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RotationrdruSund Verlag der Luldaer Ak- tiendru<kerei in Fulda Fernsprecher Ur. 9.

M 217. Erstes Blatt.

Fulda, Freitag den 22. September 1 >11.

38. Jahrgang.

Bebel und das Christentum.

Ter alte Sozialistenführer hat auf dem dies- fährigen Parteitag nicht besonders gut abgeschnit­ten. Er tvird unsicher und der Streit zwischen Revisionismus und Radikalismus trifft in ihm auf eine schwankende Gestalt. Um so fester ist er im Fanatismus gegenüber den entschiedensten Gegnern der Sozialdemokratie und unter ihnen vor allem gegenüber dem Zentrum. Ueberhaupt entlud sich Ja int besonderen Maße der Haß des Parteitags gegen das Zentrum; ein Beweis, daß dieses das stärkste Bollwerk gegen die rote Flut ist. ginntet: und immer wieder wurde wiederholt und in den grellsten Farben ausgemalt, wie „r a k t i o- när" das Zentrum sei, ja daß es die reaktionärste Partei überhaupt sei, die es gebe. Die großen Massen müßten darüber aufgeklärt werden, aber — und hier zeigt sich gleich wieder das Fuchsgesicht der Sozialdemokratie — man dürfe nicht mit Knüppeln auf die Religion losschla­gen, da noch viele Arbeiter int Banne der Kirche ständen, sondern man müsse da hübsch vorsichtig sein.

Das hat den Atheisten Bebel allerdings nicht gehindert, sich so zynisch imb so frivol über den christlichen Glauben auszusprechen, wie schon lange sticht mehr. Höhnend rief er aus:

s „Und kommt es dann zum Kriege, dann steigen die Pfäffen auf die Kanzeln, auf die 50 000 Kanzeln in Deutschland und beten zu ihrem Gott, er möge den Deutschen den Sieg verliehen. Unglücklicherweise machen es die Franzosen, die Engländer und die Spanier ebenso ^Heiterkeit), und da wir heute nicht mehr wie zu den Zeiten der Griechen, der Römer und der Gallier nationale Götter Haden, sondern da wir einen einzigen internationalen Gott haben, ,da wir einen Christengolt haben, so kommt er in die scheußlichste Verlegenheit, wem er eigentlich Helsen soll. (Große Heiterkeit.) Denn wenn er dem einen hilft, dann sind die anderen wütend, daß er sie im Stich gelassen hat. (Heiterkeit." Das ist ein Beweis daftir, wie es mit der ganzen christlichenHeuchelei in Wahrheit beschaffen ist."

So sagt cs uns der „Vorwärts" (Nr. 217). Die Genossen aber lachen und brüllen vor Vergnügen über die „guten Witze" ihres Alten. Wer sich nicht scheut, die Gefühle des deutschen christlichen Volkes so frech ttnd ungezogen zu verhöhnen, der kann nicht beanspruchen, daß ihm dieses Volk Glauben und Vertrauen schenkt. Wie kann ein Arbeiter, der noch an das Dasein Gottes glaubt, einer Partei angeboren, deren Führer sich dergestalt auslaßt?

Derselbe Bebel scheute weiter nicht davor zurück, in derselben Rede folgende weitere Lästerung zu be­gehen:

»Var Jahren schon habe ich im Reichstage einmal ausgerufeu: Wenn Euer Christus einmal wieder- käme und Mitglied des Reichstags würde, er würde Nicht bei Euch im Zentrum, sondern bei uns, der Sozialdemokratie, seinen Platz einnehmen, weil sie die einzige Partei ist, die die menschlichen Gtund- jätze seiner Lehre vertritt."

