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Zuldaer W Zeitung

Ä^S«. wochendeilüse: „ILuMerLe Soimtagrzeitung"

Erstes Blatt

22.0.

Fulda, Dienstag den 26. September 1911

38. Jahrgang.

üotationrdrvSuiü Verlag der Zuldaer Ak- tiendruckerei in Zulda Fernsprecher Nr. 9.

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Vrrantts. Redakteur r

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Deutscher Reich.

* Keine Teuerungszulage.

™ Die zuerst vom „Berl. Lokalanzeiger* verbreitete Meldung, daß im preußischen Finanzministerium Erwägungen schwebten über die Gewährung einer einmaligen Teuerungszulage an die Staatsbeamten, wird von der Nordd. Allg. Ztg.- als auf einem Irrtum beruhend bezeichnet:

** Hinrichtung Bagrows. Das Todesurteil ah Bagrow ist gestern vollstreckt worden. Vor del Hinrichtung bat Bagrow um die Erlaubnis, mit einem Rabbiner zu sprechen, verzichtete aber darauf, als er hörte, daß das Gespräch nicht anders als Gegenwart des Staatsanwalts stattfinden dürfe.

Uetzer die Bewegung de: italienischen Kriegs­schiffe war in Rom bisher nur wenig zu verneh­men, well die Regierung dafür sorgt, daß keine Nachrichten bekwmt werden. Sie hat den Be­hörden den Art. 107 StGB, in Erinnerung gebracht, wonach die Enthüllung politischer und militärischer Hehemmisse, welche die Sicherheit des Staates be­treffen, untersagt sind. Tie Ze n s u r über die Tele­gramme mit Bezug auf das mllitärische und politische Vorgehen wird äußerst streng gehandhabt.

** Konstantinopel, 25. Sept. 1911. Die Auffas- • iuno der italienischen Absichten ist hier recht ernst.

Die Mitteilung des Abg. Sittart war gestern in unserem Blatte bereits angedeutet worden. Die näheren Angaben, die nunmehr in der Oeffentlichkeit gemacht worden sind, können wir nur bestätigen. Eine Antwort des Abg. Bebel liegt auch jetzt noch nicht vor.

Es wird hier angenommen, daß Italien im Begriff sei, eine Kundgebung vorzubereiten, die in den näch­sten Tagen stattfinden soll. Als Ursache wird angegeben die Weigerung türkischer Behörden, eine minderjährige Italienerin, die nach dem türkischen Gesetz rechtsgiltig zum Islam übergetreten ist, um einen Mohammedaner zu heiraten, dem italienischen ■ Konsulat auszuliefern. Weitere Gründe seien die heute angeblich noch andauernden Verfolgungen ; von Italienern in Tripolitanien und die feind­liche Haltung der türkischen Behörden gegen die ita- ; licuischen Wünsche bei Bewerbungen. Die Türken behaupten, im Falle der mohammedanisch geworde­nen Italienerin im Recht zu fein, und erklären an- : scheinend mit Recht, daß der neue Walt keine Ur- : fache zu Beschwerden geben werde- Dagegen könne । den Italienern keine Sonderstellung in Tripolis be­willigt werden. Irgendwelche mllitärische Maßnah- : men außer der Entsendung eines kleinen, angeblich ; in Smyrna angehaltenen Dampfers mit Munition, : solle bis jetzt nicht getroffen sein. Von beachtenswer­ter Seite wird übrigens versichert, daß Italien keine Besetzung von Tripolitanien beabsichtige.

W Konstantinopel, 25. Sept. 1911. Die „Agence Ottomane* veröffentlicht eine 'offiziöse Note, durch die die Gerüchte dementiert werden, daß die Ita­liener in Tripolis in Gefahr schwebten. Die Regierung konstatiert, daß die Stimmung dort nicht gestört sei, und ist überzeugt, daß sie auch in Zukunft nicht gestört werde. — Der Verweser des Wilajets Tripolis telegraphiert, daß dort voll stündige Ruhe herrsche. Auf eine Beschwerde des italieni­schen Vizckonsuls darüber, daß hier mit Messern be- wafsiiete Araber die Straßen mit Rufen »Tötet die Italiener* durchziehen, wurde eine Untersuchung ein­geleitet, die die Grundlosigkeit der Beschwerde er­geben haben soll.

