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M 215.

MMw«ch 20. September (9U

58. Jahrgang.

fultlaer S Zeitung«

2. Blatt.

Vruck und Verlag der Mdaer Actiend ruckerei in Zsido.

* Eine Sturm- und Draugperiode schlimmster Art hat die Menschheit gegenwärtig durch, zumachen.

J.n vorigen Jahre, als es andauernd regnete und ^atmrch großer Schaden angerichtet wurde, da gab es : Stute, die die bösen Erscheinungen nach .altbewährter' Sitte mit dem Erscheinen des Halleyscher! Ko­meten in Verbindung brachten, die der Auffassung waten, daß von diesem großen Himmelskörper auf unsere kleine Erde ein magnetischer oder elektrischer oder schließlich vielleicht auch chemischer Einfluß aus­gehe, der bei uns Klima und sonstige Verhältnisse be­einflusse. Wahrscheinlich ist dieses nicht, aber wie gerne klammert sich der Mensch zur Enträtselung gro­ßer Unklarheiten an schemenhafteste Möglichkeiten?! Kein Wunder, daß der gegenwärtige Hereinbruch einer endlosen Reihe großer Ereignisse auf wirtschaftlichem, besonders aber auch politischem Gebiete, nichts weniger xls klärend und befriedigend wirkt.

WaS ist nicht alles in der letzten Zeit passiert?! Der Streit um Marokko hat sich derart zugespitzt, daß seit Wochen die bange Kriegsfurcht, die bleiche Angst vor einer modernen Menschenschlächterei, wie unser furchtbares Waffenwesen sie mit sich bringen muß, die Gemüter der großen Kulturnationen erregte.

In der inneren Politik regt die bevorstehende MeichStagswahl alle Welt auf; überall ist man in fieberhafter Rüstung und Bebels in Jena ausge­sprochene Ansicht, die kommenden Wahlen seien die wichtigsten, die es jemals gegeben habe, wird von den Führern und Anhängern aller Parteien geteilt. Die furchtbaren Kämpfe, die sich , soeben bei der ReichStagSersatzwahl in Düsseldorf um das Diandat des verstorbenen Zentrums«bg. Kirsch ab- - gespielt haben, rufen uns allen, auch in den „bomben­sichersten' Wahlkreisen laut und vernehmlich zu: Zentrumswähler tut eure Pflicht! Schärft eure Waffen!

Im AuSlande erhebt die revolutionäre Hydra ge­rade jetzt, wo ihr die herrschenden Gewalten durch die gespannte Weltlage besonders in Anspruch genommen zu sein scheinen, drohend ihr Haupt. In Rußland ist soeben der Ministerpräsident, der im Kampf gegen sie am eifrigsten war, einem Mordanschlag zum Opfer gefallen. Die Hauptstadt Oesterreichs war am Sonntag der Schauplatz von Aufruhrszenen, die sich tote das Vorspiel zur sozialen Revolution ausnehmen. Auch aus Frankreich liest man seit Wochen von - TeuerungSkrawallen, die im Zusammenhang mit der antimilitaristischen Agitation im Falle auswärtiger Verwickelungen leicht eine ernstere Bedeutung er lau- gen könnten. Aehnlich steht eS in einem Teile der sozialdemokratisch beherrschten Bezirke Belgiens. Gleichzeitig scheint nun auch Spanien am Vorabend einer Revolution zu stehen.

So mag man blicken, wohin man will, überall siebt man Beweise dafür, daß ein Geist der Un­ruhe durch die Welt geht, daß die Kulturvölker eine Sturm- und Drangperiode durchmachen, wie sie sie seit einem Jahrhurwert nicht mehr erlebt haben. DaS öffentliche Leben drängt sich neben den wirtschaft, lichen und persönlichen Interessen in einer Weise in de» Vordergrund, daß die lebhafteste Anteil- ""hme jedes einzelnen zur unabweisbaren Pflicht wird. Wer heute nicht erkennt, daß gleichgül- tige§ Vorübergehe» an den Erscheinungen des Welt- lebens, ohne aufmerksame Lesung einer gut unter­richtete», mit klarem Blick geleiteten Zeitung ein Verbrechen gegen sich selbst, gegen seine heiligsten Väter und Interessen darstellt, der verzichtet auf ein Recht, gegenüber Mißständen und Notständen mitzu- sprechen.