Der Atheist Bebel, der den Himmel den Engeln Und Spatzen überlassen will, versteigt sich hier" in das theologische Gebiet und will wissen, was Jesus Christus heute tun würde, wenn er käme. Er be­weist damit jedoch nur, daß er keine Ahnung von der Ausgabe Jesu Christi hat. Als ob Jesus Christus ein sozialdemokratischer Agitator gewesen wäre, der nichts kennt, als den Brotkorb! Wie wi­derspricht schon das eine Wort Jesu Christi aller sozialdemokratischen Agitation: „Der Mensch lebt nicht allein vom Brot, sondern von jenem Wort, das aus dem Munde Gottes kommt." Ein Hohngelächter wäre heute die sozial­demokratische Antwort aus dieses Wort Jesu Christi. Und was hat denn Jesus Christus selbst als Zweck seines Lebens angegeben? Etwa die Versorgung von Bedürfnissen und den aus deren Befriedigung folgenden Genuß, wie die Sozialdemokratie, die die Menschheit heute wieder an dem Gängelbande einer längst bankerotten Lebensanschauung in den Sumpf führen will?

C h r i st u s hat gesagt: „Ich bin gekommen, um zu suchen, was verloren war." .Ich bin in die Welt gesandt, daß ich den Willen meines Vaters tue, der int Himmel ist." Er hat ferner gesagt: „Tas ist das ewige Lebett, daß sie (die Menschen) dich er­kennen, den allein wahren Gott und den du gesandt hast, Jesus Christus." Meint Bebel wirklich, Je­sus Christus würde heute mit solchen Grundsätzen bei der Sozialdemokratie Anschluß suchen und vielleicht gar ein gläubiger Jünger Bebels wer­den? So eine Narrheit kann bloß ein alter Schwä­cher oder ein Mann behaupten, dem es auf die Wahl seiner Kampfesmittel nicht ankomntt. Der alte und religiös äußerst oberflächliche und seichte Atheist Bebel ist eben zum Theologen so wenig tauglich, wie der Fuchs zum Richter, und wenn er sich auf dieses Gebiet begibt, so blamiert er sich.

Christus hat in der Welt die Sache Gottes vertreten und hat den Menschen nicht als höher entwickelten Affen behandelt, der nur nach etwas besserem utter verlangt, als sein Ahne, sondern er hat thn behandelt als Geschöpf Gottes, das mit einem unsterblichen Geiste ausgestattet ist, und hat daher gesagt, „suchet zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, alles übrige wird euch beige- veben werden." Bon dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit will aber die Sozialdemokratie, die roheste aller volksverführenden Bewegungen, nicht das mindeste wissen.

Tas C h r i st e n t u m allein weist den Men­schen die rechte Aufgabe zu und sorgt für feinen Geist, ohne seinen Leib darüber zu verttachlassigen. Und das Zentrum sicht daher aus dem Standpunkt Jesu Christi, nicht aber die ungläubige, rohe An- fchauung der Sozialdemokratie.

Deutsches Reich.

** Berlin, 21. Sept. 1911. Das Kaiserpaar ist am Mittwoch abend von Königsberg nach Romin- ten abgereist. Die Ankunft erfolgte am Donnerstag vormittag. — Der Bundesrat wird seine Plenar- Sitzungen am 6 Oktober wieder aufnehmen. — Der preußische Justizminister Beseler, der seinem Ressort seit 1905 vorsteht, feiert am 22. Sept, seinen 70. Geburtstag. Der Minister hat für die Modernisierung der Rechtspflege viel getan und sich namentlich auch des Personals der Justizverwaltung in hervorragender Weis« angenommen. — General­oberst v. Plessen feierte Donnerstag unter großer Teilnahme in Potsdam sein fünfzigjähriges Dienst­jubiläum.

