Fuldaer W Zeitung
»JÄl woch-ndeilas-: „illustrierte Zonntagszeitung"
Erstes Blatt.
Fulda, Montag den 2. Oktober lJii
. jtf 225.
38. Jahrgang
Monatrbeilage: „Fuldaer GeschichtsblAter"
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g Krieg MW» Mm imd der Mei.
*♦ Eine türkische Note an die Mächte.
Die Pforte richtete einen Appell an die Mächte, in dem sie ihre peinliche Ueberraschung ■übet das Vorgehen Italiens ausdrückt, ihre Friedensliebe versichert und sich an die Mächte wendet, da- tnit unnützes Blutvergießen vermieden werde. Die Note, die am Samstag den Mächten übersandt 'würbe, lautet:
Trotz der überaus kurzen, von Italien in dem ,Ultimatum festgesetzten Frist von vierundzwanzig Stunden beeilten wir uns, lange vor Ablauf zu antworten, daß die italienische Regierung nicht nötig chabe, zu einer militärischen Besetzung zu schreiten, um von uns in Tripolis und Cyrenaika Bürgschaften wegen der wirtschaftlichen Ausdehnung zu erlangen. Wir erklärten uns bereit, liefe Bürgschaften zu gewähren, soweit sie unsere territoriale Integrität nicht verletzen, wobei Pir die Verpflichtung übernahmen, während der Ver- iandlungen unsere militärische Lage in den genannten Provinzen nicht zu verändern. Ohne auf dieses versöhnliche Anerbieten auch nur zu ant- oorien, schickt uns die italienische Regierung — zu ..erf eiben Zeit, da sie ihre Flotte aussendet und vor #em Ablauf der Frist eines unserer Torpedoboote in ien Gewässern des Adnaiischen Meeres angreifen läßt — yie förmliche Kriegserklärung. Peinlich über« fascht von dieser unerwarteten Feindseligkeit, die durch ,nfeie Haltung gegenüber Italien keineswegs gerecht- ,ertigt ist, wollen wir glauben, daß es noch Zeit ist, rngesichts der versöhnlichen Stimmung, von "er wir beseelt sind, die unheilvollen Wirkungen des Krieges, der keine tatsächliche Ursache hat, aufzuhalten. ßMr wenden uns deshalb an die friedlichen und Menschlichen Gesinnungen, sowie an die Freundschaft jer p. T. Regierung, damit sie bei Italien Ein« Spruch erhebe und es von unserem aufrichtigen Wunsche überzeuge, mit ihm zu unterhandeln, um Unnützem Blutvergießen vorzubeugen.
Nachdem einmal die Kanonen angefangen haben ju sprechen, ist der Bodrn für diplomatische Vermittelung sehr unbequem geworden.
Das Seegefecht bei Prevefa.
Die Nachrichten, daß italienische Schiffe bereits Ät den kleinasiatischen Gewässern vor Smyrna )md Saloniki erschienen wären, sind von den dortigen österreichisch-ungarischen Generalkonsulaten sticht bestätigt worden. Dagegen ist es richtig, Paß es an der albanischen Westküste, also an der Italien (Brindisi) gegenüberliegenden europäischen Mftv der Türkei vor Prevefa za einem See« 8 ejecht g kommen ist, das unglücklich für die Türken verlief. Die amtliche Meldung aus Rom .befugt darüber:
— Rom, 3». Sept. 1911. Aus Nachrichten, die in den letzten Tagen im Marineministerium eingelausen waren, hatte sich ergeben, duß die türkischen Torpedoboote sich bei P r e o e s a versammelten mit dem offenbaren Ziel, in d.rs Adriatische Meer einzulaufen, die italienischen Handelsschiffe zu beschlagnahmen, die offenliegenden Städte zu beunruhigen und gegebenen» falls die Transporte zu stören. Infolgedessen wurden Maßnahmen getroffen, um diese Absichten zu durchkreuzen. Der Herzog der Abruzzen, der Befehlschaber der italienischen Torpedoflotte, schickte hierüber ■an den Marineminister nachstehendes Telegramm: «Ich 'bin heute, 29. September, vor Prevefa eingeiroffen und snahm mit meinem Kreuzer hier Aufstellung. Um 3 Uhr meldeten die Befehlshaber der kleinen Geschwader durch Funkspruch, daß zwei türtische Torpedoboote nacheinander Prevefa passierten. Das eine Geschwader machte Jagd aus eines ter beiden Torpedoboote, das gegen Norden zu entfliehen suchte. Nachdem nur wenige Kanonenschüsse gewechselt waren, lfuhr das türkische Torpedoboot auf das Land los, wo es zerschellte. An Bord brach ein Brand aus, der es vollständig unbrauchbar machte. Das zweite Torpedoboot, gegen das sich zwei Torpetodoots- zerflörer wandten, kehrte sofort nach Prevefa zurück; es blieb unverletzt."
