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Carl Schütter

für die Anzeigen:

2.Parz«Ler in Fulda.

Zuldaer W Zeitung

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Botationrdruckund Verlag der Fuldaer Ak- tiendruckerei in Fulda Fernsprecher vr. 9.

38. Jahrgang

Fulda, Donnerstag den 21. September 1911

Erstes Blatt

216.

Ausland

veutsches Reich.

** Marokko.

Trotz der gestrigen deutschen und französischen offiziösen nicht schr rosenrot gefärbten Veröffenllich- ungen zur Marokkofrage besteht In Berlin wie in Paris die Zuversicht auf einen friedlichen Aus­trag des Marokkostreites unerschüttert fort Eine neue Zusammenkunst zwischen Herrn v. Kiderlen- Wächter und dem Botschafter Cambon hat, wie der .Berl. Lokal-Anz." hört, am Mittwoch nachmijttag stattgefunden. Von dem anstelle des bisherig« schriftlichen Notenwechsels gchetzten mündkichm Ge­dankenaustausch verspricht man sich, wie das genannte Blatt anscheinend auf Grund offiziöser Mitteilung weiter erfährt, daß er ein Kompromiß über etwaige abweichende Ansichten eher gewährleisten werdet Sollte die Aussprache der beiden Diplomaten zu einem befrtchigenden Ergebnis führen, so dürst« die Verständigung über einige Fragen untevgeodneter Na-

Bestätigung abzuwarten.

* Zentrum und Sozialdemokratie. Zu den Mit­teilungen des Abg. Dr. Bell-Esten über das von sozialdemokratischer Seite dem Zentrum im Jahre 1906/07 angebotene Wahlbündnis teilt der sozialdemokratische Part.ivorstand dem Vorwärts mit:

Die Behauptung des Herrn Dr. Bell entspricht nicht der Wahrheit. Weder der Zentrumsfraktion noch der Zentrumsparteiieilung ist bei den letzten Reichstagswahlen von maßgebender sozialdemokratischer Seile ein Bündnis angeboren worden. Sollte Herrn Dr. Bell diese Auskunft nicht genügen, so mag er sich an die Herren Dr. Spahn und Müller-Fulda wenden.

Daß der sozialdemokratische Parteivorstand in seiner jetzigen Zusammensetzung das Wahl- bündnis angeboten habe, hat der Abg. Dr. Bell gar nicht behauptet, sondern nur gesagt: „von sozial- demokratischer Seite*, und das kann der jetzige Parteivorstand nicht dementieren.

* Professor Dr. Spahn jr. ist vom Zentrum als Landtagskandidat für den Wahlbezirk Mül- hausen-Land aufgestellt worden.

)( „NervöS*. Unter dieser Stichmarke behauptet der Abg. Bebel im .Vorwärts^, daß ein für ihn bestimmtes Telegramm des belgischen Genoffen Huysmann ihm von der Jenaer Postbehörde nicht ausgeliesert worden sei. Bebel will die Sache im Reichstag« zur Sprache bringen. Außerdem wollen Bebel und Dietz, als sie nach Schluß des Partei- tages von Jena nach Süddeutschland abreisten, von Geheimpolizisten überwacht worden sein. — Das klingt so unglaubwürdig, daß man nicht recht weiß, wer nervös geworden ist, die Behörden oder die beiden alten sozialdemokratischen Herren.

)( Gegen die Zigeunerplage. Im preußischen Landtage ist die Bekämpfung der Zikftunerwesens wiederholt Gegenstand eingehender Erörterungen ge­wesen. Die Staatsregierung wendet dieser nicht un- wichtigen Frage fortgesetzt ihre Aufmerksamkeit zu. Neuere Feststellungen hab«, «geben, daß dl« Zi- neuner unechte Päffe, Paßverlangerungen, Beschei- nigungen usw. sowie gefälschte Wandergewerbescheine

men befinden dürste.

