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Betaut». vedaveur
wocheEag« „Illustrierte SomrtagrMmg"
Fulda, Donnerstag den 14. September 1911.
38. Jahrgang
Erstes Blatt.
210.
ettodiri täglich mit Asrmch« der Son» KV» Leiertage, viertel» Pitz rlicher Bezug-prell Ohne Bringerkühn und $ttttlgdbln$Mlbafo« «KarmoMil-SolM.
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Verlag der Fuldaer Ah
Monatrbettager „Küdaer Geschlchttblätter"
□ Marokko.
Heber den am Dienstag statigefundenen f r a n z ö s i» sch en Ministerrat, der 2SJ* Stunden dauerte, roub |tt einer sichtlich osfiziösen Pariser Mitteilung folgendes berichtet: Die Minister erörterten den ursprüntz- Üchen Text der französischen Vorschläge, dann d«e Gegenvorschläge und schließlich den von de SelveS ädgefaßten neuen Text, der die Antwort aus dre Deutschen Bemerkungen bildet. Der Text enthält Awa 20 Artikel, die in den Hauptzügen sich mit meei Punkten beschäftigen:
1. Vollständige unzweideutige Politisch-Frei- y'eit Frankreichs in Marokko;
2. vollständige wirtschaftliche Gleichheit für alle Mächte mit Einschluß Frankreichs ohne Begünstigung, ohne Vorteile und ohne Vorrechte für irgend welches Land;
3. die ernstesten, umfassendsten Bürgschaften, Um diese wirtschaftliche Gleichheit in Zukunft zu sichern.
Am Mittwoch begab sich de Selves nach Rambouillet, um dem Präsidenten FallitzreS den neuen Wortlaut der französischen Vorschläge zu unterbreiten. Falls der Präsident sofort seine Billigung erteilt und nicht den Wunsch ausspricht, mit dem Ministerpräsidenten darüber zu konferieren, der den Manövern in Belfort beiwohnt, dürften die fran- Ben Vorschläge Donnerstag oder Freitag an on nach Berlin gesandt werden.
Die ,Köln. Ztg.' schreibt aus Berlin: Der auS Paris verbreitete Bericht über die Verhandlungen im französischen Ministerrat ist zweifellos sehr interessant. Es wird abzuwarten sein, ob die Üeuen französischen Vorschläge diesen Angaben auch in allen Punkten entsprechen. Wenn Frankreich für die Wahrung der vollen wirtschaftlichen Freiheit und Gleichberechtigung aller Mächte ein* tritt und für diese Freiheit ausreichende Bürgschaften geben will, so hätte es ebensogut den letzten deutschen Vorschlag ohne weitere- annehmen können, der auch dieses Ziel verfolgt.
Der Reichskanzler v. Bethmann-Hollweg ist von Hohenftnow in Berlin wiedereingetroffen. Die Marokkoentscheidung steht vor der Tür, wenn Nicht noch unerwartete Heberraschungen eintreten, da die deutsche Regierung sich tut wesentlichen mit den von Frankreich gemachten Vorschlägen einverstanden erklären dürfte.
Der „Malin" faßt den französischen Standpunkt in die Worte zusammen: Wir wollen vollständige politische Freiheit für Frankreich in Marokko und polln ändige wirtschaftliche Gleichheit für alle Mächte. Dafür geben wir den mittleren Kongo mit dem Sangafluß als Südgrenze und einen Gebietsstreifen, der nördlich Livreville Zugang zum Atlantischen Ozean gewährt.
* * ♦
* Ein Marokko - Prozeß. Der Herausgeber des Grenzboten, George Cleinow, hatte im Heft 36 seiner Zeitschrift behauptet, die /Poft', die .Rheinisch- Westfälische Zeitung' und die,Tägliche Rundschau' führten in der Marokkofache die öffentliche Meinung irre, und er hatte von Beziehungen dieser Blätter zu den Herren Mannesmann gesprochen. Die ,Rheinisch-Wests. Ztg.' hat diese Behauptungen darauf als „eine nichtswürdige Verleumdung und journalistische Charakterlosigkeit" bezeichnet. Herr Cleinow erklärt nun in dem Grenzboten:
?. Es wird mir jeder Unbefangene zugeben, daß aus meine» Ausführungen nur solche den Vorwurf der Bestechlichkeit herauslesen können, die nicht misten, wie vielfach und vertraulich die Fäden zwischen der Presse und dem Publikum sein können. Ich habe die.Rheinisch- Westfälische Zeitung' wegen Beleidigung verklagt, ebenso die »Post' und die »Tägliche Rundschau', weil sie die Ausführungen des Essener Blattes weiter verbreitet haben.
