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58. Jahrgang.
" fulüser M Zeitung
2. Blatt.
vruck und Verlag der Sulbaet AcUendruckerei in Znlda.
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Die Italiener in der Türkei. Alle Telegramme aus Italien berichten, daß die dott herrschende allg^ meine Begeisterung hohe Wellen schlagt und bei dem leicht entzündbaren Charakter der Italiener und ihrer nationalen Leidenschaftlichkeit ist das durchaus zu verstehen. In jedem Bolk regen sich die letzten Fibern, wenn die Söhne des Landes zum Kriege ausziehen. Wie sollte das bei dem südlichen Temperamente der Italiener nicht der Fall fein! Bei den in der T ü r- kei ansässigen Italienern dürfte die Stimmung allerdings anders aus sehen: zahlreiche italienische Kaufleute haben sich namentlich in den Häfen der
Levante niedergelassen und zum Teil sehr bedeutende Geschäfte gegründet. Diese stehen jetzt vor einer Katastrophe, denn mit ihrer ganzen Geschäftstätigkeit ist es nun lange Zeit vorbei. Wenn die Türken schon die Waffe des Boykotts zu handhaben verstehen, so werden sie jetzt wohl noch über dieses Mittel hinausgehen. Außer Kaufleuten befinden sich aber noch Vertreter vieler anderer italienischer Gewerbs stände in der Türkei, u. a. auch zahlreiche Arbeiter, denen wohl jetzt der Boden zu heiß werden wird. Die schweren Nachteile, die diese Leute erleiden, werden in nicht allzu langer Zeit auch ihre Rückwirkung auf das Mutterland äußern. Gegenüber der Begeisterung in Italien steht eine vom türkischen Standpunkt nur zu begreifliche Empörung der Türken, die zur nachdrücklichsten Abwehr des ihnen aufgedrungenen Krieges entschlossen sind. Die Uebernahme des Schutzes der italienischen Interessen durch Deutschland bedeutet somit eine sehr schwere Aufgabe, die nicht auf die leichte Achsel zu nehmen ist.
Das Bolk verlangt mehr! In Italien hat die Begeisterung so hohe Wellen geschlagen, daß in den verantwort!. Kreisen die Sorge aufsteigt, das Volk werde mehr verlange« a l s bloß das Stückchen Trip)olis. Wollte heute, so wird aus Rom gemeldet, die Regierung mit dem Feinde Frieden schließen und bei dem Geschäft lediglich die afrikanische Kolonie einstecken, so gäbe das eine gewaltige Enttäuschung. Das SinnenundTrach- ten richtet sich schon heute auf Albanien. Auch Blätter, die der Regierung nahe stehen, bereiten auf die Machtgelüste weise und vorsichtig, aber für jeden durchsichtig vor. So schreibt der öfters offiziöse Mailänder „Corriere della Sera", daß, „wenn der Krieg an Ausdehnung gewinnen sollte, niemand in Italien dafür zur Verantwortung zu ziehen wäre; die Schuld würde dann allein auf die Türkei fallen." Wer in der Kunst, zwischen den Zeilen zu lesen, geübt ist, wird leicht herausfinden, was man mit den dunklen Worten anzudeuten beabsichtigt. Der Minister des Auswärtigen hat zwar wie- Herholt versichert, daß die kleinen Balkanländer sich verrechnen würden, wenn sie glaubten, Italien würde ihre Wünsche zu den seinen machen, aber größer und wirksamer als der Wille des Ministers des Aeußern ist die einmal entfesselte Volksleidenschaft, die sich so leicht nicht wieder eindämmen läßt. Wenn es nach dem Willen des Volkes gegangen wäre, hätte Italien schon im Frühjahr um Albanien mit der Türkei anknüpfen müssen. Heute sagt sich jedermann in Italien: die Gelegenheit kehrt nie wieder, ganze Arbeit auf dem Balkan zu wachen.
