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>3. Parzelle» in Fulda.

Zul-aer W Zeitung

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L»t«tio»,dr«!kmrd Verlag der Fuldaer Rd Seudruckerei in Fulda Fernsprecher Kl 9.

Fulda, Freitag den 15. September 1911.

Erstes Blatt

j* 211.

38. Jahrgang.

D Marokko.

Nach einer anscheinend offiziösen Meldung bildet die französische Antwort eine Denk, schrist, welche auch eine durchgesehene und um- estaltete Fassung des ftanzöflschen MarokkvvertragS- Ntwurfes enthält, den der Boschaster Cambon am 4. öeptember dem Staatssekreär v. Kiderlen-Waechter orgelegt hat. Diese Denkschrift, welche auf den Ar» eiten des Botschafters Cambon und des Gesandten ffegnaul beruht, wurde am Mittwoch vormittag von »em Minister de Zelves dem Ministerpräsidenten Call- aux unterbreitet. Nachdem der Minister des Aeußern »e Selves in Rambouillet mit dem Präsidenten Fal- störe? eine Besprechung gchabt hatte, kehrte er um ÄU Uhr nachniittags nach Paris zurück. Sofort nach seiner Rückkehr nach dem Quai d'Orsay legte er den mdglltigm Wortlaut der Antwort an die deutsche Re- stierung fest. Nach einer Meldung der Agence HavaS sollte das Dokument am Mittwoch abend 10 Ähr mit vesonderem Kurier nach Berlin abgehen, doch hatte stian in Berlin bis Donnerstag nachmittag noch kei- sterlei Nachricht, wann die französische Antwort auf die deutschen Gegenvorschläge erwartet werden darf, um Mißverständnisse zu vermeiden, find dem „Tag" Infolge beide Parteien überetngekommen, daß die Un­terhandlungen ausschließlich in Berlin geführt werden sollen. Die Auffassung in Berliner leitenden Kreisen scheint nach wie vor dahin zu gehen, daß die Ver­handlungen in Kürze soweit gediehen sein werden, baß nur noch minder wichtige Detailftagen zur Erle­digung übrig bleiben.

In England scheint man infolge der langen Dauer der Verhandlungen etwas sehr nervös ge- toorbcn zu sein. Wenigstens berichtet ein Berliner Mittagblatt, daß den Mannschafea auS dem Militär­lager von Davonport jeder längere Urlaub verweigert wird und daß kein Offizier länger als 3 Tage vom Lager abwesend sein dürfte. Auch aus anderen Or­ten würden derartige Maßnahmen der Militärbehörde berichtet.

Uu der Affäre des enqlffcken Botschafters in Wien Cartwright schreibt die ,Nordd. Allz. Ztg/ tsfiz-ös:

' »Di« Kaiserliche Regierung hat .urf Anfrage von der KSnwlichgroßbritanischen Regierung die Mitteilung 'Erhalten, daß der englische Botschafter in Wim weder den bekannten Artikel der »Neuen Freien Press«' inspiriert, noch die ihm von dem Verfasser des Artikels maelchrtebmen Aeußerungen getan hat. Damit ist der Zwischenfall für die Kaiserliche Regierung in b esrie» vigender Weise erledigt.

Ganz so einfach ist dis Sach« denn doch nicht. Noch vor wenigen Tagen hat der famose englische Botschafter in Wien, Sir Cartwright, erklärt, er habe in seiner Unterredung mit dem Journalisten, d-r den Skandalartikel für die Moe Freie Presse' beschrieben hat, auf die Rede beS Deutschen Kaisers ymgewiesen und gesagt, daß das Verlangen der deutschen Regierung übertrieben sei. Es ffi doch merkwürdig, daß der englische Botschafter Zunächst die Unterredung mit dem Journansten Überhaupt ableugnet nnd dann sie zugab. Seine verschiedenen gewundenen Erklärungen haben in der Dessentlichkeit jedenfalls nicht befriedigt. Man kann sich des Eindruckes nicht erwehren, als ob sich die deutsche Regierung hier zu leicht zufrieden gegeben habe. Bestehen bleibt doch immer, daß sich dieser Botschafter in mißgünstiger Weise über Deutschland fiuSgesPwchcn hat.