* Konstantinopel, 25. Sept. 1911. Die Pforte regte bei den europäischen Großmächten eine Interven­tion gegen Italiens Absichten auf Tripolis an. Die Antworten der Großmächte stehen noch aus.

W Rom, 25. Sept. 1911. Die „Tribuna* meldet aus Tripolis: Die Lage wird stündlich e r n st e r und ruft immer stärkere Beunruhigung der gesamten Bevölkerung hervor. In der italienischen Kolonie fürchtet man immer mehr, daß der Sturm des Haffes der Türken gegen sie losbrechen könnte. Fort­während verlassen Italiener das Land und gestalten dadurch die Lage für diejenigen, bte Zurückbleiben müssen, umso ernster. Auch die arabische Be- völkemng ist sehr beunruhigt.

W Malta, 25. Sept. 1911. Ein italienisches Schlachtschiff ist gestern hier vorübergefahren. Heute morgen wurden zwei Kreuzer gesehen, die in der Richtung auf Tripolis südwärts dampften. Fort­gesetzt kommen aus Tripolis Italiener und andere Europäer hier an.

* Berlin, 25. Sept. 1911. Die „Franks. Ztg.* meldet von hier: Nach hier vorliegenden zuverläs­sigen diplomatischen Nachrichten sind die militärischen und maritimen Vorder ei tungen, die Ita­lien getroffen hat, so stark, daß es in Tripolis mit beträchtlicher Ueb ermacht auftreten kann. Italien scheint den rechten Augenblick zu einer Be­tätigung an der Mittelmeerküste Afrikas glommen zu glauben; wenn es nur Garantien von der Türkei dafür verlangt, daß keine andere Macht in Tripolis sich festsetzen darf, so wird die Berech­tigung dieses Verlangens Italien auch von solchen Mächten zuerkannt werden, die zu weitgehender Un­terstützung nicht verpflichtet sind. Alle Mächte haben ein Jneresse daran, daß es nicht zu kriegerischem Kon- Sikt kommt, und wirken wohl auch in diesem Sinne, enn die möglichen Konsequenzen eines Krieges zwi­schen der Türket Md Italien für die Lage auf dem Balkan und damtt für die europäische Situation im allgemeinen liegen nahe.

* Köln, 25. Sept. 1911. Die,Köln^Ztg/ schreibt: Wenn wir die europäische Lage richtig beurteilen, so glauben wir, daß die Hoffnung auf eine gütliche Beilegung des entftanbenen Zwistes nicht aus­geschlossen ist. Es wird Pflicht der Türkei sein, alles zu vermeiden, was die schon aufs Aeußerste er­bitterte öffentliche Meinung Italiens noch mehr auf­reizen könnte. Wie man jetzt aus türkischer und italienischer Quelle erfährt, scheint sich die italienische Regierung vor allen Dingen darüber zu beschweren, daß ihre Landsleute sich in Tripolis in gefährlicher Lage befinden. Dieser Zustand soll angeblich darauf zurückzusühren sein, daß die BevölkerMg durch Beamte, Offiziere und Jungtürken gegen die Italiener ausgehetzt et Angesichts dieser Beschuldigungen wird es Sache der Türkei sein, sie zu widerlegen, vor allem aber dafür mit größtem Nachdruck Sorge zu tragen, daß keine Aufreizungen gegen Italien stattfinden. Besonders Mißfallen soll es bei den Italienern erregt haben, daß Schiffe mit Munition und Ausrüstungsgegenständen von der Türkei nach Tripolis gesandt werden, weil das nach italienischer Auffaffung eine verstärkte Erregung der Bevölkerung zur Folge haben müsse. Nun wird wohl niemand der Türkei als

E> Hanau, 25. Sept. 1911. Die konservative Par­tei stellte heute den Hauptlehrer Schumann in Bruchköbel als Kandidaten für die L a n b t a g 3 < ersatzwahl am 17. Okt. auf.

