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2^3.
Erstes Blatt.
Fulda, Freitag den 29. September 1911.
38. Jahrgang.
X Das italienische Ultimatum.
Der italienische Minister des Auswärtigen, di San Giulano, hat in der Nacht vom 26. auf 27. ds. Ms. an den italienischen Geschäftsträger in Konstantinopel, de Martino, eine längere De» Sesche gerichtet, von der er auch dem ottomanischen Geschäftsträger in Rom Mitteilung machte.
In dieser Note zählt der Minister die italienischen Beschwerden auf. Während einer längeren Reihe von Jahren habe Italien der Pforte vorgestellt, daß es absolut notwendig sei, dem Zustand von Unordnung und Vernachlässigungen dem Tripolis und Kyrene von der Türkei gelassen wurden, ein Ende zu machen. Eine Wendung zum Fortschritt und zur Zivilisation .stelle für Italien ein Interesse erster Ordnung dar angesichts der geringen Entfernung, die diese Gegenden von der italienischen Küste trennt. Italiens Absichten betr. Tripolis seien aber von der türkischen Regierung mißdeutet worden und jedes italienische Unternehmen sei dort einer systematischen, hartnäckigen und ungerechtfertigten Opposition begegnet. Die türkische Regierung habe allerdings neuerdings durch einen in letzte,! Stunde unternommenen Schritt der königKchen Regierung eine Verständigung vorgeschlagen, indem sie sich bereit erklärt, jedes mit den bestehenden Verträgen sowie mit der Würde und den Interessen zu vereinbarendes wirtschaftliches Zugeständnis zu bewilligen. Aber die italienische Regierung sei nicht mehr in der Lage, Verhandlungen anzuknüpfen, deren Nutzlosigkeit die Vergangenheit erwiesen hat und die weit davon entfernt eine Garantie für die Zukunft zu bietm. eine beständige Ursache vonReibungen un d Konflikten sein würden. Anderseits stellen die Nachrichten, die die lönigliche Regierung von ihren Konsularagenten in Tripolis und Kyrene erhält, die Lage als außerordentlich ernst dar infolge der Bewegung gegen die italienischen Untertanen, die augenscheinlich von Beamten und anderen behördlichen Organen hervorgerufen worden ist. Diese Bewegung bildet eine große Gefahr. Die Ankunft von türkischen Militärtransporten in Tripolis werde nur die Lage ' verschlimmern.
Die italienische Regierung, so fährt die Note fort, die sich gezwungen sieht, von nun an an den Schutz seiner Würde und Interessen zu denken, ist entschlossen, zu einer mMtärischen Besetzung von Tripolis und Kyrenaila zu schreiten. Diese Lösung ist bie einzige, die für Italien in Betracht kommt und die türkische Regierung möge demzufolge Anordnungen treffen, daß dieser Schritt bei den gegenwärtigen ottomanischen Vertretern in Tripolis auf keinen Widerstand stoße und daß die aus ihm sich ergebenden Maßnahmen ohne Schwierigkeiten getroffen werden können. Weitere Abmachungen könnten von den Regierungen sestgelegt werden, um die Lage endgiltig zu regeln. Die königliche Gesandts chast in Konstant^ nopel hat den Auftrag erhalten, eine entscheidende Antwort hierauf von b#r ottomanischen Regierung innerhalb 24 Stunden nach Vorlegung des gegenwärtigen Schriftstückes zu verlangen, widrigenfalls sich die italiemsche Regierung genötigt sieht, die zur Sicherung der Besetzung beabsichtigten Maßnahmen unverzüglich zu treffen. Wollen Sie hierzu noch bemerken, daß in dem Termin von 24 Stunden die Antwort auch durch Vermittelung der türkischen Botschaft in Rom uns mitgete tlt werden soll Also Italien ist unwiderruflich entschlossen, Tripolis militärisch zu besetzen. Ein Rechtsanspruch steht ihm nicht zur Seite, aber was fragt man in der hohen Politik viel nach dem Recht? Italien verspeist den tripolitanischen Brocken nach dem Motto, „denn ich bin groß und du bist klein". Gründe für die italienische Gewaltpolitik sind ja iillig wie die Brombeeren, und man braucht sich nicht weiter mit dem Studium der Beschwerden zu befassen, die Italien gegen die Türkei zusammengestellt hat. Italien verhandelt nicht, es diktiert, mit der verletzendsten Schärfe, teilt es der Türkei kurz und bündig mit, daß es einen Teil seines Staatsgebietes militärisch besetzen werde. Es ist das nur noch ein weiterer Akt der Komödie, daß dieser so brutal vorgehende Staat den anderen um seine Zustimmung binnen vierundzwanzig