> 230.
Samstag 7. Oktober f9U
38. Zagrgang.
* Tuldaer W Zeitung
4. Blatt
Druck und Verlag Net znldaer atflet^mdtrei iw Zwlda.
Deutsches Reich.
K Der Hansabund auf der Anklagebank. Es gibt — man sollte es nicht glauben — immer noch Ange- böriae des Mittelstandes und der Angestellten, die in dein Wahne leben, daß ihre Interessen beim Hansa- hund gut aufgehoben feie». Was werden sie sagen, wenn der „Vorwärts", das sozialdemokratische Zentralorgan, der als guter Freund des Hansabundes diesen ganz gtnau kennt, ihn wie folgt charakterisiert:
„Der Hansabund steuert mit einem entschiedenen Rack in das Fahrwasser der Scharfmacher und sozialpolitischen Rückwärtsler. Schon bei Telegeu- heil der Polemik zwischen den Herren Riefer und Röt- ger aus Anlaß des Kraches im Hansabund wnroe bekannt, daß heften Leitung „grundsätzlich" von der Notwendigkeit eine- beffercn „Arbeitswilligenschutzes" durch die Gesetzgebung über-,engt sei. Aus wahttaklischcn Gründen hielt man es aber für zweckdienlich, solche Ansichten der Oeffentlichkeil vorzuenthalten. Run versucht der Bund sich als sozialpolitischer Brem- ser, indem er eine tendenziöse Aufmachung über die Belastung der Industrie durch öffentlich-rechtliche Lasten veröffentlicht." Der »Vorwärts^ führt weiter aus, daß die Aufstellung der Belastung der Industrie nicht stich- halt g ist und bezeichnet sie als einen groben Unfug.
Wir können daraus verzichten, hier auf diese Feststellungen des Vorwärts näher einzrigehen, da wir auch ohne sie bereits von dem antisozialen Charakter des Hansabundes längst überzeugt waren, bevor der Vorwärts seine „EntdÄung" machte. Natürlich hat dec „Vorwärts" den wahren Charakter des Hansa- bundes schon längst gekannt, aber er hat es offenbar nicht für ratsam gehalten, von dieser seiner Kenntnis Gebrauch zu machen, denn es konnte die Arbeitermassen doch stutzig machen, dir Sozialdemokratie, die doch angeblich die Interessen der Arbeiter auf ihr Programm geschrieben hat, einträchtig mit dem im Hansabund organisierten Großkapital Hand in Hand gehen zu sehen. Dem Arbeiter würde ein Parieren mit dem Unternehmertum, das die organisierte Sozialdemokratie doch als seinen Gegner betrachtet, als unvereinbar mit der Wahrnehmung der Arbeiterimereffkir ansehen. Drum mußte der wahre Charakter des Hansabundes auch dem Arbeiter gegenüber vertuscht tverden, wie es ja auch dem Mittelstand, dem Handwerk und Gewerbe gegenüber geschehen fft. lind der „Vorwärts" hat sich nicht gescheut, das eifrige Bemühen des Hansabundes, sein wahr s Gesichi zu verbergen, nach besten Kräften zu unterstützen. Und da kurz vor den Neuwahlen zum Reichstag spielt der Hansabund seinem roten Bun- desbrudec den bösen Streich, seine antisoziale Gesinnung weniger vorsichtig als bisher zu verbergen. Wir sind gespannt bat auf, was die Sozialdemokratie nun tun wird. • Eigentlich müßte sie jetzt das Tisch- Älch zwischen sich und dem scharfmacherischen Honla- tzund zerschneiden. Da? wird sie natürlich nicht tun, ist ihm doch der Hansabund bisher ein so ge- fchickter Wegbereiter gewesen, daß die Sozialdemokratie ihn nicht gern verlieren wird.
