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Mcmatrbeüager »Luldaer Geschichtsblätter"

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Soiationrbrucknnh vertag der Kuldaer Al. LeubruSerei in §nlda Fernsprecher Ur. 9.

jva 206. Erstes Blatt.

Fulda, Samstag den 9. September 1911.

38. Jahrgang.

» Im Nu hinweggesegL!

Bravo! Recht klar und kräftig klingt es, wenn die fffziöse „Nordd. Allg. Ztg." zu dem frevelhaften 5piel mit dem landesverräterischen Gedanken des Kassenausstandes im Augenblick der Mobilmachung emerkt: „Versuche, solche Gedanken in die Tat um. usetzen, werden von der Nation im Nu hinwegge- tßt*

DaS hoffen wir auch. Aber wenn die Nation den Bebefen bereit hat, muß sie dann noch warten, bis dem frevelhaften Spiel der bitterste Emst, aus Gedanken eine Tat wird? Gibt es heute schon ßtwaS hinwegzufegen? Dabei wollen wir mneswegS die Frage anschneiden, ob die Regiemng tegenüber dieser wahrhaft staats gefährlichen Agitation bereits strafrechtliche oder polizeiliche Abwehrmaßre- eln zu treffen hätte. Wir gchSren nicht zu den Scharfmachern, und im vorliegenden Falle können wir lneingeweihte auch nicht sicher erkennen, ob nicht ein Eingreifen der Negierung die üblen Wirkungen des rivolen Spiel? noch verschlimmem würde, nament- ich gegenüber dem sachunkundigen Ausland.

Wir meinen vielmehr, die Nation, das Volk Ielbst sollte alsbald Stellung nehmen gegen die gemein, efähcliche Agitation der Sozialdemokratie. Die Na- ion im ganzen, d. h. auch derjenige Teil des Libe-- Llismus, der trotz der gegenwärtigen Oppositivnsstel- ung noch als national, staatstreu und patriotisch geb­en will. Und der Besen der Entrüstung soll« sofort iinwegfegen die ganze Großblockpolitik. Wer In vaterlandsrreuer Bürger sein will, der darf keine Gemeinschaft haben mit einer Partei, die im Augen­blick des Kriegsausbruches unsere Wehrkraft lahm- egen will durch passivm Widerstand der Wehrpflichti­gen und durch einen MassenauSfland, der die Mobil­machung lähmt. Auch wer bisher sich aus Aerger und Eigensinn zu dem Gedanken hatte verlocken lassen, daß >er Sozialdemokrat doch ein kleineres liebel sei als der ,Reaktionär", muß jetzt diese Ansicht revidieren. Den« mnmehr liegt es klar zutage, daß die Umfturztenden- cn der Sozialdemokcarie nicht bis zu jenem Tage des Zebelscheu Kladderadatsch schlummern, sondem daß sie chon jetzt wirksam sind und den gegenwärtigen Staat n seinem Bestände auf das schwerste bedrohen, sobald >er kritische Augenblick der Mobilmachung herein- iricht.

Revidieren muß u. a. auch der badffche Minister Son B o d m a n n seine Ansicht, daß die Sozial, demokratie eine „großartige Bewegung" fei. Ja, ,großartig" ist sie im gewissen Sinne, aber nicht jroßartig in der Förderung der Interessen des vier­en Standes, sondern großartig in der srevelhaften Intergrabung der Wehrfähigkeit und des Bestandes unseres Nationalstaates. Revidieren müssen mit fiesem „großartigen" Minister die gesamten indischen Liberalen ihr bisheriges Kom- mgniegefchäft mit jener Partei, die jetzt ihr wahres lntlitz enthüllt hat. Und dann tritt die Gewiffens- :>äge an all die Agitatoren des Wortes und der feder heran, die für die Reichstagswahlen die Groß­flocktaktik befürwortet haben! Sollte bei diesen 0k, Führern das nationale Ehr- und Pflichtbewußt- enr trotz alledem nicht erwachen, dann muß an eben Wähler, der sich noch deutsch nennen pill, die grage gestellt werden: Darfst du, kannst m einem Mann tn den Reichstag verhelfen, der u dieser staatsgefährlichen Partei gehört? Wirft nt dadurch nicht mitschuldig an der Schande tnd dem Elend, das int Ernstfälle durch die Ber- virklichung der jetzigen frevelhaften Agitation über Staat und Volk hereinbrechen würde?