ReichstagswahlvorbereitttNsien.

* Osnabrück, 25. Sept. 1911. Die Kandidatur des Grafen HoenSbroech im Wahlkreise Osna­brück wird auch nach der Erklärung des Ausschusses der Fortschritt!. Volkspartei, daß er „im Interesse der Verständigung der liberalen Parteien unterem« ander jede Unterstützung der Kandidatur Hocnsbroech ab lehnt", vorläufig aufrecht erhalten. Graf Hoeusbroech schreibt der,Voss. Ztg/ aus Norderney, daß die Wahlkreis-Leitung der Fortschritt!. Volks­partei in Osnabrück-Bersenbrück „nach wie vor un­entwegt" an seiner Kandidatur festhält und „nicht daran denkt, ihr entgegenzutreten".

Aus Uirche und Schule.

* Fulda, 26. Sept. 1911. Auf Anordnung der Hochw. Herrn Bischofs erhielten Anweisung mit Wir­kung vom 1. Oktober ab: Kuratus Valentin R a m b in Schmalkalden als Kuratus in Frankenberg; Kaplan Julins Braun in Eiterfeld als Kuratus in Schmalkalden; Kaplan Ottmar Beck in Käm«' merzell als Kaplan in Eiterfeld; Kaplan Karl Lippert in Dermbach als Kaplan in Kämmer-' zell; Kaplan Alois B ilz in Fulda als Kooperator des Pfarrers Weigand in Giesel; Kaplan Paul Kemper in Blankenau als Kuratus in Birstein; Kaplan Leo Herbert in Amöneburg als Kaplan in Blankenau; Kuratus Joseph Selzer inBir« stein als Pfarrverwalter in Dermbach (Großherz. Sachsen-Weimar); Kaplan Walk in Volkmarsen als Pfarrverwalter daselbst. KuratusAng. Braun in Frankenberg ist vom 1. Oktober ab auf 2 Jahre beurlaubt.

Ausland.

* Teueriingsunriihen in Oesterreich. In Kutten­berg in Böhmen kam cs, wie jetzt bekannt wird, Donnerstag zu großen Ausschreitungen wegen der Teuerung. Mehrere Tausend Arbeiter bombardierten ein Getreidemagazin, schlugen die Fensterscheiben einer Zuckerfabrik ein und demo­lierten das Tor einer anderen. Das ausgerückte Militär und die Gendarmerie hatten wiederholt heftige Zusammenstöße mit bet Menge. Ein Gendarm wurde verletzt. Strenge Ausnahmever» sügungen wurden erlassen.

_ ** Fünfzehntausend organisierte Sozialisten wohnten Sonntag in Paris einer Versammlung bei, die sich gegen den Krieg aussprach. Es ereignete sich kein ernster Zwischenfall. Berittene Polizeibeamte hielten die Ordnung aufrecht. j

* Schließung der Ferrer-Schulen. Die spanische Regierung ordnete die Schließung aller modernen Schuten an; es handelt sich tn den meisten Fällen um Schulen, die von Ferrer gegründet wurden. DaS wird wohl seine guten Gründe haben. Als Maura diese Schulen schloß wegen ihrer Staatsgefährlich­keit, da entrüstete sich ganz Europa über diese Frei­heits-Beeinträchtigung. Jetzt sieht sich der Demokrat Canalejas zu gleichem Vorgehen genötigt.

** Ter Eijenbahnerstreik in Irland scheint völlig zusammenzubrechen. Es waren gestern drei Tage seit der Ankündigung des Streiks verflossen, aber die Zahl der Streikenden war kaum großer als vor einer Woche. Weniger als 6000 Mann sind aus­ständig, von denen 5000 zum Stabe der Süd- und West-Bahn gehören.

