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Erstes Blatt
JVi 226.
Fulda, Dienstag den 3. Oktober 1911.
38. Jahrgang.
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MchtS Gewisses weiß man nicht. Von allen Seiten strömen die wildesten Gerüchte, einander überstürzend, vom Kriegsschauplatz« über den Erdball hin. Telegramme folgen auf Telegramme. Nachrichten- agentuttn, Privatkorrespondenten, offizielle und offiziöse Nachrichtenquellen überbieten einander in der Versendung ihrer Mitteilungen. Auf den Redaktions- tifchen häufen sich die Berichte zu Bergen. Stunden sind notwendig, nur um sie zu sichten, zu ordnen, zu sortieren. Aber würde man die Stundenzahl auch verdoppeln und verdreifachen — es bliebe doch ein hoffnungsloses Beginnen, aus dem Gewirr der Widersprüche ein Bild der wirklichen Sachlage konstruieren zu wollen. Die bloße Verzeichnung aller Ereignisse, von denen behauptet wird, daß sie sich tatsächlich begeben haben, würde den Raum dieses Blattes um ein mehrfaches übcrfchreiten. Und — was die Hauptsache ist — die Leser hätten nichts davon. Bald heißt es, Smyrna sei bombardiert worden, bald wird bestimmt versichert, die Italiener härten in P r e v e s a eine Landung vorgenommen, auf der einen Seite wird in Umlauf gesetzt, die ganze türkische Flotte mit nur geringen Ausnahmen sei in Grund gebohrt worden, auf der anderen Seite will man wissen, die Italiener hätten bei einem Landungsversuch in Tripolis so schwere Verluste erlitten, daß sie den Versuch haben aufgcben müssen, dann wieder heißt es, Tripolis sei bombardiert und besetzt wordcn. Und so geht es fort: wild, wlldec, am wildesten.
Me dicke der Meldungen stellen sich schon nach einigen Stunden als falsch heraus! Das ist nur zu erklärlich, denn erstens herrscht unkt den Krieg führenden Parteien eine strenge Zensur aller Depeschen, und dann find die wenigen Funkeirstationen mit Beschlag belegt. Ferner nmß jedem der beidrn Gegner daran liegen, die Bewegungen seiner Streitkräfte geheim zu halten. So ist es fast unmöglich, sich ein einigermaßen klares Bild von den ersten Begebenheiten im Mittelmeer zu machen. Tatsächlich steht bisher nur folgendes fest:
Die italienische Flotte liegt vor Tripolis; ein Bombardement der türkischen Festung hat aber noch nicht stattgesunden, auch keine Landung italienischer Truppm. Die Kämpfe bei P r e v e s a an der Westküste Albaniens entsprechen den Tatsachen. Ein türkisches Torpedoboot wurde vernichtet, ein anderes entfloh; auch dieses wurde später gefechtsunfähig. In einem zweiten Gefecht bei Prevesa wurde ein türkischer Torpedobootszcrstörer und ein Torpedoboot in den Grund gebohrt. Auch ist cs den Italienern gelungen, an verschiedenen Stellen im Mittelländischen Meere türkische Transportdampfer aufzubringen. Ueber die Vorgänge bei Reschadir ist man noch nicht zuverlässig unterrichtet. Eine Landung italienischer Truppen an der albanischen Küste hat nicht stattgefunden, wenigstens leugnet die italienische Regierung es ab. Denn wenn irgendeine kleine Abteilung gelair- det fern sollte, so hat sie damit eine Dummheit gemacht, die man zu verleugnen sich bemühen wird. Wo die türkische Flotte im Aegtuschen Meere sich zur Zeit befindet, ist nicht klar, jedenfalls ist aber das Gerücht von Zusammenstößen der Flotte, die übrigens abgesehen von den Torpedobooten und alten kleinen Schüfen nur aus den von Deutschland gekauften zwei Linienschiffen und zwei Kreuzern besteht, mit italienischen Seekräften in den Dardanellen und Chios unrichtig.
