum im kommenden Wahlkampf ganz allein da und es wird alle Kräfte aufbieten muffen, um den Kampf siegreich zu bestehen. Dazu gehört vor allem der bis ins kleinste gehende Aus­bau der Kreisorganisattonen und dazu gehört in erster Linie die Unterstützung der Zentrumspresse.

Inzwischen hat die Regierung ihren bisherigen Notstandsmaßnahmen noch eine weitere hin­zugefügt. Durch einen Erlaß des Landwirtschasts- minifterS sind die Städte aufgefordert, zur Steuerung des allgemeinen Notstandes aktiv beizutragen. Even­tuell sollen die Städte, eigene Verkaufsstellen für Fletsch, Kartoffeln, Gemüse und Seefische einrichten.

Die Marokko-Angelegenheit ist trotz aller Ankündigungen noch nicht aus der Welt geschafft. Schon Ende der vorigen Woche sollte der Abschluß des auf Marokko bezüglichen Teiles des deutsch-fran- zösischen Abkommens erfolgen, aber bis jetzt wartet man noch immer vergeblich darauf, obwohl es sich nach Angaben unserer Offiziösen nur noch um redaktio­nelle Aenderungen handelt. Aber wie dem auch sein mag, an einem endlichen befriedigenden Abschluß der Marokkoverhandlungen ist wohl nicht mehr zu zweifeln.

In der Türkei hat der Ausbruch des Krieges mit Italien eine bedeutsame Veränderung herbeige­führt: den Sturz des jungtürkischen Kabinetts. An­stelle des bisherigen Großweflrs Hakik Pascha ist zum 14. Mal in seinem Leben Said Pascha zum Großwesir ernannt worden. Seine Ernennung ist um so beach­tenswerter, als er früher der Vertraute Abdul Ha­mids toaft Wer hätte noch vor wenigen Monaten auch nur an die Möglichkeit seiner Ernennung gedacht, wo das Jüngtürkenttim eine unumschränkt Herrschaft auszuüben schien. Welche wetteren Folgen die Er­nennung Said Paschas zum Großwestr in der inne­ren Entwielung der Türkei haben wird, läßt sich heute schwer Voraussagen. Vorderhand ist es Said Pascha noch nicht gelungen, ein Ministerium zu bilden. Daran wird zweifellos die Gegnerschaft der Jungtürken, aber sicher auch die gegenwärttge äußere Lage der Türkei schuld sein. Man darf darauf gespannt sein, nach welcher Seite hin sich die Lage entwickeln wird. Von unserem deutschen Standpunkt aus wäre ein Groß­westrat Said Paschas nicht gerade sehr.erfteulich, weil er als ein ausgesprochener Freund Englands gilt. Ein Umstand, der umso schwerer in die Wagschale fällt, als England den Tripolis-Konflitt nach Kräften auszunutzen sucht, Deutschland aus seiner einflußrei- chen Stellung am Bosporus zu verdrängen und sich selbst an dessen Stelle zu scheu.

In Portugal ist jetzt die schon lange und so ost cmgekündbgte monarchistische Gegenrevolution zur Tat geworden. Der Monarchistenführer Hauptmann Conzeiro ist mit 4000 Mann in Nordponugal einge- brungen und nach den bis jetzt vorliegenden Nachrich­ten ist sein Vordringen von Erfolg begleitet. Die vier größten Städte Nordportugals haben sich der monar­chistischen Gagenrevolution angeschloffen und sämtliche Truppen in diesen vier Städten sind zu Conzeiro über­gegangen, der bereits die Monarchie in ^Portugal pro­klamiert haben soll. Die portugiesische republikanische Regierung legt sich fteilich einstweilen noch aufs Leng- nen und sucht alle Nachrichten über die Erhebung der porttrgiestschen Monarchisten zu unterdrücken. Daher ist es schwer, sich ein zutteffendes Bild von der augen­blicklichen Lage in Portugal zu machen. Aber nach allem, was bisher verlautbarte, ist nicht mehr daran zu zweifeln, daß die Monarchisten im Norden Portu­gals festen Fuß gefaßt haben und sich anschicken, nach Süden vorzustoßen.

