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Erstes Blatt

M 230.

38. Jahrgang

2 parMtr"in§ul!>a. wochenbeirase: „illustrierte Sonttfagsjeitung"

Fulda, Samstag den 7. Oktober Ult.

Lrschrknt tffgttchmtt Ausnahme der So.nr- uad Leiertage- viertel- jöhrllchttSerngrpreis ahur vringrrlohn und Veftrllgrld in Fulda fo- tviramwStts^.SVM.

Yerantw. Redakteur»

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Rotationrdrnckund Verlag der Fuldaer Rk»

Monatsbeilag^: „8uldaer Geschkchtrblätter" Zenifprccher Br. 9.

x Krieg MW Stallen M Der Mei.

Die Italiener sind nunmehr in Tripolis ge­landet, nachdem ihre Flotte von sicherer, durch keinen Feind bedrohter Stellung aus heldenmütig die alten, halbverfallenen türkischen Befestigungen sind daneben auch einen Leuchtturm zusammen« geknallt hat. Ob die Italiener landeinwärts ernst. >ichen Widerstand stnden werden, ist fraglich. Viel-

/ Großmut bei Stichwahlen.

Professor E. S u n k e I in Kassel hat von dem Zentrum eine gewaltig hohe Meinung. Er jraut dem Zentrum zu, daß es als erste unter den bürgerlichen Parteien theoretisch und praktisch für den Grundsatz eintrete: Wider die Sozialdemokratie Wit oder ohne Gegenleistung!

Im „Tag" hatte kürzlich Dr. Jul. Bachem ausgeführt: Wenn die Nationalliberalen in Düssel­dorf direkt oder indirekt zu Gunsten der Sozialde­mokratie den Ausschlag gäben, so würden Duisburg, Bochum und Dortmund, wo die Zentrumsparte: hie Entscheidung in der Hand hat, die Sozialdemo­kratie verbleiben. Prof. S u n k e l antwortet darau: in einem andern Artikel des „Tag". Er gibt zu, da; hie Auffassung, von der Herr Dr. Bachem ausgeht, Nicht nur im Zentrum, sondern auch bei Konserva­tiven und Liberalen die landläufige sei, aber er hält sie für politisch fehlerhaft und meint, das Zentrum dürfe sich nicht von Rachsucht bestimmen oder von hem schlechten Beispiel der Gegenseite verleiten lassen, sondern müsse im Interesse seiner christlichen Grundideen und mit weitblickender Abmessung der .Moralischen Vorteile überall für die Gegner der So­zialdemokratie eintreten, auch wenn die Liberalen in andern Wahlkreisen die Stichwahlkandidaten des Zentrums gegenüber der Sozialdemokratie durch­fallen ließen.

Nach Herrn Sunkel sollen die Parteiführer nicht foie Kaufleute, sondern wie Feldherren des großen Stiles die Stichwahlpolitik machen. „Wahlkreise ppfern, um Grundsätze zu retten!"

Die idealen Anschauungen, die Herr Sunkel ent« tvickelt, haben etwas bestechendes. Wir müssen aber zunächst die nüchterne Zwischenfrage stellen: Warum predigt er diesen Großmut und Weitsicht nicht zu­nächst den Nationalliberalen, denen er doch allem Anschein nach persönlich näher steht, als bent Zentrum. Traut er den nationalliberalen Führern das nötige Quantum Weisheit und der Nationalliberalen Gefolgschaft die nötige Disziplin hon vornherein nicht zu? Dann erscheint seine gute Meinung von unserer Partei allerdings als pne Huldigung an das Zentrum und wir widersprechen auch keineswegs der Ansicht, daß die empfohlene Politik des Großmut, wenn sie über­haupt durchführbar ist, sich für keine andere Parte i .so gut eignet, wie für die Zentrumspartei.