Wichtiger noch als die Dtachenschaiten des eng­lischen Botschafters in Wien scheint uns die Tat­sache, daß die von der österreichischen Regierung so vielfach verhätschelte ,Neue Freie Presse', das ver­breitetste Organ der Freimaurerei in Oester- feid), sich so rückhaltlos und mit einer andauernden )pfcrwilligkeit in den Dienst der deutschfeind- ich en Ränkeschmiede gestellt hat. Der Zwischen­fall ist eine neue Mahnung für die beiden verbün­deten Regierungen, der internatiovalen Preß­

verschwörung gegru bk Deutschen und di« FriedenSinteressen scharfer auf di« Finger zu s«hen und ihrerseits ein gleichartiges Gegengewicht zu schaffen durch arschimere Benutzung der sog. Welt- presse behufs Verbreitung von Verständnis und Sympathie für di« Brstrevungen der beiden mittel­europäischen Kai,erreich«.

Deutscher Reich.

** Berlin, 14. Sept. 1911. Der Kaiser hörte heut« im Neuen Palais bat Vortrag beS Reichs­kanzlers v. Bethmann-tzoüweg. Nach dem Vortrag folgt« Herr v. Bethmmm einer Einladung des Monarchen »ur FrühstückStafel. — HandelSmmister Sydow wird im Lauf« oeS Monats bi« obrr- schl,fischen Staatswerke besuchen. Am 26. Sept, trifft der Minister in Zabrze ein und wird aus dem Ofifelbe der »Königin Luise-Grube" einfahren. Dann folgt eine Besichtigung der Delbrück- und Rhein- babrn-Schächte sowie der Besuch mehrerer nicht- fiskalischer Hüttenwerke. — Kontreadmiral Scheer, bisher Ches der Stabet der Hochseeflotte, ist zum Direktor de» allgemein« MamnedepartementS deS ReichsmarineamtS und gleic^eitig zum stellvertreten­den Bevollmächtigt« zum BundeSrat ernannt worden.

♦* Der König von Sachsen über die Futternot. Auf einem Essen in Pillnitz, dem zahlreiche In­dustrielle, Landwirt« und Gewerbetreibende au- wohnten, äußerte sich der König eingehend über die gegenwärtig in deutsch« Landen herrschende Futter­not und Fleifchtcuerung» Dabei bemerkte der König, daß er und seine Regierung ganz besonders daraus bedacht seien, den Bauern und kleinen Guts­besitzern beizuspring« und zu Helsen. Er wisse sehr wohl, daß die Futtcrknapphest manchen kleinen Gutsbesitzer zwinge, seinen Viehstand zu verringern, und dabei seien zurzett die Viehpreise auf einen Tiefstand angelangt, der schließlich noch zum Ruin der mittleren und Hein« Besitzer führen könne. Deshalb habe die sächsische Regierung auch bereftS im Einverständnis und auf Vorschlag des Landes- kulturrateS Maßnahm« auf Bekämpfung der drohenden Futternot getroffen. Er müsse aber allen Landwirten, den großen sowohl wie den kleinen, zucufen: „Landwirte, verschleudert euer Vieh nicht!" Aus besonderen Vorschlag des Landes- kulturratS werde die sächflae Regierung die LandeZ- gcnossevschastZkasse mit flüssigen Geldmitteln als Darlehen versehen. Dadurch solle der Ansturm nach Geld zum Ankauf von Futtermitteln befriedigt werden, damit die Landwirte nicht gezwungen seien, das Vich wegen Geldmangels zu verkaufen. Der König kam dann auf die Fleifchtcuerung zu sprechen, die in: Interesse einer guten Ernährung deS Volkes sehr zu bedauern sei. Er glaube zwar nicht, daß im Deutschen Lande Mehmangel herrsche, von einer Oeffuung der Grenzen könne er sich aber auch keine Vorteile versprechen, denn cs sei ja genügend bekannt, daß auch in Oesterreich eine Fleischteuerung, vielleicht noch schlimmer, als bei uns, herrsche. ES ifif; aber auch im Interesse der Bauern und kleinen Gutsbesitzer, datz dem Ver­langen nach der Grenzöffnnng nicht ohne weiteres stattgcgrben werde, zumal da eS bis jetzt nicht ge­lungen sei, di« deutsche Landwirtschaft von der schwer auf ihr lastenden Geißel der Maul- und Klauenseuche zu befreien. :

