•rftctat tst-ttch »« |n>*H I« So«.
Bbö jttcrtogt. vtenen jÄäjtlldjet Bezugspreis Oha» Briagerloha uni VeßeL-etttazalda so. »ieaMswttsbßon«.
verrat«. Hebdleut LV.: A- wthler»
fit Ht Anzeige*: Z varreAer in 8*,6e-
KOaer W Zeitung
wocheudeo-ge: „Illustrierte Soautagszeitung" monatrb-ilage: „Zuldaer SeschlchkblAter"
Anzeige»: Vie et» fpaltige Petttjeile obet Bert» Ranai z» pfg. BeflomenMePetttjetl» pfg.. bei wieder.
Holungen wir» enrspr. Rabatt gewährt.
Botationsbrntfun» Verlag der Luldaer Ak. fienbrntferef in Md» Fernsprecher Ur. 9.
208.
Erstes Blatt.
Fulda, Dienstag den 12. September 1911.
38. Jahrgang.
veutsches Reich.
♦* Berlin. 11. Sept. 1911. Der Staatssekretär tzeS Retchskolonialamts v. Linvequist ist auf Urlaud abgereist; dagegen sind LandwirtschastS- ^Minister Frhr. v. Schoriemer und Handeisminister Dr. Sydow vom Urlaub zurückgekehrt. — Die reichsgesctzliche Regelung des Apothekenwesens 'ift, der Host" zufolge, endgültig aufgehoben worden. $ie Reichsregierung hat sich entschlossen, das Mpolhekenwesen von den einzelnen Bundesstaaten regeln zu lassen.
1 + Die Marokko-Verhandlungen. Der Kaiser hat, wie die „Nordd. AUg. #tg." mitteilt, am ©onn« tag vormittag den Staatssekretär des Auswärtigen Amtes von Kiderlen-Wächter nach Potsdam berufen, ittn sich vor der Abreise ins Manöver über die Einzelheiten der Verhandlungen Vortrag hatten zu taffen. Die Audienz des Staatssekretärs nahm tast zwei volle Stunden in Anspruch. Hebet die deutschen Gegenvorschläge wird dem „Verl. Lokal» Anz." von besonderer Seite folgendes geschrieben:
Nachdem es sogar nunmehr in Frankreich in der öffentlichen Meinung seststeht, daß die deutschen Gegen» Vorschläge sich zunächst aus „Garantien" wirischasllicher Ordnung beziehen, fei hiermit nochmals betont, daß Deutschland in feinen Vorschlägen keinerlei Sonderpech le verlangt, auch nach Lage der Dnige garnicht perlangen kann, sondern daß es sich hauptsächlich um Sicher st ellung gegen Monopolisierung öffentlich.r Arbeiten, Minen- und Handelsrechte, sowie gegen ge- foiffe Gepflogenheiten in der ZoUrbferligung handelt, Garantien, d.e allen Nationen zugute kommen werden. Nur die Abtretung des Kompensalionsgebieies würde Gegenstand eines deulsch-sranzösischen Sonderverlrages !u bilden haben, alle übrigen Bestimmungen aber als sfusatz des Algeeiras-Vertrages ausgenommen werden, allß auch die übrigen Signalarmächte einem eventuellen deutschen Vorschläge beistimmen, Frantreich das Pro- )eltorat über Marokko zu übertragen, falls es die damit verbundene Verpflichtung, für die Aufrechterhaltung yon Ruhe und Ordnung den Mächten gegenüber ein« Hufiehen, zu übernehmen bereit ist. In den hiesigen maßgebenden Kreisen herrscht übrigens die Stimmung, daß die Marokloangelegenbeit in der Hauptsache, wenn Hicht unerwartete Zwffchensälle einlrelen sollten, bis zum Ende dieser Woche erledigt sein werde.