** Ans dem Wege zur Verständigung. Ein: aber­malige Aufammentunft zwischen Herrn v. Kiderlen-Wächter und dem Botschafter Cambon hat dem Berliner Lokalanzeiger zufolge am Donnerstag stattgefunden. Es handelt sich, dem genannten Blatte zufolge, hierbei um Vermittelungsoor­schläge, die zwecks leichterer Erledigung einiger weniger Punkte, über die eine Verständigung noch nicht erzielt werden konnte, gemacht worden sind und von denen man annehmen darf, daß sie zu einem Kompromiß führen werden. Es scheint nicht ausgeschlossen, daß bereits die nächsten Unter­redungen ein solches Ergebnis zutage fordern werden. Ob im Anschluß daran schon eine beiderseitige Regierungsauslassung erfolgt, oder aber erst, nach­dem auch die Frage der Landabtrennungett erledigt ist, erscheint zur Zeit noch nicht entschieden zu sein. Die gesamten Verhandlungen dürsten nicht vor Ende dieses Monats beendigt sein. — Die Entlas­sungen der Marinereservisten haben von Kiel aus ihren Anfang genommen und werden in den nächsten Tagen fortgesetzt. Die regelrechte Ent­lassung der Reservisten in Heer und Flotte bildet auch ein Zeichen, daß gegenwärtig keine Kriegs­gefahr besteht. Die Entlassung der französischen Reservisten findet ebenfalls in diesen Tagen statt. In Belgien werden die bisher zurückgehaltcnen Reservisten nunmehr Ende des Monats entlassen.

)( Der Wiederbeginn der Neichstagsvrrhandlungeo. Präsident Graf Schwerin beabsichtigt die erste Sitzung des Reichstags »ach den Ferien auf Diens­tag 17. Oktober anzuberaumen.

* Der Reichskanzler und die Parteien. Berliner Blättermeldungen zufolge wird der Reichskanzler beim Zusammentritt des Reichstages mit den Füh­rern der Reichstagsfraktionen Besprechungen ab­halten, in denen er die Richtlinien der Gestaltung der Arbeiten der Nachsession im Sinne der Regie­rung darlegen wird. Der Seniorenkonvent foll daraufhin einen Arbeitsplan festsetzen.

♦ Die Ernennung des Geh. Obermtdizinalrats Kirchner zum Direktor der Medizinalabteilung bt< preußischen Ministeriums des Innern, die soeben erfolgte, wird in medizinischen Kreisen lebhaft be­grüßt. Die Medizinalabteilung ist bisher in der Regel von Juristen geleitet worden, obwohl ihr Gebiet ausschließlich das der Gesundheitspflege ist. Die Aerzte erwarten von der Berufung eines Fach­mannes eine besondere Berücksichtigung und Förde- Tttna ihrer Interessen.

** Keine Erschütterung miserer Finanzen. Die „Nordd. Allg. Ztg." wendet sich gegen die im Aus­lande verbreiteten ungünstigen Nachrichten über die finanziellen Verhältnisse in Deutschland. Diese Nachrichten sind aus direktes Uebelwolleit gegen Deutschland zurückzuführen. Das osfiziöse Blatt be- tottt, daß Deutschland die nach Deutschland gebrach­ten ausländischen Guthaben im Betrage von 800 Millionen Mark Ansang des Jahres ohne jede Er­schütterung des Geldmarktes zurückgezahlt haben.

= Bell und Bebxl. Der sozialdemokr 'tische Par- teivorstand hat bekanutlich die Behauptung des Abg. Dr. Bell-Essen bestritten, daß von maßgebender sozialdemokratischer Seite im Jahre 1906/07 dem Zentrum ein Wahlbündnis angeboten worden sei, das aber vom Zentrnm abgelehnt worden ist. Ein Essener Blatt ist daraus den Landlagsabg. Bell angegangen, der abermals erklärte:

„Gegenüberder bestreitenden Darstellung des .Vor­wärts', die sich offensichtlich an Worte anzuklammern sucht, verbleibe ich bei der Behauptung, daß bei den letzten Reichstagswah'en von maßgebender sozial- demokratifcher Sette dem Zenltutn eine gene­relles Wahlbündnis angeboten, daß dieses Angebot aber abgelehnt worden ist. Sollte dem ,Vo!wärts' düse Auskunft nickt acniigen, so mag er sich an Herrn Reichstagsabgeordneten Bebet wenden."

Damit wird offensichtlich auf Bebet als Urheber des sozialdemotrattschen Bündnisangebotes an das Zentrum hingcwieseii. Er wird sich nun erklären wüsten.