Das Interesse an der Presse hat sich dank der fortschreitenden Entwicklung der Drucktechnik in den letzten Jahren außerordentlich gehoben. Gerade die mittlere Presse hat einen nie geahnten Auf­schwung genommen. Ueberall erscheinen heute gut ge­leitete Zeitungen in einer Ausgestaltung, wie sie früher nur Grotzftadtzeitungen sich leisten konnten. Es wird heute auch in dieser Presse mehr geboten, als der Durchschnittsleser zu verarbeiten vermag.

X Die Barbaren Europas.

Zu ben Vorgängen in Wien vom letzten Sonn­tag schreibt die .Köln. Volksztg/ u. a.:

Diese Vorkommnisse lehren zwar nichts, was man nicht schon wüßte, aber sie sorgen dafür, daß man das, was man weiß, nicht vergißt. Und diese Lehre besteht darin, daß der zivilisierten Menschheit von neuem klar gemacht ivnch, daß es auch im modernen Europa noch Barbaren gibt und eine Partei, die sie züchtet, und das ist die Sozialdemokratie. ... Wo nur die Sozialdemokratie sich betätigt, sei es wirtschaftlich, fei es politisch, sei es in Versammlungen, sei es aus den Straßen, da ist ihre Agitation in unzähligen Fällen gekennzeichnet durch Terrorismus und Außerachtlassung alles dessen, was bet ordnungsliebenden Menschen respektiert zu werden pflegt. . . 1 Mit anspruchsvoller Geste tritt die Sozialdemokratie vor die Gesellschaft hm, als Trägerin der Kultur der Zukunft, als BrMgerm deS sozialen Friedens, der allgemeinen Menschenliebe, des Völkerfriedens; viele Urteil--lose tauscht fle in Ver­sammlungen und Preßartikeln durch negative Kritik, durch populäre Schlagworte und durch rhre Selbst- anvreisung als Vertreterin ungetrübter Gerechtigkeit... Wäre die Sozialdemokratie das, wofür sie sich auSgibt, eine Kulturpartei, dann sollte sie ihre Anhänger zu ge» fitteten Menschen erziehen, statt zu solchen, die ihren Nebenmenschen auf Schritt und Tritt, einzeln und korporativ, mit Gesinnungsroheit und Gew alt- tätigteit begegnen.

Es ist notwendig, wie es in diesem Artikel der „Köln. Volksztg." geschehen, bei Gelegenheit ein scharfes Licht auf das durch die Barbareien ent­stellte Antlitz der Sozialdemokratie fallen zu lassen. Vielleicht werden die Blockpolitiker sagen, daß die deutsche Sozialdemokratie doch nicht so schlimm sei, da sie bisher keine Teuerungstumulte veranstaltete und Herr Bebel aus „seinem" Par­teitag mehrfach beschwichtigend gesprochen habe. Demgegenüber ist zu beachten, daß derselbe Bebel mit der Unterstützung der mörderischen russischen Revolution durch eine halbe Million deutscher Ar­beitsgroschen geprahlt hat, daß die gegenwärtige vorsichtige Taktik der deutschen Sozialdemokratie nicht von Grundsätzen oder Gewissensbedenken, son­dern von der Spekulation auf die Groß­block-Wahlen vom nächsten Januar diktiert ist. Was nach dem Wahlgeschäft in Deutschland an Demonstrationen und sonstigen Kraftproben ge­leistet werden wird, vermag heute noch niemand zu sagen.