Grüße — Schüsse.... In Italien herrscht eine ungeheuer scharfe Depeschenzensur, die nur Nachrichten durchläßt, die den Kriegsruhm des glorreichen Italiens verkünden. Daher kommt es guch, daß alle Nachrichten von .Siegen" der Italiener zu berichten wissen. In Wirklichkeit ist es damit so weit nicht her. So wird von der ersten „Seeschlacht" von Prevesa jetzt gemeldet, die italieni- ächenKanonenschüsse seien die Antwort auf türkische flaggengrüße gewesen,die die ahnungslosentürki- che« Schiffe beim Herannahen der italienischen gaben, fin solcher „Sieg" ist allerdings kaum wert, in ein ^eldenbuch eingetragen zu werden.
* Die Christen in Tripolis. Tripolis, das die Ehemaligen Königreiche von Tripolis und Fez umaßt, bildet eine apostolische Präfektur, die den Mino- xiten (Franziskanern der leoninischen Union anvertraut ist. Die 23 katholischen Missionäre und der Präfekt P. Bonaventura Rosseti, der im August
1907 ernannt wurde, stammen aus verschiedenen italienischen Provinzen. Die Mission der Franziskaner in Tripolis wurde im 17. Jahrhundert errichtet. Vereinzelte Bemühungen wurden gemacht, um in das Land, das damals noch die Barbarei genannt wurde, einzudringen. Erst im Jahre 1643 wurde die päpstliche Präfektur errichtet. Der erste Präfekt war Pater Pascal Canto ans Frankreich, dem als Helfer 8 Patres des Ordens der Minoriten unterstellt waren. Erst gegen Ende des 17. Jahrhunderts wurde es möglich, in der Stadt Tripolis eine kleine Kirche zu errichten. Nach und nach entstanden auch Kapellen und es wurden in verschiedenen Orten von Tripolis kleine Niederlassungen für die Missionäre errichtet, die aber oft durch die Eingeborenen wieder zerstört wurden. Wenn die Missionäre sich zum Ziel gesetzt hatten, die Mohammedaner zu bekehren, so blieb diese Absicht meistens beim frommen Wunsche, denn die Gesetze des Landes stellten sich diesem Vorhaben entgegen und wenn es je einmal gelang, einen Mohammedaner zu bekehren, mußte er so schnell wie möglich nach Europa in Sicherheit gebracht werden, um ihn der Rache seiner ehemaligen Religionsgenoffen zu entziehen. Im 19. Jahrhundert wurde die Mission den italienischen Franziskanern übertragen, die das Apostolat mit dem gleichen Eifer wie ihre französischen Vorgänger fortführen. Aus der jüngsten Statistik geht hervor, daß unter einer Bevölkerung von 1260 000 in ganz Tripolis sich 5 5 41 Katholiken der lateinischen Richtung und 61 der griechischen oder armenischen Richtung befinden. Außer den 23 Franziskanern sind in der Präfektur von Tripolis noch 7 Marianisten tätig, die in Tripolis selbst eine Schule errichtet haben. Dazu kommen noch 16 weitere Franziskanermissionäre und 17 Ordensschwestern vom hl. Josef, die Schulen und Waisenhäuser erhalten, wo sowohl katholische als auch mohammedanische Kinder ausgenommen werden, aber die Bekehrungen sind selten. Die Stationen der tripolitanischcn Missionen sind: Tripolis, Meseia, Coues, Bengasi, Bergost und Terna. In diesen Orten befinden sich Waisenhäuser, Schulen verschiedener Art und Hospize.
Keine Macht ohne Seemacht!
Das gegenwärtige Schicksal der Türkei ist eine eindringliche Predigt des Flottenbaues.
Dis Türkei hat ein treffliches Landheer, das dem italienischen wohl die Stirn bieten könnte. Aber trotzdem kann die Türkei nichts zur Verteidigmlg ihrer Provinz Tripolis tun, — weil es ihr an den nötigen Kriegsschiffen fehlt. An der Nordseite des Mittelmeeres stehen hunderttausende von türkischen Truppen müßig, während an der Südseite dem Sultan die letzte afrikanische Besitzung von Italien abgeknöpft wird. Italien hat Kriegsschiffe, und die Türkei hat erst den kleinen Ansatz zu einer kleiner Flotte, der sich nur zu Friedenszeiten sehen lassen kann.
