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Samstag 30. Stpttmler |9U 38. Jahrgang.

" Tuldaer M Zeitung

4. Blatt.

vruck ttnb Verlag b« Fuldaer RellendruSerel in Zui-a.

Aus dem Nachbargeblete

bau

Kleines FetlilleLon

Das

Ermahnungen an die liebe Jugend, immer hübsch ge-1 richtet, ein fleckenloses, reines Weiß.

Jade zu sitzen. Jedoch kaum ist das Wort verklungen, | -----

es nun einem französischen Kanarienvogelzüchter ge­lungen, ein nicht alltägliches Kuriosum der Vogel- weit ins Leben zu rufen: er hat weiße Kanarien­vögel gezüchtet. Das Experiment gelang, als der Züchter nach langem Suchen ein Paar Kanarien­vögel zusammenbrachte, deren Gefieder die bleicheste Farbe zeigte, die zu erlangen war. Die beiden ohnehin ka"m .roch gelblichen Vögel pflanzten sich ;or. «rw der Nachwuchts zeigt, wie der „Figaro" be-

terstützung der Sozialdemokratie erhaltm in allen Wahlkreisen, in denen Zentrumskandidatm anderen bürgerlichen Kandidaten gegenüberstehen und die So- zialdemokrarie den Ausschlag gibt. Dafür sollte sich das Zentmm verpflichten, den Sozialdemokraten zu unterstützen, wo er in der Stichwahl sei und das Zen- tnrni den Ausschlag zu geben hat. Auf dieses Ange­bot ist das zweite Schreiben des Abg. Miller-Fulda eine glatte Ablehn ung. Das wird niemand bestreiten können und auch der Parteioorstand gibt sich gar nicht die Mühe, den unnützen Versuch zu machen. Er beruft sich immer nur auf das erste Schreiben des Abg. Müller-Fulda und behauptet, daß darin ein Anerbieten des Stichwahlbündnisses liegt. Auf das zweite Schreiben des Abg. Müller-Fulda geht der Par- teivorftand der Sozialdemokratie nur insofern ein, als er sich mit der Bemerkung beschäftigt, daß die Bedin­gungen des Zentrums denen der Sozialdemokratie ziemlich angepaßt seien, und sucht daraus den Anschein zu erwecken, als ob die Stichwahlbedingungen des Zen­trums benen der Sozialdemokratie nachträglich mit Absicht angepaßt worden seien. Daß davon gar keine Rede fein kann, wird jedem aufmerksamen Leser des Briefwechsels ohne weiteres einleuchten. Der sozial­demokratische Parteivorstand scheint aber den Brief Bebels sehr unaufmerksam getefen zu haben, sonst würde er gesehen haben, daß bereits Bebel in seinem Schreiben ausdrücklich erwähnt, daß das Zentrum von den gleichen Gesichts­punkten ausgehe. Von einer nachträglichen Anpassung der Zentrumsbedingungen an die der So­zialdemokratie kann also gar keine Rede sein. Wenn der Abg. Müller-Fulda den Ausdruck „angepaßt“ ge­braucht, so ist damit nichts weiter gesagt, als daß die Bedingungen beider Parteien einander angepaßt sind, so daß sie sich nicht gegenseitig ausschließen.

Aus dem ganzen Briefwechsel geht zweifellos her­vor, daß Bebel wider besseres Wissen seine Behaup­tung in Jena getan hat und daß in keiner Weise die Rede davon sein kann, daß das Zentrum der Sozial­demokratie ein Stichwahlbündnis angeboren hat.

