M 218.
Samstag 23. September Wt
38. Jahrgang.
* Tuldaer U Zeitung
2. Blatt
Druck und Verlag der Fuldaer Aetiendruck«^ in Zulda.
Die Wahl
das auf Rentabilität sehen muß. Aber eS ein wesentlicher Unterschied zwischen einer die sich in den Dienst einer großen, edlen, Sache stellt, und einem „farblosen" Blatte,
nehmen, ist doch Zeitung, heiligen
Deutsches Reich.
schuldbewußter aber unbußfertiger Sun- sozialdemokratische Konsum- und Spav-
beit kosten; mit Aufrufen, Plakaten usw. geht ihr verschwenderisch um. Viele von den auSgestreuten Samen- kräutern fallen auf den Weg und werden zertreten. Schadet nichts; eS muß doch so gemacht werden. Aber man kann oft noch ein übriges tun, das eine nachhaltigere Wirkung verspricht. Wenn du erreichen kannst,daß dieser oder jener schwankende Wähler während deS nächsten Vierteljahres das Zentrumsblatt fortwährend itt sein HauS und in seineHandbekommt, dann darfst du mit großer Wahrscheinlichkeit annehmen, daß er im nächsten Januar und auch bei den künftigen Wahlen mit dir stimmen wird.
""Die Art und Weise der Propaganda wird nach den örtlichen Verhältnissen sich verschieden gestalten müssen. Aber eins steht für das ganze Reich fest: daß jetzt der geeignetste Zeitpunkt ist, um durch die periodische Presse den großen Wahlkampf wirksam vorzubereiten.
— Ein der. Der
dessen höchstes „Ideal" der Profit des Verlegers ist. Ein Blatt der ersteren Art darf (und mutz unter Umständen) ideale Gesichtspunkte zu seinen Gunsten in Anspruch nehmen und die Gesinnungsgenossen an die Pflicht der Unterstützung mahnen. Wird auf diese Weise ein Aufschwung des Blattes hcrk-ügcführt, fo profitiert davon die gute Sache mindestens ebenso gut, als der Verlag. Letzterer wird den errungenen Vorteil benutzen, um das Blatt innerlich und äußerlich weiter zu entwickeln. Wenn die Rose sich selbst schmückt, so schmückt sie auch den Garten! Wohl der Gemeinde, die ein blühendes, leistungsfähiges Blatt zur Vertretung ihrer religiös-sittlichen und ihrer politisch-sozialen Interessen besitzt. Die ,Fuld. Ztg/ ist übrigens bekanntlich nicht Eigentum eines Privatunternehmers, der erzielte Gewinn kommt wieder der Allgemeinheit zu Nutze.
Was nun die Wirkung von Werbeartikeln an« geht, so ist zu beachten: 1. Mancher liest gelegentlich eine Zeitungsnummer, ohne abonniert zu haben, obschon er von Rechts wegen ein ständiger Bezieher fein sollte. 2. Mancher Leser nimmt aus dem Werbe- urtikel Veranlassung, mal mit diesem oder jenem Bekannten zu sprechen, der eigentlich doch abonnieren müßte, oder sonst etwas für die Weiterverbreitung seines Blattes zu tun.
Auf eine solche Propaganda mit Hilfe ihrer be- reits vorhandenen Abnehmer dürfen unsere Zeitungen gerade dieses Jahr mit noch größerem Rechte spekulieren» als sonst lind zwar aus einem doppelten Grunde.
Kürzlich ist auf dem Katholikentag in Mainz ausführlich und gründlich verhandelt worden über die Unterstützung der guten Presse. Nicht bloß der einzelne Gesinnungsgenosse soll in feinem Kreise zu werben suchen, sondern es sollen sich dort, wo es nottut, örtliche Preßvereine bilden nach dem Muster des Düsseldorfer. So ist es recht.
