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Montag 2. Oktober <9U

58. Jahrgang.

" fuldaer W Zeitung

2. Blatt.

vrnck und Verlag der znldaer AetlendrnSerri in Znlda.

leit und Marschleistung in der Gesamtheit (mit Re- ervisten) genügen nicht immer den Anfordemngen. Die Bewaffnung deS italienischen Heeres ist gut, die Ausrüstung sogar vorzüglich.

DaS t ü r k i s ch e H e e r ist ein nicht zu verachten­der Gegner, doch ist es nicht imstande, Italien ent» gcgenzutreten, da der Türket die Schiffe fehlen, die Truppen nach der afrikanischen Küste zu beför- dem. Die Türken besitzen außer dm kürzlich in Deutschland käuflich erworbmen zwei Linienschiffm nur noch zwei alte, notdürftig modernisierte Schlacht­schiffe, die aber keine schwerm Kaliber führen, zwei geschützte Kreuzer, einige alte Küstenpanzerschiffe, so» wie eine Anzahl Torpedoboote und Torpedoboots­zerstörer. Soweit die türkischen Truppm den Jta» limem mtgegentretm können, vermögen sie sicher dem Gegner Schwierigkeiten zu bereiten. Gmügsanrkeit, Ausdauer im Ertragen von Strapazen, bis zur rück­sichtslosesten Todesverachtung sich steigernde Tapfer­keit, dazu eine gewisse militärische Beanlagung, ver­einigen sich in den allzeit kriegsgeübtm Mannschaften und haben sie zu bewundemngswürdigeir Taten be­fähigt. Der russisch-türkische Krieg hat davon manche Beispiele gezeigt. In den letzten Jahren hat die Ar­mee zudem einen ganz wesentlichen Aufschwung zu verzeichnen. Man hat sich nicht nur die Fortschritte der modemen Technik auf dem Gebiete des Waffen- und des Verkehrswesens zu eigen gemacht, sondern betreibt die Ausbildung nach neuzeitlichem, speziell deutschem Muster. Auf einen hohen Standpunkt ist der junge Nachwuchs des Offizierkorps gelangt. Die Friedensstärke der türkischen Wehrmacht ist auf 42 000 Offiziere und 280 000 Mann zu beziffern, ohne die 100 000 Köpfe zählmde Gendarmerie, die mit der Armer in engerem Zusammenhänge steht, als anders­wo. Die Kriegsstärke wird mit 800 000 Mann ange­geben. Die als Friedmsgarnison in Tripolis stationierte 42. Division umfaßt 9 Bataillone Infan­terie, 1 Jägerbataillon, 3 Maschinengewehr-Kompag- nien, % Bataillon berittener Infanterie (Drometar- reiter), 1 Kavallerieregimmt und 6 Batterien. In allerletzter Zeit ist türkischerseits noch einiger Nach­schub dorthin dirigiert worden.

Amt Geisa und Umgebung.

* Bermbach, 1. Oft. 1911. Hier wurde ein Ein­wohner beobachtet, wie er mit zw e i st a r k e n Z i e- gen und einem eigens für diesen Zweck gebauten Pflug und einer leichteren Egge sein Feld für die Wiederherstellung herrichtete. Die Ziege (in diesem Falle handelt es sich um den starken Walliser Schlag) als Zugtier — das ist allerdings wohl etwas ganz neues.

* Frankeuheim (Rhön), 1. Okt. 1911. Ver­gangene Woche weilte Herr Winterschuldirektor Dr. Landbeck aus Marksuhl hier, um im Auftrage der Landwirtschastskammer des Großherzogtums V o r - bereitungen zu Düngungsversuchen auf unseren Wiesen zu treffen. Die Gemeinde stellte ihm zwei große, unmittelbar am Orte gelegene Flächen zur Versügung. Die Düngung wird mit sechs verschiedenen Düngemitteln vorgenommen werden, und es wird gewiß interessieren, welche Er­folge dieselbe hat und wie auf diese Weise unsere großen, verhältnismäßig wenig ausgenutzten Wiesen­flächen ertragsreicher gestaltet werden können. Auch in unserer Nachbargemeinde Birx werden die glei­chen Versuche vorgenommen werden.

