uldaerW Zeitung
MonakbeUage: „Sulbaer GeschichtsblätLer'^
Fulda, Samstag den 16. September 1911
38. Jahrgang
Erstes Blatt
212.
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vke et» spalttg« PetitjeUe oder berat Bann 16 Pfg. Beflamen 6t« pet i tjefle Pfg-, bei wieder« holt» gen wird entspr. Babatt gewährt.
S»tatto»,drnckmh vertag der Luldaer Ak» Krndrnckerei in Fulda Fernsprecher Vr. 9.
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18» di« Anzeigen: J. DatjeHcr in Fulda.
In der Berechnung des mutmaßlichen Defizits von 1 Million Lre ist bereits die Verlängerung der Ausstellung um ein halbes Jahr als Faktor mit inbetracht gezogen. — Die Herren Freimaurer haben also einander geholfen!
*♦ Für Einheitlichkeit in der Gesetzgebung der Union. 37 amerikanische Gouverneure hielten in Springlake in New-Iorsey eine Konferenz ab, um eine gleichförmige Gesetzgebung über die Haftung der Arbeitgeber, die Staatsaufsicht bei den Eisenbahnen, das Tarifwesen und die Gefangenenarbeit herbeizusühren. Die Konferenz ist ein sehr wichtiger Schritt zur Erreichung der längst erstrebten Vereinheitlichung der Gesetzgebung in den Vereinigten Staaten Nordamerikas.
eine Remuneration erhaltm habe- Der VerkehrSmini- ter bestätigt die Wahrheit dieser Nachricht. Der betreffende Beamte hat die Erlaubnis vonseiten des Verkehrs-Ministeriums zur Annahme erhalten. Es t ändelt sich um den Ministerialrat Dr. Graßmann. !)er „Bayer. Kurier* erklärt, daß auch noch ein anderer Beamter deS Ministeriums bei der Ueber- nahme der Pfälzischen Eisenbahn eine Remuneration von 10000 Mark ebenfalls aus Mitteln der Pfälzischen Bahn erhalten habe. Die Affäre wird ebenfalls im Landtag ein Nachspiel haben.
folgte ein Frühstück im Offizier-Kasino der Brigade. Um 3 Uhr verließen der Kaiser und der Kronprinz das Kasino; sie begaben sich zu der neuen Villa des Kronprinzen und besichtigten diese. Der Kaiser reifte um 31/* Uhr mit Sonderzug nach Marienburg ab und begab sich von dort nach Kabinen.
Marokkoverhandlangen. Wie der.Tag' hört, hat sich der sranzöfischeBotschafter Cambon gestem nachmittag 5 Uhr beim Staatssekretär des Auswärtigen Amtes von Kiderlen-Wächter zum Besuche angemeldet. , „
= In der ersten Sitzung deS Staatsministeriums nach den Ferien werden folgende Materien zur Besprechung gelangen: Entscheidung über die Em- derufung des Landtages, Beschlußfassung über das neue Waffer- und Fischereigesetz, Besprechung über Notstandsaktionen infolge der augenblicklichen Due- rungsverhältniffe, Stellungnahme zu den beabsichtigten Veränderungen in einigen höheren Verwaltungsstellen.