Von gewaltiger aktueller Bedeutung ist ferner die bevorstehende Reichstagswahl. Da sie im Januar 1912 erfolgen soll, so läuft von Anfang Oktober bis Ende Dezember das letzte vollständige Zeitungsvierteljahr vor den Wahlen. Du gäbest viel darum, wenn du für euren Kandidaten noch die eine oder andere Stimme werben könntest. Zu diesem Zweck laßt ihr die sog. Kleinarbeit euch viel Ar-
Die Presse über sich selbst rmd luv sich selbst.
Gin Pfarrer benutzte gern jede Gelegenheü um ht seiner Sonntagsprcdigt die Mahnung etnzuflechten, daß die Gläubigen nicht bloß dem Metzopfe^ sondern aud) bet Predigt beiwohnen sollten, da ine Belehrung nni Anregung von der Kanzel uns allen sehr not unb gut täte. Bei der nachfolgenden „Kritik" rebe» int einige Zuhörer „klug". Was hilft es, sagten die einen, wenn in der Predigt für die Predigt geworben wird? Die, welche es angeht, sind nicht da, unb bie, welche da sind, haben die Meinung nicht mehr nötig! Andere, die eine noch schärfere Zunge hatten, sagten: der Pfarrer redet in seinem eigenen Interesse; er kann es nicht leiden, wenn er während seiner Predigt leere Plätze sieht. Er sollte nur recht interessant predigen; dann würden die Leute von selbst kommen!
Aehnlich, wie diesem braven Pfarrer, ergeht es der Presse, wenn sie um Leser und Abonnenten wirbt. Einesteils sagt man, die bisherigen Nichtleser bekämen ja auch diese Einladung nicht zu lesen, und andererseits fehlt eS nicht an der spitzigen Bemerkung, es handle sich da im Grunde nicht um die ideale Sache, sondern um das Geschäft der betreffenden Zeitung.
Beide Randglossen sind nicht stichhaltig und können also die Presse nicht von der Pflicht entbinden, auch über sich selbst und zu ihren eigenen Gunsten zu reden, wenn es im allgemeinen Interesse geboten erscheint.
WaS zunächst den „Geschäftsstandpunkt" angeht, so ist freilich jede Zeitung ein geschäftliches Unter
türm unerschüttert dasteht, trotz der nun schon in Vorbereitung der Reichstagswahlagitätion das ganze Jahr hindurch betriebenen Steuerhetze. Diese Agitation hat dem Zentrum nicht nur kernen Stimmenabbruch tun können, sondern ihm noch einen, wenn auch geringen Stimmenzuwachs gebracht. Das Zentrum braucht den Ansturm der Sozialdemokratie und des Liberalismus nicht zu fürchten, es ist in sich fest gefügt und seine Wähler lassen sich weder durch liberale noch durch sozialdemokratische Lockmittel, irreführen. Eine Stichwahl war auch schon bei den letzten Reichstagswahlen nötig und die diesmalige Wahl würde nichts bemerkenswertes haben, wenn nicht der Liberalismus von vornherein ein falsches. Spiel getrieben und dadurch, daß er von einer eigenen Kandidatur Abstand nahm, indirekt die Sozialdemokratie unterstützt hätte.
Wohin die sozialdemokrat-liberale Hetze fuhrt, das haben die Teuerungskrawalle in Wien gezeigt. Dort hat das durch Liberale und Sozialdemokraten irregeleitete Volk sich gegen die öffentliche Sicherheit vergangen und auch des privaten Eigentums nicht geschont. Das Wochen und Monate lang mit sozialdemokratischen Brandreden gefütterte Volk war ganz von Sinnen, stürmte ohne Anlaß die öffentlichen Gebäude, errichtete Barrikaden, und lieferte eine regelrechte Schlacht mit dem Militär und der Polizei. Die Wiener Krawalle zeigen nur zu deutlich, daß den sozialdemokratischen Hetzern von vornherein scharf entgegengetreten werden muß, wenn wir nicht eines schönen Tages mit beiden Beinen mitten in der Revolution stehen wollen. Das Blut, das in Wien geflossen ist, kommt über die Sozialdemokratie, die einzig und allein die volle Verantwortung für jene Vorgänge zu tragen hat. Und mitschuldig an jenen traurigen Vorgängen sind auch die Liberalen, die sich nicht gescheut haben, die sozialdemokratische Hetze mitzumachen. Die Vorgänge in Wien sollten für unseren Liberalismus eine Warnung sein und ihm zeigen, welch gefährlichen Weg er geht mit seiner Teuerungshetze.
