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Carl Schütter

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Zrrnsprrcher Rr.y.

2‘24.

Erstes Blatt.

Fulda, Samstag den 30, September 1911*

38. Jahrgang.

Von einer deutschen Note au Italien roiffen römische Blätter zu berichten. In dieser Note wird nach diesen BlLttermelvungen die „Loyalität Deutsch­lands gegenüber Italiens" bestätigt. Die „Nordd. Allg. Htg." stellt in ihrer jüngsten Ausgabe ledig­lich die eingetroffenen Meldungen ohne jede eigene Bemerkung einfach zusammen. @5 dürste sich nicht um eine deutsche Note bandeln, sondern wahrschein­lich um ein Stimmungsbild des Wolffschen Bureaus, in dem deutsche Prchstimmen zusammengestellt waren, die dann von dem offiziösen italienischen Bureau so geschickt zusammengestellt worden sind, daß sie für Italien günstig lauteten.

„Seht, wir Wilden sind doch beffere Menschen." Ehrlicher Weise ckann man gar nicht leugnen, daß die Mohammeda ne r in dieser Angelegenheit sich anständiger benommen haben, als die „christlichen" Staatsmänner von Italien. Vielleicht auch verständiger. Denn wenn man sich die Sache genau überlegt, so vermag man die Lorbeeren nicht zu entdecken, die Italien in dem tripolitanischen Wüstensande pflücken will.

Halbasien beschämt das zweitälteste Kulturland Europas. Die Italiener mögen ja bei chrem hei­ßen , Temperament das kecke Draufgehen ihres Königs und seiner Mnister mit patriotischen Hur- rahs begrüßen; wir Zuschauer, ob verbündet oder unverbündet, müssen dagegen feststellen, daß Italien sich ins Unrecht gesetzt hat, als es jede Verhandlung über den Streitgegenstand unbedingt ablehnte und jeden stiedlichen Ausgleich von vornherein absicht­lich unmöglich machte. Nachdem die Welt so lange Jahre hindurch über Schiedsgerichte und dergleichen in Haag und sogar auf der anderen Seite des Ozeans friedlich beraten und gewiffe förmliche Ab­kommen getroffen hat, ist es doch wahrlich nicht mehr zeitgemäß, daß man in ein fremdes Land einfach eine Portion Soldaten und K a n o n e n schickt und während deren Ausfahrt an den Be­sitzer des Landes das „Ultimatum" richtet, er möge gefälligst diese Besetzung seines Gebietes um des lieben Friedens willen fördern helfen! Das brüske Ergehen, das einen kriegerischen Konflikt ge­radezu erzwang, ist in keiner Weise zu recht­fertigen. Auch wenn matt den Italienern zugesteht, daß sie auf Tripolis eine Anwartschaft erworben hatten und das Land dringend brauchen, mußte man doch verlangen, daß sie die Frage in einer anderen, weniger sriedensgefährlichen Form zur Lösung brächten.

Italien ist Mitglied des Dreibundes; aber das tripolitanifche Abenteuer ist keine Dreibundssache. Deutschland braucht nicht für Italien einzutre- ten; allerdings auch nicht für die Pforte, die sich selbst helfen und die Folgen chrer bisherigen Nachlässigkeiten tragen muß. Ob Deutschland oder Oesterreich im Jntereffe des Friedens irgend eine vermittlende Rolle spielen können, muß sich erst zeigen. Jede Verantwortung für den italienischen Gewaltstreich können wir strikte ablehnen. Er ist vielmehr auf das Konto der französischen und englischen Politik zu setzen, da Italien durch die Zusicherung der tripolitanischen Herrlichkeit zur Unterstützung des englisch-französischen Marokko­handels bewogen worden ist. — klebrigeres scheint es, daß Italien von seinem brüsken Vorgehen weder in Berlin noch in Wien vorher Mitteilung gemacht hat. Im anderen Falle würde chm auch gewiß ge­raten worden sein, die Sache weniger theatralisch zu behandeln.