Stunden ersucht. Die Antwort mag noch den Versuch machen auszuweichen, aber das schließliche Ende dieser Affäre kann nicht zweifelhaft sein. Die Türkei wird durch enormen Druck, den man von Italien aus auf sie ausübt, zu den weitesten Zugeständnissen gezwungen. Die türkischen Staatsmänner in Konstantinopel wissen, daß sie sich nicht wehren können und die Partie für sie verloren ist. Hier und da konnte man in Sen letzten Tagen in den Blättern lesen, Italien werde bei der Besitzergreifung Tripolitaniens auf .beträchtliche Hindernisse stoßen, die Bevölkerung werde sich empören, die in Tripolitanien stehenden Truppen würden den heftigsten Widerstand leisten u. s. w., wir bezweifeln das.' In Tripolis mag mehr Munition als beifpielsweise in Marokko für die .alten Mauserflinten lagern, die Truppen sind auch , zweifellos besser geschult und von befferem Geist beseelt — sie werden sich trotzdem nicht lange halten. Das Gefühl völligen Berlassenseins auf verlorenem Posten wird sie Niederdrücken. Die Uebermacht, mit der die Italiener aufzutreten entschloffen find, wird sie sehr schnell von der Aussichtslosigkeit jeden Widerstandes überzeugen. Die Türkei muß Tripolis sich selbst überlassen, denn sie kann ihm weder zu Land «och zur See Hilfe bringen. Zu Lande ist fteilich die Türkei ein nicht zu verachtender Gegner, aber die Türkei kann zu Lande überhaupt nicht an Italien heran, während die geringe türkische Seemacht , es mit der italienischen Flotte nicht aufzunehmen ' vermag.
Die italienische Flotte besteht aus acht Linien- schiffen und aus zehn Panzerkreuzern, von denen /allerdings einer infolge eines kürzlich erlittenen Un- ' salles nicht verwendungsbereit ist. Dazu kommen Zahlreiche Torpedoboote und Unterseeboote. Alle diese Schiffe sind durchaus modern und mit den neuesten
Deutsches Reich.
** Berlin, 28. Sept. 1911. Der Kaiser nahm im Jagdschloß Rominten den Vortrag des Vertreters des auswärtigen Amts, Gesandten Freiherrn v. Jenisch entgegen. — Den 70. Geburtstag feiert am Freitag der frühere preußische Kriegsminister, General Heinrich von Goßler. Herr v. Goßler war vom August 1896 bis August 1903 preußischer Kriegsminister und hat diesen Posten länger bekleidet als irgend einer der anderen sieben Kriegsminister unter der Regierung Kaiser Wilhelm II. Von seinen vier Vorgängern war keiner drei volle Jahre im Amte; fein Nachfolger, Herr von Einem, war dagegen beinahe auf den Tag volle sechs Jahre Kriegsminister., Der gegenwärtige Kriegsminister von Heeringen ist sert dem 11. August 1909 im Amte. — Auch die Ma - rineverWallung geht nunmehr mit dem An- kauf von F l u g z e u g e n für ihre Zwecke vor. Es werden sowohl Eindecker wie Zweidecker erworben. — Die Ansiedlungskommission erwarb das 1000 Morgen große polnische Gut Gorhszewo
betrachten. Aber auch eine Verständib«ng des F r e i- sinns mit den Nationlliberalen tft für die kom- meiibe Landtagswahl bis jetzt noch nicht erreicht wor- den. In den größeren Städten des Landes, die nach dem neuen Wahlgesetz je einen weiteren Abgeordneten erhalten, ist es, abgesehen von Mainz, wo man ein Zusammengehen bestimmt erwartet, überall zu einer Kampfstellung zwischen den beiden liberalen Parteien gekommen, aus der in letzter Linie die Sozialdemokratie ihren Vorteil ziehen wird. So besteht die Wahrscheinlichkeit neuer sozialistischer Siege in Gießen, Offenbach und Darmstadt und auch in Mainz droht ein Erfolg der Roten. In den ländlichen Kreisen geht der Freisinn ohne Rücksicht auf die Natwnalliberalen selbst in solchen Kreisen selbständig vor, wo für ihn keinerlei Aussicht auf Erfolg ist und wo schließlich sein Vorgehen entweder dem Bauernbund oder der Sozialdemokratie zugut kommt. Dabei bereitet ihm die so eng befreundete Sozialdemokratie noch obendrein den Schmerz, daß sie einem Beschlüsse ihres Parteitages zufolge, in allen Wahlkreisen eigene Kandidaten aufstellt und damit in manchen Fällen die Aussichten des Linksliberalismus abschwächt. Die Sozialdemokratie will bei dieser ersten unter der direkten Wahl vor sich gehenden Machtprobe die Stimmen ihrer Anhänger im Lande zählen und diesem Verlangen werden sogar die Rücksichten auf den freisinnigen Bruder im Einzelfalle geopfert.
