M 224.
»omttg 30. Sep«<md<r Ml »8. 3«f rgang.
" fuldaer K Leitung
2. Blatt.
vrack und Verlag der Fuldaer ArtiendrnSerel in Znlda
Woche«-Rnn-schau.
[:] Fuid a, 29. Septe? bet 19H-
Der Marokkokonflikt ist tu du ver- hauet neu Woche eilSigt worden. Was «och übrig Bleit i sind kleine redakrionelle Acnderuuge«, dre sich glatt erledigen lasten werden. Jetzt beginnen die Serbauhhmqex über die Kompensationen an Kongo, die eiich bald erledigt sein werden, da über btt Grundzüge der Gebietsaustäusche schon Berhand- tunq.it gepflogen sind, die eine grundsätzliche lieber« einstimmnng ergeben haben. Ein endgültiges Urteil über das Marokkoabkommen wird sich erst fällen lassen, wenn das Abkommen von den Regierungen veröffentlicht wird.
Während so ein Wellbrand nm Marokko, den ,'chon die Schwarzseher diesseits und jenseits der Vogesen und diesseits und jenseits des Kanals dräuend heranmchen sahen, vermieden ist, ziehen neue Gewitterwolken auf, die in chrem Innern einen Orientkrieg bergen können. Italien hat die sripolitanische Frage von neuem aufge- rollt. Es ist nicht zu bestreiten, daß Italien, nachdem es auf SnrniS endgültig verzichtet hatte und alle sein« Wünsche auf Tripolis gerichtet hatte, wo- hin eine erhebliche italienische Auswanderung stattfand, in dieser letzten afrikanischen Kolonie der Türkei beträchtliche wirtschaftliche Interessen zu vertreten hat. Ob diese Interessen Italiens durch die Bevölkerung gefährdet sind, läßt sich nicht beweisen, jedenfalls fft den Italienern mehr an der strategischen Bedeutung Tripolis gelegen, und die gefährdetest tvrrtschaftlichen Jntereffen find nur ein Vorwand. Augenblicklich ist die Lage außerordentlich ernst. Ein Krieg um Tripolis würde die ganze Orieirtfrage dort neuem aufrollen. Die Albanesen würden von neuem zu einem Aufstand schreiten, die mazedonische Frage würde wieder lebendig werden, Kreta wurde sich auflehnen; auch Griechenland würde keineZfalls ein müßiger Zuschauer sein, sondern von neuem Ansprüche an die Türkei machen. Die Mobilisierung des ganzen Islams der Welt steht bei der Tripolisfrage auf dem Spiele. Eine besonders schwierige Stellung hat das Deutsche R e i ch in diesem Konflikt. Auf der einen Seite steht der Bundesgenoste Italien, auf der anderen Seite die sehr befreundete Türkei, in der das deutsche Kapital in ganz hervorragendem Maße festgelegt ist. Eine Stellungnahme zu unguusten Italiens würde zweifellos mit der Sprengung des Dreibundes gleichbedeutend fein, während eine Begünstigung der italienischen Absichten nufere umfangreichen Wirtschaftlichen Interessen in der Türkei auf das Schwerste gefährden müßte. Und so ist Deutschland gewissermaßen die Rolle, die es in dem Tripolis- Handel einzig und allein spielen kann, schon vorher gestellt. Es muß sein ganzes Sinnen und Trachten darauf richten, vermittelnd und beruhigend auf beide Teile einzuwirken und eine Einigung auf gütlichem Wege herbeizuführen. Damit wird es nicht nur seinen eigenen Jntereffen dienen, sondern auch denen der ganzen zivilisierten Welt.