Der Briefwechsel findet begreiflicherweise in der Berliner Presse ein lebhaftes Echo. Daß die libe­ralen Blätter in dem Briefwechsel einen unumstöß­lichen Beweis für die Behauptung Bebels, daß das Zentmm der Sozialdemokratie ein Stichwahlbündnis angeboten habe, erblicken, wird niemand wunderneh­men. Das Berl. Tagebl. sowohl wie die Voss. Ztg. können sich nicht genug tun, in pharisäerhafter Weise von der „Heuchelei" des Zentrums zu reden. Das Berl. Tagebl. verrät aber auch gleichzeitig, warum im lebten Grunde das angebliche Bündnisangebot den Liberalismus so tief beunruhigt hat. Erleichtert seufzt das Mosseorgan auf:

„Vielleicht ist es die angenehmste Konsequenz des blau-schwarzen Regimes, daß wir vor dem rot-schwarzen Rütiischwur an den Kaiiergräbern und ähnlichen klerikal-sozialistischen Verbrüderungen für absehbare Zeit gesichert sind."

Ja, wenn das Zentrum ebenso stmpellos in der Wahl seiner Bundesgenossen wäre wie die freisinnige Presse es ihm so gern andichten möchte, dann würde es dem Liberalismus bei den nächsten Wahlen.herz­lich schlecht ergehen. — Daß auch die Tägl. Rund­schau in ihrem blindwütigen Zentrumshaß die Be­hauptung Bebels in Jena durch den Briefwechsel für erwiesen erachtet, kann gleichfalls nicht auffallen. An­ders beurteilt die Deutsche Tagesztg. die Angelegen­heit: Sie sagt:

„Von einem formellen Angebot eines Stichwahl- bündniffes seitens des Zentrums kann nicht die Rede fein, dagegen enthä't der mitgeteilte Brief des Abg. Bebel ohne Frage ein formelles Anerbieten."

•I« Teuerung, Wirtschaftspolitik und Sozialdemokratie.

Was in der sozialdemokralsffchen Presse gegen­wärtig an Umerschlagungen, Verdrehungen und Uebertreibungen geleistet wird, spottet jeder Beschrei­bung Und dabei haben jene Leute noch die Stirn, in der pharisäerhaftesten Weise zu behaupten, sie waren die einzigen ehrlichen und wahrhaften Leute. Es ist dringend geboten, den Spieß einmal u m - zudrehen und vor aller Oesstutlichkeit das ge­meingefährliche und heuchlerische Treiben der So­zialdemokratie bloßzuftellen.

Wahrend die augenblickliche Notlage für alle friedlichen und vemünftigen Leute ein Gegen­stand ernster Sorge und sachgemäßer Prüfung ist, betrachtet die Sozialdemokratie diese Notlage als tvillkommenes Hetzmittel für ihre agita­torischen Zwecke. Mit den blutigsten Kraftausdrücken werden die Massen revolutioniert und damit die Lage noch immer weiter verwirrt und verschlimmert. Zwar

Freidenker in Vorschlag gebracht, dem jedoch bedeutet wurde, daß es nicht gut angehe, in einem aus Sozial­demokraten und bürgerlichen Freidenkern znsammen- gesetzlen Verein eineiffAnhänger der rein proletarisben Freidenkerrichtung zu wählen. So wenig man eine derartige Konsequenz bei.Freidenkern' verstehen mag, foüte man sie doch in Arbeiterlreisen anerkennen und eme Extrasreid enteret außerhalb der Partei für überflüssig halten. Jede Gelegenheit zeial es deutlich. wie sehr man den Arbeitern sonst lieber auf den Rücken schaut, wenn man sie nichr gerade als Staffa ge braucht. Diese Tendenz macht sich nirgends breiter als auch im Wiesbadener Freidenkerverkin, und eine gewisse Clique ist auch jetzt wieder ernstlich daran, reine Bahn' zu schaffen. Die Arbeit läßt man sich gerne gefallen, aber nur nicht milreden wollen.