Lächerlich ist es von den liberalen Blättern, von einer „Hochburg des Zentrums* zu sprechen. Es ist ja richtig, daß das Zentrum den Wahlkreis Düffeldorf seit 1871 beständig in seinem Besitz gehabt hat, aber eine Hochburg des Zentrums warDüffel- dorf k e i n e 8 w e g S. Unter einer Hochburg ist doch nur ein Wahlkreis zu verstehen, den eine Partei aus eigener Kraft zu behaupten vermag, das ab« war in Düffeldorf n i ch t d« Fall. Das Zentrum konnte den Wahlkreis immer erst in der Stichwah l mit Hilfe der Liberalen gegen die Sozialdemo­kratie behaupten. Und wenn jetzt die Sozialdemokra­tie vor dem Kandidaten des Zentrums einen so be- beutenben Vorsprung gewonnen hat, so ist das nicht in letzter Linie auf das Verhalten der Liberalen zu­rückzuführen. ,

Die „Rh ein.-Wests. Zig.* hat für die Pflich­ten d« staatserhaltenden Parteien ein befferes Ver­ständnis, als die erwähnten liberalen Blätter. Sie ist zwar dem Zentrumsmann auch nicht grün, meint aber: . .

„Die nationalliberalen Mitglieder der Liberalen Vereinigung werden jetzt, wenn eS sich um die Ent- scheidung zwischen einem Vertreter bürg er. kicher Ordnung und einem Revolutionär han. beit, von kleinlicher Parteiverärgerung und Partei, egoismus absehend, wissen, wohin die Wage der Pflicht deutscher Gemeinbürgschaft sich neigen muß. Unter denkbar ungünstigsten Umständen hat das Zentrum seinen alten Besitzstand von 29000 Anhängern bewahrt. Alle natwnalen Parteien werden nun dazu helfen müssen, daß eS hier in seiner Eigenschaft als Sachverwalter des heutigen Staates wenigstens erhalten wird, bis die allgemeine Reichstags-Erneuerung im Januar zu vielleicht neuer Konstellation „alle gegen alle" die Klingen kreuzen heißt."

Unsere Düsseldorfer Parteifteunde werden gut daran tun, sich so einzurichten, daß es mich ohne die liberale Wahlhilfe geht. Das „Düss. Tage- blatt* schreibt hoffnungsvoll:

„Es gilt für das Zentrum, die Reserven heranzu- holen, die ihm ohne Zweifel noch zur Verfügung stehen. Die Stunde ist ernst, aber keineswegs aussichtslos oder entmutigend. Zeigen wir, daß wir die alte Zentrumstreue und Zentrumsspannkraft unvermindert besitzen! Wird der Sieg uns Mühe und Anstrengung kosten, so wird er umso schätzenswerter sein. Noch ist Polen nicht verloren!"

Unterliegt das Zentrum, so unterliegt es mit Ehren. Denn es hat gegenüber einer beispiellosen Hetze bet Sozialdemokratie und des LinksliberaliS- mus seine Stellung behauptet. Man kann dem Zentrum durch Großblock-Zusammenschlüsse ein Mandat nehmen, man hat aber nicht vermocht, feine Wähler anihmitrezu machenl Die Zen­trumstreue fft schon beute die Siegerin in die­sem Wahlkampf!

Das Düffeldorfer sozialdemokratische Or­gan erklärt, daß die Sozialdemokraten auf jeden Fall gegen die Gültigkeit bet demokratischen Stimm­zettel Protest erheben toürben, weil die Stimmzettel keinen Wohnungsvermerk des Kandidaten trügen, fodaß „die P«son des Gewählten aus dem Stimmzettel nicht unzweifelhaft zu erkennen ist." Wür­den diese Sttmmzettä für ungültig erklärt, dann hätte allerdings der Sozialdemokrat Haberland, dem 1016 Stimmen an d« absoluten Mehrheit fehlten (die Stim­men der Demokraten betrugen 3321), die erforderliche Majorität. Nach § 13 des Wahlgesetzes für den deutschen Reichstag entscheidet über die Gültigkeit oder die Ungültigfeit der Wahlzettel „mit Vorbehalt der Prüfung des Reichstages allein der Vorstand des Wahlbezirkes nach Stimmenmehrheit seiner Mitglie­der". Daß die Sozialdemokraten mit diesem Protest- Versuch Erfolg haben werden, «scheint uns ziemlich unwahrscheinlich. „Dr. Brettscheid" gehört nicht zu der ehrenwerten Zunft ber Müller, Schulze und Schmitz, so daß wohl auch ohne Ortsbenennung „die Person des Gewählten aus dem Stimmzettel" sehr wohl zu erkennen ist.

