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M 221.

Mittwsch 1 «Höbet 19H

58. öahrgang.

* Tuldaer K

Zeitung

2. Blatt.

vrnck und Verlag ter Mdaer Lclien drucke le­in Znld«.

Deutsches Reich.

)( Bebels «nb seiner Anhäng« Hawmg t» Kriegsfall. In seinem Buche „Aus memem Leben dessen 2 Band soeben erschienen ist, legt A u gust Bebel ein intereffantes Geständnis über seine Hal­tung iin Falle eines Kriegs ab. lieber den Krieg 1870-71 schreibt er folgendes:

Die Haltung, die Liebknecht und ich bei Ausbruch und während der Dauer jenes Kriege» in und außerhalb des Reichstages einnahmen, ist jahr- zehntelang Gegenstand der Erörterung und heftiger Angriffe gewesen. Anfangs auch in der Partei, tofer pur kurze Zeit, dann gab man uns recht. Ich bekenne, daß ich unsere damalige Haltung in keiner Weise bebaute und daß, wenn wir bei Ausbruch de» Krieges bereits gewußt hätten, was wir int Laufe der nächsten Jahre auf Grund amtlicher und außeramt- licher Veröffentlichungen kennen lernten, unsere Hal­tung vom ersten Augenblicke an eine noch schroffe re gewesen sein würde. Wir Hütten unS nicht, wie eS geschah, bei der ersten Geldforderung für den Krieg der Abstimmung enthalten, wir hätten direkt gegen dieselbe stimmen müssen.

Und kürzlich in Jena? Da las man's anders, -lreilich, die Wahlen stehen bevor und da mußte man schon eine andere Haltung einehmen.

— Haeckelei im Eisenbahnerblatte. In der Sep- hembernummer von „NachbeinDienst", Zeitschrift für die Eisenbahnvereine im Eisenbahndireltionsbezirk Kassel, findet sich ein den Kruppschen Mitteilungen entnommener Aufsatz „Aus den Urtagen der Menschheit, der sich ganz im Haeckclschen Fahr­wasser bewegt. Es heißt da z. B. von der Urwelt: „Und in diese Welt hinein trat nun der Mensch. Aus Formen, die zugleich Vorläufer unserer heu­tigen Menschenaffen waren, soll er entstanden sein." Weiter wird über die Urmenschen gesagt: „In ihrer Lebensweise zunächst noch recht affenähn­lich, ohne artikulierte Sprache, von den Früchten des Waldes lebend, die sie zum Tell wie manche mobeme Affen mit Steinen bearbeiteten, nur zu kleinen Herden vereinigt, in steter Furcht vor stär­keren Tieren, so muffen wir uns die menschen­ähnlichen Wesen jener fernen Urtage des mitt­leren Tertiärs vorstellen." So geht es ähnlich bis zum Schluffe weiter, es wird einfach als bewiesene Tatsache angesehen, daß der Mensch sich aus dem Tiere allmählich selbst entwickelt hat, somit nichts wei­ter ist, als ein höher entwickeltes Tier. Dabei wird tntt Ausdrücken wie Teriiärzeit, Miocän usw. gear­beitet, ohne daß sie erklärt werden. Ob man vielleicht glaubt, daß diese jedem Eisenbahnhandwerker und -Ar­beiter von vomherein verständlich sind? Das Blatt ist das Organ der Unterstützungkasse des Kaffeler Eisenbahnarbeiterverbandes, der auf Veranlassung der Kgl. Eisenbahndirektion Kassel begründet wurde und dem die meisten Eisenbahner des Direktionsbezirkes protestantischen und katholischen Bekenntniffes schon wegen der materiellen Vorteile, welche er bietet, ange­hören. Der genannten Unterstützungskasse wurde näm­lich bei ihrer Begründung vor neun bis zehn Jahren ein Grundstock von drei Millionen Mark vom preu­ßischen Eisenbahnfiskus ans Staatsgeldern überwie­sen Daß in einem von staatlichen Behörden adbängi- gen Blatte christlichen Arbeitern derartige Kost ver­abreicht wird, ist durchmiS verwerflich. Den christ­lichen Arbeitern muß es zur Ehre angerechnet werden, daß sie in großer Zahl bereits gegen diese Hand­lungsweise des Vttbandsorgans Protest eingelegt haben.