Tie diplomatische Lage.
Das „Berl. Tagebl." hatte sich aus Konstantinopel melden lassen, der deutsche Botschafter Frhr. v. Marschall habe mis der Pforte bei seinem Besuch beim Großvesir Vorschläge Italiens für Friedensvorschläge überreicht. Diese Meldung ist zweifellos unrichtig. Nachdem Ficv- lien einmal in rücksichtsloser Form zu einer Kriegserklärung geschritten ist, als dem angeblich alleinigen Mittel zur Austragung der schwebenden Streitigkeiten, ist es doch wohl ausgeschlossen, daß es jetzt, ehe noch irgendeine erhebliche militärische Aktion statt,gefunden hat, mit Friedensvorschlägen an die Türkei herantteten feilte.
Wenn also auch diese Meldung such nicht bestätigt, hoffentlich trifft es aber zu, was weiter gemeldet wird, daß Frhr. v. Marschall in Konstantinopel energisch und mit Ausdauer den Frieden zu,vermitteln suche. Das ist das beste, was die deutsche Staatskunst angesichts der bedauerlichen Ueberraschun- gen tun kann. (Eine Einmischung in den Swett steht uns in keiner Weise zu; wir können aber beiden Parteien unsere guten Dienste anbieten, indem Frhr. v. Marschall in die Bresche der abgebrochenen diplomattschen Beziehungen tritt, nm zunächst die Ansichten des einen Teils dem andern zu übermitteln und dann im geeigneten Augenblick auch einen freundschaftlichen Rat wegen dec Ausgleichsmöglich- keiten einfließen zu lassen. Ob und inwieweit der Vermittler vom Briefträger zum ehrlichen Makler sich entwickelt, muß sich aus den jeweiligen Umständen ergeben. Dem Frhrn. v. Marschall darf man wohl das rechte Geschick zutrauen, daß er jede Zudringlichkeit vermeidet, keine lästige Verantwortlichkeit auf fich ladet und so seine Regierung und sein Land vor jenen Nackenschlägen bewahrt, die erfahrungsgemäß sich oft au eine Vermittelung knüpfen, wie sogar Fürst Bismarck bei seiner Rolle als ehrlicher Makler auf dem Bcrlmer Kongreß vor einem Menschenalter hat erfahren muffen.
D« Voraussetzung für eine vermit
telnde Tätigkeit ist, daß der Vermittler das volle Vertrauen beider Parteien genießt. Diese Voraussetzung dürste hier wohl vorliegen. Italien ist sehr befriedigt von der Haltung. dir das deutsche Reich gegenüber der folgenschweren Ueberraschung eingenommen hat, und die Staatsmänner in Konstan- ttnopel werden das lebhafte Interesse Deutschlands «n dem Fortbestände des türkischen Reiches dankbar änsrkennen.
Günstig für das Vermittelungswerk erschcinm »Wei Umstände: 1) daß der bisherige Krieg noch keine besonder empfindlichen Opfer an Geld oder
Blut gekostet hat und 2) daß die Ruhe in der europäischen Türkei bisher nicht gestört worden ist. DaS erleichtert den Türken dte Nachgicbigkeü, zu der s t e fich nach Lage der Verhältnisse in erster Linie verstehen müssen. SXe Heinen militärischen Erfolge, die man in Italien mit so aufwallender BegePerung gefeiert hat, boten bereit» dem außerordentlich stark gesteigerten italienischen Ehrgeiz eine gewisse Befriedigung und können also wohl dazu mtthelfen, daß Italien in der Form seiner Ansprüche etwas nachgibt.
