M 212.
Samstag 16. September 1911
58. Jahrgang.
fuldaer
Zeitung
-ns
2. Blatt.
9ni biö Verlag der Fuldaer Rctiendruckerri in Fulda.
wochen-Run-schau.
[;] Fulda. 15. Sepie nder 1911.
Die Marokkoverhand lun gen sichen «och immer im Vordergründe des öffentlichen Interesses. Am letzten Tage der vorigen Woche sind Me vom Staatssekretär v. Kiderlen-Wächter auf die französischen Vorschläge ausgearbeiteten Gegenvorschläge der französischen Regierung in Paris überreicht worden, die bereits am Dienstag nachmittag zu ihnen Stellung genommen hat. Die deutschen Gegenvorschläge beziehen sich in der Hauptsache auf Garantien wirtschaftlicher Ordnung: Sicherstellung gegen Monopolisierung öffentlicher Arbeiten, Minen- und Handelsrechte sowie auf gewisse Gepflogenheiten in der Zollabfertigung. Deutschland verlangt also weiter nichts, als das, was ihm schon im Vertrage von 1909 zugesichert war, wirtschaftliche Gleichstellung mit Frankreich in Marokko. Dafür will es in eine Uebertragung des - Protektorates über Marokko an Frankreich einwilli- >en, d. h. der französischen Regierung politisch völlig reie Hand in Marokko lassen. Daß Deutschland ' Jfo in Marokko keine politische Beteiligung erstrebt, , iegt auf der Hand. Trotzdem schlägt die Pariser , Kresse Lärm und behauptet, Deutschland verlange , Sonderrechte in Marokko. Weshalb diese Behaup- . ung ausgestellt wird, ist klar. Dieselbe rücksichts- , ose und geldgierige Gruppe von französischen Spe- . ülanten und Kapitalisten, die bisher schon alle virtschaftlichen Vorteile in Marokko für sich allein »eanspruchte, macht jetzt auch wieder die öffentliche Meinung und die Presse in Frankreich gegen die , »rutschen Forderungen mobil, da sie fürchtet, daß । »ei einer endgiltiaen, durch Vertrag gesicherten j Gleichstellung Deutschlands mit Frankreich in wirt- chaftncher Beziehung ihr Weizen nicht mehr so viel ' zowene Früchte tragen werde, wie bisher, um so j nehr, als auch dir anderen Signatarmächte von ; llgeciras dieselbe wirtschaftliche Gleichstellung er- • äugen sollen. Hatte doch die französische Presse ' mnz richtig ausgeführt, daß Frankreich den anderen Staaten ein Recht nicht verweigern könne, das es Deutschland zugestanden habe. Sogar auf die »entsche Geschäftswelt hat die französische Speku- antengrnppe einen Druck auszuüben versucht, intern sie plötzlich bedeutende Geldsummen aus den »eutsc^en Banken zurückzog. Leider hat sich die । Hutsche Börse durch dieses Manöver zu einer momentanen Panik hinreißen lasten, sodaß sie sogar öHerrtlich zur Ruhe gemahnt werden mußte.
