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IparzeSer in Fulda.

ZuldaerW Zeitung

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Monatsbeilage! „Fuldaer Geschichtsblätter"

aw$6tgewt dir et» spÄtigeVetttrefleode, dere» Raum 15 pfg. LeNamend,epettt;eile pfg., bei Meder» yo.'ungen wird entspr.

Ladatt gewährt.

üotationsdruckund vertag der Fuldaer Ak- tiendruckerei in Fulda Fernsprecher Nr. 9.

Fulda, Montag den 25. September 1911,

Erstes Blatt

38. Jahrgang.

219.

X Der Marokkofriede in Sicht.

Die Verständigungsaktion kann als so KUt rvie abgeschlossen betrachtet werden. Das kann man einer Auslassung der „Nordd. Allgem. gtg." entnehmen, welche besagt:

„Bei den Marokkoverhandlungen sind in den letzten Besprechungen des Staatssekretärs v. Kiderlen mit dem französischen Botschafter Vorschläge zur Ausgleichung der noch verbliebenen Streitpunkte formuliert worden. Diese von den Unterhändlern vereinbarten Vermittlungs- Vorschläge liegen den Regierungen vor. Eine Rück­äußerung der französischen Regierung ist für die nächsten Tage zu erwarten. Sollte dieser Antwort Frankreichs eine abschließende Bedeutung im Sinne der Ver­mittlungsvorschläge zukommen, so würde, da die beider­seitigen redaktionellen Wünsche für den Marokko be­treffenden Teil der Vereinbarungen bereits erörtert worden sind, noch eine nach genauen Vorarbeiten nicht mehr langwierige Verhandlung in der Kompensations­frage übrig bleiben."

Ist auch die halbamtliche Auslassung in sehr «torsichtiger Form gehalten, so kann doch kein Zweifel mehr sein, daß die Verhandlungen ihrem endgültigen Ende entgegengehen. Tas geht auch aus einer Auslastung des „Perl. Lok.-Anz." hervor, der un­verkennbar aus offiziöser Quelle schöpft. Das Blatt erklärt, daß

„die Marokloverhandlungen, soweit sie Marokko selbst betreffen, als erledigt betrachtet werden dürfen. Es handelt sich nur noch um redaktionelle Formalitäten."

Interessant ist die Feststellung des genannten Mattes, daß die Besprechungen schon Ende voriger -Woche zum Abschluß gekommen sein würden, wenn nicht die französische Regierung in einigen hier als minder wichtig betrachteten Einzelheiten eine unerwartete Hartnäckigkeit gezeigt hätte. Bezüglich des Ausgleichs versichert das Blatt, daß hier nennenswerte Schwierigkeiten nicht smehr zu erwarten stehen.

Bekanntlich ist auch die außerordentlich lange Dauer der Verhandlungen wiederholt Gegen­stand der Erörterung gewesen. Bei unseren Nach­barn und bei unseren lieben Vettern jenseits des Kanals war man schnell bei der Hand, Deutsch­lands hochgeschraubte Ansprüche als die Ursache der Verzögerung hinzustellen. Wie wenig diese An­schuldigung berechtigt war, auch darüber gibt die .Auslassung des ,Lokal-Anzeigers" genügenden Auf­schluß. Danach waren nicht die deutschen Ansprüche an der Verzögerung schuld, sondern Frankreichs Weigerung, die durch sein Vorgehen erfolgte Durchlöcherung der Algecirasakte zuzu- gebcn. Frankreich versteifte sich darauf, daß der Vertrag von 1909 zu Recht bestehe und daß durch ihn a'ic Beziehungen zwischen beiden Ländern hin­sichtlich Marokkos geregelt seien. Deutschland wies demgegenüber mit Recht darauf hin, daß dieser Vertrag, der auf der Algecirasakte beruhte, durch die Durchlöcherung hinfällig geworden sei.