* Nicht deshalb, sondern trotzdem. Atts Pommern gehen der „2ib. Kocr." folgende Zeiten zu:

.Der Rittergutsbesitzer Rittmeister a. D. v. Berg- Dram k e w i tz aus Rügen, der in einer liberalen Ver- lammlung dem fortschrittlichen Parteisekretär Posse! gegenüber die Erklärung abgab, bei einet Stichwahl zwischen Sozialdemoiratie und Liberalismus würde er den Sozialdemokraten wählen, ist gelegentlich der Stettiner Kaisertage, wie nachträglich betont sei, mit einem Orden ausgezeichnet worden!"

Wegen dieser Aeußcrung? sragt ein süddeutsches Blatt. Antwort: Deshalb gerade nicht, aber trotz­dem, meil's halt gleich ist, wen von beiden man wählt.

)( Bebels Nttvvsiliit. Wie die Jenaer Postvcr- waltung mitteilt, ist kein für Bebel dort ein­getroffenes Telegramm ihm vorenthalten worden. Das fragliche Telegramm ist wahrscheinlich ver­loren gegangen. — So klärt sich also der Vor­gang harmlos auf. Ebenso wird es mit der ro- matilischen BersolgungZaesck ichte durch Geheimpoli­zisten sich verhalten.

— Weimar, 20. Sept. 1911. Vorbehaltlich der Zustimmung des Landtags hat das großherzogliche

Staatsministerium Mittel bis zum Betrage b on | 5 00 0 00 Mark zur Verfügung gestellt, um an Gemeinden Darsteh eu zu beheben, mit deren Hilfe unbemittelten kleineren Landwirten und Vieh- haltem durch Vermittelung der Rosstandskommissionen Futter-und Einstreumittel beschafft werden sollen. Die Darlehn, die esst Ende 1915 zurückgezahlt zu werden braudjen, werden den Gemeinden für die Zeit bis Ende September 1913 gegen eine Verzin­sung von nur 2 und für die beiden darauf folgenden Jahre gegen eine Verzinsung von nur 3 vom Hun­dert gewährt.

** Saarbrücken, 20. Sept. 1911. Die Stadtver­ordnetenversammlung beschloß gestern die Errichtung einer paritätischen Mädchen-Mittelschule. Es wird dazu berichtet:

Die katholische Pfarrgeifttichkeit sowie der Kalhol. Lehrer- und Lehrerinnenverein von Saarbrücken halten Eingaben an das Kollegium gerichtet, in denen sie ihre schwerwiegenden Bedenken gegen den „paritätischen" Charakter der Schule darlegten und um Ablehnung baten. Vergebens. Einer der Wortführer der Libe­ralen, Bergwerkdirektionslekrelär Vogel, meinte sogar, diese Eingaben würden viele Stadtverordnete veran- lasfen, nunmehr erst recht für den „paritätischen" Charakter der Schule einzutreten, eine Aeußerung, die bei vielen ein beifälliges Gemurmel hervorrief. Der Hauptwortführer der liberalen Majorität, Rechtsanwalt Zillessen, wandte sich scharf gegen die erwähnten Ein­gaben und erttärte, der darin vertretene Standpunkt sei nicht der Standpunkt ,oe§ Katholizismus als solchen, sondern des „Uttramontanismus", der bestrebt ist, jeden davon abzuhalten, seinen Gesichtskreis zu er­weitern". Oberbürgermerster Mangold begründete den „paritätischen" Charakter der Schule damit, daß andere Städte, so Düsseldorf und Krefeld, ihre Mittelschulen auch „paritätisch" eingeritf*'* hätten, sowie daß die andern gehobenen Schulen ■ Saarbrücken auch pari­tätisch seien. Endlich en. „reche dex „paritätische" Charakter auch seiner, des Oberbürgermeisters, Welt­anschauung. Eine geradezu wunderbare „Begründung"! Also weil in andern überwiegend katholischen Städten die liberalen Stadtvertretüngen den Kathokilen pari­tätische Schulen aufgezwungen haben und weil man die Saarbrücker Katholiken schon mit so vielen simultanen Schulen wider ihren Willen „beglückt" hat, zuletzt noch mit einem Bollsichullehrerinmn-senitnar und einer Vorschule dazu, müssen diese jetzt auch noch eine simultane Mädchen-Mittelschule schlucken. Und daun erst Die Weltanschauung des Herrn Oberbürgermeisters! Was in aller Welt hat die denn mit der Sache zu tun. Die überwiegend katholische Stadt L-aarbrücken hat Herrn Mangold doch nicht wegen seiner Weltanschauung zum Oberbürgermeister gewählt! Als Oberbürger­meister hat er sich in seinem amtlichen Auftreten zu­nächst nach der Weltanschauung der Majorität der Bürgerschaft zu richten. Privatim mag er nach feiner eigenen Weltanschauung leben, so viel ihm beliebt; aber die die Mehrheit bildende katholische Be­völkerung Saarbrückens wird für sich auch noch dasselbe Recht beanspruchen dürfen, privatim eben­falls iad) ihrer, der katholischen Weltanschauung leben zu dürfen. Dieses Recht wird rhr aber verkümmert, wenn man sich zwingt, ihre Kinder in simultane Schulen zu schicken und diese Schulen obendrein noch mit ihren Stenern zu unterhalten. Den katholischen Standpunkt vertrat in geschickter Weise Herr Jnstizrat Dr. Muth, der die Bedenken darlegte, ans welchen die kathottsche Bevölkerung gegen den beabsichtigten paritätischen Charakter der Mittelschule fei. Er beantragte schließ­lich, die Schule mit konfessionellen Parallelklassen zu begründen. Aber für diesen Antrag erhoben sich bei der Abstimmung außer dem Antragsteller nur noch zwei Stimmen. Nicht einmal alle katholischen Stadt­verordneten stimmten dasür! Der Antrag der Stadt- verwaltung auf Eimührnng der paritätischen Mittel­schule zu Ostern 1912 wurde hieraus genehmigt. Der katholische Religionsunterricht, so wurde noch mitgeteilt, solle nebenamtlich, der euangelifdje im Haupl- amt erteilt wcrden. Somit ist in Saarbrücken wiederum tut weiterer Sch itt zur Simultanisierung des Schulwesens geschehen.

X Zur Düsseldorfer Rcichstagsersatzwahl.

Tie gesamte Presse mit Ausnahme natürlich der linkslibcraleu, ist vollkommen einig darin, daß Düsseldorf nicht an die Nmsturzpartei verloren gehen darf. Von der „Kreuzzeitung" herab bis zum Organ Les Evangelischen Bundes, der „Täglichen Rundschau*, wird den Nationalliberalen vor­gehalten, daß sie es nicht verantworten können, wenn Düsseldorf verloren geht. Entgegen diesen Mahnungen richtet die itationaUiberale „Köln. Ztg * an ihre Düsseldorfer Gcsitinu gsgcnossen aufs neue die Aufforderung, bei der Stichwahl Gewehr bei Fuß zu stehen.

Die Düsseldorfer Liberalen müssen ja wissen, was sie tun. Das Zentrum kann im ungünstigsten Falle ein Stichwahlmandat verlieren; seine Ehre ist schon jetzt glänzend gerettet. Tie national­liberale Partei Düsseldorfs aber büßt ihre staats­bürgerliche Zuverlässigteit und ihre nalionallrberale Ehre ein, wenn sie nicht wenigstens so viel Stim­men für den bürgerlichen Kandidaten ausbringt, als zur Abwehr des sozialdemokratischen Triumphs nötig sind.

