Einzelbild herunterladen
 

M 2(2.

Samstag 16. September (9U 38. Jahrgang.

* Tuldaer W Leitung *

Z. Blatt.

vrick und Verlag der fielbaei Bdknbrttferei i> $el»e.

* Bolksbildnng.

Zu keiner Zeit wohl war von „Bildung" soviel die Rede wie in der Gegenwart. Man kann ge­radezu von einem allgemeinen Bildungshunger sprechen und es als ein charakteristisches Merkmal unserer Zeit bezeichnen, Bildung und Wissen nicht im Alleinbesitz einer Gelehrtenkaste oder dünnen Oberschicht oder spärlichen Mittelschicht zu belassen, sondern darauf hinzuarbeiten, daß möglichst alle Volkskreise und Bevölkerungsschichten ihrer teil- hastig werden. Das Wort des englischen Staats­mannes und Philosophen Bacon, das er vor etwa drechundert Jahren sprach: „Wissen ist Macht", ist heute wirklich zum Allgemeingut und zur Allge- meinwahrheit geworden. Aber dieses an sich so hocherfreuliche allumfassende Bildmtgsstreben un­serer Zeit birgt auch eine Gefahr in sich: unter der ins Weite und Breite sich ergießenden peri­pherischen Bildnngsbewegung leidet vielfach die zen­trale Vertiefung. Das Strombett der Kultur wird mit der Breite nur zu oft auch seichter, und man begeht leicht den Fehler, eine Anhäufung und Sammlung von Wissen schon als Bildung an- zusehen und sich damit zufrieden zu geben. Dem­gegenüber tut man gut, sich zuerst mal toteber auf Bedeutung und Inhalt des Begriffs „Bildung" zu besinnen, dieses Begriffes, der heute wie eine abge- riffene Scheidemünze von Hand zu Hand geht.

Kurz und klar gesagt ist Bildung die innere Formung der Gedanken, des Willens und der ge- stallenden Phantasie' sie ist die volle Ausgestaltung all der Kräfte, die im Innern schlummern. Oder, wie einer der geistigen Wortführer Deutschlands sagt: Bildung ist das Vermögen, alles Menschliche mit Verständnis und Teilnahme aufzunehmen und wieder zurückzustrahlen, die eigne Seele offen zu halten und die andern Seelen zu öffnen, Verstand und Her; zu feinen Organen auszubilden, die auch dort sehen und hören, wohin die Sinne nicht mehr reichen, innerhalb des Wechsels der Dinge das Leben dauerhaft und würdig zu gestalten und inmitten des Eintönigen und Äbstumpfenden ihm Gehalt zu geben. Ergänzend zu dieser Bildung im weitern Sinne, die den einzelnen möglichst für seinen Be­ruf befähigt, fein Kennen und Können so erhöht, daß der Beruf ihm zur Freude wird, daß er für ihn nicht etwas Drückendes wird, nicht ein Bleigewicht, sondern ein beflügelnder Fittich.

Diese Auffassuitg von „Bildung" erst gibt dem modernen Bilduirgsstreben richtige Zielpunkte unb leitet die überall rieselnden Bächlein ins richtige Strombett. In diesem Sinne hat sich auch der Volksverein für das katholische Deutschland feit zwei Jahrzehnten als der ge­waltigste soziale und allgemein kulturelle Bildungs- Verein für die Katholiken Deutschlands bewährt. Er ist der große Kulturverein des katholischen Volkes, der unter die Massen tritt, um ihnen im Wirbel des Erwerbslebens, im ewigen Gleichmaße des Blühens ums tägliche Brot möglichst viel vom Ein­förmigen und Äbftumpfenden des grauen Alltags zu nehmen, um ihnen wieder freudige Seelen zu geben und das Leben durch erhöhte Bildung unb Kultur lebenswerter als bisher zu gestalten.