** Berlin, 25. Sept. 1911. Wie die ,Voss. Ztg.« aus Dessau meldet, traf der Kronprinz Sams­tag nachmittag zum Jagdaufenthalt aus Forsthaus Olberg bei Aken ein. Bereits Sonntag nachmittag hat der Kronprinz den Aufenthalt plötzlich gewechselt und ist im Automobil nach Berlin zurückgesahren, nachdem er vorher ein dringendes Telegramm erhalten hatte. — Gestern traf der Kronprinz zu seinem gewohnten Jagdaufenthalt in Rieth-Neuwarp ein. — Der Wechsel im Ober- Präsidium der Provinz Posen wird im „Staatsani.* veröffentlicht, desgl. die Ernennung Dr. von ChappuiS zum Unterstaatssekretär im Kultusministerium; endlich bringt der „Staatsanz.* die amtliche Publikation des Feuerbestattungs- gesehes. — Der vortragende Rat im Ministeriuin der öffentlichen Arbeiten Geh. Regierungsrat Rob. A l t m a n n ist im 59. Lebensjahre gestorben. Der Verstorbene hat dec preußischen Staatseisenbahnver­waltung fast 31 Jahre angehört.

Zum Stand der Marokkoverhandlunge». Der französische Botschafter Cambon hat im Laufe des Montags dem Staatssekretär v. Kiderlen einen Besuch abgestattet, um ihm die Sonntag abend durch einen Kurier aus Paris überbrachte Note der französischen Regierung zu übergeben.

□ Tas verleugnete Biindnisangebot. Wie mehr­fach erwähnt, ging das Bündnisangebot, das Abg. Dr. Bell auf dem Aachener Zentrumsparteitag er­wähnte, vom Abg. Bebel aus. In einer großen Zentrumsversammlung in Dortmund beschäftigte sich auch Reichstagsabg. Sittard am Sonntag mit diesem Bries und führte nach der „Tremonia* dazu aus:

„Wenn Bebel bei feiner Kampfansage an das Zentrum den Mund etwas sehr voll genommen und das Zentrum als die Partei der Grundsatzlosigkeit be­zeichnet hat und behauptete, es gebe keine reaktionärere Partei als daS Zentrum, dann frage ich mit dem Ab­geordneten Dr. Bell: Wie kommt denn Bebel dazu, diesem selben Zentrum ein Bündnis anzubieten, wie er das im Jahre 1907 ge- Ian hatr Ei« werden gelesen haben, daß diese Mit- teilung des Abg. Dr. Bell den Parteivorstand der Sozialdemokratie in höchste Aufregung versetzt hat, und daß er es wagt, diese Mitteilung alS unwahr zu be- zeichnen. Nun, meine Herren, gegenüber diesem heißen Bemühen des sozialdemokratischen Parteivorstandes, die Sache abzuleugnen oder den Tatbestand zu ver­schleiern, teile ich folgendes als authentisch mit: Am 27. Januar 1907 ging durch die Presse die Mit- teilung, daß an dem darauffolgenden Tage in Köln auf dem Parteisekretartate in der Altenbergerstraße der engere Parteivorstand zur Befprechung der Stichwahl- taklik zusammentreten werde. Anfragen sollten an diese Adreffe und zwar zu Händen des Abg. Müller- Fulda gesandt werden. Während dieser Sitzung traf nun ein Eilbrief des Abgeordneten Bebel an den Abg. Müller-Fulda ein, geschrieben vom Krankenbette des Parteivorsitzenden Singer aus, in welchem Bebel sich bereit erklärte: — wörtlich —

„in denjenigen Wahlkreisen, in denen Kandi­daten des Zentrums anderen bürger­lichen Kandidaten gegenüberstehe», und die Sozialdemotraten den Ausschlag geben, für die Kandidaten des Zentrums einzn- treten.*