-' Obgleich Deutschland in seine» Verhandlungen Mit Frankreich zugleich auch die wirtschaftlichen Interessen der anderen Staaten, und besonders Englands verteidigt, die doch in Marokko dieselben wirt- chastlichen Rechte erhalten sollen wie Deutschland, o konnte es sich doch die enalilche Bresse nicht der- agcn, in ihrem blinden Haß gegen Deutschland tuch in den feindseligen Ton einzustimmen und der putsch« Regierung vorzuwerfen, sie erstrebe für kch Sonderinteresscn tu Marokko. Die Erkenntnis, wß st« damit gegen den Vorteil ihres eigenen fandet hetzt, scheint ihr erst jetzt gekommen zu fein, wenigstens kann man sowohl bei der englischen Wie bei der französischen Presse einen Umschwung Seiner ruhigeren Beurteilung der Sachlage kontieren, und überall dringt die Ueberzeugung, rch, daß der Friede erbalte» bleiben werde. Hierin hat Wohl ebenso die Festigkeit der deutschen Regierung beigctragen, wie die Büudnistreue Oesterreich« und Italiens, welch letzteres, entgegen den Hoffnungen der französischen Chauvinistenpresse, der Regierung Frankreichs unverkennbar zu versichert gegeben hat, daß es im Falle eines Kon- ffi IttS mit aller Entschieden beit sich auf die Seite Deutschlands stellen werde. Frankreich hat die umfangreiche Antwort auf die deutschen Gegenvorschläge ausgearbeitet. Der französische Ministerrat beschäftigte sich am Dienstag nahezu drei Stunden mit der Marokko-Angelegenheit. Er erörterte den ursprünglichen Text der französischen Vorschläge, bann die Gegenvorschläge und schließlich den von de .SelveL abgefaßten neuen Tert, der die Antwort auf die deutschen Bemerkungen bildet. Der Text enthält etwa 20 Artikel, die in den Hauptzügen sich mit drei Punkten beschäftigen: 1. Vollständige un- tweideutige politische Freiheit Frankreichs in Marokko; 2. vollständige wirtschaftliche
4 Weg zum WeZLse'csSss?
Die Frage des Weltfriedens beschäftigt in der jetzigen kritischen Zeit in besonderem Maße die Gemüter. Es sind schon die verschiedensten Vorschläge gemacht worden, um einen Krieg hintanzuhalten, besonders war es der Gedanke der Abrüstung und der; Schiedsgerichte. Wenn man die in den letzten Jahrzehnten gewaltig gesteigerten Rüstungen der verschiedenen Völker betrachtet, so drängt sich ganz von selbst
Gleichh «it für alle Mächte mit Einschluß Frank- reichs ohne Begünstigung, ohne Vorteile und ohne Vorrechte für irgend welches Land; 3. dir ernstesten, umfassendsten Bürgschaften, um diese wirtschaftliche Gleichheit in Zukunft zu sichern. — Am Mittwoch begab sich de Selbes nach Rambouillet, um dem Präsidenten Fallitzres den neuen Wortlaut der französischen Vorschläge zu unterbreiten. Die Antwort der französischen Regierung auf die deutschen Gegenvorschläge ist am Donnerstag dem französischen Botschafter in Berlin, Herrn Cambon, mitgeteilt worden. In dem Augenblicke, wo diese Zeilen zum Druck gehen, ist sie noch nicht zur Kenntnis der deutschen Regierung gebracht worden.
In dieser Woche tagte in Jena der sozialdemokratische Parteitag. Es wurde wieder sehr viel geredet und an sozialdemokratischen Koseworten, die man allerdings im Knigge vergeblich suchen würde, wurde nicht gespart. Auch auf den „schwarz-blauen Block" und vor allem auf das Zentrum wurde weidlich geschimpft. Aber die ganze Aufmachung und Regie des diesjährigen Parteitages war doch eine andere als sonst. Die Reichstagswahlen stehen vor der Tür und da möchte man die braven Liberalen, die doch so gute Wahldienste leisten können, nicht gern durch blutrünstige Revolutionsreden vor den Kopf stoßen. Zwar wurde beschlossen, daß die „Genossen" in allen Wahlkreisen selbständig in die Wahl eintreten; aber die Bedingungen für diejenigen Kandidaten aus anderen Parteien, die bei einer Stichwahl die roten Stimmzettel erhallen wollen, sind doch absichtlich so dehnbar gefaßt, daß es den Liberalen ein leichtes sein wird, sie zu erfüllen. Eine lebhafte Diskussion ergab sich bei der Besprechung der von einigen „Genoffen" und „Genossinnen" gegen den Parteivor- stand erhobenen Vorwürfe, daß er zu schwerfällig arbeite und in der Marokkofrage gänzlich versagt habe. Aber der alte Regiekünstler Bebel verstand es, die Gemüter zu beruhigen und alles wieder ms rechte Gleis zu bringen, ebenso auch bei anderen Gelegenheiten, wo sich die Ansichten der Radikalen und Revisionisten gegenüber standen. Es klappte alles in Hinblick auf die Wahlen vortrefflich und der Schlußeffekt der roten Komödie war Einigkeit auf der ganzen Linie.