„Es dauerte viele Wochen", versichert der Lokal- anze-ger, „ehe die Besprechungen der beiden Staats­männer sv welk gediehen waren, daß Frankreich sich dem deutschen Standpunkt anbeqnemle und beide Staaten ihre Gesichtspunkte formulieren konnten. Damit wurde erreicht, daß Frankreich, welches bis dahin immer den Standpunkt aufrecht erhalten hatte, daß es den Vertrag von Mgeettas nicht verhetzt habe, nunmehr offen mit dem Bekenntnis horvortrat, daß es ein Protekto rat über Marokko anstrebe, wogegen denn endlich Deni'chland seine Ansprüche ausstellen konnte, nämlich: Klare Regelung der politischen, juristischen und wntschasllichen Verhältnisse in dem zukünftigen Protektorat, Sicherstellung der deutschen wirtschaftlichen Interesse» und Kompensation für den durch die Neuge­staltung der Verhältniffe für Frankreich entstehenden Machlzuwachs."

Tas also ist die -Wahrheit. Sie zeigt nicht nur, daß Deutschland ehrlich bestrebt ist, den Frieden

zu erhalten, sondern auch, wo die eigentlichen Kriegshetzer zu suchen sind. Besonders auf die Haltung Englands bezw. seiner leitenden Staats­männer wirst diese Feststellung ein eigentümliches Licht. Die wahre Ursache der Verzögerung ist der englischen Regierung zweifellos kein Geheimnis ge­blieben, umsomehr muß daher ihre Stellungnahme überraschen. Aber sei dem, wie es will, das deutsche Volk wird sich die Freude darüber nicht vergällen lassen, daß die langwierigen Verhandlungen nun endlich dem Abschluß nahe sind, ohne daß es zu einem kriegerischen Austrag gekommen ist.

Tas Friedeusmahl. Botschafter Cambon hat am Samstag abend beim Staatssekretär von Kiderlen-Wächter das Diner eingenommen, nachdem die beiden Herren längere Zeit hindurch lediglich zu amtlichen Besprechungen zusammen­gekommen waren.

J? Die Liberalen in Düsseldorf stehen vor einer emsten Gewissensfrage: Sollen sie dazu mithelfen, daß über ihre Vaterstadt die rote Fahne gehißt wird, oder sollen sie Herrn Bankdirektor Friedrich als das kleinere Uebel gegenüber der So­zialdemokratie wählen?

Die Stimmenthaltung ist taktisch nichts anderes, als die Unterstützung des Sozial­demokraten. Nun sagt einer, seine Grundsätze verböten ihm, fiir einen „Schwarzen" zu stimmen. Aber verbieten ihm denn seine Grundsätze, für den Ordnu.ngskandidaten zu stimmen? Darum handelt es sich jetzt. Bei der engeren Wahl sind alle Stimmen für einen Dritten ungiltig. Der einzig mög­liche Gegner des Umsturzkandidaten ist jetzt Herr Friedrich. Obendrein ist nun Herr Bankdircktor Friedrich ein Mann, der den Wählern von den ande­ren bürgerlichen Parteien den Anschluß möglichst leicht macht. Er ist eine neue Kraft auf dem Ge­biete der prattischen Politik. Er bekennt sich zum Zentrumsprogramm, aber da er bisher nicht im Par­lament saß, so kann man ihn persönlich nicht belasten mit griffen Dingen, die man sonst gern dem Zentrum zum Vorwurf macht. Er ist seines Berufes Bank­direktor und steht also mitten in dem politischen Leben, und zwar gerade in jenem Erwerbsleben, das der Stadt Düsseldorf und ihrem Bezirke das Gepräge gibt

Von den Leitern des Hansabundes ist vielfach be­hauptet worden, daß zu wenig Leute aus der Han­dels- und Jndustriewelt int Parlament säßen. Es ist daran etwas Wahres. Damm sollte gerade der Han- sabund die Gelegenheit ergreifen, um einen Düsseldor­fer Bankdirektor in den Reichstag zu bringen. Die Führer der dortigen Hansagmpve sind aber sonder­barer Weise der Ansicht, daß der Sozialdemokrat Ha­berland die Interessen der Handelsherren und Unter­nehmer besser wahrnehmen wird, als der Bankdireftor Friedrich. Man solsse meinen, das erwerbstätige Bürgertum werde anderer Ansicht sein.