Ganz abgesehen von der außerordentlichen finan­ziellen Tragweite der Gewährung von Teuerungs­zulagen würde solchen Zuwendungen, erklärt das offi­ziöse Blatt, das grundsätzliche Bedenken entgegenstehen, daß sie, weil ohne Rücksicht auf das Bestehen und das Maß eines Bedürfnisses im einzelnen Falle den Be­amten allgemein zufließend, wie eine Besolderhöhung wirken und, wenn sich die Beamten auf diese Bezüge erst einmal eingerichtet haben, leicht zu einer wieder­kehrenden Einrichtung werden, so aber nur den ersten Schritt zu einer neuen Besoldungsauf- desserung darstellen würden. Nachdem inzwischen eine umfassende Aufbesserung der Beamtenbesoldungen erfolgt und damit für absehbare Zeit die Besoldungs­frage als abgeschlossen anzusehen fei, könne von der Gewährung allgemeiner Teuerungszulagen zurzeit nicht wohl die Rede sein.

Können somit die preußischen Beamten auf die Gewährung einer Teuerungszulage nicht rechnen, so will ihnen die preußische Regierung doch auf andere Weise einen Vorteil zukommen lassen, wie aus nachstehender Auslassung der ,Nordd. Allg. Ztg/ zu ersehen ist.

„Während im Reiche die Unterstützungs­fonds für die Beamten unter Zugrundelegung gewisser Einheitssätze für den Kopf des vorhandenen Personals von Jahr zu Jahr reguliert werden, hat in Preußen wegen der ungünstigen Finanzlage schon seit Jahren davon abgesehen werden müssen, diese Fonds auf der erforderlichen Höhe zu erhalten. Diese Ein­schränkung muß sich natürlich in Zeiten einer Teue­rung besonders fühlbar machen. Es erscheint daher dringend erwünscht, mit möglichster Beschleunigung auf diesem Gebiete das Erforderliche nachzuholen.

Dieser Brief ist seinem Inhalte nach in dem Proto­koll jener Sitzung auf dem Kölner Parteisekretariate festgelegt, der Originalbrief befindet sich tn den Händen des Abg. M ü l l e r - F u I d a. Auf meine Anfrage teilte mir unter dem 22. d. Mts. Kollege Müller-Fulda mit, daß er am Tage vorher, also am 21. September, bei dem Abg. Bebel angefragt habe, ob er, also Bebel, mit der Veröffentlichung seines Briefes vom 28. Januar 1907 einverstanden sei. Wir müssen abwarten, was Herr Bebel darauf antwortet: Für uns ist die Antwort indes gegeben. Wir sehen, wie die guten sozialdemokratischen Wähler hin- und her­getrieben werden. „Raus aus den Kartoffeln, 'rin in die Kartoffeln." Und ein solcher Mann wagt es, die Partei, bei der er noch vor wenigen Jahren Hilfe suchte, als die reaktionärste Partei, alS die Partei der Grundsatzlosigkeit zu bezeichnen. Nette Grundsätze das bei dem Führer der deutschen Arbeiterschaft. (Sehr richtig! und Beifall.)

jeh ende Folgen haben. Sie kann aber auch £it etwas Geschick auf beiden Seiten in aller Ruhe igelegt werden, und wir wollen immer noch auf das letztere hoffen. Die Welt will den Frie­den haben, das sollten alle Großmächte mit ver­einten Kräften sowohl den italienischen Abenteurern als den angerempelten Türken klar machen.

I ' *

Lokaler.

Fulda, den 25. September 1911.