Tas „Düsseld. Tageblatt* macht eine Rechnung auf, der zufolge mindestens 5000 Stimmen aus­zubringen sind, vorausgesetzt, daß die Stimmen Herkenraths restlos für den Zentrnmsmann ab­gegeben werden. Können diese 5000 aufgebracht werden? Das „Düsseld. Tgbl.* antwortet ohne Zögern und aus voller lieber jeugung: Ja! und fährt fort:

Jedenfalls ist sich r und wird auch allgemein zum Ausdruck gebracht, unter den 30000 Nichtwählern finden sich große Zentrumsreserven, und wir wollen gleich ehrlich hinzufügen, daß es gerade das mittlere Bürgertum ro.ir, das diesmal nicht in allen Teilen den früher selbstverständlichen Eifer für die gute Sache bewiesen hat. Diese Reserven gilt es nun, mobil zu machen. Wenn Gefahr im Verzüge ist, dann darf cs lerne Wahlfaulhcit geben. Wir find überzeugt, daß unsere Parteifreunde diese Arbeit gern und gründlich leisten werden, und unsere Uederzeugung gründet uch auf den Opfermut und die Treue, die sie der Zen­trumssache bereits in diesen Tagen erwiesen haben... Es wird geschehen, was geschehen kann, und darum ist alle Aussicht vorhanden, daß der Stichwahltag die Gegner Lügen strafen wird, die freudestrahlend den

neuen Ersahrnngssatz verkünden: Das Zentrum ist be­siegbar! Machen wir diese Hoffnung zuschanden, zeigen wir, daß der alte, ideale Zug, der uns groß gemacht hat, nodj unvermindert in uns joriwirkt, dann braucht uns in der Tat um den enögiltigen Ausgang dieser Wahl nicht bange zu sein."

Wenn es noch eines Beweises für die freund­schaftliche Stellungnahme des H a n s a b u n d e s gegenüber der Sozialdemokratie und das massen­hafte Eintreten nationalliberaler Wähler für den Sozialvemoiraten bebur t hätte, so wäre er durch den ,Dortmunder Gen.-Anz.' erbracht. Dessen Spezialberichterstaiter plaudert folgendes aus:

Abends 8 Uhr in dem Wahllokal der Liberalen. Alles gedrängt voll. Viele Arbeiter, viele junge Kauf­leute. Alles kriegerisch gestimmt gegen das Zentrum. Die ersten Resultate lausen ein: Haberland 380, Friedrich 210, Breitscheid 50 usiv. Ohrenbetäubender Beifallsjubel — ich glaubte, mich im Flur geirrt za haben und bei den Sozialdemokraten zu sein —, aber nein, „Nationalliberales Wahlbureau" prangt dort an der Tür. Da geht mir ein Licht auf — der Hanfabund macht sich geltend —, die jungen Kaufleute sind gegen Dr. Friedrich, der den Hanfabund verleugnet hat. Alles ist hier gegen das Zen­trum, außer dem Zentrum selbst.

Es ist nicht zuviel gesagt, wenn die ,Dcutsche Tazesztg/ den Hanfabund als „bewußten Schrttt- mcicher "der Sozialdemokratie* bezeichnet. (Bergl. auch das 2. Blatt.)

Ausland.

** Dokumente zum blutigen Sonntag in Wien Die rote Presse hat es schon aufgegeben zu leugnen, daß die sozialdemokratische Parteileitung am verwiche- neu Sonntag ihre Gefolgschaft birett gegen die be­stehende Ordnung losgelassen hat. Die Vorgänge selbst reden auch eine zu deutliche Sprache. Die „Reichs­post" veröffentlicht ein Dokument, das authentisch be- Iveist, wie die sozialdemokratischen Führer absicht­lich mit Vorbedacht das Volk schon in Voraus „anregten", eine Revolte zu machen. Der sozialdemo­kratische Ottakringer Bezirksausschuß hat vor dem Sonntag einen Ausruf verbreitet, verfaßt von den leitenben Männern in der Hochburg der Wiener „Ge­nossen". Es heißt darin:

. . . Gegen die Regierung gegen diese Parteien und gegen die kapitalistische Gesellschaftsordnung muß der Zorn des Volkes sich richten . . . Wirb die Re­gierung erst hören, wenn die Fen st er klirren, wenn die Straßen Hm Stampfen der P o- lizeirosse widerhallen, wenn die Massen sich durch die Straßen wälzen, wenn es zu Kra« wallen kommt? . . . Wir Sozialdemokraten füh­len in uns weder den Beruf noch die Pflicht, das hungernde Volk von einer Notwehr abzu­halten.