Was wird nun aus dem Ausbruch des italieni­schen Größenwahns? Krieg zwischeu der Türkei und Italien? Der Krieg ist erklärt, aber unter den südöstlichen Verhältnissen nimmt er manchmal sonderbare Formen an. Die Türkei, die sich besonnen gezeigt hat, wird ja Wohl Versuche machen, die Landung italienischer Truppen in Tri­polis zu hindern. Sie wird indes schwerlich ihre paar halbwertigen Kriegsschiffe in das Feuer der italienischen Flotte bringen. Aber sie kann an den 50 000 Italienern, die in der Türkei leben, u. an dem ganzen italienischen Orienthandel Vergeltung

□ Mailand, 29. Sept 1911. Der Berichterstatter Barzini telegraphiert dem Karriere della Sera aus Tripolis, daß in der Stadt fortdauernd Ruhe herrsche und die Ordnung von der türkischen Militärbehörde aufrechterhalten werde. Es ist dies um so bemerkenswerter, als ja der italienische Ge­schäftsträger in Konstantinopel die Ueberreichung des Ultimatums mit dem Hinweis auf die angebliche Volkserregung in Tripolis, die beunruhigenden Um­fang angenommen habe, eingeleitet hat.

* Konstantinopel, 29. Sept. 1911. Die Kammer wurde für heute zu einer besonderen Session einbe- rufen. Es dürften eitoa 140 Deputierte anwesend fein.

* Beirut, 29. Sept. 1911. Die t ü r k i s ch e F lo t t e hat gestern die Rückfahrt nach Konttantino- p e l angetreten.

E Sßien, 29. Sept. 1911. Wie in hiesigen maß­gebenden Kreisen verlautet, sind sämtliche Mächte ein- mu.^g in der Auffassung, daß der Konflikt bezüg­lich Tripolis auf seinen Herd beschränkt blei» den muß, weder auf die europäischen noch die afiati- schen Besitzungen der Türkei übergreifen darf und der Besitzstand auf deal Balkan aufrechterhalten wird.

Kl. Rom, 29. Sept. 1911. Die Berliner Korrespon­denten der .Triduua" und der .Giornale d Italic? teilen mit, daß Deutschland den Schutz von Land und Eigenlum der in der Türkei wohnenden Italiener übernommen habe.

29- Sept 1911. Die gesamte türkische Pr-ff« bekundet ihre schärfste Entrüstung über das Vorgehen Italiens. Der ,Tauin' erklärt, die Türkei we. zur Verteidigung den Krieg erklären und sich mit allen Mitteln an den Italienern rächen. Die Ajem Gazetta' bezeichnet das Vorgehen Italiens als eme politlsche Räuberei und sagt, Italien laffe jedes menschllche Gefühl beiseite. Die Annahme des Ulti­matums wäre die Vernichtung des Lebens der Türkei, /•atembar' kritisiert die Haltung der Regierung, btt 0«»’^ eine fähigere erseht werden muffe. ,Ealmh' hebt die Grundlosigkeit der VorgehenS Italiens hervor, da» ohne einen vorhergehenden Zwischenfall ein Ultt- maium überreicht habe, and betont die Notwendigkeit o« einmütigen Handelns der Ottomanen zur SBer» terdigung des Vaterlandes.

W. d-uiS 29. Sept. 1911. Die «Agence Havas' meldet- DaSKablnettHakkiPascha hat demissio- ntetjL Sard Pascha ist zum Großwesir und Siamtl zum Minister des Aeußern ernannt worden. Mahmud Schevlet Pascha bleibt Kriegsmnnf'er.