In Frankreich haben die Unruhen, die infolge der Lebensmittelteuerung ausgebrochen waren, immer noch kein Ende gefunden. Wieder kam es an verschiedenen Orten zu ernsten Ausschreitungen und zu Zusammenstößen zwischen Truppen und Ruhestörern, von denen mehrere verwundet wurden.
In der spanischen Hafenstadt Bilbao sind die Arbeiter in den Ausstand getreten, der sich auch auf die benachbarten Gebiete, auf Bergwerke, Hütten und Eisenbahnen ausgedehnt. Infolge der Unversöhnlichkeit der Arbeitgeber und der Erbitterung der Arbeiter ist das schlimmste zu befürchten. Zwischen Ans ständischen und Arbeitswilligen kam es mehrfach zu Schlägereien. Infolgedessen hat die Regierung Truppen in die bedrohten Gegenden entsandt und über Bilbao den Belagerungszustand verhängt..
Aus dem persischen Wirrwarr wird man nicht mehr recht klug. Einmal heißt es, die Truppen des Exfchabs Mohammed Ali seien geschlagen und er selbst geflüchtet, auf der anderen Selle heißt es, er sei erfolgreich und die Regierungstruppen befänden sich in verzweifelter Lage. Bei all dem Wirrwarr kann man aber deutlich erkennen, wie Rußland und England bei diesen inneren Streitig- feiten in Persien ihre Hand hinter den Kulissen im Spiele haben.
In China sind mit einem Streit verbundene gegen die Fremden gerichtete Unruhen ausgerochen. Doch gewinnt es den Anschein, als ob die Regierung der Situation gewachsen ist.
die Frage auf, ob dieser WetÜbewerb bis ins Unendliche weitergehen oder ob es nicht möglich ist, ihn durch gemeinsame internationale Maßregeln zu verringern ES ist deshalb auch die Frage der Abrüstung tu der Presse und in dm Parlamenten wiederholt erörtert worden, aber zu einem praktischen Ergebnis ist man noch nicht gelangt. Man wird diese schwierige Frage auch in Zukunft nicht zu lösen vermögen, da sich ihr sofort direkte Unmöglichkeiten In den Weg stellen. Deshalb konnte Reichskanzler v. Bethmann-Hollweg am 30. März d. I. mit vollem Recht im Reichstage erklären: „Wer die Frage der allgemeinen Abrüstung einmal sachlich und ernsthaft durchdenkt, bis in ihre letzten Konsequenzen durchdenkt, der muß zu der Ueberzeugung kommen, daß sie unlösbar ist, solange die Menschen Menschen und die Staaten Staaten sind."
In mehr gemäßigten Grenzen als die Frage der allgemeinen Abrüstung halt sich die Forderung der SchiedSgerichtsverträae. Doch auch hier türmen sich sofort große Schwierigkeiten auf, besonders wenn es sich um Streitpunkte handelt, die tiefer den Lebensnerv der einzelnen Völker berühren. Derartige Schiedsgerichtsverträge können sich nur auf klar zu übersehende Rechtsverhältnisse beschränken und wir muffest deshalb auch Herrn v. Bethmann-Hollweg hierin Recht geben, wenn er erklärte: „Internationale die Welt umspannende, von einem Weltkongreß oktroyierte Schiedsgerichtsverträge halte ich für ebenso unmöglich, wie internationale, allgemeine Abrüstungen."