In der Politik darf man aber nichts unmög­liches und nichts zweckwidriges verlangen. Lassen wir die graue Theorie und greifen in das Volle Menschenleben. Gesetzt der Fall, daß der erste Wahlgang nicht bloß eine Verstärkung der Sozial­demokratie, sondern auch ein beträchtlicher Zuwachs des Liberalismus in Aussicht stellt. Wenn alsdann das Zentrum überall die liberalen Stich­wahlkandidaten gegenüber der Sozialdemokratie heraushauen wollte, während die Liberalen selbst überall die sozialdemokratischen Stichwahlkandidaten gegenüber den „Blauschwarzen" durchbrächten, so bekämen wir im Reichstag ein Uebergewrcht des Liberalismus, das weit über die Stärke her liberalen Parteien im Lande weit hinausgehen Würde. Die großmütigen Zentrumswähler hätten dann einen liberalen Kurs oder vielleicht eine Neuauflage der Blockpolitik begründet. Das können sie aber nicht bezwecken wollen. Halten wir .auch die Sozialdemokratie für das g r ö ß e r e Uebel, so ist der Liberalismus auch ein Uebel für uns, eine große Gefahr für die religiösen, wirtschaftlich- sozialen und politischen Interessen, die das Zentrum vertritt.

Der erwähnte „Fall" ist kein bloßes erträumtes .Schreckgespenst, sondern der Liberalismus sieht zielbewußt darauf hinaus, sich die Vor­machtstellung im Parlament dadurch zu verschaffen, haß er seinerseits möglichst viele Mandate der Rech­ten und des Zentrums der Sozialdemokratie zu- schanzt, und von den gutmütigen „Blauschwarzen" die Unterstützung der Liberalen im Stichwahlkampf gegen die Sozialdemokratie erwartet. Bei der Un­terstützung einer solchen Taktik würde die Großmut halb keine Tugend mehr sein, sondern in S e 16 ft» Word ausarten.

Damit soll keineswegs gesagt (ein, daß man un- bedingt und überall auf Gegenleistung be­stehen müsse. Es können die Verhältnisse so liegen, paß sich für uns eine Unterstützung der Liberalen jn dem Wahlkreise A empfiehlt, wenn auch die Li­beralen im Wahlkreise B die Unterstützung des Zen­trumskandidaten versagen. Auch die bisherige Wahlparole des Zentrums läßt für solche Ausnah­men Raum. Von Fall zu Fall kann man sich die Entscheidung, natürlich stets mit Rücksicht auf die Gesamtlage, Vorbehalten. Als Regel aber wird stach wie vor bestehen bleiben, daß diejenigen Par­teien, die dort, wo sie entschieden lieber rot als schwarz wählen, anderswo der Hilfe der schwarzen Stimmen nicht würdig sind.

Wohlgemerkt: Das Zentrum wird niemals die siarole ausgeben, für einen Sozialdemokraten zu timmen, um den liberalen Gegner zu Fall zu »ringen. Aber es wird sehr häufig neutral blei« »en müssen, weil der liberale Kandidat seiner Unter« tützung unwürdig ist.

Natürlich kann das letzte Wort zur Stichwahl- saktik erst nach der Häuptwahl gesprochen werden, wenn sich übersehen läßt, welche Züsammen- fttzung des Parlaments sich bei dieser oder jener Taktik ergibt. Doch muffen wir die Liberalen schon beute warnen vor der Illusion, als ob wir fo viel Selbstverleugnung besäßen, um an einer neuen liberalen Aera mit blinder Opferwilliqkeit mitzu- arbeiten.

leicht erbarmen sich nunmehr die anderen Mächte und machen dem teils grausamen, teils lächerlichen Spiel durch eine Vermittelungsaktion ein Ende.

Die Besetzung von Tripolis.