' Tie Prrtzstimme» des Auslandes lauten, soweit nicht französische Blätter in Frage kommen, keineswegs so billigend und anerkennend, wie sich die italienische Prefle es träumen läßt. So schreibt z. B. von deutschen Blättern die sonst Ita­lien gewiß wohlgesinnte „Franks. Ztg.":

„Der einzige GefuPspnnkt, von dem sich die ita­

lienische Politik rechtfertigen ließe, ist derjenige der nackten Macht Politik. Es ist unseres Wissens der erste Fall, daß in neuerer Zeit ein großer Staat dem anderen keine Möglichkett des Ausweichens läßt. Es ist ein offener Raubzug, den Italien ange­treten hat, eine Gewalttat mitten im Frie- b e n, gegen welche das ganze zivilisierte Europa, un­abhängig von politischen Ansichten und Interessen, einmütig protestieren müßte. Es gibt nicht dle leiseste moralische Rechtfertigung dafür, eine Pro­vinz ihrer Verwaltung zu entziehen, und noch weniger eine Rechtfertigung für die brutale Methode, mit der Italien vorgeht, brutal nicht nur gegenüber der ganzen übrigen Welt, die ohne zureichenden Grund m die größten Gefahren und Wirrnifle gestürzt wird, brutal besonders gegenüber den beiden Verbündeten, die, gleichzeitig mit der Türkei befreundet, durch den Rechtsbruch und den Raubzug ihres Bundesgenossen in die ichwierigste Sage versetzt werden."

M die Italiener auf einen angemessenen Lohn sür diese Aufwendungen zu hoffen haben.

, So «in lang hinfchleichendcr Kriegszustand würde beide ^ctle schwer schädigen, aber den anareifend->n Teil am schwersten. Ein regelrechter akuter Krieg könnte entbrennen, wenn die unruhigen Elemente auf der Balkanhalbmsel von Kreta bis Sofia die Gelegenheit benutzten, um chre alten Rechnungen mit der Türkei zu begleichen. Die italienische Re­gierung hat aber bekanntlich zugleich mit ihrem Ulti­matum ein diplomatisches Rnndschrei- 6 e n veröffentlicht, das jeder Beunruhigung vor­beugen soll. Es fragt sich nun, ob sich der Ausbruch von Unruhen und kriegerischen Zusammenstößen verhindern läßt. Wenn nickt, so ladet Italien sich die Hauptschuld an dieser Störung des europäischen Friedens auf.

Hoffen wir, daß das Abenteuer „lokali­siert" bleibt und im tripolitanischen Wüstenlande sich tot läuft! Durch Erfahrung wird man klug. Vielleicht werden nächstens die Italiener, wenn sie vom Heldenkoller wieder befallen werden sollten, die Attion etwas bedächtiger und vorsichtiar ein­richten.

Italien hatte von der türkischen Negierung ver­langt, sie möge Anordnungen treffen, daß die Be- setzung von Tripolis auf keinen Widerstand stoße und ohne Schwierigkett vollzogen werden könne. DcS bedeutete nichts Geringeres, als daß die Türkei den Truppen Italiens gesäüigst den Fußschemel haue, damit sie bequemer von chrcn Schiffen auf btt tripolitanifche Küste hinabsteigen können. Da die Türkei diesem Verlangen nicht nachgekommen ist, so befanden sich die beiden Staaten schon dadurch mich der Ankündigung Italiens im Kriegszustand; die formelle Kriegserklärung spielt keine Rolle. Der Krieg, der nun entbrennen wird, wird vorläufig auf zwei Gebieten geführt werden: in Tri­poli g und in der übrigen Türkei. In Tri­polis bat die türkffche Besatzung den Auftrag, jeden Versuch einer Landung italienischer Truppen mit Waffengewalt zurückzuweisen. In dereuropäi- schen Türkei wird mit wirtschaft!. Kampf- ?n ] ‘ ? ,e ® ” gearbeitet werden. Es ist zu erwarten, daß «bte bort lebenden Italiener aus gewiesen, der ^Hvu.i elsvertrag und die Kapitulationen gekündigt um ute 'talu'nrWien Schulen,, die besonders in der plante und -lbanien zahlreich sind, geschlossen 5” ^:, ®C0e” Waren italienischer Herkunft wird bet Boykott ausgesprochen. '

Regierung hat amtlich mitteilen Sn™. lebenden Ottomanen in

vollem Umfang behördlichen Schutz genießen werden. Unauo-geiprochen. hegt darin die Aufforderung an die türkische Regierung, desgleichen die Italiener in der Türkei zu beschützen. Nur ist die Rechnünaun gleich. Die Mohammedaner zählen in Italien kaum nach Hunderten, die Italiener in der Türkei aber nach Tansenden, vielleicht gar nach Hundert- taustnden, und ihr Handel ist sehr bebentend. Das ist ein schwacher Punkt der italienischen Tripolis- aktion,

Beginn der Feindfeligkeiten.

