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Zeitung

5-paktier in Fulda. Wschenbrilütze: Illustrierte Sonntagrzeitung

Erstes Blatt

Fulda, Mittivoch den 20. September Da.

vtf 215.

38. Jahrgang

MonattbeUage: „Fuldaer Gefchichtrblätter"

«titgexm raznHMN Aufnahme der Somt- u»d Feiertage. Viertel« jLhclicherVerugrpretr ohne ßrhtgttloi)6 and vesteSgrtdm Fuldas», wie a#$»6rts 1.5« mf.

Serantw. Ledattenrr r«*rrchriter

»nzri-en; Ott et» spaltigePetttzeUeoder deren Hoa» 15 Psg. AeNamendrepetttzeil«

Psg., bet wieder- yolnngen wird entfpr. Rabatt gewöhrt.

üotationrdrurkund Verlag der Fuldaer R!« liendruckerei in Fulda Femsprecher Nr. 9.

ö Die Reichstagsersatzwahl in Tüffeldorf.

W. Düffeldors, 19. Sept. 1911. Bei der heutigen Reichstagsersatzwahl sür den verstorbenen Lmtsgerichtsrat Kirsch erhielten Dr. Friedrich (ßtr.) 29 076, Haberland (So;.) 33812, Herkenrath (kons.) 3133, Dr. Breitscheid (vemokr. Bereinigung) 8510 und Chociszewski (Pole) 271 Stimmen. Es findet Stichwahl zwischen Haberland und Dr. Friedrich statt. (Bergl. L. Nachr.) Zum Vergleich seien dir Stimmenzahlen der 53i'r)( von 1907 angemhrt. TarialS er!/elfen >m ^ ersten Wahlgang das Zentrum 29 259 (gegen 22 634 im Jahre 1903), die Sozialdemokratie 25 389 (20 375), die Liberale Vereinigung, d. i. die Natio­nalliberalen, 14 664 (7866), die Freisinnige Ver­einigung 593, die Polen 268 Stimmen. Bei der Stichwahl siegte dann das Zentrum mit 33 317 gegen 25 233 Stimmen über die Sozialdemokratie. Der zu 69 Prozent (früher 73,8 Proz.) katholische Wahlkreis zählt jetzt 102 993 Wahlberechtigte, gegen 84 244 im Jahre 1907, er gehört zu den größten im Reiche.

Währmd es anfangs schien, als ob dieser Wahl­kampf allein zwischm Zentrum und Sozialdemokratie ausgefochten werden sollte, tarnen doch nach und nach einige Sonderkandidatm hinzu. Die Liberale Vereinigung zwar beschloß feinen Kandidatm aufzustellen. Dagegen beschlossen die F o r t s ch r i t t- I e r, sofort für die Sozialdemokratie zu stim­men. Die Demokratische Vereinigung stellte ihren Führer Dr. Breitscheid als Kandidatm auf und die Polen dm Schriftsteller Chociszewski. Die Unzufriedenheit mit der Haltung der Liberalen Vereinigung führte schließlich noch zur Bildung eines Deutsch nationalen Wahlausschus- s»?, der die Konservativen, die evangelische Volks- Vereinigung, den Bund der Landwirte, die Deutsch­soziale und die Christlich-soziale Partei umfaßt- Die­ser Ausschuß stellte dm Stadtverordneten Herkenrath als Kandidaten auf.