Gegen die Te u e r u n g ist die Regierung fort- ^setzt bemüht, geeignete Maßnahmen zur Durch- führmtg zu bringen. Sie hat sowohl für Futter- mittel wie für Kartoffel, Gemüse und Seefische eine ganz erhebliche Tarifermäßiguug eintreten lassen. Die Ermäßigungen betragen für Preußen allein viele MMoiien. . In der liberalen Presse hat man gleick-vohl für die Notstartdsaktion der Regierung nichts wir Spott und Hohn übrig, aber mit Unrecht. Die Regiernug konnte nichts weiter tun, als die Tarife ermäßigen, die von liberaler «nd sozialdemokratischer Seite geforderte Aufhebung der Futter- mittelzöüe, hie Oeffnung der Grenzen ist nicht nur undurchführbar, sondern würde auch ohne jeden Erfolg bleiben. Das wisten die Liberalen und umstürzlerischen Volksverhetzer ganz gut. Wenn sie trotzdem das Gegenteil behaupten, so tun sie das wider besfeoes Wissen und nur z« dem Ziveck, die Maste« zu verhetzen. Die preußische Regierung will es aber bei dieser indirekten Bekämpfung bet Teuerung nicht beizenden lassen, sondern, da, wo es ihr uwAlich ist, nämlich bei ihren Beamten, der Teuerung mich direkt entgegenwirke«. Zwar ist von
einer Teuerungszulage, über deren Gewährung im Schoße der Regierung angeblich Erwägungen schwe- ben sollten, nicht die Rede, Wohl aber plant die Regierung mst möglichster Beschleunigung die U n t e r- stützuugsfvndS für die Beamten in der not* toenbtgen Weise zu erhöhen.
Frankreich ist wieder einmal von einem schweren Unglück in seiner Kriegsflotte betroffen worden. Auf dem Panzerschiff „Liberty" sind infolge einer Explosion 300 Seeleute ums Leben gekommen und das Schiff selbst völlig zerstört worden. E» ist ein furchtbares Unglück, das unser Nachbarland betroffen hat und das überall aufrichtiges Mitgefühl hervorgerufen hat. Dieses Mitgefühl erfährt auch keine Beeinträchtigung durch ein gewiffes Gefühl der Genugtuung, das sich darin kundttut, daß die großsprecherischen Lobesreden des französischen Marmeminffters Delcaffs über die Kriegstüchtigkeit der französischen Flotte auf solche Weise illustriert werden. Es kann gar kein Zweifel daran bestchen, daß das Unglück nicht ganz unverschuldet ift Schon wiederholt find ganz ähnliche Unglücksfalle ht der französischen Marine borge- kommen, und das berechtigt zu dem Schluß, daß ht ihr doch nicht so alles zum Besten bestellt ist, wie es Herr Delcasss in durchsichtiger Absicht glauben machen möchte.
In Kanada hat sich ein politisch weittragendes Ereignis vollzogen. Die dortige liberale Regierung, die vor dem Abschluß eines Gegenseitig* keitsvertrages mit den Bereinigten Staaten stand, hat bei den Parlamentswahlen eine wuchtige Niederlage erlitten; die konservativen Gegner dieses Vertrages und der Regierung haben einen großen Mandatszuwachs zu verzeichnen. Die Engländer lachen sich ins Fäustchen. Präsident Tast aber hat das Nachsehen. In Amerika hat man trotzdem die Hoffnung nicht aufgegeben und den Entwurf des Vertrages mit Kanada vorläufig dahin gelegt, wo auch die Schiedsgerichtsverträge mit Frankreich und England liegen. Die Annahme dieser Schieds gerichtsvrträge durch das amerikanische Parlament erscheint immer ftaglicher.
X (Siu Weckruf für die Landjugend!
Das starke Anwachsen der sozialdemokratischen Jugendorganisationen und die alles vergiftende „Bil- tmngsarbeit" dieser Vereine an ihren Mitgliedern eröffnen taurige Aussichten für die Zukunft. Allerdings ist man in der Stadt mehr und mehr bemüht, der „roten" Flut einen Damm entgegenzusehen und die gefährdete Jugend in konfeffionellen Jugendvereinen zu sammeln und zu festigen. Wie aber steht's mit unserer Jugend auf dem Lande? Nur wenige recht bescheidene Ansätze zur Jugciidvereinsbildunjg sind hier erst zu beobachten. Und doch bedarf die Landjugend so dringend eines feftigenden Haltes. Die Landjugend verwahrlost, wenn sich niemand um sie kümmert. Man sehe sich nur einmal das Treiben der Burschen auf dem Lande an, die sich ganz selbst über- laffen sind! Führerlos findet man diese Jugendlichen 311 jamm en in Gesellschaft von andern, meistens nicht gleichalterigen Personen, deren Hauptbeschäftigung im Wirtshausbesuch besteht. Nach dem Hochamt am Sonntag geht's meist gleich auf die Kegelbahn, mittags ebenfalls wieder. Oder man sieht sie bis spät abends an den Bahnhöfen herumlungern, um die Eifenbahnzüge an der Station „abzunehmen".