□ Sozialdemokratische Gehässigkeit gegen die katholische Kirche. Jedem halbwegs einsichtsvollen Menschen war es von vornherein klar, daß der Papst in de» Kriege um Tripolis weder für die Italiener noch für die Türken Partei ergreifen könne; aber andererseits stand es ebenso fest, daß die kirchenfeindlichen Skandal- und Schwindelblätter in ihrem grenzenlosen Hasse gegen alles Katholische, 6en Papst in den Konflikt hineinzerren würden. Um nun diesen Schwindlern das Handwerk zu legen, verbreitet die „A.zencia politica" folgende Note:
Der Heilige Stuhl, der mit der Türkei diplomatische Beziehungen unterhält unb in Konstantinopel feinen apostolischen Delegierten hat, der gegenwärtig Mfgr. Sardi ist, kann nicht anders im Interesse aller Christen, die die Türkei bewohnen, als sich neutral Der alten. Audererwüs sind die Ordensdänser rmd Ordengenossenschaften, die italienischer Rationalität sind oder dem italienischen Protektorat unterstanden. ebenso wie alle anderen italienischen Staatsangehörigen, unter deutschen Schutz übergegangen.
Der vatikanische Korrespondent der D i fe sa, deren Leiter Saccardo bekanntlich mit dem hl. Vater persönliche Beziehungen unterhält, hat, tote wir schon mittcilten, die Nachricht, daß der Vatikan mit äußerster Sympathie das italienische Unternehmen verfolge, als Unwahrheit emlarvt. Der hl. Stuhl sei in Wahrheit nur um die Interessen und die Ausbreitung des Katholizismus besorgt; Italiens Politik berühre ihn nicht. Somit kann für jeden wahrheitslirbenden
Menschen nicht der geringste Zweifü darüber bestehen, daß her Papst kn dem Konflikt zwischen Italien und der Türkei unbedingt üb et bat Parteien steht und stehen muß. Das HAt die sozialdemokratische Preffe nicht ab, den Papst der Parteinahme für die Italiener anzuklagen. Die »Franks. Voltsstimme" ent rüstet sich:
Das Vorgehen Italiens ist nach den übereinftün* tuenden Urteilen der gesamten antzeritakienischen Oef- fentlichkcit ein Akt, der nichts von Gerechtigkeit, desto inehr aber von dem Machtbewußtsein des Straßenräubers hat; und dafür läßt der Papst beten! Die deutsche Zentrumspreffe aber verurteilt übereinstimmend ht der schärfsten Weise das Vorgehen Italiens uns nennt es einen „Ausbruch des italienischen Größenwahns". Wo Legt die größere Gotteslästerung? . . Auf der Seite des Papstes, der den lieben Gott bittet, dem Straßenränder zu helfen, oder bei der deutschen Zentrumspreffe, die so den Natthalter Petri ad absurd um führt?
Noch toller tveibts das Zentralorgan der Sozialdemokratie, der »Vorwärts". Er schrieb:
Man kennt die Sitte der süditalienischen Banditen (toir meinen jetzt die kleinen Räubers: Haden sie einen Streich vor, so verrichten sie vor dem Bilde der Madonna inbrünstige ®ebete für das Gelingen. Handelt eS sich gar nm ein wichtigeres Unternehmen, so lassen sie sich« etwas kosten und stiften Opfergaben für eine Kapelle oder lassen von einem gefälligen Pfaffen Messen lesen. An diese Gepflogenheit wird man erinnert, lieft man jetzt, wie freudig bewegt der Papst über das Seegefecht bei Prevefa ist, mit welcher Sympathie er die Streiche her großen Banditen verfolgt und tote italienisch-patriotisch plötzlich die vati- k«mische Presse ist. Auch der metallische Hintergrund fehlt bei dieser Sympathie nicht völlig; fft doch die Bank di Roina ine einzige Bank, die in Tripolis eine Filiale besitzt, ein vom Vatikan abhängiges Institut. Und so betet der Papst für das Gelingen des Banditenstreiches und alle katholischen Priester schüren die Kriegshetze und entfesseln den Wahnsinn des Volkes bis zur Siedehitze.
Das fft erlogen vom Anfang bis zmn Ende. Denn selbst das gehäsiig-katholikenfeinbliche Berliner Tageblatt mußte feststellen, daß der Vatikan sortfährt, „offiziell in absoluter NeutnttiM zu verharren". Weil's halt selbstverständlich ist. Die sozialdemokratische Presse ist aber bereits so tief gesunken, daß sie ihren erlogenen Unsinn in breiter Behaglichkeit der Oeffent- lichkeit anzubieten wagt.
Aus dem Rachbargebiele.