Wie der „Verl. Lokal-Anz." ferner hört, werden hie deutschen Gegenvorschläge dem französischen Ministerrat heute oder, ivas wahrscheinlicher ist, ttst Donnerstag zur Beratung unterbreitet werden. (" sprechend der in Berliner polilischen Kreisen be- t« ,.5 vor Absendung der deutichen Antwort zutage getrelenen Ansicht ist die französische Regierung be- reit, nach Prüfung der Gegenvorschläge Deutschlands die Verhandlungen sorlzuführen.
(■ ) Ein Gesetzentwurf über die Bienenseuchen wird dem Mrndesrat demnächst zugehen, sodaß dieser sich im Herbst mit ihm befassen kann. Es ist demnach zu erwarten, daß die Vorlage im nächsten Jahr an den Reichstag gelangen ivird. In dem Entwurf werden bestimmte Maßnahmen gegen die Faulbrut der Bienen gesetzlich feftgelegt. Vor allem wird eine Anzeigepflicht eingeführt, die zur Feststellung der Bte- iienseuchen dienen soll. Ferner ist eine Entschädi- gunospflicht des Staates vorgesehen. Die Bienen- züchlcr, deren Völker wegen Faulbrut oder Verbreitung der Faulbrut vernichtet werden müssen, dürfen darnach Anspruch auf Entschädigung erheben. Im Zusammenhang mit dem Gesetzentwurf stehen neu Hingerichtete Faulbmikurse der Biologischen Anstalt zu Dahlem, in denen Sachverständige zum Erkennen pnd zur Behandlung der Faulbrut ausgebildet werden, bite später bei der Faulbrutbekämpfung tätig lein sollen.
* Zu der Kundgebung der christlichen Arbeiterschaft gegen die sozialdemokratische Hetze schreibt die . "-•rbb. Allg. Ztg." in ihren Rückblicken vom 10. ■ tember: „Gar nicht angenehm hat der sozialde- p.okratischen Führerschaft und ihrer Presse dieser Aufruf ins Ohr geklungen. Der Vorwärts zischte bücfcn besonnenen und zahlreichen Elemmren das Wort „Schwefelbande" entgegen. War es doch in der Tat lästig und peinlich, auch noch von dieser Seite eine so prompte und durchschlagende Verurteilung der sozialdemokratischen Shtnbgebungen zu er- fahrcn, besonders da der Treptower Massenrummel jsogar im Bewußtsein der Veranstalter nicht die Dienste getan hat, dir erwartet wurden. Sehr im Gegenteil: das Bürgertum erkennt in solchen leeren, von den „Genossen" selber als politisch belanglos Empfundenen Demonstrationen nur eine kräftige Bloßstellung der Prinzipienreittrei, die immer viel verlangt und nie etwas leistet, wenn es das Interesse der Allgemeinheit gilt.
0 Sozialdemokratie und Liberalismus. In ihrem tBegrüßungsauffatze zum sozialdemokratischen Parteitage beschäftigt sich die „Frankfurter Volksstimme" tauh mit der Stichwahltaktik der ®en offen. Sie meint, jbOß zwar bei den Stichwahlen nach der Parole: „Gest» Junker und Pfaffen" mancher Fortschrittler von t ltn Genossen herausgehauen werden dürste, daß aber . liemand daran denke, den liberalen Parteien gegenüber
Filzgaloschen des Kompromisses anzuziehen und >twa für den erften Wahlgang mit ihnen ein Bündnis »stbzu schließen; nach wie vor stehe die Sozialdemokratie da als die alte, erprobte, revolutionäre Klaffen Partei des Proletariats. - Die Liberalen kön- »en es ober vor lauter Sehnsucht nach einem möglichst baldigen Anschluß an die Sozialdemokratie aar nicht Htehr aushalten. So veröffentlicht der „Forschrift", ibaS Organ der liberalen Arbeitsgemeinschaft in Kayern, einen Artikel, der die Ilebertragung des Groß- »lockS auf Bayern empfiehlt. Er wird darin ausein- mdergefetzt, daß den Liberalisnms nichts vom Groß- Mock abhalten könne. Die hauptsächlichsten trennenden Momente wurden nicht im Landtage ausgetragen, für den der Großblock Geltung Härte; hier seien schon Liberale und Sozialdemokraten ht~ politischen, kulturellen unb auch wirtschaftlichen Fragen ein gutes tStück Weges miteinander gegangen, lieber Form und Amfang eines bayerischen Großblocks sei Aroch nicht zu reden: wenn er aber komme, werde es 4vohl von beiben Seiten als wünschenswert erachtet ^werden, daß möglichst viel Kräfte fiir den Ansturm ge- Len boi vlentrura frei, würden. — Die LibkLÄw.wer
den für diese Liebedienerei schon den verdienten Loh« erhalten: sie werde» von der roten Jntemattonale „vor lauter Liede aufgefrefien" werden.