Es ist vielleicht kein bloßer Zufall, daß der Angriff der Italiener so bald nach der Erwerbung der zwei alten deutschen Schiffe als Grundstock der türkischen Zukunstsflotte erfolgt ist. Man sah in Italien, daß die moderne Türkei sich der Notwendigkeit einer Seemacht bewußt wurde. Man mußte dort mit der Möglichkeit (wenn auch nicht Wahrscheinlichkeit) rechnen, daß die türkische Flotte in einem oder zwei Jahrzehnten auf eine anständige Höhe gebracht werde und dann einem Okkupationsversuche lästig werden könne. Wenn Italien zu dem Gewaltakt überhaupt entschlossen war, so handelte es gewiß klug, indem es sofort zugriff, ehe noch die türkische Flotte irgend welche Leistungsfähigkeit erlangt hatte.
Ein Reich, das diesen Namen verdienen will, muß im Stande sein, alle seine Teile zu verteidigen. Die Schweiz mag eine solche Aufgabe ohne Kriegsschiffe erfüllen können; aber Staaten, die am Meere liegen, bedürfen der Flotte, und in noch höherem Maße ist die Flotte notwendig für solche Staaten, deren Besitzstand von offenen Meecesteilen durchzogen wird. Ein Reich, das auf beiden Seiten des Mittelmeeres Besitzungen hat und doch keine Kriegsschiffe befitit, um den Seeweg zu behaupten, ist ein Unding in sich.
Die Türkei mußte längst das eine tun und das andere nicht unterlassen, nämlich das Landheer auf eine großmächtige Höhe bringen und zugleich den
Ausbau der Flotte betreiben. Zu Zeiten Abdul Hamids reichten weder die Geldmittel noch das Verständnis für beide Aufgaben zugleich aus. Während das Landheer eine leidliche Pflege fand und durch deutsche Instrukteure auf die Höhe der Zeit gebracht wurde, ließ man die Flotte links liegen, — bis es zu spät war.
Bei uns in Deutschland ist glücklicher Weise die Notwendigkeit einer doppelten Rüstung zu Lande und zu Wasser noch rechtzeitig erkannt und zur praktischen Durchführung gebracht - worden. Die junge deutsche Flotte ist natürlich langst nicht so stark, wie die englische, aber dennoch ist sie den englische« Chauvinisten ein Dom im Auge. Sie haben ja schon vor Jahren von einem Präventivkrieg zur Erstickung des deutschen Flottcnwesens gesprochen. Sie wissen, daß schon die mäßige Seemacht, die sich Deutschland geschaffen hat, hinreicht, um seine Neider oder Gegner von einem Angriff abzuhalten, da jeder das Risiko des Kampfes mit einer an Zahl geringeren, aber an Tüchtigkeit gleichstehenden Flotte scheut.
Was wir neuerdings beobachten, bestätigt uns, daß die deutsche Regierung und der Reichsiag auf den richtigen Weg getreten sind, als sie das Flottengesetz schufen. Bisher hat sich die gesetzlich vorgesehene Stärke als ausreichend erwiesen, um einen Angriff auf Deutschland fern zu halten. Man braucht also noch keineswegs in den Ruf des Großadmirals Köster nach einer Erweiterung der deutschen Flotte einzustimmen. Wohl aber werden alle einsichtigen Deutschen einig sein in dem Entschlüsse, die' deutsche Serge Kling zu erhalten in demselben Maße, wie sie jetzt besteht.
Ohne Kriegsflotte ist die Würde und Sicherheit einer Großmacht nicht zu wahren. Die schönsten pa- piernen Vertrüge können die eigene Wehrkraft nichi ersetze«.
Ausland.
** Das kirchenfeindliche Programm in Italien. Vor einigen Tage« versammelte sich in Rom das Komitee zur Herbeiführung einer andere« Kirchen- Politik in Italien. Diesem Komitee gehört auch der frühere katholische Priester, jetzige Freidenker und Abgeordnete M u r r i an. Nach lebhafter Debatte wurde beschlossen, eine große Versammlung für 1912 nach Rom einzuberufen und einstweilen in den größeren Stadien des Landes Versammlungen abzuhalten. Es soll auch eine umfangreiche schriftliche Propaganda betrieben werden. Beschlossen wurde ferner ein Pro- ijiüi;:«!, d.ssen erste Punkte die Auflösung der Orden, btt Laienschnle und die Einführung der Ehescheidung sinv.
