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Plakat kenntlich.

Fabrikant! yiagnst JacoH Darmstadt«

man den italienisch-türkischen Krieg mit großer Fas­sung und Gemütsruhe. Auch die Börse, die doch sonst gegen jede Störung des Wirtschaftslebens em­pfindlich ist, hat sich den sogen. Optimisten angeschlos­sen und betrachtet den Krieg wie ein Gewitter, das furchtbar aussieht, aber fruchtbar sein wird.

Die Ruhe wurzelt wohl in der Erkenntnis, daß der schwebende Krieg eigentlich gar kein richtiger Krieg ist. Wir von den weißhaarigen Jahrgängen haben uns den Begriff des Krieges vor allem aus den Er­eignissen von 1870 und 1871 hergeleitet. Sille Achtung, das war ein wirklicher Krieg, eine regelrechte Kraft­probe bis auf das äußerste. Die eine Nation rückte mit ihrer ganzen wehrfähigen Mannschaft der anderen Nation ins Land, und man schoß und stach so lange aufeinander los, bis der eine Teil ohnmächtig im Sande lag. Jetzt aber — rücken da die Italiener den Türken ins Land, oder versuchen gar die Türken einen Einmarsch nach Rom? Weit gefehlt. Die Ita­liener sagm, sie wollten bloß Tripolis besetzen, aber im übrigen der Türkei nichts böses tun. Die Türken aber denken sich, roegen der entfernten und nichts ein­bringenden Provinz Tripolis braucht man sich nicht ins Blutbad zu stürzen; es komme nur darauf an, die Stammländer, namentlich den Balkanbefitz, zu sichern und zu befestigen. So fährt denn die italie­nische Flotte nach Tripolis hinaus, und die Türken bleiben zu Hause. Die Gegner fuchteln mit ihren Säbeln umher, aber sie treffen sich nicht, weil der eine nach Osten, der andere nach Westen haut. Das ist kein Krieg auf Leben und Tod, sondern eine Katz­balgerei, wie sie z. B. Straßenjungen wegen eines gefundenen Apfels oder Bauernburschen toegen eines Kirmeßmädchens betreiben. Eine Art Räuberkomödie, die dem Spitzbubenhandel einen höheren Anstrich der Heldenhaftigkeit geben soll.

Die Tücken sind sonst keine schlechten Krieger. Der russisch-türkische Kampf von 1877 mit Plewna und den verschanzten Gebirgspässen war in der Tat kein Kinderspiel Die Tapferkeit blüht und das Blut strömt nur so. Es war auch ein regelrechter Land­krieg, in dem die Massen der beiden Heere sich aus guten oder schlechten Wegen trafen. Der gegenwär­tige Zusammenstoß aber erfolgt von verschiedenen

völkerung bittet die Regierung, Mai» zur Aus­saat zu importieren.

Trotz allem fährt die Sozialdemokratie fort, in der miverfrorensten Weise die .Futterzölle* für die Not verantwortlich gu machen. Sie muß eben ein ttJlittet zum Hetzen haben, wenn cS auch mit den Haaren hecbeigezoge» ist. Wirklich, die sozialdemo- kratische .Aufklärung* ist unübertrefflich!

Setten des Wassers, und da nur der eine Teil über eine kampffähige Flotte verfügt, so geht es ben Kampfhähnen wie. den bekannten beiden Königskin­dern, die zusammen nicht kommen konnten, weil das Wasser viel zu tief war.

Ein wahres Glück, daß dieser Krieg kein richtiger Krieg ist! Weil er so hübsch „lokalisiert* sst, fehlr es an den Massenopfern, an jener Fülle von Mord, Brand, Hunger, Seuche, die einen gründlichen Waf­fengang zweier Völker zu begleiten pflegt. Wenn es jetzt gnädig abgeht, so ist es eine erfreuliche Aus­nahme; als Regel bleibt aber leider bestehen, daß der Krieg ein entsetzliches Unglück, eine höllische Heim­suchung, ein Werk der grausamsten Teufelei ist. Lassen wir uns also nicht irre machen in unserem Haß ge­gen den Krieg und in den Bestrebungen zugunsten des Friedens. Bisher hat freilich das internationale Frie­denswerk keine reife Frucht getragen; doch muß man jeden Kulturfortschritt mit zäher Beharrlichkeit sich ver­dienen. Je größer der Forrschritt, desto größer muß die Geduld und Ausdauer sein. Und die Beseitigung des staatlich organisierten Massenmordes wäre in der Tat einer der größten Kulturfortschritte, die sich den­ken lassen.