** Da» KaisermanLver. Der Raum, in dem sich da» KaisermanLver diese» Jahr abspielt, wird, soweit e» die Initiative der Führer zuläßt, folgende Grenzen haben: Im Norden wird er von dem Flüßchen Peene, der ehemals preußisch-schwedischen Grenze, begrenzt werden, im Westen hübet die Linie Demmin—Neustrelitz, im Süden Neuftrelitz-Angermünde, im Osten Angermünde—Ueckermünd« Me Grenze. An den Ma- növern nchmen teil: 98Bataillone Infanterie, 18 Maschinengewehr-Kompagnien, 2 Maschinengewehr Abteilungen, 77 Eskadron» Kavallerie, 87 Feldbatterien, 14 schwere Batterien, 8 Pionierbataillone und die erforderlichen Telegraphenformationen, 2 2enfr lustschiffe und acht Flugzeuge. Darunter befinden sich sechs Reservebataillone, die al» drei Bataillone zu verschiedenen Regimentern treten. Alle Infanterie- und Pionierbataillone find durch eingegogene Reserve auf 700 Mann gebracht. Die gesamte Stärke beträgt über 100 000 Mann, die vom Gardekorp», vom 2. und 9. Armeekorps gestellt werden. Beide Lenkluftschiffe find Militärluftschiffe. „M. 2/ wird auf der Seite der blauen Partei operieren. „M. 3/ auf roter Sette. Die allgemeine KiegSlage lautet folgendermaßm: Zwei rote Armeen haben am 7. September aus der Linie Bremerförde, Hamburg, Lübeck ben Vormarsch in südöstlicher Richtung anzutreten. Eine blaue Elb» armee weicht beiderseits de» Strome» zurück. Da» Manöver spielt flch auf den östlichen Flügeln dieser Hauptarmee ab.
W Woldegk, 11. Sept. 1911. Der Kaiser, der bald nach 5 Uhr Boitzenburg im Automobil verließ, traf gegen 10 Uhr bei Heinrichswalde südlich von Fiedland ein, wo er zu Pferde stieg. Generalstabs» chef v. Moltke begleitete den Kaiser. Bei Friedland kam es zu Gefechten. Die 41. Division ging zurück. Das blaue Luftschiff arbeitet seit dem frühen Morgen. Der Ffieger Mackenthun war aufgestiegen unb konnte eine Reihe von Meldungen erstatten. Da» Wetter ist schön. Rot besteht au» mehreren Armeen, beren östlichste ble drifte Armee ist, die au» dem neunten und zweiten Armeekop», die bei Demmin bezw. Anklam standen, unb au» ber 18. Kavalleriebrigade bei Waren zusammengefetzt ist. Blau hat ebenfalls mehrere Armeen, deren östlichste die erste heißt. Diese besteht au» dem 20. unb bem Gadekorp» unb stand südlich von Prnzlau. Jedoch hatte stch Me 41. Infanterie-Division am Landgraben nördlich von Fiedland eingegraben. Die Gardekavallerie-Division stand bei Strasburg. — Der Kaiser kehrte um 4 Uhr 35 Minuten aus dem Manövergelände zurück.