Deutsches Reich.
** Berlin, 13. Sept. 1911. Dem spanischen Botfchafler Polo de Bernabe ist vom Kaiser das Großkreuz des Roten AdlerordenS verliehen worden.
-T- Wer nicht pariert,... In einer am Montag abend abgehaltenen Mitgliederversammlung des sozialdemokratischen Vereins in Neustadt a. H. wurde Stadtrat August Köppe einstimmig aus dem Verein ausgeschloffen. Köppe hatte vor kurzem fein Amt als Stadtrat uied.rgelegt, mit der Begründung, er lasse sich von der soziakdemokralischen Fraktion keinen Maulkorb vorhängen; seine Rüötrittserklärung hat er indessen wieder zurückgezogen, so daß er also noch weiter dem Stadtrale angehören wird. Er hat übrigens dort einen Gefährten an dem Sladtrate Johann Stein, der vor Jahren ebenfalls aus dem sozialdemokratischen Verein ausgeschloffen wurde, aber noch heute dem Stadtrate angehört.
+ Englische und deutsche Sozialdemokratie. Unter dieser Heberschrist schreibt die ,9lorbb. Allgem. Zig.": Dem sozialdemokratischen Parteitage in Jena hat ein Herr. Q u e l ch-London. Vorstandsmitglied der eng= lisch« sozialdemokratischen Partei, deren Grüße über- urch hat dabei erklärt: „Die englischen Arbeitar sind ebenfalls Feinde von jedem Imperialismus und ChauvurrsmuZ. Sie sind für die Wrüstung." Dabei verschwieg Herr Ouelch, daß sich seine englische Partei auf ihrer letzten Jahreskonferenz IIar für die Flottenpolitik der herrschenden Klaffen ausgesprochen hat, und daß ihre Mitglieder, falls man sie ins Parlament wählte, für das Flottenbudget stimmen würden." Diese Feststellungen entnehmen wir dafür wörtlich aus dem Leitartikel des Vorwärts vom 52. April 1911. Wie der Vorwärts damalz ferner berichtete, stellte der Parteivorstand ocr (übrigens unbedeutenden) englischen Sozialdemokratie als direkte Forderung auf: „Tie Aufrechterhaltung einer genügend starken Flotte zur Landesverteidigung." Dieser Antrag wurde damals von demselben Herrn Quelch begründet. (In seinem Bericht vom 52. April unterließ es der erzürnte Vorwärts daher.
Herrn Qu Ach den Rofenamex .Genosse" zu verleihen.) Wie der vorwärts damals berichtete, sagte Quelch ausdrücklich p »Die verteidigungSmtttel eine» Landes müßten aber genügend stark sein, sonst seien sie wertlos/ — S» scheint aber, als ob sich kein ehe- S' >r Leser bei vorwärts an jene RüstungSfordemna
Herrn Quelch erinnerte, als nunmehr „©enoffr Quelch aus dem Jenaer Parteitage den gläubigen deutschen Sozialdemokrat« den WrüstungSgedanken predigte. Sonst hätten di« Genaifiihrten wohl dieses nteoerßrächhtae Dorkpelsspilel nicht noch mit Beifall begleit«
** DaS BerstchermrgS-esetz für Privatbeamte wird nach der .Post" die erste Vorlage sein, die den Reichstag in seiner erst« Sitzung am 10. Oktober beschoß- ttgen wird. Ti soll auf diese Weise ermöglicht werden, den Entwurf rechtzeitig dem Ausschuß zu übe» weisen. Nach der früheren Stellung, die der Reichstag zur Frage der Prtvatbeamtmversichenmg eingenommen hat, nimmt man an, daß die Beratung im Plenum nur wenige Zeit in Anspruch nehmen wird. In ben Kreisen der Privatbeamten besteht die Heber» zeugung, daß die Durchberatung der Vorlage im Reichstage nicht auf Schwierigkeit« stoß« wird, da alle Parteien sich auf dm Standpunkt der zweit« Dmkschrist übet die Privatbeamtenversicherung gestellt und ihren mdgiltigm Beschftlß, die Vorlage noch in der gegmwärttgen Legislaturperiode zu verabschied«, bekundet haben.