Die Friedensfteunde wollen gewöhnlich zwei Ziele zu gleicher Zett erreichen: sie wollen nicht bloß die Kriegsgefahr bef eiligen, sondern auch die Friedenslasten aufheben oder vermindern, in­dem sie die Entwaffnung betreiben. Ein altes Sprüchwort sagt, man solle nicht zwei Hasen aus ein­mal jagen. Ich halte ben Krieg für ein viel, viel größeres Nebel, als alle Lasten und Kosten des soge­nannten bewaffneten Friedens. Es ist auch gar nicht gesagt, daß der Krieg und die Rüstungen gleichzei­tig bekämpft werden müßten. Im Gegenteil, die Er- fahmng hat häufig genug gezeigt, daß der Krieg gerade deshalb vermieden wurde, weil die Rü­stungen in der Friedenszeit sehr wirksam betrieben worden waren. Im vorliegenden Falle würden aller Wahrscheinlichkeit nach die Italiener sich wohl gehütet haben vor der verhängnisvollen Spazierfahrt nach Tripolis, wenn die Türkei mehr Wehrhaftigkeit ent­wickelt und namentlich sich rechtzeittg eine Flotte be­schafft hätte. Da das nicht der Fall war, so fühlten

JV» 230.

Samstag 7. Oktober 19U

58. Jahrgang.

sich die Italiener bei dem Stb ent euer ganz sicher. Dec wehrlose Gegner hat eine gefährliche Anziehungskraft, wril bei ihm ohne ernstes Risiko etwas zu holen ist. Der wohlbewehrte Gegner dagegen wirkt ernüchternd und beruhigend auf seine Umgebung So steht es z B. außer allem Zweifel, daß Deutschland in den letzten 40 Jahren wiederholt schon angegriffen worden wäre, wenn es nicht durch seine formidable Wehrkraft die Neider und Hasser in Zaum gehalten hätte. Daraus folgt, daß die sogenannte Entwaffnung durchaus nicht die unumgängliche Vorläuferin des ewigen Friedens 3u sein braucht. Ich lege also das Hauptgewicht auf die Sicherung des Friedens durch wirksame Schieds­gerichte u. dgl. Wird nur der G eb r a u ch der Waffe vechindeci, so kann die Bewaffnung selbst, die mili­tärische Organisation des Landes, wohl noch eint Weile ertragen werden. Denn 50 Jahre bewaffneten Friedens kosten uns noch nicht so viel Gut und Blut und Kraft, als ein einziges Jahr eines ernsten Kanrpses.

Tie Ursachen des Krieges haben eine Doppelwur­zel: es wird gekämpft aus Habgier und aus Ehrgeiz. Im vorliegenden Fall hat offenbar die militärische Eitelkeit der Italiener ein entscheidendes Wort mitge- svrochen. Dieser ncugebitbete Staat hatte bisher nur Niederlagen mit unerhört glücklichem Ausgang zu ver­zeichnen; es hatte sich ein wahrer Heißhunger nach militärischen Lorbeeren entwickelt. Wir wollen dem Himmel dankbar dafür sein, daß wir Herrscher und Staatsmänner haben, die den militärischen Ehrgeiz zu beherrschen wissen. Das Haschen nach Kriegsruhm ist eine ganz verhängnisvolle Schwäche, unter der schon gutgestellte Nationen an den Rand des Albgrundes ge­kommen sind Jede ungeordnete Leidenschaft ist in Gefahr, die leicht Leiden schafft. Das gilt für das private Leben, wie für das öffentliche. Darum hüte sich' jeder sowohl vor der Habgier als vor dem Größen­wahn! Tie ungeregelten Triebe hetzen immer leicht in ein Abenteuer hinein, dessen Ende schwer abzusehcn ist. Wer blindeifrig dem verlockenden Glück nachjart, gerät leicht in das Unglück. „Genieße ftoh, was dic beschieden, entbehre gern, was du nicht hpst. Kpr fe erlangst du deinen Frieden.*

5. Blatt.

Brack web Verlag »er xuibaer Aetleadrockerel in Snlba.