** Tas nicht mehr „antinationale* Zentrum. Die liberalen „Leipz. Reuest. Nach».*, die dem Zentrum sonst keineswegs hold sind, widmen der Zentrums- preffe angesichts deren Haltung in der Marokko- angelcgenheit folgende Anerkennung:
„Nicht nur die „Germania* und die „Köln. Vztg.* haben seit Anbeginn der neuen, durch die Fahrt des „Panther" geschaffenen Epoche sich entschlossen auf die nationale Sette gestellt, sondern auch fast die Gesamtheit der kleinen Blätter, die in den Landstädten und den Dörfern ihre Leser suchen. Das ist zugleich ein Zeichen dafür, daß diese Leser ihrerseits mit ursprünglichem Gefühl die Politik vom Treptower Rummelplatz ablehnen, zumal, da jene Preffe schwerlich sich in schroffen Widerspruch zu der Stimmung der Wähler fetzen und dauernd darin verharren würde. Ueberall wird hier der klare Gesichtspunkt festgehalten, daß es sich nicht mehr um ein koloniales Kaufgeschäft, sondern um eine Frage der nationalen Ehre handelt, überall wird in würdigem und scharfem Tone die Anmaßung Englands zurückgewiesen und deutlich ausgesprochen, „daß es eine Grenze gibt, über die Deutschland nicht mehr gehen kann, sondern wo es hart auf hart stößt". Wie die Reden der Herren Lloyd George und Asquith, so sand auch der freche Angriff des Herrn Fairfax Cartwright kräftige Abwehr im Lager des Zentrums. Das soll dem Zentrum nicht vergessen werden. Wir singen nicht das hohe Lied des Zentrums, ganz gewiß nicht. Wir werden noch manche Fehde mit ihm durchkämpfen müssen. Aber daS darf nicht hindern, auch an dem alten Feinde anzuerkennen, was der Anerkennung wert ist. Nnd dahin gehört seine Haltung in all' diesen bitteren Tagen, die zugleich dre Sozialdemokraten völlig isoliert und nach außen hm den glücklichen Eindruck der Geschlossenheit des gesamten deutschen Bürgertums wachruft.*
DaS Zentrum hat sich niemals und von niemanden an Vaterlandsliebe übertreffen lassen, und umso härter mußte es di« Hetze empfinden, die von leitender Stelle vor mehreren Jahren gegen das „antinationale* Zentrum entfacht wurde. Mit Genugtuung erfüllt es uns, daß einzelne Gegner wenigstens lernen, ehrlich zu urteilen.
O Der Voranschlag des Neichs-Maiine-Amtes ist, wie Berliner Blätter mittelen, jetzt für das Etatsjahr 1912 festgestellt worden. Das Reichs-Marine- Amt hat sich dabei vollständig an den alten Flotten.Bauplan gehalten. Irgend welche Verhandlungen zwischen dem Reichs - Schatzamte und dem Reichs-Marine-Amte, wodurch die Festsetzung des Voranschlages hätte bestimmt werden können, haben nicht stattgefunden.
» Der Verband deutscher Eisenbahnhandwerk-r und Arbeiter bereitet eine Eingabe an den Eisenbahn- minifter vor, um Teuerungszulagen für seine Mitglieder zu erlangen, weil die Preise für Lebensmittel in der letzten Zeit eine erhebliche Steigerung erfahren haben.
----- Tas ZehnmiSionendarlehen der prentzrschen Zentralgenoffenschastskaffe z« Futterankäufen der Land- wirte bezieht sich nach einer Mitteilung der,Tägl. Rundsch.' nur auf die Verbandskasten der Offenbacher Richtung und die Verbandskasten des Bundes der Landwirte. Raiffaisengenoffenschaften sind ausgeschlossen, da sie den Verkehr mit der preußischen Zentralgenoffenschastskaffe abgebrochen haben.
* Das sozialdemokratische Parlesorogramm ist eine alte baufällige Hütte, die kein Dach mehr hat und keine Türen und eingeworfene Fenster, das bestätigt den Genoffen nunmehr ihr nächster Nachbar, der fortschrittliche Abg. Dr. P a ch n t ck e, der sich dahin vernehmen läßt:
„In keiner Partei findet daS eigene Programm so oiel Kritik, wie in der Sozialdemokratie. Nicht einen Stein von dem in Gotha und Erfurt errichteten Bau lasten die geschäftigen Hände der Revisionisten auf dem anderen. Zuerst fiel das eherne Lohngesetz, an besten Begründung Lassalle alle Kunst der Dialektik, allen Glanz der Sprache verschwendet hatte, und mit dem Lohngesetz entfernte man di« Produktivgenoflenschaft, aber auch die Bewegungsgesetze der geltenden Wirtschaftsordnung, rote Marr sie aufgestellt hat» und seine kommunistischen Endziel« finden immer weniger Glauben. Am liebsten schwiegen die sozialdemokratischen Wahlkandidaten von der Umwandlung aller Produktions- mittel in gesellschaftliches Eigentum; denn von ihr reden ist Verlegenheit. Nicht nur der Landmann, sondern auch der Städter lehnt es ab, die Gegenstände, mittelst deren er wirtschaftliche Werte schafft, der Allgemeinheit zu opfern. Keiner, der den Menschen kennt, vermag zu glauben, daß sie auch dann ihr Höchstes leisten würden, wenn ihnen die Früchte ihres Fleißes nicht unmittelbar zugute kämen. So find die Grundlagen des Programms längst untergraben."