Die Wiener Krawalle knüpften an die Teue­rung an, aber sie gingen doch weit hinaus über die nordfranzösischen und südbelgi­sch en Teuerungsunruhen. Dort richtete sich die Volkswut gegen die Verkäufer von Lebens­mitteln; in Wien aber gegen die Regierung und gegen die Dynastie selbst. Angegriffen unb zerstört wurden nicht etwa Markthallen oder son­stige Gebäude, die mit dem Lebensmittelhandel in Beziehung standen, sondern Verwaltungsgebäuden, Rathaus, Schulen. Aus der Massen-Bersammlung, die den Straßenkämpsen voranging und zahlreichen sozialistischen Abgeordneten Gelegenheit zu den wil­desten Hetzreden gab, sah man bereits einen Mini­ster im Bilde am Galgen baumeln. Die Zurufe aus den Massen bezeichneten direkt den Minister v. Gautsch als den Hängekandidaten. Ebenso wurde dort bereits durch ein Ruf: Hoch Portugal! Hoch die Revolution! der wahren Gesinnung gegenüber der Krone nur zu deutlich Ausdruck gegeben.

Diese Erscheinung ist von besonderem Wert ge­genüber den Versuchen der sozialdemokratischen Füh­rer, die Schuld an der Zerstörung und dem Blut­vergießen von sich und ihrer Partei abzuwälzen. Diese Heuchelei kann man nicht besser kennzeichnen, als durch folgende Sätze der Berliner „Boffischen Zeitung", die als linksliberales Blatt viel Sympa­thie mit ben Demokraten hat. Dieses Blatt schreibt:

„Lange unb ernst muß es sich die sozialdemo­kratische Parteileitung überlegt haben, ob sie es wagen soll, die Massen diesmal aus der Hand zu lassen. Sie hat bei früheren Gelegenheiten durch ihre Verlrauens- männtt für die Aufrechterhaltung der Ordnung gesorgt. Diesmal fehlten die Zügel. Man hatte absichtlich davon Abstand genommen. Es sollte den Regieren­den mit aller Eindringlichkeit gezeigt werden, daß das Wiener Volk, wenn die Verhältnisse unleidlich werden, mal auch anders kommen kann, als gemütlich. Unb so erlebte man ben Vorgeschmack einer wahren Revolution. . . . Die sozialistische Parteileitung hatte sich, als herüber mit der Polizeidirektion ver- handelt wurde, geweigert, Ordner zu stellen ober auch nur eine Warnung von Unruhen und Ausschreitungen zu verlautbaren. Die rabikalen Elemente her svzialbemokratischen Partei faßten biefe Weigerung als einen Wink mit dem Zaunpfahl auf, ihrerseits in Aktion zu treten. . . . Jetzt, nach ben blutigen Vorgängen unb nachdem die Ver­hängung des Standrechts in Aussicht gestellt ich mahnt die Parteileitung, weitere Kundgebungen zu unterlassen.'

Welchen Wert diese nachträgliche Warnung hat, ist nach dem Vorangegangenen leicht zu erkennen.

Die Vorgänge in Wien bestätigen aufs neue, daß die Massenversammlungen unter freiem Himmel, die ihrer Natur nach nicht sachliche Erörterungen, sondern nur leidenschaftliche Demon- strationen darstellen können, eine verhängnisvolle Quelle von Unruhen sind. Es zeigt sich ferner, daß die Polizei bei solchen Veranstaltungen sich nicht auf die Parteiordner verlassen kann, sondern unbedingt selbst so viel Kräfte an den geeigneten Stellen bereit halten muß, um die Massen unter der polizeilichen Hand zu halten. Ferner regt die Wiener Erfahrung im Vergleich mit den Moabi­ter Vorgängen aufs neue die Erwägung an, ob die Polizei sich auf ihre eigenen Kräfte allein ver­lassen darf oder nicht gegenüber solchen Massen­bewegungen sofort für militärische Hilfe im Falle von Ausschreitungen sorgen muß. Ein lang­wieriger Kampf von Polizisten gegen die leiden­schaftlichen Massen hätte in Wien wahrscheinlich die Unruhen noch viel folgenschwerer werden lassen.

Sehr wichtigist, daß alles mögliche zur Milde­rung der Teuerung geschieht, noch viel w i ch- tiger ist aber die Erhaltung der Ordnung, die Sicherheit für Leib und Leben. i

YnrN'ch»; Netch.