** Vier neue Steuervorschläge sind dem dänischen Parlament von der Regierung vorgelegt worden. Durch eine Erhöhung der Einkommensteuer von 1,2 auf 1,6 Prozent soll eine Mehreinnahme von 5,6 Millionen Mark, durch eine Erhöhung der Branntweinsteuer eine solche von 3,375 000 Mark, durch eine Erhöhung der Biersteuer eine solche von 2,812 000 Mark und durch eine Stempelabgabe auf Zigaretten eine Einnahme von 787 500 Mark verschafft werden.
** Die christlich-soziale Arbeiterbewegung Belgiens. In einem sehr interessanten Bericht, den Pater Rritten, der wackere gewerkschaftliche Vorkämpfer in Belgien, dem Kongreß der gewerkschaftlichen Liga in Conrtrai erstattet, findet sich die erfreuliche Feststellung, daß die christlichen Gewerkschaften Belgiens in 10 Jahren einen ganz ansehnlichen Mitgliederzuwachs von 11000 auf 71 233 zu verzeichnen haben. Bezüglich der Textilindustrie führt er aus, daß sie vom 1. Juli 1909 bis zum 1. Juli 1910 von 41 Syndikaten mit 5257 auf- 65 mit 10 040 Mitgliedern gestiegen ist. Aehnliche schöne Fortschritte hat die Arbeiterschaft der Metallindustrie aufzuweisen. Die flämischen Syndikate sind wieder in einem großen nationalen Verband zusammeiigeschloffen und die wallonischen in einer „Conföderariou". Eine Fühlung zwischen diesen beiden .Zentralorganisationen ist hergestellt.
** Die Schulden des Prinzen Georg von Serbien. Prinz Georg hat beim Staatsrate gegen den Finanzminister Beschwerde erhoben, daß er ihm die bewilligte Apanage von 60 000 Dinar (48 000 Mark) nicht auszahle. Er bekam zur Antwort, daß
seine Apanage völlig zur Schuldentildung verwendet werde, welcher Beschluß auch dann aufrecht erhalten wurde, als sich Prinz Georg auf das Exekutionsgesetz berief, wonach ihm ein gesetzliches Recht auf ein Drittel feines Einkommens zustehe. Prinz Georg ist daher lediglich auf seine Hauptmannsgage angewiesen und das dürste dem jungen Herrn ganz gesund sein.
Generalversammlung der Görres- gesellschaft.
C. Hildesheim, 4. Okt. 1911.
Nachdem am Dienstag abend Domkapitular vo« dem Hagen (Hildesheim) den Teilnehmern der Generalversammlung einen durch wohlgelungene Lichtbilder illustrierten orientierenden Vortrag über Hildesheims Kunstschöpfungen gehalten, fanden am Mittwoch früh nach voraufgegangenem Requiem für die verstorbenen Mitglieder der Görresgesellschaft im Dome wieder Sektionssihungen statt.
In der historischen Sektion sprach Mons. Dr. Ehses - Rom über die Arbeiten des Römischen Instituts der Görresgesellschaft und Dr. Buchner über „die Entstehung und Ausbildung der Kurfürstensabel". Es folgte dann ein Vortrag des Dr. Heinrich Schäfer (Rom) über „die Lebensmittelpreise und Arbeitslöhne an und im Umkreise der päpstlichen Kurie" während des 14. Jahrhunderts. Er wies nach, daß Handwerker und Arbeiter im 14. Jahrhundert ein recht gutes Auskommen hatten, daß die Lebensmittel, abgesehen von manchen Gewürzen und dem etwas hohen Brotpreise, tut Verhältnis zur Arbeitsentlohnung niedriger als heute standen, der Verdienst des Handwerkers, Arbeiters und Beamten aber höher war als in der Neuzeit.