Soweit die Notiz, an der manches Interessante ist. In Wiesbaden gibt der Frei„de:tter“ Welker sein auf äußerste Geistesarmut berechnetes Zeit« schriftchen „Es werde Licht" heraus- Darin schimpft er sich die Zunge wund wider die Herrschsucht der „Stlerijei* über das Volk, das für die Klerisei nur da sei als Staffage und zur Ausbeutung. Und nun siehe da! In Wiesbaden selbst hat er noch nicht einmal so viel Licht geschaffen, daß die bürger­lichen Freidenker ihre Gesinnungsgenossen unter der Arbeiterschaft als gleichberechtigt aner­kennen und sich mit ihnen auf die gleiche Bank setzen wollen. Und das Proletariat Hal auch noch die Empfindung, daß es bloß dazu gut genug sei, bei Demonstrat onsversammlungen den Saalfüller zu machen und für die Herren Bürgerlichen, als Staffa:e zu dienen!! Anderseits ist der Bericht ebenfalls interessant durch die Bemerkung, daß die Arbeiter keine Extrafreidenkerei mit bürgerlichen Freidenkern mitzumachen halten. Natürlich, es ist ja innerhalb der soz aldemokratischen Partei Ge­legenheit genug gegeben zur — Freidenkerei.

# Karlsruhe, 29. Sept. 1911. Die badischen Nationalliberalen sind außerordentlich unbe­rechenbar. Unsere Leser erinnern sich noch an die scharfen Aeußerungen, die in verschiedenen national- liberalen Blättern Badens in letzter Zeit gegen die Sozialdemokratie erschienen sind. Wer sie gelesen hat, mußte zu der Auffassung kommen, daß die allgemeine liberale Auffassung von der Sozialdemokratie und das Verhältnis zu ihr ein Loch bekommen habe. Dße liberalen Blätter haben sich aber der Reihe nach selbst verleugnet, zuerst der „Mannh. Generalanzeiger", dann die „Heidelberger Zeitung" und zuletzt am allerauf­fallendsten die „Vreisgauer Zeitung". Keines von den drei Blättern wollte dem. Großblock ein Haar ge­krümmt haben. Die „Heidelberger Zeitung" behaup­tete freilich, daß die nationalliberale Partei eine „scharfe Gegnerin" der Sozialdemokratie sei, allerdings nur in Worten, und das nimmt ihr kein Sozialdemo­krat mehr übet, da die Taten ja doch ganz anders lau­ten. In den schärssten Worten hatte die „Bveisg. Ztg." die bürgerlichen Parteien und den ganzen Mit­telstand zur Bekämpfung der Sozialdemokratie aufge­fordert. Aber als man sie beim Wort nahm, kniff sie mit folgender Bcmerkrmg:

. . es muß auf die nicht ganz einwandfreie Aus­schlachtung der politischen Erörterungen der letzten Zeit durch verschiedene Zentrum-organe hin sestgestellt werden, daß es an der Wahltaktik der badischen liberalen Parteien in den Jahren 1905 wie 1909 vorn liberalen Standpunkt nichts auszufetzen gibt."

Trotz der landesverräterischen Haltung der So­zialdemokratie werden also die badischen Nationallibe­ralen den Sozialdemokraten weiter Schildknappen­dienste leisten. Die Errichtung des Großblocks hat den Liberalen im Jahre 1909 eine Katastrophe gebracht, wie sie der schärfste Ansturm des Zentrum'' in frühe­ren Jahren nicht heraufbeschworen hat. Jeder ver­nünftige Mensch konnte sich sagen, daß i'.e Kräfte des Liberalismus dahinschwinden müssen im Großblock — einerlei: weil Aussicht bestand, das eine ober andere Mandat dem Zentrum vorzubehalten oder zu nehmen, wurde der Großblock gemacht. Und weil man hofft, dies werde vielleicht auch das nächste Mal noch mög­lich fein, wird daran festgehalten.

sran'ösische Ministerium des Aeußern erklärt in einer osfiziellen Note, die deutschen Abäuderungs- vor chläge in der Marokkoangelegenheit umfaßten neue Forderungen und enthielten Vorbehalte, die eine sehr eingehende Prüfung notwendig mache. Danach scheinen in den Verhandlungen, die bereits als abgeschlossen galten, neue Hindernisse aufgetr-- ten zu fein.