Der Verlauf, dm die Ereignisse in Persien ge­nommen habm, bedeutet für den Erschah Mohammed Ali den völligm Zusammenbruch seiner Unternehmun- gen zur Wiedererlangung des Thrones. Nachdem auch sein letzter noch in Persirn mit einer ansehnlichen Truppenmacht sichender Anhänger Salah ed Daule zwei entscheidende Niederlagen erlitten hat, ist die Sache Mohammed Alis verloren. Das zeigt sich be­sonders darin, daß Rußland, das trotz aller Ablmg- nungcn ganz offenkundig auf Seiten des Exschahs stand, seinen Schützling hat fallm taffen. Für die russische Polittk bedeutet dieser Ausgang der ganzen Angelsgenhett einen entscheidenden Hereinfall. Eng­land war da vorsichtiger. ES hat zwar ftrengfte Neu­tralität beobachtet, dabei aber alles tiermieben, was auch nur im entferntesten nach einer Unterstützung des Exschahs hätte aussehm können. Welche Folgen das für Rußland hat, läßt sich heute schwer fegen. Das Mißtrauen Persiens ist jedmfalls geweckt.

+ Die Sozialdemokratie auf dem Laude.

In der Oeffentlichkett hat ein Beschluß des Jenaer Parteitages wenig Beachtung gefunden. Es ist der Beschluß, die sozialdemokratische Agitation auf dem Lande auf verwandtschaftlicher Grundlage zu betreiben.

Dieser Beschluß verdient größere Beachtung sei­tens der bürgerlichen Parteien und besonders auch fettens des Zentrums. Er beweist zweierlei. Ein­mal, daß die Sozialdemokratie mit ihrer Agitation unter den Landleuten bisher nicht die erwarteten Erfolge erzielt hat, daß sie nun aber ihre Land­agitation mft erneutem Eifer aufnehmen und ihre Werbetätigkeft auf eine ganz neue Grundlage stellen will. Der Beschluß bezweckt, daß die vom Lande zugewanderten städtischen Arbeiter, die der Sozial­demokratie angehören, ihre verwandtschaftlichen Be- zichungen dazu mißbrauchen sollen, dem Umsturz neue Anhänger zu werben.

Eigentlich stellt sich die Sozialdemokratie mit diesem Beschluß ein ungewolltes Armutszeug­nis aus. Die Genossen haben durch ihre Mißer­folge auf dem Lande erkennen müssen, daß den von ihnen vertretenen Grundsätzen und Anschauungen keine Werbekraft innewohnt, und daß es ihnen trotz aller Lüge und Hetze nicht gelingen kann, den gesunden Sinn unserer Landbevölkerung irrezufüh­ren. Die Genossen aus den Städten und den Jn- dustriebezirken sollen also nun in Zukunft ihre Verwandten aufdem Lande auf suchen, und die verwandtschaftlichen Gefühle für die Zwecke chrer Partei in Anspruch nehmen. Wer die Ver­hältnisse auf dem Lande kennt, der wird wissen, daß gerade auf dem Lande das verwandffchaftliche Ge­fühl der Zusammengehörigkeit in ganz besonderem Maße ausgeprägt ist u. das ist sicher, daß ein Mann auf dem Lande einem Verwandten williger Ge­hör schenken wftd, als einem fremden Agitator, der ihm das Gift des Unglaubens einzuträufeln ver­sucht.

