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M 210.

Voitnerrtag H September 19U

58. Jahrgang.

sulüaer M Zeitung

2. Blatt.

vr«ä und Verlag der zuldaer ««tiendruckerei in Znlda.

Deutsches Reich

Die

verpflichtet sei. Höflich, aber energisch wiesen Rhedaer dieses Ansinnen zurück, und es kam Klage im Wege des VerwaltungsstreitverfahrenS.

die zur In die

’OberreaifctjuIe) 5.

• Die HLSe drS @lcnb8. Die sozialdemokratische .Chemnitzer Lolisstimme' hat ein neues Heim be«

Stadt sei ihm ersatzpflichtig, da ihm auf Rhedaer Ge­biet seine Stiefel gestohlen worden seien. Da aber 8da beweisen konnte, daß der Bestohlene beim Bet­en der Stadt noch im Besitz« der Stiefel gewesen war, wurden die Wiedenbrücker mit ihrer Klage vom Bezirksausschuß abgewiesen und können nunmehr die nenn 2Roä in den Rauchfang schreiben. 2? ■ der ingeniöse Handwerksbursche inzwischen festgenommerl worden ist, wird der Stiefelstreit noch einmal die Gerichte beschäftigen.

Aus Oberhessen u. -en Hess. Remtern.

♦ Marburg, 13. Sept. 1911. Zum Nachfolger von Professor Payr aus dem Lehrstuhl der Chirurgie an der Universität Königsberg ist der Direttor der hiesigen chirurgischen Klinik, Geh. Med.-Rat Prof. Dr. Friedrich berufen worden. — Die hiesige Universität übersandte der norwegischen Friedrichs- Universität in Norwegen und der St. Andreas- Universität in Schottland, die beide ihr NX) jähriges Bestehen feiern, Gratulationstaselu.

* Kirchhain, 4. Sept. 1911. In der letzten Stadt- Verordnetensitzung wurde u. a, die Ordnung der städiischm Fachschule durch einen Nachtrag ergänzt und die Kosten für Beschaffung einer weiteren Näh- maschine für diese Schule bewilligt. — Weiter wurde über die Festsetzung des Bür g erme ist er g eh al­tes vechandelt. Der Herr Regierungspräsident be- steht darauf, das Bügermeistergehalt auf 3900 Mk. zu erhöhen. Die Versammlung hält diesen Satz für zu hoch und beschloß, solches mit 2500 Mk. beginnen und mit Zulagen mit je 300 Mk. auf 3400 Mk. steigen zu lassen.

* Ziegenhain, 13. Sept. 1911. Der hier beider Dreschmaschine beschäftigte etwa 63jährige Schäfer und Tagelöhner Matteis wollte, um Kaffee zu trinken, vom Boden, wo er Stroh gebanzt hatte, Herabstetgen, stürzte aber, infolge eines Fehltrirts, in die Scheune hinab, wo er regungslos liegen blieb. Ein sofort zu Rate gezogener Arzt konnte nur noch bett bereits eingetretenen Tod feststellen. Der Vemn» glückte hatte das Genick gebrochen. Er hinterläßt eine Witwe mit mehreren unversorgten Kindern. j

» Fritzlar, 14. Sept. 1911. Seit Dienstag ist mtt den Aufgrabungsarbeiten für die T i e f l e g u n g der Telephonleitung begonnen worden. Infolge der rasch Vorwärtsschreitenden Arbeiten konnte bereits ein Teil des Kabels eingelegt werden.

= Deutsche Schulprüsuuge« im Ausland.

Zahl der Schüler, die jährlich an deutschen Auslands­schulen das Einjährig-Freiwilligenzeugnis oder das Reifezeugnis erwerben, wächst erfreulicherweise von Jahr zu Jahr. So bestanden die Einjährigen- Prüfung in diesem Jahre in Antwerpen 24, Barce- lona 2, Bexhill 2, Brüssel 23, Buenos Aires 10, Bukarest 27, Davos 5, Genua 5, Jerusalem 7, Kon­stantinopel 19, Mailand 5, Rita 4, insgesamt 138 Schüler. Ferner erlangten 20 Schüler das Reifezeugnis, nämlich in Antwerpen (Oberrealschule) 12, Brüssel (Realgymnasium) 3 und Konstantinopel

Hamburger Monistenkongreß fuhren im Souder- zug nach Jena, wo sie dem Pros. Häckel, dem Vertreter der heute von der Wissenschaft allgemein pretsgegebenen Darwinschen Affentheorie, einen Fackelzug darbrachten.