Daß dieses Urteil stimmt, weiß niemand bester, als die Sozialdemokratie selbst. Darum wagt fie Sh auch nicht an die längst notwendig gewordene enderung ihre« Programms.
* Tie Reichstagsersatzwahl in dem Wahlkreis Oppeln 8 für den verstorbenen Zentrumsabgeordneten Domherrn Frank ist auf Freitag, 27. Oktober angesetzt worden.
<P München, 15. Sept. 1911. Großes Aussehen hat in München die Behauptung des Bayerischen Kuriers gemccht, daß ein Beamter des Verkehrsministeriums nach Uchernahme der pfälzischen Eisenbahn
4- Der Liberalismus in Nöten
Die nächsten Reichstagswahlen scheinen den Liberalen schwer im Magen zu liegen. Hilfeflehend und hilfesuchend halten sie nach allen Seiten Umschau, wer ihnen wohl die Kastanien aus dem Feuer holt, ohne daß sie sich dabei die Finger zu herbrennen brauchen. Große Hoffnungen setzte der Liberali^ mus in seinem Bestreben, den schwarz-blauen Block niederzuringen, auf die Hilfe der Sozialdemokratie, und die Aeußemngen der süddeutschen Genoffen über den Großblock waren allerdings dazu angetan, die liberale Männerbrust hoffnungsfteudiger schwellen zu lassen. , . ,
Nun ist auf dem Parteitage m Jena em Antrag des Parteivorstandcs angenommen worden der sich mit den Reichstagswahlen beschäftigt. In dem Antrag wird zunächst die Erwartung ausgesprochen, daß in allen W a h l k r e is e n Vorbereitungen getroffen werden um selbständig in die Wahl einzutreten d. h. mit anderen Worten, die Sozialdemokraten wollen in allen Wahlkreisen eigene Kandidaten aufstcllen. Diese Taktik hat schon Bebel vor einiger Zeit in Hamburg vertreten, als er den bekannten Aus- spnich tat, ihm wären 50 Mandate und 5 Millionen Stimmen lieber, als 100 Mandate und nur 4 Millionen Stimmen. Diese Ansicht des sozialdemokratischen Führers ist von verschiedenen seiner Parteigenoffen bekämpft worden und auch die Liberalen weisen voller Besorgnis darauf hin, daß, wenn Sozialdemokraten und Liberale allenthalben gesondert Kandidaten aufftellen, es vielfach vorkommen würde, daß beide a u 8 f i e I e n.
In dem Antrag des sozialdemokratischen Parteivorstandes wird bann weiter bezüglich der Stichwahlen bestimmt, daß zwischen gegnerischen Parteien nur demjenigen Kandidaten die Stimmen zugewendet werden dürfen, der schriftlich oder vor Zeugen erklärt: 1. für die Aufrechterhaltung des Reichstag s w a hl r e cht s, 2. gggen Beschränkung des Vereins-, Versammlungs- und Koalitionsrechts, 3- gegen eine Verschärfung der sogenannten politischen Paragrapheit des Strafrechtes, 4. gegen ein wie immer geartetes Ausnahmegesetz, 5. gegen j e d e E r h ö h u n a der Z öl l e auf die Verbrauchs- artikel der großen Mafien, und 6. gegen jede Neu- einführung ober Erhöhung indirekter Steuern auf solche Verbrauchsartikel einzutretcn unb zu stimmen. Stehen in ber engeren Wahl zwei Kanbibaten, bie beide bereit sind, diese Bedingungen zu erfüllen, so ist der Liberale dem Nichtliberalen vorzuzteheu. In jedem anderen Falle ist Stimment ha l- t u n g zu proflamieren.