XV. Düsseldorf, 20. Sept. 1911. Die Reichs- tagsstichwahl im Wahlkreis Düsseldorf zwischen Haberland (Soz.) und Dr. Friedrichs (Zentr.) findet am Freitag den 29. September statt.

zum Handel mit Pferden bei sich führen. Der Mi­nister des gnnern hat alsbald die Regierungspräsi­denten v«anlaßt, die Polizeibchörden auf diese Tat­sachen hinzuweisen.

* Was die sozialdemokratischen Arbeiter nicht wissen dürfen. Aus dem Parteitage in Jena hat Bebel milgc- teilt, daß die deutsche Sozialdemokratie 500,000 X für die rusf ische Revolution gestiftet hat. Die bürgerliche Preffe hat es mitgeteilt. Die sozial­demokratische Münchener Post', das Hauptorgan der l ayerischen Sozialisten, hat es in ihrem Berichte <Nr. 213) fortgelassen. Dürfen es ihre Leser nicht erfahren, in welcher Weise hier deutsche Arbeiter­groschen verwendet worden sind?

6" München, 20. Sept. 1911. Infolge der einger tretcnen Verschlimmerung im Befinden des Prinzregenten ist deffen Teilnahme am Ok­toberfest jetzt offiziell afcgefagt worden. Der Hofbe- richt spricht von rheumatischen Beschwerden, die in­folge des plötzlichen WittemngSumschlages stärker aufgetieten feien. Verschiedene Umstände lassen ab« darauf schließen, daß es sich um Ernsteres han­delt. Der Regent soll an den Füßen stark bandagiert sein. — $>er Abgeordnete Dr. Mül­le r - M e in i n gen hat in den letzten Tagen in Hof eine Rede üb« die politische Gesamttage ge­halten. Es war eine echte Müllerfche Antizentrums­rede, die nur hisr und da etwas Halbwegs Aktuelles brachte. Etwas auffällig war es immerhin, wenn der Redn« meinte, die Frage des Großblocks solle man jetzt als jedenfalls verfrüht zurückstellen. Nun, bis zur WM sind es ia noch einige Monate, so daß die „nationalen* Wähl« Zeit haben, die so­zialdemokratischen Marokkoflandale zu vergessen. Denn daß Dr. Müll« die Frage noch weiter „zurückstellen möchte, wenn sie schließlich doch einmal beantwortet werden soll, glauben wir nicht. Erlvähnenswett ist noch folgende Stelle des Berichtes:

Unser ganzes Staatswesen stocke und versumpfe in Bayern unter dem Drucke des Zentrums; das zei­gen auch die Proporzwahlrechtsfragen und die Frag« der Reform der Reichsratskammer. Die Behandlung der ernsteren Frage und der Mißbrauch der Geschäfts­ordnung könne die Minderheit schließlich dazu bringen# mit Einwilligung der Wählerschaft die parlamenta­rischen Arbeiten ihrerseits einzustellen und dem Zen­trum die volle alleinige Verantwortung zu bringen.

Wenn eS Herrn Dr. Müll« gelänge, diesen Ge­danken in die Tat umzusetzen, würde man ja zwar auf manchen rednerischen Genuß verzichten muffen, ab« anderseits doch auch soviel kostbare Zeit und bareS Geld sparen können.