■_ Die Feindseligkeiten nehmen ihren Beginn nicht in Tripolis sondern in den kleinasiatischen Gewässern.

x Krit' MW 3tolien M her ML

Tie scharfe Note, mit der Italien, gleich wie der Wegelagerm: im Busch ixm Wanderer die Börse mit vorgehaltener Pistole, von der Türkei Tripolis for­dert, ist, wie gemeldet, in dcr Nacht vom Mittwoch zum Donnerstag dem italienischen Geschäftsträger in Konstantinopel zugegangen. Da der Türüi nur eine Frist von 24 Stunden zur Beantwortung gelassen wurde, mußte sie sich bis zum Freitag nachmittag 2 Uhr 30 Minuten entscheiden. Alle Nachrichten aus Konstantinopel schildern die Stimmung don als außerordentlich erregt, man würde im Volke für einen den italienischen Forderungen mtsprcchen- ben Verzicht auf Tripolis kein Verständnis haben. Die Folge eines solchen Nachgebens würbe nur darin bestehen, daß die jetzige Regierung durch eine ganz radikale ersetzt werden würde, die den von Italien hingeworfenen Handschuh sofort aufnähme. Diese Erwägung dürste es sein, welche die türkische Regie­rung zu einer ablehnenden Haltung gegen die italienische Forderung bestimmt hat. Sie hat im Bewußtsein ihrer Schwäche trotz der maßlos scharfen Sprache des llalienischen Ultimatums die denkbar mildeste Form der Ablehnung gewählt, die zugleich ein gewisses Entgegenkommen enthielt. Ein Telegramm meldet uns über die türkische Antwort:

W Konstantinopel, 29. Sept. 1911. Die Ant­wortnote der Pforte auf das italienische Ultimatum ist der italienischen Botschaft heute früh übermit­telt worden. Die Pforte erklärt unter langer Be­gründung, baß sie bereit sei, über wirt­schaftliche Zugeständnisse an Italien sowie die Anerkennung der besonde­ren Interessen Italiens in Tripoli- ianten zu verhandeln unter der Voraus­setzung, daß der heutige Besitzstand beibehalten Wer­ve unb eine Besetzung von Tripolis nicht er­folge.

Die Antwort entspricht nicht dem italienischen Verlangen, sie geht um den Kern der Sache herum und ist ein Erzeugnis türkischer Verschleppungs­taktik. Nun kam, was kommen mußte, die

Kriegserklärung.

Die Telegramme melden:

W Rom, 29. Sept. 1911. Da die ottomanische Regierung die Forderungen des italienischen Ulti­matums nicht angenommen hat, sind Italien und die Türkei seit heute nachmittag 2% Uhr im Krieg S - z » ftand. Die Blockade von Tripolis und ^'tzreuaika wird den Mächte« sofort notifiziert werden.

W Konstantinopel, 29. Sept. 1911. Auch hier ist die Kriegserklärung bereits bekannt gegeben.

W Konstantinopel, 29. Sept. Die Kriegs- erkläru ug Italiens wurde heut« nachmittag durch den italienischen Geschäftsträger auf der Pforte überreicht und kurz dsranf i» der ganzen Stadt be- 'iu«tt.