Dio Türkei hatte inzwischen sofort nach AuS- bmch de» Kttege» an alle Großmächte ein Rundschreiben mit dem Gesuche um Intervention gerichtet. Dieser Schritt hatte einen etwas naiven Charakter. Die Gesamtheit der Mächte kann sich nach AuSbruch eines Krieges nicht al8 SchiedSgerttht und eigener Machwollkommmhett htnstellm. Auch eine einzelne Macht wird sich vor einer Einmischung hüten, die sie in die Fenerlinie bringen würbe. DaS einzig mögliche ist eine freundschaftliche Vermittlung, dte ein gemeinsamer Vertrauensmann in vorsichtiger Weise versucht.
Bezeichnend für die Stimmung tn Italien ist Me Tatsache, daß bet römisch« Korrespondent des »Berl. Tagebl/ unter Genehmigung der amtlichen Dopeschenzensur drahten konnte: Italien werde gewiß die Vermittelung Marschall» nicht ablehnen, nachdem eS die Okkupation vorgenommen und Genugtuung für da» militärische Ansehen Italien» erreicht Hai/ Der Hunger nach militärischen Lorbeeren Witt) hier gewissermaßen zugestanden. Än- derersettS deutet die Wendung von der »Okkupation' darauf hin, daß Italien auf die volle Ausliefe, rung von Tripolis bestehen wird.
Da ftecH nun die Schwierigkeit, die Marschall zu überwinden haben würde. Die Tückck will auf wirtschaftlichem ®e6tet den Italienern alles zugestehen, aber sie will Ehrst halber die „Souveränität" des Sultans über die verlorene Provinz aufrecht erhalten. Italien wird aber seine eigene Souver- änttät in Tripoli» auffichten wollen. Läßt sich nun eine diplomatische Formel finden welche so viel wohlklingende Zweideutizkett hat, daß einerseits dem ottomanischen Volke der Fortbestand der Sultanshoheit plausibel gemacht werden kann und andererseits den Italienern der volle Besitz von Tripolis garantiert erscheint? Da» ist die Preisaufgabe, die jetzt zu lösen ist.
Hoffentlich findet sich bald die Lösung, so daß der traurige Krieg It. seinem Ke'm erfticÄ werden kann. Die Türkei kann ja schließlich froh fein, wenn sie die lästige und gefährliche Provinz „in Ehym* los wird.
** Berlin, 2. Oft. 1911. Der deutsche Botschafter Frhr. v. Marschall hatte gestern beim Sultan Audienz und überbrachte ihm die Antwort des Kaisers auf eine Depesche des Sultans, der die Vermittelung des Kaisers angerufen hatte. Der Sultan zeigte stch gutem Vernehmen nach durch die ihm mitgeteilte Antwort sehr befriedigt.
Offiziös wird aus Berlin gemeldet:
Nach neueren Nachrichten gewinnt es den Anschein, als ob die Aussichten auf eine Begrenzung de» Krieges immer mehr im Wachsen sind. Nicht nur die neutralen Regierungen lassen den besten Willen erkennen, in diesem Sinne tätig zu sein, sondern auch von Italien selbst wird angenommen, daß e8 nichts tun wird, um diese Aufgabe zu erschwer«:. Man nimmt an, daß die auch von der Türkei nicht in Abrede zu stellende Tatsache, wonach ein auf die Dauer erfolgreicher Kampf in Tripolis nicht mehr zu hoffen fft, weil die Flotte Italiens jede Verbindung mit dem Mutlerlande abschneidet, auf die türkischen Entschließungen nicht ohne Einfluß sein wird, und daß es daher sehr rvohl möglich werden könnte, daß sich binnen kurzem für eine Bermittlung zwischen den krieg- führenden Parteien eine brauchbare Unterlage böte.
Die Lage vor und in Tripolis.