Die Nationalliberalen haben bis jetzt taktisch geschickt operiert, indem sie insbesondere bei der Auswahl der Kandidaten Rücksicht auf die Eigenart derWahlkreise und auf die Wünsche oer Wähler nahmen; es wird ihnen zweifellos gelingen, ihren Besitzstand zu wahren, ja vielleicht ihn noch zu erhöhen. In mehreren Wahlkreisen ist der national- liberale Sieg nur mit Hilfe des Zentrums möglich. In mehreren Odenwaldkreisen, die aus dem Reichstagswahlkreise Bensheim-Erbach gebildet sind, suchen die Christlich-Sozialen den Nationalliberalen den Rang abzulaufen; sie arbeiten damit für die kommende Reichstagswahl vor, bei der. sie diesmal sicher auf den Sieg ihres Führers Rippel-Hagen rechnen. Das Zentrum wird aller Voraussicht nach seinen Besitzstand wahren. Seine Organisation ist seit einigen Jahren, Dank der unermüdlichen Tätigkeit des Generalsekretärs Diehl und der eifrigen Unterstützung der kath. Männervereine, überall im Lande gut ausgebaut worden und auch die Zen- trumspresse hat aufklärend und belehrend gewirkt, insbesondere gegenüber der schamlosen sozialistischen Hetze anläßlich der Reichsfinanzreform. Die So- zialdemokratie, die bei den letzten Landtagswahlen mit ihrer Hetze wegen der Wahlreform vergebens die Wähler für sich einzufangen suchte und dabei mit dem Freisinn eine gründliche Niederlage erlitt, glaubt diesmal mit größerem Erfolg aus der Reichs- finanzreform Honig saugen zu können. In ihrer Presse und in Versammlungen werden tagtäglich die albernsten und unwahrsten Vorwürfe gegen das Zentrum gerichtet. Auch die Stellung des Zentrums bei der Reform des Wahlrechts wird von den sozialistischen Sendlingen in Versammlungen in ganz verlogener Weise hingestellt. Hatte doch vor wenigen Tagen ein sozialistischer Agftator die Kühnheit, in einer Versammlung auf dem Lande dem Zentrum vorzuwerfen, es habe die Einführung des Pluralwahlrechts im Landtag beantragt, während jedes Kind weiß, daß das Pluralwahlrecht vom Bauernbunde angeregt u. vom Zentrum u. den Nationalliberalen in letzter Stunde angenommen worden ist, lediglich um das ganze Reformwerk nicht zum vierten Male und damit auf unabsehbare Zeit scheitern zu lassen. Umfangreiche Aufklärungsarbeit ist gegenüber dieser unehrlichen Kampfespoliiik der Sozialdemokratie dringend nötig und dazu dient auch im Wesentlichen der große Zentrumsparteitag, der am 15. Oktober hx dem Riesensaale der Mainzer Stadthalle abgehalten wird.
Wollte man den Versicherungen der roten Presse glauben schenken, so müßte der 3. November, an welchem Tag zum ersten Mal in Heffen die hälftige Erneuerung der Zweiten Kammer auf Grund des direkten Wahlrechts erfolgt, sich zu einem Unglückstag für das Zentrum gestalten, weil es an diesem Tag die Rache des Volkes für seine angebliche „volksfeindliche Politik" zu erwarten habe. Wir glauben, daß die Herren Sozialdemokraten am Abend des 8. November eine gewaltige Enttäu- s ch n n g erleben werden. Das Volk weiß im Hessenland im Gegenteil dem Zentrum Dank dafür, daß e8 auf dem letzten Landtag in positiver und zielbewußter Arbeit eine Reihe wichtiger und segensreicher Reformen gegen den Widerspruch der Roten und des Freisinns durchgesetzt hat.
