JV» 219.
M-ntag 25. September
38, Jahrgang.
• fuldaer M Zeitung
2. Blatt.
Druck u«d Verlag der $«13«« Actirvdruckrrri in Fulda.
Ä Eine „nltramontane Legende"?
Der glänzende Verlauf des Mainzer Katholiken» kags, der durch die Huldigung für den großen Br- jchof und Bahnbrecher unterer heutigen Sozialpolitik Wilhelm Emanuel von Ketteler, zugleich Gelegenheit bot, die sozialpolitischen Verdienste des deutschen Katholizismus einmal wieder in den Vordergrund zu stellen hat den Neid der „Genoffen' erregt. Um diese ■au verkleinern und zu bemäkeln, greifen fit zu einem erbärmlichen Auskunftsmittel. Sie b e st r e t t e n in einem mit obigem Titel versehenen Artikel ht der sozialdemokratischen Presse, daß der Antrag Gallen vom 19. März 1877 den Anstoß zur s o zi a- len Gesetzgebung gegeben habe, wobei sie sich durchschlagende Beweise einfach schenken.
„Richtig ist an der ultramrmtanen Behauptung Lediglich", so heißt es in dem Artikel, „daß am 19. März 1877 ein Antrag vom Grafen Galen einge- Fracht wurde." Dabei wird absichtlich verschwiegen, daß dieser Antrag der erste war, welcher die Inangriffnahme des eigentlichen Arbeiterschutzes beantragte. Die Sozialdemokratie kam mit ihrem Anträge nach. Dieser Antrag lief am 11. April ein und konnte ,da damals die Sozialdemokraten erst zwölf Sitze im Reichstag innehatten, nur dadurch cingebracht und diskutiert werden, daß auch teinige Zentrumsmitglieder dm Antrag unterstützten. Auch diese Tatsache sucht man in dem Atikel in der ^sozialdemokratischen Presse vergebens» Wenn man nun bedenkt, daß dieser Arbeiterschutzantrag ein» gebracht wurde zu einer Zeit, wo der wirtschaftliche Liberalismus, der jedes Emgreifm der Gesetzgebung ■in das Wirtschaftsleben verwirft.damals im öffenlli- ichm Lebm noch vorherrschend war; wenn man weiter erwägt, daß hinter diesem Antrag eine große jp artei stand, die gewillt war, ihre ganze rast für den Antrag einzusetzen, dann kann kein gerecht und ehrlich Denkender mehr bestreiten, lhaß der Antrag Galen als der für den 'Beginn und die Fortführung der sozialen Gesetzgebung bedeutungsvolle Ausgangspunkt und Anstoß eine hh- st ori s ch e Tatsache ist.
Nur böswillige sozialdenwkratische Mißgunst und ■eine krankhafte Verkleinerungssucht kann das leugnen. Nach dieser Richtung ist auch bemerkenswert und be- zeichnmd, daß der Artikel von einem „krausen Antrag Kalen" spricht, in dem von irgendwelchen bestimmten Arbeiterschutzmaßnahmen" nicht die Rede sei. Dabei forderte der Anwag Galen wörtlich:
„Erweiterung der gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der in Fabriken arbeitenden Personen; Normativbestimmungen für die Fabrikordnungen; Verbot der Beschäftigung jugendlicher Arbeiter ; unter 14 Jahren in Fabriken; Schutz der Familie durch Beschränkung der Frauenarbeit in Fabriken und Einführung gewerblicher Schiedsgerichte unter Mitwirkung freigewählter Vertreter der Arbeiter."
Wer angesichts dieser Richt- und Zielpunkte behauptet, daß von bestimmten Arbeiterschutzmaßnahmen im Antrag Galen nicht die Rede sei, der beweist dadurch, daß er entweder nicht sehen kann oder böswillig zu Verleumdungszwecken die Dinge auf den Kopf (teilt.
Der Zentrumsantrag Galen war also, das kann nicht beftrftten werden, der erste große Ar- beiterschutzantrag im Reichstag.