Wenn wir so schreiben, wird man vielleicht sagen, wir bettelten um die liberalen Wahh- stimmen. Nein, der Zweck ist nicht die Bettelei, sondem die Klarstellung. Wir möchten zeigen, daß gar kein stichhaltiger Gmnd vorliegt, um Herrn Friedrich die Unterstützung zu erringen, die ihm als dem gegenwärtig einzig möglichen bürgerlichen Ver­treter für Düsseldorf gebührt. Wmn ste trotzdem ver­weigert wird, so ist es nur aus derkulturkämp- ferisschen Verblendung, aus der konfes­sionellen Gehässigkeit und Verbohrtheit zu erklä- ren. Und diese Einzelheiten dürfen offenbar nicht so weit getrieben werden, daß man die Pflichten gegen Staat und Gesellschaft außer Acht läßt und ein M i - schuldiger der revolutionären Sozial­demokratie wird.

Wenn die liberale Presse von einem künftigen Wahlabkommen für die allgemeinen Wahlen spricht, so wollen wir nur kurz bemerken, daß die gegenwärtige Wahlhllse in Düsseldorf die bestmögliche Vorberei­tung für ein Wahlbündnis wäre. Die Auslieferung Düsseldorfs an die Umsturzpartei aber wäre nur dann am Platze, wenn man ein liberal-sozialdemo­kratisches Wahlabkommen auf Gegenseitigkeit im Äuge haben sollte..

Ist das der Fall?

Deutscher Reich.

** Unterstaatssekretär Böhmer -ft.

Der Unterstaatssekretär des Reichskolonialamts Dr. B ö h m e r ist Samstag früh in Berlin im Alter von 47 Jahren gestorben.

Nach dem Rücktritt Dernburgs wurde der damalige Unterstaatssekretär von Lindequist an die Spitze des Kolonialamtes gerufen, und ihn ersetzte vor etwa einem Jahre der damalige Oberbürgermeister von Metz Dr- Böhmer. Es ries allgemeine Ueberraschunz hervor, daß für diese wichtige zweite Stelle in unserem Kolonialdienst nicht ein Mann aus den engere Kreisen der Staatsbureaukratie, sondem ein Mann der Selbst­verwaltung auserwählt wurde. Damals sprach man davon, daß bei feiner Ernennung wohl Beziehungen mitsprachen, die er auf verwandtschaftlichem Weae zur Bankwelt hatte. Auch sprach man davon, daß Dr. Böhmer in besonderem Maße das Wohlwollen des Kaisers besitze. Es ist dem Verstorbenen nicht ver­gönnt gewesen, das Vertrauen zu rechtfertigen, das man auf ihn setzte. Nachdem er kaum Zeit gehabt hat, einigermaßen im Kolonialam warm zu werden, wurde er von einem Krebsleiden befallen, und er ist eigent­lich über die ersten Stadien des Einarbeitens nicht hinausgekommen.

** Teuerungszulagen.

Im preußischen Finanzministerium schweben Er­wägungen wegen Gewährung einer einmaligen Teuerungszulage an die Staatsbeamten. Die einzelnen Verwaltungen sind befragt worden, inwieweit ein Bedürfnis für eine Teuerungszulage anerkannt wird. Ob sich die Erwägungen zu Be­schlüssen verdichten werden, steht noch dahin.

** Berlin, 24. September 1911. Der Reichs­kanzler ist Samstag nach Berlin zurückgekehrt. — Der Londoner „Standard" bestätigt, daß das eng­lische Königspaar Ende Februar zum Besuch des Kaiserpaares nach Berlin kommen werde. Der Kaiser wird einen großartigen Empfang des eng­lischen Königspaares veranstalten.