In R uß land hat die sozialrevolutionäre Partei ihr Haupt wieder erhoben und Ministerpräsident
Stolypin ist als Opfer des Attentats eines gemeinen Mordbuben auf der Strecke geblieben. Für einen Ausländer ist es sehr schwer, ein gerchtes Urteil über das Wollen und Wirken eines russischen Staatsmannes zu fällen. Der Mann muß aus der russischen Umgebung heraus beurteilt werden; man muß die russischen Verhältnisse, die Ueberlieferungen und Sitten, die russischen Bedürfnisse und russischen Möglichkeiten kennen. Wer unter mittel- oder westeuropäischen Kulturbedingungen aufgewachsen ist, kann sich schwer in die Eigenart dieses halbwilden Riesenreiches hineindenken. Bon unserem Standpunkte aus können wir leicht sagen, daß Stolypin die konstitutionelle Entwicklung, die Zar Nikolaus durch seine bekannten Berfassungsmanifeste einleitete, lieber in freiheitlichem und volksfreundlichem Sinne hätte befördern sollen, statt als „Reaktionär" die demokratischen Kräfte einzuschränken und unter die Kontrolle eines starken monarchischen Regiments ßu halten. Die Vorfrage ist allerdings, ob das m Öftersten geschlagene und innerlich zerrüttete Rußland reif war für eine konstitutionelle Regierunos- form nach westlichem Muster. Stolypin hat die Vorfrage verneint, und wenn das ein Irrtum gewesen sein sollte, so ist es doch wohl zu begreifen, und braucht nicht ans böse Instinkte zurückgeführt zu werden. Tatsächlich hat er den konstitutionellen Wagen stark gebremst, aber er hat ihm nicht vollen Stillstand geboten. Schärfer muß das Urteil aus- sallen über die rücksichtslose Zentralisation, die Stolypin mit einer wahren Leidenschaft betrieb. Alle verbrieften Sonderrechte für einzelne Teile des Reichs waren ihm ein Greuel. Die finnischen Rechte und Freiheiten zertrümmerte er ohne Erbarmen. Die Vergewaltigung der Polen ließ er sich einen kleinen 'Staatsstreich kosten. Tie vom Zaren verkündete religiöse Toleranz schränkte er nach Möglichkeit wieder ein, weil er als Zentralisator neben der russischen Staatskirche keine andere Religionsgemeinschaft, die katholische erst recht nicht, hochkommen lassen wollte. Es stak etwas von der Bismarck- schen Natur in diesem Manne. Neben den Fehlern, die in solche Kraft- und Kamvsvolitik zu verfallen pflegen, hatte er auch die entsprechenden Tugenden, nämlich eine unbeugsame Energie, eine Tapferkeit, die auch in der alltäglichen Todesgefahr nicht wankte und was für Rußland mit seiner landesüblichen Beutegier besonders wichtig war, die Verachtung der materiellen Vorteile. Der Mann bat für seine politischen Ueberzeugungen (für die richtigen und für die falschen) treu gestritten und furchtlos gelitten. Seine Ehrlichkeit bildete eine seltene Ausnahme in diesem Heimatslande der Korruption, und darum war er auch befähigt, gegen die Korruption in der Verwaltung einen so scharfen Kampf zu führen, wie keiner seiner Vorgänger. Möchte nun sein Nachfolger das furchtbar schwere Reinigungswerk im Augiasstall fortsehen. Das verabscheuenswerte Verbrechen, dessen Opfer Stolypin geworden ist, hat die gerechte Empörung der ganzen zivilisierten Welt hervoraerufen und nur der Sozialdemokratie blieb es Vorbehalten, den Verbrecher zu verherrlichen und sein bedauernswertes Opfer als einen „blutbefleckten Verbrecher" hinzustellen. Das mögen sich einmal unsere Herren Liberalen merken, die so lüstern nach der Unterstützung dieser vaterlandslosen Gesellen blicken und die sich nicht scheuen, im Bunde mit der Sozialdemokratie die bürgerlichen Parteien zu bekämpfen und Einrichtungen des Staates an-ngreisen.
