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Zeitung

wochendettage:„Rlustriette Sonntagrzeitring"

Erstes Blatt

M 222

Fulda, Donnerstag den 28. Septenrber 1)11

B8. Jahrgang

üotationsbrucknnd Verlag der Fuldaer Ak- tiendruckerei in Fulda Fernsprecher Nr. 9.

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Vrranttv. Redatteurr «arl Schütter

X' Die Niederwerfung der „blan- fchwarzen Reaktion".

Dieses heißersehnte Ziel hoffen die Jungliberalen und Fortschrittler zu erreichen durch die Wahl des Sozialdemokraten Haberlmd in Düsses darf.

Unsere Worte werden an dem Ganze der Dinge, die jetzt in Fluß sind, vorläufig wohl nichts ändern; aber wir möchten doch diese Gelegenheit benutzen, um noch einmal den Liberalen zu sagen, daß ihre Speku- lation falsch ist.

Wenn in Düsseldorf der Sozialdemokrat duvch- komint, so wird dadurch die „Reaktion" nicht nieder- göworfen, sondern vielmehr erst recht in Gang ge­bracht. Je mehr Umstürzler gewählt werden, desto schärfer setzt die Reaktion gegen die Umsturzgefahr ein.

Von ihrem Parteistandpunkte aus ist den Libera­len die Wahl der Blauschwarzen ein Greuel. Nun gut, es gibt ein einfaches und sicheres Mittel, um die Väter der Reichsfinanzreform an die Wand zu brü« Fen. Die Liberalen müssen ihnen soviel Mandate abnehmen, daß die „Blauschwarzen" keine Mehrheit mehr bilden können und die Regierung in allen Fra­gen auf die liberalen Stimmen angewiesen ist.

Nun stvd aber die Liberalen zu schwach, um ihrerseits die fraglichen Mandate erobern zu können. Diese Aufgabe schieben sie dem robusten Nachbarn, der Sozialdemokratie, zu. Sie denken, es komme nur darauf an, daß den abscheulichen „Dlauschwarzen" so und jo viele Mandate entrissen würden. Wer sie an sich reiße, sei unter Brüdern ganz egal. Daher wird einfach jeder sozialdemokratische Wahlersolg als ein Gewinn des Liberalismus und als eine Niederlage her „blau-schwarzen Reaktion" gefeiert.

Das ist der verhängnisvolle Irrtum der Herren Bassermann, Rießer und wie die anderen Taktiker heißen. Es ist ein fundamentaler Unterschied, ob der Liberalismus die Mandate gewinnt oder ob sie der Sozialdemokratie zufallen. Letztere ist nicht regierungsfähig und kann es auch nicht werden. Keine Regierung kann sich auf dir sozialdemokratischen Stimmen stützen; je mehr sie von denselben vorfindet, desto eifriger muß sie sich nach Hilfe gegenüber dieser Umsturzpartei bei den positiven Parteien umsehen, und desto unentbehrlicher werden also die „blau­schwarzen" Stimmen.

Ganz anders würde sich die Entwicklung gestalten, fvenii die Liberalen selbst die Gewinnenden Wären. Dann hätte der Liberalismus etwas in die Wag schale zu werfen, was ihm die Vormachtstellung von 1907 bis 1909 wieder zuwenden könnte. Statt der sog. Reaktion gäbe es dann eine neue „liberale Aera". Doch wenn Herr Haberland in Düsseldorf siegt, so begründet das keine liberale Aera und kann auch nicht einmal eine Großblock-Aera begrün­den, und die würde nach allen bisherigen Erfah- rungen sehr „reaktionär" aussehen.

Der Liberalismus bekommt nur dann die ge­wünschte Stellung im Staatsleben, wenn er sich stark zeigt- Jetzt aber zeigt er sich s ch w a ch; er hängt an der Schleppe der Sozialdemokratie und macht von deren Wahltröstungen seine eigene Zukunft ab­hängig.

Der Zom hat die Köpfe verwirrt. Sonst wäre eS ja überhaupt nicht menschenmöglich, daß der Lei­ter des Hansabundes einem Bankdirektor, der seinen Richtlinien zustimmt, zum Durchfalle verhilft und lie­ber einen Sozialdemokraten gewählt wissen will, der Handel und Gewerbe überhaupt vernichten will. Falls es den Herrn Rießer und Bassermann ge­linge, recht viele solcher Haberlands in den Reichstag zu bringen, so wird der Liberalismus die Zeche zu bezahlen haben.