9-: Ertrag der Zigarettensteuer. Bekanntlich besteht die Zigar^tensteuer seit dem 1. Juli 1906 und ist im August 1909 etwas erhöht worden. Ihr« Erträge sind von Anfang au stetig gestiegen. Sie betrugen im Rechnungsjahr 1907/08 über 15 Millionen Mark, im Rechnungsjahr 1910/11 aber fast 29 Millionen Mark. Die Zunahme deS Verbrauches entfällt dabei ausschließlich auf solche Zigaretten, welche im Inland hergestellt find, während der Verbrauch ausländischer Zigaretten verhältnismäßig zurückgegangen ist.
* Offenbach, 14. Sept. 191L Bet der am 3. November stattfindenden Wahl zum Hess. Landtag wird die Z entrumS p artet -um erst« Male mit einem eigenen Kandidat« hervortret«; es kommt eventuell der Stadtv. Franz Neffel ober ber Rechtsanwcllt Keßler hierfür in Betracht. — Als LanbragSkanbtbat der sozialdemokratischen Partei ist gestern Beigeordneter Eißnert ausgestellt worden. Der Kreis hat 11186 Wahlberechtigte, darunter 2789 ober 25 Prozent Doppelstimmen, sobaß 13 975 Stimmen abzugebm sind.
** KaiferuumSver.
W. Woldes, 18. Sept. 1911. Der Kaiser traf um P Hhr morgens per Automobil bei Help! eilt und stieg dort zu Pferde. Die blaue Armee überschritt um 6.30 Hhr die Linie Kreckow-Helpt« Plath mit ihren Spitzen, um die Verfolgung von Rot energisch fortzusetzen und mit ber Absicht, überall sofort anzugreisen. Die Gardekavalleriedivision schlug die Richtung nach Brohrn und Golm ein. Das Garbekorps ging über Krekow auf Golm unb Kublank vor, bas 20. KorpS über Woldegk auf Cölpin und Dewitz. Dir tote Armee wollte ihren Widerstand auf der gestern abend erreichten Linie fortsetzen. DaS 2. Korps hatte also Verteidigungsstellung bei Helpt eingenommen, während das 9. KorpS aus dem roten rechten Flügel einen Gegenstoß machte. Nachdem schon ein langer Artilleriekampf vorangegangen war, erreichten um 8 Hhr die Spitzen der Garde Helpt. Der rote später explodierte Lenkdallon ,M. 8" (wir bericht« darüber an anderer Stelle) war gleichfalls in Tätigkeit, er wurde von blau beschossen. Der linke rote Flügel ging in nördlicher Richtung zurück. Um 10 Hhr zeigte der Ballon der Manöverleitung das Signal: »DaS ganze Halt!" DaS Kaisermanöver war zu Ende. Der Kaiser hielt Kritik ab und begab sich nach kurzem Aufenthatt nach Boitzenburg. Er traf heute abeud im Neuen Palais in Potsdam ein.
Der Kaiser ernannte den Großherzog von Mecklenburg - Schwerin zum General der Kavallerie.
Ausland.
** Der MSHrisch-beutsche Katholikentag in Brünn und das Zentrum. In bet Festversammlung deS ersten mährisch-deutschen Katholikentages nahm lt. .Germania" ber erste Festredner, Graf Resse- guter, scharf Stellung gegm die Angriffe des österreichischen „Katholischen Sonntagsdlattes" auf das Zentrum unb die christlich-soziale Partei. Me Ausführungen wurden von stürmischem Beifall begleitet. Besondere Zustimmung bekundete der anwesende Brünner Bischof Graf Huyn.
