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Monatsbeilage: „Klldaer Geschichtrblatter"

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Setatkonsdrnckund Verlag der Fuldaer Ak. üendruclerei in Fulda Fernsprecher Nr. 9.

Erstes Blatt

Fulda, Dienstag den 19. September 1911.

jß 214.

38. Jahrgang.

Deutsches Reich.

♦* Drr Fortgang der Marokksverhandlungen.

Staatssekretär v. Kid er len hat a* Montag 'abend den französischen Botschafter Cambon empfangen und ihm die Antwort der deutschen Regierung auf die vorigen Freitag in Berlin ein- gegangene französische Note überreicht,

Liebermann v. Sonnenberg f.

W. Charlottenburg, 18. Sept. 1911. Ter Reichs- tagsabg. Liebermann v. Sonnenberg ist heute gestorben.

Max Liebermann v. Sonnenberg, der Führer der Antisemiten, war 1848 in Weißwafsr (West­preußen) geboten, wurde Offizier und machte den Feldzug gegen Frankreich mit. 1884 nahm er seinen Abschied. Von 1881 bis 1885 gab er in Berti» die /Deutsche Volkszeitung" heraus und wurde 1889 Mitbegründer und Vorstandsmitglied der deutsch- sozialen (antisemitischen) Partei, 1894 Führer der aus dieser hervorgegangenen deutschsozialen Reform- Partei. 1890 wurde er in den Reichstag gewählt und gründete 1903 die Wirtschastiche Vereinigung. Im Reichstage trat er häufig zur Bekämpfung des Großkapitalismus und des jüdischen Einflusses, so­wie als Sprecher der Alldeutschen auf. Sell 1894 gab er die /Deutschsozialen Blätter" heraus. Lieber­mann v. Sonnenberg war eine stattliche Erscheinung und hatte eine mächtige Stimme, die den Eindruck seiner volkstümlichen, allerdings von Uebertreibungen nicht sich freihaltenden Beredlsamkeit wesentlich ver- stärlte.

** Berlin, 18. Sept. 1911. Ter Reichskanz­ler begab sich für einige Tage nach Hohenfinow. — Der Kronprinz weilt als Jagdzast des Fürsten Solms - Baruth auf dessen Schlosse bei Klitschdorf- Wehrau. — Der preußische Unterrichts-Minister hat der ,N. A. Zig." zufolge angeordnet, daß für sittlich gefährdete Schulkinder Persvnal-Bogen ange­legt werden. — Die Einnahmen der deutschen Eisenbahnen weisen auch für August eine erfreu­liche Steigerung auf; sie betrugen aus dem Per­sonen verkehr im ganzen 85,781,726 Mark, das ist "jgee das Vorjahr mehr + 2,331,267 Mark, aus dem Güterverkehr im ganzen 162,476,108 Mark, das P mehr + 12,655,790 Mark.

* Tas englische Königspaar in Berlin? Nach einer Londoner Drahtmeldung wird König Georg von England in Begleitung seiner Gemahlin dem­nächst dem Kaiser Franz Joseph in Wien einen Besuch abftatten. Auf der Rückreise sei, so wird dabei behauptet, ein Besuch des deutschen Kaiserhofes in Aussicht genommen.

)( Die Reichstagserfahwahl in Düsseldorf findet am am heutigen Dienstag statt. Der H a n s a b u n d hat es abgelehnt, den Zentrumskandidaten Dr.Fried- :i ch zu unterstützen, trotzdem dieser in seiner Eigen­schaft als Bankdirektor Mitglied des Hansabundes ist! — Diese Stellungnahme des Hansabundes war vorauszusehen. Der Han abunb ist ja nur als liberale Wahlorganisatiou gedacht und erfunden; wie kann er denn einen Zeutrumswann unterstützen, selbst wenn dieser auch den Zielen, die sich der Hansabnnd als Aushängeschlld gesteckt hat, zuzu- streden verspricht. Die Vertretung der Handels- intercssen ist eben nur Aushängeschlld; Hauptsache ist die Unterstützung der Liberalen.