* Mit der Erprobung eines gefahrlosen Uebungs- geschosses für die Feldartillerie ist man gegenwärtig beschäftigt. Das Geschoß dürfte vermutlich einem ge­hegten Wunsche der kriegsmäßigen Gestaltung der Hebungen im Scharfschießen entsprechen. Beim Scharfschießen im Felde, wenn gemischte Verbände üben, darf die Artillerie die Fußtruppen bekanntlich nicht überschießen, da die Gefahr, die Sprenggeschosse nit sich bringen, dies verbietet. Um diesem Hebel» fand, der unkriegsmäßige Silber vermittelt, abzuhel- en, hat Krupp neuerdings ein Geschoß konstruiert, das eine gute Beobachtung gestattet und gleichzeitig ohne Gefährdung der vor den Artilleriestellungen be- sindlichm Truppne abgiefeuert werden kann- Das Geschoß enthält eine Kammer mit einer Pulverladung, sowie eine zweite mit einer Ladung, die eine weithin ichtbare Beobachtungswolke liefert. ®ie Geschoßwände sind derart stark gehalten, daß sie durch eine etwaige Explosion der Pulverladung nicht ge- prengt und daher den Truppen, die überschoffen toer- den, nicht gefährlich werden können. Durch eine sinnreiche gut funktionierende Konstruktion wird nun

die Pulverladung durch einen aufschlagenden Zünder zur Explosion gebracht. Gleichzeitig wird bie Sprengmasse durch Oefsimngen aus dem Innern des Geschosses herausgednickt. Sie löst sich in Staub auf und bietet eint dem Auge auf große Entfernungen hin gut sichtbare Beobachtungswolke. Infolge dec besonderen Anordnung bleibt bas Geschoß selbst mit Ausnahme der Zerstörung des Gewindes und des Blechmantels unversehtt. Hieraus geht hervor, daß beim Heberschießen von Truppen im Falle einer vor­zeitigen Pulverexplosion nur Teile des Blechmantels niederfallen können, die unmöglich Schaden verur­sachen.

□ Das Bündnisangebot von 1907. Nachdem in der Zentrumspresse gegenüber der Erklärung des „Vorwärts" die Behauptung aufrecht erhalten wor­den ist, daß bei den letzten Nsichstagswahlen von maßgebender sozialdemokratischer Seite dem Zen­trum ein generelles Wahlbündnis angeboten worden sei, und weiter betont worden ist, daß dieses Angebot vielmehr von Bebel in einem Eilbrief vom 28. Januar 1907 gemacht worden fei, schreibt jetzt der „Vorwärts":

Dazu ist, so wird uns vom Parteivorstand geschrie­ben, zu bemerken, daß dieser Bries Bebels lediglich eine Antwort war auf ein vertrauliches Schreiben des Abg. Müller-Fulda vom 27. Januar 1907 an den Genossen Singer. Wir raten der Zen- trumspresse nochmals, sich bei Herrn Müller-Fulda nach dem Inhalt dieses und anderer Briese zu er« kundigen.

Also der Bries Bebels existiert, und e8 wird nicht bestritten, daß er das Angebot eines Wahlbündnisses enthält. Weiter in den In­halt des Brieses einzudringen, wird ausgeschlossen sein, da der Absender ihn doch wohl als vertrau­lich hat betrachtet wissen wollen. An Herm Bebel liegt es bann, über biefen Bries bie Oesfentlichkeit aufzuklären, inbem er bie Erlaubnis zu seiner Ver­öffentlichung gibt.

* Zur Teuerung. Die Nachricht, daß ein Aus­fuhrverbot für Kartoffeln und Beseitigung der Ge« treide-Einfuhrscheine usw. geplant seien, entbehrt, wie die ,Deutsche Tageszeitung' erfährt, jeglicher Begründung.