Wir wollen die Gefahren, welche die neue Me­thode der soialdemokratischen Landagitation in sich birgt, gewiß nicht überschätzen. Es ist nicht zu ver­kennen, daß die Saat der Unzufriedenheit und des Umsturzes auf dem jetzt von der Sozialdemokratie einzuschlagenden Wege leichter als bisher gestreut werden kann. Die Sozialdemokratie gewinnt auf diese Weise eine weit engere Fühlung mit der ländlichen Bevölkerung als sie bisher hatte. Und darin liegt zweifellos eine Gefahr. Darum muß von feiten des Zentrums von allem Anfang an dem Versuch der Sozialdemokratie, sich in ländlichen Kreisen einzunisten, mit‘aller Entschieden­heit entgegengetreten werden.

Was das Zentrum anlangt, so dürfen wir wohl ohne Selbstüberhebung sagen, daß es in engster Fühlung auch mft der Landbevölkerung steht, viel­leicht sogar in weit größerem Maße als das jede andere Partei von sich sagen kann. Aber dieser Umstand darf es uns nicht verleiten, der Land­agitation weniger Aufmerksamkeit zuzuwenden. Wir dürfen nicht in dem sicheren Gefühle des Besitzes uns mit dem bisher Errungenen zufrieden geben. Wir müssen vielmehr unablässig darauf bedacht sein, die Bande, die uns mit einander verknüpfen, immer fester zu gestalten.

Wir dürfen nicht Nachlassen, aufklärend zu wirken und die eng st e F ü h l u n gs n ah m e mit den Landleuten zu suchen. Wo noch etwas zu vervollkommnen ist, da muß es bald geschehen, damit, wenn der Genosse kommt, er überall ver­schlossene Türen findet.

Deutsches Reich.

♦♦ Berlin, 6. Okt. 1911. Die Ei Hebungen des Kultusministeriums über Ingendfürsorge sind in kurzer Zeit beendet. Es handelt sich bei diesen Erhebungen darum, festzustellen, wieviel Jugend­liche sich an vaterländisch geleitete Vereine, an kirchliche. Spick- und Sportvereine, nationale Turn- vereinigungen und Jugendvereine angeschloffen haben. — Die Expedition auf Ponape und D f ch o k a d s ch gilt nach einer eben erlassenen Kabi­nettsorder als Krieg. Somit gift für die Mann-

—k

schäften der Kreuzer „Emden", „Nürnberg" „Kor« woran" und „Planet" das Jahr 1911 als Kriegs­jahr. — Vom Bau der llsambarabahn erfährt der ,$agz, daß die Gleisspitze soeben den vorläufigen Endpunkt Maschi am Kilimandschari erreicht hat. — Die diesjährige Vertreterverfammlung des Reichs­verbandes der Vereine der nationalliberalen Jugend findet am 3., 4. und 5. November in Karlsruhe statt.

♦♦ Einigung der Antisemiten. Zwei antisemittsch« Gruppen wollen sich verschmelzen: die Deutschsoziale mü der Deutschen Reformpartei. Es ist noch gar nicht so lange her, da wurden fünf ober sechs anti­semitische Gruppen gezählt. Denn bei den Antisemiten will jeder Führer seine besondere Partei haben. Im Reichstag sind mißer dm Christlichsozialen nur zwei antisemitische Gruppen vertreten. Beide sind führer­los: die Deutschsoziale Partei hat Liebermann v. Sonnenberg, die Deutsche Reformpartei Zimmermann verlorm. Diese beiden Führer warm stark gegen ein­ander eingenommen. Für beide war in einer und der­selben Partei kein Platz. Vor dm Reichstagswah- lm von 1907 wurden als Mitglieder der Deutschen Reformpartei Bindewald, Bruhn, Gäbel, Gräfe, Wer­ner und Zimmermann und als Mitglieder der Deutschsozialen Partei Herzog, Köhler, Luttmann, Lie­bermann v. Sonnenberg, Raab, Schack aufgeführt. Von diesem Dutzend Antisemiten sind im Laufe bei Legislaturperiode vier aus dem Reichstag ausgeschie­den und nur einer — anstelle von Köhler der Abg. Wemer II. — neu eingetreten. Daß diese neun führer­losen Antisemiten bas Bedürfnis nach Einigung ver- spürm, ist begreiflich.