W. Tripolis, 6. Okt. 1911. Nach der Landung der Matrosen im Fort Sultania begaben sich die Araber, die zu den Stämmen auS der Umgebung von Tripolis gehören, an Bord des italienischen Admiralschiffes und gaben ihre Unterwerfung kund, indem sie gleich« zellig um Einstellung der Beschießung baten. Der deutsche Generalkonsul alS Sprecher des Konsularkorps begab sich ebenfalls an Bord und bat den Admiral die Aufrechterhaltung der Ordnung und den Schutz der Personen und des Eigentums der Fremdenkolonien >n der von den türkischen Trupp en verlassenen Stadt übernehmen zu wollen. Man landete darauf noch weitere Kompagnien Matrosen mit Kanonen und Schnellfeuergejchützen und besetzte die Stadt Tripolis militärisch. Auch in dem Fort Sultania blieb ein Posten zurück. Die Besetzung ging ohne Zwischenfall vor sich. Die gelandeten Truppen wurden unter den Befehl des Kapitäns zur See Eagni gestellt, und Konteradmiral Boreadolmozum Gouverneur von Tripolis ernannt.

W. Dehibat (tunesisch-tripol. Grenze), 5. Okt. 1911. Die feindlichen Geschosse haben in der eigentlichen Stadt verhältnismäßig wenig Schaden an« gerichtet. Das Haus des deutschen Dragomaus wurde schwer beschädigt. Es befinden sich noch 4000 Europäer in der Stadt. Sechs Soldaten und sechs Israeliten wurden getötet, fünf Soldaten und ein Israelit schwer verletzt. Die Deutschen sind wohlauf.

* Rom, 6. Oktober 1911. Die stark zerschossen gefundenen Forts .Sultania* und „Hamidje" be­herrschten die Enden der Reede von Tripotts und hatten zusammen etwa 60 Geschütze, darunter Mör­ser von 240 Millimeter Kaliber. Außer drei Toten sand man in den Forts gegen 20 Schwerverwundete. Die Leichtverwundeten waren offenbar mitgenom­men worden. Die türkischen Geschütze schwiegen bald, als ihre Geschosse ihr Ziel nicht erreichten. Dagegen bewiesen die türkischen Torpedoboote fort­dauernd große Verwegenheit, so daß die Italiener alle Wachsamkeit nötig hatten. Tie Offiziere äußern, daß sie bei befferer Ausbildung hätten ge. fährlich werden können. In den letzten 24 »stun­den wurden keine feindlichen Torpedoboote mehr bemerkt.

Weitere Beschießungen an der tripolitanischeu Küste.

Rom, 6. Okt. 1911. Nach den h er eingetroffenen Meldungen hat die italienische Flotte be­gonnen, auch die übrigen an der Küste von Tri­polis liegenden Orte zu beschießen. — Es be­stätigt sich, daß bei der Beschießung von Tripolis 6 türkische Kanonenboote einen Angriff auf die italienische Flotte machten. Sie wurden jedoch von italienischen Torpedobooten vertrieben, welche drei der Boote in den Grund bohrten. Von Admiral Aubry fehlt seit 4 Tagen jede Nachricht. Mau vermutet, daß er sich nach dem Aegäischeu Meer begeben bat, um das türkische Geschwader aufzu­suchen. Der Admiral verfügt über 10 große und 24 kleine Schiffe.

Rom, 6. Okt. 1911. Die Beschießung von Beug« haji und Terna soll ebenso mild wie die von Tri­polis ausgeführt werden. Die italienischen Tor­pedos, die eine etwa nahende feindliche Flotte von der tripolitanischen Küste fernhalten sollen, haben, wie es heißt, zwei feindliche Schiffe in den Grund gebohrt.

Mailand, 6. Okt. 1911. Matrosen brachten nach Matta die Nachricht von der Besetzung der Cyrenaika. Der Hafen von Benghasi, wo sehr erbitterter Widerstand geleistet wurde, ist danach bombardiert worden, ebenso Derna, Bomba, Uirza und Tobruk. Italienische Matrosen wurden ausgeschifft und besetzten die Forts der Häfen. Sie pflanzten überall die italienische Flagge auf. Die italienische Flotte blieb ohne Verluste.

Abermals ein Angriff an der albanischen Küste.