; Berlin, 20. Sept. 1911. Die Kaiserin ist mit ber Prinzessin Vikwria Luise im Hofzuge 2 Uhr 15 Mm. nach Rominten abgereist. Der Kaiser ist gleich darauf im Automobil zum Besuche des Grafen Lehndorff nach Preyl gefahren. — Am 18. Oktober trifft der Kaiser in Aachen ein und nimmt nach der Denkmals - Enthüllung an dem Festmahle im Rathause teil. Mitte November wird er zur Ver­eidigung der Marine-Rekruten in K i e l eintreffen, wo bann bie neuformierte gesamte Hochseeflotte anwesend sein wird. — Der Regierungsvrasident von Breslau, v. B a u m b a ch, ist, wie die,Schles. Volksztg/ meldet, Dienstag abend nach kurzer schwerer Krankheit ge- storben. — An Stelle des in den Ruhestand treten­den Direktors der Medizinalabteilung im Ministerium deS Innern, Regierungsrats Dr. Förster, ist Vor­tragender Rat, Prof. Dr. K i r ch n e r zum Ministerial- dir.llor und Wirkt. Geh. Obermedizinalrat ernannt worden. — Zum preußischen Gesandten in München ist ber ,Nordd. Allgem. Ztg/ zufolge, der Kaiserliche Gesandte in Christiana, Wirkt. Geh. Rat von Treutler in Aussicht genommen. — Generalmajor v. Lau en st ein ist von seiner Stellung als Militär- bevollmächtigter am russischen Hofe enthoben und zum Chef deS (SeneralftabeS des 6. Korps ernannt worden. Zu seinem Nachjolg.r ist Generalleutnant Burggraf und Graf zu Dohna-Schlobitten, ber bisher Kommandeur der Garde-Kavallerie- Division war, ernannt worden.

D. Staatssekretär v. Lindequist amtsmüde? Eine Nachrichtenstelle verbreitet die ihr angeblich „von sonst gut informierter Stelle* zugegangene Mit­teilung, daß Kolonialstaatssekretär von Lindeqmst amtsmüde sei, und zwar sollen die Marokkov«- Handlungen daran schuld sein. Seine Stellung­nahme, die der der nationalgesinnten Kreise des Volkes sehr nahestehe, sei nicht genügend berück­sichtigt worden. Als Nachfolger komme der Gouver­neur von Deutsch-Ostaftika, Herr v. Rechenberg, in Betracht. — Die Mitteilung klingt sehr wenig glaubwürdig, jedenfalls wird man gut tun, ihre

S Die Düsseldorfer Wahl.

Die amtlichen Ziffern der Reichstagsersatz, wähl sind die schon gestern unter den Letzten Nach­richten mitgeteilten:

Haberland (Soz.) 34073, Dr. Friedrich (Ztr.) 2929t, Dr. Breitscheid (Demokrat) 3321, Herkenrath (Deutschnatio. al) 3147, Chociszewski (Pole) 326 Stimmen.

Diese Ziffern sind für das Zentrum etwas günstiger als die zuerst mitgeteilten. Das Zentrum hat nicht Stimmen verloreji, es hat rich behauptet, sogar noch einige Stimmen mehr als 1907 (29259) «halten. Am günstigsten schneidet das Zentrum in den städtischen Bezirken ab; hier hat es fe ne Stimmen um mehr als 3000 vermehrt. Einen Ausfall Hal es dagegen auffallenderweise in ländlichen Bezirken erlitten. Im Jahre 1907 brachte der Lar dkreis Tüffeldorf für den Zentrumstandidaten 11096 Stimmen auf, diesmal nur 7814. Das ist kein erfreuliches Resultat, aber es läßt hoffen, daß üer Landkreis sich bei der Stichwahl eifriger erweisen und dem Zentrum die ausgefallenen Stimmen noch in vermehrter Anzahl zuführen wird. Zon den 102 993 Wahlberechtigten haben nur 70177, Ilso nur stark 65 Proz., ihr Wahlrecht ausgeübt. 1907 wählten rund 85 Proz. Es ist also diesmal trotz ein« beispiellos erregten Wahlagitation weniger stark gewählt worden als 1907. Die Drückeberger bekennen sich in politischer Beziehung zweifelsohne zu einem erheblichen Teile zum Zentrum. Sie haben den Er- sorderniffen b« Zett unb der Bedeutung und Wich- tigteit der Wahl nicht bie gebührende Beachtung ge­schenkt. Sie tragen die Schuld, daß nicht Im ersten Wahlgange das Zentrumsbanner gehißt werden konnte. In Betracht zu ziehen ist allerdings, daß es sich um eine Nach wähl handelt, die erfahrungsge­mäß nicht eine so starke Wahlbeteiligung auslöst, wie eine Hauptwahl. Auch ist in Rechnung zu stellen, daß es sich beim Zentrumskandidaten um einen Neuling handelt, der gewiß die Sympathie weitester Kreise be­sitzt, aber naturnotoenbigertoeife doch nicht in d e m Maße, wie der feit einigen Jahrzehnten mit den Düs­seldorfern eng verwachsene frühere Abgeordnete Kirsch.