♦ Frankfurt a. M., 7. Ott. 1911. Am nächsten Montag wird der Verband katholischer Dienstmädchenvereine Deutschlands seine brüte Generalversammlung in hiesiger Stadt abhalten. Wenngleich erst auf vier Jahre des Be- stehens zurückblickend, umfaßt der Verband doch schon 60 Vereine mit einer Mitgliederzahl von über 10000. Er unterhält in München, am Sitze des Generalvorstandes ein eigenes Verbandssekretariat, das m allen Dienstbotenangelegenheiten Auskunft erteilt und bei Neugründung und beim Ausbau von Vereinen Unterstützung leistet. Das Verbandsorgan »Haus und Herd" erscheint bereits in ca. 12000 Exemplaren. — Die »Volksstimme" verzeichnet ein Gerücht, wonach zwischen den beiden feindlichen Brüdern »Frankfurter- General-Anzeiger" und »Frankfurter Nachricht en", die sich vor Woche» bekämpften und beiderseitig den Richter angerufen haben, eine Einigung und Verständigung erzielt worden ist. Der Besitzer des Generalanzeiger? Horstmann soll eingewilligt haben, daß sein'Matt von dem Frankfurter Nachrichteu-Concern übernommen wird. Als Abfindungssumme, die Horstmann erhält, nennt mau zwölf Millionen. I» Anwaltskreise» sei man längst davon überzeugt, daß die angekündigten Prozesse zwischen »Frankfurter Nachrichten" und »General-Anzeiger" nicht zur Verhandlung kommen.
Amt Geisa und Umgebung.
* Vacha, 6. Okt. 1911. Der hiesige 1. Borschutz-Verein feierte gestern das Fest seines äOjährigenBeftehens. Er hatte aus diesem Anlatz seine Mitglieder zu einer Generalversammlung geladen^ nach bereu Beendigung ein gemeinsames Essen ftattfand, an welchem sich 64 Mit
glieder beteiligten. Besonders chrend gedacht wurde der Gründer des Vereins, welche im Herbst des Jahres 1861 mit einem Kapital von 68 Talern ben Geschätsbetrieb eröffnete».
♦ Stadtlengsfeld, 6. Okt. 1911. Bet Herrn Gastwirt Wabnitz in Dietlas wurde nachts eingebrochen. Der oder ine Dieb« öffneten bas Kücheufen- ster und gelangten auf diese Weise ins Haus, wo sie brei Brote, Wurst, Fleisch unb Käse, sowie eine Zchnltterflasche Schnaps mitgchen ließen. Man schreibt auch tiefen Diebstahl auf das Konto beS Wilderers Klotzbach. Eine warme Lagerstätte für die Winterkampagne soll sich Klotzbach übrigens dadurch verschafft haben, daß et einem Schaf« das Bett aus der Schäferhütte enftoenbde.
* Dippach, 6. Ott. 1911. Auf bas heute Hirt durch bas Großh. Amtsgericht Gefftungen zwangsweise versteigerte Rittergut des Frhrn. Fritz von Vultöe gab bas Höchstgebot von 110000 Mark die Firma Peckold u. Raake in Halle a. S. ab. .
* Neidhartshausen, 6. Ott. 1911. An bet hiesigen Haltestelle werben endlich Vorbereitungen für die Errichtung einer Wartehalle getroffen. Damit trögt die Eifenbahnverwaltung entern längst gefühlten Bedürfnis Rechnung, da es keineswegs au- genehm war, bei Wind und Wetter auf die Züge der Feldabahn zu warten. — Eine rege Bautätigkeit wird hier zur Zeit entfaltet. Da, wo erst vor kurzem das verheerende Element gehaust hat, erhebt sich heute schon ein Neubau. Eine Scheune des Bauunternehmers Meß fft bereits fertiggestellt.
* Merkers, 6. Okt. 1911. Endlich bekommt auch Merkers eine Hochdruckwasserleitung! Nachdem es schon jahrelang der sehnlichste Wunsch des größten Teiles der Gemeinde war, verstauben es die Gegner immer wieder, den Plan zu vereiteln. Jetzt hat man sich mit Tiefenort und Kieselbach zusammengeschloffen und die Quellen am Dietrichsberg, der etwa 10 Kilometer von Merkers entfernt liegt, gefaßt. Die Leitung ist veranschlagt auf 20 000 Mk. und soll am 1. November sertiggestellt sein. Gegenwärtig werden die Hauptleitungen gelegt, nachdem bas Reservoir und Hauptftrang fertiggestellt sind.