Alis dem Nachbargebiete.

* Hünfeld, 6. Okt. 1911. Am 19. November wird dahier der Gauturntag des Oberfuida-Werra- gaues abgehalten. Am gleichen Tage wird der hiesige Turnverein fein Stiftungsfest feiern. An­stelle des seitherigen Turnwarts, Herrn Lehrer Atzert, der eine Wiederwahl ablehnte, wurde Herr Eckert, als dessen Stellvertreter Herr Giebel gewählt.

O Herbstein, 5. Okt. 1911. Vergangenen Sonn' tag fand dahier eine wohlgelungene Versamm' lung des Volksvereins statt. Die beiden Redner, hiesige Studenten, sprachen über die letzte Generalversammlung der Katholiken Deutschlands, an der sie als Mitglieder teilnahmen. Herr stad, phil. K Schneider beantwortete meisterhaft die beiden Fragen: Welche Bedeutung haben die Generalversammlungen im allgemeinen und well en Verlauf nahm die Versammlung in Mainz im be­sonderen? Auch zog er hieraus allerlei Schluß­folgerungen für die Katholiken Herbsteins. Herr stad, theol. V. Schneider ging bann auf einige wichtige Zeitfragen, die auf jener Katholikenver- sammiung verhandelt wurden, näber ein und sprach, gestützt auf die Reden des Bischofs Faulhaber, des Oberlandesgerichtspräsidenten Marx und Ins Fürsten Löwenstein, in anschaulicher Weise und jugendlicher Begeisterung über Klerus und Volk, Schulsrage und Papsttum. Tie Versammlung war sehr gut besucht.

* Friedberg, 6. Ott. 1911. Wegen dec Maul- und Klauenseuche, die bei einem schon gekauf­ten Stück Rindvieh im Frankfurter Viehhof ausge­brochen war, durften unsere Metzger die gekauften Ochsen nicht nach Friedberg bringen. Sie mußten im Frankfurter Schlachthof geschlachtet und das Fleisch auf Wagen hierher gebracht werden.

* Aus dem Großherzogtum Hessen, 6. Okt. 1911. Der Großherzog hat zur Anerkennung hervorragender Verdienste auf allen Gebieten der Wohlfahrts­pflege das Ernst Ludwig-Eleonoren-Kreuz gestiftet. Das Kreuz wird solchen Personen zur Belohnung verliehen, die sich in hervorragender Weise um die Wohlfahrtspflege verdient gemacht haben, und cs kann dieses Kreuz jeder, sowohl Hesse als auch Nicht­hesse, erhalten, desscn Würdigkeit anerkannt ist und keinem Zweifel unterliegt. Das Kreuz ist aus Silber hecgestellt und trägt auf der Vorderseite das Brust­bild des Großherzogs, sowie das der Großherzogin, auf der Rückseite ein allegorisches Herzschild, darum die Umschrift: Für Verdienste in der Wohlfahris- pflege*. Es wird an einer silbernen Spange neben otki unterhalb der Ordensschnalle getragen. Damen befestigen es an der linken Schulter.

Ausland.