Bei b« Heftigkeit des Wahlkampfes, der vonseiten b« Gegner mit vergifteten Waffen geführt wurde, ist das Wahlergebnis so, daß es unter norma­len Verhältnissen befriedigen könnte. Die Düffeldor- '« Parteileittmg und die rührigen Vertrauensmän­ner haben tapfer und nachhaltig gearbeitet. Daß es ihnen nicht gelungen ist, alle Saumseligen und pott- tisch Gleichgilttgen aufzurütteln, ist nicht bie schuld dieser Arbeitsbienen. Den Gründen für bie Wahl­lauheit nachzuspüren und sie auszumerzen — vielleicht liegen sie schon Jahre zurück, und Sünden der Ver­gangenheit laffen sich nicht in wenigen Monden in ihren Folgen aus der Welt schaffen — wird nach ber Wahlkampagne Pflicht der maßgebenden Kreise ?eU®a3 „Düsseid. Tagebl." stellt fest, daß das Düffeldorfer Zentrum

Die „Reichspost" bemerft dazu mit Recht: „Statt von den Runkelrüben unb Kartoffeln wäre es rich­tiger, von ben Zuckeraktien unb ber Zwi« fchenhänblerfpekulation zu reben. Aber ber Großmächte sind noch viele: die Kohlen, ba3 Petroleum, ber Spiritus, bas Eisen usw. Jeboch biefe Unrichtigkeiten seien bem Blatt nachgesehen im Hinblick auf das brave Geständnis, daß die spe- zifisch österreichische Teuerung ein Kind der Partei- poltttt ist, also von bestimmten Parteien aus parteipolitischen Absichten geschaf­fen wurde. Um zu wiffen, welche Parteien dieses ungeheure Verbrechen an Oesterreich begangen ha­ben, braucht man nur zu beachten, welchen Par­teien die Teuerung genutzt hat: den liberal-sozial- demokratischen Wiebereroöerern. Diese also haben nach eigenem Geständnffse aus Gründen der Par- teipolttik die internationale Teuerung in Oesterreich absichtlich verschärft und alle „Berbranchsgegenstande durch Willkür dem Verkehr entzogen". So erfährt man auch aus derselben „Reichspost", daß verschiedene Produkte für den Lebensunterhalt ganz unnatürlich verteuert werden durch bie Preistreibereien ber Händler, bie ein Kartell geschlossen haben: vor allem wirb bie Preissteigerung in Mehl unb Zucker als drückend empfunden. Äus Prag wird dem genannten Blatt vom 16. September berichtet:

„ES erweckt geradezu Befremden, daß auf den Vieh­märkten tu den südböhmischen Städten Mastochsen in großen Mengen keineswegs für den Markt, sondern zur „Zucht" in Galizien angekauft werden, ebenso für Bauern. Man vermutet, daß ein R« r t «l l fem Hand im Spiele hat, um dieses B'-h”n{®” Zeit zu bedeutend erhöhten Preisen nach Wien und

bte greife hatten. In der Provinz ereignete daß diettäuf« den Berkäusern auf die Straßen vor der Stadt entgegeneilten, um ihnen dort die Ware abzukaufen und ihren Bedarf zu sichern.

Volkswirtschaftlich ist eS ja auch ganz unver­ständlich, daß trotz der Futternot jetzt eine Fleisch­not und Flerfchteuerung in Oesterreich besteht. Aber gegen die wirklichen Bolksbewucherer hat stch die Demonstration der Wiener S<Hiaft)emokraten keines­wegs gerichtet- Dies« radau- und skandalsüch- tigen Masse war eS weniger um die BefettiMWWs