♦ Rkidhardishausen, 1. Oktober 1911. Der im Verdacht der Brandstiftung stehende frühere Gastwirt August Endtrr, der verhaftet und wieder entlassen worden war, ist aufs neue dem Gefängnis zugeführt worden, da er in der fraglichen Nacht, als der Brand entstand, in der hiesigen Gegend gesehen worden sei. Auffallend ist aucb, daß er kurz vorher eine Höherversichernng von Getreide be­antragt hat.

so viel günstiger liegen.

Die italienische Armee steht nicht in hohem militä- rischent Ansehen. In ununterbrochener Reihenfolge hat ste unglücklich gefochten: 1849 errang Radetzky ihr gegenüber Sieg auf Sieg, 1859 blieb in der Ent­scheidungsschlacht der den Italienern gegenüber- stehende Flügel der Oesterreicher unter Benedek der obsiegende Teil, 1866 wurde sie zu Lande und zu Wasser bei Custoza und bei Lissa von den Oesterrei- chern geschlagen. Zuletzt ist die italienische Armee noch 1896 geschlagen aus dem Kampf mit Abessinien heimgekommen und Italien nach der Schlacht bei Adria zum Friedensschluß gezwungen worden. Seit­dem lechzte Italien nach einer Gelegenheit, die schwere Schlappe wieder wettzumachen und dazu soll nun der Kampf mit dem schwächeren Gegner dienen. Ueb- igenS behaupten Sachverständige, die italienische Ar­mee sei besser als ihr Ruf. Das Offizierkorps sei strebsam, nüchtern, bescheiden, von Patriotismus und Liebe zum Beruf durchdrungen. Der italienische Soldat sei genügsam, willig und besitze Begeistenings- fähigkeit, Lebhaftigkeit, Anpassungsfähigkeit, Tapfer­keit, — aber auch Kritiklust, Politisieren, nach Rück­schlägen läßt seine Energie bald nach. — Schießfertig-

Vernichtung der Witterung der eigenen Fußspuren, alls Polizeihunde auf ihre Fährte geschickt würden.

* Untertunnelung des Rord-Oftseekanals. Der ür Kiel seit Jahren in Aussicht genommenen Aus- ührung der Kanalisation stellen sich die größten Schwierigkeiten in den Weg. Zur Ausführung der Abwässer in die offene See muß ein Tunnel unter dem Nordostseekanal gebaut werden, der allein unge- ähr eine halbe Million kosten wird, so daß die für )aS ganze Unternehmen veranschlagte Summe von 5 Millionen nicht ausreichen wird.

* Brillanten und Silberzeug im Werte von 80 000 Mart stahlen Einbrecher in der Nacht zum Samstag bei der Juwelierfirma Friedrich Weilandt in S1 e 111 n. Die Diebe hatten sich in das Haus einschließen lassen und dann vorn Keller aus das Gewölbe durchbrochen. — In P a r i s statteten Ein­brecher dem Juwelierhaben der Firma Catenot'u. Peyon einen „Besuch" a6; sie erbrachen einen Geld­schrank der neuesten Konstruktion. Den Räubern fielen Wertgegenstände in die Hände, die eine Summe von 200 000 Frank repräsentieren.

* Wegen dxs Bäckerstreiks fanden in Dublin Samstag abend unter der armen Bevölkerung wüste Straßenkrawalle statt. Frachtwa- gen wurden auf den Straßen umgestürzt, und ihr Inhalt wurde unter die hungernden Frauen und Kinder verteilt. Dae Lage ist äußerst ernst.

* Der Brudermord in Trier. Der Kaufmann von Chamiec-Glrsezinsly, der, wie wir berichteten, feinen in Trier als Leutnant dienenden Bruder im Lazarett erschossen hat, ist vom Gesängnisarzt für geisteskrank erklärt worden. Chamiee soll je­doch noch einige Zeit in einer Irrenanstalt beo­bachtet werden.