Auch die Burschen auf dem Lande haben ein Geselligkeitsbedürfnis und starke Betätigungstriebe, die nur in die rechten Bahnen gelenkt werden müssen. Und wenn ihnen sonst keine Anregung und keine gesunde Fröhlichkeit geboten wird, dann sucht man sich draußen eine ungesunde. Der Reihe nach werden da die Kirmessen der Nachbarorte besucht, wo jeder sich in der Verübung groben Unfugs hervorzutun bestrebt, oder man fährt mit dem Rade zur nächsten Stadt, um jidj hier die Zeit zu vertreiben. Und je urwüchsiger und unaufgeklärter der Mensch, desto eher siegen die niedrigen Instinkte über die edlem Triebe. Hinzu kommt der Einfluß wirtschaftlicher Wandlungen aus dem Lande. Die Maschine ist auf das Land gekommen, die Arbeitszeit wurde eine andere- Früher wurde
den Winter über zum großen Teil gedrofchen, und die Verwertung des Flachses beschäftigte die Mädchen in der fallen Jahreszeit so, daß sie nicht aus Langeweile auf Abschweifungen kamen. Heute hat die Dreschmaschine den Dreschflegel verdrängt, Flachs wird kaum mehr gebaut, die freien, leeren Stunden bringen jetzt mehr Gefahren. Schlimme Austvüchse sind die Folgen des völligen Unbeschästigffeins. So vechringt behn die Landjugend ihre wichtigste Lebens- pettod«, in der der Mensch sich doch erst recht entwickeln unb zum Besten entfalten fall. Kann es ba wundernehmen, wenn solche Menschen ohne genügende Kräftigung und Schulung bei der ersten Gelegenheit sich betören und verführen kaffen? Traurig, aber wchr ist es, daß die radikalsten Sozialdemokraten vielfach auf dem Lande geboren sind.
Und die Versuchungen und Gefahren wachsen mit ungeahnter Schnelle. Man kann heute nicht mehr von einer völligen Abgeschlossenheit ländlicher Bezirke reden. Stadt und Land sind durch zahlreiche Kanäle so sehr miteinenber verbunden, daß sie kein gesondertes Selten mehl führen können. Weder der Menschen- noch der Gedankenstrom läßt sich absperren. Allerlei Zäune und Stützen fallen. ®a ist es die nahe Stadt oder Fabttk, welche eine Verbindung und das Eindringen anderer Ideen in die Landgemeinde bewirkt, da kommt eine neue Eisenbahn, da sind es die Großstadtpreffe, die Kolportageromane, die Kalender, da kommt die Industrie selbst aufs Land usw. Und wie viele sind es, die vom Lande zur Stadt abwandern, .und zwar gerade die jüngeren Leute! Fragt in der Stadt die kundigen Leute, was aus ihnen geworden. Was nehmen die zum Militär gehenden jungen Leute mit aus der Heimat, was bringen sie wieder mit aus der städtischen Garnison? Da muß der Boden auf dem Lande schon sorgfältig vorher beackert sein, wenn bei all diesen ungünstigen Verhältniffen Saat und Ernte gut sein sollen.
Oder andere säen und ernten. Hier schreitet man vielleicht zur Gründung von allerlei leeren Vergnü- grmgs- und Sportvereinen, wo jede Erziehung zu emftern Grundsätzen völlig zurücktritt. Und es ist schwer, derartige Vergnügungsvereine umzuwandeln oder zu beseitigen, wenn sie einmal bestehen- Vielfach versuchen auch die Gegner, unter der Maske aller möglichen Sport- und Vergnügungsvereine auf dem Lande festem Fuß zu fassen Darum muß beizeiten unsere Arbeit einsetzen, um di? Jugend auf dem Lande zu sammeln und ihr einen festen Hali zu geben. In dieser Hinsicht schrieb auch Bischof Egger von St. Gallen:
Man kann oft genug beobachten, wie junge Kalbo- lifen, welche m ter heften Umgebung (auf dem Landl ausgewachsen sind, beim HinanslrUl in die Wett deren Gefahren nnbevi sticher und wehrloser gegeniideislchcn und schneller unterliegen als slädtijohe Jünglinge Dian halle versäum!, sie "auf di« Gefahren vorgiberdten. Alle kommen wehr oder weniger nut der Welt in Berührung und darum müsftu auch alle für den Kamps in ihr einzeubt werden. Für die Grvßzahl unserer Jüugl'Ng« kann das nur aescheh-n itt den I ft n g- I Inas »ereilten.