— Der Demokrat v. Gerlach hat in seiner Be­urteilung des Zentrums in der jüngsten Zeit eine starke Wandlung vollzogen. Während er früher manchmal freundliche Worte für unsere Partei fand, hat er sich jetzt hingesetzt und einen fulminanten Artikel gegen das Zentrum geschrieben, in dem er an ihm kein gutes Haar läßt. Er meint, daß es sogar noch ein zu großes Lob für das Zentrum Ware, wenn man von einem „schwarz-blauen Block" sprechen wollte. „Es liegt," wie er in seiner „Welt am Montag" schreibt, „kein Pakt zwischen Gleich­berechtigten mit den Konservativen vor. Das Zen­trum hilft nur den Konservativen wie einem die­nenden Brnder." Es folgt darauf ein „Sünden­register" des Zentrums, wobei Herr v. Ger!ach u. a. erklärt: „Einst konnte man wohl manchmal bei der Sozialpolitik des Zentrums rufen: Hut ab! Für feine Leistungen bei der Reichsversicherungsortmung gebührt ihm ein kräftiges: Pfui Teufel!" Gegen den Schluß hin sagt bann Herr v. Gerlach mit Be­zug auf die Düsseldorfer Ersatzwahl dem Zentrum folgende „Schmeichelei": „Das schlechte Gewissen treibt die Partei für „Wahrheit, Freiheit und Recht" dazu an, durch eine infame Kampsesweise der Brutalisierung die Beleuchtung ihrer politischen Sünden zu verhindern." Herr v. Gerlach hat Wohl eingesehen, daß er aus eine Unterstützung durch das Zentrum bei der Reichstagswahl in Marburg nicht zu rechnen hat, sodaß er aus seinem Herzen keine Mördergrube mehr zu machen braucht.

** „Aerger als ein Heide." Eine aufsehenerre­gende rettende Entdeckung ist im Lande des Groß­blocks gemacht worden. Es ist endlich heraus, wer das Vaterland zu betraten im Begriffe steht. Nicht die Sozialdemokratie, sondern---der Kaiser!

Entd«kt hat diese Tatsache die Partei offiziöse „Ba­dische nationalliberale Korrespondenz'. Sie hat sich einen Brief schreiben lassen, der nach ihrer Mittei­

lung „die Auffassung weiter Dolkskreise über di Marrollosrage wiedergibt' — natürlich nationallib« taler Volkskreise —, und den Sie als Richtschnur fü die Haltung der Parteifreunde an die nationallibq ralen Zeitungen versendet. Es heißt da:

-Der Kaiser ist ein frommer Manu und sche ui sich wohl, die Verantwortung für Blutvergießen an sich zu nehmen. Er wird sie gerade dadurch — nich, jetzt, aber in einigen Jahren — auf sich laben. Dem. er oerfäumt seine Pflicht ben Reichsgenoffen in Auslande gegenüber. Er kennt hoch auch bas Wort; „So jemanb bie Seinen, sonbetlich seine Hausgenossen nicht sonbetlich versorgt, bet bat ben Glauben ver­leugnet unb ist ärger als ein Heide."

Natürlich ist die „Badische nationalliberale Ko» respondenz" berufen, dies dem Kaiser zu sagen! Wenn man im Bunde steht mit der Sozialdemokratfi und dieser gegenüber auch in dem Augenblicke nicht die Aufmerksamkeit spart, wo sie zum Landesverrat auffordert, hat man natürlich das Recht, den Kai­ser an seine Pflichten dem Vaterland gegenüber zv erinnern.