Diese Bedingungen der sozialdemokratischen Stich- Ivahliaktik scheinen absichtlich so gefaßt zu sein, daß ihnen auch ein liberaler Kandidat ohne weiteres zu- stimmen kann. Um die sozialdemokratische Wahlhilfe bei den Stichwahlen braucht also dem Liberalismus nicht bange zu fein. Anders aber verhält es sich bet den Haupt wählen, und wenn hier die Sozialdemokratie' aus die der Liberalismus so große Hoffnungen setzt, als Helfer in der Not versagt, bann kann es leicht um bie liberalen Manbate geschehen sein. Denn von der rechten Seite her,, bas ist ja schon bes öfteren gesagt worben, haben bie Liberalen bei ben Hauptwahlen wohl keine Unterstützung zu erwarten, besonders nicht bie Links liberalen, ba für Zentrum und Konservative die Helfer der Sozral- demokratie ebenso zu behandeln sind, wie diese selbst.
So befindet sich der Liberalismus in arger Not und seine Presse versucht noch einmal, alle Wähler zu angestrengter Arbeit anzuspornen. So schreibt u a. die „Voss- Zig ', daß es jedenfalls gut sei, wenn man über den Spekulationen, welche Taktik die So- zialdemokrattr bet den Wahlen einnehmen werde, nicht versäumen würde, die eigene Rüstung zu vollenden. Lücken zu füllen, und für den rechtzeitigen unb wirksamen Aufmarsch zu sorgen. Es gelte vor allem bie Einigkeit innerhalb des Liberalismus zu fordern und zu festigen und alle Hebel anzusehen, um au8, eigener Kraft beim ersten Wahlgang einen achtunggebietenden Erfolg zu erringen; eine um so größere Anziehung werde ber Liberalismus ausüben, auch bei ben Stichwahlen. Wie es mit ber liberalen Einigkeit aussieht ist ja bekannt. Trotzdem werden die Rechtsparteien gut tun, schon bei den Hauptwahlen noch Möglichkeit dafür zu sorgen, daß ein liberaler Kandidat car n t cht erst in bie Stichwahl kommt. Wir haben keine Veranlassung, ben uns bis aufs Meffer bekämpfenden Liberalismus aus seinen Nöten zu befreien.
Deutscher Reich.
»* Berlin, 15. Sept. 1911. Der „Staats-Anz/ veröffentlicht das Gesetz über den Erwerb von Fischereiberechtigungen durch den Staat unb das Aufgebot von Ftschereiberechtigunaen mit dem Datum vom 2. Sept. 1911. — Der Reichskanzler v. Beihmann-Hollweg und Staatssekretär v. Kiderlen-Wächter statteten auf der russischen Bot- fchaft einen Besuch ab und erkundigten sich bei dem Geschäftsträger v. Schebeko nach dem Befinden des Ministerpräsidenten Stolypin.
* Ter Kronprinz ist nach Danzig ülergesiedelt und hat das Kommando des 1. Leibhusaren- RecimenteS in Langfuhr übernommen. Er empfing den Kaiser auf dem Bahnhofe, als dieser gestern mittag dort eintraf; beide führe» im Automobil nach dem großer Exerzierplätze. Dort hatte die Leibhusaren-Brkgade in geschloffenem Viereck Aufstellung genommen. Der Kaiser ritt in die Mitte des Karrees. General Freiherr v. Lyncker verlas die Kabinetts-Ordre beit, die Ernennung des Kron- Prinzen zum Kommandeur des 1. Leibhufaren-Regi- Mentes Nr. 1. Der Kaiser hielt eine Ansprache an das Regiment. Der Kronprinz erwiderte mit einem dreifachen Hurra auf den Kaiser. Es folgte ein Vorbeimarsch der Brigade in Eskadron-Fronten im Schritt, wobei der 5kronprinz fein Regiment führte. Dann setzte sich der Kaiser an die Spitze der Brigade find führte sie zu den Kasernements zurück. Es
Sozialdemokratischer Parteitag.
T Jena, 15. Sept. 1911.