Obgleich er bei den übrigen Parteien offenem Hohn und Spotte begegnete, hat sich das Zentrum dr-ch nicht abschrecken lassen. Aber eshatl3Jahre lang kämpfen müssen, bis die wesentlichen ■Forderungen dieses Antrages zum Gesetze wurden. Dadurch hat es am klarsten bewiesen, daß es ihm sehr ernst mit der Fürsorge für den Arbeiterstand war. Immer wieder hat es den Antrag wiederholt und erst 1887 fand der Gesetzentwurf betreffend grauen» und Kinderarbeit, 1888 jener betreffend Sonntagsruhe die Zustimmung aller Parteien mit Ausnahme der Sozialdemokraten. Das Zentrum zusammen mit den Konservativen hatte vor allem 1885/86 die großen, heftigen parlamentarischen Kämpfe mit dem der Arbeiterschutzgesetzgebung feindlichen Reichskanzler Fürsten Bismarck, dann die friedlichem, aber sachlich weit geschickteren Einwendungen seiner Vertreter in den Kommissionsberatungen und in den öffentlichen Verhandlungen des Reichstags zu bestehen. Durch seine Ausdauer und Geschicklichkeit hat es trotzdem den Reichstag für den gesetzlichen Arbeiterschutz ge- Irennen. Als dann Kaiser Wilhelm II. in den denk
würdigen Februarerlassen vom Jahre 1890 für den Arbeiterschutz eintrat, und die verbündeten Regiemn- gen, welche bis dahin sich ablehnend verhalten hatten, einen umfangreichen Gesetzentwurf einbrachten, fand dieser bei allen Parteien, mit Ausnahme wiederum der Sozialdemokraten, Zustimmung. Dem Zentrum gelang es, noch wesentliche Verbesserungen im Gefetze durchzusehen.
Dem Zentrum an erst er St el le der- bautet es also die Arbeiter, wenn endlich einmal der Anfang mstt der Arbeiterfchutzgesehgebung gemacht wurde, die dann unter eifriger Mitarbeit des Zentrums bis zur Stunde ihren weiteren Ausbau erfah- ten hat.
Wo der Sozialdemokratie jegliche Ehrlichkeft gegenüber dem Gegner überaus schwer fällt, da nimmt es nicht wunder, wenn der Artikel weiter behauptet, nicht die Siebe zu den Arbeitern, sondern die „Angst vor dem Abfall der Arbeitermaffen" habe das Zen- trum zu seiner Sozialpolitik bewogen. Dabei bringt der Artikel selbst den besten Beweis dafür, wie ernst es dem Zentrum mit der sozialen Frage schon vor dem Antrag! Galen, Anfang der 70er Jahre, im Reichstage war. Ec zitiert nämlich den Zentrtuns- abgsordneten Reichensperger, der im April 1873 im Reichstag ausführte:!
„Es find im Grunde nur dilatorische laufschiebende) Maßregeln, die wir dann ergreifen, einer Frage gegenüber, die sozusagen von Tag zu Tag brennender wird. Während die Parlamente belibericten (beraten), steht Hannibal vor den Toren, und aufrichtig gestanden, ich glaube, die vor den Toren Stehenden find nicht gesonnen, das Ende des Deliberierens abzuwarten .... Ich möchte daher bitten, daß die Reichsregierung sich nicht bloß mit dem Einsammeln von Material beschäftigt, sondern schon nach allen Richtungen, soweit wie immer tunlich, tatsächlich Hilfe eintreten läßt, damit die arbeitenden Klassen nicht ihrerseits tatsächlich vorgehen."
Und ähnlich führte Windthorst in einer Rede vom 28. November 1873 im Abgeordnetenhause, wo er den bürgerlichen Kreisen in bezug auf ihre sozialen Aufgaben unb Pflichten das Gewissen schärfte, aus:
„Ich sehe die soziale Frage für furchtbar ernst an und ich glaube, daß es sehr viel wichtiger wäre, uns gründlich damit zu beschäftigen, als daß wir alle Tage Kirchen- und Schulpolitik treiben. Ich beklage aufs tiefste die vielen Verirrungen, welche auf diesem sozialen Gebiete bestehen, ich beklage insbesondere auch die vielen Zeichen von Jrreligiösität, welche sich damit vermischen. Aber fragen wir uns recht ernsthaft: Haben wir in Beziehung auf diese Frage unsere Pflicht getan?"