6= Der Katholikentag in Mailand.

Der 17. Mailänder Katholikentag wurde in den ersten Tagen des September in Sesto abgehaltm Die gegnerischen Blätter, dte die Zahl der -etlneh Mer auf ungefähr 20 000 angeben dte von ca. 500 Organisationen mit 400 Standarten und 40 Mu­sikkorps schreiben, bestätigen, daß Mailand ein katholisches Zentrum ersten Ranges ist. Dte 20000 Teilnehmer sind organisierte Katholiken, in Gruppen von 20—100 aus den Orten der Diözese herbeigeeilr. Da zeigte sich das Banner mancher Gewerkschaft ka- cholischer Textilarbeiter, manches Bauernvereins, tzünglingsvereins, Männervereins, von Arbeiterin- nenvereinen, Genossenschaften, Gesellen- und Lehr- ltngsvereinen. Sesto bereitete ihnen einen herzlichen Empfang. Der Bürgermeister, dec Vertreter im Provinzialrch und der Deputierte des Wahlkreises Sesto sind alle Katholiken. Das war nicht immer so, denn im Jahre 1894, als die erste Katholikenver- samrnlung der Diözese stattfand, waren es nur 1000 Katholiöm, die sich hervorwagten. 1904 waren es hereits 10 000 Teilnehmer in 140 Vereinen gewor­ben unO heute ist die Ziffer auf 20 000 in 500 Or­ganisationen angewachsen.

Mit Freude war der Diözesanobere, Kardinal Ferrari, zur Tagung gekommen. Die Deputier­ten Navr und Mauri, bet Präsident des katholischen Pollsveretns Italiens, Dr. Necchi, und viele andere Führer waren zugegen, die Deputierten Meda, Ca- theront und jC'vrnaggia sandten Grüße. Der Präsi­dent des katholischen Volksvtreins Italiens, Dy. Necchi, zugleich Präsident des Diözesanverbandes, erstattete Bericht über das, was im hörigen Jahre Kleistet wurde. Seinen Worten war zu entnehmen, ß sich die Arbeit vor allem auf die sozialen Organi­sationen erstreckt, um dem Sozialismus das Wasser übzugraben und seiner Wühlarbeit entgegenzutreten, die durch die Verlegung des sozialistischen Haupt- prgans „Avanti" nach Mailand vergrößert werden soll. Die ganze Oganisation wird im Laufe des Jahres verstärkt und zu diesem Zwecke eine Dele- gkertenkonserenz berufen werden. „Wenn dann das allgemeine Wahlrecht eingeführt ist und unsere Ar­beiter zur Urne gehen können, wollet: wir zeigen, daß wir bereit sind, zu beweisen, daß die Lombardei Heute tote immer katholisch ist."

Stadtrat F i n o von Turin feierte die Willens­kraft der Mailänder, die beizeiten begriffen hätten, daß Wollen Können sei. ES habe sich gezeigt, daß die Katholiken, indem sie zum Himmel schauen, die Erde wieder wohnlicher geflauten. Der Glaube müsse in eine große soziale Kraft verwandelt werden, die der ganzcit Ration zugute komme. Der Vertreter des Wahlkreises in der Kammer, Rava, befaßte sich mit dem Sozialismus von heutzutage, der eifrig nach der Macht strebe und in diesem Machtstreben die So­zialpolitik links liegen lasse. Die katholischen Depu­tierten würden für die Erweiterung des Wahlrechtes stimmen, sie fürchteten die neuen Wählermassen nicht. Gegen die italienische Regierung, die mit den Frei- ttiaurern und Sozialisten marschiert, fand der Depu­tierte Mauri scharfe Töne. Er verwies auf die Tat­sache, daß die protestantische Regiemng Australiens den „Asino", das sozialistische Schmutzblatt, das Religion, Kirche und Papst fortwährend in den Kot zicht, verboten habe, während es in Italien d i e Gunst der Regierenden stnde. Das katho­lische Volk werde aber zu gegebener Zeit Rechen- schaft fordern.