G ein iß wird es hier und da nicht so leicht fein, einen Jünglingsveeein aus dem Lande zu gründen. Leichter ist cs wohl, eine Jungfrauenkongregation ins Lebe zu rufen. Die Burschen aber dürfen daneben keineswegs vernichlässigt werden und alle Maßnäh- men zum Schuhe der männlichen Jugend werden auch zurückwirken auf die weibliche Jugend. Das Ziel ist gewiß des Schweißes der Edlen wert, und darum möge man auch vor einigen Schwierigkeiten nicht gleich zurückfcheuen. Natürlich liegen die Verhältnisse auf dem Lande vielfach sehr verfchieden, sodaß ein einfaches Schematisieren und Schablonisteren hier wenig am Platz ist. Und wenn's auch nicht gleich mit der Gründung eines förmlichen Vereins geht, so versuche man es zunächst mit einer lasen Vereinigung oder mit einem Lesezirkel. Da haben wir die gediegene Halbmonatssck'rift „Jung Land", die vom Volksverein eigens für das junge Landvolk herausgegeben wird (M.Gladbach, Volksvereinsr erlag, vierteljährlich 40 Psg, in Partien billiger). Diese Zeitschrift wird ein geeignetes Witte! zur Sammlung der Landjugend bilden. Am wenigsten aber ist ein mutloses Zunickschrecken vor vorhandenen Schwierigkeiten am Platz. Auch das Klagen über die schlechte Wett und
HnpoHtifd)« Seffläufe.
N. Berlin, 28. September 1911.
Nachdruck verboten.)
Der deutsch« Mchel hat morgen Namenstag. Die deutsche Ration hat den hervorragendsten Patton be- komiucn: Sankt Michael, ben Fürsten und Führer der httnrnlischen Heerscharen, den Ueßertoiuber Luzifers, den gefeierten oller Engel und Erzengel. Und durch ferne Schützlinge ist der herrliche Name des Him- melsfürste« auf Erden i« einen gewisse» Verruf oe= fammet. Man spricht vom blöden oder dumme« Michel, während doch den echten Träger dieses Namens gerade die entgegengesetzten Tugenden der Ta- pfechkit und Klugheit in sv glänzender Weise schmückten.
Es war ganz in bu Ordnung, daß die deut scheu Heere ihr« Fechnen mit dem Bilde des hl. Michael schmückt«. Denn der deutsche König war als römischer Kaffer Schirmherr bet Kirche, und der siegreiche Anführ« der irevqebliebemn Engel galt als der befoiibcre Schützer der streitenden Kirche. Die deutschen Soldaten haben auch lange Zeit hindurch ihren Schutzpatron zu Ehren gebracht, sodaß die Gegner mst Schrecken die Fahnen mit dem Bilde Michaels sich «rffÄten sahen. Aber als nun die Zeit der Zwie- tnafjt und Schwäche über Deutschland hereinbrach, da sc^vand bei den andern Völkern der Respekt vor dm ^deutschen Tugenden; man fpöftere vielmehr Wbec deren Fehler und brachte auch sie in Verbin- bung mit dem altehrwürdigen Namm.