Wie bitter emst es Windthorst im übrigen mit der sozialen Reform gewesen ist, beweist auch seine Rede vom 21. Mai 1886 im Reichstag, in der er erklärte, wir hätten
„zu jeder Zeit und bei jeder Gelegenheit darauf aufmerksam zu machen, daß die Gesetzgebung noch recht viel zu tun hat, was notwendig ist, um die Lage der Arbeiter zu bessern, . . . mit aller Eile und aller Energie eine tüchtige Arbeiter- schutzgesetzgebung zu schaffen, und bte Frage des Normalarbeitstags, die Frage der Kinder- und Frauenarbeit zu ordnen, sobald es irgend möglich, und die Pflicht der Sonntagsheiligung zur Geltung zu bringen."
Namentlich in der Reichstagssitzung vom 23. Januar 1890 trat dann Windthorst wieder wie bei früheren Gelegenheiten für die Forderung eines umfassenden Arbeiterschutzes ein, der dann die Regierung zugleich mit den Februarerlassen durch Vorlegung einer befonbern, oben schon erwähnten Novelle entsprach.
So sieht eS in Wahrheit aus mit den Beweggründen, die das Zentrum zu feiner Sozialpolitik bestimmten. Kann die Sozialdemokratie mit gleich gutem Gewissen sich nach dieser Richtung hin sehen lassen?
Deutsches Reich.
* Sozialdemokratische Scharfmacherelen. Im Verbandsorgane des Zentralverbandes der Zimmerer Deutschlands lesen wir (Nr. 32) :>
„Die Lohnkämpfe werden ht Zukunft, das weiß jeder Arbeiter, schwerer werden. Für die Unternehmer wie für die Arbeiter. Wie sich im einzelnen die Auseinandersetzungen zwischen Arbeit und Kapital abspielen werden» kann niemand Voraussagen. Sicher ist nur.
daß die Arbeiter nicht ruhen werden, als bis daS kapttalistische Ausbeutungsrecht überhaupt beseitigt unb damit die Unternehmerklasse verschwunden sein wird. Sozialistische Produktion in der sozialistischen Gesellschaft! Von diesem Ziele läßt sich der Arbeiter nicht mchr abbringen. Ob er das erreicht mit Tarif oder ohne Tarif, im guten oder im bösen, ist nebensächlich. Erreicht werden muß dieses Ziel. Und dann wird man auf die heutige Zeit in der jeder Arbeiter persönlichen Profit zieht, mit denselben Empfinden zurückblicken, wie wir ans die Zeit der Raubritter und Wegelagerer."
Auf ähnlicher 'Höhe stehen folgende Ausführungen der „Schweizerischen Hokzarbeiterztg.":
„Zum mindesten muß mit aller Entschiedenheit dem Abschluß von Tarifverträgen Einhalt getan werden; denn es ist dem Interesse einer revolutionären Arbeiterbewegung nicht förderlich, daß der Unternehmer auf Jahre hinaus Ruhe bekommt, um so seinen Profit berechnen und sichern zu können. Um den Kapitalismus zu stürzen, ist es unerläßlich, ihn in jeder Weise zu beunruhigen, und das wird unleugbar nur erreicht, indem die organisierte Arbeiterschaft sich grundsätzlich gegen jeden Tarffvertrag ausspricht. Damit ist die Möglichkeit gegeben, den Arbeitgeber bei jeder günstigen Gelegenheit anzugreifen, Forderungen jeder Art zu stellen, kurz: ihm jede Möglichkeit zur Sicherung seines Profits zu nehmen. Und wetter: Das Interesse der Arbeiter erfordert es, daß ihre Forderungen ohne Rücksicht auf den Unternehmer gestellt werden, ganz gleich, ob derselbe bestehen kann ober nicht, benn unser Ziel muß seine Beseitigung unb nicht seine Erhaltung sein."
Also immer Streit, Krach, Hetze, nur ja niemals Friede und Ordnung. Die Lebenslage der Massen wird aber keineswegs durch das ewige Krachschlagen gehoben, sondern durch ernste Arbeit für die sozialen Reformen. Den „Genossen" ist aber die andauernde Beunmhigung, das Offenhalten der sozialen Wunden wichtiger als die soziale Reformtätigkeit; wiederum ein Beweis für die wahre Volksfteundlichkeit der Sozialdemokratie.