4- Sine natiomllliberale Bedingung für eine Flotterwerfiärkung. Die Nationalliberalen wollen, tote cs scheint, einer etwaigen Verstärkung der Flotte Iicht bedingungslos zustimmen. Der Abg. Strese- Mann erklärte nämlich am Sonntag in einer Ver­sammlung in Königsberg, die Rationalliberalen machten ihre Zustimmung zu einer neuen Flottenvor­lage von der Annahme der Erbschafts- und Vermögenssteuer abhängig. — Einstweilen Wird die nallonallcherale Bedingung ja gegenstands­los bleiben, da eine neue Flottenvorlage vorerst wohl kaum zu erwarten ist. Im übrigen aber würde sich ein derartiges Verhalten demjenigen der Ratio- »alliberalen bei der Reichsfinanzreform würdig an die Seite stellen. Es ist ja nichts neues, daß die Nationalliberalen ihre Pacteiintereffen denen des Reiches voranstellen.

+ Der Sxjcfnit Graf Hoensbroech wird jetzt auch von den Freisinnigen abgefchütlelt. Eine Kandi- Kalur des Grafen Hoensbroech, die in Osnabrück Ms den Kreisen der fortschrittlichen Volkspartei ausgestellt ist und trotz des Widerspruchs der Partei- lellung aufrechterhalten wurde, drohte für die Einig- teit der liberalen Parteiea gefährlich zu werden. Nunmehr erklärt auch die Wahlkreisleitung gleich der Parteileitung, daß sie jede Unterstützung der Kandidatur Hoensbroech ablehne, nachdem alle Be­mühungen, sie zurückzuzieheu, vergeblich gewesen • eien. — Vielleicht bietet Graf Hoensbroech seine ■ chätzenswerte Persönlichkeit nunmehr der Sozial­demokratie an.

♦* Ein gutes Wort zur rechten Zeit sp ach Abg. ijEtiiuborn auf dem Zentrumsparteitage in Kob» lenz, indem er ausführte: »Wer Berührung mit hem Volke hat, weiß, daß die höchst über» flüssigen Streitig!eiten einzelner Personen die Masse der Wählerfchast durchaus unberührt lassen, daß die gesamte Zentrumswähler- stchast die Einigkeil will, daß derjenige, der diese sEmrgkeit stört, als ein e ender Stänter angesehen und behandelt wird. (Stürmischer Beifall.) Einig sind wir und einig bleiben wir! Tas alte Zen- trum lebt ro<v unb wirb w.ller leben!"

** Eine Aufhebung des Jefuitengesetzes kann viel­leicht für einen nicht allzufernen Zeitpunkt erwartet jverden. Bekanntlich hat, so schreibt humorvoll die .Germania", der sozialdemokratische Par- teilag in Jena nur denjenigen Liberalen, den Freisinnigen sowohl wie den Nationalliberalen, die sozialdemokratische Stichwahlhilfe in -Aussicht gestellt, welche sich schriftlich oder vor Zeu- .gen, also in nachweisbarer und gewissenhafter feier­licher Weise verpflichten, gegen jegliches Aus- Lahmegesetz zu stimmen. Das einzige Aus­