.-. Nationalliberale ReichStagSkarididatureu Nach einer Zusammenstellung in der .Nationalliberalcn Korrespondenz' haben die Nativnallibcralen bisher in 142 Wahlkreisen eigene Reichstagskandidaten ausgestellt. Außerdem sollen noch in mindestens 25 Kreisen Kandidaturen aufgestellt werden.

Tie Reuetuteilmtg der Reichstagswahlkreise. Der deutsche Städtetag, der in diesen Tagen in Posen versammelt war, hat einen Antrag auf Neu­

einteilung der ReichStagSwahlkreis« einstimmig an«i genommen. Er ging von der Anschauung auS, daß die Städte, insbesondere die Großstädte, nicht ihrer Bedeutung entsprechend im Reichstag« vertreten seien. — DaS mag richtig sein, aber durch eine Neuein­teilung der Wahlkreise, di« darauf hinauSlaufen soll, bi« stäbtischen und großstädtischen Wahlkreise zu vermehren, würbe eine bessere Vertretung bet Stäbte nicht erzielt. Jetzt flnb sehr viele städtische und großstädtische Kreise durch Sozialdemokraten im Reichstage vertreten. Würben bi« städtischen Kreise vermehrt, so würben, wie bi« ,Dmtsche TageSztg.' zutreffend bemerkt, lediglich noch mehr Sozial­demokraten als Vertreter der Städt« im Reichs­tag« sitzen.

)( Wozu der Unfug 1 In Nürnberg veranstalten die Sozialisten am Sonntag eine »Friedens­kundgebung", bei der auch englische und fran- zöstsche Arbeiter sprechen werden. Die Polizeibe­hörde hat sogar dazu einen großen Umzuä ge- stattet. — Ist nicht das eine zu weitgehende Nach sicht gegenüber diesem hochverräterischen Treiben?

Ausland.

♦* In Marokko verloren bei einem neuen Gefecht zwischen Fez und Sefru die Franzosen -ehn Tote und zehn Verwundete. Die Alt-Jusfi wurden mit starken Verlusten zurückgeschlagen.

♦♦ Tie Unruhen in China. Die Unruhen in der Provinz Sze-Tschwan arten zu einer Revolution auS. Die Ausrührer erstreben die Unabhängig­keit des chinesischen Kaiserreichs. Tscheng- tu, die Hauptstadt der Provinz, wird von vier Seiten angegriffen, und die Regierungstruppen schießen auf das Volk von den Mauern herab. Es befinden sich nur 8000 Mann Infanterie in der Stadt, die vor drei bis vier Wochen keine Ver­stärkung erhoffen kann. Auch die Städte Tschung- King und Sinfu werden von den Rebellen belagert. Viele Europäer, die in der Provinz wohnten, Haden sich, frühzeitig gewarnt, in Sicherheit gebracht. Aber von einigen ist keine Spur vorhanden. Ame­rikanische und englische Kanonenboote dampfen in aller Eile den Jangtsekiang hinauf, dürften aber schwerlich über die Stromschellen bei Tschang Hin­wegkommen. In Peking glaubt man nicht, daß die Revolution gegen die Fremden gerichtet ist. Von Tschung-King wird jedoch gunewer, daß der Vize­könig von Sze-Tschwan nur einem Teil der flüch­tige., Missionare erlaubt hat, nach Hankau zu fahren, weil er fürchtete, daß das Erscheinen vieler fremder Flüchtlinge auf dem Jangtsekiang die An­wohner aufregen könnte. Er soll eine große Anzahl anderer Missionare mit ihren fünf Booten zurück- gehalten haben. Die China-Midland-Mis« sion, deren Hauptsih in London ist, hat nichts von dem Schicksal ihrer Mitglieder in Sze-Tschwan ge­hört, obwohl sie verschiedene telegraphische Anfragen ausgeschickt hat.