Wenn die Witzblätter die verschiedenen Natimrm M ihrer Eigenart darsiellen motten, so wird Frankreich mefftens durch eine leichtbewealich- und etwas leichfferiigc weibliche Gestatt verkörpert während England al? ein feister und frecher Patton (John Bull) sich breit macht und Nordamerika als ein hagerer Dollarjäger in großkarierten Hosen erscheine. Deutschland aber wird vertreten durch (inen gesunden, läppischen Bauernjungen mit einer Zipfelmütze auf dem Kopf« und einer Pfeife im Munde, der anscheinend die Frage ans den Lippe» Hai: Wat sott ick dorbie tnmhn? Es hat ja auch lange genug gedauert, daß der deuffche Michel bei der Austeilung der Wett stumpfsinnig zusah und nicht wußte, ob er auch Hände
zum Zuareifm habe. In dieser Bezichung fft es ja allmählich etwas besser geworden; doch eine gewisse Schwerfälligkeit im Beschließen und Handeln ist dem deuffche« Volk geblieben. Mm nennt uns freilich das Volk der Dichter und Denker, aber immer mit dem Hintergedanken, daß die Dichterei unpraktisch und das Denken steif und pedantisch betrieben werde. Die Franzosen sagen besonders gern, daß der deutsche Michel den recht«, „Gestus" entbehre. Sie selbst rühmen sich, im Besitze der elegantesten Gesten zu sein; auf «ine imposante Handbiwegung, eine geistreiche Phrase, «ne interessante Haltung legen sie den höchsten Wert. Wir in Deutschland sehen aber mehr auf die Sache, als auf die Form, und kümmem uns mehr darum, ob der „Gestus" erfolgreich ist, als ob er schön ist. Ja. es gibt Deutsch«, die stolz darauf sind, daß imserc Ration noch einen naturburschenhaften Zug hat und sich auf die stutzerhafie Schauspielerei schlecht versteht. Jedenfalls brauchen wir uns nicht beleidigt zu suhlen, wem, das deutsche Wesen in einer Bauernfigur verkörpert wird, die eine warme Zipfelmütze über dem runden Gesicht trägt und statt Zigaretten einen derb-.« Pseifmfanaster raucht. Das spricht von Gesundheit, und die Gesundheit fft nickst nur ein sehr wertvolles Gut, sondern auch die Grundlage der wa^ ren Schönheit. Ach wenn es nur möglichst viele sast- imb kraftstrotzende Bauernburschen in Deutschland gäbe! Etwas vierschrötig und plump kannten sie immerhin fein, — wenn nur Leben brüt steckt und draus hervorfptteßt! Dann wird der „deuffche M- chel" noch Jahrhundette lang in der Welt als Großmacht dostehm, während die „dekadenten" Nachbarn mir chrer überfeinerten Kultur verwelkt und abgetan sind!
Aber seien wir ehrlich: leider ist der dumme deuffche Mchel mch von der faulen Kultur schon in beträchtlichem Maße angefressen worden. In das geftmde Bauernbuffchengesicht schleichen sich hier und dort verdächtige Fallen und Flecke ein. Die Mehrheit des Volkes ist städttsch geworden, und die gro- ßev-n Städte haben auf der ganzen Welt eine verhängnisvolle Aehnllchkeit. Aus dem braven, einfältigen Michel wird der neue zu schnell ein Kulturfatzke, ein gelehriger Schüler aller modernen Torheiten und Verirrungen, «in vorzeitiger Greis.
Ach, die dummen Michels sind di« klügsten und glücklichsten Leute. Sehe jeder, daß er und jeine Fa
milie in dem alte» Gleise bleibe und an der ererbte« Vätersirre festhalten, deretwegen man uns so viel verspottet und — beneidet hat.
Deutschland kann nichts besseres tun, als die Nation Sr. Michaels bleiben und zum 29. September flott seinen Namenstag zu feiern.