gebiet entfernt werden, bevor es von dem Großherzogl. Bezirkstierarzt oder dessen Stellver­treter untersucht und für nicht seuchenverdächtig be­funden worden fft. Die Besitzer der Tiere sind ver­pflichtet, dem Großherzgl. Bezirkstierarzt oder dessen Stellvertreter die Ankunft der Tiere mindestens 24 Stunden vorher anzuzeigen. Auf dem Bahnhofe Dorndorf darf eingeführteS Klauenvieh nur unter Aufficht des Großherzogl. Bezirkstierarztes oder dessen Stellvertreters umgeladen werden. Die Kosten der Untersuchung fallen dem das Vieh Ein- führenden zur Last. 2. Alles in den 4. Verwal­tungsbezirk emgesuhrte Klauenvieh, mit Ausnahme des zum alsbaldigen Mschlachten bestimmten, wird einer achttägigen Stallquarantäne derart unterworfen, daß der Wiederaustrieb aus dem Stalle erst nach Ablauf von 8 Tagen und dann erfolgen darf, wenn durch den Bezirkstierarzt oder dessen Stellvertreter Seuchensrechett festgestellt fft. 3. Zu den statffindenden Märkten dürfen nur Schweine, die aus dem 4. Verwaltungsbezirk mit Ausnahme der Exklave Oscheim stammen, aufge­trieben werden.

* Aus dem Kaliindustrie-Gebiet, 14. Sept. 1911. Die Kalientlaugen-Frage, die durch die Genehmigung der Errichtung von Chlorkalium­fabriken auf den Kaliwerken Buttlar, Oechsen und Heiligenmühle zunächst gelöst ist, wird weiter ver­folgt werden. Zur Besprechung dieser, inbezug auf die Reinerhaltung der Flüsse so wichtigen Frage, findet demnächst zwffchen den Staaten Preußen, Sachsen - Weimar, Schwarzburg - Rudolstadt und Schwarzburg-Sondershausen eine Konserenz statt. — Der Grubenvorstand der Gewerkschaft „Heringen" teilt mit, daß die Gewerkschaft am 1. August nach Fertigstellung der definitiven För­dereinrichtungen, sowie der Mahl- und Verladean­lagen die Förderung und Vermahlung der bei den Auffchlußarbeiten fallenden Kalisalze aufnehmen konnte. Die Verteilungsstelle für die Kalimdustrie hat beschlossen, daß der Gewerkschaft eine vorläufige Beteiligungsziffer von 4.37 Tausendstel mit Gül­tigkeit vom 1. September 1911 ab bewilligt wird. Alle Betriebseinrichtungen arbeiten bisher zur voll­sten Zufriedenheit. Die Gewerkschaft beabsichtmt jetzt, mit allen Kräften dahin zu tonten, daß sie baldigst mit der Gewerkschaft Winters- hall durchschlägig wird. — Der Bau der neuen Schächte Heimboldshaufen und Heringen hat dem Orte Heimboldshaufen einen nicht unbe­deutenden Bevölkerungszuwachs gebracht, so daß man jetzt gezwungen fft, auch an den Bau einer neuen Schule zu denken.

* Dorndorf, 14. Sept. 1911. Hier wurde ein bei dem Wasserleitungsbau tätiger kroatischer Schachtmei­ster sowie drei Arbeiter verhaftet und dem Ämts- gerichtsgefängniS in Vacha zugeführt. Die Verhasto- ten, welche am Vorabend mtt anderen Arbeitern in Streit geraten waren, vemrsachten dabei solch wüste Szmen, daß der Gen:eindevorstand sich veranlaßt sah, die Feuerwehr zu alarmieren, um die Kampfhähne zu trennen. Den Schachtmeister mußte man während her Nacht ins Spritzenhaus sperren, im andern Falle würde der Aufruhr nicht zu Ende glom­men sein.

• Aus dem Eisermcher Oberlande, 14. Sept. 1911. Der Bürgermeister eines OtteS des Eisenacher Ober­landes traf kürzlich mit dem sett Monaten gesuchten und verfolgten Einbrecher und Wilddieb Klvtz- b a ch cmS StadtlengsfÄd im Walde zusammen. Klotz­bach unterhielt sich mit dem Bürgermeister einige Zeit und ging bann weiter. Da der Bürgemeister in näch­ster Nähe keine Hllfe erhalten konnte, mußte er ruhig zusehen, wie der alte „Sünder" von dannen trollte, da er eS nicht allein wagen konnte, den Kl, zu ver­haften.