.. W. Wien, 30. Sept. 1911. (Tel.) Das Wiener Kor- spondenzbnreau meldet ans Konstantinopel: Die alientsche Note mit dcr Kriegserklärung, bie während de» MinisterraleS übergeben wurde, führt aus: Da die Frist abgelaufen ist, ohne daß eine be­friedigende Antwort gegeben worden ist, was den schlechten Willen ober die Schwäche der Pforte beweist, ist Italien genötigt, selbst für di« Wahrung seiner Rechte, der Interessen, der Würde und Ehre deS Startes Vorsorge zu treffen. Da die freundschaftlichen und s redlichen Beziehunzen zwischen beiden Staaten urtt.ibrochen sind, betrachtet sich Italien im Kriegs- z'ustanbe gegenüber der Türkei. Der italienische Ge- fchaftölräger verlarigte bie Pässe und erklärte, die in Zlallen wellenden ottomamschen Untertanen könnten i "1 verbleiben.

Der „Berl. Lokalanz.", in dem häufig das Aus­wärtige Amt spricht, sagt u. a.:

Die ganze Art des Auftretens der italienischen Negierung, das rücksichtslose Verhallten gegen seine beiden Bundesgenossen lassen Italien als einen F r ie. d en s stör er erscheinen. Ein Ueberfall auf einen in der Entwickelung begriffenen Staat, wie das jungtürkische Reich jetzt ist, entspricht nicht den Ge- pflogen beiten, bie sonst zwischen den Kulturvölkern Üblich sind. ... Ist sich denn Italien gar nicht der riesigen Verantwortung bewußt? Ein Krieg zwi- schon zwei europäischen Völkern ist in feinen Folgen unabsehbar. Jnbezug auf die Begründung des Ulti­matums an die Türkei kann man nur sagen, daß ein jeder wohl schon geschickter ab gefaxte Dokumente ge­sehen hat. ES ist ja allerdings Wohl nicht leicht, einen derartigen, mindestens ungewöhnlichen Ueberfall in dezenter Weise zu motivieren, daß aber gerade die Würde Italiens als Beweggrund her- angejogen wird, muß einigermaßen Überraschend wirken.

Das russische Kadettenblatt ,Rjetsch schreibt: Es ist schwer, sich ein Dokument vorzustellen, das jedem Schamgefühl ebenso entbehrt, wie das italienische Ultimatum.

Selbst die englifche Presse fängt an be­denklich zu werden und wendet sich mit scharfen Worten gegen Italiens Abenteuerpolitik. Die ,Times' warnt Italien,

daß „die Früchte, die es zu ernten hofft, in keinem Verhältnis zu dem Preis stehen werden ,den es __

und andere — dafür zu zahlen haben werden". Das Blatt fährt fort: „Als Freunde Italiens bedauern wir, daß dessen natürliche Erregung es dazu getrieben hat, einen'Schritt zu tun, den seine wärmsten Freunde nicht billigen können"

W Athen, 29. Sept. 1911. Ministerpräsident Beuizelos hat aus Senile im Meerbusen von Arka eine Depesch« erhalten, wonach ein italienischer Kreuzer zwei türkische Transportdamp. fer, die Truppen an Bord hatten, verfologt und beschoss eu haben. Die türkischen Schiffe hätten sich darauf nach der Küste von Prevesa im türkischen EpiruS geflüchtet.

W. Paris, 30. Sept. (Sei.) Die ,Agence Havas- verbreitet eine Depesche anS Saloniki: Ein italieni­scher Kreuzer zerstörte em türkisches Torpedoboot im Hafen von Prevesa und landete Truppen. Die türkische Mililärbehörde läßt ein Bataillon Sol­daten nach Prevesa abgehen.

W. Konstantinopel,30.Sept. (Tel.l Italienische Panzerschiffe sind auch vor Saloniki und Smyrna erschienen.

Die Italiener vor Tripolis.

W Rom, 29. Sept. 1911. Sonderausgaben der Blätter melden: Die italienischen Schiffe kreuzen vor Tripolis auf hoher See und richten ihre Scheinwerfer auf den Hasen. Der Dampfer „Herkules" ist heute früh mit 500 Europäern von Tripolis abgegangen. Der Dampfer „Adria" mit dem aposto­lischen Präfekten Pater Bresciani ist dort ange- kommen.