In Irland ist eilt neuer Eisenbahueraus- stand ausgebrochen, der schon die drei größten Eisen- bahngesellschasten umfaßt. Fast der gesamte Eisenbahnverkehr in Irland ist schon heute lahmgelegt. Man hegt die Befürchtung, daß es zu einem neuen General-Eiseubabuerausstand des ganzen britischen Jnselreiches kommen werde. Dann steht England vor denselben Schrecken der Sozialrevvlution, die e^ vor kaum Monatsfrist durchkosten mußte.
In Spanien scheint sich eine Revolution vorzubereiten, die den Zweck hat, die Monarchie zu stürzen und die Fahne der Republik über das Reich der Bourbonen aufzupflanzen. Aus dem Bergarbeiterstreik in Bilbao hat sich ein Generalstreik in ganz Spanien entwickelt, der offen«'-btt ich revolutionären Charakter trägt. Ob die Regierung in der Lage ist, der Bewegung Herr zu werden, ist aus den stark der Zensur unterliegenden Depeschen bisher nicht ersichtlich. Die Regierung hat schon zu
wochen-Rundschau.
[:] Fulda, 22. September 1911.
Die Marokkoverhandlungen, die trotz des russischen Attentats und der Revolution in Wien noch das meiste Interesse ht Anspruch nehmen, scheinen neuerdings flotter voranzugehen. Vor Toresschluß haben sich aber noch erhebliche Schwierigkeiten ergeben. „Prinzipielle Fragen" befinden sich noch in der Schwebe, auf die weder Frankreich noch Deutschland Verzicht leisten will. Gleichzeitig hat man einen Wechsel des Verhandlungsverfahrens eintreten lassen. An Stelle des Dokumentenaustausches ist wieder die anfangs beliebte Methode der mündlichen Unterhandlung getreten. Wenn auch die erwähnten „prinzipiellen Fragen" noch allerlei Schwierigkeiten machen, so Hang aus den letzten amtlichen Auslassungen, sowohl von der Spree wie von der Seine, der ehrliche
verein Dortmund-Hamm erhielt von der Regierung (1) eine Unterstützung (!) von 7000 Mark für ein Automobil, muß dieses aber der Militärverwaltung für den Fall eines Krieges sofort zur Verfügung stellen. So verbündet sich die „völkerbefreiende Sozialdemokratie" mit dem „männermordenden Militarismus", wie eine Resolution des Jenenser Parteitages so schön sagte. Das Dortmunder Zentrumsorgan teilte diese Sache mit, worauf die „Arbeiter- Zeitung" unter der Uebeischrist: „Wir schuldbewußten Sünder!" folgendes entgegnet:
Wir stehen gar nicht an, zu erklären, daß wir das Verhalten des Konsum- unb Sparvereins voll unb ganz billigen unb das;, wenn wir uns auch ein solches Automobil anschasfen müßten, wir es nicht anders machen würden. Wir sehen nicht ein, warum wir es nicht so machen sollten. So 7000 Mark sind kein Pappenstiel, da ist mancherlei mit anzufangen, und wer gibt uns übrigens die Garantie, daß, wenn es mal zu einem Kriegsfall kommt, daß bann auch Sie nicht vom Staat subventionierten Lastautomobile vom Staat zu Kriegszwecken requiriert würben? Jedenfalls teilt Mensch. Wir würden Im Gegenteil mit Bestimmtheit damit rechnen dürfen, daß auch ohne staatliche Subvention wir unsere Lastautomobile los würden. Wenn wir auf dieser Seite einige tausend Mark sparen können, können wir die unserem Kampf- forids einverleiben und mit dem Geld des Klasse n st a at e s den Klaffenstaat unb die Kriegshetzer bekämpfen.