* An8 Thüringen, 14 Sept. 1911. Eine elek- trischeOmnibusVerbindung zwischenSchMal­ta ld e n - Weidebrunn-Floh-Schellbach-Struth« Ans­bach will, dem Vernehmen nach, eine Unternehmer­firma in Eisenach In Erwägung ziehen, und soll ein diesbezügliche» Angebot dem Kreis bereit- unter« b rettet worden sein. Es handelt sich um einen elektrischen Omnibus, der ca. 60 Personen fassen kann und die Triebkraft durch eine Oberleitung er­hält, ähnlich wie bei den elektrischen Straßenbahnen. — Die 46 Jahre alte ledige Else Lemmich in Apolda stürzte durch ein drei Meter^hoheS Glas­dach und war sofort tot. — 250 Teilnehmer am

Amt Geisa und Umgebung.

* Dermbach, 18. Sept. 1911. Mtt Rücksicht auf das immer wettere Umsichgreifen der Maul- und Klauenseuche in den an den 4. Verwal- tuugsbeztrk angrenzenden Gebieten, insbefondere auf den Ausbruch der Maul- und Klauenseuche in dem in der Exklave Ostheim gelegenen Otte Sond- heim wird für den übrigen 4. Verwaltungsbezirk ttn Anschluß an die Verfügung vom 5. Mai d. I». noch folgendes angeorduet: 1. Das mit der Eisen­bahn ta ben 4. Verwaltungsbezirk eingeführte Klauenvieh darf nicht vom Bahnhof »-

zogen, von dem ,Die Neue Weift ein« Abbildung bringt und schreibt:

„Unser Chemnitzer Parteiblatt hat sich in den hier abgebildeten, in bester Geschäftslage am Bahnhofe ge­legenen Baulichkeiten ein prächtiges eigene- Heim geschaffen. . . . Das Grundstück des neuen Gebäudes wurde für 130000 Mk. erworben, die Bausumme be­trägt über 210 000 Mk., für neue Maschinen und innere Einrichtung wurden 120000 Mk. ausgegeben."

Fast eine halbe Million Mark, sagt hierzu die ,Tägl. Rundschau', haben die Genossen des 10., 15., 16., 17. und 19. sächsischen Wahl­kreises auf bringen müssen, damit ihr Patteiblatt in einem luxuriösen Gebäude hergestellt werden kann. Hinter dem Villenbau der Redaktion liegt die Druckerei, aus der täglich in 50000 Exemplaren den Masse» vorgeredet wird, daß die „Verelendung" immer größer wird. ,

(*) In katholischen Angelegenheiten spielt die liberale Presse gern den Fachmann und gut In­formierten, obschon dieses Gebahren jedem Kun­digen doch bloß ein Lächeln abgewinnen kann. So rühmen sich die liberalen Blätter, besonders die,Rhem.-Westf. Ztg/, immer mtt Vorliebe ihrer katholischen Mitarbeiter, um ihren katho­lischen Abonnenten, deren es leider ja immer noch gibt, Sand in die Augen zu streuen. Wie eS mit den Informationen dieser angeblich katholischen Mitarbetter auSsieht, beweist wreder aufs krasseste folgender Fall:

Die Fihein.-Westf. Ztg.' hatte ht ihrer Nr. 986 vom 6. September ds. IS. in einem Leitartikel! Der Papst als Schiedsrichter .Enthüllungen" eines angeb­lich „ausgezeichnet unterrichteten römisch-katholischen Geistlichem' über dieFuldaerBifchofSkonserenz gebracht. Dem Bischof von Paderborn wurde als Referenten „der am 14. Dezember 1910 von den Bischöfen in Fulda eingesetzten Eludienkommsiston für die soziale Frage« der Antrag zugeschrieben, ein« Ein­gabe an den Papst zu beschließen, „mtt dem Ersuchen einer definitiven Entscheidung in der Gewerkschasts- srage (die bekanntlich längst ergangen ist, indem der Papst die Anhänger beider Richtungen „mit gleichem Wohlwollen umfaßt"). Dann hreß eS weiter i