W. Rom, 5. Okt. 1911. Die italienisch-offiziöse Agenzia Stefani meldet: Um 5 Uhr 10 Minuten rüh wurde heute unerwartet und verräterisch von »er Küste von San Giovanni di Medua auf ein italienisches Schiff, das eine weiße Flagge zeigte, gefeuert. Der italienische Torpedoboots- zerstörer Artigliere, der den Ueberwachungsdiensl ausübt, um zu verhindern, daß Kriegskonterbande nach Albanien gelangt, und der vermutlich noch nicht den Befehl, sich von der albanischen Küste zu ent« ernen, erhalten hatte, erwiderte angesichts dieses Angriffes notgedrungen dar Feuer zur Rettung des Schiffes. Der Artigliere wurde leicht beschädigt, ein Kommandant an einem Fuße verwundet. Der Schaden auf der feindlichen Seite ist unbekannt. (Eme Erklärung für die merkwürdige Tatsache, daß ein italienisches Schiff eine weiße Flagge führte, wird nicht gegeben.)

Bombardement von Hodeida.

Die Stadt Hodeida, der Haupthafen der Provinz Uemen am Roten Meere, ist von zwei italienischen Kriegsschiffen beschossen worden. In Konstanti­nopeler Meldungen hieß es, ein italienisches Kriegs­chiff habe bei Hodeida ein türkisches Motorboot zer- tört, der türkische Torpedobootszerstörac „Teibi- Scheroket" sei nach Hodeida geflüchtet und habe von dorr aus gemeinsam mit anderen türkischen Kanonen­booten gegen das italienische Schiff Schüsse abgegeben, die es angeblich beschädigt hätten. Eine „Reuter"- Meldung stellt nun den Fall folgendermaßt n dar:

* London, 6. Ott. 1911. Am 2. Oktober feuerten »wer italienifche Kriegsschiffe 21 Granaten uber dre Stadt Hodeida ab, von denen eine ein Beglettboot des im Hafen liegenden englischen Schiffes „Gmldhall" zum Sinken brachte.

Hodeida gegenüber liegt die italienische Kolonie Eryrhrea in Ostafrika mit der Haupfftadt Maffaua. Auf italienischer Seite in Maffaua sowohl als mich auf türkischer in Hodeida find Kriegsschiffe stationiert. Eine neue italienische Meldung sucht es nun so dar- zustellen, als ob die Ursache des Zusammenstoßes ein Angriff der Türken sei.

W. Maffaua, 6. Okt. 1911. Die Forts von Ho­deida und ein türkisches Kanonenboot feuerten mehrere Schüsse gegen das italienische Kanonenboot „Aretusa* ab, ohne zu treffen. Die „Aretusn", die zum Schutze des italienischen Handels den Ueberwachungs- dienst im Roten Meere versieht, erwiderte das Feuer und brachte das feindliche Kanonenboot zum Sinken.

Es wird sich ja wohl bald Herausstellen, tote es zu dem Zusammenstoß gekommen ist. Immerhin ist es wenig wahrscheinlich, daß die türkischen Kriegsfahr­zeuge in Hodeida, die dort liegen, nicht wegen des Krieges mit Italien, sondern wegen der Araberauf­stände sich gegen die Italiener gewandt hätten. Mas- saua ist stark befesttgt und im Roten Meere sind die ita­lienischen Streitkräfte bei weitem stärker als die tür­kischen.

Die Gegenmaßregeln der Türkei.

* Konstantinopel, 6. Okt. 1911. Der Boykott der italienischen Waren hat heute allgemein in der Provinz und Haupfftadt eingesetzt. Die Arbeiter lehnen es ab, italienische Waren zu löschen und zu verladen. Geheime Agenten verhindern das Publikuni am Betreten italienischer Geschäfte. Obwohl das Dekret betr. die Ausweisung der italienischen Staatsangehörigen bisher nicht erlassen ist, ist unter die­sen eine wahre Panik ausgebrochen, «schiffe und Eisen­bahnzüge sind überfüllt von Italienern. Si.it gestern verließen 1400 bloß Konstantinopel.