(*) Eine verschärfte Anwendung des Wertznwachs- steuergesetzeS kündigt die „Nordd. Allg. Ztg." an. Sie weist darauf hin, daß in verschiedenen Fällen zur Verwertung von Grundstücken Aktiengesellschaften eigens gegründet worden sind, die den Zweck hatten, das Zuwachssteuergesetz zu umgehen. Sie fährt dann fort:
Vor der weiteren Ausführung derartiger Versuche muß gewarnt werden. Der Bundesrat würde alsbald in die Notwendigkeit verseht werden, von der ihm übertragenen Ermächtigung Gebrauch zu machen und die erwähnten Rechtsvorgänge, „die es — ohne unter die §§ 1—5 des Gesetzes zu fallen — einem anderen ermöglichen, über das Grundstück wie der Eigentümer zu verfügen", für steuerpflichtig zu erklären. Amtliche Erwägungen hierüber sind im Gange.
** Sonntagsruhe. Bekanntlich haben schon seit längerer Zeit zwischen den zuständigen Behörden im Reich und in Preußen Beratungen über eine Neuregelung der Sonntagsruhe im Handels- gewerbe und getrennt davon solche über eine etwaige Abänderung der bestehende» Vorschriften für bte Sonntagsruhe in der Industrie stattgesunden. Durch die großen sozialpolitischen Vorlagen, die inzwischen verabschiedet sind, oder noch in diesem Jahre verabschiedet werden dürsten, ist in diesen Verhandlungen ein Stillstand eingetreten. Wie Berliner Blätter erfahren, werden aber im nächsten Winter die Beratungen über die Sonntagsruhe im Handel und der Industrie wieder auf» genommmen werden.
Der Düsseldorfer Nachwahl widmet die Norddeutsche Allg. Ztg' in ihren Rückblicken (9hc. 225) einen sehr großen Raum. Auff tllend ist jedoch, daß das offiziöse Organ mit seiner eigenen Meinung vollständig zurückhält und sich im wesentlichen auf die Wiedergabe von Preßstimmen beschränkt. Ganz im Gegensatz zu seiner ftüheren Haltung in ähnlichen Fällen, in denen daS offiziöse Blatt die Mahnung an die ausschlaggebenden Parteien richtete unter allen Umständen zu verhindern, daß die Sozialdemokratie den Sieg erringe, sucht man diesmal vergeblich nach einer solchen Mahnung. Der Stichwahlparole der Nation» liberalen auf Wahlenthaltung geschieht mit keiner Silbe Erwähnung. — Sonderbar, höchst sonderbar, die nationalliberale Partei scheint für die,Nordd. Allg. Ztg.' ein „Kräutchen Rühr mich nicht an" zu sein, da die ganze über eine Spalte lange Auslassung auch nicht bte kleinste Bemerkung, geschweige denn
Mißbilligung über das Verhalten der National l i b e r a l e n enthält.
cf München, 24. Sept. 1911. Dem bayerischen Lanbtage werden in der kommenden Tagung zwei wtchnge Vorlagen zugehen: das Gemeindebeamtengesetz und der Gesetzentwurf über Abänderungen des Polizei-Strasgesetzbuches.
Aus dem Nachbargebiete.
sch. Dittershausen, 23. Sept. 1911. Kürzlich wurde von einem deutschen Ballon gemeldet, welcher auf französischem Boden gelandet sei. Nun ist auf der Anhöhe südöstlich von unserem Orte ein kleiner französischer Freiballon niedergegangen. Er hatte keinen Korb, sondern nur eine Postkarte als AnhängsA. Ausgelassen wurde er in der Nähe von Ville d'Avray (Dep. Seine-et-Oise) in Miltelfrankreich bei einem Preisfliegen am Sonntag, den 2. Juli ds. Js. Die Karte, in französischer Sprache abgefaßt und frankiert, soll mit genauer Angabe der Niedergangsstelle zurückgesandt werden. Dem verwitterten Aussehen der Karte nach, Hot sie schon mehrere Wochen gelegen. Es kann also der Nieder- gangstag nicht festgestellt werden.
* Tann i. d. Rhön, 24. Sept. 1911. Das jetzt fertig gestellte neue Postgebäude wird am 1. Oktober d. I. dem öffentlichen Verkehr übergeben bezw. in Betrieb genommen werden.