Zu diesem wichtigen Zweck hat der Bolksverein schon feit Jahren sich bemüht, auch mittels eines der modernsten unb zugkräftigsten Bildungsmittel, burc’i Lichtbildervorträge, möglichst all­seitig tiefgehende und nachhaltige Bildung in die breitesten Volksschichten zu tragen. Längst schon ist die Vorführung von Lichtbildern ans dem Dillet- tantischen heransgewachsen und hat sich einen bet ersten Plätze unter ben modernen Volksbildungs­mitteln erobert. Sie rangiert ebensosehr unter den künstlerischen Lehrmitteln der heutigen Universi­täten, wie es hervorragende Gelehrte aus allen Wissensgebieten riicht verschmähen, ihrem münd­lichen Vorträge vor einem erlesenen Publikum Nach­haltigkeit und erhöhtes Jnteresie zu verschaffen. Leider gibt es indes noch manche populäre, oitf Massenausleihe sich verlegende Lichtbilderinstitute in Deutschland, die sich nicht auf den durch kunst- teriftbeit Geschmack und wissenschaftliche Gründlich- keft erforderten hohen Standpunkt stellen, sondern vielfach die oberflächlichsten Bortragstexie und wff- seuschastlich und künstlerisch durchaus unzulängliche Bilderserien liefern. Ta ist es nun die Zentral­stelle des Bolksvereins in M.-Gladbach, die mit der Lichtbilderei G. m. b. H. in M.-Gladbach in Verbindung getreten ist und durch ihre beständige Mitarbeit und Aufsicht bei Herstellung der Bilder und Bortragstexte die Lichtbilderei M.- Gladbach zu einem vorbildlichen Musterinstitut gestaltet hat.

Die ReiLballiqkett desselben geht daraus he vor vast bereits 350 Lichtbllderserien vorhanden sind, die in fo'.gende Untergruppen zerfallen: 1. Land und Leute (Den'ich land, deutsch« Kolonien, Ausland). 2. Geschichte und Biographie. 3. Literatur. 4. Kunst. 5. ReligionS» geschichtliche Borträge. 6 Naturwissenschaftliche Bor­träge. 7. Industrie und Technik. 8. Handwerk. 9. Land- Wirtschaft. 10. Gesundheitspflege. 1L Volkswirtschaft. 12. Verschißenes ('heitere Vorträge ufro.) Die Ausleih­gebühr für die einzelne Serie ist sehr niedrig gesetzt und beträgt im Durchschnitt 5 dis 6 Mk. Die Vorträge entstammen sämtlich fachmännischen Federn, und unter den Mitarbeftern der Lichtbilderei M.-Gladbach sind die klangvollsten Namen vertreten. Gs sei z. B. nur hingewiesen ans die in ihrer Art einzigen Kanstvorträge des bekannten Münchener Knnsischrislflellers und Hoch­schullehrer- für fitnvt und Aesthelik Dr. Joseph Popp, Auf die geschichtlichen, literarischen und ästhetischen Vorträge von Dr. Alois Wurm (München) und Dr. Bernbart (München), auf die literarischen und geo- graph -1Asu Borträge (z. B. Klemens Brentano, A. von Drofle-Hulshoff, Nordpol, Südpol) von Dr. Hermann EardaunS (Bonn), auf die reliaionswifsenschastlichen

Dr. Meffert lM.-Gladbach), die gesund- heitlrchen und Sewerbehygienischen Vorträge der Aerzte Dr. Baur und Dr. Weigl, die ethnographischen Bor- iräge von Professor Paar (München), die literarischen Vorträge der bekannten Literaturhistorikerin Fräulein Hamann urro.

v Wir müssen uns heute mit diesem kurzen Hin­weise begnügen unb verweisen auf das ausführliche Verzeichnis, das von der Lichtbilderei G. m. b. H. M.-Gladbach umsonst zu beziehen fft. Der Volks- herein hat durch die musterhafte Ausgestaltung der Lichtbilderei den seiner ganzen Bildungsarbeit als Leitstern vorfchwebenden Grundsatz auch auf diesem

Gebiete bewährt: daß nämlich auf dem Gebiete der Volksbildung gerade da» Beste aut genug i ft Er hat dabet auch große finanzielle Opfer nicht gescheut. Da ist es doch Ehrenpflicht des katholischen Deutschland, speziell auch der zahl­reichen katholischen Vereine, die chren Mitgliedern wirklich Musterhaftes an Volksbildung bieten wol- len, die Lichtbilderei in M.-Gladbach zu unterstützen.