Der Kandidat des Zentrums Banrdirektor Dr. Friedrich erfreut sich in den Kreisen der Zen­trumswähler großen Vertrauens, das durch seine überzeugende und geschickte Verteidigurrg der Zen­trumspolitik in den Wahlversammlungen noch wesentlich gehoben wurde. Trotzdem ist es ihm nicht gelungen, die volle Stünmenzahl, die der Abg. Kirsch auf sich vereinigte, wieder aufzubringeu. Er erhielt rund 200 Stimmen weniger, während die Sozialdemokraten um über 8000 zugeuommcn ha­ben. Von Wichtigkeit ist die Frage, wo die Stim­men der Nationalliberalen geblieben sind, die 1907 14 664 betrugen. Die Nationalliberalen haben der Welt toeiS machen wollen, daß sie bei der Wahl Ge­wehr bei Fuß stehen wollten. Ihr Beschluß, keinen Kandidaten a>,'fzustellen, ist aber nicht mit Unrecht als eine indirekte Unterstützung der Sozialdemokra­tie gedeutet worden; er drängte die bisherigen An­hänger geradezu in das gegnerisch« Lager. Und nationalliberale Mütter vom Schlage der „Köln. Ztg." und der „Düffeld. Ztg." haben alles getan, ihren Anhängen!, welche der Vorstandslertung nicht zu folgen gewillt waren, den Weg in das rote Lager zu zeigen. Die Sozialdemokratie wurde von ihnm mit äußerster Schonung behandeü, gegen das Zen­trum wurde scharf gemacht. Die feindselige Stel­lungnahme des Hansabundes, die Spekulation auf hie konfessionelle Stimmung, die zum Schluß des Wahlkampfes auch noch durch Brandreden des Gra- fen Hoensbroech geschürt wurde, haben weiter noch die Chancen der Gegner stärken helfen. So ist nicht daran zu zweifeln, daß nur ein TKl der national- liberalen Wähler die Parole Wahlenchaltung be­folgt hat, ein sehr großer Teib dürste dem Sozial- demokraten seine Stintme gegeben haben, wäh­rend ein anderer Teil sich zu Heu Demokraten und zu den Konservativen geschlagen hat.'

Bei der Stichwahl werden die Demokraten dem Sozialdemokraten ihre Stimme geben, während zu er­warten ist, daß die Konservativen das Zentrum un­terstütze« werden. Das Zentrum hat in zäher, euer- atscher Wahlarbeit das Menschenmögliche geleistet, um Mn Wahlkampf in Ehren zu bestehen. Es wird aber noch eines weiteren Kampfes bis zur Erschöpfung be­dürfen, wenn das Mandat gegenüber der Hebennacht des Liberalismus und Sozialismus gerettet werden i-ll. ______________________________________

0 Eine neue Flottenvorlage

teuft seit einiger Zeit in den Köpfen liberaler und sttzialdemokratischer Politiker herum.

i Auf dem sozialdemokratischen Partestag in Jena versicherte Bebel mst dem Brustton der Ueberzeu- eg seiner gläubigen Gefolgschaft, daß eine Flch­orlage sicher zu erwarten sei. Und im nationalliberalen Lager hat man bereüs die Be­dingungen ausgestellt, von deren Erfüllung die Nat.onalliberalen ihre Zustimmung zu der neuen Flottenvorlage abhängig machen wollen.

Wir laffen es dahingestellt, ob die Patteiführer wirktrch davon überzeugt sind, daß eine neue Mottenvorlage zu den Ausgaben gehören wird, mit Jenen sich der Reichstag zu beschäftigen haben Wird. V«l naher liegt jedenfalls die Annahme, daß sie aus rem ag11et orischen Zwecken die Fabel von ™ neuen Flottenvorlage aufbriugeu. Eine neue Flottenvorlage würde selbstverständlich dem deutschen Volke erhebliche Opfer auferlegen und neuesten* etn notwendig machen. Das Volk würde das An- fhtnen, zu den großen Opfern, die ihm die Reichs- tinanzreform auferlegt hat, noch weitere Lasten zu tragen, mst Recht unwillig zurückweisen. Und das ist es eben, worauf die Sozialdemokratie in trau­ten Bunde mit dem Liberalismus spekuliert.

Die durch die liberal-sozialdemokratische Hetze ins Volk hineingetragene Beunruhigung wird noch ® erheblich verstärkt durch die unausgesetzte Agi- n des F l o t t e n v e r er n s, der soeben wieder einem Aufrufe den beschleunigten Aus­

bau der durch das geltende Flottengesetz vorgese­henen Panzerkreuzer bedangt. Unter diesen Umständen darf es kaum noch Wunder nehmen, wenn die sozialdemokratische Hetze chre Früchte zu zeitigen beginnt und die Fabel von der neuen Flottenvorlage im Volk mehr und mehr Glauben findet.