_ * Lauterbach, 24. Sept. 1911. Das neue Sägewerk der Firma Joh. Krömmelbetn II. (Inhaber Georg Krömmelbein) steht nach dem,Laut. Anz.' vollendet da. Das stattliche Werk, das unmittelbar am Bahnhof Süd errichtet ist, wird Gleisanschluß erhalten. Unsere aufblühende Stadt ist um ein leistungsfähiges industrielles Etablissement reicher.
* Bad Orb, 24. Sept. 1911. Das Projekt der Anlage eines Truppenübungsplatzes für das 18. Armeekorps im Spessart bei Bad Orb ist soweit gediehen, daß die Abschätzungen der landwirtschaftlich bestellten Grundstücke und der privaten Forstgrundstücke in den hauptsächlich beteiligten Gemeinden Lettgenbrun und Villbach beendet sind. Die Abschätzungen sind von einer aus drei unparteiischen und beeideten Sachverständigen bestehenden Kommission bewirkt worden. Eine Einigung zwischen dem Fiskus und der Grundbesitzer über die Höhe der Entschädigung ist noch nicht erzielt worden. Zwei Landwirte aus dem Dorfe Villbach haben Güter in der Gemarkung Salmünster angekauft.
* Rotenburg, 24. Sept. 1911. Dem vielfachen Bemühen des hiesigen Bürgermeisters von KupSz, für unsere Stadt einen Industriezweig zu gewinnen, ist es gelungen, mit der Firma Gobiet u. Co., Kassel, Fabrik für elektrotechnische Erzeugnisse einen Vertrag abzuschließen, nachdem dieselbe am hiesigen Platze eine Fabrikanlage errichtet. Ein Grundstück wurde der Firma von der Stadt zur Verfügung gestellt.
* Homburg v. d. H., 24. Sept. 1911. Dieser Tage wurde verschiedentttchDamen auf der Promenade ihre Kleidung mit einer säureartigen Flüssigkeit bespritzt und verdorben. Bis jetzt ist es noch nicht gelungen, den Attentäter zu ermitteln, der etwa 20 Jahre alt sein soll.
* Arolsen, 23. Sept. 1911. Dem Landgerichts - Präsidenten a. D., Geheimen Oberjustizrat Dr. von Stockhausen aus Kassel, jetzt in Arolsen, wurde der Charakter als Wirklicher Geheimer Oberjustizrat' mit dem Range der Räte erster Klaffe verliehen.
* Aus Waldeck, 24- Sept. 1911. Der „Selbst- bind er". Eine arge Enttäuschung erlitt kürzlich ein biederer Landbewohner aus N. Er haßte ein Viehmarktlos erworben und hoffte nun auf einen guten Gewinn. Und siehe da! Das Glück war ihm hold, denn auf der Gewinnlsste und hinter seiner Losnummer:« ein Selbstbinder. Aus Freude über die vermeintlich gewonnene Erntemaschine wurden abends im Wirtshaus einige Runden zum Besten gegeben. Andern Tages zog unser Glücksvogel mit seinen Pferden nach der Stadt, um den gewonnenen Selbstbinder abzuholen. Nach Durchsicht der Gewinnliste wurde ihm dann vom Loßveckäufer — ein Schlips — auch ein Selbstbinder, überreicht. Das Gesicht des tote aus den Wolken Gefallenen mag sich jeder selbst vor-
Kleines Feuilleton
Maschinen; Kinematograph
Grammophon ber
ji-ch will!
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Seite kenntlich gemacht werden. Das Unglück wollte es aber, daß auf die Losnummer eine Niete fiel. Wutentbrannt über die getäuschte Hoffnung trank sich der Meister einen gewaltigen Rausch an, und singend wanderte er bald rechts, bald links in Zickzacklinien nach Hause. Seine Ehchälfte hielt am Fenster Ausschau. In der Meinung, das Gebühren des Gatten sei das verabredete Zeichen, begann sie im Haushalt alles kurz und klein zu schlagen. Kaum aber hatte der Ehcherr in stammelnden Worten die Unglücksbotschast überbracht, als sie mtt geübter Hand ihren Kraftausbruch auf ihn übertrug.