** Die Flucht des Erschahs von Persien bestätigt sich. In Teheran sind Nachrichten eingetroffen, daß der Exschah und sein Bruder Schoa es Saltaneh bei Savadku von den Regierungstruppen nach drei­tägigen Kämpfen völlig geschlagen seien, die Schahtruppen sind unter Zurücklassung des Lagers entflohen. Auch der Exschah und sein Bruder haben im dichten Nebel in der Richtung auf das Kaspische Meer ihr Heil in der Flucht gesucht. Des Exschahs gesamte Bagage und Dokumente sind in den Händen der Regierung. Die Dokumente wurden dem Mini- sterpräsidmten überbracht. Nach verläßlichen Nach­richten befindet sich der Exschah wieder in Gumüsch- tepe. Ein Dampfer seit dorthin unterwegs, um den Exschah abzuholen. Fast gleichzeitg mit dem Exschah sind auch die Mazanderaner unter dem Emir Mukar- rem geschlagen worden. Der Norden ist frei von den Truppen der Erschahs. — In Schiras kam es zu einem blutigen Kampfs zwischen dm Stämmen

der Bachtiaren und Kaschkaic«. Der letztere Stamm verlor, wie es heißt, 100 Tote und 1000 Pferde.

Sozialdemokratischer Parteitag.

0 Jena, 14. Sept. 1911.

Am Donnerstag morgen herrscht im Volkshaus« ein lebhafterer Andrang, al» an den anderen Tagen, aber die hochgespannte Erwartung, daß der Saal nicht groß genug sein würde, erweist sich als trügerisch; eS ist noch Platz für einige Hunderte frei. Mit stür­mischem Händeklatschen empfangen, besteigt Bebel kurz nach 9 Uhr die Rednertribüne zu seinem Referat über die R e i ch s t a g S w a h l e n. Er spricht aber zunächst garnicht über das eigentliche Thema, sondern behandelt in ausführlicher Weise die Marokkoaffäre. Um seine Zuhörer in die richtige Stimmung zu ver­setzen, schildert Bebel zunächst die Kolonialgeschichts in sozialistischem Sinne. Sie sei von Anfang au blut­besudelnd und mit Verbrechen erfüllt. Die christlichen Geistlichen hätten alle die Greuel im Namen der christlichen Zivilisation gutgeheitzen. In dieser Ton­art geht'- weiter. Auch die Hereros müssen herhal. ten. Dann wird der Redner langweilig. Er gibt eine langatmige Schilderung der französischen Kolo, nialgeschichte in Afrika und kommt dann auf dl« Marokkoasfäre zu sprechen. Dabei entschlüpft ihm das interessante Geständnis, daß auch die Sozial- demokratie verlange, daß Deutschlands Handel in Marokko sich unter den gleichen Bedingungen entwickeln könnte, wie Handel und Industrie anderer Staaten. Gut, wenn Bebel anerkannte, daß auch die Sozial­demokratie ein Interesse an Deutschlands Handel und Wandel in Marokko habe, warum fällt sie dann der Regierung im entscheidenden Moment in den Rücken? Oder bildet sich Bebel etwa ein, daß man dem Reich, die wirtschaftliche Gleichstellung durch vaterlandsfeind» liche Demonstrationen gewinnen kann? Bebel be­schäftigt sich dann recht ausgiebig mit der Kriegshetze der Alldeutschen. Was er über die Undurchführbarkeit der alldeutschen Forderungen sagt, ist ja richtig. ES könnte ebensogut in der Kreuzzeitung gestanden haben, aber neu ist es wirklich nicht. WaS Bebel hier er­zählte, das haben vor ihm schon sehr viele ander« Leute gesagt. Dem Kaiser erteilt Bebel die Not« la, wett er der KriegAieigung Kiderlen-WaechterS einen Dämpfer aufgesetzt haben soll, trotz der Revo- lutionSdrvhnng Sardens in der „Zukunft". Interes­santer wird Bebel, als er seine Schlußfolgerungen aus seinen Ausführungen auf daS Verhalten der So­zialdemokratie zieht. Von einem Massenstreik will er nichts wissen. Er hält den Drauf­gängern, wie z. B. der Rosa Luxemburg, dem Dr. Liebknecht ufto., vor, daß ein Massenstreik im Fall« des Krieges praktisch unmöglich sei, Denn dann schreien d" Arbeiter nicht nach Massenstreik, sondern nach Ar-