Ausland.

* Tie Spisnagrfurcht der Engländer wirb mit schein Tage toller. Die Londoner Blätter melden aus Portsmouth, die M rine- und M'litärbehö.den seien überzeugt, daß die Hafenstadt mit Spionen überflutet sei. Außergewöhnliche Vorkehrungen wurden zum Schutz der Dienstgeheimnisse getroffen. Die Polizei, verstärkt durch Beamte der Wasser­polizei, patrouilliert fortwährend in den Hafenan­lagen.

*♦ Zum Bürgerkrieg m Persien wird gemeldet, daß der Minister des Aeußern in einer osfiziellen Rote die türkische, englische und russische Regierung aufgefordert hat, Salar-de-Dauirh und den anderen Redellen durch ihre Konsuln und sonstigen Vertreter keinen Schutz angedeihen zu lassen und sie bei

Uebersehreitung der Grenz« sestzuvehme«. Der Ex­schah soll sich noch i» Turkestan aufhalten, wo turkmenisch« Ldgeorduete von feinen Anhängern getötet worden seien.

Am dem vachbargebiete.

r Kleinlüder, 3. Oft. 1911. Dem als Kuratus nach Birstein üerfefcten Herr Kaplan Kemper ver­anstaltete die hichge Gemeinde eine schöne Abschieds­feier. In dankbar« Anerkennung der Verdienste, die Kaplan Kemper sich vor allem um unfern Kirchen- neuBau erworben hat, überreichte Bürgermeister Gließ- ner im Namen der Gemeinde ein Oberammergauer Kruzifix.

* Herbstein, 3. Oft. 1911. Wie schon kurz gemel­det, wurde in der letzten Kreisausschußsitzung der Ein­spruch gegen die Belgeordnetenwahlin Herb­stein verhandelt. Die Wahl fand am 26. Juli d. J. statt und eS wurde d« Molkereibesitzer Joseph Kübel mit 187 Sttmmen gegen den seitherigen Beigeordne­ten, Fabrikant Theodor Ruhl zum Beigeordneten ge­wählt, letzterer erhielt 103 Stimmen. Die Wahl wurde von der Partei Ruhl angefochten mit der Begründung, daß auf Kübelfcher Seite vor der Wahl durch um­fangreiche Biergelage Wahlbeeinfluffungen zu Gun­sten des Kandidaten Kübel stattgefunden hätten. Zu der Verhandlung waren ettoa 50 Zeugen geladen. Die Beweisaufnahme ergab, wie man dem „Gießener Anzeiger" mitteilt, daß auf beiden Setten und lange vor b« Wahl eine Menge Freibier gespendet wurde, auch durch sonsttge Aeuße- rungen sind die Wähler angegangen worben, für einen bestimmten Kanbibaten zu wählen. Kübel, auf Hessen Seite bas meiste Friebier gespenbet würbe, stellte jede persönliche Beteiligung in Abrebe, bie Biergelage seien ohne fein Zutun veranstaltet worben. Das Ur­teil lautet bahin: Der Reklamation bes Friebr. Ki­lian Ruhl und Genossen in Herbstein gegen bie Bei- georbnetenwahl daselbst, wird unter Verurteilung der Gemeinde Herbstein in bie Kosten des Verfahrens stattgegeben und die Wahl für ungültig erklärt.

* Brückemm (Rhön), 3. Oki. 1911. Der Krieger- verein Brückenau feierte am 1. Oktober die Enthüllung des von ihm zur Erinnerung an die Kriegsjahre von 1866 und 1870 gestifteten Denkmals auf dem Marktplätze der Stadt. Das Denkmal, eine meister­hafte Schöpfung des Bildhauers Weidner von Bad Kissingen, knüpft an eine fromme Legende an, welche anfangs des 15. Jahrhunderts die Stadt durch ihren Schutzpatron, ben heiligen Georg, aus Feinbeshanb erretten läßt. Der Entwurf bes Denkmals stammt vom Verein für Volkskunst unb zeigt auf hoher Säule ben heiligen Georg in Ritterrüstung mit voller Wehr, wie er ben zu Füßen seines Pferbes sich aufbäumen- ben Lindwurm erlegt. Am Fuße der Säule vor ben Ehrentafeln ber Feldzugsteilnehmer von 1866 und 1870=71 hält bii bayerische Löwe Wacht. Es ist eines ber schönsten Denkmäler Frankens Die Feier, bie aus einem kirchlichen unb weltlichen Teile bestanb, verlief in burchaus würdiger Weise, ste hat gezeigt, baß im nördlichsten Winkel Bayerns treue vaßcrlän- bische Gesinnung unb herzliche Kamerabschaft lebenbig ftnb.