„Begreiflicherweise rief dieser Antrag große Er­regung hervor. Es entspann sich eine heftige De­batte, die sich schließlich zu einem scharsgejühtten Rededuell zwischen den beiden alten Gegnern Kardinal Kopp und Kardinal Fischer zuspitzte. Er­gebnis: Annahme des Antrages. Wahrscheinliche Folge: Päpstliches Verbot der Zugehörigkeit von Katholiken zu den „christlichen* Gewerkschaften nach den Reichstagswahlen.*

Die ,Köln. Volksztg/ hat nun auf Anfrage beim Bischof von Paderborn folgende Antwort erhalten:

Ich ermächtige Ei» zu der Erklärung, daß der Ar- tffel „Der Papst als Schiedsrichter" in der .Rheinisch- Westsällschen Heilung' Nr. 986, abgesehen davon, daß in Fulda die GewerNchaftsfrage besprochen worden ist, in allen Teilen der Wahrheit inS Gesicht schlägt. Dreistere und tollere Unwahrheiten hab» ich ni» gelesen. Der Bischof von Paderborn.

ES ist ganz gut, wenn von Zett zu Zett einmal dieser grobe Schwindel der liberalen Presse rück­sichtslos aufgedeckt wird. Leider erreichen diese Be- richtigungen nur ht den seltensten Fällen jene ka­tholischen Leser der liberalen Presse, denen zuliebe der Schwindel inS Werk gefitzt wird. ES scheint übrigens, so spottet die ,Essener VolkSztg.', daß die ,Rhem.-Westf. Ztg.' neuerdings wieder nach dem Ruhm dürstet, tn der Zuverlässigkeit ihrer kirchen- politischen Nachrichten nach dem Verständnis beur­teilt zu werden, wie es sich seinerzeit in der Ver­wechselung des Erfinders von Kathreiners Malzkaffee mit dem Moralphilosophen P. Cathreiu so glän­zend geoffenbart hat.

vermischtes.

• Berwaliungsstreitverfichre« um ein Paar Stiefel. In dem westfälischen Städtchen Rheda erschien eine» schönen TageS einer jener Herrschaften, die ittt Sommer nur die dummen Leute arbeiten lassen und sich schönfärberffch „wandernde Handwerksburschen nennen. Er begab sich straks in die Herberge und stärkte seinen innerlichen Menschen durch Speise und Trank, namentlich durch das letzte. Dabei ging ihm allzu rasch die Barschast aus. Er begab sich daher' auf das Rathaus und heischte von dem Magistrat ein Paar Stiefel, da er hilfsbedürftig sei. Die Magist-' ratSbeamten von Rheda find aber vorsichtige Leute, Sie fanden, daß der Handwerksbursche noch feine Stiefel an den Füßen hatte und nicht gerade nach Eau de Cologne duftete, und lehnten kühl ab. Der Abgewiefene hatte durch häufigen unfreiwilligen Ver­kehr mit den Behörden eine gewisse Kenntnis de» Instanzenweges, er drohte also den Leuten von Rheda an, daß er sich über sie in Wiedenbrück beim Landrat beschweren wende. Gesagt, getan. Er machte sich auf den Weg nach Wiedenbrück, übte aber die Vor­sicht, unterwegs die Stiefel auszuzieheu und sie einem guten Freunde zur Verwahrung zu geben. Die Wie­denbrücker erbarmten sich de» blotzbeinigen Wanderers und überreichten ihm ein Paar Stiefel im Werte von neun Matt, indem sie dachten, die reichen Rhedaer werden uns die schon ersetzen. Sie schickten einen Brief nach Rheda und verlangten Rückerstattung deS verauslagten Betrages, da Rheda zur Unterstützung

Schloß Sonneck.

41] Roman von Felix Nabor.

1.7

Die Fürstenzimmer im Alten Palais warm nun glücklich instand gesetzt. Frau v. Sperber hatte sich dabet eine Ischias geholt und saß, in Watte verpackt, Mr überheizten Ofen. —

Hilde hätte gar zu gern diese Zimmer einmal ge- fchen, aber die Sperber schlug es ihr rundweg ab. Herr von Seeburg jedoch fühlte ein menschliches Rühren und führte sie durch die Säle.