* Die Auflösung der Bilzschen Nawrheilanstalt. Den Anlaß zu der Entziehung der Konzession dec weltbekannten Bilzschen Nawrheilanstalt in Nieder- Lößnitz bei Dresden bot die Krankengeschichte einer dort vier Monate lang falsch behandeltm hautkranken Frau, die dabei die Sehkraft auf einem Auge ganz, auf dem onbem fast ganz verlor, sowie andere Fälle, in denen Patienten von Bilz wider die Regel der ärztlichen Kunst behandelt und bann erst im Dresbener Stadrkrankenhaus kuriert würben, ferner noch bie Tatsache, baß sich verschieben sittliche Bebenken gegen die Anstalt erhoben. In ber Anstalt sei, so wirb be­hauptet, lediglich ber Stanbpunki des Verdienstes maßgebend gewesen. Man habe besonders zahlungs­fähige Patienten wochenlang festgehalten, dagegen Todkranke überhaupt nicht aufgenommen. Das Sana- torium ist eines der größten in Sachsen; es beschäf­tigt ständig mehrere Aerzte und einen Oberarzt. Der Inhaber hat Beschwerde gegen die Konzession send- ziehung vorgelegt. , , ,

* Die Ruhr-Epidemie in Groß-Rosen bei Striegau in Schlesien nimmt immer größeren Umfang an. Besonders zahlreich sind die Erkranwngen und Todesfälle unter den Kindern, aber auch viele Er­wachsene sind von ber Krankheit bahingerafft worben. In einigen Familien finb mehrere Todesfälle vorge­kommen. ____ t , r.

* Volksjuftiz. In Daliee in ber Nahe der serbi­schen Hauptstadt Belgrad wurde der D o r f b a d e r, der den Tod eines Mannes verursacht hatte, Werl er mit einem schmutzigen Messer rasierte, von der Dorfbevölkerung zu Tode geprügelt. Dre Lerche warfen die Bauern ins Wasser.

* Mit 15 Mann Besatzung untergegangen ist bei der Insel Gotland der in Kalmar beheimatete schwedische Schoner „Carl". Der Untergang ist der Reederei aus Rußland mitgeteilt worden, wo an der kurländischen Küste eine Flaschenpost auf» . gefunden wurde, die 150 Kronen schwedisches Pa­piergeld enthielt sowie einen Zettel, auf dem der , Kapitän des Schoners unter dem 10. d. M. nrrtterlt, : daß das Schiff ein großes Leck habe und in dem I Augenblick, wo er diese Zeilen.niederschreibe, tm Be- : griff sei, unterzugehen. '

Aus Gberheffen u. den heff. Aemtern.

* Marburg, 1. Ott. 1911. Der o. Professor ber Chirurgie und Direktor der chirurgischen Klinik und Poliklinik in Greifswald Dr. Friedrich König hat einen Rus von der hiesigen Univerfität erhalten; er würde hier an Stelle von Prof. P. Friedrich treten. König ist ein geborener Hanauer. ______

* Frankenberg, 1. Ott. 1911. Auf Verfügung des Regierungspräsibenten sind mit Rücksicht auf die Gefahr der weiteren Verbreitung ber Maul- nnd Klauenseuche die für Oktober unb November dieses Jahres im Kreise Frankenberg anstehenden V i e h m ä r k t e mit Ausnahme der Schweinemärkte untersagt.

[:] Neustadt, 30. Sept. 1911. Mit dem heutigen Tage legt Herr Sanitätsrat Dr. Braun aus Altersrückfichten feine ärztliche Praxis nieder und verzieht nach Aachen zu seiner Tochter, welche daselbst Oberlehrerin an einer Mädchenschule ist. Seit dem Jahre 1864 war er als vielbegehrter Arzt, in unserer Stadt tätig. Mit ihm verlieren wir den einzigen katholischen Arzt unserer Gegend.

* Schröck, 30. Sept. 1911. Der Sohn des Gast­wirts Nau fiel so unglücklich von einem Zwetschen- baum, daß er ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen mußte.

* Sachfenhaufen (Kreis Ziegenhain), 1. Oki. 1911- Nach dem Genuß von einer Menge Zwetfchen, in die er noch Dickmilch getrunken halte, verstarb hier ber Landwirt E. unter großen Schmerzen. Ein anderer Einwohner wurde als man ihm den Tod des E. mitteiltc, vom Herzschlag getroffen und sank lautlos zusammen. E. ist Vater von mehreren noch unmündigen Kindern.

x Strieg MW Mim uni lw Mch

Die Streitkräfte Italiens und der Türkei.