In der Sektion für Altertumskunde berichtete zunächst der Vorsitzende Prof. Kirsch über das Organ der Sektion: „Studien zur Geschichte und Kultur des Altertums." Es folgte dann ein Vortrag des Herrn Dr. Dölger (Würzburg) über „Das antike Mhsterienwesen und die Taufe." Redner wies darin nach, wie ungerecht es sei, die christlichen Mysterien und ihre Benennung einfach aus den heidnischen Mysterien hervorgehen zu lassen. Der folgende Redner war Pfarrer D. Graf, der über ein bisher unbekanntes Werk des Patriarchen Eutychius von Alexandrien (gestorben 940) sprach, eine Schrift, die bisher fälschlich dem hl. Athanasius von Alexandrien zugeschrieben wurde.
In der naturwissenschaftlichen Sektion verbreitete sich Pfarrer Dr. Stoff iß (Clausthal) über die klimatischen Verhältnisse der Clausthal» r Hochelme in bezug auf die Vogelwelt. Privatdozent Dürken machte int Anschlüsse hieran darauf aufmerksam, daß die Ursachen der Abnahme der Vögel durchaus nicht genügend aufgeklärt seien. Dr. Dürken sprach über neue Ergebnisse der Hirnforschung.
In der philosophischen Sektion sprach zunächst Prof. Dr. Hartmann (Fulda) über die Bedeutung der Resultate der modernen Naturwissenschaft für dieNaturphilosophie. Diesem Vortrage wohnten auch die Mitglieder der naturwissenschaftlichen Sektion Der Redner behandelte im ersten Teile seines Vortrages das Einsteinsche Relativitätsprinzip. Er wies nach, daß unter der Voraussetzung der metaphysischen Gleichwertigkeit aller Fixsternkoordinaten, systeme die Relativität aller räumliche.« und zeitlichen Bestimmungen aus dem Relativitätsprinzipe abgeleitet werden kann. Im zweiten Teil sprach er über die von Boltzmann versuchte Zurückführung des Entropiebe- grifses auf den der Wahrscheinlichkeit. Er zeigte, daß diese Formulierung des Entropiesatzes vor der bisherigen mancherlei Vorzüge besitzt, daß ihr aber auch bisher ungelöste Schwierigkeiten entgegenstehen. Zum Schluffe betonte er die Notwendigkeit des Zusammenarbeitens vonseiten der Philosophen und Naturforscher. Prof. Dr. Schreiber (Fulda) berichtete darauf über den „©taub des Philosophisch enJahr- buch s". Der Abonnentenstand habe sich auf der vorjährigen Höhe gehalten. Inhaltlich habe die Zeitschrift sich bemüht, vor allem die neuen philosophischen Strömungen int Auge zu behalten. Redner skizzierte kurz die einzelnen Aufsätze von Gutberlet, Hahn, Schreiber, die dieser Tendenz dienen und referierte ferner über die behandelten philosophiegeschichtlichen Themata.
In der Sektion für Rechts- und Sozial- wissenfchaft sprach Universitätsprofeffor Dr. Ebers über: „die rechtliche Stellung der klösterlichen Niederlassung nach geltendem deutschen Recht".
Darauf berichtete Justizrat Dr. Bachem (Köln) über den Stand der Arbeiten des Staatslexikon s. Auf der nächsten Generalversammlung der Görres-Gesellschaft werde das Staatslexikon in dritter und vierter Auflage längst abgeschlossen vorliegen. Dr.
4]
(Fortsetzung folgt.)
Lebenswende.
Roma« von Horft Bodemer.
für eine verheißungsvolle Zukunft, man kannte doch bie Leuinants zur Genüge! Aber schließlich sagte einer: „Laßt sie nur in ihr Unglück rennen, was geht's uns an, hochnäsig ist sie über alle Maßen, eine herbe Erfahrung wird ihr gut tun!" Wenn die beiden zusammenftanden, stieß man sich an und verzog spöttisch die Mundwinkel. Es blieb weder Hakburg, noch Fräulein Rollen verborgen. Sie legten sich größere Reserve auf
Eines Tages kam die junge Malerin mit strahlendem Gesicht zum Essen.
„Gewiß haben Sie heute eine gute Nachricht erhalten !"