* Bad Orb, 3. Okt. 1911. In Bab Orb weilten nach bem „Franks. Generalanz." in den letzten Tagen höhere Offiziere aus dem preußischen Kriegsministe- riura, da sich eine Verlegung der Grenzen für ben Trupvenübungsplatz bes 18. Armeekorps erforberlich macht, veranlaßt burch bie hohen Forbe- rungen ber Bewohner ber beiben zum Abbruch be­stimmten Ortschaften Villbach unb Lettgenbrunn. Die neue Grenzverschiebung ermöglicht bas Umgehen ber bciben Ortschaften. Die Bewohner toerben wahrhaf­tig nicht böse sein, wenn sie auf ber väterlichen Scholle bleiben bürfen.

* Frankfurt, 3. Oktober 1911. Zur Lösung der für bie Stabt Frankfurt in verkehrstechuischer und hygienischer Beziehung drängenden Markthallen« frag« bringt der Magistrat zwei Projekte in Vor­schlag. Das eine Projekt sieht die Errichtung einer Großmarkthalle im Ostend vor. Daneben soll die jetzige Markthalle an der Hasengasse bestehe» bleiben unb für den Detailverlauf zweckmäßig hergericktet werden. Nach dem zweiten Vor chlag soll eine Zentralmarkthalle in der Altstadt erstehen. Als Baugrundstück ist das ber Stadt gehörige Zoll- hofgeländ« an der alten Mainzergasse ausersehen, das schon deshalb für diesen Zweck besonders ge­

eignet erscheint, als für die Anfuhr von Waren der Eisenbahn- und Wasserweg offen steht.

* Haullvv.Münden, 2.Okt. 1911. Der Weser- peael zeigte heute 78 Zentimeter über Null. Tie ergiebigen Niederschläge der letzten Tage sind dem- nach nicht ohne Einfluß auf den Wasfersland der Weser gewesen. Wenn das Wasser weiter steigt, dann kann die feit Juli ruhende Schiffahrt wieder eröffnet werden. . „ .

cd. Bo« Westerwald, 3. Okt. 1911. Die Notiz vom 29. September, welche besagt, daß das Eis in den «berühmten Eis stollen auf derDorn- bur g' vollständig verschwunden sei, ist dahin zu berichtigen, daß das zutage getretene Eis abge« schmolzen ist. Im Innern des Stollens kann man nach wie vor auch in den heißesten Jahren das „ewige" Gs feststellen. Auch im Jahre 1893 war das „vorgelagerte" Eis verschwunden. Die innere Eispartie dieses auch naturivissenschastüch hochinteressanten Hügels wird außen auch bitr+i lange herrschende warme Witterung nicht beeinflußt.

* Höchst a. M., 3. Oft. 1911. Aus Liebes­gram schoß sich der 24 Jahre alte Schlaffer Paul Schmidhaus« von hier drei Kugeln in die Brust. Er wurde schwer vorletzt ins Städttsche Krankenhaus gebracht.

* Würzburg, 3. Okt. 1911. An Stelle des zum Univctsitätsptofcksot ernannten Regens des geistlichen Seminars Dr. Zahn wurde der Subregens Dr. Staab als Regens bestellt. Subregens wird der bisherige Assistent Dr. Brander, Affistent der Präfekt Bauer im Chilianenm.

Amt Gelsa und Umgebung.

* Dermbach, 3. Oki. 1911. Der frühere Bürger- germtifter von Tiefenort, Herr C. B l o ssey, wel­cher seit seinem dortigen Dienstaustritt bei der Re­gierung in Weimar beschäftigt Wurde, ist zum 10. Oktober an bie hiesige Bezirksbirektion versetzt worden. — Der Bahnhofsaufseher D ü n n e b e i l wurde von Dermbach nach Schmalkalden versetzt.