Die Anziehungskraft des Parteitages beginnt am Freitag vormittag trotz des zu erwartenden Referats Bebels abzuflauen. Kein Wunder, denn nach dem einstimmigen Urteil aller Sachkenner ist es noch auf keinem Parteitag so langweilig hergegangen, wre hrer in Jena. Das ist die natürliche Folge des Maulkorb- syftems, das hier zur Anwendung gelangt. Allen Fragen, wegen deren es in irgend einer Weise zu Differenzen kommen könnte, geht man ängstlich aus dem Wege und verhindert jegliche Debatte. Das wird natürlich auf die Dauer langweilig und so kommt cs, daß felbst das Referat Bebels über dre R e ich 8- tagswahlen nicht eine solche Anziehungskraft auszuüben vermag, wie man cS hätte erwarten sollen. Er ergeht sich in historische Erörterungen über bie Hottentottenwahlen, wobei er eS an einigen bissigen Bemerkungen über Bernharb, den Großen und Ber» Hard, den kleinen (Bülow und Derichurg) nicht fehlen labt. Der Bülowblock gehöre der Vergangenheit an; in der Gegenwart gelte der Kamps dem schwarz-blauen Block. Bebel beschäftigt sich bann ausführlich mit dem Zentrum, dem er, wenn auch widerwillig, das Zeugnis ausstellen muß, daß ihm nichts an3ugaben fein toetbe. Dazu sei eS viel zu festgefügt. Aber es müsse versucht werden, ,hm möglichst viel Mandate abzuknöpfen. DaS Zentrum habe überhaupt keine Grundsätze. Die scharfe Frontstellung des Zentrums gegen die Genossen erregt offensichtlich den höchsten Zorn Bebels. Im übrigen wirft Bebel mit Gemeinplätzen um sich in einer Weise, deren man sich von ihm nicht hätte? versehen sollen. Er tischt die. ur- alten längst als unwahr widerlegten sozialistischen Lügen über Reichsfinanzresorm wieder auf, derart, daß man sich auf einer anderen Versammlung vor sich selbst schämen mögen. Aber den wahren Genossen kann man noch schärfere Stücke kneten. Den Gipfel der Lächerlichkeit ersteigt Bebel, als er den Kaffer zum Bundesgenoffen gegen das Zentrum anruft und meint, es sei geradezu anwidernd, wie das Zentrum die Person des Kaisers umschwärme. Veranlassung ÄU dieser unverschämten Rüpelei gab dem Abgeord- neten Bebel eine «eußerung deS Zentrumsabgwrd. neten Trimborn in Koblenz, wobei der Abg. Trimbor» angesichts der ernsten politischen Lage den Kaiser der Treue des Zentrums versicherte. Wenn der Abgeord. Bebel diese Treue zum Vaterlande als Heuchelei bezeichnet, so müffen wir diese Ungezogenheit auf daS allerschärffte zurückweisen. Beffer Ware eS gewesen, wenn Bebel das vaterlandsfeindliche Treiben der So» zialdmokratie im Parke von Treptow verurteilt hatte. Recht eigenartig mutet es ferner an, w,e Bebel, derUn- gläubige, sich beruien fühlt, das Zentrum an sem- christlichen Grundsätze zu erinnern. Zebel beschäftigt sich dann mit der Teuerung, dw natürlich ein will- kommenes Hetzmittel bietet und auch 'n der bekannten Weise ausgenutzt wird. Bebel sieht schon dre Tage herankommen, „wo die LebenSmittelpreisfiage zur Haupt- und Kardinalfrage wird und bie Lebens- Mittelzölle zerfliegen werden vor dem Sturme der Massen". Und nun beschwort Bebel die Gespenster des Zuchthausgesetzes heraust D,e neue Strafprozeßnovelle falle nach den Behmiptungen Bebels jenes Gesetz noch weiter hinter sich zurück- lassen. Und da er einmal am Prophezeien ist, so kommt es ihm auf ein« Prophezeiung mehr oder went- ger nicht an: er prophezeit einen Owambokmeg, der noch viel schlimmer sein wird, als der Hererokriea. Schließlich bringt er auch noch dre preußische Wahl» rechtSsrage aufs Tapet und operiert h,er wieder mit einem Schwall von verlogenen Behauptungen gegen das Zentrum. Dann warnt Bebel vor emem übertriebenen Optimismus der Sozialdemokratie. Tue Genoffen müßten „Haar und Zahn* daran setzen, um möglichst viel bei den Wahlen herauSzuschlagen. Di- Sozialdemokraten müffen kämpfen, als ob fte. b« Un- terlegenen seien. Endlich kommt bie Wahltaktik an die Reihe. Bebel geht aber sehr eiltfl darüber hinweg — von den Liberalen hat er wahrend seiner gan- »en anderthalbstündigen Rode überhaupt nicht gespro- ch»i. Er bcschränkt sich darauf, di- Part-ivorstandS- resolukion wiederzugeben, vmnach die Sozialdemokratie in der Stichwahl nur den Kandidaten unter stützen soll, der sich auf eine Reihe ziemlich gemäßigter^ Bedingungen verpflichtet. Sind aber beide Kan- didaten bereit, diese Bedingungen zu erfüllen, dann erhält der librale Kandidat den Vorzug. Mehr als jene Bedingungen verlangen, meint Bebel, sei nicht zu erreichen Man dürfe den Bogen nicht uberfpannen.