Wir wünschen von Herzen, daß dem deutschen Reich diese Probe erspart bleibe und Bebauern im Interesse von Staat, Reich, Gesellschaft und Gewerbe jebe sozialbemokratische Wahl. Aber für unser Partei intereffe sind etwaige Erfolge der Groß­blockpolitiker keineswegs erschrecklich. Je mehr So­zialdemokraten, desto weniger geht es ohne das Zen­trum und ohne die Konservativen. Wer die „blau- schwarze Reaktion" niederwerfen will, der muß das Werk am andern Ende anfangen. Ob wir ein Man­dat mehr ober weniger besitzen, ist nicht von entschei- benber Bedeutung. Wenn aber der Liberalismus durch sein Verhältnis zur Sozialdemokratie sich selbst bloßstellt und durch die Förderung der Umsturzpartei die Regierung zur Anlchnung nach rechts geradezu nötigt, so hat er den Wahlkampf schon vor seinem Beginn verloren.

Der Zorn macht blind, sogar solche Seute, wie Rießer und Bassermann, die sich für besonders klug halten.

* Düsseldorf, 27. Sept. 1911. Ter Hauptvor­stand der Liberalen Vereinigung (v. i. der Nationalliberalen) der heute endgültig zu der Reichstagsstichwahl Stellung nahm, beschloß ein- stimmig, den Mitgliedern streng ste Sti mm ent­halt ung zu empfehlen.

X Um Tripolis.

Die Vermittlung Deutschlands in der Tripolisangelegenheit soll, Blättermeldungen zufolge, jetzt von der Türkei nachgesucht toorben sein. Diese Meldung wirb inbeffen in einer anscheinend halb­amtlich unterrichteten Auslassung des Becl. Lokal- Anzeigers als unglaubwürdig bezeichnet. We­der von italienischer noch von türkischer Seite seien dahingehende Anträge gestellt worden. Das Blatt macht dann mit Recht daraus auftnerksam, daß nach völkerrechtlichem Brauch der Wunsch beider streiten­den Parteien vorliegen muß. Das schließt natürlich nächt aus, daß die europäische Diplomatie und mit ihr auch die deutsche unter der Hand bestrebt ist, in Konstantinopel sowohl wie in Rom freundschaftliche Vorstellungen zu machen, die geeignet sind, dem Aus­bruch von Zwistigkeiten vorzubeu^en sind Zeit für die Einleitung von Verhandlungen zu geibhtnen.

Nach Konstantinopeler Nachrichten fällte der t ü r= lische Ministerrat beschlossen Haven, für den Fall der Landung italienischer Truppen üftTripolis äußersten Widerstand zu leisten. Von maßgebender Stelle werden diese Nachrichten jedoch sür falsch er­klärt. Es feien im Gegenteil bereits Besprechun - gen über die Forderungen Italiens angeknüpft. Sllso man wird verhandeln. Die eine Partei setzt sich dabei mit dem geloben en Revolver an den Tisch, der andere Teil erscheint mit gebundenen Hän­den und verteidigt sich bloß mit der Klage, daß ihm Unrecht geschieht. Der Ausgang kann nicht zweifel­haft sein. Natürlich wird es den Italienern auch genehmer fein, friedlich zum Ziele zu kommen, als wenn sie ihre Drohungen in die Tat umsetzen und Geld und Blut opfern müßten. Je weniger Anstren­gung es kostet, das tripolitanische Ziel zu erreichen, desto besser. Es steht ja auch nach außen hin anstän­diger aus, wenn man etwas „erwirbt", statt es sich einfach anzueignen. Daß bann, wenn ber Fall er­ledigt ist, Zorn und Scham bei den Türken explosiv aufwallen werden, liegt in der Natur der Sache. Gegen wen wird sich der Grimm kehren? Vielleicht gegen die im Lande lebenden Italiener, vielleicht gegen den italienischen Handel, iuenn die gedemütig- len Türken noch den Mut dazu aufbringen. Unter allen Umständen aber gegen die Regierenden. Der Rückschlag auf die inneren Verhältnisse in der Türkei eröffnet schlimme Aussichten. Das Reich, das die erften tastenden Flugversuche zu einer verheißungs-