nahmegesetz, das bekanntlich noch immer im deutschen Reiche bestes, ist das Jesuitengesetz vom 4. Juli 1872, dessen grundlegender § 1 leider noch immer nicht beteiligt ist. Wenn nun liberale und insbesondere nationalliberale Kandidaten durch soztaldenwkratische Stichwahlhilfe bei ben näch­sten allgemeinen Reichstagswahlen in dm Reichstag kommen, so sind diese von der Sozialdemokratie feier­lich dazu verpflichtet, gegen jegliches Ausnahmege­setz und dementsprechend für die Aufhebung des gan­zen Jesuitengesetzes zu stimmen- Die Zentrums­fraktion der Reichstags wird fich demnach die gün­stige Gelegenheit nicht entgehen lassen, sogleich beim Beginn der nächsten Legislaturperiode des Reichs­tags ben Antrag auf Aufhebung bes gan­gen Jesuitengesetzes wieder einzubringen, der dann zweifellos mit großer Mehrheit zur Annahme gelan­gen wird. Die Herren Sozialdemokraten habm dabei ja auch die erste und die beste Gelegen- hell zur Kontrolle darüber, wie die Liberalm ben bei den Stichwahlen ihnm gegenüber übernommenen Verpflichtungen nachkommen. Und wenn erst eine Reihe von Liberalen, insbesondere von National­liberalm für die Aushebung des ganzen Jesuitenze- setzes gestimmt habm wird, dann wird die Regie­rung, die ja in letzter Zeit so außerordentlich große Rücksicht auf dm Liberalismus nimmt — wie z. B. beim Leichmverbrmnungsgesetz und bezüglich des Re­ligionsunterrichts in den Fortbildungsschulen — sicher nicht ermangeln, auch ihrerseits der Aufhebung des Jesuitengesetzes zuzustimmem Wenn es übrigens den Sozialdemokraten mit ihrer Bedingung für die Stichwahlunterstützung: nur denjenigen Kandidaten zu unterstützen, bet gegen jedes Ausnahmegesetz ist, ernst ist, dann habm sie vielleicht bald Gelegenheit, die Probe auf § Exempel zu machen, falls es bei der demnächst erfolgmden Reichstags-Ersatzwahl für Konstanz-Ueberlingen zu einer Stich­wahl zwischen dem Zentrumskandidaten und dem Kandidatm der nallonalliberalen Partei kommm sollte. Daß wir mit unserer Auffassung über die ben Liberalen auf erlegte Verpflichtung: für Beseitigung des Jesuitengesetzes zu stimmen, wenn sie die sozial- demokrattsche Stichwahlhilfe in Anspruch nehmen wol­len, den Sinn der Parteitagsresolution von Jena rich­tig wiedergegeben haben, wird der Vorwärts gewiß bestätigen.

** München, 19. Sept. 1911. Im Befinden des Prinzregenten ist in den letzten Tagen eine bedenkliche Verschlimmerung eingetreten. Die rheumatischen Beschwerden sind heftiger ausgetreten. Die sonntägliche Messe, die sonst im Schloßhof von Hohenschwangau im Beffein eines zahlreichen Pub­likums abgchalten wurde, mußte gestern zum ersten- male in die Privatgemächer des Patienten verlegt werden.

Ausland.

** Dir Sozialdemokraten in Prag planen für Mittwoch, dem Tag der Eröffnung des böhmischen Landtages, ben Generalstreik. Es werben große Demonstrationen befürchtet.

** In England droht schon wieder ein Eisen­bahnerstreik. Die Arbeiter der verschiedensten Eisenbahngesellfchasten drohen mit einem allgemeinen Ausstand; so steht der Streik auf der Great Southern Railway bevor. In Jr land haben einzelne Eisenbahnarbeitergruppen die Arbeit bereits niebet- gelegt.