— Obstmus. Auch als Mus zubereitet, ist daS Obst von zuttäglicher Wirkung. Aufs Brot gestrl- chm, mundet es vorttefflich, sei es nun Pflaumen-, Aepsel- oder Bimenmus. Leider weiß man bei uns das Obstmus noch lange nicht genügend zu schätzen. Man kann auch Beeren dazu benutzen, Erdbeeren, Himbeeren oder Johannisbeeren, wenn man sie mit Zucker zu einer dickflüssigen Masse gekocht hat. Bringt man bann das Mus in ausgeschwefelte Gläser und verschließt sie sorgfältig, so hält es sich gut für lange Wochen unb bedeutet im Winter eine Erfrischung. In England ist der Genuß von Obstmus gong unb gäbe. Man würde es gar nicht mehr missen wollen. Alles ißt dort solche Fruchtmarmelade, Arm und Reich. Bei uns fließen für diesen Zweck ziemlich erhebliche Summen ins Ausland. Wirklich gute Marmeladen, die in Deutschland hergestellt unb von deutschem Obst bereitet find, finden wir noch bei uns verhältnismäßig wenig. Unsere Hausfrauen taten gut, sich mehr mit diesem Gebiet ihrer Hausfrauen- tätigkett zu befassm. Sie sollten mchr Obstmus rm Haushalte verwenden; Im Sommer das frisch gekochte köstliche Mus, das so leicht verdaulich ist, im Winter die konservierte Fruchtmarmelade, die dem frischen Obst an Wohlgeschmrwk wenig nachgibt. ES ist eine geringe Arbeit, das Obst einzukochen. Es ist auch eine wohlfeile Speise, denn man kocht das Obst natürlich nur ein, wenn es am billigsten ist. Zucker gchött allein noch dazu. »a.
Stapel gelassen: ,Zn hundert Jahren wich man überhaupt nicht mehr von „Schulen" sprechen, mit denen sich ja allerlei unangenehme Nebeneindrücke verbinden wie Gehorsam, Ordnung, Reinlichkett u. s. w. Die Schulhäuser der Zukunft werden nicht mehr in der Stadt stehen, sondern in Wald und Höhen, die mit Lufwmnibuffen zu erreichen find. Das Kind betritt das Haus von oben, steigt zunächst in den Frühstücksraum hinab, wo es in einem au» tomatischen Restaurant bedient wich. Dann kommt es in den Saal für Körperpflege, wo man ihm die Nägel schneidet und ihm die Zähne putzt. Es sind nicht nur Wasch-, sondern auch Jmpfrämne für alle möglichen Bazillen da. Weil das Sonnenlicht bald zu stark, bald gar nicht da ist, macht man die Schulhäuser drehbar. Treppen gibt es nicht, bloß Aufzüge. Die Schulzivnner sind ganz klein. Sie werden Pestalozzi-Stübli genannt. Die Klassen konnte man allerings nicht ideal klein machen nach dem Rezept: ein Zimmer, em Kind, ein Lehrer, weil die Kinder zu geschett würden und die Lehrer nicht mehr nachkämen. Man wählte Klaffen mit der heiligen Zahl fieber:. Der Unterricht befaßt sich nicht mehr mtt Schreiben und Rechnen, das besorgen
Poleon damit sagen wollte, und der Redner verbesserte sich, indem er nun meinte, Morau sei etwas „höher"? Doch das paßte Napoleon erst recht nicht. „Höher als ich, der Kaiser, ist erst recht nienumb, Morau ist höchstens etwas länger als ich." =mo.
— Ein origineller Deckendurchbruch. Vor kurzem wurde die Pfarrkirche in Neustadt a. W. mit elektrischer Beleuchtung versehen. Zür Durchführung der Lettungsdrähte für die Lüster mußte nun das mit einem kostbaren Gemälde verzierte Deckengewölbe der Kirche an mehreren Stellen durchbrochen werden. Da die Herstellung der Durchführung vom Kirchenboden aus unzweifelhaft zur Beschädigung des Gemäldes geführt hätte, und die Ausstellung eines 15 Meter hohen, freischweben- den Gerüstes außer mit hohen Unkosten auch mit Lebensgefahr für die Arbeiter verbunden gewesen wäre, so half sich, wie der „Prometheus" mittetlt, der leitende Jngieneur Kaßner auf höchst originelle Weise. Nachdem die Punkte für die Durchbrüche genau bezeichnet waren, durchschoß Kaßner das Deckengewölbe an den betreffenden Stellen. Die Projektile durchschlugen sowohl den in mehreren Lagen aufgetragenen Stuck als auch Holz, Ziegel und Drahtgeflechte und schafften so in wenigen Augenblicken eine Arbeit, die sonst erst m einigen Tagen von Hand aus hätte erledigt werden können. Von der kolossalen Durchschlagskraft der Geschoffe unferer heutigen Gewehre zeugt der Umstand, daß das 30 Zentimeter starke, massive Ziegelgewölbe glatt durchschlagen Wurde. Die Einschußöffnungen waren an dem Gemälde kaum sichtbar, während der Ausschuß faustgroße Löcher zeigte.