Geschützen armiert Sie bilden ein« starke Macht. Der Geist der Besatzung ist gut. ©egen die Tüchtigkeit des Seeoffizierkorps find allerdings in letzter Zeit mehrfach Bedenken erhoben worden. Dieser an» sehnlichen Flotte vermag die Türkei nur zwei Linienschiffe und zwei geschützte Kreuzer, sowie eine Anzahl Torpedoboote entgegenzustellen. Die Linienschiffe sind im vorigen Jähre von Deutschland gekauft worden, während die geschützten Kreuzer au8 älterer Zeit stammen. Es ist ausgeschloffen, daß die minderwertige türkische Flotte es versuchen könnte, der italienischen in offener Seeschlacht entgegenzutreten, ober unbemerkt an die Transportflotte heran» zukommen. Die Vorbedingungen für die erfolgreiche Durchfühmng der italienischen Expeditton sind also gegeben.
* Paris, 28. Sept. 1911. Zur Stunde kreuzen zwei italienische Panzargeschwader vor Tripolis. Die acht Schlachtschiffe, aus denen sie bestehen, sind von einer zahlreichen Torpedoboots» und Torpedojäger-Flotte begleitet. Die Transportdampfer mit den Londtruppen sind von den Schlachtschiffen eingerahmt. Italienische Kreuzer beaufsichtigen die jganze tzripoltzantsche Küste. Die Truppenzahl an Bord bkr Transportdampfer soll zwischen 30 000 und 40 000 Mann betragen.
♦ Konstantinopel, 28. Sept. 1911. Die vor Behrut befindliche türkische Flotte ist hierher beordert worden. Ob es ihr noch gelingen wird, Konstaninopel zu erreichen, gilt als fraglich. Bei der italienischen Regierung scheint der Plan zu bestehen, die Flotte aufzuhalten: sie soll als Pfand dienen, falls Ausschreitungen an Leben und Besitz von Jtalienem in der Türkei vorkommen. Sie ist schon seit vorgestern unter der Kontrolle eines italienischen Geschwaders. Ein Att des Widerstandes der türkischen Flotte gegen die italienische gilt als aussichtslos.
* T onstantinopel, 28. Sept. 1911. Wie der To" n mitteilt, hat der Ministerrat heute eine Reihe geheimer militärischer Maßregeln de» schlolernet soll 1. Tripolis bis auf den iigten Ma n verleidigt werden, 2. sofort nach Abbruch d r Beziehungen die Ausweisung aller Jta. teuer auf türkischem Boden erfolgen, 3. erklärt werden, daß Italien niemals wieder die Vergünstigungen der Kapitulationen erhallen könne.
W Rom, 29. Sept 1911. Gestern nachmittag 2,30 Uhr überreichte der Konstaninopeler italienische Geschäftsttäger in Begleitung des erften Dragomans dem Großwesir die Note, enthaltend Italiens Ultimatum an die Pforte. (Die Frist zur Beantwortung endet also heute Freitag nachmittag.)
W. Rom, 28. Sept. 1911. Der Minister des Aeußern Marchese di San Giuliano hat nachstehen» des Telegramm am 26. d. Mts. an die Gesandtschaften in Athen, Belgrad, Cettinje, Sofia und Bukarest, sowie an die Konsulate in Salonik, Adria- nopel, Janina, Walona, Uesküb, Prisren, Skutari, Monastir, Kanea und Durazzo abgeschickt:
Der stetige Widerstand der Türkei gegenüber jeder gesetzlich zulässigen wirtschaftltchen Tätigkeit Italiens in Tripolitanien und der Kyrenaila, und die Gefahr, der sich unsere Landsleute in diesen Provinzen gegenübersehen, können die königliche Regierung von einem Augenblick zum andern zwingen, schwerwiegende Maßnahmen zu teffen, die Anlaß zu einem Zusammenstoß zwischen Italien und der Türkei bieten könnten. Die königliche Regierung ist entschloffen, die tripoli» tonische Frage in einer den Interessen und der Würde Italiens entsprechenden Weise zu lösen. Aber welches immer auch di« Mittel seien, die sie wird anwenden muffen, um dieses Ziel zu erreichen, die Grundlage ihrer Politik bleibt immer die Erhaltung desGebiets« bestandeS auf der Biklkanhalbinsel und die Festigung der europäischen Türket. Folglich wollen wir nicht nur keine Bewegung auf der Balkanhalbinsel gegen die Türkei ermutigen, sondern sind auch ernstlich entschlossen, unsere Anstrengungen zu verdoppeln, um namentlich in diesem Augenblick zu vermeiden, daß es zu derartigen Vorgängen komme. Und es ist notwendig, daß wenn Hoffnungen oder Illusionen in diesem Sinne sich gebildet Haden oder sich bilden sollten, sie sofort zerstreut werden. Sie werden so oft sich Gelegenheit hierzu bieten wird, ihr Verhalten und ihre Aeußerungen diesem Endziel der Politik der königlichen Regierung anpaffen.