Reichstagswahlvorbereitungen.
♦* Hanau, 12. Sept. 1911. Im Wahlkreise Hanau-Gelnhausen-Orb wird das Zentrum bestimmt mit einer eigenen Kandidatur für die Reichstagswahl hervortreten. Als Kandidat wird in der „Köln. Volksztg." Arbeitersekretär Gotthardt ans Frankfurt genannt. Doch ist die Personensraze noch nicht endgültig gelöst. Es kandidieren nunmehr außer dem Zentrumskandidaten im Wahlkreise Hanau: Domänenrentmeiuer Reinhard-Hanau, für den Kons.rvative und Bund der Landwirte eintreten, für die Sozialdemokratie der bisherige Vertreter, Schriftsteller Hoch und Baurat Wohlfahrt, der nationalliberate Kandidat, den auch die Freisinnigen unterstützen werden.
'* Ziegenhain, 11. Sept. 1911. Am Sonntag hielt hier der kurhessifche Bezirksverband der Fortschrittlichen Volkspartei seinen ersten V e r b a n d »t a g ab. Er beschäftigte sich vor allem mit der bevorstehenden ReichstagSwahl. In der geschloffenen Vertreterversammlung herrschte, wie aus den Berichten hervorgeht, ein weitgehender Optimismus in der Beurteilung der fortschrittlichen Aussicht für die Reichstagswahlen in Kurheffen. Besondere Hoffnung bestände für den Sieg der fortschrittlichen Sache in den Wahlkreisen Eschwege« Schmalkalden - Witzenhaufen unb Homberg-Fritzlar-Z i eg enha in. Man glaubte, eine starke Abschwenkung der Wähler von rechts nach links etroarten zu dürfen. Ganz wesentlich fei bereits diese Abschwenkung von rechts in den Kreisen Eschwege-Sch maltalden-Witzen Hausen, Kassel- Melsungen, Homberg-Fritzlar-Ziegenhain und selbst in Hersfeld-HÄnfeld-Rotenburg zu be« obachten. In einer öffentliche» politischen Versammlung unter freiem Himmel wurde in bekannter Weise die gegenwärtige Zollpolitik kritisiert und der „schwarz- blaue Block" mit Angriffen bedacht.
Anrkand.
** Deltassö ist bereit. Der französische Marine' Minister Delcaflö hielt auf einem Bankett in Ton' Ion eine Rede, in welcher er aussührte, er habe mit Interesse den ersten Teil der Manöver verfolgt, unb er dürfe danach fefiftellen, daß bas Rüst- zeug zum Kampfe auf der Höhe der Aufgaben stehe, die man von ihm verlangen könne, unb baß es den Opfern entspreche, die man von ber Ration fordern könne. Delcaffö schloß mit ben Worten: „Ich bin unbeschrechlich glücklich» daß die Meinung des Landes in dieser Bezichung sich ohne ben geringsten Unterschied ht vollständiger Uebereinftimmung mit denjenigen befunden hat, die die Regierungsgewalt innehaben. Ich stelle nochmals fest, daß bas Kriegsmaterial für alle Eventualitäten bereit ist. Sodann trank Delcass« auf das Wohl der französischen Armee und Marine. — Bisher hat in Deutschland noch kein Staatsmann es für nötig gehalten, nach bem Muster der Franzosen ostentativ zu betonen, daß wir für alle Fälle gerüstet sind. Und da» ist recht so! Bi» jetzt ist der Augenblick noch nicht gekommen, wo der Appel! an die Waffen das einzige Mittel wäre, Deutschland aus seiner gegenwärtigen Lage zu befreien. Darüber scheint sich Herr Delcaffö und ein Teil der kramöfisckeN-Presse nickt kiar in fein.