Dar warm hohe, goldstrahlende Zimmer, mit fürstlicher Pcacht ausgeflattet. Kostbare Teppiche auf bem Packest, mächtige Spiegel in Goldbarock­rahmen ®i den Wänden, goldene Kronleuchter, alles bon Gold blitzelnd und funkelnd, die Vorhänge und Möbelbezüge von AilaS und Seide. Hllde staunte über diesen füfftlichm Pcrmk, und doch fröstelte sie. „Herr Hofmarschall*, sprach sie, „haben Sie auch Pelzmäntel für den Besuch bereit? Hier erfriert man. Der ganze Winter steckt noch in ben alten Wauenr. Und dann diese Luft! Es riecht förmlich stach Moder."

Der Hofmarschall lächelte wie ein Faun. „In alten Schlossern riecht es immer nach Moder*, sagte er.' „Haben Sie noch nie nachts Keümraffeln ver- nommen? Oder die weiße Frau geschen? Richt? — Mabe. Es ist so romantisch hier, nicht? Da sehen Sie, das Prunkbett! Gold, Elfenbein, blaue Seide, Sin Baldachin, das fürstliche Wappm! Und mm enken Sie sich — unter diesem Baldachin ein toter Ärst, der einst die Krone trug."

„Kommen Sie, mir graut."

„Ja, glauben Sie denn, daß Ritter Tod da vor- Mergehe? Sehen Sie, das ist eben das Tröstliche str dm Armm, daß der Sensenmann keine Rücksicht Bunt auf Stand und Würde. Könige und Bettler

en anttr seiner Sense, er überliefert alle dem ge­lten Richter — drüben in der besseren Welt, wo

nicht die Häupter — sondern die Herzen geprüft wer- ben."

Hilde nickte ihm zu. Der alte Spötter war doch nicht so Übri; unter der Maske des Fauns barg sich ein goldene» Herz.

Als sich die hohm Flügeltür« hinter ßhttm schlossm, fragte Hilde: „Wer kommt denn elgewllich zu Besuch?"

„Ich habe keine Ahnung. Morgm werden wir ja scheu! Sie habm natürlich ben heutigen Abmd auch frei. Kommen Sie mtt ins Kleine Theater?"

„Datok. Ich gehe in dte Oper. „Es wird „Tristan und Isolde" gegeben.'

JD weh!" rief Seeburg und parodierte: „Zu ihnm folg' ich dir nicht!* Da schlaf ich nämlich tm ersten Akt immer ein. Gott schütze Sbe vor Isoldes Liebesklage.* Er grüßte und ging lachend davon.

Am anbern Tage traf die Prinzessin mtt ihrem Besuche ein. Es war schon dmckri, so daß niemand dm geheimnisvollen Gast sah, als Me Dienerschaft.

Hilde wurde von der Prinzessin, die sehr gütig zu ihr war, auf acht Uhr zum Souper befohlen. „Es ist nur ein kleiner Kreis", fügte fie hinzu, „dem Gast zu Ehren. Und bann, wenn ich bitten darf, liebe Hilde, ftdben Sie sich ht Weiß, wollen Sie? Das bringt etwa- Frisches und Jugendliches in unfern ernsten Kreis, etwas Sonniges. Mr wollm doch ein bischm Frühling habm —*

„Wmn Sie eS wünschm, königliche Hohett — gerne."

„Ja — ba hätte ich ja bie Haupffache beinahe vergessen. Sagen Sie doch unserer guten Sperber, daß Prinz Georg zu Besuch gekommm ist. Die totrb eine ganz besondere Freude habm, dmn er ist ihr Liebling. So — und nun will ich mich umkleidm. Auf Meberschen, liebe Hilde.*

Hilde brachte der Oberhofmeisterhr die Nachricht. Diese war davon so gerührt, daß fie zu »einen <m= fing. „Ach, Prinz Georg!' rief fie. „Diese Freude! Wie steht denn Seine Hohett aus — —*

„Ich habe nicht die Ihre gehabt, Seine Hoheit von Angesicht zu sehm.*

„Richt? — Sie Intereffteren sich wohl gar nicht für Seine Hohett?*

„Rein."

„Das fft empörend!" rief Frau von Sperber. „Sie find recht herzlos, ©onne&ben. Seine Hoheit, Prinz Georg, ist doch ein Neff» unserer allergnödig- sten Prinzessin. Sie hat quasi Mutterstelle an Ihm vertreten. Verstehen Sir mm?* —

bet Hauptsache schon. Aber wie kommt der Prinz aus einmal so bahergeschnett?'