** Tie Unruhen in Spanien. Die Regierung ist einem Plan bet Revolutionäre auf die Spur gekommen, besten Ausführung einem aus Spaniern und Ausländern zusammengesetzten Anarchisten- Komitee in Barcelona übertragen worben war. Das Anarchistenkomitee hatte den Generalstreik, sowie die Z e r ft ö r u n g aller Telegraphen-, Telephon- und Eisenbahnlinien beschlossen. Die Mitglieder des Komitees wurden bis auf br.i verhaftet. Die Revolutionäre wollten den Generalstreik nicht als ein Mittel, um zugunsten der Arbeiter zu pro­testieren, tonbem einzig und allein, um Unruhen hervorzurufen. — In B i l b a o ist schon am Sams- tag der Verkehr der Straßenbahnen teilweise wieder ausgenommen worden. Truppen zerstreuten die Ausständigen. Die Casees hatten am Sonntag wieder geöffnet. Der Präsident und der Sekretär des sozialistischen Klubs, ein Streiksührer und eine Abordnung von Ausständigen, die Arbeitswillige zu beeinflussen versuchte, sind verhaftet worden. — Aus Saragossa wird gemetdet, daß die Aus­schreitungen am Sonntag außerordentlich ernst waren. Es kam wiederholt zu Zusammenstößen. Beim Verlassen einer Versammlung riefen die Teil­nehmer aus: .Hoch die Revolution!* und schossen aus die Gendarmerie. Diese erwiderte mit einer Salve, wobei einer getötet und fünf verwundet wurden. — In Valencia ist der allgemeine Ausstand unter revolutionären Erschei. nungen ausgebrochen. ES ist daher das Stand- recht verhängt worden. ES kam zu schweren Ruhestörungen; TelegraphendrShte wurden zer, schnitten. Die Stadt ist militärisch besetzt. — Das Austreten der revolutionären Unruhen in Barcelona ist so ungestüm, daß eine Wieder­holung der schlimmsten vorjährigen Eregniffe bc- sürchtet wird. Schon der allgemeine Ausstand bringt die Regierung in die schlimmste Lage, da die Truppen zur Besetzung sämtlicher Streikplatze bald nicht mehr ausreichen. — Von Sevilla liegen Privatmeldungen über schwere Unruhen vor, die aber von der Regierung als übertrieben bezeichnet werden. — Der König hat feine Abreise auf un­bestimmte Zeit verschoben.

• Politik aus eine« Aerllekougretz. Der Kongreß der Neroopathologen und Psychiater in Moskau wurde nach einer scharfen Rede des Professors Szerftky, die sich gegen di« Regierung richtete, von dem überwachenden Polizeibcamtcn geschlossen.

♦* lieber be« Aufruhr in der chinesischen Provinz Szefchuan lauten bei dem mangelhaften Post- und

Telegraphendienst im Reiche der Mitt« die Nach­richten widerspruchsvoll. Sicher ist nur, daß die Lage m Tschengtu kritisch ist. In Schanghai traf die Nachricht ein, daß Tschengtu, die Haupt­stadt von Sze-Tschwan, von den Aufrührern ein­genommen worden ist. Der Vizekönig ist mit anderen hohen Beamten nach Tze-Tschau entflohen; seine Familie aber soll von ben Rebellen getötet worden (ein. Tsen-Tschun-Suan, früher Vizekönig der Kwang-Prooinzeu, ist von Schanghai nach Sze- Tschwan abgereift, um die Operationen zur Unter­drückung der Revolution zu leiten. — Nach anderen Depeschen soll der Vizekönig noch in Tschenatu weilen, aber darauf vorbereitet fein, sich vor den Rebellen in ben starkbefestigten Damen zurückziehen zv müssen unb die Stadt preiszugeben. Nach einem Pekirger Telegramm hat der Kommmdeur der meuternden Truppen von Sze-Tschuan Selbst­mord begangen.

X 2er rote Sonntag von Wien.

Angesichts des bösen Verlaufs der Wiener Teuerungsdemonstration scheint cs den sozialbemo- kraiischen Veranstaltern angst und bange geworden zu sein. Sie erließen am Sonntag noch in später Abendstunde von Parteiwegen einen Ausruf, in dem sie bct.uern, daß die Demonstration gegen die Teuerung nur durch die Schuld des Pöbels einen solch bedauerlichen Abschluß gesunden habe und auffordern, vorläufig weitere Demonstrationen zu unterlassen. Mit diesem Ausruf wird die Sozial­demokratie sich nicht rein waschen können. Es gehen Gerüchte, in denen behauptet wird, daß die Gewalt­tätigkeiten im Anschluß an die Teuerungsdemon- ftration von vornherein geplant seien. Be­sonders ist es ausgefallen, daß die sozialdemo- kratrschen Ordner, die sonst bei äinlichen Demonstrationen immer in Tätigkeit treten, dies­mal nicht da waren. Man behauptet, daß sie mit Absicht nicht in Tätigkeit traten, um die Mög­lichkeit der Unruhen zu erleichtern. Es wird der Sozialdemokratie schwer fallen, die Schuld an diesem Blutvergießen von sich abzuwalzen. Die mora­lische Schuld trägt sie jedenfalls.