tur in wenigen Tagen erzielt sein. Eine andere von Berlin« Blättern gebrachte Mitteilung über eine an­gebliche Besprechung von Mitgliedern der Hochfinanz mit bem UnterstaatssÄretär im Auswärtigen Amt, Zimmermann, ist unzutteffend. Es hat> eine olche Besprechung nicht ftattgefunben, sondern es ist lediglich auf Anfrage telephonisch die Mitteilung ge­macht worden, daß für eine von ben Herren an gekün­digte Erregung ber Börse der Stand ber Marokko- rage keinerlei Anlaß biete, namenttich nicht zu einer Sörsenpanik. Die Verhandlungen seien auf gutem Wege unb es bürfe binnen kurzem eine befrie­digende Lösung erwattet werden. Die von den Blättern als Aeußerung des Unterstaatssekrttars Zimmermann verbreiteten Worte: „Die Marokko- rage wird in zwei bis drei Tagen in günstigem Sinne erledigt sein", ist also gar nicht gefallen

Rücktritt Cattwrights? Wie die „Munch. N. N. mitteilen, ist ihnen von einflußreich« Sette mitge­teilt worden, daß ber englische Botschafter in Wien Cartwright in ber nächsten Zeit, spätestens in ben nächsten Monaten seinen Posten werde verlassen müssen.

Keine belgischen Rüstungen- Die „Nordd. Mg.

Zig.* schreibt:

Es ist richtig, daß die belgische Heeresverwaltung Anordnungen im Festungswesen getroffen hat; eS handelt sich aber dabei um Maßregeln, wie sie ,n der Verwaltung der Festungen regelmäßig toteber. kehren. Auch ist wegen der Schwäche ber militärischen Cadres in gewissen Fällen die Zurückbehaltung von Mannschaften unter ber Fahne verfügt worden. Diese Anordnungen wurden aber, wie hier amtlich zur Kenntnis gelangt ist, in gleichmäßiger Weise für aIle belgischen Grenzgebiete ins Werk gesetzt. Als unrich­tig wird auch die Behauptung erklärt, daß die Ge­sandten Belgiens in Berlin und Paris ungünstige Berichte über die politische Lage an ihre Regierung gesandt haben. Soweit dies in Meldungen aus Paris behauptet worden ist, scheinen Börsenmanöver im Spiel gewesen zu sein.

** Zu ben Ausschreitungen in Wien. „ In Oesterreich hat die Teuerung viel schäriere Formen angenommen, als bei uns hn deutschen Reiche. Man erinnert sich noch, wie vor kurzem in Oesterreich und insbesondere in Wien die Wah­len zum Reichsrat gemacht wurden — nicht für das Volk, sondern für das Kapital, das vom Volke zehrt. Infolge deffen zeigt auch die Börse eine steigend« Tendenz und die Handelsblätter jubelten. Di« a - ----- " ' " '"ares Ge-

„Neue Freie Presse" macht em unb' ftändnis über die Teuerung; sie schrei

„Eicher ist, daß bie Teuerung in Oesterreich durch ganz besondere, parteimäßig geschaffene und zugespitzt« Einrichtungen noch drückender wird, als draußen in Deutschland und in Frankreich. Die österreichische Teuerung ist daS Kind der Parteipolilik. Die Teuerung hängt mit so mächtigen unb tieseingewurzelten Interessen zusammen, daß die Kräfte aller »lassen und Schichten kaum auSreichen werden, zu helfen. Die größten Mächte in Oesterreich find die Runkelrüben, die Kattoffeln und das Mastvieh. Das find wahre Großmächte, und daS Volk und das Parlament und daS Ministerium werden fest zusammenhalten müssen, um über diese Gewalten hinüberzukommen."

fen, wenn bei der Stichwahl auch nur e i n Zentrums- mann sich der Stimme enthalten wollte."

Die liberale Preffe fft natürlich auß« sich vor Freude über ben großen Vorsprung, den der Sozialdemokrat vor dem Zrntmmskandidaten getoon- nen hat. DaS Berliner Tageblatt und bie Vofftsche Zeitung freuen sich, „daß der „Zentrumsturm wankt", daß „eine Hochburg deS Zentrums schw« erschüttert ist und daß die besten Aussichten vorhanden sind, sie bei Anspannung all« Kräfte am Stichwahltage zu nehmen." Beide Blätter find dabei so unehrlich, zu behaupten, daß die Nationalilberalen auf die Aufstel­lung eines eigenen Kandidaten nur verzichtet hätten, um den Sieg des Sozialdemokraten zu verhindern. Da ist der „Vorwärts" doch ehrlich«. Er erkennt an, daß unter bem sozialdemokratischen Stimmenzuwachs „stch freilich eine erheb» liche Anzahl nattonaHib eralet Stim-