* Tiefenort, 3. Okt. 1911. Heute nachmittag wurde in dem benachbarten Hautfee eine weib­liche Leiche geborgen, welche feit einer Woche in dem See lag. Die Tote ist eine 41 Jahre alte Frau aus Eisenach.

* Dorndorf, 3. Okt. 1911. Hier wird die Er­richtung eines Konsumvereins geplant.

* Oechsen, 3. Okt. 1911. Die Schächte haben jetzt eine Tiefe von 180, bezw. 100 Meter erlangt. An ersterem werden jetzt bis zur Sohle 100 Meter tief Tübbings ausgelegt, um das Wasser abzuschlie­ßen, bas zuletzt ein Viertel der Förderung aus­machte. — Ein unehrlicher kroatischer Bahnarbeiter, der in GchauS in Logis war, stahl seinem Schlafkollegen am gestrigen Lohntag 104 Mk. und suchte das Wette.

* Aus Thüringen, 3. Okt. 1911. Der Krieg Italiens gegen die Türkei beeinflußt leihet auch die so rege Industrie Thüringens. So blickt man z. B. unt großer Sorge auf die schwimmenden Wa- tenfenimugen der Apoldaer Wollwarenindustriellen; der Verbleib der Waren kann nicht vorhergesagt wer­ben und wenn sie je anlangen, so ist es fraglich, ob Zahlung erfolgt. Es handelt sich dabei um einige Hunderttausend Mark. — Dem Turnverein in Un­terweid (Rhön) schenkte der Landesherr 100 Mk. zur Anschaffung von Geräten.

Aus Gbrrheffen u. den Hess. Aemtern.

* Marburg, 3. Okt. 1911. Es ist Aussicht vor­handen, daß in der zweiten Hälfte des Oktober Z. L. „Schwaben" von Frankfurt aus zu einem Besuch Marburgs mit Zwischenlandung veranlaßt werden kann, falls sich die nötige Anzahl von Passagieren finbtf. Bei voller Besetzung des Luftschiffes würde der Preis für Hin- ober Rückfahrt für jeben Passagier 175 Mark betragen.

* Ungedanken, 3. Oft. 1911. In bet Gutheim- schen Wirtschaft entspann sich zwischen einigen hiesi­gen Leuten ein Wortwechsel, ber mit der letzten Bürgermeisterwahl, bie noch immer bie Gemüter hier bewegt, im Zusammenhang stanb. Vor dem Hause setzte sich ber Streit fort unb artete in eine wüste Schlägerei aus, bei der zwei der Be­teiligten durch Messerstiche erheblich verletzt wurden.

* Battenberg, 3. Okt. 1911. Für bie geplante Eberbrücke würbe ber hiesigen Gemeinde ein Sechstel der auf 65— 70 000 Mark veranschlagten Kasten aus Kreismitt-ln als Zuschuß gewährt.

* Wabern, 3. Okt. 1911. In einem Anfall von Geistesstörung machte ber hier allseits beliebte Bahn- steigschaffner Völker von hier seinem Leben ein Ende; er erhängte sich in seinem Hause. Der Mann lttt seit Jahren an einem unheilbaren Beinschaden und ist bdbvrd) in die geistige Verirrung gefallen. — Die hiesige Aktienzucketsabtik beginnt ihre diesjährige Kampagne am 10. Okt. Es wird mit Bestimmtheit angenommen, baß auch bie Rübenernte gleich bet Kartoffelernte bezüglich der Qualität doch besser ausfallen wird, als noch vor wenigen Wochen vermutet wurde. Der eingetretene Regen wird dem Wachstum der Rüben noch sehr förberlidj sein, da ja auch bekanntlich bie Rüben ihr Wachstum erst entwickeln, wenn bie kühlen Rächte eintreten. Das in bieser Kampagne zu verarbeitende Quantum Rüben dürfte wohl auf 1 Millian Zent­ner zu schätzen sein, die Arbeitszeit dürfte voraus­sichtlich 6—7 Wochen dauern.