* Die türkisch-deutschen Beriekuuaen. Da» alt- türkische Oppositionsblatt „Musahebe" greift die Regierung wegen ihrer freundschaftlichen Haltung für Deutschland scharf an. Deutschland habe Per- fien an Rußland erkauft und verhandle jetzt Marokko an Frankreich. Da» dritte islamitische Reich die Türkei, werde durch die kaltblütigen spekulativen Liebesbeweise Deutschland» bloß al» Schreckmittel gegen Frankreich mißbraucht. — Sehnliche Stimmen mehren sich angesichts des in Aussicht stehenden Systemwechsels tn der Türkei.
* Eft» Fiasko der englischen Suffragetten. Eine von der Liga gegen da» Frauenstimmrecht veranstaltete Umfrage unter 120000 Frauen, die das Gememdewahlrecht besitzen, ergab 45 000 Stimmen gegen und 19 000 Stimmen für das Frauenstimm- recht. Tie übrigen Frauen sandten überhaupt keine Antwort ein,
G Sozialdemokratischer Parteitag.
Dem Parteitage, der in dieser Woche in der ihü- ringischen Universitätsstadt Jena abgehalten wird, ging am Freitag und Samstag eine sozialdemokratische Frauenkonferenz vorauf. Selbstver- stündlich läßt man den roten Damen nicht nur au» Höflichkeit den Vortritt: denn man weiß nur zu gut, daß Temperamente wie Klara Zetkin und Rosa Luxemburg stch erst mStoben müssen, ehe sie auf den Parteitag losgelassen werden dürfen. Nachdem auf der Frauenkonferenz gewissermaßen schon das Stigma der diesjährigen roten Heerschau gegeben war: „Gegen ben b l a u-sch w a r zen Block, vor allem gegen da» verhaßte Zentrum!" kann man sich von dem, was auf dem diesjährigen Parteitag vor sich gehen wird, schon vorher ein Bild machen, ohne zu ber Zunft ber Propheten zu gehören. Den Streit im eigenen Hause wirb man bei ber Nähe ber Reichstagswahlen nach Möglichkeit nicht an die Oeffentlich- keit zerren, freilich ganz ohne Nackenschläge werben die württembergischen Rebellen wohl nicht wegkom- men. Aber ben Arbeiter massen jetzt wieder da» Schauspiel von Magdeburg oder gar Dresden zu wiederholen, daS dürfte den Genossen angesichts oer Reichstagswahlen nicht ovportnn erscheinen. UebrigenS bietet sich dieses Jahr genügend Gelegenheit, um die Aufmerksamkeit der Massen von bem häuslichen Streit abzulenken. Nach dem, was die Genossen bisher schon an verlogener Hetze gegen den „blau-schwarzen Block" geleistet haben, kann man sich schon ungefähr einen VerS auf die Melodie machen, die diesmal gesungen wird. Vor allem wird natürlich gegen daS Zentrum Sturm geblasen, weil die Umsturzpartei dieses mit Recht als ihrer? unversöhnlichsten und unbezwingbaren Feind anfieht. Die ganze sozialdemokratische Lügenkunst wird zur Entfaltung kommen. Aber unS kann das weiter nicht anfechten; denn wir sind unserer Wähler gewiß. Wir wissen, daß sie sich von ben roten Lügnern nicht betören lassen. Wenn wir eines bedauern, so ist es das, daß die im sozialdemokratischen Bann stehenden Arbeitermaffen die Wahrheit nicht kennen lernen, weil die rote Presse sie unter einem Berg von Lügen begräbt und die bürgerliche Presse in Jena nicht gelesen wird. Neben der Hetze gegen „Junker und Psaffen" wird natürlich auch die Wahl- taklik eine bedeutende Rolle spielen und schließlich wird auch der „Marokkorummel" einen großen Raum in der Debatte der kommenden Tage einnehmen.