In demselben Augenblicke, wo Bebel sein Referat schließt, ist auch daS Jntereffe, daS ohnehin Nicht groß war, erschöpft und unter allgemeiner Unaufmerksamkeit begründet Bernstein einen Antrag, noch vor den Reichstagswahlen eine Broschüre herauszugeben, in der gegen die „Bestrebungen, England, Deutschland und Frankreich zu verhetzen*, Front gemacht werden soll. In der Diskussion beschäftigten sich die einzelnen Redner fast ausschließlich mit dem Zentrum und dem gegen dieses anzuwendende Verfahren be, den Wah- len. Bemerkenswert ist, daß ein Genoffe baranf R» wies, sich von sozialdemokratischer Seiteganz^beson» ders vor Verletzungen der religwffn^pf Q§en
der 3-ntrnmswah^er zu^ten ME ber
versuchen, den wahren Charas Wortes sei, dar- reaktionär im sch ^eck! Wenn man Tag unb nrbeiic dann werde daS Resultat anders wer- ke?als am 25 Dezember 1907. Nach kurzer Dis- kuüion wurde eine Resolution angenommen, in der über die Stichwahlpolitik der Sozialdemokratie gesagt wird, daß die Sozialdemokratie nur demjenigen Kandidaten ihre Stimme geben könne, der sich bet- pflichtet: einzutreten und zu stimmen für Aufrechterhaltung des bestehenden Wahlrechtes für ben Reichstag, gegen eine Beschränkung beS Vereins« unb Ler- sammungsrechteS unb bes Koalitioysrechtes, "egen eine Verschärfung ber sogenannten t-olittschen Para-
Ausland.
** DaS Attentat auf den russischen Ministerprasiben- ten Stolypin hat auf den Zaren einen nieder- chmetternden Eindruck gemacht. Er verfügte, daß Finanzminister Kokowzew die Vertretung des Premierministers übernehme. Nachdem Stolyvin in das Krankenhaus gebracht worden war, ersuchte er, seine Gemahlin zu beruhigen und ihm einen Priester zu schicken. Stolypin fiel darauf in eine tiefe Ohnmacht. Sein Zustand ist verhältnismäßig befriedigend. Eine Operation ist nicht notwendig. Um 3 Uhr früh hatte er das Bewußtsein noch nicht wieder- erlangt. Der Täter Bagrow ist ein Sohn des Großkaufmanns Gregori Bagrow in Kiew, der Hausbesitzer ist und auf dem Bibikowskiboulevard wohnt. Selbst im Kreise seiner intimsten Freunde war es nicht bekannt, daß er sich revolutionär betätigte. Der Täter erklärte nach seiner Verhaftung beim Verhör, daß er Stolypin auf Beschluß des soiialrevolutionären Komitees ermorden sollte, weil er eine für Rußland unheilvolle Politik treibe. Die Verhaftungen und Haussuchungen dauerten in Kiew die ganze Nacht über. Mehrere Mitschuldige sollen verhaftet sein.