* Die Bilanz der bisherigen Reichstagsersatz­wahlen. In bet „Köln. Volksztg.' wird folgend» Rechnung außzemacht: Seit den Blockwahlen vor beinahe 5 Jahren fanden im ganzen 45 Reichstags- Ersatzwahlen statt, durch welche sich die Fraktious- stärke einzelner Parteien nicht unwesentlich verschob Das Zentrum mußte in nicht weniger als 11 Ersatzwahlen seinen Besitzstand verteidigen. Es be­hauptete 10 Kresse und verlor Jmmenstadt-Landau an die Rationalliberalen. Dafür aber gewann es Bingen-Alzey von den Liberalen, sodaß sich bei ihm Gewinn und Verlust ausgleichen. Das Zentrum Hai seinen Besitzstand noch zu verteidigen in Düsseldorf, Konstanz und Ratibor- Die Nationallibera­len hatten in 9 Wahlkreisen um bisherigen Besitz zu kämpfen. Sie behaupteten jedoch nur 3 Bezirk« und verloren 6, nämlich Verden an die Deutschhan­noveraner und Frankfurt a. O., Cannstadt, Friedberg, Kvburg und Landau an die Sozialdemokraten. Schließlich ist auch noch der Wahlkreis Bingen-Alzey, den der liberale Abg. Keller vertrat, als nationallibe­raler Verlust zu buchen. Diesen 6 bezw. 7 nativ- nalliberalen Verlusten stehen nur 3 Gewinne gegen­über: Oletzko, Siezen und Jmmenstadt. Dl« .Deutschkonservativen mußten in 8 Ersatz­wahlen ihren Besitz verteidigen, 5 Wahlkreise wur­den behauptet, während sie Labeau, Oletzko und Em- den-Norden cinbüßten. Einen Gewinn hatten sie nicht zu verzeichnen. Dafür sorgten die Liberalen in Friedberg und Ueckermünde, woselbst diese die Kon, ferbatiuen in der Stichwahl gegen die Sozialdemo­kraten durchfallen ließen. Die Deutsche Reform­partei verlor Zschopau an die Sozialdemokraten, bi« christlich-soziale Partei Siezen an die 91a* tionallibetalen, die Deutschsozialen Eisenach an die Sozialdemokraten, während die Wirtschaft­liche Vereinigung Gießen-Nidda behauptete. Der Freisinn mußte in drei Sitzen um das Man­dat kämpfen. Er behauptete nut J-mer, verlor aber Halle und Ueckermünde an die Sozialdemokraten. Da­für gewann er Emden und Lab lau von den Konser­vativen. Die Polen behaupteten alle fünf Wahl­kreise, in denen eine Ersatzwahl notwendig gewor­den war. Die Welfen gewannen einen Wahlkreis von den Rationalliberalen, nämlich Verden. Endlich mußten die Sozialdemokraten vier Wahl­kreise verteidigen, wobei ihnen überall Erfolg befchre- dm war. Sie gewannen dazu fünf Sitze von den Rationalliberalen, zwei von der Fortschrittlichen VoWpartei, einen von den Deutschsozialen unb einen von der Reformpartei, zusammen also neun Kresse. — Mithin zeigt sich daS Endergebnis der 45 Ersatz­wahlen in einer Verschiebung nach links zugun­sten der Sozialdemokraten und auf So­ften der Rechten und Rationalliberalen. Das Zentrum aber sicht in alter Stärke da.

* Di« Feuerbestattung bleibt für Bayern ver­boten. Der Verein für Feuerbestattung patte tn München ein Krematorium errichten lassen, d« Er­öffnung dieser Anstalt ist indessen von der Behörde enbgtfhg abgelehnt.

Ausland.

*♦ Tas Defizit im französische» «tat. gn feinet Marokkorebe auf dem sozialbemokratsschen Partei­tage in Jena behauptete brr Abg. Bebel, Frank-

Schloß Sonneck.

,46, Roman von Felix Nabor.

Die angestrengte Arbeit, die ewigen Sorgen und .das beständige Stubenhocker hatten ihn nervös und krank gemacht. Er hatte eine gelbliche Gesichtsfarbe unb beständigen Druck im Kopf; er sehnte sich fort nach Ionneck. Dort stand jetzt der Park in bun­tem Kleide, die letzten Herbstblumen blühten, der Springbrunnen plätscherte, die Blatten fiel«.

Da waren die Zimmer so hoch uni lustig — unb dann die Terrasse! Ja — dort hätte man arbeiten, jefuttb werben können Aber das war ein vergeb­licher Wunsch — es war ja alles verloren! —

Eine Träne stahl sich in bas Auge des alt« Man- Jjeb- Er trocknete sie rasch, als et Hilde kommen sah;

Joffte feine Schwäche nicht sehen. Aber sie sah W doch, daß « krank war unb litt.

sort von hier," sagte sie, „am besten an bie Riviera.'