Denn wenn man das „Geschäftchen" satirisch behandeln wollte, könnte es kaum besser geschehen, als durch die vorstehenden Sätze. Die Sozialdemokratie bekämpft den Militarismus bis aufs Messer und hat dem Klassenstaat sowie der von ihm gestützten Eigen- iumsordimng den Krieg erklärt. Aber was schert sie Moral, was schert sie Konsequenz, wenn 7000 Mack verdient werden können. Der Konsumverein hat nicht aus Mangel an Einsicht gehandelt, sondern mit vollem Vorbedacht; ein schuldbewußter Sünder!
** Als die „wahre Volkspartei" verhöhnt die sozialdemokratische „Münch. Poft" (Nr. 216) die nationalliberale Partei, weil sie neben verschiedenen Dutzend Landwirten, Fabrikbesitzern, Generaldirektoren, Kommerzienräten, Beamten, Rechtsanwälten, Oberbürgermeistern usw. „sage und schreibe zwei Arbeiter" als Kandidaten für die kommenden Reichstagswahlen aufgestellt habe. Trotzdem aber wird die Partei der „Münch. Post" im Wahlkampf den Nationalliberalismus unterstützen, sogar ohne Gegenleistung. Wenn man sich sonst nahe steht, weshalb auch nicht. Von den sozialdemokratischen Kandidaten und Abgeordneten sind ja auch die wenigsten Arbeiter, und man nennt sich doch anmaßend „die Arbeiterpartei".
X Die liberale Einigung in der Rheinpfalz ist gescheitert. Wie das „Bert. Tagebl." aus Ludwigshafen mitteilt, wollten die Nationalliberalen den Fortschrittlern nicht einmal den einzigsten für die Volkspartei beanspruchten Wahlkreis' Kaiserslautern überlassen, trotzdem sie sich bereit erklärt hätten, in allen anderen pfälzischen Wahlkreisen für die Nationalliberalen zu stimmen. Jetzt wollen die Fortschrittler auch in allen pfälzischen Wahlkreisen eigene Kandidaten aufstellen. — Die Nationalliberalen sind gute Geschäftsleute; sie wissen ganz gut,
t>cn alleräußersten Mitteln gegriffen, lieber die verschiedensten Städte ist der Belagerungszustand verhängt worden, und sämtliche konstitutionellen ©arantien ht Spanien sind aufgehoben worden. -~agltd) finden Zusammenstöße zwischen Militär und bett revolutionären Streikenden statt. Selbst Ar- ttllerte hat schon einareifen müssen.
. Die gegenwärtige Lage in Persien ist nach tote vor noch ungeklärt. Es scheint allerdings, daß bie Lage des Exschah Mohammed Ali ziemlich mißlich ist- Seine Parteigänger haben verschiedentlich schwere Niederlagen erlitten und der Erschab soll bereits Persien wieder verlassen haben. Ganz verloren scheint seine Sache noch nicht zu fein, denn noch steht fein Parteigänger Salon ed Dauleh erfolgreich gegen die persischen Regierungstruppen im Felde. Die Regierung bereitet indessen alles vor, um zu einem entscheidenden Schlage gegen ihn auszuholen.
Wille zur Einigung heraus.
Das Ergebnis der Reichs tagsersatzwahl in Düsseldorf ist eine Stichwahl $torr-t-“ n'~ Friedrich (Zeutr.) und Haberland (Soz ). !
hat wieder einmal gezeigt, daß der alte Zentrums-
Schloß Sonneck.
49] Roman von Felix Nabor.
Hilde reichte ihm die Rosen. „Willst du sie als Andenken mitnehmen?" fragte sie
Er küßte sie und barg sie an seiner Brust. „Ich danke dir. Ich werde sie auf dem Herzen tragen und immer an dich denken."
Ihn fröstelte und er erhob sich. „Hilde" sagte er -es muß sein. Wir wollen uns dm Abschied nicht et^ schweren. Sei guten Muts! — Ich komme wieder! Ich hole mir meine süße Braut. Wirst du manchmal an mich denken?"