* Ein Naiver, aber Echter von der sozialdemo­kratischen Theorie. Wir lesen im „Ulmer Volksbo­ten" : Göppingen, 2. Ott. Theorie und Praxis hat die Sozi schon oft in Verlegenheit gebracht. Ein sozialdemokratisches Gemeinderatsmitglied eines be­nachbarten Dorfes, der in einer hiesigen Fabrik ar­beitet, und nebenbei noch eine kleine Oekonomie be­treibt, trat auf feinem heimatlichen Rathause mit seiner ganzen sozialdemokratischen Wucht gegen die Milchpreiserhöhung auf. Aber: „Mit des Geschickes Mächten uffo.*, als er in seine Fabrik kam, wurde ihm von seinen „Genossen" vorgehalten, daß seine Frau die erste gewesen sei, welche den Milchpreis erhöht habe. „Des got mi nix a, mei Weib treibt Oekonomie," sprach der finge Gemeinderat und ließ seine verblüfften Genossen stehen.

Ausland.

* Die katholische Bewegung in Holland. Die 6. soziale Woche zu Maastricht, dem Mittelpuntte des Industriegebietes, stellte an die ziemlich zahl­reichen Teilnehmer hohe Anforderungen. Die an sechs Tagen gehaltenen Vorträge erstreckten sich durchweg über praktisch-soziale Themata und waren, äußerst werlvoll. An der Spitze der katholisch­sozialen Bewegung steht Dr. Aalberse, der Zentral­sekretär des Volksvereins für das katholische Holland.

)«( Die Bewegung der Landdevölke- rrrng im Regierungsbezirk Kastel

innerhalb der letzten 30 Jahre (1880-1910).

Im Anschluß an unsere Ausführung in Nr, 158 der „Fuld. Ztg." vom 14. Juli d. I. über die Bewegung der Städtebevölkerung im Reg.-Bez. Kassel lassen wir heute anhand der Ergebnisse der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 bezw. vom Jahre 1880 einige Ausführungen über die Be­wegung der K r e i 8 bevölkerung unseres Bezirk­folgen. Es sei bemerft, daß wie fast affentifalben in der Monarchie so auch im Bezirk Kassel die Städte verhältnismäßig weit mehr zugenommen haben als die Landgemeinden. So betrug die Gesamtein­wohnerzahl der Landgemeinden des Reg.-Bez. Kas­sel im Jahre 1880 : 570 898 Seelen und die sämt­licher Städte 251 533. Während nun die Lcmdbe- völkernng bis 1910 auf 617 858, d. i. um 46 960 ober 8,22 Prozent langsam angewachsen fft, stieg in verhältnismäßig schnellem Tempo die Einwohner­zahl der Städte innerhalb dieser 30 Jahre von 251 533 auf 390149 Köpfe, d. i. um 138 616 ober 55,10 Prozent. — Die höchste Einwohnerziffer aller

Vater

Lebenrwende.

Roman von Horst Bademer.

dankbar würde ich Ihrem Herm

6]

.Wie sein!"

„Er kommt in einigen Tagen, um sich mein Bild ünzufehen! Erlauben Sie, daß ich ihm ehrlich schreibe, was Sie mir gesagt?"

.Aber natürlich, gnädiges Fräulein!"

Mit einemmal wurde es Hans Heinrich viel leich- icr ums Herz.

„Vergessen Sie nicht, Herr v. Hakburg, mein Va- \ ter ist ein einfacher Mann, und wenn Sie unter die Geschäftsleute gehen, müssen Sie nicht an die Ver- nngenheit, sondern an die Zukunft denken!"

Alnd das fällt mir gar nicht mehr schwer!"

Sie-verstand den Sinn wohl.

„Es gibt einen Adel der Geburt, einen Adel des Geldes, an den ich übrigens nicht so recht glaube, es M aber noch den Adel der Arbeit und den schätze ich 8» höchsten ein!"