** Eine spanische Niederlage in den Kämpfen mit den Riffkadylen im Hinterland von Melilla wird aus französischer Quelle gemeldet. Pariser Blätter verzeichn« das Gerücht, daß ein spanisches Regiment in einem Gefecht bei Raleza von den Rifsleuten vollständig aufgerieben worb« sei. In ben letzt« 48 Stunden feien von Cadiz, Malaga, Algeciras und Barcelona 16000 Manu nach Melilla abgegangen. Spanischer- feite lag bis Mittwoch vormittag nur folgende Meldung vor:
Der Kriegsminister hat Di«Stag abend während einer Sitzung des Ministerrats vom T«eralkapit2» von MeMa, Aldave, die telegraphische Meldung en hatten, daß die feindliche Harka einen neuen Angriff auf die spanisch« Truppen, di« am rechten Ufer des Kertflusses lagern, unternommen hat. Zur Zeit ber Absendung des Telegramms war ein heftiges Gewehr, feuer im Gange, und die Spanier hatten bereits Verluste erlitten, über die aber in der Meldung keine näheren Angaben gemacht werden.
Am Mittwoch nachmittag ist, nach der „Agence Havas", folgende Meldung aus Melilla eingegangen: Die Verluste ber spanisch« Truppen in dem Gefecht am Kertflnß belaufen sich auf 18 Tote und 77 Verwundete, darunter drei bis vier Offiziere,
Sozialdemokratischer Parteitag.
Q Jena, 13. Sept. 1911.
Der Militarismus ist bekannlich der Popanz ber Genoffen, aber wie die @e«offen am Mittwoch früh ihrem Haß gegen den Militarismus Ausdruck gaben, mutzte geradezu Widerwillen erretten..
sich nicht, den traurigen Unglücksfall bei densächsich Malvern, wobei 11 Ulanen ums Leben kamen, zu ihrer Verhetzung zu mißbrauchen. Der -Massen^r- denden Militarismus" faß vor dem hochwohlloblrchen Genoffengericht auf der Anklagebank. Ihm ging felbstverftändlich schlecht. Den armen Hmterblrebenen
die btr Marokkaner auf 600 bil 700 Verwundete unb Tote. Die ZHl ber nach bem Kampf aufgefunbmm gefallenen Marokkaner beträgt 182. Der Kampf war sehr erbittert und endete mit einem vollständigen Siege der Spanier.— Ob das alle» zutrifft?
** Sine Mouarchistenverschwörung ist in der portugiesischen Stadt Vianna do Castello entdeckt worden. Wichtig« Schriftstücke find beschlagnahmt und zahlreiche Verhaftung« vorgmomm« worden.
• Um der Einführung der Selbstverwaltung für Irland Widerstand zu leist«, orgcmtfierm sich die Protestanten dec grünen Insel. St« erklär«, daß die Home Rule die — Herrschaft be8 Papstes über Irland unb seine protestantisch« Bewohner be- deuten würbe. Diese bild« allerdings nur ein« Bruchtttl der sonst ganz katholisch« Insel und von diesem Bruchtell stimmt noch ein großer Teil mit ben Nationalisten, unter benen sich ja 8 nichtkatholische Deputierte befinden. Aber der Fanatismus ersetzt, tote so oft in ander« Ländem, auch bi« Menge, unb die wütend« Brandredner kündig« bereits eine Steuerverweigerung an. Außerdem erklärten sie, daß sie etwaige Gesetze des zu schaffenden Parlamentes nicht befolg« würden. Wenn die den Nationalist« ergebene Regiemng die Protestanten durch die Armee zwingen wolle, würdm sich (Bericht des Standard vom 5. Sept.) Flinten genug finden, um dos zu verhindem. Die Drangemen behaupten, daß die Protestanten die ganze Industrie von Irland und die ßiüfte beS irischen Kapitals in Händen haben, sodaß mit ihrer Weigerung gerechnet werd« müsse. Die letztere Fesfftellung gibt aber den irisch« Nationalisten Anlaß zu dem Hinweis, daß dieser Kapitalreichtum den Irländern unter schlimmer Bedrückung entzog« wurde.