W. Rom, 29. Sept 1911. (Telegr.) Nach Blätter­meldungen aus Tripoli» nSherten sich um 10 Uhr vormittags di« italienischen Kreuzer den Kats. Ern Torpedobootszerstörer lief um II Uhr vor. mittags in den Hafen ein. Seine Ankunft machte auf die Türken und Araber einen ungeheuren Eindruck. Unter Borantragung einer Fahne stiegen mehrere Mariue- o fizicre an Land, die den türkischen Behörden da» Ultimatums Italiens verkündigten. Daraus verordnete der Bizekonsul Galli die Einschiffung der Italiener, die sich auf dem Konsulat versammelt hatten, an. Ein Zwischenfall hat sich bisher nicht ereignet.

W. Berlin, 29. Sept 1911. Ein von heute ans Malka soeben eingegangenes Prioattelegramm meldet, zwölf italienische Kriegsschiffe warfen vor Tripolis Anker. Man erwartet, daß nachmittags Mannschaften landen werden.

Vf. Paris, 29. Sept 1911. Ein in Konstantinopel um 10V- Uhr aufgegebenes Telegramm besagt, rtalienisch« Truppen feien bereits in Tripolis und Benghazi an Land gegangen.

Italienischer Speck für die tripolitanischen Mäuse.

— Rom, 29. Sept 1911. Das Ministerium des «eutzern stellt bereits eine Proklamation an di« Eingeborenen von Tripolis und Cyrenaika in arabischer Sprache fertig. Italien verspricht den Emaeborenen den Schutz ihrer Rkitgton und ihres Eigentums, die Abschaffung lästiger Sreuern und bie Besserung ihrer Lebenshaltunz.

üben. Daneben kann sie die Bevölkerung. von Tripvlllcmien anfeuern und organisieren zu einem zähen Widerstande gegen die italienischen Eindring­linge. In diesem Falle wird die „Okkupation des größtentells tvegelofeu Landes viel Schweiß und Blut und ungeheuer viel Geld verschlingen, ohne

s Die Stichwahl in Düsieldorf.

n Düsseldorf, 29. Sept. 1911. Bei der heutigen Reichstagsersatzftichwahl wurden 75,203 Stimmen abgegeben Hab er lanb (Soz.) erhielt 39,283, Dr. Friedrich (Z-ntr.) 35,894 Stimmen. Ungültig waren 26 Stimmen. Haberland ist somit gewählt.

Bei der Hauptwahl erhielten: Friedrich 29 291, Haberland 34 071, Dr. Breitscheid (Demokr.) 3315, Herkenrath (Nationale Vgg.) 3148 und Choiszewski (Pole) 329 Stimmen. Zersplittert waren 21 Stim­men.

Nachdem, wie zu erwarten war, die liberale Ver­einigung in Düsseldorf die Parole auf strikte Wahl­enthaltung ausgegeben hat, war das Zentrum lll der Stichwahl auf seine eigene Kraft angewiesen. Nur die 300 Stimmen der nationalen Vereinigung dürsten ihm zugefallen sein. Darüber hinaus hat es aber noch 4000 Stimmen mehr (im Ganzen fast 7000 (stimmen mehr) aufgebracht als in der Haupt-' Wahl und damit die Stimmenzahl der Sozialde­mokratie im ersten Wahlgange überholt. Es hat sicher alle Kräfte aufgeboten, um heranszuholen,- was herauszuholen war, aber es hat den Sieg nicht an seine Fahne^ heften können. Düsseldorf fft für' den Rest dcr Session dem Zentrum verloren:' gegangen.