Frau v. Sperber fühlte sich ungeheuer wichtig. „Er war der schmuckste Retterosfizier im ganzen Lande*, sagte Re. „Dann kam da» Leiden, das er von der Mutter ererbt hat, und er mußte Urlaub nehmen, seiner schwachen Lunge wegen. Seine Mut­ter ist an diesem Nebel gestorben. — Er hielt sich bann in Italien und Aegypten auf und jetzt totrb er wohl geheilt sein well er zurückgekchrt ist. Ach, diese Freude! Er ist ein so guter Mensch, begeistert für alles Schöne!*

„Also ein Weltwunder! Da bin ich begierig! Jetzt will ich aber Toilette machen. Adieu!"

«Sie kommen aber nachher zu mir und erzählen mir alle», nicht wahr?"

,^Fch will sehm*, sagte Hilde und elfte rasch da- von. —

Dm Gästen zu Ehren waren die Gemächer der Prinzessin glänzend erleuchtet. Schwerer Silberzeug schmÄtte die Tafel. Herr v. Seeburg hatte sich in Gala geworfm und glänzte tm Schmuck zahlreicher Orden.

„Gott — Herr Hofmarschall, was Sie bdotiert sind", rief Hilde im Vorübergehen. „Me viel Schlachtm habm Sie denn schon geschlagm?*

„O, ich habe schon schwere Batterim erstürmt — int Sekt! Oder bei fürstlichen Besuchen einen schlech­ten Witz gemacht. Mitunter auch einen guten * da geht dann immer so ein Sternenregen nieder.

„Ach, das ist zu hübsch, °ll diese Sterne. Nn ganzer Firman--ntt Man könnt» sich fast bardn verliebe« —'

war heiter. Me warm von ihm

stn. Sie hatte sogai :eube, weil fie ihren

Prinz Georg entzückt, am mei berzhaft gelacht, 2lebling wieder bei sich hatte.

An der Tafri war es sehr lebhaft. Die Offiziere ichreten von ihrem Regiment, der Prinz erzählte seinen Reff«. (Forts, folgt.)

„Blitzmädel!* lachte Seeburg und drohte ihr mtt bem Finger. — Es warm dn halb Dutzend Of­fiziere de» Regiments geladen, bei dem der Prinz stand, dazu derm Damm. Die Gäste standen in Gruppen beisammen. Die Unterhaltung schlich träge dcchin. Hilde stand seitwärts vor einem alten Bilde und erklärte es ein paar Damen.

Kurz vor acht Uhr erschim die Prinzessin mit ihrem Gast. Die Lakaien rissen die Flügeltüren auf, der Hofmarschall geleitete feine Herrin. Prinz Ge­org trug große Uniform und sah stattlich darin au». Er begrüßte die Offiziere, ließ sich ben Damm Vor­strilm und dann nannte die Prinzessin auch Hilde» Namm: „Meine Hofdame, Fräulein Hilde von Sonneck , .*

Dte beiben schienen erstarrt. Hilde hatte so viri Geistesgegenwart, daß sie sich tief verneigte. Dabei, zuckte es gleich Blitzschlägen durch ihren Kopf: „Ge­org — Der Geliebte! —*

Als fie sich wieder aufrichtete, sah fie ihm in die Augm — flchend, bang, vorwurfsvoll.

Prinz Georgs Augm leuchteten vor Freude. Er trat einen Schritt näher und sagte leise: „Hilde? — Du hier?*

„Mein Gott, was soll das?" flüsterte sie bang.

„Geduld!" gab er ebenfo leise zurück. „In ein paar Tagen wirb sich alles aufklären. Bis dahin Verschwiegenheit.* tinb dann sagte er laut: „Meine Tante hat mir fe viel erzählt —*

Da trat die Prinzessin zu itzn und nahm fernen Arm. „Bitte, Georg führte sie zur Tafel

Lllde laß am Ende bet Tafel. Sie war ganz blaßrmd konnte sich nicht zurechtfinden In ben Jubel ihrer Seele mffchte sich dte Furchr, ihr Ge- beimni» könnte entdeckt werden.