* Tripolis, 28. Sept. 1911. Die italienische Kolonie ist fast vollständig an Bord des Dampfers Baneo di Roma eingeschifft. In der Stadt sind nur italienische Beamte und einige wenige andere italienische Staatsangehörige zurückgeblieben, die sich auf das italienische Konsulat begeben haben. Ebenso sind noch einige Geistliche in der Stadt, die sich jedoch auf einem für morgen erwarteten Dampfer einschiffen werden. Der Handel ist lahm gelegt.
Die bevorstehenden hessischen Landtagswahlen.
Mainz, 28. Sept. 1911.
Mit der Beendigung der Sommerferien hat die seitherige polttifche Stille nn Heflenland einer umfangreichen Wahlvorbereitung Platz gemacht und der Aufmarsch der politischen Parteien hat sich soweit entwickelt, daß sich die Lage durchweg übersehen läßt.
In Heffen hat die G r o ß b l o ck p o l i t i k der Herren Baffermann und Müller-Meiningen bis jetzt keinen Anklang gefunden. Das Gros der liberalen Wähler, das tagtäglich die Nackenschläge der Sozialdemokraten ebenso wie das Zentrum entgegenzunehmen hat und namentlich in den Städten den wachsenden Terrorismus der roten Genoffen immer unwilliger empfindet, kann sich zu einem Zu- sammengehen mit der Umsturzpartei insbesondere bei den Landtagswahlen nicht begeistern. Deshalb ist ein taktisches Zusammengehen der äußersten Linken mit den Nationalliberalen als ausgeschlossen zu
im Kreise Mogilno und das 825 Morgen große polnische Gut Slesin.
* DaS Bündnisangebot von 1907. Der sozialdemokratische Parteivorstand hat den Abg. Müller-Fulda um die Ermächtigung ersucht, seine (Müller-Fuldas) Briefe an den Abg. Singer vom Januar 1907 veröffentlichen zu dürfen. Der Abg. Müller-Fulda hat diese Ermächtigung sofort telegraphisch erteilt, jedoch unter der Bedingung, daß der Brief des Abg. Bebel an den Abg. Müller vom 28. Januar 1907 gleichzeitig veröffentlicht wird.
** Ter englische Marineminister Mac Kenna sollte nach einem Berichte Berliner Blätter am Mittwoch in London eine Rede gehalten haben, die sich mit Deutschland in einer recht wenig freundlichen Weise beschäftigte und von Einschüchterungs- Versuchen Deutschlands sprach. Das Wolff'sche Bureau stellt demgegenüber fest, daß Mac Kenna von .Einschüchterungsversuchen Deutschlands" nicht geredet hat und überhaupt die auswärtige Politik gar nicht berührt hat. Man habe es augenscheinlich mit einer glatten Erfindung zu tun.
** Die Kolonialwirtschaftliche Kommission trat gestern zusammen. Staatssekretär v. Lindequist erklärte, er erstrebe eine engere Vrbindung mit Handel und Industrie an. Die Eisenbahnpolitik werde rege fortgesetzt, um den heimischen Markt möglichst vom Auslande unabhängig zu machen. Die neueste Handelspolitik gebe ein günsttges Bild. Dis Be- rahmgen sind vertraulich. Die erste Beratung betrifft die Kreditorganisatton in den Schutzgebieten.