* Gemünden a. Wohra, 2. Ott. 1911. Die Er­öffnung der Reststrecke der Eisenbahn­linie Zimmersrob e—G em luben von Densberg nach Gemünben gestaltete sich hier zu einer einbrucksvollen Feier. Dazu hatte die Stadtverwal­tung eingedenk des bebeutmgsvollen Ereignisses bas ihrige getan. An bem von ihr veranstalteten Fest­essen nahm auch Regierungspräsident Graf von Bernstorff teil. Das BahnhofsgÄäude macht außen und innen einen schönen Eindruck. In ber Umgebung ist freilich noch manches zu tun.

* Homberg, 3. Oft. 1911. Im Hause bes Schuh­machers H. wurde das Obergeschoß, von dem 71jäh- rigen unverheirateten Bruder des Hausbesitzers be­wohnt. In dieser Wohnung entstand Feuer. Als man in das Zimmer eindrang, fand man ben Greis bewußtlos am Baden Er hatte im Gesicht schwere Brandtvunben. Der Arzt konnte nur seinen Tob f c ft ft e II e n. Man vermutet, baß der alte Mann, der ein starker Alkoholiker war, den Brand in ber Trunkenheit aus Unvorsichtigkeit selbst angefacht hat. Das Feuer konnte gelöscht werben, ohne daß es grö­ßeren Schaben anrichtete.

* Zwesten, 3. Okt. 1911. Bei bem hiesigen Schuh­machermeister Hirschberg würbe ein Einbruchs- biebstahl verübt. Aus einer Kommobe würben 40 Mk. unb zwei wertvolle Ringe gestohlen. — Die frühere Bachmannsche Wirtschaft in dem benachbarten Oberu rf f -ging durch Kauf in ben Besitz des Herrn Dömkböhl, früherer Inspektor ans dem Rittergut GerShansen, über.

* Fritzlar, 3. Oft. 1911. Der „Hess. Poft" schreibt man: Die Hausbesitzer hier sind nicht auf Rosen gebettet. Während vor 2 Jahren noch kein besseres LogiS zu bekommen war, stehen jetzt, ein ganze Reihe'der besten Wohnungen schon lange. Zett leer unb erleiden die Hausbesitzer dadurch em­pfindlichen Schaden. Auch auf die Mieten hot der Zustand einen starken Einfluß. Der Houserverkauf stockt schon lange; eS stehen mehr als 20 Häuser zum Verkauf, kein Mensch will ein Haus kaufen, weil es an Gelegenheit zum Vermieten fehlt.

Hande! und Industrie.

* Berlin, 3. Okt. 1911. An ber heutigen Börse kam es zu einer Hebung des seit Wochen rebtürften KmSmpeauS. Möntanwerte fliegen bis 3 Prozent. Der Bankenmarlt lag fest und verzeichnete Preis­steigerungen bis 2 Prozent. Eisenbahnwert« sehr lebhaft. Schiffahrtsaktien durchschnittlich 1 Prozent höher.

Märkte.

' Frankfurt« amtliche Notierungen der Biehmarkt- presse vom 3. Ottbr. 1911. Auftrieb: 1103 Rinder, 412 Ochsen, 21 Bullen, 670 Färsen und Kühe, 0 Fresser, 310 Kälber, 334 Schafe, 2757 Schweine. Preise für 1 Zentrier: Rinder- A. Ochsen: ». vollfleischige, ausgemäftete höchsten Schlachtwertes höchstens 7 Jahr« alt (Lebendgewicht) 49—54 Mark, (Schlachtgewicht) 90—95 M., die noch nicht gezogen haben (vngejocht) ^Lebendgewicht) 00—4)0 M., (Schlachtgewicht) 00—00 Mark, b. junge fleischige nicht ausgemästete und ältere auSgemäftete (Lebendgew.) 43—48 M., (Schlachtg.) 78—87 M., e. mäßig genährte junge, gut genährte ältere (Lebendgew.) 38- 42 M., (Schlachigew ) 70—77 Mark, d. gering genährte jeden Alters (Lebendgew.)

-I

Lebenswenöe.

Roman von Horst Bödem er.

„DaS haben schon viele geglaubt! Von zehn stnd neun dabei vor die Hunde gegangen, und nur der Hun­dertste wurde am Ende, nachdem ihn bas Leben zer­zaust, im neuen Geleise ein zustiebeuer Mann!"

„So muß ich eben der Hundertste sein! Wen» mich ab« da drinnen eine innere Stimme zwingt, soll ich der nicht folgen?"