* Philippsthal 6. W., 6. Okt. 1911. Wie an unterrichteter Stelle verlautet, beabsichtigen die Kaliwerke Hattorf, Akt.-Ges., sich an einigen im Schachtbau begriffenen Kaliwerken zu beteiligen. Zur Beschaffung der hierfür erforderlichen Mittel dürste eine Obligationsanleihe auf das bisher unverschuldete Werk ausgenommen werden.
* Aus dem Eisenacher Oberland, 7. Ott. 1911. Die Maul- unb Klauenseuche breitet sich aus. Wie aus Creuzburg gemelbet wirb, ist die gefährliche Krankheft unter dem Viehbestände einiger Bewohner von Mühlberg ausgebrochen und in Burkhardtroda, Tiefenort, Heringe», Ostheim, zuletzt i» Völkershausen amtlich festgestellt. Die Körkommis- sion, die in diesen Tagen in der Berkaer Gegend in Tätigkeit war, hat mit Rücksicht auf den Ausbruch der Maul- und Klauenseuche ihre Tätigkeit einstellen müssen.
* Aus Thüringen, 7. Ott. 1911. In der Stadt- verordnetensitzung zu Zeitz wurde Oberbürgermeister Arnold, der bereits 4 Jahre an der Spitze der städtischen Verwaltung steht, auf Lebenszeit wiedergewählt. — Ein Schadenfeuer legte inObe r- i I m das dem Handarbeiter Stolz gehörende Wohnhaus in Asche. — Das Schwurgericht in Weimar verurteilte eine Frau aus Gießübel zu einem Jahr acht Monaten Gefängnis, weil sie ein Sparbuch der Lcmdeskreditanstalt in Meiningen gefälscht hatte. — In Vieselbach gab es dieser Tage billiges Hcnn- melfleffch. Ein Zug war in eine Herde gefahren und hatte 23 Schafe zur Strecke gebracht. ,— Der Bürgermeister in Weida will Kartoffeln einkaufen und sie zum Kostenpreis an die minderbemittelten Bewohner abgeben.
Aus Gberheffen u. den heff. Aemtern
A Marburg, 6. Ott. 1911. Gestern abend machte hier ein aus Limburg stammender Student der Medizin seinem Leben durch Erschießen e i n E n d e. Die Gründe, welche den jungen Mann zu bet Tat veranlaßten, sind unbekannt. — Die Herbst-Schwurgerichtsperiobe nimmt am 6. November ihren Anfang.
♦ Marburg, 7. Ott. 1911. Der Kongreß deutscher Schulmänner und Philologen, der feine Tagung in Pofen abhiett, wählte Marburg zum nächsten Tagmmsort.
* Ziegenhain, 6. Okt. ÄtL Unter der Leitung des Turutaspektors Lehrers Bucherrau aus Kaff« wurde hier ein Turn - uad Spielkursus eröffnet, an dem sich 30 Lehrer beteiligen.
* Treysa, 7. Ott. 1911. Um die Berlin-Kob- lenzer-Eisenbahn, die seither auf dem Main-Weser- Bahn-Gleise in ben hiesigen Bahnhof eingeführt wurde, bhett einmünden zu lassen, Hot die Eisen- bahnverwaltung eigene Gleise für die zuerst genannte Zwecke legen lassen. Zu diesem Zwecke muß- ten der Bahndamm angeschüttet und entige Brücken in der Nähe der Stecht erweitert bezto. neu gebaut werde». Die größte derselbe», die sogenannte Schwalmbrückc, wurde dieser Tage vollendet. Sie ist genau tote die Mata-Weser-Bahn-Brücke gebaut und trägt mit ihren mächtigen Bogenwölbungen viel zur Hebung des Landschaftsbildes bei.
* Gudensberg, 6. Ott. 1911. In dankenswerter Weise hat die Handwerkskammer in unserer Gemeinde einen Vo rb ereitungEkur su s auf die Meisterprüfung eiugertchtet. Die Anmeldungen laffen hoffen, daß eine genügende Anzahl von Teilnehmern vorhanden fein wird. Die Teilnehmergebühr beträgt nur 8 Mk. — Unsere Stadtverwaltung hat von der Gemeinde Ermetheis, eine gute Quelle zum Preise von 2000 Mk. erstanden, um unsere Wasserleitung, die im letzten Sommer nicht den gesteigerten Ansprüchen entsprach, zu vergrößern. — Mit dem 1. Oktober trat im Besitz der hiesigen Apotheke ein Wechsel ein, indem dieselbe zum Preise vo» 140000 Mk. an Herr» Neufche aus Lage (Lippe) verkauft ist.