Bon einer italienischen Truppenlandung bei Prevesa, von bet am Samstag über Saloniki lgemeldet wurde, ist hier nicht die Rede. Eine solche 'Truppenlandung würde die politische Lage außer- -prdentlich verschärft haben. Nichtsdestoweniger kann das Ereignis nicht verfehlen, bedeutendes Aufsehen zu ^machen, weil cs sich in europäischen Gewässern abgespielt har. Damit hat Italien sein eigenes Versprechen gebrochen, daß es der europäischen Türkei .kein Leid anzutun gedenke. Wider alles Erwarten -ist der erste Schuß des tripolitanischen Krieges in i Europa gefallen. Die Schwächung der Türkei durch ; Vernichtung eines ihrer Kriegsschiffe kommt hierbei micht einmal so sehr in Betracht. Bedenklicher für das osmanische Reich und für ganz Europa ist die Wirkung, die das Gefecht von Prevesa auf die türken- feindliche, von den Behörden mit Hilfe der Truppen nur mühsam niederzehaltene Bevölkerung von Albanien und Epirus ausüben kann. Albanesen ■und Griechen revoltierten unausgesetzt in den lehren zwei Jahren. Sie revoltierten schon, als von einem ^tückisch-italienischen Krieg nicht einmal im Traume noch die Rede war. Gespannt horchten sie auf bei den Kanonenschlägen von Prevesa, ob sie nicht das Zeichen seien zu einer endlich erfolgreichen Erhebung. 8'alien hat sich in einer Note an seine Vertreter auf dem Balkan für die Erhaltung, Schonung, Beschützung der europäischen Türkei eingesetzt. Tas Seegefecht von Prevesa übertönt gewaltig dieses Kommando . . .
• k i 3U vergessen: Oestercei ch-U n g a t n dadurch stutzig gemacht, die allerempfindlichsten Mellen tws italienisch-österreichischen Verhältniffes werden dadurch in rauhester Weise berührt. Was Jta- lten sich mit Tripolis zu schaffen macht, kann den Aesterrcichem gleichgültig fein; aber italienische Experimente en der Ostküste der Adria oder des Jonischen Meeres gehen ihnen mächtig auf die Nerven. t Neuerdings taucht nun doch wieder die Meldung auf, die Jt a l i e n e r hätten Truppen an der albanischen Küste gelandet.
W. Konstantinopel, 1. Olt. 1911. Es wird behauptet, daß der P:or!e eine Depesche zugegangen fei, nach bet die Italiener gestern nachmittag 3 Uhr unter Deckung von drei Kreuzern und vier Tor« nedobooten die Landung bei Prevesa, außerhalb der Schußweite der Kanonen der Festung» be
gonnen haben. Di» RedifS von Janina seien mobilisiert.
Es bleibt abzuwarten, ob dte Meldung bestätigt wird. Die Sttmnmng in Oesterreich übet das italienische Vorgehen ist sehr gereizt:
* Wien, 1. Ott. 1911. In hiesigen diplomatischen Kreisen herrscht über die Landung der Italiener in Albanien große Erregung. Man ist hier überzeugt, daß dieser Schritt nur durch den Uebergriff eines ehrgeizigen Offiziers und ohne Wiffen der italienischen Regierung geschehen ist, die ihn doch wohl rückgängig machen werde. Sollte die Landung jedoch tat» sächlich mit Zustimmung der italienischen Regierung erfolgt sein und von dieser nicht rückgängig gemacht werden, so würde dies die ernstesten Konsequenzen nach sich ziehen.