„Sie kann trügen, Hans Heinrich!"

„Gewiß kann ste das, und sie wird das, wenn ich nicht kräftig zufaffe!"

„Jungchen, vorläufig stnd das alles Redereien! Klipp unb klar mußt du mir sagen, was du anfangen Willst, eher läßt sich nicht das geringste tun. Als Offizier und Edelmann bist du an das Befehlen ge­wöhnt."

„Wh muß mir eben eine Position erkämpfen! Ich habe etwas Kapital hinter mir —'

„Das bißchen Geld wird schwinden wie der Schnee W der Märzsonne!"

„Jedenfalls fahre ich morgen nach Berlin!"

„Ach, du lieber Gott!"

Ganz erstaunt sieht Hakburg Sosqueu an.

"findest bu bas nicht in der Ordnung?"

sr " der^r geht jeder, der nicht mehr weit« re ®c°6ftabt ist ein Strudel, der fast alle in

Wk Ttefe führt, zerschmettert, Hans Heinrich,"

> „Trotzdem! Ich will meine Kräfte stählen unb die luigen aufmachen!"

„Dann kann ich bir nur wünsche», daß dir Gott Httädig ist!"

V Sosquen sagt es sehr niedergeschlagen.

Hakburg war ans Fenster getreten unb trommelte eben Marsch an bie Scheiben.

'■ „Ich rate dir nochmals, geh' erst zu deinem Onkel Ät'ch Möhringen!"

„Was soll ich da? Mir den Kopf warm machen Wn?“

„Ich werde gern vermitteln, Hans Heinrich!"

„Dafür danke ich bestens."

n.

Hakburg ging wirklich nach Berlin unb nahm in einer Pension im Westen Wohnung. Er lebte zurück­gezogen, las viel, bummelte allein und sah sich das Hasten und Treiben cm. Woche auf Woche verging; er kam zu keinem Entschluß.

Da stieg in derselben Pension ein Herr Remschnei- der aus Frankfurt a. M. ab, neben dem er bei den Mahlzeiten zu sitzen kam. Er war ein kluger Mann von vierzig Jahren, ber wett burch bie Welt gekommen war und amüsant zu plaudern verstand.

Eines Nachmittags, es regnete stark, klopfte es an HakburaS Tür. Herr Rernschneider trat ein.

„Store ich?"

„Gott bewahre! Bitte, nehmen Sie Platz!"

„WaS lesen Sie benn da?"

„Ein Buch, das stark getauft wird, dem ich ab« gar keinen Geschmack abgewinnen kann!"

„Ja, ja, die Geschmäcker find verschieden, vieles ist Modesache! In b« Tat liegt das Geld nirgends so dick auf der Straße, mk in Berlin. W« es auf­zuheben versteht, kann schnell etn steinreicher Mann werden!"

Und nun erzMe « di« unglaublichsten Go- schichtm.

„Wer hat di« Sache geboomt? Der Sanft« Ro­senberg! Wa. war « vor zwanzig Jahren? Jnhab« einer ganz kleinen Geschäfte« im Osten, in dem der teuerste Attikcl Hosenträg« waren, und heute hat « eine Villa im Grünewald, für die ich gern dteimalhun- berttausenb Mark geben würde, wenn ich mir'S leisten könnte unb der Mann ste verkaufen wollte! — Neh­men Sie mir eine Frage nicht übck, ich bin wahrhaftig sonst gar nicht neugierig: ab« was wollen Sie eigent­lich von Berlin?"

„Na, das Geld hl« auflesen!" Das klang etwas spöttisch abweismd.

Eine Pause mtstcmd. Schließlich entschloß fich Herr Remschneid« zu einer neuen Frage: „Sind Sie denn gar nicht neugierig, warum ich Ihnen das alles erzähle?"

„Absolut nicht!"

„Mein Gott, Sie sehen mit doch aus, als äßen Sie lieb« Austern, als zweimal die Woche Schweine­braten!"

„Vielleicht haben Sie nicht ganz unrecht, Herr Rernschneider!"

„Dann sollten Ste doch mit mir an ein« Strippe ziehen!"

„Hören Sie auf!" rief Hans Heinrich energisch.

Der unternehmungslustige Herr wurde darauf sehr einfilbig und empfahl stch schnell.