Die neue Flottenvorlage ist eine Fabel. Zu gewichtige Gründe stehen ihrer Ver­wirklichung entgegen. Erstens einmal das bestehende Flottengesetz, das erst in einigen Jahren abläuft, und in Verbindung damit die wiederholt abgegebene Versicherung des Reichsmarineamtes, es denke nicht an eine Vermehrung der Flotte über den Rahmen des geltenden Flottengesetzes hinaus. Der zweste Grund ist aber die finan­zielle Lage des Reiches. Diese ist, wie man» niglich bekannt, wahrlich nicht rosig, und die' mit Hilfe der Reichsfinanzreform ermöglichte Gesun­dung würde sofort nicht nur in Frage gestellt, son­dern für absehbare Zeit verhindert werden, wenn die Reichsregierung wirklich den Mut haben sollte, mit neuen gewaltigen Forderungen vor den Reichs­tag zu treten. Die neuen Ausgaben würden neue Einnahmen zur Voraussetzung haben. Und daran müßte jeder Versuch der Regierung, eine neue Flot­tenvorlage durchzudrücken, scheitern. Denn sowohl in dem jetzigen wie in dem kommenden Reichstag, mag er zusammengesetzt sein wie er will, würde die Regierung keine Mehrheit finden, die be- rest wäre, für eine unnötige Vermehrung unserer Flotte auch nur einen Pfennig zu bewilligen. Un­nötig aber wäre jede Flottenvermehrung, die über den Rahmen des geltenden Flottengesetzes hin- ausgeht. Unsere Flotte soll keine Angriffswaffe sondern eine Verteidigungswaffe sein und dazu reicht sie in ihrem jetzigen Umfang und dem durch das Flottengesetz garantierten planmäßigen Ausbau völlig aus.

Zu ben genannten Gründen gegen einen be­schleunigten Ausbau unserer Flotte treten noch solche technischer Natur hinzu. Der Flottenverein agitiert besonders für einen beschleunigten Ausbau der P a nz e r k r e u z e r , um einer angeblich „ge­fährlichen Lücke" stn Bestände unserer Panzerkreu­zer entgegenzuwstken. Gegen diese Bestrebungen des Flottenvereins wendet sich nun der Vizeadmiral a. D. Hoffmann in einer Zuschrift an die „Vossische Zeitung". Er weist darauf hin, daß unter allen Schiffstypen der große Kreuzer am allermeisten von der „Revolution im Kriegsschiffbau" betroffen ist. Ans diesem Grimd kommt Admiral Hoffmann zu der Schlußfolgerung,

„daß vor dem Jahre 1917 mit einer solchen viel­leicht revolutionären llmwanvlung unserer Flottengrund­lage vorgegongen werden sollte, erscheint ausge« schloffen. Einmal schon deshalb, weil sich die tech­nische Frage zurzeit noch in regem Fluß befindet, sodann aber, weil wir mit finanziellen Konse­quenzen zu rechnen haben werden, die eine weit» vorausschauende Finanzpolitik in Mitleidenschaft ziehen müssen. Oder eS würde sich der Fall wiederholen, daß eine Ansgabenbewilligung von unbestimmter Höhe in die Erjckieimmg tritt, sür die nachher die erstaunten Bewilliger ratlos nach Deckung Umschau halten."

Faßt man alle die Gründe, die sonach gegen ein eine neue Flottenvorlage sprechen, zusammen, so wird man sicherlich mit uns der Meinung sein, daß eine neue Flottenvorlage ins Reich der Fabel gchört.

Deutscher Reich.

* Marokko.

Offiziös wird in Paris und Berlm gleichzeitig versichert, daß die jüngste Unterredung zwischen Kidcrlen-WLchter und Cambon die Marokko- verhandlungen einen neuen Schritt vor­wärts gebracht haben. Alle Unstimmigkeiten sind jedoch noch nicht geschwunden. Deutsch-offiziös roirb bemerkt, daß auch deutsche Forderungen prin­zipieller Natur, auf die von Deutschland nicht verzichtet werden kann, in Frage stehen. Dies sei in der Unterredung klar znm Ausdruck gebracht worden.