, „Morgen wird bei Schulte die neue Ausstellung eröffnet, ich will nachher bingeben, um nachzusehen, ob mein Bild auch günstig hängt!"
„Darf ich Sie begleiten, gnädiges Fräulein?" „Gern!"
„Hm, — das heißt. Sie gehen wohl besser voraus, wir treffe« uns an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis- kirche"
„Aber warum denn?"
Ihr: großen, blauen Augen sahen ihn erstaunt an.
-Die guten Leutchen reden hier schon sowieso viel zu viel; zufällig war ich neulich Zeuge, konnte aber leibet nicht eingreifen und den Herrschaften den Standpunkt klar machen!"
Da warf Erika Rollen stolz den schönen Kopf in den Nacken. „Das ist mir herzlich einerlei, Herr v. Hakburg!"
„Ja, dann." er jubelte es heraus, „gehen wir gleich nach Tisch, nicht wahr?"
Freundlich nickte sie ihm zu und setzte sich auf ihren Platz,
Und wie die beiden die Tür im Rücken haben, halten sich ein paar ältere Damen über das schamlose Gebaren auf, und die Jugend kichert. — —
„Wir haben wohl Zeit, gehen wir, wenn es Ihnen recht ist, durch den Tiergarten!"
Sie nickt und sagt kein Wort. Und als sie aus dem Menschengedränge heraus sind, verlangsamen sie ihre Schritte.
„Sie bringen mir großes Vertrauen entgegen, gnädiges Fräulein!"
Der Hans Heinrich hat nun doch mal nichts weiter gelernt, wie Offizier zu sein; er ist von klein auf drauf dressiert word-n!"
„Ist das fein Fehler?"
„Nun kommen Sie mit den olle« Kamellen, wie neulich bei mir!"
„Ich möchte nur. daß das gnädige Fräulein etwas weniger hart über ihren Bruder denkt."
Darauf wußte Ada nichts zu sagen, und die übrigen lenkten das Gespräch wieder in andere Bahnen.
Bor dem Abschied bat aber Fräulein v. Hakburg Sofguen, ohne daß es ein anderer hätte, um Hans Heinrichs Adresse.
„Und lassen Sie sich doch bald einmal wieder sehen!" fügie sie freundlich hinzu.
„Ich fürchte, ich bin ein Störenfried!"
„Aber nicht doch, Herr v. Sosguen!"
Er sah ihr tief in bie Augen. „Behalten Sie nur Ihren Bruder lieb und hören Sie nicht auf die, die steinigen! Das würde mir bitter leid tun!" bat er eindringlich.
Und am Abend in ihrem Zimm r dachte sie nach über alles, was Sosguen jetzt und früher schon über Hans Heinrich gesagt hatte: Bitter leid würde es ihm tun? Weshalb? Um Hans Heinrich ober — um sie? Sie hätte es gern gewußt, denn seine mannhafte Wahrhaftigkeit hatte auch jetzt wieder einen tiefen Eindruck auf sie gemacht.
IV. /
In der Pcnsion steckte man bie Köpfe zusammen. Der vornehme Herr v. Hakburg, ber sonst so reserviert war, begrüßte jeden Tag Fräulein Rollen mit geradezu ritterlicher Liebenswürdigkeit. Man rümpfte die Aase. Natürlich, die junge Malerin, welche tat, als könne sie nicht bis drei zählen, war eine ganz raffinierte Kokette! Und doch wie dumm. Sie glaubte wahr- wbeinlich, ber junge Offizier würbe ihr ernstlich den Has machen, ein Techtelmechtel war's — toeiier nichts, einige menschenfreundliche Seelen beratschlagten allen Ernstes, ob sie die unerfahrene, junge Dame nicht warnen sollten. Denn ein Offizier außer Dienst, der den ganzen Tag faulenzte, bot doch absolut keine Gewähr
„Meinen Sie? Schätzen Sie sich doch selbst nicht so niedrig ein!"
Da wird der weltgewandte Hans Heinrich Hak- buig verwirrt. „Verstehen Sie mich nicht falsch, natürlich macht man sich nicht allzuviel aus dem Klatsch, aber leicht bleibt doch etwas hängen!"