Die Verhandlungen des diesjährigen Parteitages finden im großen Saale des Abbö'schen VolkshauseS statt. Die Ausschmückung des SaaleS ist die übliche, nur daß diesmal zu den Büsten von Marx unb Lassalle bie von Liebknecht unb Singer hinzuge- kommen sind. Am Eingänge zum Saal hat sich ein flott gehendes Handelsgeschäft mit allerlei parteige- nössischen Gebrauchsartikeln etabliert. Neben Büchern, Bildern, Broschüren, Broschen, Parteitagsandenken und dergleichen gibt eS auch, wie ein großes Plakat ankündigt, „Parteizigarren".
Unter großem Andrang, namentlich ber Jenenser Genossen unb Genossinnen fand heute abend der
Begrüßungsabend
statt. Anwesend waren 378 Delegierte. Es ist „Alles" da. Auch die Reichstagsfrattion ist nahezu vollständig vertreten. Heute sitzen sie noch alle friedlich bei einander, Radikale unb Revisionisten, aber schon werfen bie kommenden Tage ihre Schatten voraus: auf ben Plätzen ber Delegierten liegt eine umfangreiche Druckschrift: „Zur Stuttgarter Delegiertenwahl — ein unerhörter Gewaltstreich." Als Bebel kurz vor Eröffnung ber Versammlung ben Saal betritt, wird er mit stürmischem Händeklatschen begrüßt. Der „Alte", wie er von den Genossen gern genannt wird, Sieht recht frisch und munter aus. Mit einem Ge- angsvortrag des Jenenser Arbeitergesangvereins wird der Begrüßungsabend Punkt 7 Uhr eröffnet. Dann begrüßt namens ber Jenenser Parteigenossen Reichs- kagsabgeordneter Leber den Parteitag. Er rühmt den Aufschwung, ben seit dem Parteitage 1906 bie Stabt. Sena unb mit ihr bie Arbeiterbewegung genommen habe. Zu bedauern fei nur, daß bie Nachfolger und Sachverwalter des verstorbenen Abbe, bet zwar nicht eingeschriebenes Parteimitglied, aber doch ein ausgesprochener Gegner jeder Reaktton gewesen sei, fein Erbteil so schlecht verwaltet hätten, — daß sie bei den Wahlen sogar mit den — Pftttk — Reaktionären vorn Reichsverband gemeinsame Sache gemacht hätten. Hier ertönt au» der Versammlung tatsächlich ein entrüstetes Pfui. Unter diesen Umständen werde es für bie Arbeiter schwer fein, bei ben nächsten Wahlen diese „Liberalen" herauszu- hauen. Aber in Thüringen sei man ja „schön raus": Von den 15 thüringischen Wahlkreisen werde die So- zialdemokratie im ersten Anhieb mindestens die Hälfte erobern. (Beifall und Heiterkeit.) Dann wirft Red- ner einen Rückblick auf ben Parteitag von 1905. Redner schließt mit ber Versicherung, ber diesjährige Parteitag werde trotz Stuttgart seine Aufgabe in einer Weise lösen, daß er nicht Waffen schmieden werde für die Gegner, sondern für bie Arbeiter. Dann ergreift Bebel da» Wort. Er erinnert daran, daß nn Jahre des letzten Jenenser Partettags, also 1906, mit der Kaiserreise nach Tanger das Marokkoabenteuer seinen Anfang genommen Ijabe- Rach ber Tanger- reife fei Algeciras gekommen unb jetzt liege die Al- geciraS-Akte zerrissen am Boden. Daran, behauptet Redner, trage das Deutsche Reich die größte Schuld. Mtt dem Verlaufe ber Marokkofrage habe bie gefamte europäische Situation ein ganz anderes Gesicht de- kommen. Dann streift Bebel kurz die Aufgaben des diesjährigen Parteitages.