I :■ und Brot, und dann stehe Die Existenz bet bürgerlichen Gesellschaft auf dem Spiele. (Stürm. Beifall.)

Endlich ist Bebel mit feinen endlofen Ausführungen über Marokko fertig. Bevor er aber zu seinem eigent­lichen Thema übergeht, bricht er sein Referat ab, um einer Diskussion Raum zu geben. Eine Resolution deS Parteivorstandes bildet den Niederschlag der Be- belschen Ausführungen. In ihr wird die Erwartun­ausgesprochen, daß die deutsche Arbeiterschaft einen Weltkrieg mit allen Mitteln verhindern werde und in der außerdem die sofortige Einberufung deS Reichs­tages gefordert wird. Natürlich ist die Resolution mit den üblichen Floskeln reich ausgeschmückt. Der bluti­gen Rosa und ihrer Spielgesellin Klara Zetkin ist dies« Resolution viel zu zahm, und so beantragen sie ein« Reihe verschärfender Abänderungen, die sich gegen di« Stützen deS Militarismus, gegen Konservative und Zentrum richten und in denen gegen jeden, auch auf diplomatischem Wege zu erlangenden Gebietzuwachs protestiert wird. Aber die Rosa hat keinen Erfolg mit ihrem Vorgehen, denn, enssprechend einem Vor­schläge David wird die Resolution de» Parteivorstan- des ohne weitere Debatte unverändert angenommen. Da die Zeit aber schon stark vorgeschrttten ist, sieht man von einer Fortsetzung deS Bebelschen Referate» ad und nimmt die Frage „Maifeier? in Angriff. Di« Verhandlungen darüber werden unter allgemeiner Teilnahmslosigkeit geführt.

Unter Blitz und Donner nahmen die Verhandlun­gen nach der Mittagspause ihren Fortgang, aber nicht etwa im Saale. Hier geht eS ziemlich friedlich zu,

Schloß Sonneck.

42] Roman von Felix Rabor.

Nach aufgehobener Tafel ging mau in den Wap- benfaal, der mit Palmen, Blattpflanzen und Flie­der geschmückt war. »Das ist ja der reinste Früh- hngLgarten", sagte der Prinz zu seiner Tante. „Und alles mir zu Ehren?"

„Ja, Georgi — Du sollst dich heimisch fühlen."

Er küßte ihr die Hand. „Du btft so gut! - Mrd auch musiziert? Ich sehe da einen prachtvollen Bechfiem."

, „Fräulein #. Sonneck ist sehr musikalisch", sagie hie Prinzessin. „Willst du sie bitten?"

In fehlen Augen blitzte die Freude. „Aber gerne —' Und er trat zu Hilde und sagte laut, daß

alle hören konnten: „Würden Sie wohl die Güte faßen und uns ein Lied singen?" —

Hffde zierte sich nicht. Sie verneigte sich stumy and setzte sich an den Flügel. Gleich darauf erklang Mozarts reizendes Lied vom Vesichen. Die Gäste Mischten mit Freude der frischen, wohlgeschulten Stimme.