* Münchhausen, 6. Ott. 1911. Hier ist dieser Tage ent in der Nähe des Bahnhofes stehendes kleines Gebäude niedergebrannt.
* Gemünden a. Wohra, 5. Okt. 1911. Heute wurde die hiesige Feuerwehr nach Herbelhausen gerufen. In dem Gehöft des Landwirts Vau- pel dortfelbst war Feuer ausgebrochen. Die mH Erntevorräten vollgestopfte Scheune ist vollständig abgebrannt. Daneben sind auch »och verschißene landwirtschaftliche Geräte, Wagen itfto. dem Feuer zum Opfer gefallen. Den vereinigten Wehren gelang es, ein Uebergreisen des Feuers auf da? Wohnhaus zu verhindern. Heber die Entstehungsursache ist nichts bekannt.
* Fritzlar, 6. Ott. 1911. In die hiesige reitende Abteilung des Feldart.-Reg. Nr. 11 sind diesmal 6 Einjährig-Freiwillige eingetreten. Die am 1. Oktober abgegangenen Einjährigen sind sämtlich befördert worden.
vermischtes.
* Beim Spielen ist unweit der Haidenfchanze tat Planenschen Grunde an den Felsenabhängen ein 9 Jahre alter Knabe abgestürzt. Schwer verletzt wurde er aufgefunde», erlag jedoch bald darauf seinen Verletzungen.
* Bei einer weiteren Probefahrt des Luftschiffes „L. Z. 9", wurde vorgestern ht Friedrichshafen mit zwei Motoren eine Geschtoindigkert von 18, mit drei Motoren eine solche vo» nahezu 21 Sekundenmetern erreicht.
♦ Durch ein starkes Erdbeben find ht Cap Hackten auf der Antilleninsel Haiti mehrere Gebäude beschädigt worden.
Handel und Industrie.
♦ Berlin, 6. Okt. 1911. Heute zeigte die Börse abermals eine Zurückhaltung. Auf dem Aiontan- martte kam es in der zweiten Geschäftsstunde zu einer Befestigung. Führende Bankaktien zeigten zum Teil kleinere Abschwächungen. TranSportwerte teilweise etwas höher. SchiffahrtsMien belebt, aber schwankend und später nachgebend.
Märkte.
+ Fulda, 7. Okt. 1911. Atef dem heutigen Schweinemarkte waren 10 Läufer und 270 Ferkel abgetrieben. Bezahlt wurden für Läufer je nach dem Alter 9 12 bis 14 Mark, für Ferkel 6, 7 und 9 Mark für das Stück.
Hleiues Feuitteton.
— Heitere Zensurstücklein römischer Telephonistinnen wissen die italienischen Blätter zu erzählen. Wenn die Telephoniftta in Italien sich schon in friedlichen Zeiten ■ keiner sonderlichen Beliebtheit erfreut, weil sie selten das Publikum zufrieden stellen kann, so scheint die vielgescholtene Herrscherin im Reich des Fernsprechers jetzt zn ben Zeiten des tripokitanischm Kricgsgewitters beim Publikum in her allerschlcch- teften Gunst zu stehen. Man hat ihr auch wirklich zu viel zugernutetk Richt allein, daß das Telephon in düfer aufgeregten Zeit doppelt unb dreifach so viel benutzt wirb, sonbern noch weit mehr die Tatsache, baß die Regierung die Fecnsprechbeamtinnen in diesen außergewöhnlichen Zeitläuften auch mit ganz außergewöhnlichen Machtvollkommenheiten bekleidet hat, ist Grund genug für die Telephondame, sich von einer neuen Seite zu präsentieren. Man hat ihr die Zenstirgewalt über die von ihr zu vermittelnden Gespräche erteilt, unb nun glaubt sie, bie Zeit der Rache für all bie erlittenen Schmähungen sei gekommen. Die Reg.emng gab die Weisung, baß alle Gespräche über bie Kriegsvorbereitungen zu verhindern wären. Was aber kann ein diensteifriger Beamter alles unter sol- chen Vorbereitungen verstehen? In Rom hielten also ”£ i>eä Hauptfernspr-chamts mit ben