*♦ Zu dem Mordanschlag im österreichischen Ab- geordnetenhause wird noch berichtet: Nach den Schüssen glaubten einzelne Abgeordnete zunächst, daß nur blind geschossen worden wäre. So glaubte auch der Unterrichtsmintster Stürgkh, trotzdem er, wie sich nachher herausstellte, von einem Geschosse gestreift wor­den war. Andere Abgeordnete aber stellten sofort fest, daß scharfe Schüsse gefallen waren. Ein ein­ziger Schrei der Empörung und des EnffetzenS durch­brauste das Haus. Eine namenlose Verwirrung entftanb; die Abgeordneten, die Tribünenbesucher, alles eilte von ben Plätzen, es hatte sich ihrer ein geradezu panischer Schrecken bemächtigt, und niemand war sich über das Vorgefallene im klaren. Der Zorn der bür­gerlichen Parteien brach gegen die Sozialdemokraten aus. Man schrie ihnen zu: „Rote Mordbu- b en!* „Das ist feige Hinterlist!*, während die Sozialdemokraten entgegneten: Beleidigen Sie uns nicht, das war kein Sozialdemokrat, es war kein Parteimitglied! In diesem Lärm, währenddcssen der leitende Vizepräsident Justel den Saal verlassen und dadurch den Schluß der Sitzung verkündet hatte, zeig­ten die Minister und die meisten Abgeordneten große Selbstbeherrschung. Der Ministerpräsident erklärte: „Unter keinen Umständen lassen wir uns In unseren Arbeiten stören, wir müssen Ruhe bewahren und zei­gen, daß totr Weiterarbeiten wollen.* Inzwischen er­schien Präsident Sylvester und übernahm ben Vor­sitz mit einer kurzen Ansprache. Er bebauerte ben Vor­fall unb unterbrach bie Sitzung zur Einberufung einer Obmännerkonfereenz, unter heftigem Widerspruch der Deutschnationalen unb Christlichsozialen, bie erklär­ten, mit ben Sozialdemokraten zusammen einer sol­chen Konferenz nicht beiwohnen zu wollen. Nach etwa einer halben Stunde eröffnete Präsident Sylvester die Sitzung wieder. Die bürgerlichen Parteien begrüßten ben Justizminister Hachenburger bei seinem Erscheinen mit stürmischen, minutenlangen Huldigungen, wofür dieser sich dankend verneigte, auch die übrigen Mini­ster beglückwünschten ihn durch Händedruck. Nach der Wiedereröffnung der Sitzung erteilte Präsident Syl­vester dem soz. Abg. Adler das Wort zur Fort­setzung feiner Rede, die von den bürgerlichen Abgeord- neten fortwährend durch Rufe wie Mordbube! Schluß! Abzug! unterbrochen wird. Die Zu­rufe fteigem sich schließlich dermaßen, daß Adler seine Rede vorzeitig beruhen muß. Run erhebt sich Mi­nisterpräsident Gautsch unb spricht gegen den verbrecherischen Anschlag auf die Ministerbank unb bas ganze Haus in bet schärfsten Weise al? gegen einen Akt von Terrorismus.

Ich muß dies tun, sagt er, um den Parlamentaris­mus in Oesterreich gegen verbrecherische Anstnäge in Schutz zu nehmen. Die Kugeln, die hier in das Hol, eingeschlagen haben, führen eine beredte Sprache. In diesem Augenblick, in dem der Terrorismus in das Haus einzieht, ist nur eine Macht kompetent, Ordnung und Ruhe zu schaffen. Wie soll man sich aber wun­dern, wenn solches im Parlament geschieht, wo Tag für Tag in den Bersammlungen Dinge ge­sagt werden, die eine Aehnlichkeit mit dem haben, was hier geschehen ist. (Stürmische Ruse der sozialdemokratischen Abgeordneten: „Wir fürchten uns nicht!") Der Ministerpräsident: „Sie fürchten sich nicht, und ich fürchte mich auch nicht! (Stiirmiidi«’. langanhaltende Ovationen bei den Deutschnauonalen.t Wir lassen uni von der Linie, auf die wir uns einmal begeben haben, nicht abbringen. Die Ordnung und dre Gesetze muffen die Gesellschaft beherrschen " kStür- mischer Beifall bei den Deutschnationalen, (Segenrufe bei ben Soz.)

Auch bie nachfolgenden bürgerlichen Redner ma­chen bie Sozialbemokraten für bas Attentat verantwortlich, während dec Sozialdemottat Daszynski erklärte, bie Sozialdemokraten seien an diesen Schüssen unschuldig. Der Ministerpräsident führe bas Volkshaus unb bie öffentliche Meinung irre.

Der letzte Redner Stölzl zollte bem Ministerpräfiben» ten Beifall unb erilärte, auch bie Abgeordneten wür­ben ihr Lebe« in bie Schanz« schlagen.