* Eine verstärkte Förderung der Ziegenzucht wird von staatlicher Seite angestrebt. Es sollen, Ber­liner Blättermeldungen zufolge, in den Etat für das nächste Jahr entsprechend erhöhte-Mittel ein, gestellt werden. Vor allem sollen die Ziegenzucht­stationen finanziell unterstützt werden.

* Kassel, 24. Sept. 1911. In der heute hier ab­gehaltenen Mitglieder-Versammlung des kurhessischen Provinzial-Verbandes des Deutschen Flotten« Vereins hielt der als Ehrengast anwesende Präsi­dent des Deutschen Flotten - Vereins, Großadmiral v. Köster, eine Rede, in der er sich über die eng­lischen, französischen und deutschen Flottenmanöver eingehend aussprach und die Ansicht vertrat, daß diese das Mißverhältnis der Zahl der deutschen Panzerkreuzer zu den Linienschiffen besonders auffallend hervortreten ließen. Deutschland habe im Vergleich zu Frankreich und England viel zu wenig Panzerkreuzer. Heber das bestehende Flottenpro­gramm hinaus müsse der Bau von jährlich einem Panzerkreuzer mehr ins Auge gefaßt werden, um so schneller auf die gesetzliche Zahl von 20 kriegsbrauch­baren Panzerkreuzern zu kommen.

Reichstagswahlv orbereit ungen.

* Hanau, 24. Sept. 1911. In einer heute nach' mittag in Hanau abgehaltenen konservativen 93er' sammlung wurde derDomänen-Rentmeister Rein' Hardt endgültig als Reichstagskandidat aufgestellt. Zugleich wurde mitgeteilt, daß für die Landtags- Ersatzwahl der frühere Kreissekretär Schneidet in Aussicht genommen sei, der sich noch B edenkzei ausbat.

nur ein wenig Mühe gebt. . . .'

Kinberfürsorge. Krankenpflege und Gründung eines Erholungsheims.

_ Es ging ein Segensstrom von der jungen, schönen Schloßherrin aus, unb bie Bevölkerung machte we­gen Stammbaum unb Namen keinen Unterftched zwi­schen Hübe unb Iris; sie abelte das Bürgerkind und nannte es nicht anders als bas „gnädige Fräu­lein. *

Iris hatte immer neue Gedanken und Ideen, Im­mer neue Pläne, unb bie Leute wunderten sich ost, woher bas „gnäbige Fräulein" nur wisse, was ihnen fehlte unb nottat, was bas Nächstliegende unb Drin­gendste war Unb das war doch ganz einfach: Iris sah sich bas Leben mit ihren hellen Augen an unb fanb, daß es manche trüben Quellen gab, die Schmutz ins Leben trugen. Da suchte sie den Leuten klares, reines Wasser zu reichen, verschüttete bie ungefunben Quellen unb grub ganz still nach einem neuen, frischen Bom, der lebenspendenden Trank bot. Meistens brauchte sie gar nicht lange zu graben, denn der rei­nen Quellen, die aus der Erde sprudeln und ins Le­ben hineinfließen, sind unzählbare. Man braucht sich nur die Mühe zu nehmen, sie zu finden. Und wer ein warmes Herz für das Wohl desVolkes in der Brust trägt, der findet sie: überall rauschen die heiligen Quellen des Lebens-

Die Frauen der Arbetter waren meistens Sauern» mädchen, durch harte Arbeit frühzeitig gealtert, ohne Sinn für das Höhere. Sie lebten so in den Tag hin­ein, fäüigten ihren Leib mit roher Kost, schliefen des Nachts vor Müdigkeit und kannten keinen Feierabend, kannten nicht jene sttllen ,heilig en Stunden, in denen sich die Familienglieder enge zusammenschließen und nach des Tages Last unb Mühe ein bißchen Ruhe suchen, wo sich bei Geist erhebt und stille, heilige Pfade geht, wo der gute Engel des Hauses an der Schwelle steht, die Friedenspalme schwingt unb mit stillem Lächeln feine Schutzbefohlenen grüßt.