Einen neuen Weg zum Weltfrieden glaubt Prof. Gustav Coh n-Eöttirrgen in der Carnegie-Stiftung gefunden zu haben, die von dem bekannten amerikanischen Milliardär Carnegie mit einem Fonds von 10 Millionen Dollars ins Leben gerufen wurde. Diese Stiftung hat nach Herrn Prof. Cohn folgende Zwecke: Eine gründliche wissenschaftliche Untersuchung der Ursachen der Kriege und der gangbaren Wege, ihnen vorzubeugen. Die Förderung des Völkerrechts unter den Nationen. Die Verbreitung der Kenntnis der Ursachen und Wirkungen der Kriege und der Mittel, ihnen vorzubeugen. Die Förderung des gegenseitigen Verständnisses der Nationen, der friedlichen Schlichtung von Streitigkeiten, die Unterstützung aller Anstalten, die den Zielen der Stiftung dienen können. Die Arbeiten sind in drei Abteilungen geschieden: 1. für internationales Recht, 2. für Volkswirtschaft und Geschichte, 3. für den Verkehr der Völler unter einander und für Erziehung. Die Arbeiten der zweiten Abteilung, die die Kriege in ökonomischer und historischer Hinsicht gründlich untersuchen soll, sind bereits vor kurzem auf einer in Bern abgehaltenen Konferenz beraten worden. Die hierbei zutage getretenen wichtigen Fragen über die Ursache der Kriege, über die Rüstungen in Zellen des Friedens und über die einigenden Einflüsse im internationalen Leben sollen wissenschaftlich behandelt und diese Erörterung der breiten Oefsentlichkeit zur Förderung der Friedensidee zugänglich gemacht werden.
Derartige wissenschaftliche Erörterungen mögen ja ganz gut und schön fein. Auch Schiedsgerichts- Verträge, wie sie zwischen einzelnen Staaten, z. B. Amerika und England, bereits abgeschlossen sind, und denen auch die deutsche Regierung gegenüber sich nicht ablehnend verhält, können wohl dazu beitragen, die Zahl der Kriege zu verringern und drohende Konflikte auf längere Zell hinauszuziehen. Aber wenn es sich um die Ehre, bad Ansehen und den Bestand eines Volkes handelt, bann werden alle diese schönen Verträge und wissenschaftlichen Erörterungen zerplatzen wie Seifenblasen. Kriege werden heutzutage nicht mehr von den Kabinetten gemacht, sie entstehen aus dem Volks empfinden heraus, und da nützen alle Abmachungen, die nur auf dem Papier stehen, oder Gestihle, die nur cm der Oberfläche der Volksseele hasten, nichts. Und so wird auch dieser „neue Weg zum Weltfrieden" nur eine Utopie bleiben.
ye«isch-r Reich.
** Der christlichsoziale Parteitag und die Sonn» tagsruhe. Der christlichsoziale Parteitag hat folgende Erklärung beschlossen:
Der Parteitag verurteilt iS, daß durch Neichs- wietz die Wahlen üiGksaß-Lothringen und die KEmunatwahIen in Frankfurt o. M. und Königsberg
auf ben Sonntag festgesetzt sind. Das wäre eine Svnntagsentheiligung im Sinne der Sozialdemokratie, yerttrt”üenV*'ftl^0$akn ®^an^?un^ entschieden zu
Zur Erwägung des Parteivorstandes wird bet Reichstagsiwgeordncten bet christlichsozialen Partei, im Reichstage einen Antrag einBrmgen foHten, wonach die Reichspostverwaltung Heeren Sonntagsheiligung eine Wf+L f rmn l'f rv na$ dem belgischen
Mer herausgeben »Ile. In der Diskussion protestierten mehrere Postbeamte aus technischen Grün, ben bagegen. Es wurde berschlossen, zunächst ein Gutachten von Sachverständigen einzuholen.