* Berlin, 19. Sept. 1911. Der Kaiser hörte im Schlosse Cadmen den Vortrag des Chefs des Zt- vilkabinetts. Wirst- Geh. Rats v. Valenstni. — Der Kronprtnztst Dienstag morgen wieder in Pots­dam eingetroffen. — Die Kronprinzessin Cä­cilie vollendet am 20. September ihr 25. Lebensjahr. — Zum Nachfolger de» Unterstaatssekretärs Dr. Sctemrtzkopff ist der Ministerialdtreftor v. Chap- puis berufen worden, der seit etwa acht Jähren die gesamten geistlichen Angelegenheiten im Kultus­ministerium bearbeitet. Diese Ernennung bedeutet keinen Svstemwechsel im Kultusministerium. — Die Mnisterialverfügung über die allgemeine Kurz­stunde an den höheren Lehranstalten ist, der »Deutschen Tageszeitung' zufolge, nunmehr er­gangen. Darnach wird an allen höheren Schulen Preußens die bisherige 50 Minutenstunde durch die 45 Minutenstunde ersetzt werden.

X Wechsel im Posener Oberpräsidium. Wie halbamtlich mitgeteilt wird, ist der Oberpräsident v, W a l d o w in Posen an Stelle des in den Ruhe­stand tretenden Oberprasidenten Frech, v. MaII- zahn nach Stettin verletzt worden. Zu seinem Nachfolger bt Posen ist der HnterJtaatSfefretär im Kultusministerium, Wirklicher Geheimer Rat Dr. jur. Schwartzkopff ernannt worden. — Man glaubt, daß mst diesem Wechsel auch eine Kenhe­ran g in der Polenpolitik bezweckt fei. Dr. Schwartzkopff hat xtoer die Ostmarkenpolitik der Regierung, an deren Durchführung das Kultus­ministerium ja hervorragend beteiligt ist, von jeher mitgemacht und auch öffentlich im Landtage ver­treten, man hält ihn jedoch für einen Gegner der scharfen Tonart, wie sie von den An- bangem des Ostmarkenverem» gefordert wird. Er ist m der Provinz Posen persönlich Begütert und kennt chre Verhältnisse m jeder Beziehung.

* Abg. Graf v. Oppersdorff veröffentlicht in dem in Glatz, seinem Wahlkreise, erscheinenden ,Gebirg?- botew nachstehende Erklärung:

,Jede Aeußerung in der in« und ausländischen Presse, die mich in Gegensatz zu meiner Partei oder ihrer derzeitigen parlamentarischen Führung zu stellen sucht, ist unbegründet und wird von mir als unbe­rechtigt abgelehnt. Und jede Aeußerung, die dem Zentrum oder feiner derzeitigen parlamentarischen Vertretung und Führung Untreue gegen feine Grundsätze, Untreue gegen feine treu religiöse Gesinnung vorwirft, habe ich stets auf da? Nachdrücklichste mißbilligt und mißbillige sie auch heute. Besonders aber mißbillige ich jeden Angriff auf die treukatholische Ueberzeugung der verdienten Zenttumsjührer und ihre Betätigung dieser Ueber­zeugung in der Praxis der Parlamente."

+ Ein neuer Eulenburgprozeß soll, einer Ber­liner Nachrichtenstelle zufolge, in kurzer Zeit bevor­stehen. Wir haben von dieser Meldung keine Nottz genommen, da sie uns toenig glaubwürdig erschien. Unsere Auffassung wird jetzt von der Berliner offi- ziösen Polizeikorrespondenz bestätigt, die konstatiert, daß seit dem letzten Termin Kriminalbeamte mit dem Fürsten Eulenburg nichts mehr zu tun gehabt haben. Nicht ein einziger sei mehr in Liebenberg gewesen, um ihn zu beobachten- Daß der Fürst in seinen Parkanlagen umhergehe, und daß er vielleicht auch einmal einen Fasan schieße, sei ja bekannt, trotzdem aber habe ihn die gerichtsärztliche Untersuchung, die vor über Jahresfrist statffand, für verhandlungsun­fähig erklärt. — Es wäre ein unerquickliches Schau­spiel, noch einmal all den Schmutz aufwühlen zu sehen/ mit dem bei den letzten Prozessen die Oeffent- lichkcit überschwemmt wurde. Selbstverständlich muß der Gerechtigkeit freier Lauf gegeben werden, wenn die Gesundheit des Fürsten Eulenburg es zuläßt. Solange aber die Staatsanwaltschaft diese Gewiß­heit nicht hat, darf man wohl erwarten, daß sie nicht ohne Not ein neues Verfahren veranlassen wird.