angestellten Damen Jnstrutttonsftun.de, t ab. Es mar da viel die Red: von Truppenaossenbungen, Schiffs- bewcgungen, von Mobilisationsplänen und was sonst noch von bem gespannten Verhältnis zwischen Italien und der Türkei zu sagen war. Das schwere politische Geschütz bas da aufgefahrrn wurde, mag so manchen schönen Kopf in arge Verwirrung gebracht haben. In der Hauptsache aber hafte man begriffen: ausschalten! Unb es wurde ausgeschaltet, so kräftig ansgeschaltet, daß manchem Provinzblatt über Krieg und Kciegs- fiefcyrci so gut wie nichts zu berichten blieb. Man aß auf dem Trockenen. Tenn das Telegraphieren ist kostspieliger als das Telephonieren und begegnet überdics ähnlichen Schwierigkeiten. Denn auch die
Telegraphistin übt das Zenformrst mit Strenge und Unnachsichtigkeit ans. Um das Unheil auf die Spitze zn treiben, kam bie Explosionskatastrophe auf bet ,Liberte" in Toulon. De» Berichtecstattern half es nichts, als sie unter Schhnpfen unb Toben bie Kenntnisse der Telephonistinnen dahin zu erweitern suchten, daß das in Toulon uniergegangene Schiff ein französisches Schiff sei und mH bett Kriegsplänen Italiens nicht das mindeste zu tun habe. Für bie Telephonistinnen bleibt in diesen gefährlichen Zeitkäufen jebes Schiff ein Schiff, das feine Bewegungen macht, unb wenn es bie letzte ht seinem Dasein ist. Darum konnte über bas traurige Ende ber „Liberia" in italienischen Blättern nur sehr wenig berichtet werden. Aber auch bann, wenn von Soldaten, ganz gleich in welchem Zusammenhänge, telephonisch die Rebe war, sofort war die Beamtin mit dem Ausschatten zur Hand. I» Piombino war es zu Krawallen zwischen Streiklustigen unb der bewaffnete» Macht gekommen. Natürlich mußte diese Bewegungen ausführen. Die aber genügten ber Telephondame, um das Gespräch über dieses Vorkommnis als staatsgefährlich ausznschalten. Die italienischen Blätter bringen diese unb anbere Zensurstücklein halb belustigt, halb geärgert zur Kenntnis, mit dem Erfolge, daß der italienische Staatsanzeiger den Art. 107 nochmals entschärft.
— Zimt und Zink, Blei und Blech. Zinn und Zink lautet so ähnlich, tutb Wei unb Blech lautet so ähnlich — die Sach en, die sie bezeichnen, müssen wir anders anordnen, beim Zinn ist ältlich bem Blei, man denke nur an Zinnsoldaten und Bleisoldaten, und Zink gehört zu Blech, denn unter Blech verstehen wir oft Zinkblech Da bürsten wohl einige Worte über biefe vier Wörter angebracht sein. Zinn ist ein gcmeingermanisches Wort, althochdeutsch zin, englisch, holländisch und dänisch tin, schwedisch tenn; das französische 6tain kommt vom lateinischen stan= num, hat aber mit unserem deutschen Worte nichts zu iun. Ob Zink, bas überhaupt erst im Reuhoch- deutschen austritt, nut Zinn zusammenhängt, ist nicht sicher. Zwar sagen einige, das tat Slawischen an Zinn angehängte k 6taten bie Deutschen beibehalten.