* Saloniki, 6. Okt. 1911. Dec englische Dampfer „Ochris" wurde unterwegs von dem tür- kischeit Küsteupanzerschiff „Feih-i-Bülend" a n ge­halten. Bei Durchsuchung der Ladung wurden 40 Fässer Schießpulver gesunden, weshalb der Dampfer nach dem Hafen von Saloniki gebracht wurde.

*

* Die Blockade. Der,Re!chsanzeiger' veröffent­licht die amtliche Mitteilung über die Blockade­erklärung der italienischen Regierung. Danach er­halten befreundete und neutrale Schiffe zum Aus­laufen aus dem Blockade-Gebiet eine vom Tage des Beginns der Blockade laufende Frist, die vom kom­mandierenden Admiral der Seestreitkräfte Italiens festgesetzt wird. Gegen alle Schiffe, welche die Blockade zu brechen versuchen, wird gemäß den Regelir des Völkerrechts und den mit den neutralen Mächten bestehenden Verträgen verfahren werden.

* Der deutsche Warenverkehr. Damit deutsche Waren von den Wirkungen des Krieges so wenig wie möglich in Mitleidenschaft gezogen werden, wird es sich empfehlen, daß die deutschen Exportenre bei ihren Sendungen nach der Türkei tunlichst den Weg über italienische Häfen vermeiden und außerdem sowohl auf der Verpackung wie in den Warendegleilpapieren den deutschen Ursprung mög­lichst ersichtlich machen.

Die italienische Treue. Jn diplomatischen Krei­sen macht man jetzt den Türken den Vorwutt, daß sie nicht rechtzeitig durch starke militärische Maßnahmen Vorsorge getroffen hatten, um den Uederfall von Tri­polis zurückzuwcisen oder überhaupt von vornherein abzutoenden. Dieser Vorwurf bedeutet, daß die Tür­ken der italienischen Treue zu sehr getraut haben. Am 14. Februar 1910 erklärte nämlich der italienische Minister des Auswärtigen, Guiceiardini, in der italienischen Kammer auf eine Anfrage des Für­sten Evlonna:

Die l ür tisch en Provinzen in Nordasrika bedeuten für uns einen Faktor ersten Ranges für die Ausrechterbaltung des Gleichgewichtes am Mittel­meer. Demgemäß ist es ein unabänderlicher Grundsatz der italienischen Politik, daß auch in Atrika die Unversehrlheit des ottmauischen Reiches gewahrt werden muß. Garantiert durch all­gemeine Verträge und besondere Abmachungen, wird sie heute überdies noch geschützt durch das neue Re­gime im türkischen Reiche, das keine Abmachungen dul­den würde, die sich irgendwie gegen seine afrikanischen Besitzungen richten. Und es unterliegt keinem Zwei­fel, daß Tripolis, Cyrenaika und Fessan in ihreir gegenwärtigen Grenzen gegen jede Ver­änderung ihrer staatsrechtlichen Lage geschützt sind. Die Unverletzlichkeit der türkischen Provinzen in Afrika unterliegt keinem Zweifel und keiner Erörterung. Hierüber kann ich die weitestge­henden Zusicherungen geben.

* Nicht Protektorat, sondern Annexion! Der ita­lienische Deputierte Cirmeni, besten diplomatische Be­ziehungen bekannt sind, erklärte: „Trotz der An­strengungen Deutschlands und der anderen Mächte kann Italien heute den Vorschlag eines bloßen Pro­tektorats nicht mehr annehmen, sondem muß absolut auf der Fordemng der reinen und vollkommenen Wegnahme Tripolitanieus bestehen. Ein Protek­torat würde uns tausend widrige Uebelstände schaffen, wenn der unwahrscheinliche Fall der Liquidation des türkischen Reiches auf dem Balkan eintreten sollte. Geben wir also den Jungtücken die Millionen, die sie gern annehmen werden, aber sprechen wir nicht mehr von Protektorat."

Deutsches Reich.

** Berlin, 6. Okl. 1911. Eine bei der letzten Regelung der Wohnungsgeldzuschüste und Miets- entschädigungen bereits zugesagte Heraufsetzung von Ortschaften in höhere Servisklassen soll dem­nächst in einer Vorlage geregelt werden.