F. Verseht wurde vom 1. Oktober ab der Post« asfistent Rehrmann von Wächtersbach au baS hiesige Postamt.

0 Die amtliche Lehrerkonferenz, welche gestern nachmittag von VI» Uhr ab im Saale des kath. Gesellenhauses dahier unter dem Vorsitze des Herrn Kreisschulinspektors Wulf und unter Anwesenheit der Herren Landrat Springornm und Regierungs- Assessor Dr. Pähler abgehalten wurde, war von 25 geistlichen Herren, 130 Lehrern und 65 Lehrer­innen besucht. Nach einer Begrüßung der Konferenz« teilnehmer durch den Vorsitzenden führten zunächst einige Schüler der städtischen Knabenschule unter Leitung des Herrn Jos. v. Keih diejenigen turnerischen Freiübungen aus, welche täglich während der Unterrichtspausen im Schulzimmer vorgeuommen werden können. Hierauf beantwortete Herr Draude-Herolz in längerem Vortrage die Frage: Wie erreichen wir befriedigende Leistungen der Schulkinder im Lesen und im selbständigen müiid- Uchen und schriftlichen Gebrauch der Muttersprache unter Berücksichtigung des Ministerial-Erlaffes vom 31. Januar 1908? Nicht nur der allgemeine Bei- all der Versammlung, sondern auch noch Worte >eS Dankes und der Anerkennung seitens des Vor« itzenden lohnten bett Redner für seine trefflichen und erschöpfenden Ausführungen. Einige längere Gegen-Ausführungen in der nachfolgenden Diskussion verniochten das Interesse der Anwesenden nicht zu wecken, und es wurden dann von dem Vorsitzenden einige Ministerial- resp. Regierungsversügun- gen zur Verlesung und Erörterung gebracht, die sich auf die Errichtung ländlicher Fortbildungsschulen,

einem selbständigen Staat verbieten wollen, Kriegs­material nach einer ihrer Provinzen zu verfrachten. Angesichts der in diesem Augenblick kritischen Lage wird sich aber die Türket selbst sagen, daß auch hier größte Vorsicht geboten ist. Wenn Ruhe und Vorsicht beobachtet werden und wenn auf beiden Seiten der gute Wille vorhanden ist, so darf man die Hoffnung auf Vermeidung eines Zusammenstoßes noch nicht auf» geben, zumal eine friedliche Entwickelung der tripoli- tanischen Angelegenheit im Interesse aller Mächte liegt und diese gewiß gern ans Bewährung des Friedens gerichtete Bestrebungen unterstützen werden.

Sollte es zum Messergang kommen, so würde ffrage auftauchen, ob die Teilnahme Italiens Dreibunde uns überhaupt mehr Vorteile als Nachteile bringt. Ein unsicherer Kantonist war Italien schon längst; wenn es jetzt auch ein - ä st i g e r Genosse wird durch seine eigenmächtigen Extratouren, so ist vielleicht „schiedlich-friedlich" die profitabelste Lösung. Wenigstens ist nicht recht ab- ufehen, warum Deutschland wegen des italienischen Tatendranges seinen Einfluß in Konstantinopel und feine bedeutenden Interessen in der Türkei und in der gesamten mohamedanischen Welt in die Schanzen schlagen sollte.

Die Sache kann also unter Umständen w e it -

, Die heutigen Nachrichten stellen die durch die An­sprüche Italiens auf Tripolis veranlaßte Lage als /echt ernst bar. Italien ist in die Vorbereitungen $ner teilweisen Mobilmachung eingetre- jen und es haben Schiffsbewegungen an­geblich in der Richtung auf Tripolis, schon begonnen. JBei der sowohl in Morn wie in Konstantinopel herr­schenden Aufregung wird man freilich nicht allen xflarinnachrichten Glauben zu schenken brauchen, vielmehr annehmen dürfen, daß südliche Phantasie narr mitgearbeitet hat. Dahin rechnen wir Tele- gramme, die bald von Wegnahme türkischer Schiffe durch die Italiener, bald vom umgekehrten Vorgänge zu erzählen wissen. a s

LZ Italien und Tripolis.

r Mit Mühe und Not ist nun eine Einigung über ^Marokko erzielt worden, und siehe da, es sicht schon wieder eine neue „Frage", ein neuer Streit vor der Türe. Italien will nun plötzlich die Herrschaft Über T r i p o l i t a n i e n, das am Nordrande Afri­kas gegenüber Sizilien gelegene türkische Gebiet an­nektieren. Italien, das als Großmacht in noch Hecht jugendlichem Alter' steht, ist von Tatendrang befallen worden. Statt ruhig abzuwarten, bis ihm .Tripolis wie eine reife Frucht von selbst in den Schoß fällt, zieht es zur „Eroberung" aus.