„Immer Georg — immer! Ich werde dich nie vergessen. Immer werde ich in Gedanken bei dir sein"
Hilde legte ihr Haupt an seine Schulter und wein« Leb wohl, Georg! Ich muß nun gehen —' Ta rußte er sie. „Auf Wiedersehen, Hilde! Ich komme bald - hab mich nur immer lieb " dis in den Tod."
n. „tw - nz nahm ihre beiden Hände und legte bi*f4 SÄ’ "$örft du, wie es pocht! - Für ist dein ewen «ehört dir, jeder Blutstropfen i6r/i2Ze ungestüm in seine Arme und küßte
. AEe noch einmal mit bet Hand und schritt davon. Noch emmal wandte sie sich um und lächelte schmerzlich. Er sah ihr todbleiches Gesicht Seine Knie brachen, feine Kraft war zu Ende — er schluchzte und starrte ihr nach, bis der Nebel ihre schlanke Gestalt verschlang.
Dann wankte auch er ins graue Leben hinein.
' 21.
Nach einer Woche trüben, regnerischen Wetters war die Sonne Siegerin geworden. In leuchtender Pracht stand sie am Himmel, von lichten Wölkchen toie von Engelsflügeln umgeben, und schüttelte der Erde ihr Gold in den Schoß. Der Herbst stand
über dem Land und enthüllte noch einmal all seinen herben Zauber. Die Erde war so schön und srüchte- reich. voll von Arbeit und von Segen.
Auf Schloß Sonneck war schöne Zeit. Auf der Terrasse herrschte angenehme Wärme und hier spielte sich tagsüber das Leben der Schloßbewohner ab. Iris, Bautz von Sonneck und Hilde lebten so einträchtig und friedlich zusammen, als ob sie innig verbundene Glieder einer Familie wären. Iris lernte in diesem trauten Verkehr immer mehr die vornehme Gesinnung brr sonnecks schätzen und fühlte sich nach den langen, hatten unb liebeleeren Jahren im Hause ihres Onkels zufrieden und heimisch. Sie wußte letzt, was eine wirkliche und wahre Heimat ist: ein trauter Ort, wo Liebe wohnt.
Nur eines machte ihr Sorge — daß Viktor nicht zurückkehrte. Ihren ganzen Reichtum hätte sie ihm zu Füßen gelegt.
Die Arbeit milderte ihren Schmerz. Sie half dem Masor getreulich bei der Reinschrift seines Manuskripts, und das war mehr ein frohes Spiel als anstrengende Arbeit-
Hilde trug still und gefaßt ihr Los. Von ihren schweren Kämpfen und Sorgen wußten die andern nichts. Sie hatte gehofft, in der Einsamkeit des ländlichen Lebens zu vergessen. Aber das war unmöglich. Kein Meer war so tief, daß sie ihre Liebe hätte darin versenken können; immer wieder schlugen die Wellen der Erinnerung an das Land ihrer Träume und erzeugten Ebbe und Flut . . .
Jede Woche erhielt sie aus dem Süden einen Strauß von Veilchen ober Rosen, und immer war ein Gruß von der Hand Georgs beigefügt.
Allmählich wurden die Sendungen seltener und endlich hörten sie auf. Dann kam noch einmal ein Bukett von Rosen, Veilchen und Narzissen, dabei ein weißes Blatt, das Prinz Georg mit eigener Hand beschrieben hatte — die Hand hatte gezittert. Hilde fühlte ein dumpfes Weh und ihr Herz zitterte. —
Ter Winter kam und hüllte alles in sein weißes, reines Kleid. Die Stürme brausten durchs Tal, aber oben im Schlosse war es warm und traut.
Zu Weihnachten lag Sonnecks Buch im Manuskript fertig auf dem Schreibtisch. Iris schrieb den Geleitsbrief und der Major setzte mit einem kühnen Zuge seinen Namen darunter- Alsdann ward das Kind ihrer Muse von Vater und Patin sorgfältig verpackt und an eine angesehene Verlagshandlung geschickt. Nun warteten sie Woche um Woche voller Spannung aus die Entscheidung, und als sie immer noch nicht kam, wurde Iris ungeduldig.