Die strenge Zensur, die von den itellienischen Be­hörden geübt wird, verhindert einen Einblick in das Aufgebot von Streitkräften, mit dem Italien vor­geht. Der Sammelpunkt des nach Tripolis bestimm- fen Geschwaders soll der Hafen Augusta bei Syrakus gewesen sein. Unter dem Oberbefehl des Admirals Aubry sind dort angeblich versammelt gewesen vier Linienschiffe, zwei Kreuzer unb zwei Torpebo- hootsdivisionen. Am Kap Passaro, ber Ostspitze ber Südküste von Sizilien, hatte man bret große Kriegs­schiffe beobachtet. Anberseits wurde aus Malta ge­meldet, seit dein 27. September seien 14 italienische Schiffe dort in ber Richtung auf Tripolis vorüber- gefahrcn. An der Expedition nimmt auch der Herzog der Abruzzen teil, der auf dem Panzerkreuzer Vektor Pisani mit einer Torpebobootsdlvision von Tarent aufgebrochen ist.

Das ErpebitionskorpS der italienischen Land- a r m e e sammelt sich angeblich bei Palermo und Neapel unter Befehl des Generals C an e v a. Die Gesamsstärke soll 30 000 Mann betragen, außerdem ständen 2000 Carabinieri auf Sizilien bereit. 20 große Kauffahrteidampfer würden das Landungs- korps aufnehmen. Bei der kurzen Strecke von Sizilien bis nach Tripolis könnte in 24 Sttinden die Haupt­masse an ber afrikanischen Küste erscheinen. Die seich- ien Küsteng ew äff er zwingen tiefgehenbe Dampfer meh­rere Kilometer vom Stranb abzubleibm unb bie Aus­schiffung muß in Booten erfolgen. Einem starken Gegner könnte cs gelingen, ihr ernstliche Schwierig­keiten zu bereiten, doch brauchen nach allen bisherigen Meldungen die Italiener diese nicht zu fürchten. Die Schwierigketten beginnen erst nach der Lan­dung. Mit jedem Schritt ins Innere wächst die Kraft des Verteidigers, des türkischen Gegners. Be­sonders die rückwärtigen Verbindungen der Italiener werden bei einem Vordringen ins Innere gefährdet sein. Die Vernichtung ber Verpflegungskolonnen ist aber in bleiern an Hilfsmitteln atmen Lande einer Niederlage gleich zu erachten. Ob es zu großen Felb- schlachten kommen wird, ist bahingestcllt. Ein gut be- führier Guerillakrieg von ber fanatischen Bevölkerung mit Aufopferung geführt, kann aber ben Jialienen mehr Blut kosten als ein verlorenes Gefecht. Man bente nur an Napoleons Kämpfe in Aegypten. Trotz seines Genies vermochte er bat türkischen Feind nicht cnbgiltig nieberzuwerfen. Auch Marokko ist lehrreich, benu es beweist, wie selbst bei schlechtester Führung •unb mangelhaftester Ausrüstung und Bewaffnung ber Nordafrikaner einer europäischen Truppe langen, zähen Widerstand leisten kann. — Das gibt für Tri­polis zu denken, wo die Verhältnisse für die Türken

* Aus Thüringen, L. Ott. 1911 Wegen der un­gewöhnlich starken Zunahme der öffentlrchen Tanz- vergnügungen in Eisenach setzte der Bezirksaus- Kbie Höchstzahl der Wochentagstänze auf 50 in t Jahr fest. — Der Sic. Paul Glaste in Gießen hat einen Ruf als außerordentlicher Professor nach Jena erhalten. — Ueberfah- ren wurde eine Frau von dem Eisenbahnzuge auf der Strecke Eisenach-Meiningen. Die Loko­motive schleuderte die Frau zwffchen die Schienen und schleifte sie ein Stück Weges mit. Als der Zug znm Stehen gebracht worden war, fand man sie un­verletzt unter dem Tender. Ob em Selbstmordver- üch ober ein Unglücksfall vorliegt, ist zurzeit noch unbekannt.

vermischter.