Das Gewißen mancher linksliberalen Wähler jat sich schon bei früheren Ersatzwahlen hier und da |eregt, obschon damals die Sozialdemokratie ihr vahreS Antlitz noch nicht enthüllt hatte. Wir hoffen, >aß jetzt das Nationalbewußtsein in . .ch weiteren

Kleines Femlketon.

- — Kann der Wind einen Zug umstürzen? Vor Einigen Wochen wurde in Amerika ein Personen- iug auf freier Ebene eine Stunde lang durch die ßtetoalt des Sturmes auf der Stelle festgehalten. Man hat aus diesem Anlaß die Frage aufgeworfen, pH es möglich gewesen wäre, daß der Zyklon den Zug auch hätte umstürzen können, und es scheint, nach den Tatsachen, die man daraufhin beigebracht hat, daß dies zweifellos möglich ist. Es kommt päufiger vor, daß em Sturmwind Züge, die er von fern ' faßt, zum Stillstand bringt, und wenn er von der Seite kommt, wird die Geschwindigkeit ganz wheblich herabgesetzt. Dagegen sind die Fälle, >aß Züge umgestürzt werden, ziemlich selten. Im Wjre 1868 wurde auf der französischen Südbahn wischen Leucate und Fiton durch einen Sturm- oiud, deffen Druck 150 Kilogramm auf den Quad- nimeter überstieg, ein Zug umgeworfen; nur ein chwerbeladener Güterwagen blieb auf den Schie­ren stehen; um diesen umzustürzeu, hätte es eines bon 254 Kilogramm auf den Quadratmeter jüngster Zett berichtet der „Board 3 ~rabe einen Fall, daß ein Zug umgestürzt mtrbe, aus der Gegend von Illverstone auf der ptsenbahn von Furneß. Der Zug umfaßte 10 Wa- |en und die Maschine; er führte 34 Reisende mit 'ch- Der Sturm wurde so heftig, daß nach meh- •eren ^Aufenthalten, die durch umgestürzte Telegra- chenpfähle und Baume verursacht waren, schließlich iie Katastrophe eintrat. Der Zug hatte gerade in- olge einer Störung an der Bremsvorrichtung auf -ent Viadukt von Leven Halt gemacht und der Heizer, der von der Maschine abgeftiegeu war, der- uchte den Schaden auszubessern, als plötzlich ein urchtbarer Windstoß einsetzte und den Zug auf die feite warf, der glücklicherweise auf die. Seite beS weiten Geleises hinüberfiel. Tie Windgeschwin- igkeit wurde auf 160 bis 190 Kilometer in der stunde geschätzt, und der durch sie auf die Waggons lervorgerufene Druck betrug 160 bis 200 Kilo­gramm auf den Quadratmeter

Kreisen erwacht, wenn sie einsehen, welche furcht­bar gefährlichen Kräfte ne durch die Begünstigung einer sozialdemokratischen Reichstagskandidatur unterstützen würden.

Jetzt gilt keine Ausrede mehr. Wer irgend die Sozialdemokratie fördern hflft, wird mitschuldig an dem landesverräterischen Versuch, im letzten Augen­blick des Kriegsausbruchs unsere Wehrkraft lahm­zulegen. Der verdient auch, von dem Besen der entrüsteten Nation hinweggefegt zu werden.

Hoffentlich kommt eS zu einem erlösenden Massenausstand, nämlich zu dem Ausstand der- jenigen liberalen Wühler, die man zum Dienste für die Sozialdemokratie zu verleiten sucht.

Deutsches Netch.