[] Der HilfSzirg.

Wer hätte beim Einfahren oder Verlassen dieser oder jener größeren Eisenbahnstation noch nicht auf einem Settengeleise den „HilfSzug" gesehen, wie er „fertig zur Mfahrt" dasteht? — Der Ziveck dieser Züge ergibt sich auS ihrer Benennung: sie sollen bet plötzlichen Unglücksfällen schnelle und wirksame Hilf« bringen. Nur auf diesen Zweck allein hin sind sie konstruiert, unb deshalb von jeder anderen BettiebS- benutzung ausgeschlossen.

Die Einrichtung derartig« Hilfszüge ist eine spe­zifisch preußisch-deutsche Schöpfung; ausländische Bahnen haben solche Züge nicht, wenigstens nicht in der Vervollkommnuiig rote bei uns.

Bei der großen öffenllichen Bedeutung, welche diese HiffSzüge haben, dürfte einmal ein Blick in beten innere Einrichtung angezeigt erscheinen, und zwar umsomehr, alS das profane Auge eines Nicht- Eisenbahner» diese nut selten ober nie zu sehen be­kommt, bann aber auch zum Beweffe dessen, wie menschliche Intelligenz vorgesorgt hat, allen an die ernste Bestimmung dieser Züge herantretenden Mög­lichkeiten Rechnung zu tragen.

Ein jeder HilfSzug besteht in der Regel aus drei Wagen: AuS dem Geräte-, dem MannschaftS- und dem Aerztewagen. Ersterer ist gewöhnlich dreiachsig, die beiden letzteren zweiachsig. Seiner Bestimmung gemäß enthält der Gerätewagen alle nur erdenklichen Apparate und Utensilien, welche in Schlosset- oder Maschdtenwecksttitten notwendig oder nützlich sind; außerdem aber auch noch andere Sachen, wie z. B. Azetylen-Standlatemen, Oel- und Petroleum-Hand­laternen, Fackeln, Knall- unb anbere Signale, leichte Stockwinden mtt Handbetrieb und schwere Exemplare mit Hydraulik, Feuerspritzen, Beile, Sägen, Settern unb verschiedenes andere mehr, alles in musterhafter Ordnung, stehend, hängend oder liegend, sodaß die kundige Hand nur zuzugreifen braucht.

Der Mannschaftswagen hat insofern eine ge­wisse Klassen-Einteilung, als für etwa mitfahrende höhere Beamte zwei Abteile von dem übrigen Raum abgesondert und entsprechend ausgestattet sind. Der Mamischaftstmlm selbst nimmt etwa zwei Dtitteile des Wageninnern ein, er ist mit Tischen und Sitz­gelegenheit auSgeftattet, hat vielfache Waschvotrichtun- gen, führt ferner eine Anzahl von SanitAs-Schutzan- zügen und ist endlich mit Hilfs-Telephonapparat aus» gestattet.