«eht nicht, Hilde — es ist M toter. Unb tEtftmtd- Menschen hinein? Rein, nein ~ ich brauche nur Ruhe, Ruhe .

be^chlagten, was zu tun fei, kam Wen müS, feit hrem Zusammen-

haustg« Gast bei dem Major

W-l-n ata

60001 M rasch ™ E"f' brachte dem M°r einen 8<mzenStr<wß von Herbstblumen: «u- C?' ■' ®oIMatL und dazwsschen Oleander-

«nb Lorbeerzweige. „Das ist ein Gruß «us her ^etmat," sagte sie. „Ich komme nämlich direkt — nein, ich sage es nicht? Raten Sie einmal, woher ich komme, Herr Major?"

.Ja — da- ist schwer zu sagen," meinte Sonneck. -Wer kann denn wissen, wo in aller Welt so eine »unge schöne Millionärin herumkutschiert? Nun — dem Mond werden Sie wohl nicht kommen."

„©ott bewahre! Auch nicht von der Sonne!

Aber doch von irgend einem kleinen Planeten. — Ich komme nämlich von — Schloß Sonneck!"

Vater unb Tochter wechselten einen raschen Blick. .Von - Sonneck?"

-Ja. Ich habe biefe Blumen selber gepflÄki, weil ich dachte, daß Ihnen das Freude machen würde, Herr Major. Er hängt doch ein ganz eigener Dust daran — Heimatduft! Der ist fo lieb, so süß . . ."

In dem kleinen Zimmer »er es ganz still. Rur das Atmen der drei Menschen war hörbar. Hilde hatte sich abgewandt, um ihre Tränen zu verbergen, und der Major zog feinen weißen Schnurrbart durch die Finger und sah habet immerfort die Blumen au . -. Die waren zu Sonneck gewachsen und brach­ten ihm mm Grüße, bat Duft her heimatlichen Scholle . . .,

Etwas Heißes, Riegekmmte» stieg in ihm empor unb trieb ihm das Wasser tn bie Augen. Ein heißes Heimweh, ein schnsüchttg« Verlangen nach bet allen Heimat erfaßte ihn. Wie ein Sturm kam es über ihn unb rüttelte ihn. Er vergrub fein Gesicht in bie Blüten und seine Tränen fielen auf sie.

Hilde schlang ben Arm ttm seinen Hal». „Lie­ber Papa —"

Iris trat zu ihnen unb sagte: „Herr Major, ich kamt nicht Komödie spielen. Mit springt das Herz gleich auf die Zunge — ich muß Ihnen ein Ge­ständnis machen." Sie holte tief Atem und sagte: «Ich habe nämlich---ich habe--Schloß

Sonneck gekauft--'

Hilde unb ihr Vater stießen einen Rus her Heber- raschung aus. „JriS — ist da» möglich?"

„Ja — dem Onkel hab ich'» ab gekauft unb bin unmenschlich glücklich darüber- Ach, eS ist so schön dort, so wunderschön, nur so einsam. Unb da hab ich mir gedacht . . . ach, Herr Major, ich habe eine große Bitte an Sie: kommen Sie wieder nach Son- ne». Wohnen Sir dort — das hi« ist ja keine Woh­nung für Sie —'

Dem Major wat e», al» hätte er einen Stoß bot die Brust bekommen; er prallte förmlich zurück- .Ich — ich soll auf Sonneck toobnen?”

„Ja, Herr Major, ich bitte Sie herzlich darum. Es soll alles fein wie früher. Sie sollen Ihr Zimmer wieder haben, Ihre Terrasse, die Blumen, ben Park — alles, alles. Hilde muß jeden Monat ein paar Tage auf Besuch kommen unb ich werde für Ihre Bequemlichkeit sorgen. Sie müssen mir Rat erteilen, ich weiß ja nirgends Bescheid-"

„Aber das geht doch nicht, Fräulein Iris? . . . Ich — ich kamt ja nicht der Herr sein."