Besonders innig Rang der schmerzliche Ruf: „Das arme Veilchen — Es war rin herzig Veilchen!"

, Hilde erntete lauten Beifall. —

2 Dann sollte auch der Prinz ein Lied singen. Er Me gerne zu. „Willst du mich begleiten, Hilde?" Kagte er leise am Flügel. „Das Frühlingslicd aus Wagners „Walküre", das habe ich so lieb."

" „Ich doch auch", sagte sie und griff in die Tasten.

Hell und frisch erklang es:

Wtnterstürme weichen dem Wonnemond,

Im milden Licht leuchtet der Lenz--"

. . vereint sind Liebe und Lenz!"

Daun folgte das Duett und mit heller jauchzen- M Stimme setzte Hilde ein:

„Du bist der Lenz, nach dem ich verlangte

In frostiger Winters Frist;

Dich grüßte mein Herz , ,

Er wiederum jubelte p „O süßeste Wonne, Seligstes Weib .

*

So fangen beide ihre Liebe in drn Frühling hin­aus und niemand ahnte ihr Geheimnis.

Es war schon spät, als man sich trennte. Hilde konnte in ihrem Stübchen keinen Schlaf finden, und auch Prinz Georg ging noch lange in den Fürsten» ztmmern auf und ab. Es waren ernste, schwere Lebensfragen, über die er sich schlüssig zu machen hatte. . .

Am andern Morgen machte Prinz Georg den pflichtschuldigen Besuch am Hofe und kehrte ver­stimmt und nlebergebrÜÄ zurück

„Hast du Ungelezenyetten gehabt, Georg?" fragte ihn die Prinzessin.

Er erwiderte zornig: „Man will mich verhei­raten! mit dec Prinzessin Luise, bei der du zu Be­such warst. Und ich will nicht, weil ich sie nicht liebe."

Die Prinzessin sah ihn bekümmert an. „Es ist der einzig richtige Weg für dich", sagte sic. „Dieses Herumschweifen in der Welt kann nicht so fort» dauern, e» reibt dich auf. «S fehlt dir ein Zentrum deines Leben» — die Familie. Prinzessin Luise ist wirklich ein herzensgutes Mädchen, liebevoll und pflich-tt«u."

„Ich habt persönlich durchaus nichts gegen die Prinzessin!" sagt« er. „Aber ich kann nicht —"

Die Prinzessin sah tfn forschend an. „Georg, WaS hast du?"

Da sagte et mit Entschlossenheit. „Ich will Mr keine Komödie varspickm — ich liebe eine andere! Ein herrliches Mädchen, für daS ich sterben könnte."

„Um Gottes willen, Georg —■ wer — wer ist es?"

Der Prinz holte tief tttem. „Hilde v. Tonneck."

Die Prinzessin saß wie zu Stein erstarrt. „Hilde — von — Svnneck?" schrie sie auf. „®a# v^lehe ich nicht. Du sahst fl« doch gestern zum erstenmal."

„Rein, Tont«. Ach kenn« sie fett zwei Zähren,"

Und er erzählte ihr von dem Zusammentreffen an der Riviera und von seiner Lieb«. „Damals war ich krank und verbittert", sprach er, „diese Liebe hat mich aufgerichtet. Ich wollte um jeden Preis gesund werden." Darum ging ich nach Aegypten und fügte mich allen Anordnungen der Aetzte. Und jetzt bin ich gesund, jetzt will ich glücklich fein. —"

„Es ist ein Unglück", fagte die Prinzessin be­kümmert, „ein Verhängnis. Nie wirft du die Hin­dernisse aus dem Wege räumen können. Unsere Hanszosctze gestatten eine derartige Verbindung nicht und der Hof wird seine Einwilligung nicht geben. Hilde von Sonneck kann niemals deine Gemahlin werden, Georg. Daß sie mich hintergangen und ein so unseliges Geheimnis vor mir verborgen hat, schmerzt mich tief —"

„Aber sie kannte mein« wahren Stand und Na­men gar nicht" rief der Prinz. „Sie ist unschuldig. Erst gcftern erfuhr st« die Wahrheit."