„Feierabend" war im Dorfe unbekannt: bie fried­lichen, schönen Abendstunden, wo die Arbeit ruht, wo die Hände sich im Schoße falten und die Gedanken zum Himmel steigen.

Statt dessen hantierten die Frauen lärmend im

Haufe, bis die Sonne sank, die Kinder tollten wild durchs Dorf, die Männer saßen rauchend unb trin­kend in der Schenke, weil zu Hause kein ruhige! Platz für sie war. Da sie zu Hause keine schöne, wahre, friedliche Heimat fanden, wanderten sie ins Mrtshaus und wähnten dort eine Heimat zu haben. Bis sie sich eines Tages davon überzeugten, daß es eine falsche Heimat war, eine Heimat, die keinen Boden hatte und keinen lichten Augenblick, keine Sonne. — Dabei zer­stoß das Geld unter den Fingern, und wenn Woche und Monat um warm, wanderte der größte Tell des Verdienstes in den Säckel des Wirtes, der immer run­der unb voller wurde, während bei ihnen zu Haus bie Armut herrschte.

Iris sah es mit Schmerz; sie wollte alle diese Menschen glücklich sehen. Das Dorf sollte aufblühen, die Gemeinde zu Wohlstand kommen.

Sie veranstaltete am Sonntag „Frauenabende", zu denen die Mütter und bie heranwachsenben Mädchen eingelaben wurden. Geme folgten diese dem Ruse der jungen Schloßherrin, von der sie wußten, daß sie nur ihr Bestes wollte

Sie las bann eine hübsche Erzählung vor ober ein Gedicht und sprach kurz und klar über die Pflich­ten und bie Stellung ber Frau im Leben. „Ihr müßt eure Gatten, Väter ober Brüder an das Haus fes­seln, ihnen ein gemütliches Heim Bereiten," sagte sie. „Abends, wenn die Arbeit ruht, sollt ihr zusamrnm- sitzen, ein gutes Buch lesen, ein frohes Lied singen, euren Geist emportragen über alle Arbeit und alle Sorgen des SebenS. Ihr sollt fröhlich und heiter fein, heilige Stunden erleben. Wenn die Männer zu Hause das finden, was sie suchen: Erholung, Er­heiterung und Erhebung, Gemütlichkeit, Frieden — bann werben ste nicht jeben Tag ins Wirtshaus lau­fen, fonbern die Abende im Kreise ihrer Angehörigen

Es folgten gute Lehren und Ratschläge: die Frauen sollten sich hübsch kleiden, für Ordnung und Reinlichkeit sorgen, gute Kost bereiten, freundlich und gut zu den Männern sein. . . .

Iris wollte eine Haushaltungsschule und eine Wanderküche einrichten — unb so wuchsen immer neue Pläne hervor, die ihrer Verwirklichung entgegen­harrten, und neue Arbeit, neue Sorgen — aber auch viel Segen verhießen.

Das Leben im Dorfe gewann an Fülle und Tiefe. Langsam würben die Bewohner auf beschwerlichen, mühsamen Psaben auf freie, lichte Höhen geleitet, auf eine breite, sonnige Straße, die freunblichm Aus­blick gewährte. Die bunten Blumen der Freude blühten am Wege, die Sonne schien hell und warm in den neuerschloffenen Lebensgarten, darin es fröh­lich sproßte unb blühte.

Hans Wick war nach bem energischen Eingreifen von Iris wieber als Werkführer bestellt worben, und ba der Bürgermeister inzwischen gestorben war, fo wählten ihn die Bürger einstimmig zu feinem Nach­folger. An dem angesehenen, klugen, tatkräftigen und energffchen Manne hotte Iris einen Mitarbeiter für das Wohl des Dorfes und der Arbeiter, wie ste ihn nicht besser wünschen konnte. Im Verein mit ihm unb bem Pfarrer des Dorfes ging sie frohen Mutes an bas Werk, für bas leibliche unb geistige Wohl ber Dorf­bewohner zu sorgen, wie es in keinem anberen Orte bet Fall war- In wenigen Jahren mußte biefer ge­segnete Ort zu einer Blüte unb zu einem Wohl­stand gelangen, daß er allen umliegenden Gemeinden als Muster bienen-konnte.