X Der Zentralausschutz der vereinigten Jnnnngs- verbände Deutschlands hat sich mit den kommenden Wahlen beschäftigt und einen Aufruf beschlossen, der zugleich ein Programm bedeutet. Als. Richt­schnur werden dabei für die Unterstützung der Kandidaten zehn Punkte des wirtschaftlichen Pro­gramms der Handwerkskammertage genommen, u. a. die Forderungen auf:

1. Herbeiführung eines gedeihlichen Verhältnifles zwischen Fabrik und Handwerk auf Grund einer Zu- sammensührung von Gewerbe und Industrie in einer gemeinsamen Tätigkeit für die Jugendbildung rind unter Beitragsleistung der Industrie zu den ersorder- ltche» Mitteln. 2. Stärkere Heranziehung des Hand­werks zur Begutachtung von Gesetzentwürfen nuw'als Mitglieder der ersten Kammern, Einrichtung besonderer Handwerksabteilungen in den Ministerien. 3. Berück­sichtigung der Leistungsfähigkeit des Handwerks in der Sozialpolitik und Ablehnung der Arbeitskammern der Arbeitslosenversicherung, dagegen Schutz der Arbeits­losenversicherung. 4. Ausbau der Fachfortbildungs­schule ohne Religionsunterricht. 5. Reichsgesetzliche Regelung des Verdingungswesens. 6. Fortführung der Maßnahmen zur Bekämpfung des Bauschwindels. 7. Zweckdienliche Mittel zur Verhinderung der Kon­kurrenz der Gefängnisarbeit, der Warenhäuser, der Beamten- und sonstigen Konsumvereine, der Wander- lager und der Leihhäuser. 8. Schutz der bestehenden Handwerksbetriebe vor Anwendung gewerbepolizeilicher, für das Fortbesteben derselben ruinöser Bestimmungen und Revision der Bäckerei- und ähnlicher Verordnungen. 9. Förderung aller Mittel zur Beseitigung des Borg­unwesens, wie der Diskontierung offener Buchforde­rungen nsw.

Von der Zentrumspartei wird sich kaum jemanb auf den religionslosen Fachunterricht festlegen.

d Heber Bündnisse zwischen Sozialdemokratie und Zentrum hat der Sozialistenführer Bebel auf dem Parteitag in Jena wieder die alten Sprüche vorgebracht. Der verstorbene Sozialistenführer Ehrharthat einmal, wie er selber mitgeteilt hat, in einer launigen Stunde dem Abg. Bebel weis­gemacht, das Bündnis für die zwei Landtags- Wahlkreise Zweibrücken-Pirmasens und Speyer- Ludwigshafen im Jahre 1899 zwischen Sozialdemo, hatte und Zentrum sei in der Domsakristei zu Speyer abgeschlossen worden. Auf dieses Märchen fiel Bebel herein und er hat es jetzt in Jena wieder er- e' lt. Diesmal hat er neu hinzugefügt, es sei in