„An mir nicht, Herr v. Häkburg! Man kann Den Leuten den Mund nicht verbieten, und ich weiß, mit wem ich es zu tun habe!"
„Sehr schmeichelhaft für mich."
„O, ich will nicht übertreiben! Aber ich kenne Ihre Kreise, — aus einer Zeit, in der mein Vater noch Fabrikbesitzer war. — Selbst, wenn Sie Wünsche hätten, die ich entrüstet von mir weisen müßte, würden Sie dennoch einer gebildeten Dame gegenüber sehr vorsichtig sein, totif Sie eine gute Kinderstube genossen haben. Das ist der springende Punkt, und ich denke, somit ist die Situation endgültig geklärt!"
Hakburg nickt nur mit dem Kopfe, eine Zeit lang ! setzen sie schweigend ihren Spaziergang fort. Dann fragt plötzlich Fräulein Rollen: „Warum sind Sie I eigentlich in die Pension gekommen?"
Da Mr die Frage, vor der er schon längst Angst gehabt hätte. Die Röte schoß ihm ins Gesicht, er mußte Farbe bekennen.
„Ich habe mir das ungefähr so gedacht!"
„Ja, — und das Allertraurigste, ich komme zu keinem Entschluß, denn mein kleines Kapital möchte ich nicht festlegen, verliere ich es, — was bann?"
„Fällt Ihne« denn dieses — Nichtstun nicht auf die Nerven?"
„Furchtbar, gnädiges Fräulein!"
„Herr v. Hakburg, ein ehrliches Wort! Mein Vater hat Unalück gehabt, das kommt leicht im geben vor die Konjunktur war ungünstig, er konnte nicht du'rchhalten, gerade noch zur rechten Zeit hat er bie Fabrik verkauft. Wäre es ihm nicht gelungen, würde wahrscheinlich das Ende vom Licde der Konkurs gewesen sein. Man kann ganz unverschuldet dazu kommen. Wollen Sie nicht einmal mit ihm Rücksprache nehmen, vielleicht weiß er etwas für Sie?!'
„Er wird Ihnen nichts Erfreuliches zu schreiben wissen. Wenn ich mich in seine Lage versetze, schwiege ich auch. Wohltun würde es ihm natürlich ungemein, Sie richteten von Zeit zu Zeit ein paar herzliche Worte an ihn; der festen Ueberzeugung bin ich — Hans Heinrich antwortete jedesmal umgehend!"
„Das ist wohl zu viel verlangt," meinte Manfred Hakburg sehr von oben herab.
Langsam hob Sofguen den Kopf zur Seite und sah den Sprecher scharf an.
„Für Sie sicher, Herr v. Hakburg, aber für die Schwester keineswegs!"
Löberdau lachte. „Nehmen Sie sich in acht, Manfred, gleich setzt er Sie aufs Moguierstühlchen!"
Hakburgs Gesicht rötete sich leicht. Sein Vater schmunzelte wieder einmal, Löberdaus sahen gespannt bie beiden Kampfhähne an, und Ada trat, mit gesenktem Blick, vom Tische zurück und machte sich an der Kaffeemaschine zu schaffen.
„Jedenfalls finde ich es ganz in ber Ordnung, wir fagen uns solange von Hans Heinrich los, bis er be- toic^n, daß doch ein guter Kern in ihm steckt."
.. erregt waren die Worte gefallen. Sosguen verließ seine Ruhe nicht.
he«« Ult$) 'A t?nntc es Ihrem Herrn Vetter nicht ver- bann die ihm gebotene Hand der Ver- söymUng niit aH(T (Sner^ie ab l"
^Serdau schlug miss der flachen Hand auf den
' „Stolz lieb ich den Spanier!"
„Gewiß! Herr Major, würden Sie im Gedränge den ersten besten hcraushauen, wenn er die deutsche Uniform trägt?"
„Das versteht sich!"
„Dann würden Sie auch wenigstens mit Ihrem 'Herzen einem Verwandten bcistchcn, den sein Schicksal plötzlich vor die Lebenswende gestellt hat"
Löberdau kratzte sich verlegen Hinterm Ohr. „Sie |nb ein Teufelskerl, was soll man darauf antworten!