Während andere liberale Blätter gleich bei der Hand sind, die Sozialdemokraten von jeder Schuld rein zu waschen, ist der Wiener Korrespondent der ,Köln. Ztg." ehrlich genug folgendes seftzustellen:

r-lieber bte Verantwortlichkeiten des heu­tigen traurigen Tages kann man nunmehr einigermaßen klar sehen. Die Hauptschuldigen ftnb natürlich bte Sozialdemokraten. Sie haben nicht nur seit Wochen die Arbeiter auf gehetzt, sondern auch absichtlich alles unterlassen, was einen ruhigen Verlauf der heutigen Demonstration verbürgt hätte. Es fehlten die sonst üblichen Ordner, die fich bei verschiedenen srüheren Veranstaltungen überall gut bewährt haben. Die Masse der Zugteilnehmer zeigte von vorn­herein sehr geringe Disziplin, Als aber die Zerstörungswut über die Ottakringer Jungmannschaft gekommen, war weit und breit kein Führer zu sehen, der versucht hätte, dem Vandalismus Einhalt zu tun; im Gegenteil schauten sie dem wüsten Trei­ben ruhig zu und forderten erst, als die Arbeit bei der Bellaria gründlich besorgt war und Militär und Polizei sichtbar wurden, die Leute zum Abzug auf. Sie hatten aber in diesem Zeitpunkt schon die Gewalt über sie völlig verloren. Wahrscheinlich werden die Sozialdemokraten versuchen, die Schuld wieder auf den Janhagel zu schieben, der sie nichts angehe, weil er unorganisiert sei. Demgegenüber muh scharf betont werden, dah die jugendlichen Wütriche, denen sich auch genug ältere beigesellten, durchweg sozialdemo­kratische Abzeichen (rote Nelke oder Krawatte) und die säubern Sonntagskleider der organisierten Arbeiter trugen. Auch der andere Einwand, als wären diese Leute durch Spitzel, namentlich durch christlich­soziale, irregesnhrt worden, muß von vornherein ent­schieden zurückgewiesen werden. Es nahmen am Zuge wohl einige christlichsoziale Gewerkschaften teil, diese waren aber schon ordnungsmäßig vorbeigezogen, als der unheilvolle Knall erfolgte. Es wird also den Sozialdemokraten nicht gelingen, sich von der Schuld reinzuwas chen, einen wahnsinnigen Materialschaden, der eine Höhe von rund 100 000 Kronen erreichen dürste, und den Tod und die Ber- wundung vieler Menschen zwecklos veranlaßt zu Haden.

Amtlich wird in Wim erklärt, daß bei Wieder­holung solcher Krawalle das Standre cht erklärt werde- Die Polizeidirettion hat eine scharfe Kund­machung erlassen, in der anbefohlen totrb, daß in Ottakring sämtliche Häuser um 8 llhr abends zu sperren find, die öffentlichen Gast- und Schankgswerbe müssen bis längftms 9 llhr gesperrt sein. Es wird jedermann aufgefordert, sein Haus nicht zu verlaffm, insbesondere werden die Hauswirte und Familien­vorstände verpflichtet, ihre Haus- und Famllienmit- glieder zu Hause zu behalten . (Segen Zuwiderhand­lungen werden die schärfsten Maßnahmen angedroht.

Als Kaiser Franz Joseph am Montag von Schönbrunn nach der Hofburg fuhr, betrachtete er an der Ecke der Bellariastraße die Schäden genau und besprach mit seinem Adjutanten lebhaft die Vor­gänge, über die ihm Bericht erstattet wurde.