* Zu dem Straßenbahnerstreik in Saarbrü­cken wirb mitgeteilt, baß Freitag abenb in ber Dunkelheit einfahrende Straßenbahnwagen mit Steinen beworfen worben seien, wobei Schüsse gefallen seien. In ber Nacht ist bie Oberleitung ber Straßenbahn nach Gebweiler heruntergerissen worden, außerdem sind verschiedene Schalworrichinngen demo­liert worden, so daß ber Straßenbahnbetrieb am ande­ren Morgen erst verspätet aufgenommen werden konnte.

* Hingerichtet wurde am Samstag früh auf dem Hofe des Gerichtsgefängnisses in Dortmund der Arbeiter Franz Jakubowsky, der in der Nacht zum 15. Januar bei Dorsten ben Kesselheizer Hober ermorbet unb beraubt hatte.

* Bon der Gerissenheit des Verbrechertums zeugt ein Einbruch in Berlin. Einbrecher wur­den dabei überrascht, wie sie ein bedeutendes Ju­weliergeschäft in der Leipzigerstraße Plündern woll­ten. Unter dem Werkzeug der gefährlichen Btrrschen fand man eine Büchse mit kleingestoßenem Pfeffer, um Verfolgern bie Augen blenden zu können, ein Viertelpfund vergiftetes Schabefleisch zur Tötung von Wachthunden und ein Fläschchen Aether zur

Schloß Sonneck.

56 Roman von Felix Nabor.

(Fortsetzung und Schluß.)

Die Heimat: das Ziel feiner Wünsche, die Sehn­sucht seiner Träume, der Herzschlag seines Lebens! Er hatte ste verloren gehabt und wieder gewonnen. Nun wollte er sie festhalten mit ganzer Seele und sich nie mehr von ihr trennen.

Hilde erzählte ihm, wie alles gekommen war, unb daß sie im Grunde genommen nur Gäste ber Schloss­herrin wären. Aber diese sei so zattfühlend, dass fie das kaum empfänden. Denn sie unb Iris hätten sich so innig aneinanbergeschlossen, baß sie eine einzige Familie wären.

„Du Arme, Stolze. Ich glaubte, bie Zeit heile die alte böse Wunde. Ober es erblühe bir ein neues Glück —"

Viktor hörte stillschweigend zu. „Wo ist Ins?" fragte er, als Hilde geendet hatte.

„Im Park. Sie ergeht sich da stundenlang ober sitzt in ber Laube. Nun ja — es hat ein jedes seine Sorgen."

„Und glaubt ihr, daß — daß Iris sich dazu ver­stehen könnte. Schloss Sonneck zu verkaufen? Ich wüßte einen Käufer —"

Sonneck horchte auf. „Was — verkaufen? Ich glaube nicht

„Nun", sagte Hilde lächelnd, „es kommt ganz auf den Käufer an. Wenn der rechte käme —'

«Meinst du?" rief Viktor. „Nun, vielleicht ist's der rechte. Ich will einen ordentlichen Preis bieten."

„Du?" rief Sonneck. „Du, Viktor? Ja, bist — bist du denn so reich??

„Ich habe etwas zusammengebracht, Papa. Ganz wird es freilich nicht ausreichen, es sind so etwa 120000 Mark. Ich werde Schulden machen müssen. Mer diese Schulden, Papa, die trag ich gern — die geben mir ja die Heimat wieder! Glaubt ihr denn, ich wäre gekommen mit leeren Händen? Nein, nie^ mals! Lieber tot ober verschollen. Ich habe gear­beitet wie ein Pferd, Papa, vorn Morgen bis in bie Nacht hinein. Tag für Tag, Jahr um Jahr. Ich wollte euch zurückgeben, was ihr burch meine Schuld verloren habt —" ,

„Es war gut so, Papa. Da draußen bin ich ein Mann geworden, der weiß, was das Leben wert ist unb sich durch eigene Kraft emporgearbeitet hat. Nur banim bin ich gekommen. Und ich bringe uns allen

das Kostbarste mit, was ein Mensch besitzen kann: die Ehre!"