Zu dem Seegefecht Prevesa werden noch folgende Einzelheiten gemeldet:
Diom, 1. Oktbr. 1911. Das Marineministerium erhielt folgendes Telegramm auS Capo Santa Maria di Leuea: Die TorpedobootSzerstörer „Arligliere" und „Corraziere' bohrten gestern vormittag bet Prevesa einen feindlichen TorpedobootSzerstörer und ein Torpedoboot in den Grund. .Corraziere befindet sich auf der Fahrt nach Tarent, wohin er die gekaperte Jacht begleitet.
(Capo Santa Maria di Leuea ist die äüßetste Ost-Spitze von Italien. Auch in Konstantinopel wird jetzt bestätigt, daß das türkische Torpedoboot „Dekat" an der albanischen Küste von italienischen Kriegrschiffen in den Grund gebohrt worden ist. Zehn türkische Seeleute sanden dabei den Tod in den Wellen.)
Ein neuer Seekamps an der aldanischen KMe.
* Konstantinopel, 30. Sept. 1911. Amtlich wird bekannt gegeben, daß italienische Kriegsschiffe heute vormittag zwei türkische Torpedoboote in der Bai von D u r a z z o angegriffen haben. (Es scheint sich bei dieser Meldung nicht «m denselben Angriff zu handeln, der nach den heute früh eingetroffenen Meldungen bei Prevefa erfolgt ist. Durazzo liegt erheblich weiter nördlich an der albanischen Küste, in der Nähe der unruhigsten Gebirgsstämme und Montenegros.)
Eine entscheidende Seeschlacht?
In Konstantinopel herrschen starke Besorgnisse um das Schicksal der türkischen Flotte, die sich auf der Fahrt aus den syrischen Gewässern nach den Dardanellen befindet. Ein türkisches Transportschiff mit Soldaten an Bord soll sich >.uf dem Wege nach Tripolis befinden, um die dortige türkische Garnison zu verstärken. Wie dieses Schiff seine Landung in Tripolis angesii ts der dort ankernden zwölf italienischen Kriegsschiffe bewerkstelligen will, ist unklar.
* Mailand, 1. Okt. 1911. Blättermeldungen zufolge wurde die türkische Flotte, von Beirut kommend, im Aegäischen Meer von den Italienern vernichtet. Die Schlacht sand zwischen den Inseln Chios und Myiilene statt.
W. Konstantinopel, 1. Okt. 1911. Hier verbreitete und ins Ausland telegraphierte Nachrichten über Kämpfe zwischen der türkischen und der italienischen Flotte werden kategorisch dementiert. Den letzten der türkischen Preffe erteilten Informationen zufolge, befindet sich die türkische Flotte in Sicherheit und soll heute Nachmittag in den Dardanellen eintreffen.
Bombardement von Tripolis.
Räumung der Stadt.
W. Tripolis, 30. Sept. 1911. Das italienische Geschwader eröffnete heute vormittag 10'/- Uhr das Feuer auf die Forts der Stadt.
So meldet eine französische Telegraphenagentur, die ,Agence Havas^. Die anderen auS Tripolis vorliegenden Meldungen wiffen von einen: Bombardement noch nichts zu berichten und bezeichnen die Stabt als ruhig.
* Tripolis, 30. Sept. 1911. Der Rest der italienischen Kolonie und das Konsulat haben sich unter deutschen Schutz begeben. Die Obrigkeit bemüht sich, die Araber-Ausschreitungen zurückzubatten. Die ttalienische Kriegsflotte ist feil Freitag abend ununterbrochen sichtbar. Es heißt, daß aus Konstantinopel Befehl eingegangen ist, keinerlei Widerstand zu leisten.