Zu Vorsitzenden werden hierauf Dietz-Stuttgart und Leber-Jena gewählt. Am Montag ftuh be- jaanueo. die
Verhandlungen.
Begrüßungsansprachen hielten Adler-Wien, Vrack- PariS unb Quelsch-London. Der von Parteisekretär Muller erstattete Geschäftsbericht hebt hervor, daß bie Ausschlachtung ber Moabiter Vorgänge bet Partei unb ben Gewerkschaften nichts geschadet, sondern hn Gegenteil genützt haben. Die Stimmung ber Bevölkerung fei ber Sozialdemokratie andauernd günstig gewesen, wie die Nachwahlen zum Reichsttage und zu den Einzellaudtagen bewiesen. Bei ben Nach- Wahlen hatten bie Gegner einen Stimmenverlust von 185 787, während die Sozialdemokratie einen Gewinn ton 24 036 Stimmen hatte. Die Zahl der organi- fierten Mitglieder ber Partei belief sich im Jahre 1911 auf 886 562. DaS bedeutet eine Zunahme von 116 524 in einem Jahre unb ist die höchste Mitglieberzunahme, die die Partei in einem Jahre zu verzeichnen hatte. Die proletarische Jugend- bewegung hat gewattige Fortschritte gemacht. Die Zahl der Abonnenten ber „Arbeiterjugend" hat sich von 45 000 auf 65 000 vermehrt. Der Landarbeiter- verband zählt zurzeit 382 Gruppen mit 12 000 Mit- gliedern. Die Partei besitzt jetzt 81 Tageszeitungen. Die Parteikasse schließt ab in Einnnahme und Ausgabe mit 1427 823 Mark. In feinen Ausführungen zum Geschäftsbericht verteidigte ber Referent Müller daS Zaubern des Parteivorstanbes in der Marokkofrage und wies schließlich bie Kritik, die die „Leipz. VolkSzettung" an dem Flugblatte KautSkhs zur Marokkofrage geübt hatte, zurück. UebrigenS freue man sich ber Kritik an dem Parteivorstande, denn daS fei ein Zeichen einer gesunden Parteiorganisation.
Die NachmittagSsttzung begann mit der Diskussion des Geschäftsberichtes des Parteivorstandes. Die blutige Rosa fuhr schwere Geschütze gegen den Partei- Vorstand auf, indem sie ihn ber Lässigkeit in Sachen bes MarokkorummelS zieh und mit Ausdrücken wie „grobe Irreführung", „grobe Indiskretion", „Pflichtverletzung", „Unterschlagung von Tatsachen" usw. nur so um sich warf. Die scharfen AuS- drücke der Rosa riefen wiederholt Widerspruch wach unb Zurufe wie: „Höre doch auf“ und Gelächter wurden umso häufiger, je länger Rosa sich erhitzte. Freilich stand sie in ihren Angriffen gegen den Partei- vorftand nicht allein, wie die wiederholte Zustimmung bewies, aber ihre Gegner sind doch gewaltig in bet Mehrzahl, und fast die ganze Versammlung ahnet erleichtert auf, als endlich nach einer fünften Mahnung deS Vorsitzenden. Rosa schloß und wieder in ber Menge da unten untertauchte. In daS gleiche Horn stieß auch Dr. L i n tz s ch von ber „Leipz. VolkSztg.", in ber Rosa Luxemburg ihren ersten Angriff gegen ben Parteitorstand unternommen hatte. War Rosa scharf, £war eS Lintzsch nicht minder. Er schloß mit ben orten: „Die Kritik am Parteivorstanb war ein verdienstvolles Werk und diese Kritik war nur der Ausfluß des Unwillens, der sich in langen Jahren angesammelt hat." Der schwache Beifall zeigt erneut, daß die Mehrheit ber Versammlung sich bem scharfen Vorstoß gegen bie Parteileitung nicht anschließen will. Unb auch die Genossen Dittmann-Solingen, Hoffmann-Elberfeld