Sakristei von dem damaligen Domkapitular Bellinger und jetzigen Erzbischof von München abgeschlossen worden. Die Wirklichkeit fft, daß Abg. v. Volkmar, der auf einer Agitationstour nach Speyer kam, vom Domkapitular Dr. Zimmern, der ein vorzüglicher Kenner der Entwicklung des Dombauwerkes ist, im Speyerer Dom herumgeführt wurde. Daß jenes Bündnis nicht in Speyer, son­dern im Landtagsgebäude zu München zwischen dem Sozialistenführer E h r h a r t und dem Abg. Dr. Jäger vereinbart worden ist, hat Dr. Jäger schon längst öffentlich festgestellt. Das Bünd­nis in München I im Jahre 1899 ist unabhängig von dem pfälzischen Vorgang abgeschlossen worden. Die Gruppierung von 1905 wurde von Fraktion zu Fraktton abgeschlosien und erftredte sich auf einige zweifelhafte Wahlkreise. Sie war notwendig, um eine Regierungsvorlage, nämlich das Wahlgesetz, durchzubringen. DaS Zusammen- gehen warreintaktischerNatur, wobei die grundsätzlichen klaffenden Gegensätzen keinen Augenblick znrucktraten. Es wurde im Gegenteil von beiden Seiten betont, daß nach Schwächung des Liberalismus der Kampf zwischen Zen­trum und Sozialdemokratie erst recht mit voller Schärfe geführt werde. An- der- der Liberalismus. Schon 1884, als Liberalis­mus und Sozialdemokratie bei den Reichstagswah­len zusammengingen, hat der berftorbene liberale Führer v. Fischer die Punkte sachlicher Heber» etnftimmung zwischen Liberalismus und Sozial- bemofratie hervorgehoben. Die heutige Groß- blockpolitik fft das dauernde sach­liche Zusammenwirken zwischen Libe­ralismus und Sozialdemokratie und das in der Zett größter Verschärfung der sozialdemokratischen Ge- fahr. — Im übrigen hat Bebel auf dem Zen- trumSparleüage für den Regierungsbezirk Aachen eine Antwort gefunden, die er unb JW

tun wenigsten feine liberale Protektoren erwartet hatten. In einer glänzenden Rede kam Rechtsan­walt Bell aus Essen auf Bebels Worte zurück. Er Überließ es den angeblich beteiligten Personen, sich dazu zu äußern, stellte seinerseits aber an Bebel fol­gende Frage, mit der er sich über die Grenze des Hauses hinaus an das ganze deutsche Volk wenden wolle.

Bei den Wahlen 1906/07 sei von maßgebender sozialdemokratischer Seite der Zentrums­fraktion ein Wahlbündnis angeboten worden. Die Zenlrumssraktion habe einmütig abgelehnt, obgleich die Zenttumsleitung erkennen mußte, daß dadurch das Zustandekommen eines Blockreichstages ausgeschlossen gewesen wäre. Ich erlaube mir nun, sagte Bell, an Bebel und seine Freunde die Frage zu richten, wie steht es mit diesem Bündnis, wie kann die sozialdemokratische Fraktion es ihren Wählern gegen­über verantworten, dem Zentrum ein Wahlbündnis anzubieten?

Was sagt dazu die sozialdemokratische und die liberale Presse?

** Die Ermordung des russischen Ministerpräsi­denten hat die volle Billigung der Frankfurter sozial- demokrattschen „Volkssümme". In ihrer gestrigen Ausgabe schreibt sie zu dem Tode Stolypins:

Wenn an einem grauen Dtorgen eines der näch­sten Tage Bagrow (der Attentäter) die hänfene Krawatte um den Hals gelegt wird, mag er mit dem Bewußtsein den Tod erleiden, daß es nicht ver­gebens ist und daß das Ziel, das er sich gesteckt, erreicht ward. Und auch heute, da Stolypins Herz, schlag stillsteht, können wir kein Bedauern darüber empfinden, dar ein Mensch, der fo oit sich bembelt hat mit edlerem Blute, zum Schluß von seinem eigenen Blute besudelt wurde.

Eine solche Stellungnahme sozialdemokratischer Blätter fft ja nichts neues, vielmehr eine stets wie- derkchrende Erscheinung. Sie stellen danplt ihren revolutionären Charaktpr, ihre BtlliMng der Ge­walttat, des polittschen Mordes klar ans Licht- ES ist nötig, von Zeit zu Zeit von solchen Verlautbarun- gen Notiz zu nehmen, damit jedermann sieht, daß der politische Gewaltstreich zu den von der zialdemokratie gebilligten Mitteln gchört.