* Katholikmverfolzung in Rußland. Die russische Regiemng hot die Verfolgung der katholischen Polen mit neuer Energie auf genommen. So wurden in Warschau am Ende deS Schuljahres sechs polnische Volksschulen geschlossen. Die polnischen Schulen in Ruffisch-Polen sind Privatschulen, die von der Bevölkemng unterhalt« werden und zu denen die mssische Regiemng keinen Pfennig beisteuert. Auch sonst kommen Nachrichten über die eiusetzende „Rus- stfizirrung". So soll die russische Regierung, dem Verlang« der nattonalisttschm Litauer folg«b, daran denk«, die alte römffch-kathol. Diözese Wilna aufzuteilen. Die russisch-nationalistisch-schiSma- ttsche Politik geht jetzt besonders in ben nordwestlichen Provinz« darauf auS, die polnische, oder, was dort doS gleicht bebrütet, die katholische Kultur zu zerstören. Da bisher alle bmtalen Mittel nichts nützten, weil die katholischen Pol« energisch« Widerstand entgegensetzten, hat man in Petersburg daran gedacht, künstlich in dies« Provinz« NationalttätSstreitigkei- ten zu schaff« und diese dann gegen bi« Pol« zu kehr«. So hat die mffische Regierung auch biejia= tionalistischen Litauer gegen die Polen organisiert. Die Regiemng sucht diesen Kampf zwischen Polen und Litauern natürlich auf das kirchliche Gebiet hin- überzuspiÄm. Auf dem religiösen Gebiete Unorbnun« gen zu erregen, ist ja ber Hauptzweck jener Kreise, dm« die Einheit und Geschlossenheit der katholischen Kirche ein Dom im Auge ist. Die Litauer schworen einstwellen auf ihre schismattschm russisch« Protektor«, sie werd« ihr« Fchler zu spät einsehen, wenn die erwartet« politischen und religiösen Votteile, die sie dadurch über die Polen davonzutragen Hoff«, ausbleiben.
»* Aufruhr in China. Rach einem Ber-.cyt aus bet Provinz Setsuan ist hort eine große Aufruhr- bewegung entstaub«, verursacht durch den Widerstand der Bevölkerung gegen ben Bau von Eisenbahnen mit an§länbtfi&m Kapital. Die einem bentsch-engllsch-französtsch-amerikanischen Syndikat übertragene Bahn in einer Länge von 600 Meilen soll mit chinesischem Gelbe erbaut werden.
*♦ Japanische Sorge». Das neue Ministerium erließ ein Dekret, worin es heißt, durch die Teuerung, die tm Lande Platz gegriffen habe, sei bet Sozialismus mächtig et stärkt. Es wird versucht werben, bie niedrigsten Volksklassen zu unterstützen und wieder normale Verhältnisse herzustellen. Vor allem soll ein Arbeiterschutzgesetz sür bie mächtig wachsenbe Industrie geschaffen werben.
*"■ Di« Lag« in Petfi«, neuer Sieg Mohamed Alis. Die »Köln. Ztg.' meldet ans Teheran: Di« Lage wird immer verwickeltet. Von allen Seiten werden Kämpfe unb Unruhen gemeldet, so aus Schiras, Hamabam, Täbris und Atdcbik. Freund wie Feind plündern die Landbevölkerung, die nicht mehr bie Felder bebaut, weshalb sür das kommende Jahr eine Hungersnot befürchtet wird. Die Regierungs- gemalt beschränkt sich saft ausschließlich auf Teheran. Hier ist noch nicht entschieden, wer gegen ben siegreich« Salat eb Dauleh ziehen soll (!) Der ehemalige Schah soll in Masenbcran ben Regiernngs- truppen eine schwere Niederlage bcigebracht haben. — Die Meldung von der vernichtenden Niederlage deS Exschah war also wieder einmal englischer Schwindel. Nach englischen Meldungen befindet sich der Ex sch ah auf der Flu cht nach dem Norden und dem transkaspischen Rußland. Er soll mit sieben Anhänge« in Gumüschtepe angekommen sein. Die bottige Verwaltung hat eine Depesche erhalten, baß bie Ankunft des ehemaligen Herrscher? unmittelbar bevorsteht.