** Auch in Luxemburg haben die Katholiken gegenwärtig einen Kampf um die Schule. Der 1909 gegründete katholische Lehrer- und Lehrerinnen- verein umfaßt bereits die Hälfte der gesamten Lehrerschaft; er steht auf dem Boden der christ­lichen und konsessionellen Schule, für die er aus allen Kräften einzutreten bereit ist.

*♦ Die irischen Katholiken «»d der Kircheubesth. Gegen die Homerule, d. i. die nationale Selbstän­digkeit für Irland, sträuben sich neuerdings auch Kreise in Irland selbst, hauptsächlich sind es prote­stantische Kreise. Ein Grund hierfür liegt darin, daß die Protestanten eine Rückgabe der einst den Katholiken weggenommenen und nun im Besitze der Anglikaner befindlichen Kathedralen an die katho­lische Kirche befürchten. Vor allem glauben die Anglikaner, daß die gewaltige Patriks«Kathedrale von Dublin von den Katholiken beansprucht wird, weil sie ihre Hauptkirche in Dublin nicht Kathedrale, sondern nur.Pro-Kathedrale* nennen und weil ein Teil der Geistlichkeit sich Titel nach der Kathedrale St. Patrik beilegt. In Dublin befinden sich 3 Kathe­dralen, die die Katholiken beanspruchen können, und das mit Recht. Alle diese Kirchen wurden einst den Katholiken abgenommen und gehören anglikanischen Gemeinden, die gar keine Gläubigen haben, um sie füllen zu können.

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* Futteruot «nd Futterzölle.

stellungen von den Futterzollen haben.

1 smart kann tausend gegen eins wetten, auf die «rage nach den Futterzöllen von den traurigen Opfern ber sozialdemokratischen „Aufklärung* die Antwort zu erhalten, daß alle Futtermittel durch den Zoll horvcnd verteuert würden. Der blinde Nachläu­fer der Sozialdemokratie stellt sich einfach auf ben Standpunkt: Wenn bie Sozialdemokratie das sagt, bann ist bas so, unb wenn es auch nicht so sst! lieber den kleinen Irrtum stolpert er nicht, daß auch hier wie gewöhnlich bas gerabe Gegenteil rich­tig ist. Denn in Wirflichkeit finb sozusagen sämt­liche Futtermittel gänzlich zollfrei. Jnsbe- fonbetie sind gerade d i e Futtermittel gänzlich zollfrei, wo bei uns in diesem Jahre eine Mißernte zu ver­zeichnen ist. Einen Zoll tragen nur Hafer, Mais unb Futtergerste. Der Zoll für Futtergerste ist sogar im Jahre 1906 von 20 auf 13 Mark pro Tonne herab­gesetzt worben.

Der Zoll auf Hafer scheidet hier ganz aus, well Hafer ein Pferbefutter ist. Gerste unb Mais sind fast ausschließlich Schweinefutter. Bei ber letzten Teuerung bezogen sich bie Klagen aber nicht so sehr auf die Preise für Schweinefleisch, sondern auf die für Rindfleisch. Me Rindviehfuttermittel sind aber alle zollfrei. Ueberdies ist noch zu bemerken, daß die verzollbaren Futtermittel (Mais unb Gerste) keineswegs unersetzliche Futtermittel finb.

Warum sind aber Hafer, Mais unb Gerste mit einem Zoll belegt worden? Weil diese Artikel Haupt- konkurcenten unserer Getreidearten sind, unb weil deshalb ihre völlige Freieinfuhr ben notwendigen Zweck der Getreidezölle illusorisch gemacht hätte. Be­sonders wichtig ist auch, daß diese Produkte haupt­sächlich von den Klein- und Mittelbesitzern angebaut werden, was ganz naturgemäß in ber Art des Klein- unb Mittelbetriebs begründet liegt, unb was auch selbst von dem sozialistischen Schriftsteller Schulz in -en „Sozialistischen Monatsheften" (10, 1911) tabel- lenmcißig nachgewiesen ist. Man denke z. B. nur an das Gerstenland Bayern, welches doch ein eigent­liches Bauernland ist und wo der Großbesitz gar keine Rolle spielt. Diese Tatsache wird von der sozial­demokratischen „Aufklärung" natürlich auch ins Gegenteil verdreht, ebenso wie die fernere Tatsache, daß ter Großbesitz mehr Futtermittel kaufen muß. Schon die im Jahre 1902 über die landwirtschaftliche .Rentabilität veranstaltete Enquete hat ergeben, daß der Hektar Fläche des kleinsten Besitzes nicht die Hälfte der Ausgaben für Futtermittel zu tragen bette, die der größte Besitzer pro Hektar zu tragen h rite.