* Die Schule muß und wird uns retten. Bekanntlich verfolgen die intimsten Gegner des Katholizismus das Treiben des Bayerischen Lehrerver- eins mit wahrem Entzücken. Während die Führer des Vereins, insbesondere Herr Schubert, ihre wahren Ziele hinter Freiheits-, Brotkorbsphrasen und anderen Unklarheiten mehr oder minder geschickt bet- steckm, sind bekanntlich die Gönner der Frondeure gegen die von Gott gesetzten Autoritäten der katholischen Kirche und die katholischen Glaubenslehren weniger vorsichtig- So schreibt eines der offenherzigsten Freimaurerorgane, „Das freie Wort", 11. Jahrgrnrg $r. 2 vom 1. September 1911, u. a. folgendes: S. 404;
„Regensburg hat Mainz totgefchlagen. Wenn tu einem Laude rote Bayern 10000 römisch.katho- lische Bolksschullehrer dem Episkopat so die Zähne zeigen können,.. , dann kann man über alle Katholikentage lachen. . . . Dir Früchte, die wir in Regensburg sahen, sind herrlich und zukunftsverheißend in höchstem Maße. Diese Lehrer, welche ihren Schubert einstimmig wieder jubelnd zu ihrem Herzog erklärt haben, sind endgültig für Rom verloren. Sie werden uns eine Generation deulichec Männer heranbilden, welche über römische Tücke triumphiert! Der Bayerische Lehrerverein zählt 14 000 Mitglieder; von diesen sind nur 5 . .. . abtrünnig geworden, als die Bischöfe gegen den Verein zn toben begannen. Und da gibt es immer noch Kleinmütige, welche da meinen, es gäbe (eine Rettung vor der schwarzen Flut! Die Schule muß und wird uni retten! In den roma» uifdjen Ländern Hal mandas früher erkannt als bei uns; aber auch bei uns marschiert der Fortschritt bereite mit Siebenmeilen, stiefeln.«
Wir muffen gestehe», daß noch selten eines dieser katholikeufeindlichen Organe so prägnant, so klar und ohne Umschweife in dieser Frage den Nagel auf den Kops getroffen hat.
Ausland.
♦ Die ungarischen Bischöfe und dir Landwirtschaft. Dr« Auswanderung hat seit einigen Jahren in Ungarn eine sehr große Ausdehnung angenommen. Di« hauptsächliche Ursache dieser Erscheinung ist der Mangel an Land für die Bauernschaft. Ungarn ist ein Land der Latifundien. Acht Zehntel des Landes treffen auf den Großgrundbesitz. In letzter Zeit haben verschiedene Magnaten begonnen, diesen großen Besitz zu verteilen und in kleinen Parzellen an die Bauern zu verkaufen, was übrigens kein schlechtes Geschäft darstellt. Mehrere Banken befassen sich et* folgreich mit diesem neuen wirtschaftlichen Zweig- Man hat sogar eine offizielle Gesellschaft gegründet, die sich unentgeltlich mit der praktischen Zerstückelung abgibt. Die Spekulation hat sich tu Ungarn, wo das Judentum dominiert, hrnetngemischt und die Verkäufe unb Käufe von Land find äußerst zahlreich geworden. Die „Fideikommisgüter" können infolgedessen nicht geteilt werden, aber mehrere von ihnen haben das Pachtsyftrm etngeführt, unter dem kleine Stücke abgegeben werden. Die katholische Kirche wünscht den Bauern auch Land zu geben. Die Kirche besitzt 1540000 Joch Landes, das Jach zu 57 Aren gerechnet. Die Bischöfe verfügen über 730 000 Joch. Der Rest trifft auf Kapitel und Pfarreien. Der neue Bischof von TemeSvar, Glattfelder, erklärte, es sei seine erste Sorge, die sozialen Käufe zu bestätigen. An Heine Bauern ist bereits ein großer Distrikt lln Theißgebiet zur Abgabe gelangt. Die anderen Bi* schöfe werden dem Beispiele folgen und wollen auf einer Plcnarkvnferenz im November die Frage eingehend behandelt.
Schl'ok '-onneck.
43] Nomon r-'n Ic ix Rabat.
„DaS will ich! Aber nm eine» bitte ich dich: behalt« Hilde bei dir!"
„Das ist unmöglich nach dem, was du mir ae= chgt hast."
„Nein, Tante. Ich werde gehen. Auf Hilde soll nicht der leiseste Makel fallen. Niemand soll etwas von unserem Herzenshund erfahren, bis alles ■geftärt ist. Wenn du Mbe setzt io plötzlich entließest, würde man alle möglichen Mutmaßungen erbeben. Das soll vermieden werden. Damm bitte ich dich: laß sie an deiner Sette. — —"
„Und du?" —
. „Ich verlasse heute noch die Stadt and begebe fflich zu meinem Regiment. Von dort aus werde ich bann dir nötigen Schritte tun, um die Einwilligung $u meiner Heirat zu erlangen."