♦ Freidenker unter sich. Zn diesem Kap tel liefert ein hochinteressantes Bildchen folgender Stoßseufzer, den tin sozialdemokratischer Freidenker, Mitglied des Freidenkervereins Wiesbaden, in der Frank­furter sozialdemokratischen „Volksstimme* (Nr. 210) verlautbaren läßt. Da heißt es:

„Wiesbaden. Im Freidenkerverewe wurde bietet Tage an Stelle des verzogenen Genossen Vogt­herr Herr F. W. Gerling zum ersten Von-tzenden ge­wählt. Bei der Wahl eines zweiten Vorsitzenden wurde auch ein Anhänger der sogenannten proletarischen

deutscher Reich.

* Rene Verzögerungen im Marokkohandel?

= Anzeigen —

ßnd !« der „Früd, 31g.“ von ßchkrm Srfo!g

Kragenhof, 29. Sept. 1911. An dem Wege-, zwischen hier und Landwehrhagen waren Italiener beschäftigt. Einer von diesen Ar­beitern taufte Speisen und kochte für seine Lands­leute. Am Sonntag ist der Herr „Koch" abgereist, ohne die verschiedenen Lieferanten bezahlt zu

bann lassen sich Hans und Liese wieder gehen, sie „flegeln“ sich hin, tote man pnpnlär sich auszudrücken beliebt, sie stehen mit arg verrenktem Körper da, überall sind sie lässig in ihrer Haltung. Ganz besonders beim Unfertigen der Schularbeiten! In einigen Schulen von Berliner Vororten will man orthopädischen Turn­unterricht einführen, soweit es nicht schon geschehen ist, denn die Schulärzte haben sestgestellt, daß die Ver­krümmungen der Wirbelsäule bei den Kindern, beson­ders bei de» Mädchen, immer mehr an Zahl zunehmen. Diese Tatsachen werden auch wohl anderwärts festzu­stellen sein. In dcn Wachttlmsjahren sind alle Kno­chen und Knorpel noch zu weich, eben deshalb sollten die Eltern unbedingt darauf sehen, daß ihre Kinder durch lässige Haltung und krummes Sitzen nicht Schä­digungen erleiden. In dieser Beziehung kann man wirklich nicht streng genug sein. Vor allem sorge man freilich auch selbst für die erforderlichen Vorbedingun­gen: Einen bequemen Tisch, der für die Bücher Raum genug bietet, der gute Belichtung hat und auch nicht zu hoch und nicht zu niedrig ist. Auch beim Lesen soll die Jugend stramm dasitzen, nicht zusammengekauert in der Sofaecke liegen. mo.

— Weiße Kanarienvögel. Aus Paris wird be­richtet: Nach langen vergeblichen Bemühungen ist

— Ein Schoppen Marokkaner. Der Name für den neuen „Heurigen" ist gesunden, und zwar geht er, wie immer, aufs Aktuelle. Besuchte da in den letzten Ta­gen in Köln ein rheinisches Bäuerlein eine Wirtschaft und forderte fest und bestimmt „e Schöppchen Marok­kaner". Der Wirt äußerte keinerlei Ueberraschung über die neue Sorte, mußte aber erklären, daß der „Marok­kaner" erst in den nächsten Wochen zum Anstich ge­lange. Auf die neugierige Frage des Bauern, ob er auch, richtig verstanden habe, welcher Wein gemeint fei, erwiderte der brave Wirt: „Wie könnt' denn der neie Win, der 1911er, wo während derer afrikanische Hitze gewachsen ist, anders heiße als Marokkaner." vs.