Wir kommen nun zum Aerztewagen, der das Aus­sehen eines gewöhnlichen Personenwagens vierter Klasse hat, dessen Innere aber das größte Interesse erweckt- Dieser Jnnenraum besteht aus zwei Ab­teilungen, beten größter acht gebrauchsfähige Betten birgt, die in der Längsrichtung des Wagens ang^ bradjt find. Die Betten ruhen auf hochelastischen Fe­dern, sodaß jede Erschütterung ausgeschlossen ist. Sie sind außerdem derartig konstrniett, daß durch Herab- llappen der Kops- und Settenlehnen der Verletzte offne Aenderung der Lage hinein- und herausgehoben werden kann. Das Innere diese» Bettraume» kann durch Vorhänge abgeteitt werden, fofent es sich um gleichzeitig Verletzte beider Geschlechter handelt. In dem Keinen Raume finden wir zunächst in verschließ­baren Schränken alles das, toaS der Arzt bet leichte­ren oder schwereren Verwulidungsfällen an Instru­menten und Medikamenten gebraucht. Etwas seit­wärts steht ein ausziehbarer Operationstisch, um er­forderlichenfalls sofort chirurgisch eingreifen zu kön­nen. Operationsmäntel und -Handschuhe sind in einem besonderen Kasten untergebracht, ebenso Be­schienung für Arm- und Beinbrüche. Eine eigene Gasheizung macht den Wagm von der Dampfspeisung der Lokomotive unabhängig .außerdem tritt bei der Benutzung d«S Wagen» eine besondere Kalt- und Warmwasserlettung in Tätigkeit Wie sorgsam bei der Ausrüstung de» Wagen» an alle Möglichkeiten gedacht worden ist, beweist noch der folgende Um­stand: Auf dem Tisch« liegt ein geschlossener Brief an den Bahnhofsrestaurateur, in welchem dem letz­teren aufgegeben wird, auf Rechnung der Bahnkasse sofort Kognak, Wein, Mineralwasser, Schokolade, Ge­bäck, Zucker usw. dem Aerztewagen zu tiefem. Im Falle der Alarmierung übergibt ein Bahnbeamter die- fen Brief dem Restaurateur unb bringt die verlangten Erfrischungen in einem ebenfalls berettstehenben Korbe zum Wagen.

ES ist setastverständlich, daß ber HilfSzug in seiner Gefamthett von Zeit zu Zett revidiert rotrb. ©träte» und McmnschastHvagen durch Bahnbeamte, der Aerztewagen durch den Bahnarzt. Wird die Hilfe des Zuges angerufen, so ist Vorschrift, daß er bei Tage in spätestens dreißig, bei Nacht in spätestms fünfund­vierzig Mnuten mit Aerzten und Bemannung abfah­ren muß, doch erfolgt die Abfahrt meist schon viel ftüher. Die HilfSzüge haben natürlich ihren bestimm- ten unb ein für allemal festgelegten Dienstbezttk. Da mit Verwechselungen, unnötige Anfragen unb bzl. nicht Vorkommen, hat jede, auch die kleinste Station draußen auf der Strecke, ein sogenanntes „Merkbuch", welches diejenige Stelle benennt, an welche sie sich im Bedarfsfälle telegraphisch oder telephonisch zu toen- ben hat.

Auf den spanischen Bahnen.

Von H. Alex Stehmann.

(Schluß.)

Wie auf den obersten Rängen unserer Theater oder in unserer 4. Klaffe, wird in der spanischen 8. Klasse oft gegessen. Aber mäßig find die Genüsse. Brot, Früchte, Tomate«, Knoblauch und Zwiebeln, Bauanen, wasserreiche Stefanen unb bickflüffigec dunk­ler Landwein, falte» Fletsch, aber nur vereinzelt, mehr etwa» derber Speck, gebratene oder gedörrte Fische usw. ,Usted euetat" hören wir jedeSmal, bevor ein Landeskind ttwa» m sich nimmt. Mtt bl* fer Aufforderung fordert es feinen Nachbarn zur B* teitlgung an fdnet Mahlzeit auf. Die Höflichkeit will aber, daß man dankend ablehnt. Dann folgt die unvermeidliche Zigarette, die man schon Her aimch-

men darf. Auch soll man immer im Trinken mittun. Der lederne Weinbeutel wandert von Mund zu Mund. Jeder läßt einen feinen dünnen Strahl durch den langen HalS des Gefäßes in seinen Mund spritzen und gibt das Gefäß dann Wetter. ES ist eine Kunst, die gelernt fein muß, ebenso wie die Kunst, Zigaret­ten zu drehen. Der spanische Zigarettentabak ift durchweg grobkörniger als der türkische. Guarda civiis sind es, von denen ich diese Geschicklichkeit endlich gelernt habe.