als sie Wort unb Sache entlehnten; andere aber meinen, es hänge mit „bet Zinken" (bie Zacke) zusammen, weil Zinn beim Schmelzen Zinken bitbe. Wieber anbere sagen, es komme von persischem seng (Stein, Mineral, Erz); und noch anbere schreiben bie Aehnlichkeit ber Ncmkn ber Aehnlichkeit ber Metalle selbst zu. Vielleicht auch ist Zink verwandt nut ahd. ztacho — weißer Fleck im Auge. — Und nun die andere« beiden, Blei unb Blech. Das Wort B l e i, tat Mittelhochbeutschen bli (Wesfall: bliwes>, entspricht althochdeutschem blio, plio, altnordischem bly; weiter aber läßt es sich leider nicht zurückver- solgen, selbst tat Gotischen fehlt es, unb ebenso im Englischen, wo lead (holländisch lood, deutsch Lok, davon auch löten) seine Stelle vertritt. Man vermutet aber, daß eS das „bläuliche" Metall bedeuten soll und mit anderen verwandten Wörtern zu- sammenzustellen ist, wie alteuglisch bleo Farbe, althochdeutsch pliuwan schlagen, bleuen u. a.; doch dürste auch mH „bleich" Berührung stattgefunden haben. Vielfach wurde früher, und wird wohl'noch, mH bem Ausdruck „Blei"» sowohl das Blei wie das verwandte Zinn umfaßt, wie man denn ja auch Zinnsoldaten unb Bleisoldaten unterschiedlos hören kann; auch nannte man wohl das Zinn weißes Blei, unb bas Blei schwarzcs Blei. Blech bagegen (mittelhochdeutsch blech) entspricht althochdeutschem bleh, pleh, altnordischem blik; holländisch unb dänisch entspricht blik, schwedisch bleck; aber im Englischen fehlt auch dieses Wort gänzlich. Es ist stammverwandt mit „bleichen", mittelhochdeutsch blichen; die Wurzel blik, glänzend, ist dabei das Gemeinsame: also bas glänzmbe Metall; es bezeichnete ursprünglich auch nur bas Goldblech, während Blei bas bleiche Metall war — aber „bleich" hieß ursprünglich gleichfalls hell, glänMd. Mit Blech nun bezeichnen wir alle Arien burch Walzen oder Hämmern plattenför- mig gemachter Metalle, toir sprechen von Eisenblech, Goldblech, Kupferblech. Silverblech, Zinkblech, meinen aber heute in der Siegel verzinntes Eisenblech, wenn wir Blech allein sagen. 9Pr- ,
— Porzellan-Häuser. In China ftnden sich zahlreiche Beispiele dafür, daß Porzellan em ganz
vortreffliches Material auch für Autzertarchitekturen bietet. Die kobaltblaue Porzellan-Pagode im Tempel des Himmels zu Peking gilt als ein hervorragendes Werk chinesischer Kunst, tote auch der berühmte Porzellanturm von Nanking, der leider beim Taipingaufstande 1854 zerstört wurde. In Saint-Louis in Nordamerkia hat man vor einigen Jahren ein modernes Porzellanhaus gebaut, das sich sehr bewahrt hat, so daß man zu wetteren ähnlichen Bauten schreiten will. Berankaffung bot die ungeheure Verschmutzung durch Rauch, Ruß, Staub usw. An dem Porzellanhause bleibt all dergleichen nur im geringsten Maße hasten, und eine einfache Abwaschung mit Wasser und Seife genügt, um dem Gebäude einen neuen „Anstrich" zu geben. Zur Verwendung gelangen porzellanartig glasierte Mauersteine, wie sie sich auch bei uns, aber nur ganz vereinzelt für Hoswände, Lichtschächte usw. ht Hotels, Geschäftshäusern und öffentlichen Gebäuden Benutzung finden. Der Preis derartiger Steine ist zwar dreimal höher als der anderer guter Steine, dafür aber widerst chen sie vollständig ben Einwirkungen bei Atmosphäre, der Kalte, der Hitze; sie bewahren für immer ihre Schönheit und ersparen natürlich jedweden teuern Anstrich. Der blendende Glanz ist tat allgemeinen nicht so störend, tote man anzunehmen geneigt ist. =mo
— Er will sie hivmhmen. Aus Schlesien wird folgendes hübsche Geschichtchen erfühlt, das anläßlich einer Trauung in der Kirche einer kleinen nieder- schlesischen Stadl passierte. Voransgeschcckt muß werde», daß der Bräuttgaui schwerbörig war. Geistlicher: »Wollt Ihr die Fra» als aus Gotte- Hand hinnehmen, sie lieben u»6 ehren — Bräutigam (zur Braut): Woas meent ffa?" - — Braut: »Eb Tu mich hoan rot Oft ?" — Brau- tigam (schnell und laut): „Nu fteeth, fteech '.freilich), desterwegen sein merr ju hie!" Selbst der Geistliche hatte Mühe, nach dieser Antwort noch ernst zu bleibe».
— Kindermund. „Papa, warum heißt den» diese Zeitung Kreisblatt? Sie fft doch viereckig!"