W. London, 1. Okt. 1911. Eine Depesche deS Renterfchen Bureaus meldet über Malta: Man spricht von einer großen Panik unter den Europäern, die sich noch in Tripolis befinden. D:e europäischen Familien lasten ihre Habe im Stich und suchen an Bord englischer Dampfer Zuflucht.
* Konstantinopel, 30. Sept. 1911. In militä.ischen Streife« der Hauptstadt wird versiert, daß ein Teil der Besatzung von Tripolis den Befehl erhalten hat, bis zum letzten Mann zu kämpfen. Der größere Teil der Truppen aber dürfte rechtzeitig die Wälle von Tripolis verlassen haben. Diese sollen bann den Kern bilden für den alsbald auszunehmenden Guerillakrieg, zu dem die Arader Errett sind. Die gesamte türkische Reiterei dürste die Stadt schon feit gestern geräumt haben.
W. Paris, 1. Oktober 1911. Zn der Meldung über das vorn italienischen Geschwader gegen bi* Forts von Tripolis eröffneten Bombardement läßt sich die ,Agenre Havas' weiter melde», daß das Feuer bereits unmittelbar nach Beginn wieder anfhörte. Die türkischen Truppe» seien i« Begriff, Tripolis zu räumen und sich in das Innere des Landes zurückzuziehe«. (Notiz des Wolff-Bureaus: Es fei daraus aufmerksam gemacht, daß zu dieser Meldung weder italienischer- noch türkischerseits eine Bestäligung bisher vorliegt.)
W. Rom, 30. Sept. 1911. Der ,Messager o' meldet aus Tripolis: Der türkische Transportdampser „Dernr" wurde im Hafen von Tripolis beschlagnahmt, sobald der Beginn der Feindseligketten bekannt gemacht war. Der Kommandant und die Besatzung widersetzten sich nicht. Der noch nicht ausgeladene kleinere Teil der Ladung wurde ebenfalls beschlagnahmt. (Der Transportdampfer „Derna" war einen Tag vor der Ueberreichung des ilalienifchen,
Ultimatums an die Türkei mit Waffen, Munition und Getreide in Tripolis gelandet. Das italienische Geschwader, welches schon damals in Schlachtaufstellung vor Tripolis lag, hatte der Landung der „Derna" zunächst keine Hindernisfe bereitet.)
W. Konstantinopel, 1. Okt. 1911. Wie verlautet, haben italienische Kreuzer die Telegraphenkabel von Rhodos nach dem Festland und von Saloniki nach Lemnos zerschnitten. Saloniki ist ohne jede Nachricht von Lemnos, und auf dem asiatischen Festland hat man in den letzten 24 Stunden keine Dreschen mehr aus Rhodos erhalten.
Der Kabinettswechfel in der Türkei.
* Konstantinopel, 30. Sept. 1911. Der sofortig Rücktritt des Kabinetts Hakki nach erfolgte Kriegserklärung, muß als mehr oder weniger offenes Schuldbekenntnis aufgesaßt werden. Tatsächlich geschah nichts seitens der Regierung, um der gefährlichen Situation zu begegnen, wiewohl Hatti vor Uebernahme des Großwesirats längere Zeit als Botschafter in Rom war und ihm die Absichten der italienischen Politik nicht fremd sein dursten. Die öffentliche Meinung will Halft vor den Staatsgerichtshof bringen, wenn sie auch zugesteht, daß der jetzige Augenblick nicht geeignet ist, Verantwortlichkeiten sestzustellen.
Erbitterung in Konstanttnopel.