Sonneck lachte sie aus. „Tu liebes, dummes Mädel du", sagte er, „es gibt außer dem alten Sonneck noch anbere Leute auf der Welt, die Bücher schreiben. Schließlich kriegen wir den ganzen Back trotz deiner schonen Handschrift wieder zurück. Pech habe ich ja immer im Leben gehabt. Warum sollte cs diesmal anders fein."
Dagegen protestierte Iris seie-lich und behauptete, das Buch müsse reüssieren.
Emes Tages im Februar kam endlich ein Brief vom Verleger. Hilde und Iris standen herzklovfend da und sahen zu, wie der Major den Brief mit zitternden Händen erbrach und wie er dann las. Mit einemal ging ein Leuchten über fein Gesicht. „An- aenommen!" rief er. „Könnt ihr das begreifen, Mädels?" . . . Eine große Auflage will der Verleger drucken lassen? . . . Und — zweitausend Mack zahlt er, denk mal: zweitausend Mark! . . ."
Da hingen sie beide an seinem Halse. Hilde lehnte ihre Wange an sein Gesicht. „Papa, Heber Papa — siebst du, nun wird es wieder gut! Du hast Arbeit, Verdienst — machst dir einen Namen!"
Iris tanzte im Zimmer herum. „Zweitausend Mack! Was fangen wir denn mit all dem Gelbe an?"
„Wir legen es in Obligationen an."
Iris rümpfte das feine Näschen. „Pah! Dreiein halb Prozent! Das ist nichts! Weißt du was? Wir kaufen Aktien von unserer Fabrik- Das wirst zwölf Prozent ab!"
„Hm, wenn du meinst —"
Natürlich Du wirst ein reicher Mann werden durch deine Schriftstellerei und kaufst mir dann das Schloß ab."
„Mädel!" rief Sonneck lachend, „du bist toll. So reich werde ich niemals! Aber es ist mir ja auch nicht ums Geld allein — sondern daß mein alter Nome wieder zu Ehren kommt. Tausende werden ihn lesen und sich sagen: er ist doch nicht so ganz unnütz, der alte Boutz von Sonneck!"
Die Augen wurden ihm feucht. Er, der so viele Jahre untätig gewesen war und geglaubt hatte, fein Leben wäre ein verlorenes, fand endlich nach langem, fruchtlosem Irren eine Tätigkeit, die feinen Neigungen entsprach, die fein Leben auszufüllen vermochte und ihm eine frohe, arbeitsreiche Zukunft in Aussicht stellte. Es war doch etwas Großes, durch ein warm geschriebenes Buch zu einem ganzen Volke reden zu können, es für alles Schöne, Große unb Wahre zu begeistern. die Liebe zur Heimat und zum großen schönen deutschen Vaterlande zu wecken und der Heranwachsenden Jugend an der Hand der Geschichte und der großen Taten der Vorfahren die Pfade zu weisen, die sie zu gehen hatte: die Pfade der Wahrheit, des Rechts, der Pflicht, der Treue, der Ehre!
Es war ihm infolge seiner Gebrechlichkeit nicht vergönnt, an der Spitze eines Regiments zu marschieren, feine Mannschaft zu Mut und Tapferkeit zu entflammen und zu tüchtigen, pflichtbewußten Soldaten heranzubilden; aber es blieb ihm ein anderes Feld zu bebauen Vorbehalten: das des Geistes unb des Herzens. Hunderte und Tausende, ein ganzes Heer konnte er entflammen zur Treue unb zur Pater- landsliebe!
Das war eine so schöne und große Lebensaufgabe, daß Sonneck darüber seine körperlichen Serben vergaß unb sich wieder als Offizier fühlte als em Streiter für die deutsch: Ehre! —
Zehn Bücher wollte er noch schreiben und den alten Namen zu neuen Ehren bringen. „Ehemals waren wir Sonnecks Ritter vom Degen", sagte er „jetzt bin ich ein Ritter vom Geist, oder besser — vorder Feder! Aber gleichviel: wenn nur etwas Gutes dabei herauskommt!'
(Fortsetzung folgt) .