** Berlin, 8. Sept. 1911. Am Sonntag vor­mittag begibt sich der Kaiser von Potzdam nach dem Mauovergelände. Gegen Abend trifft er in Boitzenburg ein, wo für ihn das Hoflager einge­richtet ist. — Der Reichskanzler v. Bethmann Holl weg hat sich für einige Tage nach Hohen­finow zurückbegeben. — Einen Weltbund der Feuerbestattungsvereme gründete der Freitag in Dresden tagende internationale Kongreß für Feuer­bestattung.

(*) Die Marokko-Verhandlungen. Die deutsche Antwort auf die französischen Marokkovorschlage lehnt sich, wie der /Zag' hört, an jene vielfach an, mdem sie deren Text folgt und zu verschiedenen Punkten Gegenvorschläge macht, die dem Stand­punkt Deutschlands mehr gerecht weden, und auf die man in Paris bei einigermaßen gutem Willen eingehen dürfte. Es wäre "aber völlig irrtümlich, anzunehmeu,die deutsche Negierung habe den Wunsch ausgesprochen, die französische Antwort bis zu einem geroiffen Tage zugestellt z» erhalten. Ein solcher Wunsch liegt nicht vor, vielmehr sieht man hier der Rückäußerung Frankreichs mit Ruhe entgegen, ohne einen Termin hier ür in Aussicht genommen zu haben. Für die Formulierung der deutschen Gegen­vorschläge hat das Auswärtige Amt die Zeit von Montag nachmittags bis Donnerstag abend, sonst nur einen Zeitraum von vier Tagen, in Anspruch genommen; man wird daher in Paris kaum sagen können, in Berlin erlitten die Verhandlungen eine Verzögerung. — Die deutschen Gegenvorschläge b e» friedigen laut ,Berl. Lok-Anz/ die leitenden Pariser Kreise nur wenig, weil sie die erwarteten Garantien für Deutschlands Nichtinteressiertseür in Marokko vermissen lasten und weil Deutschlands Ansprüche im Kongo zu hoch erscheinen.

+ Zur Linderung der Futternot hat der Laud- wirtschasisunmstec den Regierungen einen Erlaß zugehen laste», der sie aruveist, an bedürftige Personen Streu und Futtermittel zu ermäßigten Preisen abzugeben, soweit es ohne Nachteil für den Wald und die Waldkultur zulässig ist. Der Erlaß dürfte in den Provinzen, deren Landwirtschast von der Dürre am stärksten betroffen ist, wie nament­lich Brandenbrrrg, Pofen, Westprcußen, Hessen- Nassau, Rheinprosinz sowie Teile von Pommern von erheblicher Bedeutung sein und mit besonderer Freude begrüßt werden.

* Mmistrrialcrlaß über Beamteuanstcüung und MWardieustpfticht. Der Minister der öffentlichen Arbeiten hat vor kurzer Zeit im Anschluß an die Um­arbeiten der Vorschriften für die Neuregelung der Ge­hälter einen Erlaß an die Nachgeordneten Behörden gerichtet, in dem die Anstellung der Eisenbahn- beamten inbezug «mf ihre Militärdienst­pflicht eine Neuordnung erfährt. Der Minister bestimmt darin, daß nach dem Verfahren anderer Ver­waltungen in Zuflmft kein Eisenbahnbeamter mehr etatsmäßig angfftellt werden darf, über dessen Ticnst-