— Kann eine Frau den Mund halten? Diese son- derbare Frage dürfte wohl von jedermann, der nicht selbst zum schönen Geschlecht gehört, verneint, minde- "ber doch bezweifelt werden. Es muß wohl auch ein starkes Verlangen sein, von einer Frau zu erwar­ten, daß sie auch nur einen Tag lang nicht spricht. In Korea herrscht die merkwürdige Stile, daß die Braut am Hochzeitstage keinen einzigen Laut von sich geben darf. Geschieht es unversehens, bann wird sie verlacht und verhöhnt und sinkt in der allgemeinen Achtung, weil — sie eben den Mund nicht halten kann. Das soll ober für den ehelichen Frieden manchmal recht not­wendig fein. Wenigstens in Korea. Bei uns natürlich

kann die rote Presse nicht leugnen, daß in diesem Jahr eine ganz außergewöhnliche unglückliche Witte­rung geherrscht hat, und daß die Viehseuchen dies­mal in bedauerlich starkem Umfange bei uns ausge­treten sind. Aber ihr „Gerechtigkeits"- und „Wahr- heirsgrstihl" reicht nicht fo weit, jetzt auch ehrlicher­weise zuzugestehen, daß die augenblickliche Not durch diese unglücklichen Naturereignisse herbeigeführt wor­den ist. Aber dann wäre es ja aus mit dein sozial­demokratischen Schimpfen und Hetzen, und davon lebt die Sozialdemokratte bekanntlich. Damm mußte schleunigst ein zugkräftiger Sündenbock gesucht wer­den, und was gibt's da Schöneres für die Sozialde­mokratie als das Losschlagen auf unsere Wiri­sch a f t s p o l u i k. Sie vor allem soll für die Teuerung verantwortlich fein. Grad das Gegenteil ist richtig. Denn, wenn wir unsere heimische Lebens m ittelproduktion nicht beizei­ten geschützt und so das Angebot an Lebens­mitteln im eigenen Lande gestärkt hätten, dann müßten wir schon längst weit höhere Preise bezahl en und wären schon läng st in die allergrößten Schwierigkeiten gekommen.

Wie kann unsere Wirtschaftspolitik für eine Preis­steigerung verantwortlich gemacht werden, wenn eine Teuerung überall herrscht, auch in den an­dern Ländern, wo die Preissteigerung noch viel grö­ßer war und wo die Steuerung sich viel schlimmer bemerkbar macht! Erinnert sei nur an die tagtäglich gemeldeten Teuerungskrawalle in Oester­reich, Belgien usw. In Frankreich sind die Radikalen und Sozialisten am Ruder, welch letztere gerade nach der ausdrücklichsten Fessstellung des „Genossen" Fischer wiederholt für sehr hohe Zölle eingetreten sind. Belgien aber, woher ebenfalls andauernder Teuerungsaufmhr gemeldet wurde, ist ein F r eih a n d e'ls lan d. Wie kann da die Wirtschaftspolitik verantwortlich gemacht werden? Und zudem handelt es sich hier gerade um Länder, wovon unsere Sozialdemokratie noch bis von kurzer Zeit die Lebensmittelzustchr verlangte. Sie verlangte z. B. „billiges Vieh" von Oesterreich und Frankreich, wo doch selbst die höchsten Preise herrschen, und wo man schon wiederholt Viehausfuhrverbote geplant bat. Wäre die Sache nicht so traurig ernst, man wäre versucht, über solche bodenlose Verrücktheiten herzhaft zu lachen.