„Mir bangt vor der Zukunft, Georg —*
„Mir nicht. Ich werde für das Recht meines perjenS kämpfen bis zum letzten Atemzuge." i, -In Gottes Namen denn: ich will sehen, was ‘w für euch tun kann."
bic' Und jetzt gewähre mir noch
tote Bitte^ ehe ich geh«. Gestatte, daß ich mit Hilde rtbe. Ich nmh mich ruft ibr verständigen, muß ihr lagen ba6 ich nicht von ihr lasse und daß sie auf pich bauen kann —"
» . ivohl —Sie verließ den Saal und
vKhl dem Dimer, ihre Hofdame hierher zu bitten.
Prinz Georg und Hilde sprachen nur wenig. tzBlaube an mich, Hilde", sagte der Prinz. „Ich pkrde nie von dir lassen."
L „ES wird schwere Kampfe geben", erwiderte Hilde
„Ich fürchte sie nicht — wenn du an meiner /Seite stehst."
! «Immer, Georg! Im Leben — und im Tode. IDlein Herz gehört nur dir."
Da reichten sie sich in festem Druck die Hände. „Nichts soll uns scheiden als allein der Tod."
Der Herzensbund wat besiegelt- ♦
So ruhig und gefaßt Hilde von Sonneck auch war, so bangte ihr doch vor der Zukunft. Prinz Georg wat vom Dienst so sehr in Anspruch genommen, daß er nur selten zu Besuch kommen konnte. Er war stets gut zu ihr, aber sie sah, wie er litt. Di« dunklen Ring« unter den Augen, der Zug von Bit- terfeit um fernen Mund erzählten von den schweren Kämpfen, die er zu _ bestehen hatte. Immer neue Hindernisse türmten sich vor ihm auf, und auch bi« Prinzessin hatte bis jetzt nichts für Georg erreichen können.
Mitten in ihre Sorgen hinein traf Hilde eine Nachricht, welche die alten Wunden wiedL aufriß. Sie erhielt eine Zeitung zu geschickt mit eiRm blau cm gestrichenen Artikel: „Der Sieg der Intelligenz über das Feudalsystem." In überschwenglicher Weise war geschildert, wie Leo Bergmann, „der große Bolksfteund", der „Fürst der Arbeit", in feierlicher Weise von Schloß Sonneck Besitz genommen hatte. Die Großindustriellen des ganzen Kreises waten geladen, und es gab Festjungfrauen, Festmahl, Toaste und Feuerwerk. Dann folgten häßliche Settenhiebe auf den früheren Besitzer des Schlosses, „alten Adel, der durch Unfähigkeit und Müßiggang in Armut geraten fei — das Los aller Drohnen." Den Schluß bildete ein Hymnus auf Bergmann, den „König der Arbeit".
Hilde war darüber rnfs höchste entrüstet. Sie kannte doch die Verhältnisse und wußte, wie unbeliebt Bergmann war. Sie begab sich zu Justizrat Buchner und fragte, ob gegen diese Beschimpfung nichts zu machen wäre. Er antwortete mit einem kategorischen „Nein!" — „Aber", fuhr er fort, „Bergmann soll nicht so ungetupft davonkommen. Ich werde einige Notizen in die Zeitung lanzieren, toic Bergmann feine Arbeiter ausbeutet und toi» roh er gegen Rudi Wick gehandelt hat- Das wird dm Leuten die Augen öffnen über den großen
„Volksfreund". Ueberdies steht die Entscheidung übet unfern Prozeß bevor — wir werden ihn gewinnen! Das wird ein schwerer Schlag für Bergmann fein. Gehen Sie also beruhigt heim, gnädiges Fräulein! Und glauben Sie mir: Gottes Mühlen mahlen noch immer!" —
Das wat ihr ein Trost, und beruhigt ging sie. 18.