Das Stadtbild verrät deutlich die Spuren der Krawalle. Fast sämtliche Fmsterfcheibm im Justiz- Palast find eingefchlagm. Verwüstet ist die Kaserne der Kaiserlichm Leibgarde, auch mehrere Vorschulen in Ottakring, sowie die Staats realschule dort, ebenso das chemische Laboratorium der Staatsrealschule. Auf der ganzen Lerchmfelderftraße ist auch nicht eine Scheibe in ben Unterhäusern heilgcblieben, soweit ste nicht rechtzeittg durch Herablassen der Läden geschützt worden sind. Auch an den Wohnungen von Ange­hörigen der ärmsten Klaffe sind schonungslos die Fen­ster eingefchlagm worden. Fast sämtliche Straßenla- ternm und Geschäftslampm sind zertrümmert. Mehrere Cafss unb Restaurants find arg zugerichtet. An offen Straßenbahnwagen, die der Horde entgegentamen oder nicht weiter konnten, find die Scheibm zerschlagm Worben, wobei häufig die Fahrgäste burch GlaSfplit- ter Verletzungm davon trugen. Auf dem Hofferplatz find in einer Volksschule sämtliche Fenster bis unter daS Dach eingeworfen toorben. Weiter aufwärts hat dann noch das Amtsgebäude des Bezchrks eine Attacke

auszuhalten gehabt und dabet im Unterhaus alle Scheiben eingebüßt.

D« Zerstörungswut der Menge kannte keine Grenzen. Auch die Gartenanlagen wurden zerstört. Von einem Automobil, bas der Stabt Wien gehört und in welchem Schwestern vom Roten Kreuz faßen, wurden die Fenster eingeschlagen. Die Menge warf Feuerwerkskörper, sogen. Frösche, gegen die Pferde der Kavallerie, um sie zum Scheuen zu bringen. Auch zu Plünderungen kam es. Ans- rührer erstürmten und plünderten u. a. eine Nieder­lage der Argentor-Werke im siebten Bezirk, erbeute­ten dort verschiedene Silberwaren und zogen bann mit ber Beute fort

Die zuerst umschwirrenden Gerüchte über daS blutige Ergebuis desTageS im Arbeiterviertel Ottakring bestätigen sich glücklicherweise nicht Es sind nur zu verzeichnen: ein Toter, 19 Schwer- und 70 Leichtverletzte. Unter den Verletzten sind 24 Polizeiangehörige und vier Soldaten. Diese Zahlen stammen jedoch von der Freiwilligen Rettungs- gesellschaft, der in erster Linie die Sorge um das Publikum obliegt. Es .ft möglich, daß ihr Ver­letzungen von Zivilpersonen verheimlicht worden sind.' Nach den vorliegenden Berichten kam es nur an einer Stelle zum Gebrauch der Schußwoffe dutchMi'/- tär, und zwar beim Arbeit er Herrn, wo die absperrende Miiitärmannjchast einen besonders schweren Stand hatte. Die Arbeiter versuchten hier immer wieder den Truppenkordon zu durchbrechen. Schließlich verhaftete ein Polizeiagent einen Burschen, ber sich besonders herausfordernd benahm. Die Menge geriet darüber in Wut und suchte den Verhafteten zu befreien. Um sie zu besänftigen, ordnete der kommandierende Leutnant die Freiiaffung des Verhafteten an, dochj wurde die Menge dadurch noch herausfordernder. Schließlich gab der Leutnant den Befehl, vorzu« rücken, und die Menge antwortete daraus mit Johlen, Pfeifen und einem neuen Steinhagel. Ein­zelne besonders Kecke stürmten an die Soldaten heran und suchten ihnen die Waffen zu ent­reißen. Viele Soldaten wurden burch Stein- würfe getroffen. In dieser Notlage gaben zu­nächst einzelne Soldaten ohne Kommando sch arse Schüsse ob, die zumteil trafen, ohne jedoch jemand zu töten. Ein Fähnrich aber, der mit feiner Abteilung besonders hart bedrängt wurde, ließ darauf eine Salve abgeben in dem Glauben, daß „Feuer* kommandiert worden fei. Auch von diesen Schüssen hatte keiner eine tödliche Wirkung, dagegen wurde ein jugendlicher Arbeiter durch einen, Bajonettstich so schwer getroffen, daß er nach fünf Minuten starb. Nach diesem Zusammenstoß trat Luhe ein.