Die gleich angezweifelte Meldung von dem Bombardement der Stadt Tripolis ist bisher nicht bestätigt worden. Dagegen meldet der »New-Dock Herold" in Telegrammen aus Tripolis von Samstag nachmittag:
„Um halb elf Uhr vormittags hörte man das Feuern von schweren Geschützen der italienischen Kreuzer zehn Meilen westlich von der Stadt. Es schien, als eb'oiefe Schiffe mit den Kanonen üblen. Um Mittag kamen zwei Kreuzer auf eine Nähe von drei Meilen cm den Hafen heran. Der eine führte eine weiße Flagge am Hauptmast. Der .Castle Garthe und alle Segelschiffe verließen darauf den Hasen. Die türkische Besatzung des spanischen Forts, das am westlichen Ende des Hafens liegt, ist zurückgezogen worden, ebenso die Hauptwache im Innern des Forts. Die Stadt ist vollkommen ruhig und die Ordnung nicht gestört.'
Es ist wahrscheinlich, daß daS erwähnte UebungSschießen auf offener See irrtümlich für das Feuer der Bombardements gehalten worden ist und Grund zu den Gerüchten von der Beschießung gegeben hat.
* Loudon, L Olt. 1511. Der italienische Zerstörer .Lanciere' lief EamStag nachmittag in den Hafen von Tripolis ein und benachttchtigte den italienischen Generalkonsul, daß das Ultimatum um 2 Uhr abliefe, worauf die Feindseligkeiten beginnen würden. DaS italienische Generalkonsulat teilte bieS den anderen Konsulaten mit, und diese forderten ihre Landsleute auf, in die Konsulate zu kommen. Eine furchtbare Panik folgte, Frauen und Kinder stürzten weinend durch die Straßen mit wenigen in der Eile znsammen- gerafften Habseligkeiten und flohen nach den Konsulaten. Diese sind mit Flüchtlingen überfüllt. Sie haben riesige Flaggen gehißt, um diese den eindringenden Italienern wetthiu sichtbar zu machen. Ueber dem italienischen Konsulat und der römffch- katholischm Kirche wehen deutsche Flaggen. Die tunesischen und griechischen Schwammfischerboote im Hasen sind gedrängt voller Flüchtlinge.
* Konstantinopel, 1. Oft 1911. Die Agence Otto- mane meldet offiziell, daß die Italiener bisher keinerlei Landung in Tripolis vollzogen Hütten. Der ©oubernwr von Benghafl telegraphiert, daß ein fu r ch tb a r e r S tur m an der Küste wüte, der in diesen Regionen lange anzuhalren pflege. (Die Landung j» Tripolis ist ohnehin menen des seichten
Wasser» schwierig. Der klippenreiche Hafen der Stadt hat nur einen einzigen Zugang.)
W London, 2. Ott. 1911. Wie daS Reutersche Büro auS Malta meldet, ist dort der englische Dampfer Castlegarth infolge stürmischen Wetter» erst gestern um Mitternacht eingetragen. Er hatte 1800 maltesische Flüchtlinge auS Tripolis an Bord, die am Freitag auf Anraten des englischen Konsuls angesichts der Möglichkeit einer Be- schietzung von dort abgefahren waren. Die Vorräte gingen bald zur Neige, und eS stellte sich Mangel an Lebensmitteln ein. Der Sturm hielt drei Tage an. Unter den Fahrgästen befand stch auch ein Beamter des englischen Konsuls, der wichtige Depeschen für den Gouverneur mitbrachte.
W Augusta, 2. Ott. 1911. Der italienische Kreuzer »Coattt" ist mit Passagieren au» Tripoli» hier angekommen. Er bringt die Nachricht mit, daß bi» zum 30. September 8 Uhr abend» die italienischen KttegSschiffe noch nicht mtt dem Bombardement der Forts begonnen hatten, um den Europäern Zeit zum Verlassen der Stadt zu geben. Von Italienern sind in der Stadt nur zwei Mönche und zwei Nonnen zur Krankenpflege im Hospital zurückgeblieben.