Die Prinzessin blickte strenge. „DaS war unrecht von dir. Du hast sie getäuscht. Wie kannst du daS tieianttoorten?"

„Hätte ich sie zurückschrecken sollen, indem ich meinen wahren Namen nannte? Dieses Mädchen hat mir Liebs entgegengebracht, ohne daß sie ahnte, wer ich bin. Nicht die Kron« hat sie geliebt, son­dern mich selber"

„Das ändert an der Sachlage auch nicht baS ge­ringste. Die Gegensätze bleiben bestehen, an eine Verbindung mit Hilde v. Sonneck ist nie zu denken. Du mußt entsagen!"

„Wenn ich nun aber das gerade nicht will, Tante? Wenn ich um mein Glück, um baS Recht

meines Herzen» kämpfe bis zum letzten Blutstrop­fen? — Ja, das will ich! Ich will leben und glück­lich sein! Glücklich an der Seite eines edlen Weibes das ich über alles ltcbe. Wie ein Löw« werde bch kämpfen, ohne Rücksicht, ob ich mir Gunst und Gnade

Die Prinzessin hatte erschrocken »ugehört. „Aber Georg!" riefjle jetzt, „was sind bas für Idem! DaS bebautet Ja Revolution gegen unser« Traditionen."

„Das soll cs auch, Tante. Ich bin keine Puppe, sondern ein Mensch. Das Recht der freien WillenS- bestimmung hat der ärmste Knecht — warum sollte es gerade uns versagt sein? —

Die Prinzessin schüttelte dar Haupt. „Du gehst zu weit, Georg. Das Recht der freien Willensbe­stimmung steht auch dm Fürstm zu. Auch in Her- zensangelegenheitcnl Nur tft der Kreis ihrer Wahl kleiner als im bürgerlichen Lebm. Wir hüten un­sere Traditionen wie ein Helligtum, tote einen kost­baren Schatz. Gerade in biefen unumstößlichen Ge­setzen der Fürstenhäuser liegt ein hoher Adel, eink starke sittliche Kraft, welche all« schwankenden Le- bensanschauungen anderer Gesellschaftskreise über­dauert und das Gottesgnadentum in sich tragt, daS kein bloßes Phantom Ist. Es geht ein Zug von Größe und Hoheit durch unser Lebm. In unserem Lebm wie in unseren Taten müssen wir den höchsten Jdealm zustrebm: Fürsten müffm wir sein, nicht nur dem Namm, sondern auch der Gesinnung nach."

Der Prinz schüttelte baS Haupt. „Seelenabel ist der höchste Adel", sagt« er. „Darin steht Hilde so hoch wie eine Fürstin. Darum habe ich sie mir erwählt."

Die Prinzessin fing an zu toeinen, so gerührt und erschMcrt war sie. Er glaubte sie bezwungen zu habm, faßte Ihr« Hände und sprach: -Liebe Zante, ich habe niemand, weder Vater noch Mutter, mit dem ich darüber teben könnte. J4 6a°e dich. Du warst mir stets cine treue Mutter du hast mich lieb Bei dieser Siebe beschwöre ich dich, hilf mir! Zeige mir dm Weg, dm W) geßen muß um zu meinem Glück zu gelangen. Sei du der Schutz- gelst unserer Liebe, der gute Engel unseres Lebens!"

„Ach, Georg," erwiderte die Prinzessin, „du ber­langt Unmögliche» von mir. Ich will wenigsten» versuchm, dir die Wege zu ebnen, aber ich furchte, eS wird unmöglich fein. Hast du bisher die Vor­rechte deiner hohm Stellung genossen, so mußt du jetzt auch die Pflichten tragen. DaS trennt dich von Hllds UeBereile nichts, überlege alles wohl —"

(Fortietzuna folgt.)