„Wenn ich aber recht herzlich darum bitte," sagte Iris innig. „Wenn ich Ihnen sage, daß Sie mir damit einen Gefallen, eine Gunst erweisen — wol­len Sie auch bann nicht?"

Sonneck zitterte vor Erregung. „Ich kann e8 nicht fassen," sagte er. „Alles soll ich wieder sehen: das Schloß unb bie Terrasse, den Turm unb ben Park, das Tal unb bie ganze liebe Heimat? . . Das geht boch nicht! ... E» kommen da noch andere Dinge in Frage . . -•

Jri» verstand, daß sich sein Stolz dagegen sträubte. „Sie wollen cüso nicht bei mir zu Gaste sein?' fragte sie. „DaS ist mir leid. Ich sehe, daß noch viel Fremdes zwischen uns liegt Daher mutz ich bie Sache vom geschäftlichen Standpunkt aus behandeln, so schmerzlich mir das auch ist. Sehe« Sie, Herr Major, ich bin ja so unerfahren in der Bewirtschaf­tung eines großen Gutes, ich brauche einen treuen Freund, einen Ratgeber, der es gut mit mir meint . . . Und da habe ich an Sie gedacht, Herr Major. E» wäre freilich ein großes Opfer, auf den alten Edelsitz zurückzukehren, der Ihr Eigentum war. Aber ich will Ihnen dies Opfer erleichtern. Sie sollen sich ganz als Herr fühlen- Sehen Sie, au» diesem Grunde habe ich Schloß Sonneck erworben: t» sollte Ihnen wird« eine Heimat werden und nicht in fremde Hände übergehen; es soll Ihnen Gelegenheit geboten sein, Ihren alten Besitz in besseren Zeit« zurüctzu- kaufen . . . Ich betrachte mich nicht als Eigentümer, sondern nur al» Verwalter. Schließen toir alfo einen Vertrag: Sie leihen mir Ihre Kennwiffe, Ihre Erfahrungen, Ihren Rat — ich dagegen räume

Ihnen das Schloß zur Wohnung ein und bitte Sie, mich Ihre Freundin nennen zu dürfen. Wolle« Sie? . . .'

.E» ist zu viel! E» ist ein großes Geschenk —'

„Ein Geschenk, von dem ich den größten Vorteil habe. Unb wenn Sie absolut nicht anbet» wollen — gut: so zahlen Sir nr- ' Ist nun alle» glatt? Ach, ich habe nicht daß e» so schwer fein würde, Sie zu diesen! zu bewegen.

Der Major atmete auf, fein Gesicht ward helle«

unb heller. —

„So ginge es", sagte er. „Aber es ist zu ungleich-

— Sie verlieren dabei."

- „Reis, ich gewinne! Ich gewinne Siel Das ist mir mehr wert. Nun, Herr Major?'

„WaS meinst du, Hilde?"

Hilde lächelte. .Ich glaube, du kannst den »er­trag eingehen, Papa."

Er zögerte immer noch. Sein Adelsstoz sträubte sich, von diesem «einen Bürgerma. hen so Großes anzunehmm. Unb doch zog es ihn mit aller ©malt nach Sonneck. Dort würbe er aufleben unb wieder

froh werden.

Jri» fühlte, daß sie schon hcflb gesiegt haUe. Nun IveHte sie ihren Sieg vollständig macken. «Hilde hat mir von Ihrem Buch gesagt, Herr Major. ® können Sie doch nicht in dissL «««« Käfigs» machen! Da «Mm Sie doch ftsscheLust^b , Sonnenschein. Das muffen Sie EMG »

tragen - Sonne^ Al Sorm ^Dann^ * ^em, Menschen noch etnmÄ so g- in» Reine

—d-dE H-Md-

M X"NM * *« und schrieb darauf ht klaren, festen, schönen Zügen: „Kriegsgeschichte, verfaßt von Bautz v. sonneck Major a. D. aus Schloß Sonneck. —"

(Fortsetzung soll'.)