Michael heißt wörtlich: Wer wie Gott? Ms die tivToienbeten Engel dem höchsten Wesen gleich sein wollten, da stellre Michael in seinem Namen klar, daß unter den Geschöpfen keines ist, das sich dem Schöpfer gleich stellen dürfte. Er war der Verfechter bet Ehrfurcht und der unbedingte Ergebenheit gegen Gott. Man faßte nicht glauben, daß der Irrtum der aufsässigen Engel wiederkehren könnte; immer ist ja ganz klar und sozusaae« handgreiflich, daß das höchste und vollkonunrnste Wesen nur sich selber gleich sein kann, nicht aber irgend einem seiner Geschöpfe. Gott allein fft das wahre und ewige Sein; alles andere, was ist, hat ein abgeleitetes und also beschränktes Sein. In dem Wesen dcr Gottheit liegt die Ausschließlichkeit, die Unerreichbarkeit und Unvergleichbarkeit. Aber obwohl diese Logik ganz klar und zwingend ist, Hai doch die moderne W.lt wieder einen Weg gefunden, um den alten Irrtum einzufchmuageln: „Ihr werdet sein wie die Götter!" Der „Kunstgriff" ist so: man erklärt alles, was besieht, für „Gott". Auf diese Weise wird der Mensch zu einem Teil der Gottheit. Der Pantheismus will dem schlechtesten und törichtesten Menschen einen göttlichen Charakter geben. Jedes mißratene menschliche Gewächs dars sich als ein Stück Gottheit spreizen und — ausleben! Bei dieser heillosen Verwirrung wird der Name Michael wieder zeitgemäß. Wer ist wie Gott? Niemand, auch der beste nicht, geschweige denn der schlechte. Die Schöpfung ist nicht Gott, sondern ein Werk Gottes. Wir sind nicht ein Stück vom Schöpfer, sondern ein Stück seiner Schöpfung, das ihm unterworfen bleibt und ihm Rechenschaft schuldig ift. Mit Sankt Michael bekennen wir: Ich glaube an den allmächtigen Schöpfer des Himmels und der Erde, und es wäre die größte Ehre, die der deutschen Nation zuteil werden könnte, wenn sie als Schützling des hl. Michael allen anderen Völkern das Banner des Gottesglaubens vorantrüge. Jenes christlichen GoüesglaubenS, der gerade jetzt so schwer bedrohe ist durch die Philosophie der Aufgeklärten und zugleich durch den rohen Mate- nalismus .der soz i aldem okr atffchen^M ass en. Zur. Ehre
über die zunehmende Gleichgültigkeit und Verrohung der Jugend tonn uns nichts Häfen. Wohlan, wir sind da, um sie besser zu machen!
Deutscher Reich.
+ Liberale Theorie und Praxis. Wenn man die Imksllberalen Blätter lieft, dann müßte man glauben, es könne für den Liberalismus keine wichtigere Aufgabe geben, als der Teuerung mit allen Mitteln entgegenzuwirken. Ein wahrer Widerwille vor der Unehrlichkeit des Liberalismus muß aber jeden ehrlich denkenden Menschen erfassen, wenn er sieht, wie der Liberalismus sich zwar nicht scheut, die Teuerung zu einer verlogenen Hetze gegen die rechtsstehende» Partei und gegen die Regierung zu mißbrauchen, während er auf der anderen Seite nicht nur nicht keinen Finger rührt, um dem Notstand abzuhelfen, sondern sich sogar geeigneten Maßnahmen widersetzt. Das ist erst in diesen Tagen in der Reichshauptstadt Berlin geschehen, in deren Verwaltung bekanntlich der Linksliberalismus herrscht. Die Verwaltung der Stadt Berlin hat sich nach langem Zögern endlich entschlossen, den Versuch zu machen, auch ihrerseits elwas gegen die Teuerung zu tun. Dian hätte nun erwarten sollen, daß die Liberalen sich an dieser Notstandsaktion der Stadt Berlin eifrig beteiligen würden. Aber was ist in Wirklichkeit geschehen? Die städtischen Verwaliungckörpcr von Berlin hatten eine gemeinsame Deputation zur Beratung von Maßnahmen zwecks Milderung der gerade dort sehr fühlbaren Teuerung eingesetzt. Und da die Liberalen in der Verwaltung Berlins eine überwältigende Mehrheit haben, so gehören zu dieser Deputation nicht weniger als 12 Liberale. Von diesen 12 Liberalen waren, sage und schreibe, ganze drei Mann erschienen und es hätte nicht viel gefehlt, dann wäre die Deputation infolge Nichterscheinens der liberalen Mitglieder beschlußunfähig gewesen. Was soll man aber erst dazusagen, daß die drei erschienenen Liberalen Depntationsmitglieder statt auf praktische Maßnahmen zu sinnen die einzig durchführbaren Vorschläge bekämpften! Das Ende vom Liede war, daß bei der ganzen Not- standsaktioi nichts heraussprang. Das einzige Ergebnis ist, daß der Vertrieb von Seefischen — man glaube nicht etwa beschiessen worden ist — sondern in „Aussicht" genommen ist. Und dabei kann die Stadt Berlin auf diese „Tai" nicht einmal stolz fein. Nicht ans eigenem Antrieb, sondern erst ans eine Vorstellung der Regierung hi» hat sie sich dazu entschlossen. Das wäre alles und im übrigen wird die große Stadt Berlin nicht einen Finger rühren, der Teuerung eiitgegenzuwirken. So also sieht die liberale Notftand-aktion in der Praxis aus. Leute, die so wenig Herz und Sinn für die Not des Volkes haben, die sich nicht scheuen, geeignete Notstandsmaßnahmen zu bekämpfen, um ihrer Sonderinlereffeu willen, haben kein Recht, anderen Vorschriften zu machen. Bevor der Liberalismus anderen gute Ratschläge zu geben sich anmaßt, soll er zunächst mal vor seiner eigenen Tür kehren und zeigen, daß er nicht nur Worte finden kann, sondern auch Taten. Und solange e. das nicht tut, wird er teil Vorwurf auf sich sitzen lassen muffe», daß ihm fcine Nolstandsagitation nicht Selbstzweck ift, sondern nur Mittel zum Zweck, die Massen zu verhetzen.