„Das war ein gutes Wort, gnädiges Fräulein, fiir bas ich Ihnen banke!"

Tie Blätter kamen in leichtem Wegen von den tarier3 * * * * * * * to-m ein stiller Spätherbstnachmittag. Nun fa)ritten sie rusttg ihrem Ziele entgegen. — Änbrin^n ft11 Ausstellung war man mit dem Kh in ein«, beschäftigt. Hoftat Schulte

F? ,r”nenL Krnse von Malern und Angestellten i F“ feine ^norbnungen. Für das Publikum blft- Ifn heute die Sale geschlossen.

„Ah, Fräulein Rollen, guten Tag!"

. Herzlich streckte der alte Herr der jungen Male- Mr die Hand entgegen. Sie stellte ihren Begletter tzor. Auch Hakburg bekam einen Händedruck.

„Gleich kommt Ihr Bild an die Reihe!"

Fräulein Rollen hatte kotz Hakburgs Bitten nicht Wrraten, was e8 darstellte.

6 „Ich will Sie nicht beeinflussen. Sie soffen selbst jSteilen — und ehrlich sein!"

\ »Aber ich bin vollkommener Laie!"

.Gerade deshalb! Kunstkenner werden das Ge­mälde schwerlich kaufen!"

„Nun das Landschaftsbild mit der Kftche hierher!" rief der Hoftat einigen Arbeitern zu.

Es wurde an die Wand gehalten. Herr Schulte wiegte ben Kopf hin unb her.

„Was meinen Sie, meine Herren? Unb Sie, Fräulein Rollen, — Warten Sie! — Dort hinüber, neben die Schmiede! S—o — nicht wahr? — Gut!"

Man befestigte es.

Hakburg trat heran, als die Arbeiter fertig waren. Aus Maiengrün sah ein kleines Kirchlein hervor, vor dem der Friedhof lag. Eine junge Witwe, einen Kranz in bet Hand, trat durch die Seine Pforte von der Straße her ein; der lange, schwarze Schleier reichte fast bis zur Erde. Das Bild hieß: Lebens­wende.

Lange sah es der Offizier an, bann drückte er wortlos Fräulein Rollen bie Hand.

.Ein kantiges Bild!"

j „Ein ergreifendes, gnädiges Fräulein!"

.Das ist das beste, was Sie mir sagen können, Herr v. Hwkburg!"

Als es anfing, zu dunkeln, traten sie ben Heimweg an. Ihre Schritte lentten sie, ohne ein Wort der SBerabrebung, durch ben Tiergarten. Feine graue Schleier legten sich übet bie Wasser, krochen an den Büschen entlang, bie hohen Stämme empor. Da blitz­ten bie Lichter auf unb scheuchten das Dunkel zurück, der Tag sank, die Feme lag schwarz, drohend vor ihnen, aber bie zwei jungen Menschenkinder schritten festen Fußes wettet, ihr Weg blieb hell.

V.

, »Frcmlein Rollen, von Ihnen ist ja ein famoses Silb bei Schulte ausgestellt," sagte ein älterer Herr, Sprachlehrer von Bemf, als sich Erika, die zu spA gdommen war, auf ihren Platz fetzte.

Da war sie wider Willen doch der Mittelpuntt bet Unterhaltung geworden.

„Und so etwas erfährt man nur durch Zufall", meinte entrüstet ein verblühendes Mädchen, das feit

kurzem ihre Kehle entdeckt hatte unb durchaus in der

nächsten Saison auf einer großen Bühne die Walküre

fingen wollte.

Man bestürmte Fräulein Rollen mit Fragen, aber fie wehrte ab. „Gehen Sie doch hin, unb sehen Sie es sich an!"

Ja, bas wollte man. Ein paar jüngere Damen und Herren berabrebeten sich noch für diesen Tag.