* Mailand, 2. Ott. 1911. Ein englischer ZeitungS- berichterstatter hatte heute in Mailand eine Unterredung mit dem ehemaligen Leiter der öffentlichen Av- betiat in Tripolis, Giuseppe Parst, der viele Jahre dieser Amt belleidete und daher ein gründlicher Kenner der Verhältnisse des Landes ist. Er ist überzeugt, daß die Landung der Italiener in Tripoli» nur mit bedeutenden Schwierigkeiten und großen Menschenopfern möglich fein werde, da die Forts um Tripolis, Schat Masri, Gorgotttza und Francese, wie verfallen sie auch von außen gesehen erscheinen, mit ganz modernen Schnellfeuerkano- nen, die aus deutschen Fabriken erst vor einem Jahre geliefert wurden, bewaffnet seien, außerdem müsse in Rücksicht gezogen werden, daß 30- bi» 40 000 Araber die regulären tückischen Truppen unterstützen mürben, sobald-der Kleinkrieg begonnen habe. Ihre Verproviantierung und der Nachschub an Munition könne ganz unabhängig von der Küste aus Karawanenstta- ßen vom Hinterland her, das sich in englischem Besitze befinde, durchgefühck werden. Italien sehe also kttnem militärischen Spaziergang, sondern einem ernsten und blutigen Feldzuge entgegen.
Jas EAlW „er Türkenflotte.
Die Nachricht von der Vernichtung der türkischen Flotte bei den Dardanellen, die aus Italien gemeldet worden war, hat sich als falsch erwiesen. Immerhin ist die Ungewißheit über den Verbleib der Hauptkräfte der türkischen Marine noch nicht gewichen. Nach wie vor bestehen ernste Besorgnisse um :hr Schicksal. Es wird gemeldet:
W. Konstantinopel, 2. Ott. 1911. Von den 16 Flotteneinheiten, die ausgefahren waren, sind nunmehr neun hierher zurückgekehrt, ein Kreuzer soll nach Port Said, ein zweiter nach Beirut gegangen fein, lieber das Schicksal der anderen fünf läßt man hier nichts verlauten, indes verstärkt sich die Ängst, daß sie einem feindlichen Angriff zum Opfer gefallen find. Nachrichten zufolge, die hier auS den Dardanellen eingetroffen sind, werden in Tschanakkale die noch hier weilenden Schiffe erwartet, um die Dardanellen gegen einen etwaigen Angriff zu verteidigen.
Feststellung, dah di« italienischen Schiffe keine Mannschaften gelandet hatten, wie von tür- kifcher Seite behauptet wurde.
Die Ereignffse von Prevesa sind wegen der außerordentlich ungünstigen Wffkung, di« sie auf die all- ^meme^lropäffch« Sage ausüben, nn höchsten * Wie«, 2. Ott.
1911, In Ollen hiesigen Poltti- schen Kreisen herrscht große Aufregung über das Borgchen Italien» an der albanesischen Küste. Alle Blätter, selbst solche, die zur Regierung in Opposition stehen, geben ihrem Unwillen lebhaften Ausdruck. Sie erklären, fall» Italien fortfahre, seinen Tatendrang auf Albanien auszudehnen, müsse sich die Polttik der österreichischen Reaiernna trotz
An der albanischen Küste.
Die italienische Regierung hat zu wiederholten Malen versichert, daß sie nicht beabsichtige, den Krieg auch in die europäische und asiatische Türkei zu tragen, sie hat auch nachdrücklich wiederholt abae- stritten, daß eine Landung an der albanischen Küste stattgefunden habe. Soeben wieder haben die Botschafter in verschiedenen Hauptstädten die letzten Meinungen über Truppenladungen als unrichtig erklärt. In Berlin hat die dortige italienische Bot- schaff erklärt:
„Da damit gerechnet werden muß, daß türkische Torpedoboote, die in Adria kreuzten, unsere Handelsschiffe bedrohen könnten, muß die königliche Marine Maßregeln ergreifen, sie außer Stand' zu setzen, die Sicherheit der Schiffahrt im Adriatischen Meere zu gefährden. Es ist möglich, daß, um zu diesem Ziele zu gelangen, einige Kanonenschüsse au8 der Nähe der Küste abgegeben wurden, aber zu Lande wurden keine Operationen vorgenommen."