■ Was kost.t die „tote Milch"? Interessant ist es, das Geschrei der Sozialdemokraten gegen di« „habftichtigcu Baucru" zu hören und dann zu vergleichen, welche Preise das Volk zahlen müßte, wenn die „Genossen" als Bauern hantieren müßten. In einem oberbayerischen Sanalorium besichtigte eine Kommission een Betrieb unter Führung deS sozialdemokratischen Vorstandes. Bei Besprechung der Verpflegung der Erholungsbedürftigen in" dem Sanatorium hob der betreffende Herr auch die reichliche Milchkost hervor und meinte dabei: „Früher haben wir selbst Kühe gehalten, aber da kam uns der Liter Milch aus 28 Pfennig. Jetzt be iehen wir sie um 18 Pfennig von den Bauern." — Hierzu gehörte auch die Feststellung, welche der
Gottes wollen wir uns gern „dumme deutsche Michel" nennen lassen. —
Das Patronat des hl. Michael erinnert Deutschland an einen höchst ehrenwerten ud ruhmreichen Abschnitt seiner Geschichte. Als das Heilige Römische Reich Deutscher Nation noch bestand, hatte unser Vaterland einen Vorrang vor allen anderen Völkern. Es stellte den Schutz- und Schirmherm der Kirche. Die alten Rechtsformen sind abgetan und werden nicht wiederkehren. Die christlichen Staaten sind gleichberechtigt und können sich einer vor dem andern nur dadurch auszeichnen, daß sie an Glaubenstteue und Tugend das Höchste zu leisten suchen. Die unselige Glaubensspaltung hat in diesem Wettbewerb eine gewisse Verwirrung gebracht. Aber ttotzdem brauchen wir nicht zu verzagen an der Bewährung Deutschlands. In den meisten andern Ländern hebt der Unglaube noch viel höher sein Haupt. Em großer Vorzug für uns ist der Fortbestand der konfessionellen Schule. Wer die Jugend hat, har die Zukunst. Es kommt nur darauf an, daß alle christlich gesinnten Deutschen ihre Pflicht tun, voll und ganz, nicht bloß im Bekennen des Glaubens, sondern auch in der Vertretung desselben im ganzen öffentlichen Leben. Die ganzen Wahlen drehen sich ja immer um Glaube oder Unglaube. So aud) die Stichwahl in Düsseldorf, die gerade am Michaelistage entscheiden soll, ob ein christlicher Mann oder ein Bekenner des sozialdemokrati- schen Materialismus diese schöne Stadt üertreten soll.
Michaeisbrüder heraus! Heraus zur Rettung des Glaubens an Gott und der Unterwerfung unter sein Gebot! Stin Ruf zu folgen, mutz für uns Deutsche besonders leicht sein, denn wir vetteidigen mit dem Christentum zugleich die nationale Ehre und die deutsche Eigenart. St. Michael ist nicht nur der Schirmer der ftreitenben Kirche überhaupt, sondern auch der H e r z 0 g d e r D e u t s ch e n im besonderen.
Der deutsche Michel" im wahren Kulturkämpfe voran! — Mögen uns di« Gegner und Neider soviel Eigenschaftswörter anhängen, wie sie belieben, wir sind und bleiben die echten und rechten, einfachen und urwüchsigen, ehrlichen und gesunden deutschen Michel, die ihrem angestammten himmlischen Herzog Ehre machen wollen.