Vollen Zukunft hin unternahm, wird aus allen Him­meln gestürzt und geht als Krüppel traurigen Tagen entgegen. Italien, das aus dem lebenden Körper ber Türkei dos tripolitanische Fleischstück ausschnei- bet, ist im Nebenamte auch eine ber vier Schutzmächte Kretas. Der dünne, kaum sichtbare Faden, an bem bie Insel Kreta mit der Türket noch zusammen­hängt, kann unmöglich erhalten bleiben, wenn bie Aneignung Tripolitaniens durch Italien bas Zeichen für eine neue Periode der Zerstückelung des türkischen Reiches gibt. Diplomatische Vermittlungskunst wird da kaum noch was helfen. Der italienische Stoß ins Herz der Türkei wird lebensgefährlich fein. Und deshalb sehen wik mit schwerer Besorgnis den kom­menden Monaten entgegen, die nach der kaum über­wundenen Maroftokrise den Weltteil mit neuen Krisen bedrohen.

* Malta. 27. Sept. 1911. Aus Tripolis hier eingelaufene Privatdepeschen besagen, daß ita = lienische Kriegsschiffe mit Landungsstreit­kräften in einer Entfernung von 20 Meilen vor Tripolis liegen. In Tripolis selbst herrscht unter den Italienern eine Panik, weil man befürchtet, daß es im Augenblick eines Landungsversuches zu einem Gemetzel gegen die Europäer kommen wird.

* Rom, 27. Sept. .1911. Das türkische Schisf „Derna" ist in Tripolis eingetroffen. Es hatte nur wenige Soldaten, Gerste und sehr wenig Waffen an Bord. Die italienischen Kriegsschiffe hatten keinen Befehl erhalten, es wegzunehmen.

* Rom, 27. Sept. 1911. Trotzdem die allge­meine Arbeitervereinigung im Einvernehmen mit der sozialistischen Partei als Protest gegen die Hal­tung Italiens in der Tripolis-Frage für 24 Stun­den den General st reik beschlossen hat, ist noch keine Störung der Arbeit eingetreten. Wie aus Mailand, Turin, Venedig, Genua, Florenz, Bo­logna und anderen Orten gemeldet' wird, zeigen diese Städte ihr gewohntes Aussehen. Alle öffent­lichen Betriebe sind im Gange. Der Streik hat nur einen geringen Umfang angenommen. In allen Hauptstädten sind die Soldaten des zu den Fahnen einberufenen Jahrganges 1888 Gegenstand begei­sterter Kundgebungen.' , v-

W London, 27. Sept. 1911. Wie das Ren- tersche Bnremi erfährt, waren in den Kreisen der Londoner ausländischen Diplomaten bis heute Nachmittag keine Nachrichten über eine Verände­rung der Lage eingetrossen. Es herrscht der Ein­druck, daß keinerlei Regelung von Einzelsragen Italien befriedigen werde und daß der Zug nach Tripolis so gut tote beschlossen ist.

VeiMches Neich

** Berlin, 27. Sept. 1911. Der Kreistag des Kreises Franckensteiu beschloß, die Staatsregierung zu ersuchen, den bisherigen kommissarischen Land­rat Prinzen F r i e d r ich W i l h e l m v o n P r e u- ß e n, den Sohn des als Regenten von Braun­schweig verstorbenen Prinzen Albrecht von Preu­ßen, zum Landrat des Kreises Franckenstein zu er­nennen. :— Die mecklenburgische Staatsbahn wird sich vom 1. Oktober d. I. ab ben Tarismaß- nah m e n der preußisch-hessischen Staatsbahn auf Frachtermäßigung anschließen.

** Aufschub des Inkrafttretens der Reichsversiche- rungSordmmq. Roch dem Zentralblatt ber Reichsver­sicherung bieten die Aussühningsbcstimmungen zur Reiclsversicheruugsordnung so viele Schwierigkeiten u.nd Arbeit, daß der Termin für das Inkrafttreten des Gesetzes vom 1. Juli 1912 auf den 1. Januar 1913 verschöbet! werden muß.

** Zum Stand der Maiokkoverhanblungen. Der französische Botschafter Cambon stattete am Mitt- woch dem Staatssekretär v. Kiderlen-Wächter einen längeren Besuch ab, wobei Herrn Cambon die redaktionellen Abänderungen zu dem Vertrags­entwurf über Marokko, die Deutschland zu machen wünscht, übergeben wurden.