Es war einige Woche später. —
Leo Bergmann faß im bequemen Schaukelstuhl auf der Terrasse auf Schloß Smm eck und rauchte behaglich seine Upnumn; sein Gesicht strahlte vor Glück. Könnte es einen beneidenswerteren Menschen geben, als ihn? —
Ex trat an die Brüstung und blickte hinab auf seine Fabrik, wie ein Feldherr, der ein Heer kommandiert, das für ihn goldene Schätze aus der Erde holt.
_ Da kamen Weißenhofen und Alice an gefahren. Sie zankten wie gewöhnlich, weil Alice das Geld mit beiden Händen hinauswarf und der Baron behauptete, sie ruiniere ihn. Bergmann sollte vermittln, aber er lehnte es ab und stellte sich stets auf die Seit« seiner Tochter. Darüber wax der Baron wütend und fuhr wieder ab. Alice blieb zurück und erklärte, sie halte es bei diesem Geizhalz nicht aus. Erne halbe Stunde später brachte der Postbote einen Brief mit großen Siegeln. Bergmann erbrach ihn hastig und erblaßte: er hatte ben Prozeß, den er aufs neue gegen Wick angestrengt hatte, verloren.
Nun begann er zu toben, indes Alice weinte. „Wir sind blamiert vor dem ganzen Lande!" rief sie- „Ich halte es nicht mehr hier aus. Morgen reise ich nach Baden-Baden." Sie ging in ihr Zimmer und ließ sich nicht mehr blicken. Bergmann war allein, und der reiche, harte Mann sah sich von aller Welt verlassen.
Im Dorfe unten war heut« reges Leben. Es war bekannt geworden, daß Wick den Prozeß gewonnen hatte; nach Feierabend strömten die Arbeiter ins Wirtshaus, um die Neuigkeit zu besprechen.
Bisher hatte man Bergmann für unantastbar gehalten, weil er die Macht in Händen hatte. Keiner wagte sich gegen ihn aufzulehnen, wie Sklave» gehorchten sie. Jetzt erkannten sie, daß es doch noch eine höhere Macht gab als die feine: das Recht! Tas Gesetz! Dem mußte auch er sich Beugen. Diese Niederlage rief ungeheuren Jubel hervor. Die lang zurückgedämmte Erbitterung brach «üblich wie ein Sturm aus den Gemütern hervor.
Sobald e8 dunkel geworden war, brachten st« ihrem ehemaligen Werkführer, den alle liebten, einen Fackelzug. Sie trotzten brat Zwingherrn, wollten zeigen, daß man sich vor ihm nicht fürchte, daß man zum Aoußersten entschlossen war.
Als Bergmann vom Schlosse aus die flackernden Lichter sah, ahnt« er, wem das galt und schickte den Diener ins Dorf, um Erkundigungen eiuzuziehön. Seine Ahnungen bestätigten sich: der Fackelzug galt Wick, war eine Demonstration- Bergmann war wütend und beschloß, sich zu rächen.
Mit hocherhobenem Kopfe schritt Bergmann am andern Tage durch dir Fabrikräume. Ueberall sah er finstere Gesichter, zornige Augen.
Er ließ den Werkmeister rufen, den er an Stelle WickS berufen hatte. Der Mann stellte sich schlecht mit den Arbeitern und war ebenso verhaßt wie der Herr.
„Nun, Rhadcft", sagte Bergmann, „was ist kenn das heute für eine Wirtschaft? Die Kerls haben gestern getrunken und machen schlechte Arbeit. Notieren Sie für jeden, der gestern im Wirtshaus war, dreißig Prozent Lohnabzug."
«Sehr wohl, Herr Bergmann!"
Während er sprach, lief der junge Kesselschmied Kipper über ben Weg, der In einer Zange eine glühend« Schiene trug. Sei eS cms Unachtsamkeit, sei es ans Absicht — die Schien« fiel dicht vor Bergmanns Füßen zu Boden. Er sprang drei Schritte zurück. „Kerl — du bist wohl noch betrunken?"
Der junge Mensch brauste auf. „Nein!" sagte er kurz und trotzig.
(Fortsetzung folgt.!