Wir aber fragen nochmals: In welcher Lage befänden wir uns, wenn wir nach dem Rezepte der Sozialdemokratie unsere lebensmiftelproduzierende Landwirtschaft einfach schutzlos preisgegeben hätten, statt sie so zu kräftigen, daß sie heute zu normalen Zeiten die notwendigen Lebensmittel fast alle selbst liefern kann? Wie ständen wir da, wenn wir eine eigene leistungsfähige Landwirtschaft überhaupt nicht mehr oder nur noch in geringem Umfange besäßen? Wie ständen wir da, nachdem wir gesehen haben, wie wenig auf das Ausland Verlaß ist, wie wenig wir vom Auslande zu ermatten haben. Wir wären in der allerschlimmsten Lage, das letzte wäre eine Hun­gersnot, und diese Hungersnot härte die Sozialdemokratie auf dem Gewissen.

Es geniert die Sozialdemokratie in ihrem „groß­zügigen Arbeiten" auch nicht im geringsten, daß manche Produkte, die mit am meisten von der Steuerung be­troffen werden, z. B. Kartoffeln, Milch usw., über­haupt gar keinem Zoll unterliegen. Selbst da, wo die Wirtschaftspolitik also absolut gar nichts mit der Sache zu tun haben kann, wird sie trotzdem da­für verantwortlich gemacht. Auch das verschweigt die Sozialdemokratie hartnäckig, daß von der Steuerung gerade die Produkte besonders getroffen wer­den, die in verwiegendem Maße von den Klein- und Mittelbesitzern erzeugt werden. Sie verschweigt dies deshalb, um neben der Wirtschaftspolitik nachher im­mer mehr den „Großagrariern" die Schuld an der Teuerung zuzuschteben. Desto besser geht nachher die Hetze. Das ist die ganze „Aufklärung" und „Hilfe“ der Sozialdemokratie bei der Teuerung.

Kann es da wundernehmen, wenn infolge einer solchen „Aufklärung“ den Arbeitem systematisch eine blinde Wut eingeimpft wird gegen alles, was ihnen in solch blutigen Farben tagtäglich vorgemalt wird! Kann es da wundernehmen, wenn die Arbeiter, durch die Hetzartikel und die Hetzreden aufs äußeffte gereizt, revolutionäre Krawalle veranstalten! Und zeugt es nicht von abgrundtiefer Heuchelei, wenn die Sozial­demokratie nach vollbrachtem Werke sich so stellt, als hätte sie nichts getan und wäre an nichts schuld! Rück­sichtslos muß es überall ausgesprochen werden: Die Sozialdemokratie gehört auf bie An- klagebank! Sie Trägt die Schuld an der Ver­hetzung der einzelnen Stände gegeneinander, sie trägt die" Schuld an der Gefährdung der Sicherung unserer Lebensmittelversorgung, sie trägt die Schuld an der Verwirrung und Verschlimmerung der Lage. Gewisse kapitalistische Hän dl er kreise allein haben ihre Freude an dem übertriebenen Teuerungsgeschrei der Sozialdemokratie, da sie unter diesem Eindrücke bequem unangemessene Preisaufschläge machen können. Gerade auf diesen Punkt, daß das ewige übertrie­bene TeuerunbZgeschrei nur dem spekulativen Handel zugute käme, haben sozialistische Schriftsteller, wie Schipvel und Calwer, wiederholt hingewiesen. Nach allem ist das Sreiben der Sozialdemokratie nur zu bezeichnen als ein Hochverrat an den wich­tigsten Interessen des Volk es!

haben. Da der „Koch" alle 14 Tage die entnom­menen Waren bezahlte, so handelte es sich um größere Betrage. Bäcker, Schlächter und Wirt sind betrogen. Dieser Fall möge zur Warnung dienen. Man sollte den fremden Arbeitern, die ge­wöhnlich nicht mehr als einen Arbeitsanzug besitzen, nicht zu lange borgen. Die anderen Italiener haben auch aufgehört zu arbeiten; sie sind ihrem durchgebrannten Landsmann jedensat's gefolgt.