— Im vorzeitige» Glückstaumel zerschlug ht einer Provinzialstadt Posens eine Handwerkersfrau chren Hausrat. Der Ehegatte hatte em Los der Posener Ostdeutschen Ausstellung erworben, und beide Leute glaubten unfehlbar Gewinner des Haupttreffers «t werden. Als der Meister die Ziehungsliste einsehen ging, verabredete er mit seiner Frau ein Erkennungszeichen, wonach sie schon aus ber Ferne die Glücksbotschaft wahrnehmen könne. Es sollte durch Singen und lustige Sprünge von ferner
Mitteln den Anschauungsunterricht. Der Lehrer heißt nicht mehr Lehrer, er ist Techniker geworden, ein Wohlfahrtsförderer. Die Besoldungsfrage ist buug ein automatisches Progressivsystem gelöst worden . - ."
— Napoleon der Erste, war etwas sehr empfindlich, wenn man an seinem Ruhm herumkritelte. In seiner Gegenwart geschah dies allerdings Wohl kaum. Süßte sehr aber seine Generäle und sonstige Personen auf die Empfindlichkeit des Kaisers Rücksicht nehmen mußten, lchri eine kleine Episode, die sich bei einer Tafel ereignete. Napoleon war bekanntlich klein von Gestalt. Als nun die Rede auf bte verschiedene Größe der Generäle kam, meinte einer der Anwesenden, General Morau sei etwas großer als Seine Majestät. „Größer?" frug Napo-
« n™ strengem Ausdruck, niemand ist größer als tck. Rian verstand sogleich, was der „große" Na-
— Zu» Nachdenken. Das ist für mich zu schwer! Horaz hat schon gesagt: Nichts ist dem Menschen zik schwer! Die Zwischenzeit hat diesen herrlichen Ausspruch tausendfach bewiefen. Was leisten heutzutage Kunss, Wissenschaft, Technik! Ein „Unmöglich" gibts nicht die Gelehrten operieren das lebende Herz, die Techniker beleuchten mit einem einzigen Griff ganze Städte, durchbohren meilenweit die Felsen, tragen das menschliche Wort ohne Droht über Länder "und Meere dahin und fliegen wie die Vögel m ber Lust umher. Dem Menschen ist nichts zu schwer! Unb dennoch: manch einer bei» Äveifelt, wenn die Not ihn drückt, wenn ihn ein Leid naht, wenn das Gewissen sich regt, wenn christliche Denkungsart verlangt: den: Feinde zu verzeihen, den Armen zu Helsen, den eigenen Lieben ein Mann der Pflicht und der Tat zu fein! Woher das viele Elend in der Welt? Warum soviele .©etbftmorbe, fo zahlreiche Verbrechen? Weil es dem einen und dem anderen zu schwer ist, sich aufzuraffen, ehrlich zu schaffen, zu hoffen und geduldig zu sein! Unb warum sind so viele glücklich, warum so viele vorwärts? Weil sie nicht rechts, nicht Irnks, nicht rückwärts schonen, weil sie ge- rabeaus wandeln, bie Steine bes Anstoßes übet» nettem ober umgehen ober beseitigen, weil sie int» fi"dett, Wenns auch Müh
<mruetU°ltet Frieden mit sich und
-er Welt, bletbe man sich unb anderen getreu^ rege Man sich hurtig und emsig, vertraue man seiner Straft — bann ist nichts zu schwer, und auch bie »schwere Last der Armut, bes Kummers, bes Alleinzeins, sie wird gehoben von dem eisernen Worte:
— Auf die iiberprächtiaen Schulgebäude in der Schweiz hat nach einem Bericht der „Köln. Ztg." er Schuldezernent für Zürich, Stadtrat Mousson, ei der Besichtigung neuer Schulhausbauten zu >änden des großen Stadtrats folgende Satire bom.