und selbst Ledebour, ber alle seine Vorgänger an Schärfe weit übertraf, vermochten nicht, einen Umschwund ber dem Parteivorstand günstigen Stimmung herbeizuführen. So hatte der alte Bebel einen leichten Stand, den Parteivorstand rein zu waschen. „Liebe Kinder, kein Engel ist so rein!" rief er in die Versammlung hinein, unb schon hatte er die Lacher auf seiner Seite. Mit Rosa Luxemburg und ihrem Anhang ging Bebel scharf ins Gericht. Rosa quittierte bie heftigen Schläge durch fortwährende erregte Zurufe. Bebel verwahrte bie Partei energisch Sen ben von bet roten Rosa unb von Ledebour zwi-
n den Zeilen gemachten Vorwurf, daß sie nicht treu zur Internationale hielten. Die deutsche So- zialdemokratie sei jederzeit der festeste Anhänger der internationale gewesen. Dabei entschlüpft Bebel das interessante Geständnis, daß sie die russischen Revolutionäre mit einer halben Million Mark unterstützt hätten. Die Verdächtigung der Rosa fei eine ungeheure und unerhörte Herabwürdigung der Partei. (Stürmischer, demonstrativer Beifall.)
Mit bem Auftreten Bebel» war ber Höhepunkt der Aktion überschritten. Wohl wurde noch eine ganze Weile hin und her gestritten, wobei es an gegenseitigen Liebenswürdigkeiten nicht fehlte, ober an dem Ausgange des Streite» war nichts mehr zu ändern. Der Angriff der Luxemburgischen Schar wurde glück- lich abgeschlagen, obwohl auch noch die Busenfreundin der Rosa Luxemburg, Klara Zetkin, den Drang in sich fühlte, ihrer Meinung dahin Ausdruck zu geben,, daß der Parteivorstand ein arger Sünder sei. Aber auch Klara Zetkin fand keinen Beifall, sondern rief nur Widerspruch unb Unruhe hervor. Was bann im weiteren Verlaufe ber Sitzung noch kam, konnte grö-' feeres Interesse nicht beanspruchen.
volkswirtschaftliches und Sozialer,
* Welche Verluste bie Maul- «nb Klauenseuche nicht nur für die Landwirtschaft, sondern auch für das Voll in seiner Gesamtheit zur Folge hat, lehrt eine Berechnung, die in der Münchener riecärzllichen Wochenschrift für den Bereich de» Königreichs Bayern aufgestellt wurde. Der Verlust der bayerischen Landwirtschaft von Ende Dezember bi» 8. Juli er., der sich zusammensetzt aus dem Wert der verendeten Tiere, dem Rückgang im Ernährungszustand de» Viehes, der Abnahme der Milch, den DeS- infeftionskosten usw. stellen sich auf nahezu 2% Millionen Mark. Dazu kommt der Schaden, der infolge der Beschränkung de» Marktvrrkchr» der Stadt (Eisenbahn), die Märfte (Marttgebühren) und der Handel erleiden. Für Nürnberg z. B. beläuft sich der Schaden, den da» Marktverbot während 34 Wochen dem Staat, der Stadt und dem Handel verursacht hat, allein auf rund 400000 Mark.
Lokales.
Fulda, den 12 September 1911.
°»n »er Lehrschmiede i« Fulda beginnt am 2 Oktober d. Js. ein neuer Kursus von drei« monatiger Dauer. Der Kursus schließt mit einer Prüfung ab, durch deren Bestehen der Besähigungs« ausweis zur selbständigen Ausübung des Hu:be« schlagsgewerbes erworben wird. Der theoretische' und der praktische Unterricht wie auch die Prüfung sind unentgeltlich. Die Kurfiften erhalten wöchentlich 1 Mark Taschengeld. /Für Prämien» »wecke bei der Prükuna st eben 50 Mark rur. Der-