Aus Stolypin wurde s ch o n e i n m a l ein Attentat verübt, und zwar am 25. August 1906, etwa vier Wochen nachdem er Ministerpräsident geworden war, als vor seinem Landhaus auf der Apothekerinsel eine Mietskutsche vorfuhr, der zwei Zivilisten und zwei in ausländische Uniformen gekleidete Personen entstiegen. Sie begaben sich in die Pförtnerstube, wobei einer von ihnen den Helm in der Hand behielt, in dem er, wie man annahm, ein Sprenggeschoß verbarg. Die Bombe fiel zu Boden, es entstand eine entsetzliche Katastrophe. Alle Personen, dte sich in dem Zimmer befanden, darunter auch drei ber Verbrecher und mehrere hohe Beamte des Ministeriums wurden getötet. Die ganze Hinterwand ces Hauses wurde zerstört. Die 25 jährige Tochter Stolypins erlitt schwere Verletzungen, Stolypin selbst aber blieb unversehrt. Im ganzen wurden damals dreißig Personen getötet. — Stolypin hat die Kugel des feigen Mörders, die ihn traf, nicht verdient. Freilich war er der Vertreter der russischen Gewaltherrschaft, aber tt war ein ehrlicher B:amter, voller Unbestechlichkeit und Gerechtigkeit. Zweimal fiel ihm die schwere Aufgabe zu, die Duma, das russische Parlament, aufzulösen. Daß er hier mit aller unerbittlichen Strenge vorging, die die Verhältnisse und sein kaiserlicher Herr von ihm verlangten, machten ihn im Volke unbeliebt. Er bekämpfte die innere Korruption in Rußland, die zum größten Teile die Schuld an den heutigen Zuständen im Zarenreiche trägt, mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln. Manchen Beamtenskandal hat et rücksichtslos an die Oeffenilichkeit gezogen, überall hat er für tüchtige Revision gesorgt und selbst eine Revisionsreise nach Sibirien nicht gescheut, um Ordnung in das zerrüttete russische Staatswesen hineinzubringen. Sein scharfes Vorgehen gegen die Beamtenkorruption hatte ihm in den höchsten Kreisen zahlreiche Widersacher geschaffen.
* Die Kriegsfurchi in Belgien wird immer tollet und immer unbegreiflicher. Die Brüsseler Abendblätter berichten, daß in Belgien nicht nur die Reservisten der Genietruppen, sondern auch noch die Jahrgänge 1906, 1907 und 1908 -mb-rufen werden. An der Brüsseler Börse ist daS G o l d a g i o auf 6,25 pro Mille gestiegen. Ein so außerordentlich hoher Agiosatz wat seit dem KriegSjaht 1870 nicht mehr verzeichnet worden. Die Steigerung wird durch die Goldzusammenziehung in Paris erklärt, eine Tatsache, die die Kt'egsfurcht in Belgien noch steigert.
** Italienische Provinzialkatholikentage. In An- wcscnh-it des Kardinals Agliardi tagte in Caste l- gandolfo der Katholikentag von Latium mit 10000 Teilnehmern. Auch in anderen Provinzen waren kleiner« Songreffe anberaumt. Es waren in allen zusammen mindestens 40000 organisierte Katholiken versammelt.
** Die italienischen Freimaurer rüsten auf ber ganzen Linie zu Kundgebungen am 20. September, dem Erinnerungstage des Einzuges bet Piemontesen in Rom. Auch die Freidenkerorganisation „Giotdano Bruno" will solche in bet ewigen Stadt veranstalten. In katholischen Kreisen werden Ausschreitungen befürchtet.
** Sanierung bet Ausstellung in Rom. In ben letzten Tagen wat berichtet worben, baß bas Defizit ber römischen Ausstellung keine 20 Mill., sondern höchstens eine Million Lire betrage. Wie weit dieses überraschend günstige Ergebnis ans besondere Operationen zurückzuführen ist, erfahren wir von besonderer Seite. Sogar die stanzöfische Regierung ist indirekt mit einer runden Miüion- summe eingesprungen, indem fie ein Stück Land, auf bem ihr Pavillon steht, erworben hat. Es schweben Verhanblungen wegen ber Abgabe eines zweiten Stück Laubes an engllsche Käufer, hinter benen sich Fteunbe bes Herrn Nathan verstecken. Nun soll als weiterer Notbehelf bie Verlängerung ber Ausstellung bis in den Mä« 191 hinein kommen, in der Hoffnung, daß im Wmter, wo die gesundheitlichen Verhältnisse beffer werden, der Besuch der Ausnellung zummmt. Aber auch mit dieser Verlängerung, über dl- gegenwärtig Mlt den auswärtigen Ausstellern verhandelt rottb, ,st man nicht imstande, daS Defizit ganz zu beheben.