„an Boden keinen Fingerbreit ber. I o r c n hat, trotz der maßlosen Verhetzung der Massen durch unsere politischen Gegner! Freilich hat sich das Stimmenverhältnis zwischen Zentrum und Sozialdemokratie zu unfern Ungunsten umgekehrt. Daß die äußerste Linke an Stimmenzahl zu- nehmen werde, war nach allen Erfahrungen der letzten Jahre als selbstverständlich borauszusehen. Nie- derrcißen und Zerstören ist immer ein weit leichteres Geschäft als positive Arbeit. Die 8000 Stimmen aber, die die Roten mehr erhalten haben, wird man auf keinen Fall auf ihr alleiniges Konto setzen dürfen. Der Fortschritt hat ja sofort für ihn ge­stimmt. Wie viele Parteigänger der bürgerlichen Linken dieser Parole gefolgt sind, teils um ihrer allgemeinen Unzufriedenheit mit der gegenwärtigen politischen Lage Ausdruck zu geben, teils um insbeson­dere ihrer Abneigung gegen die bestgehaßte Partei unseres Vaterlandes, das Zentrum, einmal die Zügel schießen zu lassen, wird man natürlich nicht feststellen können, aber tiuf ein panx Tausend tvird man fic schon annehmen dürfen."

Die „Köln. V ztg." weist ebenfalls auf die vergifteten Waffen hin, mit denen das Zentrum be­kämpft wurde- Sie schreibt:

„Nicht blanke Waffen waren es, denen das Zentrum gcgenüberstaud: was an Lüge und Ver- I e u m d u n g gegen das Zentrum aufzubieten war, haben die roten und rosaroten Zentrumshasser gerade­zu mit Virtuosität verwandt. Der Zentrumshatz regierte die Stunde, und da schien jedes Mit- tel recht. Sogar die durch die D ü r r e herbeigeführte Teuerung wurde gegen das Zentrum ausgebeutet . . . DaS Zentrum hat sich wacker gehalten. In der ihm allein zur Verfügung stehenden örtlichen Zen­trumspresse, dem „Düsseldorfer Tageblatt, in etwa 100 öffentlichen Versammlungen ist, viel an Aufklä­rung und Schulung der Wähler geschehen. Mit be­wundernswertem Opfermut und großem Geschick haben der Zentrumskandidat Herr Dr. Friedrichs sowie die Führer und Vertrauensleute, allen voran Oberlandes­gerichtsrat Marx, gearbeitet. Aber alles das, so großes Lob und rückhaltlose Anerkennung es verdient, genügt nicht, den großen Wahlkörper so zu behandeln, wie eS Zeit und Umstände erforderten. Die Zentrums- Presse hat auch in Düsseldorf einen erfreulichen Aufschwung genommen. Noch dominiert aber die so­genannte farblose sozialdemokratische Presse. Auf dem Gebiet der Presseagitation wird also noch unablässig gearbeitet werden müssen. Die Neuorganisation der Zentrumspartei in Düsseldorf ist lungeren Datums; sie ist das große Verdienst des Abg. Marx. Zum ersten Male wurde sie gestern er­probt, und da ist eS nicht verwunderlich, daß noch nicht alles in gewünschter Weise klappte. Ein Heer von Vertrauensmännern stand der Partei zur Verfügung, aber es war zu schwach, alle Posten ausreichend zu be» setzen. Es ist nicht daran zu zweifeln, daß die zutage getretenen Mängel von der Parteileitung erkannt sind und alles geschieht, sie auszumerzen."

Geschieht bas, bann hält die „Köln. Vkztg." bie Zentrumsaussichten für bie Stichwahlnichtun- günstig. „Unter ben Nichtwählem befinden stch ohne Zweifel viele Zentrumsleute, die aus irgenb» einem Grunbe ber Wahl fern blieben. Diese aufzu­rütteln unb marschbereit zu machen für baS Zentrum, Wirb bie erste Aufgabe sein. Es wäre faum zu fas-