„Vittor, Junge!" jubelte Sonneck. „Wir sollen wieder auf eigener Scholle sitzen, ben alten Besitz zurückerwerben? Das — das ist ja wie ein Wunder, wie ein Märchen. Ich hab wohl auch ein bischen was vor mich gebracht in ben letzten fünf Jahren. Viel ist's ja nicht, aber ich will doch auch meinen Teil beitragen zu unserem Glück."

„Wir werfen's zusammen — ba sieht keiner, wo­her es stammt. Die Hauptsache ist, baß wir hier als Herren sitzen, auf unserem Stammschloß, freie Män­ner, benen die Zukunft gehört." Er reckte die Arme hoch. „Herrgott, was fühl' ich wieder Kraft in mei­nen Armen! Und wie werb' ich zugreifen. Na — ihr sollt sehen, wie es vorwärts geht!"

„Ja, verstehst du benn etwas von bet Landwirt­schaft?" fragte Sonn eck. „Ober willst bu etwa wie­der in ben aktiven Dienst treten?"

„Nein, Papa, das nicht: die Reserve braucht doch auch Tüchtige Offiziere. UebrigenS hat es mir der Arzt ausdrücklich verboten, Dienst zu tun, wenigstens die nächsten Jahre nicht. Da bleibt mir nichts ande­res übrig, als ein Landjunker zu werden. Ein bis­chen habe ich ja drüben in Ostafrika bei der Plantage- Wirtschaft gelernt, unb was mir noch abgeht, das will ich aus Büchern unb durch Erfahrung lernen."

„Das ist alles sehr schön", sagte Hilde bedächtig. Aber erst solltest du doch Besitzer von Sonneck sein."

„Das ist allerdings wahr", erwiderte Viktor. „Wenn die Schloßherrin nicht verkaufen will, bann finb meine Pläne nur Seifenblasen."

„Run" sprach Hilde, „es käme auf ben Versuch an. Freilich, Iris ist jetzt reich unb hat nicht nötig, ihren Besitz zu veräußern." "

„Die Sache wird schwierig", meinte Viktor. „Aber ein Soldat muß Mut haben. Ich will mit Iris sprechen Ihr entschuldigt doch? Ich komme gleich wieder."

„Nun", sagte Hilde, „so rasch wird bie Sache nicht gehen. Eine Stunbe wirb ivohl vergehens

„Aber, Hübe —"

„Wir werden ja sehen! Ich will inzwischen einen Imbiß zurichten. Also — viel Glück, Viktor! Ich hoffe, du wirst deinem Namen Ehre machen."

Vittor eilte davon, dem Parke zu. Was lag ihm in diesem Augenblick an Kauf unb Verkauf! Nur wissen wollte er, ob bas schlanke Mäbchen noch an ihn dachte — ob sie ihm noch gut war?" —

Er ging durch den frühlingsgrünen Park. Ach, wie war es hier still und kühl und köstlich! Heimat­

lust wehte ihn an, der herbe, starke Dust der Heimat umfing hin — das Herz schwoll ihm vor Freude! Jubeln, jauchzen hätte er mögen vor Wonne!

Kein Mensch weit unb breit! Die Bäume neig­ten sich unb rauschten leise, als wollten sie ihn grü­ßen, ben sie schon als Knaben gekannt, unb bie Sonne schlang goldene Bänber um bie alten dunk­len Stämme. Dort drüben duftete der Flieder mit seinen schwerer: Dolden und schüttelte einen Blüten- regen auf den grünen Rasen — alles wie in den Tagen der Jugend!

O Heimat, liebe Heimat!

Dort leuchtete ein weißes Kleid durch die grün­liche Dämmerung — Ins!

Er beflügelte seine Schritte; der Sand knirschte unter seinen Sohlen, der Degen flirrte. . .

Vittor rief leise ihren Namen.

Da wandte sie fidj. um nach dem schmucken Offi­zier, sah ihm eine Sekunde ins Auge, warf das Buch von sich, in dem sie gelesen hatte, und flog auf ihn zu. „Vittor, Vittor?" Ach, war das ein seliges Jauchzen. Sie streckte ihm beide Hände hin. „Vik­tor, du bist wiedergekommen. Du hast mich nicht ver­gessen? Du bu hast mich ein bischen lieb?"