Italien sucht den üblen Eindruck seiner Operationen au der albanischen Küste dadurch zu verwischen, daß es sich so stellt, als hätte es Wunder welche Angst vor der Beunruhigung seines Seehandels durch türttsche Torpedoboote in der Adria. In Wirklichkeit hat das italienische Geschwader einige armselige türttsche Kriegsschiffe, die nach vorhandenen Meldungen offenbar nicht einmal was vom Kriegsausbruch wußten, in den türkischen Gewässern unmittelbar an der türkischen Küste Überrascht und zwefen von ihnen den GarauS gemacht. Die Türken flohen, sobald sie den Gegner ans der Ferne nur witterten.
Die Italiener haben sich mit der ersten Waffentat nicht begnügt. Wenn man den gestrigen letzten Meldungen au» tückischer Quelle Glauben schenken darf, wurde der kleinere Hafen Reschadie in der Nähe von Prevesa dann noch von ihnen bombardieck und sie liefen, nachdem das geschehen war, in den Reschadie-Hafen ein, wo sie die dort befindlichen türttsche» Torpedoboote in den Grund bohrten. Italienische Meldungen bestreiten diese Beckchte nicht, sondern klammern sich bloß an die
aller Bundestreue mit einem Schlage andern. Der Spaziergang Italiens nach Tri- PoliS könne Europa seine Ruhe kosten. Die Entfaltung der italienischen Kriegsflagge an der albanesischen Küste, namentlich aber das bombastische Kriegsbulletin deS Herzogs der Abruzzen über den Sieg moderner italienischer Panzerschisfe über veraltete tückische Kanonenboote werde hier in abfälliger Weise Iritifiert Sollte die italienische Kriegs- Stte trotz aller Erklärung von amtlicher ttalieni- er Sette fortfahren, die «libanesische Küste nach billigen Lorbeeren abzusuchen, so wird die öfter- reichisch-ungarische Schlachtflotte in Pola Befehl erhalten, gleichfalls die österreichisch- ungarische Kriegsflagge vor Durazzo, Prevesa und Valona zu entfalten.
* Wien, 2. Ott. 191L Die Erklärung der italienischen Regierung, daß sie keine Landung in Albanien vornehmen werde, hat ht hiesigen diplomatischen Kreisen jtoar beruhigt, aber man hält es für absolut nottoenmg, daß Italien die Operattonen im Adriatischen und Jonischen Meer binnen kürzester Frist ein ft eilt. Die Fockdauer des jetzigen Zustandes steht nach der hiesigen Auffassung im strikten Widerspruch mit der Versicherung, die Italien bei Kriegsbeginn abgegeben hat. Auch könnte Oesterreich-Ungarn einer Gefährdung des österreichischen Orienthandels nicht ruhig zusehen.
W. Konstantinopel, 30. Sept. 1911. (Wegen deS Kriegszustandes verspätet eingetroffen.) Die ganze Nacht herrschte in der Stadt große Erregung. Die unmittelbar aufeinanderfolgenden Nachrichten über die Kriegserklärung und den Beginn der Feindseligkeiten wurden mit fieberhafter Spannung aufgenommeu. Die gesamte Presse bezeichnet das Vorgehen Italiens als völkerrechtswidrig und gegen die Zivilisation verstoßend. Die Mehrzahl der Blätter ermahnt die Bevölkerung zur Ruhe, einzelne verlangen die Ausweisung der Italiener. Weiter bringen die Blätter eine unmenge Nachrichten über kriegerische Operationen. Der Telegraphenverkehr mit Derna und Benghafl ist unterbrachen. Das jungtürkische Komitee erkläck in einer Kundgebung, die Italiener sollten aus der Türkei ausgewiesen, ihre Schulen geschloffen werden. Das Komitee werde ein nationales Vorgehen einleiten. Der Ausruf ermahnt zu einer freundlichen Behandlung der übrigen Fremden. Das Komitee hat an den Größwesirrat eine Depesche gerichtet, worin es verlangt, daß Italien dis aufs äußerste Widerstand geleistet werden solle.