— Konstantinopel, 29. Sept. 1911. Wo man hier bekannte Türken trifft, wo man laut geführten Unterhaltungen von Türken zuhört, findet man immer dasselbe: eine ruhige, ernste, ja, manchmal etwas heitere Entschlossenheit, mit allen Mitteln gegen einen Ein- bruch Italiens zu kämpfen. Die Erbitterung richtet sich nicht allem gegen Italien. Europa, wozu man den Südosten Europas nicht rechnet, wird vorgeworfen, die schönen Theorien von Kultur und Menschlichkeit zu vergessen und sich an einem Räuber st ückchen zu beteiligen. Jeder hat irgendeine Enffchädigung erhal- ten, alles auf Kosten der Mohammedaner, und jetzt sollen die Tücken herhalten, um Italien zu bereichern. Das ist die Tonack, auf die türkische Zeitungen und Unterhaltungen gestimmt sind. Mir der Regierung ist man sehr unzufrieden, sie wird der Leisetteterei beschuldigt. Vis heute ist es nicht klar eckennbar, ob die heutige Regierung wagen wird, der Volksstimmung nachzugeben und mit den Waffen gegen Italien vorzugehen, sobald dies an der tripoManischen Küste oder etwa bei Smyrna Anlaß dazu gegeben haben kann. Es scheint, daß dte einflußreichen Offiziere zu keinem Nachgeben geneigt sind und lieber das Dasein des Staates aufs Spiel setzen wollen, als sich vor den Italienern verkriechen.
♦* Konstantinopel, 29. Sept. 1911. Die Stadt ist ruhig, die Zeitungen erklären einstimmig, daß die Türkei den Widerstand in Tripolis forisetzen müsse, man Höri indeffen schon Stimmen zugunsten einer Einigung mit Italien.
♦ Konstanttnopel, 30. Sept. 1911. Es entwickelt sich eine fanatische Opposition der Mohammedaner gegen dis Christen. Der „Tanin" gibt dieser Befürchtung Ausdruck, indem er sagt, Italien bringe durch seinen Krieg nicht nur seine Untertanen in der Türkei in Gefahr, sondern auch alle Europäer und Ehristen. Ihr Angriff auf Tripolis scheine das mohammedanische Gemeinschastlichkeitsgefühl mehr zu wecken, als es Italien lieb fein werde. Man muffe den nächsten Tagen mit größtem Mßtrauen entgegen« sehen. Der Verein der Ülemas, die vornehmste isla- mttische Organisatton, fordert in einet leidenschaftlichen Kundgebung zur Verteidigung des Islams in Nordafrika auf, was der Proklamation des heiligen Krieges gleichkommt. Das Komitee für Einheit und Fortschritt droht jetzt öffentlich mit dem wirtschaftlichen Kampf gegen alle italienischen Einrichtungen. Es wird nach der Eröffnung der Feindseligkeiten alle italienischen Staatsangehörigen ausweisen. Bis dahin fordert es das Volk zur Ruhe und B e- sonnenheit auf.
W Konstanttnopel, 1. Okt. 1911. (Tel.) Heute nacht fand unter Zuziehung des Generalstabs ein M i- n i ft e r r a t statt, in dessen Verlauf eine Kundgebung veröffentlicht wurde, nach dem die Pforte die tückischen Botschaften anwies, bei ben Großmächten Schritte zur Wahrung der Rechte der Tücken zu unternehmen. Die Bevölkerung wird aufgefordert, Ruhe zu bewahren. Der Mmisterrat beschloß, die Deputter- ttn einzuladen, zur Parlamentseröffnung baldigst einzutteffeu.
Fischt England wieder im Trüben?
In Malta ist das vorläufig noch unbestätigte Gerücht verbreitet, daß der englische Kreuzer „Medco", der vor einigen Tagen Malta verlassen hat, den zwischen Derna und Alexandrien gelegenen na- rürlichen Hafen von Bomba besetzt habe. — Bomba liegt in Benghast, d. h. in dem Landstrich, der, zu Tripolitanien gchörend, sich zwischen Aegypten und das eigentliche Tripolttanien einschiebt. Eine englische Besetzung von Bomba würde darauf htttdeu- ten, daß sich England bei der im Gange befindlichen Abtrennung des tripolitanischen Holzklotzes von der Tückei den ansehnlichen Bcnghafi-Span selbst aneignen möchte, indem es ihn seinem äghpttschen Besitz einveckeibt. England hätte so den Italienern einen schönen Streich gespielt.