Es passiert äußerst selten, daß von der sozial­demokratischen Presse einmal der Wahrheit bie Ehre gegeben wird. Um so bemertenswerter aber ist es, wenn es einmal geschieht, und wir sind diesmal in der Sage, ein sozialdemokratisches Urteil über die Futterzölle zu verzeichnen, das erheblich abweicht von ter sonst üblichen sozialdemokratischen „Aufilärung". ko schreibt dir sozialdemokratische Frankfurter „Volks- jiimme" (Nr. 217):

„Mit Recht erwidert ihnen (den Freisinnigen) die „Tageszeitung", daß di« Futtermittel eig entlich meist zollfrei sind. Mit hohem Zoll (3 M. pro Doppelzentner) ist bloß der Mais belegt. . . . Die Aushebung ber Zölle — wie erwünscht dies auch sei — würde dennoch nicht die Landwirtschaft auf gesunden Boden stell en, nicht einmal die Stute Not bedeutend lindern."

Was speziell den Maiszoll anbelangt, so ist dar­auf hinzuweisen, daß der Mais in diesem Jahr eben­falls eine erhebliche Mißernte zu verzeichnen hat, unb daß der Maistrust von neuem Anstrengungen macht, bie Preise zu seinen Gunsten zu beeinflussen. So Shreibt z. B. bie „La Plata-Zeitung" aus Argen- nien, wo ber Maiswelthandel bisher die erste Stelle einnahm, daß infolge der zügellosen Speku- lation des Maistrustes der Mais einen so ungeheuerlichen Preis erreicht habe, daß die Aus­saat unmöglich gemacht würde. Die argentinische Be­

Unpolitische Zeitlaufe

N. Berlin, 5. Oktober 1911.

tNachdruck verboten.)

Also Krieg in Europa! Ich bachte, ber alte Krieg sei auf ben zahlreichen Friedenskongressen der letzten Jahre gründlich tot geredet worden. Mit wel­cher Wucht hat man da dem Krieg den Krieg ecklärt! Mit welcher Weisheit und Entschlossenheit wurden die schönsten Mittel angegeben, um zur Entwaffnung, zu Schiedsgerichtsverttägen und schließlich zum ewigen Frieden zu gelangen. Der Krieg war zum alten Eisen geworfen, in die Rumpelkammer der Kultur­völker. Und siehe da, dieses neunmal getötete Teufel­chen springt uns plötzlich ins Gesicht. Es lebt noch -4md webt noch in der alten Manier. Die Italiener wpllten gern Tripolis haben. Wie kriegen wir das? Durchweinen Krieg, wie auch bie Vorfahren ihren Be­sitz durch Kriege zusammengekriegt haben! Es geht genau so wie in ber alten Zeit. Wenn ber Nächste etwas hat, was bir gefällt, so nimmst bu es ihm ein­fach weg. Natürlich wehrt er sich; darum ist es klug, das Klauen nur gegenüber schwächeren Nachbarn |u versuchen. Hat der zu Bestehlende wirflich die o rech Helt, sich zu wehren, so muß er für diese Veo- adttuna des Stärkeren noch extra bestraft werden. Gegen erwaige Gewissensbisse Hilst man sich mit der l“6 der Nachbar das stteitige Gut wahr- nur auf dem Wege schnöder Gewalt cr= W°wen habe „Eigentum ist Diebstahl.' In ber Poltkk gibt es nur Stehler unb Hehler. Der Krieg ist, eme Katzenbalgerei um Dinge, bie keinem von beiden gehören.

Von Pest, Hungersnot unb Krieg erlöse uns e Herr! Bon der Pest ist Europa zur Zeit frei. Die Hungersnot dagegen gehört zu den liebeln ber Zu- ftinft, bie sich in ber Form einer Teuerung zunächst ankündigk. Wenn nun zu der Teuerung noch ber Krieg hinzussommt, so riecht es nach einer argen Völkerpleite.