der 11 Ulanen wurde mit gnädiger Herablassung di« Teilnahme des Parteitages ausgesprochen. Es soll heute der Galgen für die Stuttgarter Revisionisten aufgerichtet werden, die dem Radikalinski Westmeier ben Strchl vor die Türe setzten. Da hatte man wieder einen Gaumenkitzel für die Delegierten, die sonst gewiß lieber bet dem herrlichen Wetter auf Jenas Ber- gen berumgeklettert wärm. So kam es, daß Genoffe Geck, der den parlamentarischen Bericht erstattete, mit einer wachsenden Unruhe zu kämpfen hatte. Nur ein« Augenblick horchte man auf, al8 der Referent ankündete, die sozialdemokratisch« Reichstagsfraktion werde sofort nach Wieberzusammentritt deS Reichstages eme Interpellation wegen der Marokkoaffäre einbringen. Dann aber stellt sich sofort die TeilnahmSlosigkett wieder ein. Der Bericht GeckS bot nicht den mindest« Nervenkitzel, und so suchte man sich die Zeit, so gut eS ging, zu der- treiben. Die Unaufmerksamkeit war schließlich so groß, daß die Delegierten bei der Abstimmung über die Anträge garnicht wußten, waS eigentlich los war. Die Unterstützungsfrage mutzte mehrmals gestellt werden, ehe eS gelang, eine satzungsgemäße Abstimmung herbeizuführen. Die Anträge forderten u. a. Auf- Hebung der Lebensmittelzölle, Einführung einer Reichskriegssteuer auf Vermögen und Erbschaften unb ähnlich« schöne Dinge mehr. Natürlich wurde über die LebenSmitelteuerung ganz gehörig die Pauke ge- schlagen. Mit großem Phrasenschwall wurde das unglaublichste Zeug zusammengelogm. Richt bloß von ben Agrariern unb Junkern, sondern auch von unseren Bauern wurde ein Bill» entworfen, daselbst der räudigste Hund kein Stück Brot von ihn« nehm« würde. Sie wurden als Bluffauger am Lebensmark deS Proletariats geschildert, als Nimmersatte Volksausplünderer. Unsere Bauern können von Glück red«, daß es noch Leute gibt, die solchen Unsinn nicht so unbesehen hinnehm«, wie die besinnungslosen Massen, die jedes Wort der sozialdemokratffchen Phrasendrescher gewitzermatzen als eine Offenbarung hinnehmen unb allem, was in ber sozialdemokratischen Presse geschrieben unb in ihr« Versammlungen ge- redet wirb, blindlings Glauben schenken.
Nun kam der erhebende Moment der Galgenaufrichtung für die Stuttgarter Revisionisten. Mit einem Schlage verstummte die eben noch lebhafte Unterhaltung. Alles spitzt die Ohren unb man verspricht sich eine angenehme kleine Aufregung. Anknüpfungspunkt ist ber Bericht ber Mandatsprüfungskommission. Genosse Westmeier ist als Delegierter für Stuttgart da, obwohl nach der Behandlung der Revisionisten nicht er, sondern der Gnofle Sämann rechtmätzig gewählt ist. In der Partei der Brüderlichkeit geht ei recht „brüderlich" zu. Nach d« Angaben der Man. datsprüfungSkommifsion sind geradezu unglaubliche Ding« bei der Delegiertenwahl vorgekommen, die für die innere Korrupthett in der Sozialdemokratie sehr bezeichnend find. Di« Mandatsprüfungskommiss,on fa$ sich daher genötigt, die Wahl Westmeiers für ungültig zu erklär«. (Lebh. Bravo und Unruhe bei den Radikalen.) Der Berichterstatter Hoffmann-Hamburg findet übrigens sür beide sich gegenüberstehend« Parteien scharfe Worte deS Tadel» und er meint mit bitterer Ironie, die Vorkommnisse feien wohl die Vorbereitung« für die Reichstagswahl« in Stuttgart. Das war wieder einmal eine Sensation. Liebknecht und Stadthagen such« mit allerlei Wendungen und Drehungen die Posstton WestmeierS günstig zu gestabten. Aber ihnen erstand in dem Mitgliede der Man- datsprüfungskommiffion LandSberg ein geschickter Gegner, der besonders Stadthagen ganz gehörig abstach. Stadthagen wurde wild unb machte Zwischenrufe, aber LandSberg war ihm überleg« unb brachte Stadthagen in einer Weise zum Schweig«, daß LandSberg die Lacher auf seiner Seite hatte. Als Stadthagen zum zweiten Mase erschien, ertönten lebhafte Schkutzrufe. Aber der Streit tobte noch eine Weile hin und her. Nachdem die Affäre bereis zum Abschluß gelangt war, da kam noch ein neuer Skandal. Dittmann brachte noch ein« Abänderungsantrag ein. Jetzt entftanb ein allgemeiner Tumult nud Rufe wie: „Schmeißt ihn raus! Unverschämtheit! Unerhörtl" ertönten unaufhörlich, kurz, eS herrschte der reinst« Hexensabbath. Nur allmählich kehrte die Ruhe wieder und schließlich wurde der Beschluß der Wahlprüfungskommission angenommen und daS Mandat WestmeierS für ungültig erklärt.