Gegenüber mir sitzt ein bescheiden auSsehender Herr mit einem alten verschossenen Segeltuchkosfer, auf dem ein Estremaduraschinken angebunden ist. Den Koffer trug er stets selbst. So auch, al» auf der eingangs meiner Plauderei erwähnten Strecke Baza— Guadir das gesamte Reisepublikum aussteigen mußte, weil der nagelneue Eisenbahnviadukt über eine Schlucht in seinen Fundamenten nicht fest in dem wei­chen Schotter des Tales stand. Der gänzlich leere Zug fuhr sehr langsam und vorsichtig uns nach und nahm uns am Ende der heimtückischen Brücke wieder auf. Bei dieser Gelegenheit hatte ich an dem Herrn meine ersten Sprachversuche begonnen, liebet Nacht bezogen wir dasselbe Zimmer in dem einzigen an­ständigen Gasthause von Baza.

Ich sitze nun wieder im Zuge und beschäftige mich gerade mit Eintragungen in mein Tagebuch und Ver­besserungen in der unvollkommenen großen Landkarie meines Reiseführer». Das Staunen der Spanier wuchs und wuchs. Diesmal war nicht meine nord- ländische Schlankheit unb Ruhe bi« Ursache, fonbern bie große ausgebreitete Karte. Der Herr, ein Gym­nasiallehrer (catedratico), also so etwas wie Kol­lege, erklärte bent nächsten Spanier, ich sei ein Aus- länber, ein Deutscher. O! mein unglückseliger Kol­lege aus bent spanischen Malaga, bu verdienst eigent­lich dein lächerlich geringes Gehalt, daß du mich so dem Höhepunkte der Neugierde und Aufmerksamkett des ganzen Wagens preisgabest! Brate dafür wettet im fernen Süd, so wie Ich nun braten mußte in der Hitze, die durch da» Gedränge der Leute um meine Person verursacht wurde! —

Wenige Wochen darauf fuhr ich tot spanischen Ex­preß auf der Strecke Madrid—Zaragossa—Barcelona. Wundervoll sind die Bilder, die die wechselnde Land­schaft gibt. Alrala am Henaces, die frühere Stadt der Musen, die nun nach Madrid verzogen stnd, und Guadalajara stnd rechtzeitig erreicht. Das berühmte Bauwerk im christlich-maurischen Stil (MudSjarstil) dm Jnsanienpalast, müssen wir uns leider schenken. Das Guadarramagebirge kommt nähet und näher. Sann wird die Landschaft mit ihrem roten Kalkstein öde. Später steigt die Bahn zur Hochfläche, die das Ebrotal von dem OueBgebiet des Henaces trennt. Siguenga (das römische Segontia) mit seiner ragen- dm Kathedrale, fliegt vorüber. Schon manche Rö­merbrücke haben wir genommen, wir nähern uns der Bahnstatton, von der eine Zweiglinie nach Soria läuft, dar die Trümmer des von dem Göttinger Ge­lehrten Ad. Schultm ausgegrabenen römischm Nu- mantia birgt. Ein 97 Meter hoher Kalksteinobelisk zeigt das Ruinenseld weithin an. Trostlos kahl und steinig ist die Gegmd hier. Zäh müssen die Bewohner dieser rauhen Berge sein, die die Bedingungm zum Leben dem steinigm Lande abringen. Die würdigen Nachfolger sind's der alten Iberer, die lange Jahre in Numaniia der römischen Uebermacht heldenhaften Widerstand geleistet haben.