Selbst ber spöttische Baron Weißenhofen, der hm unb wieder ins Dorf kam, gestand dies in einer schwa­chen Stunde dem Bürgermeister ein, indem er chm auf die Schulter klopfte und fügte: Sie haben hier einen Musterstaat, um den man sie 'beneiben könnte." Und im stillen dachte er, ob es nicht besser für ihn ge­wesen Wäre, wenn er um Iris gefreit hätte, statt um

Alice. Aber das Mauerblümchen hatte er ja nicht beachtet und dann hatte man damals auch noch nicht

Schloß Sonneck.

50] Roman von Felix Nabor.

9?eben ber Mithülfe an Sonnecks Werk wurde Iris noch durch andere Pflichten in Anspruch genommen. Sie widmete ihre ganze freie Zeit der Fabrik, und besonders dem Wohle ber Arbeiter unb ihrer Fa­milien. Es war ihr eifrigstes Bestreben, einen Mu­sterbetrieb einzuführen, der das Verhältnis zwischen Arbeiter und Arbeitgeber in gerechtem unb christ­lichem Sinne regelte.

Sie kannte aus Erfahrung bie Not der Arbeiter, wußte, wo es fehlte. Mit fester und sicherer Hand griff sie zu, wenn es galt, einen Fehler zu verhüten, einen Mangel zu beseitigen oder eine Hngerechtigkeit gut zu machen. Sie zeigte regstes Interesse für alle Bedürfnisse der Arbeiter und ihrer Familien- Jeden Morgen begab ste sich in die Fabrik, besprach sich mtt den Direftoren und Werkführern, unb am Abmd ging ste durchs Dorf und sah nach den Kranken.

Es war ein geheimnisvolles, wundersames Blühen in ihr. Sie mußte jemand haben, an den sie ihre Liebe berfebwenbete, für den sie sorgte, ber Hülfe brauchte. Unb ba sie keine eigenen Angehörigen hatte, fo über« trug sie ihre Liebe auf Sonneck unb Hilde. Es war v’.n I? großer Ueberfluß an Liebe in ihr, daß au$ die Dorfbewohner und bie Arbeiter ber Fabrik "hielten, und zwar nicht nur bie h)irFenhp wÄLbOntr£^cf'e fieIen' sonbern das wunder- W>rke..be Manna rhres Herzens

dieLohnerhöhung war nun für iie Slrbetter gewrgt. Das war das dringendste, unb jetzt, a.s sie von der Arbeit satt wurden unb nicht mehr zu darben brauchten, arbeiteten sie mit Lull unb Liebe. Man sah frohe Gesichter und hörte sogar ein heiteres Lieb. Ein neuer Geist war über sie gekom- mat — ber der Zufriedenheit!

Mit Liebe blickten all die Hunderte auf bie junge, schöne Herrin, die für die Arbeiter ein so warmes Herz hatte. Sie gründete Kranken- und Sterbekassen, besprach sich mit den Männern, um die Wohnungs- Verhältnisse zu verbessern, und mit dm Frauen über

zubringen. Ihr Frauen seid bie Engel eures Hauses: ihr müßt bie Liebe hineintragen unb den Frieden! Die Fraum, deren Männer aus bem eigenen Hause flüchten, tragen zumeist selbst die Schuld daran: sie verstehen es nicht, sie an das Haus, an die yamilte ,6 , . ------- —____

zu fesseln. Und doch ist dies so leicht, wmn ihr euch' gewußt, daß sie einst Millionärtn sein würbe.

‘—:: I (Forssehung folgt.)