Die jungtürkischen Machthaber wissen wirklich K genau, daß sie Tripolis ebensowenig behaupten en, wie Aegypten, Tunis und Marokko. Diese Außenposten der alten türkischen Herrlichkeit sind Verloren und müssen abgeschrieben werden. Aber jver will die Schande einer förmlichen Abtre - jung auf sich nehmen? Die türkische Regierung bat sich mit Feuereifer gewehrt gegen jede Kleinig­keit oder Aeußerlichkeit, die auf eine Abtretung Kre- jas an Griechenland gedeutet werden könnte. Die Machthaber in Konstantinopel und das jnngtürkische Komitee in Saloniki fürchten sich ht höchstem Grade «davor, bei der islamitischen Bevölkerung in den Ruf der Minderer des Reiches zu kommen. Darum werden sie auch mit allen Kräften sich wehren gegen Hine förmliche, nach außen erkennbare und nach­weisbare Abtretung von Tripolitanien. Selbst die Geldentschädigung, die Italien angeblich anbieten sott LtoaS kannst du armer Teufel bieten?"), könnte die Mohamedaner nicht beruhigen.

Daher sieht sich die Sache jetzt so an, daß ent­weder ein Kampf um Tripolis stattfinden muß, oder daß ne Diplomaten eine Formel erfinden, die Tripolis den Italienern ausliefert, ohne von Auslieferung, Abtretung oder dergleichen zu sprechen.

Warum sottte man nicht eine solche zweideutige Fonnel erfinden? Wir haben ja für Marokko einen Algecirasvertrag, der Unverletzlichkeit und Selb­ständigkeit des Landes in den feierlichsten Tönen spricht, während Frankreich das Land nach und nach erobert und den Sultan zu seinem gehorsamen Va- satten macht. Wir haben 30 Jahre lang eine„Okku- pation" von Bosnien und der Herzogewina miter- lebt, die das Land tatsächlich österreichisch machte, ivährend es dem Namen nach türkisch blieb — die Zweideutigkeit war so stark, daß nachher ihre Aus­losung und die Herstellung der Harmonie zwischen der Wirklichkeit und dem Geschriebenen beinahe zu einem europäischen Kriege geführt hätte.

Wenn nun so eine hübsche, anscheinend harm- ose und sachlich doch wirksame Formel für die Ab- retung von Tripolis an Italien gesucht werden ott, so fällt diese Aufgabe in erster Linie der d e u t- ch e n und der ö st e r r e i ch i s ch e n Diplomatie it, weil diese beiden Staaten noch immer mit Italien im Dreibund stehen. Allerdings ist bei einem Konflikt um Tripolis, der im Dreibnndver- trag vorgesehene sog. „Bündnisfatt" durchaus nicht gegeben. In formaler Hinsicht geht uns die Sache tiun eigentlich gar nichts an. Viel näher beteiligt ist Frankreich, das sich vor 5 Jahren die Zu­stimmung Italiens zu seiner Marokkopolitik durch die Zusicherung von Tripolis erkauft hat. So lang jedoch Italien im Dreibund ist, macht die Welt, und vor allem die islamitische Welt, Deutschland verantwortlich für die Unternehmungen des Königs Viktor Emanuel III. Die Berliner Re­gierung und namentlich unfer Konstantinopelrta- nischer Botschafter Frhr. v. Marschall müssen also eine Lösung des Konflikts sich angelegen sein lassen.