Die Sierra Ministra trennt den Herrn res vom Jalon. Wir erklimmen sie, um dann durch die Engen des Jaloniales hinab zum Trog« des Ebrobeckens zu eilen. Tunnel hinter Tunnel. Die Ingenieure er« werben sich mit jedem Kilometer, das wir abmachen, unsere Hochachtung mehr und mehr. Bon Medinaceli an bqeichnen Burgmreste die alte Heeffttaße von Kasttlim nach dem Ebcolande. Calatayud, die Bur» gm- und Kirchenstadt, die Heimat der Tempelritter in Spanim, das feudale, hohe und herrliche Cala- tayund (522 Meter hoch) erscheint und zeigt sich auf der Weitetfahct von den verschiedenstm Gcfichispunk- ten au» in der vorteilhaftesten Weise, wie eine kokette Edelfrau aus verrauschter Ritterzeit.

Die nackten Felsmauem sind mitunter tote zer­schnitten. Die ganze Strecke des Abstieges bietet ein prächtiges Muster ber stasselsörmig abfaUenbtn Gv- birgßauffaltung an dem östlichen Rand de» kastilischen Sumpftafellandes.

Außer Weinkulturen hatte das Atlge nichts Gcün- ne» in der Talsohle und auf dem anstehenden Gestein erblickt. Nun entfaltet die Sohle eine reichere Vege­tation. Eiserne Schöpsräder künden von dem Fleiße dec Menschen. DaS Tal erbrettert sich. Links eine Oede aus Tonmergel. Herrliche Rückblicke auf die kahlen Höhenzüge, eine grüne Flußebene noch, und wir find in der Oasenstadt Zaragossa.

An dem Rucksacke erkennst du, mein Leser, den Deutschen im Auslände! Die» tat auch ein Lands­mann, dec in Madrid mit eingestiegen war. Es war ein meistens stellenloser, nach seinen Aussagen weit umhergeschleuderter Rostocker Korrespondent, der mtt Hilfe des deutschen Konsulat» in Madrid ein sogen, billete de caridad, d. h. eine Fahckarte zum halben Preise erhalten hatte, nachdem er mehrere Tage lang auf Kosten deS Konsulats in der Hauptstadt gelebt hatte. Wie vielfach auf schnellen Linien, gab eS in unserem Zug nur 1. und 3. Klaffe. Ich fuhr nun 3. Klaffe unb traf hier bie werte Lanbsmamtschaft, bie systematisch die einzelnen Konsulate Deutschlands, Englands und dir Vereinigten Staaten brandschatzte, letztere auf Grund ihrer Sprachtenntnisie.

Sein frischer Gcuß: „Guten Morgen" war die Einleitung unserer Bekanntschaft. Eine urwüchsige Anbiederung war die Folge. Mein Walzbruder war auf Schusters Rappen durch Nordspanien unb baß im Sommer furchtbare Kastllien biß Mabrib getippelt. Kaffee, Brot und Wein waren die milben Gaben, die in seine Reiseküche kamen. Auf dem Madrider Kon­sulat hatte er einige Peseten (1 Francs) als Weg­zehrung erhalten. Mer der Speisewagen unsere Zuges verschlang so ziemlich aller Geld, al» unser Freund nach einigen Stunden Fahrt Hunger und Durst verspürte. Trotz seine» desperaten Aeußeren hatte man ihn hier ausgenommen. Ich fand ihn hier, wie er im Begriffe war, auf meine Gesundheit zu trinken — baß Bezahlen war bann meine Sache, that's qulte gentlemanlice. —