X Fritzlar, 19. Sept. 1911. Der durch den Tod des Reichstagsabg. Liebermann von Sonnen berg erledigte Wahlkreis Fritzlar- Homberg-Ziegenhain ist für die Wirtschaft­liche Vereinigung bedroht, trotzdem er 20 Jahrt lang sicherer Besitz dieser Partei war. Das lag abet zum .großen Teile an bet Persönlichkeit v. Sonnen­bergs selbst. 1907 haben die Freisinnigen, die da­mals in dem Kreise zum ersten Male austraten, 3763 Stimmen auf ihren Kandidaten, den Lehrer Freubenstein, vereinigt. Für bie nächsten allge­meinen Wahlen hatte bie Fortschrittliche Volks­partei, bie nach bem kurhessischen liberalen Wahl­abkommen in btefem Kreise von ben National­liberalm unterstützt werben muß, schon vor längerer Zeit ben Hanbelskammersynblkus Dr. Laport« als ihrm Kanbidaten nominiert, der namentlich in der Schwalmgegenb großen Anhang hat. Außer­dem ist vom Deutschen Bauernbund dessen Geschäfts­führer Heft et mann aufgestellt worden. Es heißt übrigens, daß der Fraktionsgenosse de» Verstorbenen, der Reichstagsabg. Lattmann, der gegenwärtig den Kreis Kassel-Melsungen vertritt, möglicherweise im Wahlkreise Fritzlar-Homberg-Ziegenhain kandi­dieren werbe, ba ber Wahlkreis Kaffel für ihn nicht mehr ganz sicher erscheine.

* Weimar, 18. Sspt. 1911. Der konservative Lanbtagsabg. Lanbkammerrat Hugo Franke ist im 49. Lebensjahre auf seinem Rittergut Tausa gestorben.

** Lübeck, 19. Sept. 1911. Die .Bürgerschaft" in Lübeck lehnte ben Antrag der sozialdemokra­tischen Fraktion ab, das ReichStaaswahlrecht mit der Erweiterung, daß alle Personen über 20 Jahre wählen dürfen, aus die Bürgerschaftswahlen zu übertragen.

Ausland.

*♦ Zum österreichischen KriegSminifter anstelle deS Freiherrn v. Schönaich, der bekanntlich toegen Diffe­renzen mit dem Erzherzog Franz Ferdinand sein Amt niederlegte, hat der Kaiser den Korpskommandeur in Sarajewo, General Moritz RMer v. Auffen­berg ernannt.

* Tas holländische Abgeordnetenhaus, die General- ftaaten, hat gestern seine Tagung begonnen. In ber vom Ministerpräsibenten zur Eröffnung ver­lesenen Thronrede werben bie Beziehungen zu ben Mächten als die freundlichsten bezeichnet. Es werden Gesetzentwürfe über die Ruhegehälter der Ge­meindebeamten und ihrer Witwen angekünbigt. — Anläßlich ber Eröffnung ber ©eneralftaateu tarn es zu einer Kunbgebung für das allgemeine Stimmrecht, ander 2000 Anhänger verschiedener Paneien des Landes sich beteiligten. Elf Redner hielten Ansprachen.

* Die unerträgliche Lage deS Papsttums. Der Offervatore Romano veröffentlicht einen Artikel, worin festgestellt wird, daß bie Lage des Papsttums sich immer schwieriger und unerträglicher gestalte. Die an Zahl wachsenbm Provokation n eines sektiererischen Blockes, die feil 1870 anbauern, zeigen, baß bie Sektierer sich schon auf eine zweite Revo­lution vorbereiten. Der Offervatore Romano lenkt bie Aufmerksamkeit der katholischen Welt auf diese unerträgliche Sagt.

♦* Der Eisenbahnerstreik in Irland. In einer Moffenveffammlung von Eisenbahnbedtensteten in Du­blin wurde die Erklärung des Gen e r a l st r ei k» auf drei irischen Bahnen beschlossen, nämlich der Greift Southern, der Great Northern und der Midland Great Western. Auf ben Strecken dieser drei Bahn­linien ist der Verkehr völlig l a h m g e l e gt. Die Streikenden weigern sich namenüich, Holztransporte zu befördern, weil im Holzgewerbe Streittgkeiten zwi­schen Arbettgebern und Arbeitern ausgebrochen sind. Infolge der,Stockung im Eisenbahlwerkchr leidet auch