Nach dem erst am Vormittag abgeschlagenen Sturm auf_bie Stuttgarter Revisionisten gaben die Radikalen ihr Spiel noch keineswegs verlor«. Sie hatten noch einen giftigen Pfeil im Köcher, den sie nach der Mittagspause auf ihre Gegner abschossen. Westmeier und 104 Genoss« bringen einen Antrag ein, wonach bet Parteivorstand in Stuttgart nach bem Rechten sehen soll „im Sinne unb im Geiste der Gesamtpartei", b. h. mit anderen Worten, der Parteivorstand solle den Stuttgarter Revisionisten auf den Kopf steigen und Westmeier und seinen Anhang wieder in Würden und Aemter einsetzen. Genossin Dunker- Stuttgart betritt als erste Streiterin die Arena und sucht die Notwendigkeü eines Einschreitens des Par- teivorstandes von Amtswegen nachzuweisen. lieber» zeugend ist sie gerade nicht, sie bemüht sich vielmehr, die Würtemberger Revisionisten als ganz verdächtige Gesellen hinzustellen. Alle ihre Sünd« zählt sie gewissenhaft auf, unb ganz besonders hat es ihr deren Teilnahme am Minifteress« angetan. ES ist nach ihr em wahrer Jammer, so wie bisher zu leben. Die bösen Revisionist« machen d« armen Radikalen das Leben gar so sauer, und weil sie gar kein Einsehen haben wollen, soll ihnen der Parteivorstand gewaltsam zu besserer Einsicht verhelfen. Der lebhafte Beifall am Schluß der Ausführung« der Dunker zeigt, daß die Radikalen diesmal in» Schwarze getroffen hab«. Die Mehrheit ist offenbar au ihrer Seite. Die Situation ist kritisch und es steht ein Skandal erster Güte zu er- warten. Aber da taucht Genoffe Dietz mit einem Anträge auf, ben Antrag Westmeier ohne weitere Debatte anzunehmen. Die Parteileitung will offenbar so kurz vor ben Reichstagswahlen ben unter der Asch« glimm«b« Funk« des Zwiespalts innerhalb der Partei nicht zu Heller Flamme auflodern lass«, ttuch Ebers, Richard Fischer unb andere red« gut zu, me Streitaxt nicht auszugraben. Aber in der Vers^^ - hing ist anscheinend wenig Sttmmung daf orb den Die Revisionisten sind nut dem Vorschläge -ietz an sich einverstanden, aber sie wollen wenigsten» die Angriffe der Dunker nicht unwtdersproiy« lassen und verlangen deshalb für einen der Ihrigen bte Möalichkeit, zu erwidern. Nach längerem Hm und Her läßt fich der Parteitag auf die Seite Dietz zieh«. Der Antrag Tietz wird angenomm« und darauf de- battelo» der Antrag Westmeier. Hierauf gibt Hildebrand namens der württembergischen Landesorgani« sation die Erklärung ab, datz sie bemüht sei, selbst die inneren Streitigkeiten beizulegen, dazu brauche sie den Parteivorstand nicht. Die im Anträge Westmeter liegende Beleidigung weise er mit Entschiedenheit zurück. (Lebh. Beifall bei den Revisionisten.) Auch im