Hier wird birett zum Aufruhr gehetzt. Wie außerdem in verschiedenen Versammlungen die Massen unverhüllt zum gewalttätigen Vorgehen aufgereizt wurden, zeigen folgende Einzelheiten, die die „Ostb. Runbschau" mitteilt:

Der 8lbg. Schuhmeier, einer der sozialdemokra­tischen Oberführer, hat in einer Versammlungsrebe am 5. September gesagt: „Und wenn der österreichische Ministerpräsident die Fenster klirren und die Straßen erdröhnen lassen will von Ru­sen der Verzweiflung, so kann er das erleben." Ein anderer sozialdemokratischer Abgeordneter hat am 6. September die bevorstehende Revolte angekündigt in einer Versammlung mit den Worten: „Ja, der Hunger ist es, der uns . . . vielleicht zu Taten treibt, die den Herrschaften gar unangenehm werden könnten. Es könnten bann Dinge hin­weggefegt werden, die man fest verankert und für alle Zeiten sicher glaubt." Am selben Tage war in einer Florisdorfer Versammlung ein Genosse noch deutlicher: „Auch wir in Oesterreich," sagt er, „wer­den gegen die Herrschaft der Minderheit auftreten, und cs bereiten sich durch die Not der Zeit ernste Kämpfe vor." In einer Währing er Ver­sammlung sagte der Abg. Polte: „Unsere Geduld ist zu Ende. Und wenn das Volk jetzt wieder auf die Straße steigt, bann wird es sich nicht mehr viel darum kümmern, ob es dabei sehr geseh- lichzugehenwirdobernicht." In einer Sri« gnlenauer Versammlung am 7. September verkün­dete der Abg. Winarskh: „In dieser großen Not muß das Volk zur Selbsthilfe greifen." Das sind alles Worte, die unmittelbar zu den Wiener Ge­nossen gesprochen sind. Sie erhalten aber einer h deutlichern Sinn durch die Worte, die außerhalb Wiens gesprochen sind. In einer Perchtotdsdorfer Versamm. lung am Samstag erklärte ein Genosse, am Sonntag würden in Wien Tausende von Fensterschei- ben zertrümmert werden. In einer Kremser Vcrsamlung erklärte ein sozialdemokratischer Abgeord­neter: „Wir werden der Verzweiflung der Arbeiter freien Lauf lassen." In einer Versammlung in Stadtlau drohte ein Genosse: „Helfen die Ver­sammlungen nichts, nun, dann gibt es noch andere Methoden des Kampfes."

♦♦ Internationaler Freimaurerkongreß. Just an dem Tage, wo vor 41 Jahren die Piemontesen den heiligen Vater des Kirchenstaates beraubten, wurde in Rom durch ben Großmeister Ferrari der inter­nationale Freimaurerkongreß eröffnet. Italien be­sitzt jetzt über 400 Logen. Der portugiesische Groß­meister unb bekannte Umstürzler Magalhaes Lima rühmte, bie Freimaurerei habe in Portugal die Republik eingeführt, die Jefuiten vertrieben, die Kongregationen unterdrückt und die Trennung von Staat und Kirche durchgesetzt. Bürgermeister Na­than begrüßte den Kongreß als Vertreter Roms und im Namen des Großen Orients von Frankreich.

* «ns der Wiener Revolution hat man in Paris eine Lehre gezogen. Mtnisle. Präsident Callaux hat jede Straßen-Kundgebuug gelegeutttch ber am nächsten So ntag gegen den Krieg und gegen bie Lcbeusmittelt.ucrung stattfindcndcn Protest - Ver­sammlungen untersagt.

* Eine Skandalsitzung fand am Mittwoch in der holländischen Kammer statt. Der An­trag der Sozialisten, die Thronrede mit einer Adresse zu beantworten, wurde abgelehnt. Trcclstra nannte