* Hcrsseld, 29. Sept. 1911. Die Sadtverord- neten haben dem vom Magistrat mit den Firmen A. Ree berg und Georg Braun abschloffenen Ver­trag zwecks Lieferung elektrischer Energie zugestimmt und dadurch ist die Errichtung eines städtischen Elektrizitätswerkes gesichert. Die Kosten sind von Direktor Lautemann des Elektrizitätswerkes in Marburg, der im Auftrage der Stadt einen Plan zur Anlage angefertigt bat und in der Sitzung zu­gegen war, auf 100 000 Mk. veranschlagt worden. Auf Grund der seinerzeit eingegangenen unverbind­lichen Anmeldungen wird man mit einem Strom- Konsum von 179800 Kilowattstunden rechnen können.

* Hanau, 29. Sept. 1911. In einem Beleid? gungs-Prozeffe, den der frühere Verleger der ,tzan. Zig.', G. Wurm in Göttingen, gegen den bei dem späteren Verleger dieses Blattes als Redakteur tätigen Hugo Schenck angestrengt hatte, machte sich die Zeugen­vernehmung des Redakteurs Herrn. Grömbacher irr Frankfurt a. M. erforderlich, der aber zu keinem der angesetzlen Termine wegen angeblicher Krankheit erschienen war. Ter gestrigen Verhauvlung vor der Strafkammer war er wiederum d li e v en,

infolgedessen ihn das Gericht zu 300 ^ Geld­strafe und zur Tragung der SermmS-Soften ver­urteilte. Zum nächsten Termine soll er vorgesuhrt werden.

Nicht. vs.

— Gerade schon! Wieder und wieder mahnen die Aerzte,-" sich körperlich jederzeit stramm aufzurichten, und Schulmänner wie Eltern lassen es nicht, fehlen an

+ Zentrum nnd Sozialvenrokratie.

Auf dem Jenaer Parteitag hatte bet Abg- Bebel bekanntlich die Behauptung ausgestellt, daß der «o-

obten der Zentra Erstff feitj.eftePJ, und der Vcrb- agsLbgemdncte Dr. Bell erklärte auf dem Zentmms- varleitaa in Stadien am 17. September, daß bei dm Reichstagswahlen von 1907 von maßgebender so- z i a l d e m olr all sch er Seite der Zentmms- fraktion ein Wahlbündnis angeboten worben sei unb daß die Zentrumsfraktion einmütig das Bündnis ab­gelehnt hülle. Der Patteivorstand der sozialdemokra­tischen Partei blieb indessen bei der Behauptung Be­bels, obwohl mich in einer Dortmunder Zentrmnsveo- fammlung die Angaben des Abg. Dr. Bell als zutref­fend bezeichnet worden waren. Schließlich sah sich der sozialdemokratische Parteivofftand in die Enge getrie­ben, und nun glaubt er sich durch bie Veröffentlichung -es Briefwechsels, der zwischen dem Zentmms- ttbgeordneten Müller-Fulda und-Bebel geführt worden sst, rechtfertigen zu können.

Am 28. Januar erhielt der Abg. Singer folgenden Brief des Abg. Müller-Fulda: „Den Empfang Ihres Werten vom 21. er. bestätige. Auf Stichwahl, Hilfe im Kreise Lünfeld-Hersseld-Rotenburg will ich verzichten, weil ich in diesem Streife gegen die Anli- Eemiten, Konservativen, Frersinnigen und Liberalen >och nicht durchdringe. Dagegen möchte ich Ihre Auf­merksamkeit auf die gefährdete Gesamilage lenken. Zwar kehrt das Zentrum nicht erheblich geschwächt zurück; durch den Verlust Ihrer Partei in Sachsen, Thüringen usw. und durch das Zusammengehen der Freisinnigen mit der Reaktion erscheinen mir die Ver­fassungsrechte gefährdet und Zustände geschaffen, wie solche sich im Jahre 1887 nach den Wahlen ergaben, nur mit dem Unterschiede, daß solche diesmal noch rücksichtsloser noch ausgenutzt werden könnten. Daß ich hieraus die Konsequenzen ziehe, versteht sich von selbst; es fragt sich jedoch, ob das Verständnis für die Situation allseitig, besonders auch bei Ihren Leuten vorhanden ist, und wäre Ihnen verbunden, wenn Sie mir darüber einen kurzen Bescheid zusammen lassen wollten."