„Lieb? Lieb?" rief er unb sah ihr lange in bie Augen. „Das Wörtchen ist zu Kein für bie grenzen­lose Sehnsucht, für bas Große, das Unaussprechliche, bas wie ein Meer in mir braust. Iris! — Liebste! — ich wollte dich fragen, aber was bebatfs bet Frage? Ich sehe es beinen lachenden Augen an, ich sehe es aus der Tiefe beiner Seele heraufblitzen, daß bu mich nicht vergessen hast. —"

„Viktor", klang es vorwurfsvoll von tijren Lippen.

„Iris, liebe — liebste Iris —"

Er sah, wie sie vor Freube bebte — ba riß er sie an sich unb bedeckte ihren Mund mit Küssen. —

Und bann brach all ihre junge Liebe unb all bie heiße Sehnsucht unb Zärtlichkeit, die sie jahrelang mit sich berumgetragen hatte, aus ihnen hervor. Ann in Arm schritten sie unter ben Bäumen bes Parkes hin und jebes bot dem andern alle Güte und alle Liebe dar. Das war tote ein süßer, seliger Traum, bet niemals enbet, bet sich mit golbenen Fäden fest unb stark ins Leben hinüberfpinnt! —

Stunben waren vergangen, als sie endlich Hand in Hand auf die Terrasse traten, wo Sonnen ste längst erwartete. Iris machte sich von Vcktor lo^ unb eilte auf Sonneck zu, um erglühendes Gesicht an seine Brust zu bergen. .Ach, Papa , rief sie.

„hilf mir doch! Der böse Mensch dort will mich gai nicht haben, weil die Million zwischen uns steht, sagt er. Er will wieder fort — und ich habe ihn doch so lieb. Hilf mir ihn festhalten, Papa!" .

„Ja — das ist eine schlimme Sache", sagte Son­neck lachend. „Der Mann hat seinen eigenen Wil­len, und wenn er nun einmal nicht will —"

„Aber ich will ihn doch haben, Papa. Ich laß ihn nicht mehr fort. — Und das Schloß will er mir auch abkaufen und bietet mir Geld an —"

„Das ist fteilich schlimm. Run, Viktor, verteidige dich."

„Ja, was soll ich ba sagen?" rief Viktor lachend, strahlend vor Glück. „Ich kaufe ihr das Schloß ab, aber ich kann es leider nicht ganz bezahlen; ich werde ihr Schuldner bleiben —" .

Iris hob das kluge Köpfchen und lächelte. „Ist das wahr? Du kannst nicht bezahlen? Du wirst mein Schuldner fein?"

„Ja »

"Ach bu, ba können wir ja über die Sache reden —"

„Gewiß. Ich gehe aber auf den Kauf nur untei einer Bedingung ein —"

„So, DaS ist ja sehr gnädig von dir!--Ist

er nicht ein großer Schelm, Papa? Nun stellt er auch noch Bedingungen. Aber laß erst hören; vielleicht "

„Ich stelle die Bedingung, daß bu mir zu dem Schloß auch beine Hand gibst, aus freien Stücken —"

„Siehst bu, Papa, so ist er nun einmal. Du hast einen ganz schlimmen Sohn. Wer, was will man machen —"

Und fie flog auf ihn zu unb umschlang ihn. „Lieb­ster, Liebster! — Ich würbe ja vergehen vor Schmerz und Kummer, wenn ich bich verlieren müßte."

Und bann würbe sie auf einmal ganz still im Uebetmaß bes Glückes unb schmiegte sich fest an ben geliebten Mann. „Hab mich lieb, Vittor! — Ach, wie wirb bas schön werben auf Sonneck! — Äir alle beisammen, bie so schwer gekämpft haben! Alle in Liebe vereint! —" , . , - ...

Viktor küßte sie innig unb bann traten sie zu bem alten Herrn hin. Diesem ftanben die Tranen in den Augen. Er legte feine Hände auf bie Häupter be5 jungen Paares und sagte: „Gott segne euch, meine Kinder — unb mache euch glücklich immerbar!

„Vater", sagte Vittor emft, „siehst bu — nun ist das Glück wieder eingekehrt auf Schloß Sonneck. Die Wolken sind verflogen — die Sonne kommt, bie schöne, liebe leuchtende Sonne! — —