* Mailand, 2. Ott. 1911. Die Abfahrt des tta- lienischen Expeditionskorps findet noch diese Woche statt und zwar in zwei Abteilungen mtt zweitägigem Abstand. Zur Beförderung sind 18 größere Schiffe mit zusammen über hunderttausend Tonnen und 13 Heinere gechartert worden.
W Brindisi, 2. Oki. 1911. Der türttsche Dampfer „Sabah", der türkische für Tripolis bestimmte Truppen an Bord hatte und von ttalienischen Kriegsschiffen aufgebracht worden war, ist hrer angekommen.
W Konstantinopel, 2. Ott. 1911. InPrewesa sind zwei Bataillone aus Luros eingetroffen. T«s Kanonenboot Muni-i-Saffer, das tn Beirut als Küstenschiff diente, und ein türkisches Transportschiff sind nach Port Said geflüchtet.
* Mailand, 2. Ott. 1911. Die „Stampa" bringt ein« Nachricht au8 Theodosia, daß der Livorneser Dampfer „Melvria" mtt 26 Mann Besatzung und 3000 Tonnen Getreide in den Dardanellen von den Türken beschlagnahmt und nach Nagara geschleppt worden sei.
* Mailand, 2. Ott. 1911. In Palermo sind zwei kleinere tückische Schiffe „Papa Nord" und „Gloria" beschlagnahmt worden.
* Mailand, 2. Ott. 1911. Heute hn Morgengrauen stießen zwei ttenzende italienische Tor- pedojäger „Nempo" und „Strafe" zusammen; sie solfen jedoch nur wenig beschädigt worden fein.
W Rom, 2. Ott. 1911. Die „Agencia Stefaui" meldet: Soeben wird bekannt, daß bte telegraphische Station inDerna von einem italienischen Kriegs- schfff zerstört wurde, daß das t r i p o l i t a n i s ch e Telegraphennetz nicht mehr mit dem tunesischen zusammenhängt und das Kabel zwischen Tripolis und Malta während des ganzen ®jen Tages nicht arbeitete. Wegen des Unwetters
Radiotelegramme weder empfangen noch gesendet werden tonnen.
Deutsches Reich.
Z Berlin, 2. Ott. 1911. Der Bundesrat tritt kommenden Donnerstag zu seiner ersten Sitzung wieder zusammen; es werden Notstandsmaßnahmen beraten werden. — Die Zolleinnahmen des Reiches vom 1. April dis 31. August haben gegen das Vorjahr ein Mehr von 66 Millionen ergeben. Dieser Mehrbetrag wird voraussichtlich zum größten Teil dem zur Durchführung der Witwen- und Waiseuversorgung bestimmten Fonds zufließen. — Aus Anlaß des öOjährigen Bestehens der ^Norddeutschen Allgemeinen Zeitung sand gestern ein Festmahl im Hotel Adlon statt, an dem ©taatSfelteifir v. Kiderlen-Wächter und zahlreiche Verirrter der Reichs- und Staatsbehörden und der Presse teilnahmen. Der Kaiser sandte ein Glück- wunschtefeckamm, in welchem er der patriotischen und körngötkeuen Haltung der ,Nordd. Allg. Ztg. gedachte.
+ Der Reichstag tritt bekanntlich am Drenstag den 17. d. M. zu feinem letzten Tagungs-Abschnitt vor den Neuwahlen zusammen. Die Tagesordnung für die erste Sitzung ist nunmehr herausgegeben; sie enthält lediglich Petitionen.
X Die Marokkoverhündllmgen. Am Montag hu» sich wieder der französische Ministerrat mit den deutsch-französttchen Verhandlungen über Marokko beschäftigt. Den Pariser Mtttagszeitungen zufolge genehmigte der Kadinettsrat die Sonn«' taa noch dort übermtifeüe Antwort Deutsch»