Auf dieses Schreiben schrieb Bebel an den Abg. Müller-Fulda wie folgt: „In Ergänzung des Schrei­bens des Herrn Singer möchte ich Ihnen noch folgen­des mitteiten: (Der Brief Singers an Müller-Fulda wird vom.Vorwärts' nicht initgeteilt. Die Red.) Wir sind der Ansicht, daß es bei den bevorstehenden Stich­wahlen darauf ankommt, eine Mehrheit zu erhalten, die in erster Linie für die drei Punkte, die wir in unserem Ausruf für die engeren Wahlen näher be­zeichnet haben, eintritt. Da Sie von den gleichen Gesichtspunkten ausgehen, sind wir bereit, in den­jenigen Wahlkreisen, in denen Kandidaten Ihrer Partei anderen bürgerlichen Kandidaten gegenüber« stehen und wir den Ausschlag geben, für die Kandi­daten Ihrer Partei einzutreten. Wir nehmen dabei an, daß Ihre Partei in Bezug auf Wahlkreise, in denen wir mit anderer Kandidaten ai derer Parteien in Stich­wahl sind und ihre Partei den Ausschlag gibt, zu Gunsten unserer Partei zu entscheiden bereit ist. Wir bitten Sie, uns mitteilen zu wollen, ob Sie und Ihre Freunde mit der dargelegten Auffassung konform gehen. Wir werden alsdann uns unverzüglich mit den für uns in Frage kommenden Wahlkreisen in Verbindung setzen."

Die Antwort des Abg. Müller-Fulda auf dieses Schreiben lautet wie folgt: „Auch wir stellen prinzipielle Bedingungen, von welchen Unterstützung abhängt. Vor­schlag Bereis ist unausführbar, weil Zeit zu kurz und bereits vielfach Verabredungen bestehen auf Ihrer und unserer Seile (Schlesien). Ich verspreche auch nichts, was ich nicht voll er?üllen kann. Unsere Bedingungen sind den Ihrigen ziemlich angepabt. Sie werden heute veröffentlicht und es wird ohne weiteres vorausgesetzt, daß alle Ihre Kandidaten eo ipso diesen Bedingungen zustimmen, der Mischmasch dagegen nicht. Nun tue jeder nach bester Ueberzeugung seine Pflicht auch ohne gegenseitige Zusicherung."

Das ist der Briefwechsel zwischen den Abg,g. Mül- ler Fulda unb Bebel. Jeder Unbefangene, der diesen Briefwechsel liest, muß zu der Auffassung kommen, daß Bebel dem Zentrum ein StichwaHU bündnis angeboten hat, das in dem Schreiben des Abg. Müller-Fulda glatt abgelehnt worden ist. Der Parteivorstand will das aber nicht zugeben. Er bleibt dabei, daß ein Zusammengehen des Zen­trums unb ber Sozialdemokratie nicht von Bebel, son­dern von dem Abg. Müller-Fulda angeregt worden sei, da dieser in seinem erften Brief auf die „gefährdete Gesamtlage“ aufmerksam gemacht habe. Wie man in dem angezogenen Schreiben des Abg. Müller- Fulda das Anerbieten eines Wahlbündnisses erblicken kann, ist uns unerfindlich. Es ist in dem ganzen Schreiben mitkeiner Silbe von einem Stichwahl- abkommen die Rede, nicht einmal eine Andeutung findet sich dafür. Dagegen enthält bas Schreiben des Abg. Bebel das Angebot eines regelrechten Wahlabkommens. Das Zentmm soll die Un-