)( Keine Herbsttagung des preußischen Landtags. Das preußische Staatsministerium ist sich dahin schlüssig geworden, von einer Herdsttagung des preußischen Landtags abzusehen und die nächste Tagung des preußischen Parlaments, wie bisher, im Jannar anznberaumen. Die Termin ist wegen der in jene Zeit fallenden Acichstagswahlen für ein ersprießliches Arbeiten so ungünstig wie nur möglich. Eine frühere Einberufung des Landtags wäre nicht nur wünschenswert, sondern auch sehr gut möglich

gewesen. An Arbeit würde es nicht gefehlt haben, da ja der Etat bereis zum 1. Dezember fertig sein soll.

)( Der Bundesrat und die Teuerung. In'der Donnerstagsitzung des Bundesrats wurde der Vor­lage betr. Betriebsvergünstigungen für die Brenne­reien aus Anlaß der bestehenden Futternot uno der Vorlage betr. Festsetzung des Durchschnittsbrandes der Brennereien für das Betriebsjahr 191142 und Bestimmung der von der Vergällungspflicht befreiien Branntweinmenge die Zufttmmung erteilt. — Der Landwirtschaftsminister Frhr. v. Schorle in er- Lieser hat beim Kaiser in Rominten geweili und ihm eingehenden Vorttag über die Maßnahmen zur Milderung des Notstandes gehalten. Der Kaiser hat die Notstandsmaßnahmen allgemein gebilligt. —

(*) Darlehen ans Posischrckgrtdern. Durch Ver­ordnung des Reichskanzlers vom Oktober 1909 ist die Verwendung der Postscheckgelder dahin geregelt worden, daß die Gelder für die Kreise, aus denen sie stammen, wieder nutzbar gemacht werden sollen, und zwar u. a. in der Form von Darlehen an Genossenschaften, Vereine und sonstige Einrichtungen zur Förderung von Landwirtschaft, Handel und Industrie. Von den dafür in Betracht kommenden Geldern, die am Ende des Jahres 1910 in einer Summe von 51130 000 Mark durch lieber« Weisung an die Reichshauptkasse angelegt waren, sind wie die „Post" erfährt, 11 Millionen Mark zur Ge­währung von Darlehen an Einrichtungen der Land­wirtschaft, Handel und Industrie bereit gehalten worden.

0 Wie sehr man auf sozialdemokratischer Seite die Mitschuld an dem Attentat auf den österreichischen Justizministeerfühlt, be­weist der Umstand, daß der österreichische Sozialisten- führcr Dr. Adler unmittelbar nach der Tat das Be­dürfnis fühlte, die Verantwortung von seiner Partei abzutoälzen. Das beweist auch der Umstand, daß der „Vorwärts" gleichfalls eifrig bemüht ist, die So­zialdemokraten rcknzuwaschen. Er spricht von der „Wahnsinnstat" eines unreifen Burschen, von einem „exaltierten Burschen" usw. und schließlich versteigt sich das sozialistische Zentralorgan sogar zu der Be­hauptung, daß keine Partei schärfer und vor allem er­folgreicher terroristische Akte bekämpft habe, als ge­rade die Sozialdemokratie. Glaubt das der Vorwärts selbst? Das Gegenteil seiner Behauptung kann gar nicht besser nachgewiesen werden als durch den Hin­weis auf Ocherreich, wo die Sozialdemokratie mit Hilfe des Liberalismus ja eine sehr starke Stellung einnimmt. Gerade seit den Tagen, wo in Oesterreich die Sozialdemokratie zur Macht gelangt ist, setzen auch die ierroristischeir Akte ein, erft waren es dir blutigen Teuerungskrawalle in Wien, die auf das Konto der Sozialdemokratie zu fetzen find und jetzt ist es nach so kurzer Zeit das Attentat im österrei­chischen Reichsrat. Daß die Sozialdemokratie das Attentat nicht billigt, wollen wir chr immerhin glau­ben, aber das alles kann nichts helfen, der eigent­liche Schuldige ist und bleibt sie darum doch. Das Attentat ist nichts anderes als eine ganz natür­liche Folge der fortgesetzten Volksverhetzung und Auf­reizung durch die Sozialdemokratte. Wenn tagtäglich der Haß gegen die bürgerliche Gesellschaftsordnung geschürt wird, dann kann es gar nicht ausbleiben, daß sich schließlich Fanattker finden, die die von der So­zialdemokratie tagtäglich gepredigten Lehren in die Tat urnsetzen. Und so ist es auch in dem Wiener Fall gewesen. Der Attentäter hat seine Tat unter dem unmittelbaren Eindruck einer aufreizenden Rede des Sozialistensuhrrrs Adler begangen. Mit­schuldig machen sich aber auch alle diejenigen, die den Umsturz fördern helfen und das ist in erster Linie der Liberalismus. Die blutigen Teuerungskrawaüe in Wien und das jetzige Attentat sind zwei drohende Warnungszeichen und wenn heute unter dem Eindruck jener Ereignisse die Wahlen in Oesterreich stattzufin­den hätten, so glauben wir nicht, daß die österreichi­schen Liberalrn es wagen würden, mit dem Umsturz zusammenzugehen, wie sie cs bei den letzten Wahlen getan haben.