Wie nun zu ftischem Gelbe kommend Bei mir verfingen seine Pumpversuche nicht. Apoll, bet Gott bei ffi-ef angel, half! Uns« Wanderer verfügte über einen hell und steghast schmetternden Tenor. Nor­disch« Kraft und südländischer Schmelz vermähllm sich in seiner Stimme, trotz seine» ungeregelten Vaga- bundenleben». Leise anstimmend tremolterte er paezz»

voce ein Präludium. Die Aufmerksamkeit der nähe­ren Nachbarschaft wurde rege. Mehrere Katalonier, wegen ihr« Vorliebe für Musik, im besonderen für die deutsche, ermunterten ihn zum Weitersingen. Ob er Riccardo Wagner könne? Certainly, sefiores, war des Sänger» Antwort. Nun wurde die Schranke hochgelcsssen, und eine nicht endenwollende Reihe deut­sch« Gesänge zog mit ihrem Wohlflang an uns vor­über. Die Meistersäng« schritten hallend zwischen den Wänden de» durchgehenden Wagens, „Winter- sturme wischen dem Wonnemond" bis zum „holden Abendsternr". Die Spanier au» Katalonien begeister­ten sich, wurden entzückt unb — milbtätia, als uns« Landsmann nun ben Lohn in klingender Münze ein- heimste. Es waren dies Augenblicke der Beschämung für mich. Wer e» heißt, so bedeutete mir mein Ro­stocker beim Einsammeln: „Edel sei der Mensch, hilfreich unb gut!" Da mein Held ein starker Rauch« war, wollte ich mich durch die Verlegung meines Platzes 1» ein nahe» Nichtraucherabteil voc ihm in Sicherheit bringen. Doch No fumadores (Richttaucher) steht draußen auf der Ture, was drinnen vorgeht, ist eine andere Sache. Mein Freund folgte mir unverdrossen. Nun wollte et auch in Zaragossa aussteigen, und nicht bis Barcelona durchfahren, um hier feinen äußeren Menschen zu er­neuern. Kostspielig lebte er allerdings! Jeden Kra­gen z. B., der schmutzig geworden war, warf er ein« fach weg, um nicht durch zu viel Gepäck behindert zu werden. Das augenblickliche Gepttk bestand nur in einem in Papier gewickelten alten Hemde.

In Zaragossa fahr ich ab« ohne sein Wissen mit dem Rochtzuge weit«, mtt einem almohada (Kopf­kissen) unb ein« manta (Decke) meine angegriffenen Nerven zur schlummernden Ruhe bringenb. Solche ©egenftänbe erhält man für je einen Peseta leihweise auf ben Hauptplätzen. Der Versuch gelang.

In b« Frühe eines herrlichen Aprilmocgen» fahr ich in die lachende „Campina" des fleißigen Empo- riums Barcelona hinein, der ausgehenden Sonne ent­gegen. Ihre mit Macht vom Purpurgrunde des Mee­re» aufftrebenden Strahlen versinnbildlichen die gigan­tenhaft sich emporreckende Kraft des elften Handels­platzes, den bie Halbinsel besitzt.

Allerlei.

— Wie Fürste« ihre Juwelen aufbewahre«., Die Juwelenschätze der russischen Kaiserfamilie, dl« eine der kostbarsttn Sammlungen der Welt bilden,' werden an einem befestigten Platze anfbetoabrt und von hundertachtzig inaktive« Offiziere« bewacht,' Für diese Dien^leistung werden sie sehr reichlich bezahlt, doch müssen es lauter charakterseste und treuerprobte Männer sein. Kein Offizier de» Za­ren, von dem bekannt geworden ist, daß er in sein« Dienstzett dem Spiele gefrönt ober in sonstwelcher Weift Extravaganzen gehuldigt hat, hat jemal» Aussicht, den Juwelenbehütern zugeseltt zu werden. ®ta_ Teil der dem Zaren persönlich gehörende«' Schätze wird außerdem in verschiedenen Pariser und Londoner Banken aufbewahrt. Dort liegen sie jedenfalls gesichert, selbst wenn in Rußland einmal Unruhen ausbrächen. — Der Krouschatz des italie­nischen Königshauses Hegt in unterirdischen Ge- toolben eines kleinen Forts, das auf einer Insel im Tiber errichtet ist. Geschützt durch das trübe,' darüber hinwegfließende Wasser des alten Flusse» und durch eine Militärabteilung auf der Insel, ru­hen sie dort auch für die kühnsten und scharfsinnig­sten Einbrecher völlig unerreichbar.