Nach dem Essen trat bie junge Malerin auf Hak­burg zu. „Morgen kommt mein Vater, er wird sich seht freuen, Sie kennen zu lernen."

Mit offenem Munde hörte man zu. Freilich, wenn fie eine bedeutende Künstlerin war und der Vater fiat sah, bann würbe wohl nächstens die Pension mit der Verlobung der beiden überrascht werben.

Hans Heinrich holte Hut, Mantel unb Stock unb verließ bie Pension mit Fräulein Rollen.

„Wissen Sie, daß ich großer Kerl mich eigenttich vor einem Zusammentreffen mit Ihrem Herm Vater fürchte?"

„Das kann ich unmöglich glauben, Herr von Hal­bing."

„Versetzen Sie sich, bitte, mal in meine Lage! Ich bin nichts, ich kann nichts . . .!"

Da lachte ihn Fräulein Rollen aus.

„Was hat benn das alles in Ihrem Alter zu sa- gen? Denken Sie an meinen Vater! Er hatte eine zahlreiche Familie, eine kränkelnde Frau, wurde hin- ausgeschleubett aus seinem ihm lieb gewordenen Be­ruf und stand mit fünftausend Mark auf bet Straße! — Da haben wir eben alle mit zugefaßt, ich ließ Pin­sel und Palette liegen unb verkaufte anfangs mit, Gries, Kaffee, Zigarren, drei Stück für 10 Pfennig."

Hellauf lachte sie.

„Wie ein guter Geist kommen Sie mir vor, affe trüben Gedanken verstehen Sie zu bannen!"

„Das freut mich herzlich, Herr v. H<ckburg."

*

Im Treppchen „Unter den Linden" erwartete HanS Heinrich Herm Stoffen unb feine Tochter. Dort woll­ten sie zusammen Mttag essen.

Unb als Erika an bet Sette ihres Vaters, eines einfach gell eien, stattlichen Mannes, mtt grauem Schnurrbart, scharfen, blauen Augen unb einer mäch­tigen Glatze das Lokal betrat, ging Hakburg auf die beiden zu und stellte sich Herm Rollen vor.

Der streckte dem eleganten, jungen Manne herzlich die Hand entgegen.

.Meine Tochter hat mir von Ihnen geschrieben; ich benke, nach Tisch gehen wir in ihre bescheidene Wohnung, dort können wir ungestört plaudem."

Herr Stoffen machte auf Hakburg ben allerbesten Eindruck. Ein Mann, der wußte, was er wollte, der Erfahrungen im Leben gesammelt, sonst wäre fein Ge­sicht wahrscheinlich noch nicht so von scharstn Zügen durchfurcht gewesen, seine Stimme, seine Handbewe- gungen, das breite, trotzige Kinn verrieten Energie.

Man aß das billige Diner zu einer Mark fünfzig, und ttank zu tritt eine Flasche recht harmlofln Mosel dazu.

„Ich denke, nun sehen wir uns nochmal das Bild meiner Tochter an! — Sie müssen diesen Gang dem Vater zugute halten, der sich redlich hemmgeplagt hat, um seinem Kinde ben Lieblingswunsch zu erfüllen, und bann fahren wir zu dir, Erika!"

Sie streichelte ihres Vaters breite Hand.

„Sehr gern, Herr Rollen!" sagte Hans Heinrich. — „Gestern habe ich mich eine Stunde in dem Saale aufgeh alten, in dem „Lebenswende"* hängt, und habe manches anerfennenbe Wort gehört."

„Das ist ja sehr erfteulich!"

Und als sie zu dritt ben Saal betraten, wäre Hans Heinrich am liebsten ausgerissen, fein Vetter Manfred stand vor der „Schmiede", dem Gemälde, welche- neben Fräulein Rollens Bild hing.

Und Manfted Hakburg wandte seinem Vetter lana- sam dm Rücken zu, unb ging, ein malittöses Lächeln um den Mund, in einen anderen Saal,