Hakburg gab ab« diese Attacke zu denken! Wenn ihm nicht ein Beispiel bekannt gewesen wäre, wie ein Kamerad aus dem Kadettenkorps auf diese Weise rein­gelegt tootben war: man hatte ihn „gegründet", würde er sich wahrscheinlich für den Plan dieses Fremdlings sehr interejfiert haben. So war er von vornherein mißtranisch.

Und wenige Tage spät«, früh morgen» um sechs Uhr, klopfte eS nebenan bei Herrn Rernschneider an die Tür, ein heftig« Wortwechsel fand statt, fast alles konnte « durch bie SSänbe verstehen. Das Enbresul- tat: Die Kriminalpolizei nahm den Fremdllng mit sich, einen gewiegten Hochstapler! —

In d« Pension herrschte ben ganzen Tag über bie tollste Aufregung. Da ging auch Hakburg aus sein« Reserve heraus unb erzählte von dem Angebot, das ihm gemacht worden war. Ein Wort gab das andere, « lernte auf diese Weise die ganze, große Tafelrunde von ungefähr vierzig Personen näher kennen.

Und unt« diesen war eine junge Dame, dl« nur mitagS zu Tisch kam: Fräulein Erika Rollen. Ein­fach gmeibet, still, hatte ste Tag für Tag unweit von Hakbuvg gesessen und war itrnn« gleich nach bem Essen roieb« weggegangen. Er hatte gehört, sie sei eine talentierte Malerin.

Nur ein paar flüchttge Worte hatten fie zusammen gesprochen; aber bie große, schlanke Erscheinung, mit bem goldblonden, eigenartig, doch einfach frisierten Haar, dem blassen Gesicht, in das eine feine Rote schoß, sobald jemand mit ihr sprach, und den großen, blauen Ilugen, die von langen, dunllen Wimpern be- schattck waren, machte Eindruck auf ihn.

Tag für Tag begrüßte « sie und wechselte ein paar Worte mit ihr. Und als « eines Nachmittags durch den Tiergarten bummelte, auf dem Wege zu S3au« „Unter den Linden", wo « feinen Kaffee trin­ken wollte, traf er mit ihr am Brandenburg« Tor un­erwartet zusammen.

„Wohin des WegeS, gnädiges Fräulein?"

„Zu Schulte!"

„Darf ich Sie begleiten?"

Sie wurde rot. „Gern, Herr v. Hakburg!"

Und beute lief Fräulein Rollen ber Munb über, ganz gegen ihre Gewohnheit.

„Ich bin ja so furchtbar glücklich! Denken Sie nut, Herr Hofrat Schulte will eines meiner Bilder im nächsten Monat ausstellen!"

„Da gratuliert ich recht herzlich!"

„Dame! Ich weiß gar nicht, — die Gedanken wirbeln mir wie wild durch den Kopf. Das ist ein groß« Schritt vorwärts flir mich, und wenn sich noch «in Kauf« finden sollte," sie faßte mit beiden Händen nach den Schläfen, „ich glaube, ich würde unsinnig vor Ftmdel"

„Tut es Ihnen denn nicht leid, das Bild herzu­geben?"

„Ja, ich muß doch! Ach so! Herr v. Hakburg, das werden Sie nicht verstehen."

„Und roarunt nicht?"

„Gott, ein so vornehm-r Herr, wie Sie, hat es doch nicht nötig, Gelb zu verbienen!"

„Meinen Sie?"

Da würbe Fräulein Nollen verwirrt, denn Hakburg wat stehen geblieben unb sah sie mit einem langen Blicke an. Verlegen fuhr sie fort:

„Mein Vater hat Unglück gehabt. Früher war et Fabrikbesitzer. Es kamen Jahre bes Nieberganges, nur unter ben größten Entbehrungen konnte ich meine Stubien fortsehen. Jetzt hat er in Magbeburg ein kleines, offenes Geschäft, es nährt zur Not meine El­tern und Geschwister. Da hätte ich natürlich eine na­menlose Freube, wenn ich ihnen Gelb schicken könnte. Außerdem würbe es boch ber Beweis sein, daß mein Beruf auch Früchte tragt. Sicherlich blicken dann bie Meinen sorgloser in bie Zukunft!" (Forts, folgt.)