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W. London, 1. Ott. 1911. Das Reutersiche Bureau meldet aus Malta: Der englische Kreuzer „Barham" ist von seiner Fahrt nach Aranei auf funkentelegraphischem Befehl nach Matta zurückgekehrt, wo er Kohlen ein» nimmt und weitere Befehle abroartet. Es heißt, das gesamte Geschwader ist nach Malta beordert. Die Borbereitungen zur Kohleneinnahme des Geschwaders werden mit Beschleunigung getroffen. Man glaubt, daß das Geschwader nach Ergänzung seiner Vorräte ohne Verzug in See geht.
* Bari, 1. Ott. 1911. Wie versichert wird, kreuzen mehrere türkische Torpedoboote im Adriati. scheu Meer und bedrohen die D a m P f e r die die Adria durchkreuzen ober an der Küste von Dalmanen, Montenegro und Epirus entlang zu fahren suchen. Die Handelsschiffahrt stockt.
♦ Rom, 1. Ott. 1911. Zur Vorgeschichte der Kriegserklärung wird aus beftinformierter Quelle mit«
geteilt: König Viktor Emanuel, der einem Ultimatum von Anfang an wenig geneigt war sträubte sich lange gegen die Absendung des Ultimatums und trug seinem Minister auf, ein gütliches Enmernehmen noch in letzter Stunde mit der Tückei herbeizuführen. Selbst als das Mtimatum schon nach Konstanttnopel abgegangen war, veranlaßte der König den Minister des Auswärtigen, dem Geschäftsträger in Konstantinopel aufzutragen, mit der Ueberreichung des Ultimatums zu warten. Erst als eine weitere g ü n st t g e A n t w o r t aus eine Anfrage des Königs aus Petersburg eintraf, wurde dem Vertreter des Königs bei der hohen Pforte aufgegeben, das Ultimatum zu überreichen. Die Zustimmung zur Kriegserttärung wurde dem König abgerungen durch andere günstige Nachrichten, die aus Pete rs- b u r g und Belgrad eingetroffen waren.
* Mailand, 1. Ott. 1911. Man erfährt hier, daß England den Durchzug tückischer Truppen durch Aegypten nicht gestatte. — (Der Weg durch Aegypten hätte den Türken die einzig mögliche Gelegenheit geboten, zu Lande nach Tripolis zu kommen.)
* Konstanttnopel, 10. Ott. 1911. Das Personal des italienischen Konsulats ift ab 3 er e ift; die P 0 st- anstalten find geschlossen.
W Konstantinopel, 1. Ott. 191L Das Marineministerium kündigt an, daß keine tückischen Schiffe aus ben Dardanellen auslaufen dürfen. Alle Leuchttürme außerhalb der Dardanellen sind seit gestern abend gelöscht. Das Transportschiff „Scham", mit einer Proviantladung nach Tripolis bestimmt, wurde nach Konstantinopel zurückbeordert.
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* Der deutsche Schutz. Die deutsche Regierung hat, wie schon gemeldet, auf Wunsch Italiens den Schutz der in der Türkei ansässigen Italiener übernommen. Nunmehr wird amtlich mitgeteilt, daß Deutschland auf Wunsch der türkischen Regierung auch den Schutz der in Italien wohnenden Türken übernommen hat. Die,Köln, ßtg/ schreibt offiziös:
In weitern Kreisen hat die Uebernahme des Schutzes der ilalienifchen Staatsangehörigen in der Türkei durch Deutschland überrascht und zum Teil verstimmt, weil man darin eine Parteinahme zugunsten Italiens erblicken wollte. Tatsächlich liegt die Sache so, dak, wenn ein Staat eine andere befreundete oder verbündele Macht um die Uebernahme des Schutzes feiner Angehörigen bittet, eine Ablehnung ganz ungewöhnlich sein würde und nahezu als eine unfreundliche Handlung betrachtet werden könnte. In dem vorliegenden Falle handelt es sich um so weniger um einen Mangel an Rücksichtnahme auf die Türkei, als diese eigentlich nur zufrieden fein kann, wenn bei Schutz der italienischen Untertanen durch eine Macht ausgeübt wird, deren ganze Vergangenhett dafür bürgt, daß sie die ihr zugefallenen Obliegenheiten nicht zu Ungerechtigkeiten oder Scherereien benntzten wird. Diese Zurückführung des Schutzes auf seine richtige Bedeutung wird Übrigens mehr, als eS durch alle Ausführungen geschehen könnte, durch die Tatsache klargestellt, daß Deutschland auch der Bitte der türttschen Regierung, den Schutz der Türken in Italien zu übernehmen, nachgekommen ist. Es ist also hier vollständige Parität nach beiden Seiten beobachtet worden, wie ja überhaupt Deutschland nach der ganzen Lage nichts anderes übrig bleibt, als nach beiden Seiten hin Neutralität zu wahren. Das schließt natürlich nicht aus, daß das Deutsche Reich, wenngleich es zu feinem Bedauern den Ausbruch des Krieges nicht verhindern konnte, gewiß zu allem bereit sein wird, um ihn einzugrenzen und auch, wenn sich die Möglichkeit dazu zeigt, seine Beendigung zu befchlennigen.