— Neber die schnellste Reise um die Erde, bi» der Pariser Journalist Jaeger kürzlich vollendet hat, werben in Paris« Blättern Einzelheiten veröffent­licht. Er hat genau 39 Tage 19 Stunden 43 Mi­nuten und 37% Sekunden gebraucht. In dieser Zett hat er rund 31000 Kilometer zurückgelegt« Nur 63 Stunden Rast konnte n halten. Die Ge­samtkosten dies«' Weltreise belaufen sich auf 4840 Mark. Die Fahrscheine rings um die Erde kosteten 2300 Mk., für Lebensmittel und Trinkgeld« hat Jaeger 2400 Mk. ausgegebe«, und die besonderen Ausgaben werden mtt 140 Mk. berechnet. Auf dem ganzen Weg um die Erde hat b« Reisende nur viermal in einem Hotel geschlafen, und zwar in Jo- kohama, Vancouv«, ht Montreal und ht Neuhork. Den längsten Aufenthalt hatte « in Jokohama, ivo « erst um die Mittagszeft de» folgenden Tage» weiter konnte. Bor Jaeger konnten sich zwei junge Amnikaner aus Neuyork rühmen, am schnellsten um die Erde gereist zu sein. Sie hatten im Iah« 1909 tat ganzen 41 Tage 12 Stunden dazu ge­braucht.

— Die Giftigkeit des Okeanders. Die Unsitte, Oleanderzweige und Blatt« zum Ausputzen von Torten, Fruchteis und anderen G«ichten zu ver­wenden, wird noch vielfach geübt. Sie fft aber ent­schieden zu verweisen, denn tat Genuß der so ge­schmückten Speisen liegt stet» eine Gefahr für die Gesundhett. Der Oleander, ber uns durch seine rosenrote Blütenpracht erfteut, ist in all seinen Tei­len giftig. Nach einem Geflugelgericht das mtt Oleanderblättern gebraten worden war, sah man Personen lebensgefährlich «rkranken. Von zwölf italienischen Soldaten, die Fleisch verehrt hatten, das an einem frischgeschnitzten Oleanerspieß gebraten worden war, starben sieben an Vergiftung. So heftig wirkt dar Gift des Oleanders, daß schon ein anhaltendes Berühren sein« Blätter einen juckenden Ausschlag unb selbst eine Geschwulst her» vorrruftn kann. Sogar bie Ausdünstungen bei Oleanderlaube» sind als gesundheitsschädlich zu be­trachten. Sie erzeugen bei empfindlichen Personen Kopfschmerzen, Nebelkeit, Muskelschwache und Puls- Verlangsamung. Vor einiger Zett erkrankte an diesen lästigen Beschwerden eine ganze Familie in Sofia, well eine Anzahl Oleanderbäume, die man vor d« Winterkalte hatte schützen wollen, im Kor­ridor deS Hanse» aufgestellt worden waren. Nach ihrer Entfernung fühlten bie Patienten sich wieder wohl. Die medizinische Literatur weiß über zahl­reiche ähnliche Fälle zu berichten. Da demgegenüber so diele Leute den stundenlangen Aufenthalt in Räumem in denen Oleander stehen, ohne irgend­welche Beschwerden vertragen, ist man geneigt, an« zunchmen, daß nicht alle Oleanderarten, die wir zichen, denselben Grad von Gtstigkeft besitzen. Gift» pflaryen büßen ja bei fortgesetzter Kultur nicht selten allmählich ihre Giftigkeit ein. Immerhin fft Vor- sicht am Platze. AuS Wohn- und Schlaftäumeu sollte der Oleander verbannt werden, und auf jeden Fall fft er au» dem Bereich der Kind« an^ruckev.