gk Eine internationale Konferenz christlicher Gewerkschaften hat am 18. und 19. September in Köln stattgefunden. Dem internationalert Sekretariat sind nachstehende Landeszentralen mit folgenden Mitgliederzahlen angeschlossen: Deutschland 360 000, Oesterreich 82 342, Belgien 71247, Schweiz 11 780, Holland 7626, Italien 6230, Ruß- land 3000. Aus dem Bericht des internationalen Sekretärs Stegerwald (Köln), ging hervor, daß die christlichen Gewerkschaften in den verschiedenen Ländern feit der ersten Konferenz 1908 in Zürich bedeutsame Fortschritte gemacht haben, insbesondere in Deutschland und Belgien. Die weiteren Verhandlungsgegenstände betrafen hauptsächlich gragen des inneren Ausbaues und der gegenseitigen eziehungen unter den Verbänden der verschiedenen Länder. In Fragen von größerer Wichtigkett für die Arbeiterbewegung der verschiedenen Länder soll ein internationaler Austausch von Erfahrungen, Ratschlägen und namentlich Materialien stattfinden. In der Frage der ständigen und vorübergehenden Auswanderung von Arbeitern innerhalb der verschiedenen Länder soll das Sekretariat Material sammeln. Dem Problem der Gewinnung des jugendlichen Nachwuchses muß nach Ansicht der Konferenz in allen Ländern die eingehendste Beachtung zuteil werden. Verlauf und Ergebnis der Tagung berechtigen zu den besten Hoffnungen für die weitere Entwickelung der christlichen Gewerkschaftsbewegung.
)( Die polnische Gegenwehr gegen Gutsankaufe. Die Polen planen nach einer Meldung aus Posen die Gründung eines Jnsorrnationsbureaus zwecks Verhinderung bezw. Erschwerung der sich täglich infolge Mißernte oder Spekulation mehrenden Landverkäufe.
* Verbotene französische Theatervorstellungen. Die bisher stets am Schluffe der Saison im Straßburger Uniontheater in bestimmter Anzahl erlaubten französischen Theatervorstellungen sind von der reichsländischen Regierung für das nächste Jahr verboten worden. Die reichsländische Regierung scheint wieder zur Politik der Nadelstiche zurück- kehren zu wollen.
[] Die soz. Wahlkreisorganisationen in Groß- Berlin beschäftigten sich am Dienstag abend mit dem Parteitag in Jena. Vielfach trat recht arge Mißstimmung über die Verhältnisse in der Partei hervor. In Berlin I wurde der Parteitag oberflächlich gebrandmartt. Die Stichwahlbedingungen wurden als ungenügend mehrfach gerügt. Große Mißstimmung herrschte auch über den Par- teivorstand. Philipp Bernstein in Berlin I spottete über ihn als einen „Rat der Götter", der sich für unfehlbar halte. Ferner wurden herbe Urteile über Rosa Luxemburg gefaßt. Man warf ihr Bos» hetten und Niederträchtigkeiten vor.
X Die Geschäftsfähigkeit der Minderjährigen. Die Vollversammlung der Kölner Handwerkskammer beauftragte einstimmig den Abg. Euler, im Reichstag ben Antrag zu stellen, daß eine ges tzliche Bestimmung ertasten werde, wonach Personen unter 21 Jahren kein Gewerbe selbständig betreiben dürfen.
c? München, 28. Sept. 1911. Bekanntlich hat sich der liberale Magistrat in München, der die katholische Pfarrei Pullach vergibt, nicht bei dem Entscheid des Münchener bischöflichen Ordinariats genügen lassen, das die Präsentation des Herrn Pfarrers Grandinger ablehnte, sondern hat den liberalen Pfarrer Grandinger zum zweitenmale für die Stelle bestimmt. Wie Vorauszusehen war, ohne Erfolg. Die Regierung von Oberbayern, an die sich der Magisttat wandte, schickte das Schreiben des Magistrats an das Ordinariat zur Aeuyerung. Da- rauf kam der Bescheid zurück, daß das ^rdmariat nicht in der Sage sei, die Frage anders zu entscheiden, als das erstemal. In der Begründung wird ge» sagt bah die Pfarrei Pullach nut 2000 Seelen so besonders schwierige feelsorgerliche Berhaltniffe hat, daß deren Verwaltung durch einen mit einem Land- tagsmandat belasteten Pfarrer ohne ständige tüchtig« Hilfskraft unmöglich sei. Am Schluß erklärt bal Ordinariat,
wenn auch der Diözesanoberhirt Erzbischof Dr. v. Wert dem Pfarrer Grundiger verziehen habe, so könne doch ein auswärtig« Bischof wegen der Wirkung des Konflikt- auf das eMubiae Volk den Pfarrer Gran-