Di« Volksbewegung in Italic«. In der Bevölkerung Italiens hat das tripolitanische Abenteuer große Begeisterung entfacht. In verschiedenen Großstädten kam es zu patriotischen Kundgebungen. Zahllos sind die Gesuche aktiver und inaktiver Offiziere aller Armeekorps, die durchaus an der Ex- Pedttüm teilnehmeu möchten. Italienische Blätter wußten, um der Begeisterung des Volkes noch etwas nachzuhelfen, von der lebhaften Sympathie des Papstes für den Krieg gegen die Türken zu erzählen. Das „Berl. Tageblatt", das bei jeder Gelegenheit mit seinen langen Ohren bis in die innersten Gemächer des Vatikans horcht, weiß sogar schon verschiedene Aussprüche des hl. Vaters mttzu- teilen. Sie sind alle erschwindelt. Der Vatikan- Korrespondent der „Difesa" dementiert ausdrücklich die Nachricht, daß der Vatikan mit äußerster Sympathie das italienische Unternehmen verfolge. Der Batckan sei in Wahrheit nur um die Interessen und die Ausbreitung des universellen Katholizismus besorgt; Italiens Polttik berühre chn nicht. Selbstverständlich müßten die Missionare auf ihren Posten verbleiben.
Die Abwanderung ttalieuifcher Arbeiter aus Deuffchlaud fft infolge der rtalienischen Mobilmachung außerordentlich stark. Am Samstag trafen allein 50 italienische Arbeiter, die bei einer Baufirma m Solingen beschäftigt waren, auf der Durchreise in Köln ein. Es handelt sich zunächst um Mannschaften, die von 1908 ab ihrer Dienstpflicht genügt haben. Jnzwffchen haben aber auch die älteren Jahrgänge Gestellungsbefehle bekommen, sodaß die Mobilisation einen großen Umfang an« nimmt.
Die Aufrollung der Orientfrage. Die Sympathien der zivilisierten Welt hat Italien bei seiner Räuberpoltk, wie sein Vorgehen in einem ausländischen Blatt genannt worden fft, nicht auf ferner Seite. Diese sind vielmehr voll auf fetten der Türkei. Gleichwohl ist vorderhand nicht damtt zu rechnen, daß eine der Großmächte interventeren wtrd. Aber wer weiß, was die Zuftmft bringen wird? Die Ausrollung der Orientfrage ist beinahe mit Sicherhett zu erwarten, sollten selbst die kleineren Balkanstaaten, sich ruhig Verhalten. Sie liegen jetzt alle auf der Lauer, sich frei zu machen möglich, daß die Türkei zu einer Verzweiflungstat greift und ihrersetts durch ein agrefsives Vorgehen ben Brand zu Hellen Flammen anfacht, den Italien rpit frevelnder Hand entzündet hat. Es ist nicht ausgeschlossen, daß die Türkei selbst die Balkanfrage aufrollt und etwaigen kriegerischen Plänen