Das fft gewiß ein harter Verlust für das Zen­trum, aber eine Niederlage, wie die Gegner triumphierend schon bei der Hauptwahl jubelten, fft es keineswegs. Die Schmach am Verluste Düsseldorfs an den Ums rz trffst die National«; liberalen, die es nicht über sich gewinnen ber­wögen, dem Zentrum chre «Stimme zu geben und die uneingedenk chrer Pflichten als staatserhaltende Partei, die Sache des Umsturzes fördern. Es ift nichts weiter als eine faule Ausrede, wenn die Na- tionallcheralen chre Haltung damit entschuldigen wollen, daß sie sich für die Hauptwahl freie Hand Vorbehalten wollten. Was foll das überhaupt hei­ßen? Für wen will sich der Nationalliberalismus freie Hand Vorbehalten? Die Antwort auf diese Frage kann nicht schwer fallen. Für ein Wcchlab» kommen mit dem Zentrum ist das jetzige Verhalten der Rationalliberalen wirklich keine geeignete Unter»; läge. Desto mehr aber für ein solches mtt dem, Umsturz. Die Nationalliberalen haben durch chre Stimmenenthaltung gesorgt, daß sie es mtt den Ge»; «offen nicht verdorben und den Weg frei behielten,; für eine Verständigung für die kommenden Haupt-; Wahlen. Würden sie dem Zentrum in der «Stichwahl! chre Stimmen gegeben haben, dann hätten sie das Wohlwollen chrer roten Nothelfer gründlich bet»1 scherzt. Nur auf diese Weise kann man sich die Hal» tung der Nationalliberalen in Düsseldorf er* klären.

Die Wahl hat bewiesen, daß die Anhängerschaft des Zentrums im Wahlkreise Düffeldorf nicht zu­rückgegangen ist unter der gewaltigen Agitation der Sozialdemokratie, unter den Nachklängen der Steuer­gesetze, unter dem andauernden Eindruck der Teue­rung und der sonstigen Zetterscheinungen, die für eine positive und christliche Partei lästig werden tön=j neu. Der Zentrumskandidat Kirsch, ein persönlich sehr beliebter Volksmann, hatte 1907 nicht mehr Stimmen, als der jetzige Zentrumskandidat Dr. Friedrich, ein Neuling im politischen Leben. _ Sie; sind aufgebracht von der festen, treuen, unerschütter-! liehen Phalanx der Zentrumsleute. An dieser Garde ist alle Macht und alle List der zahlreichen Gegner- schast gescheitert! Diese Tatsache halten wir für wichttger als die Behmchtung des Mandats selbst. Denn das Mandat fft eins unter hundert; die Un­erschütterlichkeit der Zentrumswäh­lerschaft fft nicht ein vereinzeltes, nicht ein lo­kales Ereignis, sondern fft ein allgemein g ü n-! st i g e s V o r s p i e l für die nächsten Gesamtwahlen i ttn Lande. Wenn es nicht einmal in dem arbeiter-ff reichen und mit ungeheurem Kraftaufwand bearbei-; teteu Wahlkreis Düsseldorf gelungen fft, in die Zen- Irumswählersckaft Bresche zu legen, so wird es bei dem Gros der anderen Wahlkreffe e r st r e ch t n i cht gelingen.

• Düsseldorf, 29. Sept. 191L Die Sozialdemo­kratie setzte diS -um Schluß der Wahl ihr« Bemühungen fort, mit bett schäbigsten Mitteln bie Agitation zu treiben. Das toHrte leistete bas lA'aldemokratische Organ in seiner kur, vor Sckluß der Wahl erichrenenen Ausgabe. Es behauptete schlankweg, zahlreichen Ge­schäfts,enicn fei ein Rundschreiben zugegangen wo­nach die „Thristuchen Arbetteroereme" am lo. d. Mts. - eschlosien hätten, alle Geschä-te zu boykottieren, die nicht im Düffetd. Tgbl. (dem Zeurrumsblait) inserieren. Deshalb, so schloß das soziald. Bl., gelte es, den unerträg­lichen Druck zu beseitigen, den das Zentrum ausübe. Der wzialbeniolratiicheu Volkszeitung ist es selbstver­ständlich bekmml, daß „christliche 'ÄibeUerotreiae" gar nicht existieren. Ein solcher Brief, den angeblich der chititliäe Stbejeincrein aei&iieben hat. Ivar anonym.