— Tas Leichenverbremiungsgesetz, ist wie gemeldet, dieser Tage im Reichsanzeiger veröffentlicht worden. Just am selben Tage, an dem das geschah, hat auf der Versammlung der deutschen Naturforscher und Aerzle in Karlsruhe der Prof. Schulz. Halle in feinem Vortrage über die Stellung der gerichtlichen Medizin zur Frage der „Feuerbestattung" erklärt, die Zahl ihrer Gegner fei nicht gering, und be­sonders vom Standpunkt der Rechtspflege aus würden Bedenken gegen die Einführung der Feuer­bestattung erhoben. Selbstverständlich sei die Erd« bestattung für die Strafrechtspflege entschieden vorzuzi.hen. Das war bis vor zwei Jahren auch der Standpunkt der preußischen Regierung, bezw. des Justizministeriums, der leider verlassen worden ist, um dem religiösen und politischen Liberalismus ein Zugeständnis zu machen.

* Die Deutschsoziale Partei hat an Stelle des verstorbenen Liebermann v. Sonnenberg zu ihrem Vorsitzenden Reichstagsabg. Amtsgerichtsrat Satt, mann gewählt.

□ Preußische Schulparität. Entsprechend dem Vorgehen der Regierung im Westen, wo matt die geistlichen Ortsschulinspektionen vielfach durch Ein- sühruna des Rektorensystems beseitigt hat, sollen nunmehr die noch vorhandenen dpei katholischen geistlichen Kreisschulinspektionen in Magdeburg, Erfurt und Halle, denen bie katholischen Schu­len dieser Regierungsbezirke unterstehen, zum Ver­schwinden gebracht werden. Allerdings hat die Re­gierung seinerzeit den Katholiken der sächsischen Dias­pora diese drei katholischen geistlichen Kreisschul­inspektionen im Nebenamte nur notgedrungen be­willigt, weil sämtliche Protestantische Sch ulen in nächster Nähe ebenfalls von Prote­stantischen Geistlichen verwaltet werden. An­derenfalls wäre bie Imparität doch gar zu schreiend gewesen. Solche Rücksichten fielen indes dort völlig weg, wo bie Bevölkerung rein katholisch war, z. B. in den Kreisen Worbis unb Heiligen stabt. Hier wurde nicht bloß kein katholischer Geistlicher itebenamtlicher Kreisschulinspektor, sondern man scheute auch nicht davor zurück, im rein katho­lisch en Kreise Worbis längere Jahre einen pro - testan tischen Kreisschulinspektor anzustellen'. Im Kreise Heiligen stabt amtiert ein kaiho- l i scher Kreisschulinspektor. Aber von dessen Auf­sicht waren unb sind bie protestantischen Schulen des Kreises ausgenommen unb dem Superinten­denten unterstellt. Die katholischen Schulen der großen Städte Erfurt, Halle unb Magdeburg unter­stunden dagegen selbstverständlich ber Kreisaussicht der betreffenden protestantischen Stadtschulräte. Rur für bie katholischen Diasporaschulen der drei Regierungsbezirke ließ man die Kreisschulinspektion von drei katholischen Geistlichen zu. Aber nun sollen auch die genannten drei Kreisschulinspektions­bezirke, in denen nebenamtlich katholische Geistliche angestellt sind, beseitigt werden, lind wie will matt das möglichst unauffällig bewerkstelligen? Man höre! Weil der KreisschulmspKior sinngemäß für einen „Kreis" bestimmt ist, die brei katholischen Geistlichen aber Kreisschulinspektions bezirke ver­walten, die sich über sämtliche Kreise eines Regie­rungsbezirkes erstrecken, so sind sie Regierungs- Schulinspektoren unb keine Kreisschulinspektoren! Die Regierung müsse aber pflichtgemäß dafür sorgen, daß die Kreisschulinspektion nicht über die Grenzen eines Kreises hinausgehe. Da sich nun aber in jedem Kreise nur die eine ober andere katholische

Schloß Sonneck.

B3 Roman von Felix N a b o r.