Aber ist Europa angesichts beS Kriegsausbruchs sehr beunruhigt? Ei bewahre; fast überall betrachtet

vermischter.

* Daß auch Mädchen sich ans bat Heiratsschwi» del verstehen, betotift eine 33 Jahre alle aus Lüb­becke gebürtige Luise Amalie Charlotte Strauß, dich auf btefem Gebiete in Berlin schon viel Erfolg hatte, aber auch schon viele Jahre ihres Lebens wegen Betruges, Diebstahls, Unterschlagung ufto, in Ge­fängnissen unb Zuchthäusern zugebracht Hal. Der neue Trick ber unternehmenben Dame ist. die »ehr­bare Bekanntschaft*. Sie knüpft nur mit anständigen jungen Leuten aus guten Familien an. In ihren Unterhaltungen spricht sie viel von den reichen Be­sitzungen ihrer Ettern in ber Nähe von Lübbecke. Um ihren Verehrern gegenüber in einem noch bes­seren Lichte zu erscheinen, legt sie sich in den meisten Fällen auch einen abeligen Namen bei. Zuletzt nannte sie sich Gera von ber Recke. Zu den Hilfs­mitteln ber Gaunerin gehören auch gefälschte Briese ber angeblichen Mutter, bie regelmäßig erscheinen, sobald die Gaunerin ihre Opfer soweit gebracht hat, daß sie sich mit ihr verloben wollen. Handschrift unb Stil biefer Briefe müßten eigentlich die jungen Leute stutzig machen. Die angebliche Mutter billigt bann nicht nut bie Wahl ihrer Tochter, sondern verspricht auch bem zukünftigen Schwiegersohn gleich die Verwaltung ihrer großen Besitztümer. Diese glänzende Aussichten, die in einem Falle einen jun­gen Mann in Berlin sogar veranlaßten, seine sichere Lebensstellung aufzugeben, machen die Beglückten leicht geneigt, kleine Wünsche der Braut zu erfüllen, wenn sie sich einmal in augenblicklicher Verlegenheit befindet. Das kommt dann nicht allzu selten vor. Mancher Bewerber ist schon viele hundert Mark los geworden. Schließlich besucht sie ihren Verlob­ten auch in seiner Wohnung, um rasch noch zu stehlen, was sie an Gelb unb Schmucksachen bekom­men kann. Die gefährliche Schwindlerin war trotz aller Fahndungen noch nicht zu erwischen.

* Wegen Ermordung seines Freundes, des Rentners Todt, wurde vom Dresdener Schwurge­richt der 40jährige Produktenhändler Göhlert zum Todeverurteilt. Göhlert hatte Todt in seiner Laube ermordet, um in den Besitz der Sparkassen­bücher des Freundes zu gelangen. Trotz der schwe­ren Indizien legte Göhlert in der Verhandlung kein Geständnis ab.

* Ein Eisenbahnerblumentag — „Christianen- Heimtag" — wird vom Eisenbahntöchterhort in der Zett vom 16. bis 18. Oktober int ganzen Bereich der preußisch-hessischen Eisenbahngemein- schaft und der Reichseisenbahnen veranstaltet. Die Sammlung soll dazu dienen, weitere Mittel zur Er­weiterung des Christianenheims in Erfurt zu gewin­nen. Minister v. Breitenbach hat bie Veranstaltung genehmigt, und es sind daher die Amisvorftände der Staatsbahn ermächtigt worden, den an dem Sammelwerk beteiligten Töchtern der Eisenbahnbe­diensteten den Zutritt zu den Dienst- und Arheits- räumen der Verwaltung zu gestatten.

* Nach Unterschlagung von 6000 Mark ist der 23 Jahre alte Kassierer Karl Schulze geflüchtet. Schulze, der verheiratet ist, hat als Angestellter einer Firma in Berlin nach unb nach das Geld unterschlagen und dann mit seiner Fran unter Hin­terlassung der ganzen Wohnungseinrichtung Berlin verlassen.