** Der verteuernde Zwischenhandel. Wir haben schon wiederholt darauf hingewiesen, daß die Lebens­mittel durch den Zwischenhandel eine ganz unge­bührliche Verteuerung erfahren. Aber damit begnügt sich der Zwischenhandel nicht einmal. Auch die den» Verbraucher zugedachten Frachtermäßigun­gen weiß er in seine eigenen Taschen zu lenken, wie folgender Vorfall, von dem die Deutsche Tagesztg. berichtet, beweist. Ein Wiesbadener Großhändler schloß mit einer Anzahl dortiger Kleinkaufleute einen Lieferungsvertrag für Kartof­feln ab, auf Grund dessen er in Holland 400 Wag­gons zu 200 Zentnern kaufte. Die Kleinhändler be­zahlen ihm 800 Mark pro Waggon, dazu noch die volle Fracht im Betrage von 130 Mark. Auf diese Weise verdient der Großhändler an jeder Wagen­ladung außer dem Handelsgewinne, der 50 Mark be­trägt, noch die Frachtermäßigung von 65 Mark. Er nimmt also, ohne irgend welches Risiko zu haben, für seinen sicherlich nicht allzugroßen Aufwand an Mühe und Zeit 400X 50 — 20 000 Mark ein und dazu noch die „Frachtermäßigung" von 400X 65 — 26 000 Mark, die eigentlich dem Verbraucher zugute komnien sollten! Dieses Gebahyn des Wiesbadener Groß­kaufmanns ist für gewiße Geschäftskreise geradezu typisch und es läßt gleichzettig auch eine Schlußfol­gerung zu, wem ein eventueller Nutzen, der von libe­raler und sozialdemokratischer Seite so heiß ersehnten Zollaufhebung zugute komnien würde. Daß das nicht die Verbraucher sein würden, bedarf nach dem erwähnten Vorgang wohl kaum des Beweises.

** Beschimpfung des Bauernstandes. Im Reichs­tage protestieren die sozialdemokrai.schen Abgeord­neten gegen den Vorwurf, daß sie den Bauernstand beschimpften; in ibter Presse aber lesen wir:

„Man keimt den Bauerntypus an der glattrasier­ten mit kecken Stoppeln besetzten Visage. Jedes Kind weih den Bauer nicht nur an seiner Kleidung, soirdern auch an seiner Bartlosigkcit zu erkennen. Diese schwerfälligen und denkfaulen Scharen waren es, welche der Wahl in Kottbus ihr Gepräge gaben. — Schlep­penden Ganges und ihre Stinkadoren schmauchend, be­wegten sich die Bartlosen um ihre adligen und halb- adligen Treiber zum Wahllokal. — So haben die