Viktor wälzte sich näher zu ihm hin und sagte: „Ich war brüten — Offizier. —"

„Ah — also darum verstehen Sie die Sache so gut. Besser als ich. Ich hätte nämlich schon manch­mal eine Dummheit gemacht, wenn Sie mich nicht davor bewahrt hätten. Und Sie haben ben Abschied genommen? —"

„Ich mußte. —" Und nun erzählte er, wie alles gekommen war bis zu bem Augenblicke, wo er sich nach Afrika einschiffte. „Ich wandte mich nach Ost­afrika, weil ich gelesen hatte, baß hier bas Klima am gesundesten sei unter allen deutschen Kolonien und weil sich bem Kolonisten am besten Gelegenheit biete, pasch emporzukommen. Denn ich wollte reich werden, üm wieder zurückzuerstatten unb gut zu machen, was ich in jugendlichem Leichtsinn verschuldet hatte. Und ich habe Glück gehabt — aber auch gearbeitet, wie nur ein Mensch arbeiten kann. Das Land dort ist spottbillig, das Hektar kostete mich im Durchschnitt iochs Mark — unb taufenb Hektar guten Böhens bube ich sofort angekauft. Darunter eine kleine Farm

Baumwollpflanzungen, die ich im ersten Jahre mns dreifache im zweiten ums zehnfache vergrößerte, war viel Arbeit - aber auch ein schöner Ge- ^a6-e Handel getrieben mit allem, tD03 GAvmn abwarf, auch auf die Viehzucht im ®ro- gen habe ich mich verlegt unb konnte mit meinen Erfolgen zufrieden fern. Ein Gold- oder Diamanten­lager habe ich freilich nicht entdeckt. Aber es ging vorwärts, in zehn Jahren wäre ich ein steinreicher Mann geworden. Da brach hier ber Sieg aus — pnb es litt mich nicht länger in Ostafrika. Wo deut­sche Brüder für die deutsche Ehre kämpfen, da Wollte ich nicht fehlen, da mußte ich dabei sein! Es war das starke Heimatgefühl, bas mich zu ben Deut­schen zog. Meine Farm war toieber auf einmal entleibet; bie schwarzen Kerls, unter denen ich zu leben gezwungen war, ekelten mich an, und wer

bürgte mir dafür, daß sie sich nicht eines Tages auch wider mich erhoben? — So wollte ich beim doch nicht von ber Welt abfahren; lieber sterben mit dem Säbel in ber Faust. Und da sich eine günstige Ge­legenheit bot, um meine Ansiedlung lvSzuschlagen, so griff ich zu. Eine amerikanische Handelsfirma, die meine Baumwolle ber ägyptischen gleichstellte, machte mir ein annehmbares Gebot unb ich nahm es an. Den Kaufpreis betonierte ich auf der englischen Bank in Kapland unb gab für den Fall meines To­des einem Hamburger Bankhaus die nötigen Instruk­tionen und Vollmachten- Dann stellte ich mich als Freiwilliger — unb baS andere wissen Sie. —"

Reuther wickelte seine Hand aus ber Hülle und streckte sie Viftor hm. „Verzeihen Sie mir. Kame­rad, wenn ich zudringlich gewesen bin. Ich konnte natürlich nicht ahnen, daß es so stand. — Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen, Herr von Sonneck, und denke, daß wir gute Kameraden fein werden."

Das klang so ehrlich unb herzlich, unb ber Hänbebruck be» jungen Offiziers war so fest unb kräftig, daß Viftor ein Würgen in ber Kehle fühlte. Unb zugleich lief ihm eine heiße Welle burch ben Körper: ein deutscher Offizier hatte ihm die Hmrd gebrückt, hatte ihn mit bem alten lieben Worte als „Kamerab" begrüßt. Eine plötzliche Freude durch­zuckte ihn unb trieb ihm trotz ber Kälte bas Blut heiß in die Wangen. Aber er brachte kein Wort her­vor; er legte den Kopf zur Seite Unb schloß die Augen. — —

Nach ben Strapazen, bie ber Tag ben deutschen Kämpfern gebracht hatte, kam endlich auch für die beiden, bie sich in biefer Nacht aneinanbergeschloffen hatten, ber erquickende Schlaf, ber sie mit feinen Träu­men über Sauber und Meere hinweg trug in bie schöne deutsche Heimat. —

Der Himmel spannte sich wie ein weißgraues Leinwandbach über bie EbKrep Dann stiegch, an feinem bläulichen Saume rosige Strahlen auf, griffen toie goldene Arme in das eintönige Grau unb rollten rasch die R^esenleinwanb auf. Ein Purpurstrom schoß empor, und in diesem Flammenmeer stieg ein

goldenes Auge heraus, groß, toeit geöff/iet, mit zarten Rosenwimpern — der Tag brach an!