Ungemein scharf schreibt das halbamlliche Wiener Fremdenblatt über die Revolte: „Man hat sich den Justizpalast und die Gebäude des Verwaltungs­gerichtshofs, das Naturhistorifche Museum und eine Reihe von Volksschulen als Demonstrationsobjckte der Volksaufregung auserkoren. So ist aufs eindringlichst« die Verachtung von Rechtsordnung unb Vernunft als das Gefühl enchällt worden, wel­ches eine aufgereizte Menge zu Gewalttätigkeiten treibt- Unnötig zu sagen, wer an diesen Vorfällen die moralische Schuld trägt. Die sozialdemokra­tische Führung hat ost genug gezeigt, wie sie ihre engst« Anhängerschaft in der Hand hat. Gestern waren die Ordner abkommandiert. Es genügt, darauf zu ver­weisen, daß der Schauplatz der gröblichsten Ausschrei­tungen gerade OttÄring, die Stammburg ber Wiener Sozialdemokratie, gewesen ist. Daraus allein geht hervor, daß es sich nicht um eine Revolte aus sozialer Rot, nicht um eine spontane Aus» j lehnung der Volksmasse gegen den Druck der Teurung gehandelt hat, sondern um eine politische P ar­te i s a ch e."

Auf diesen Ton find auch die Urteile der christ­lichsozialen Presse gesttmmt. Das Deutsche Volks-; blatt schreibt: Die sozialdemokratischen Führer hat-, ten diesmal die Aufforderung der Polizei um Bestel­lung von Ordnern brüsk abgelehnt. Sie haben die Schreckenstaten des Mobs gewollt, um ihre Gegner einzuschüchtern und fle müssen die volle Verantwortung für das Geschehene tragen. f

Die R e i ch s p o st sagt: „28a8 gestern In Men geschah, das war nicht etwa ein momentaner Aus­bruch der Leidenschaft einer erregten Menge, sondern die bewußt von sozialdemokratischen Führern vor-, bereitete blutige Revolte."' Das Vater­land findet, daß die Ausschreitungen geplant, ge-1 wollt und vorbereitet waren. Das gehe aus dem' ganzen Arrangement des wütenden Angreifens gegen, berittene Wachen und Truppen sonnenklar hervor. — . Die Wiener sreisinn- Blätter Helf« dagegen die so-: zialdemokratische Mär verbreiten, daß der Mob der Großstadt für die Ausschreitungen verantworllich zu machen sei und nicht die organisierte Arbeiterschaft und fteffen nicht sehr wahrheitsgemäß den Führern das Zeugnis aus, sie hätten sich ernstlich bemüht, die Ruhe wieder herzustellen.

= Stolypin f.

W Kiew, 18. Sept. 1911. (Tel.) Ministerprä­sident Stolhpin ist gegen 10 Uhr abends gestor­ben- ©eit mittags 2 Uhr wurde er von den Aerzten aufgegeben, das schwach arbeitenbe Herz war den von der Kugel hervorgerufenm inneren Blutungen nicht mehr gewachsen, um y25 Uhr nachmittags lie­ßen die hesttgen Schmerzen nach und bald stellte sich der Todeskampf ein.

Petersburg, 18. Sept. 1911. Hier herrscht Söe- stürzung. Der Nachfolger des Ministerpräsidenten ist noch gänzlich unbestimmt. DaS Attentat droht unab­sehbare Folgen zu haben. Der, na.wnale Ver­band und die monarchischen Organssattouen arbeiten eine Petition an den Zaren auS, worin fie um Be­freiung Rußlands von den Fremdvölkern, in erster Linie von hen Juden bitten. — In Kiew dauern die Verhaftungen an. Es werden hauptsäch­lich Rechtsanwälte verhaftet, tat ganzen bisher 150 Personen.