Die Erwachenden hatten nicht lange Zeit, dies Wunder zu betrachten — ein kurzes, schmetterndes Signal klang durch den Morgen, bie Soldaten fuh­ren auf, nahmen hastig das Frühstück ein unb bann brach die Kolonne auf — dem schwarzen Feinb ent- gegen.

Voraus zogen bie Schutztruppen, bann kamen bie Offiziere, unb endlich die Wagen und die übrige Mannschaft. Schweigend ging es durch den gelben Sand, hinein in den Busch. Stundenlang dauerte der Marsch, bis in ber Ferne das Gebrüll von Her­den vernommen wurde- Das war ein sicheres Zei­chen, baß der Feinb in der Nähe war.

Dw Gewehre flogen vom Rücken, die Soldaten zogen eir.rn wetten Halbkreis, suehtzen hinter ben Büschen Deckung unb legten das Gewehr in Anschlag.

Der Hauptmann rief mit schattender Stimme ein Kommando, die Führer standen bei ihren Mann­schaften. — —

Leutnant Reuther drückte in Eile seinem neugr- woniienen Kameraden die Hand. „Aus gut Glück, Sonn eck! — Wir wollen mal die schwarzen Kerls tüchtig heimschicken."

Viktor nickte ihm ernst zu unb ging auf seinen Posten Er führte als Sergeant eine kleine Schar, welche die beiden Geschütze zu decken hatte.

Einzelne Schüsse krachten, bann pfiffen ben Deut­schen bie Kugeln um die Köpfe — ber schwarze Feind stürmte an. Glatt und geschmeidig wie Schlangen waren ihre Bewegungen, unb mit ben selt­sam langen Beinen machten sie weite Sprünge, daß ihnen nur schwer beizukommen war.

Es war ein heißer, erbitterter Kampf in bren­nender Sonnenzlut, in dem feinen, fliegenden Sand, ber in ben Augen brannte. —

Leutnant Reuther wagte einen Vorstoß auf dem rechten Flügel, um ben Feind in der Flanke zu fas­sen unb gegen bas Zentrum zu drängen, damit bie Schrapnells unter die Masse fahren sollten.

Es war zu kühn, zu ungestüm; er wurde von

ben übrigen abgeschnitten unb geriet ins Gedränge. Hundert« von Schwarzen umdrängten das Heine .Mäuschen. Es war verloren, wenn nicht rasch Hilfe kam.

Viktor sah die Gefahr und nahm zehn Mann. „Folgt mir! Wir hauen sie heraus - . ."

Hinter ben Büschen Deckung suchend, sprangen sie über die Lichtung, warfen sich dicht nebeneinander nieder und gaben Feuer.

Aber dort, wo Reuther stand, war ein heißes Ringen; einer um bei andern fiel. —

Viftor v. Sonneck kannte dir Schwarzen. Von sichsrem Versteck aus zielten sie nicht übel, aber im Nahkampf waren die meisten feige. Unb nun sprang er mitten unter sie unb sein Gewehrkolben schlug wie ein Hammer aus bie schwarzen Schädel. Seine Jungens knallten lustig in den dichten Schwarm. Das Blut lief ihm von ben Armen, überzog als tote Kruste seine Hände — aber bie Schwarzen wichen. — Reuther war frei, brach aber dicht vor ihm zu­sammen. „Deckt uns ben Rücken!" rief Viktor ben Semen zu, nahm Reuther in bie Arme unb eilte, so rasch es ihm feine Last gestattete, zurück.

Auch vom linken Flügel war ein Vorstoß gemacht toorben, bie Hereros brängten sich im Zentrum zu­sammen — da krachten bie Kanonen unb rissen eine blutige Lücke.

Noch eine Stunde währte der Kampf, dann wich der Feind und hinter ihm drein flogen die tödlichen Geschosse.

Leutnant Reuther hatte cliai Streifschuß unb ein paar Stoß- unb Hiebwunden am Kopf. Als er wieder zur Besinnung kam und Viftor v. Sonneck an seiner Seite sah, lächelte er matt und sagte: „Ich danke Ihnen, Sonneck. Ohne Sie läge ich jetzt tot im afrikanischen Sand."

Nachdem der Kampf vorüber und das Lager be­zogen war, kam auch ber Hauptmann heran, sah nach dem Leutnant unb drückte Viftor bie Hand. „Das war brav, Sonneck!" sagte er. „Das löscht "alles andere aus . . ."

(Fortsetzung folgt)