— Die Puebla-Indianer von Jsleta. lieber diesen Bolksstamm Neu-Mexikos gibt uns die neueste Nmnnrer der „Katholischen Miffionen" (Freiburg, Herder, jährlich 12 Hefte, Mk. 5.—) einige interessante Mitteilungen: „In den ehemals spanffchen bezw. mexikanischen Teilen der Bereinig­ten Staaten gab es einst sehr blühend« und volk­reiche Jndianermissiourn, die ihre Gründung den Franziskanern, Jesuiten und andern Orden ver- dankten. Heute sind davon nur noch Reste erhalten. Einem Schreiben einer katholischen amerikanischen Lehrerin an der Jndianerschule in Jsleta entneh­men wir einen kleinen Einblick in diese Oase. „Js­leta liegt etwa 14 Meilen westlich von der nicht un­bedeutenden Stadt Albuquerque. Alle Indianer hier sind katholisch seit den Zesten, da spanische Franziskaner mit den ersten Konquistadoren hier­herJamen, um das neueroberte Gebiet zu evan- gelisieren. Manche seltsame Gebräuche aus alter Zeit haben sich erhalten. Dazu gehören n. a. die Tänze, die Indianer am Weihnachtsabend in der Kirche zu Ehren des göttlichen Kindes aufführen, worauf sie alle zur Anbetung an die Krippe treten. Auch an den drei folgenden Tagen findet der Tanz, aber auf dem Kirchplatz, statt. Diese Tänze tour* den auf Grund eines Gelübdes in alter Zeit ein» geführt. Aehnliche Tänze verherrlichen auch das Fest der hl. Dreikönige. Die kirchlichen Gesänge werden von den Indianern selbst besorgt, und sie fingen die lateinische Messe recht gut. Die Indianer haben eine große Andacht zu U. L. Frau von Gua­dalupe. Am Vorabend ihre- Feste? werden alle Wohnungen, tos eine Trägerin dieses Namens wohnt, beleuchtet. Die Jsleta-Jndianer sind sehr reinlich und atibettfam. Die Männer bewirtschaf­ten das Land, die Weiber verstehen sich sehr gut auf alle Haushalt- und Frauenarbeiten. Alle tvohnen ht Adobabauten, von denen die meisten in mehrere Räume eingeteilt und gut eingerichtet und mit Heiligenbildern an den Wänden geschmückt find. Ehe man die Bilder aushängt, werden sie zum Segnen in die Kirche gebracht. Fast in allen Wohnungen sicht man Kochherde, Tchplche u. dergl. Die Indianer werden von einem Kazike« regiert, deffen Amt lebenslänglich ist, und einem Gober«

pflicht noch keine enbgiftige Entscheidung getroffen worden ist. Ein Beaimer, der etatsmäßig angestellt toeeben will, muß in Zukunft entweder bereits seiner aktiven Militärdienstpflicht genügt haben, oder er muß für die Friedenszeit enbgiftig von der Militärdienst- Pflicht befreit sein. Zugleich ist dafür Vorsorge ge­troffen worden, daß ein Beamter in seinem Beförde- rungsdienstalter nicht benachteiligt wird, wenn seine etatsmäßige Anstellung so lange hinausgeschoben worden ist, bis er seiner aktiven Militardienstpflicht genügt oder für die Friedenszeit von der Militär* dienstpflicht befreit ist.

* Deutschlands Wettbewerb in Afrika. Die An­nahme einer deutschen Offerte für 27 000 Tonnen Stahl durch die südafrikanische Regierung hat in Eng­land starken Verdruß erregt. Die Blätter müssen zu- geben, daß die Offerte der d e u t s che n F i r m a, die in Düsseldorf ansässig ist, mit 3,5 Millionen Mark preiswerter war als alle übrigen, betonen aber, daß andere Kolonien stch an der Annahme der Offer­ten nicht bloß von Rücksichten der Kosten leiten ließen, sondem die britischen Offerten bevorzugten, wenn diese auch höher als andere waren.

♦♦ Bei der sozialdemokratischen Kundgebung im Treptower Park sind 433 Personen schlapp geworden. Acht schwere Hitz schlage flnb festgestellt. Kein Wun­der. Habm doch einige Kolonnen bei der Gluthitze fünf Stunden marschieren müssen. Was würde der „Vorwärts" sich entrüsten, wenn er solche Unvernunft einmal beim Militär rügen könnte. So aber —

= „Schrecklich, wie Bismarck sprach." In der Kyfshäusecstadt Sintern fiel am Sedanstage vom Bis- morcksdmkmal der erste Unterarm mit Hand und Schwert ab; statt nun der Stadt zu tagen, daß sie auf ihr Denkmal recht wenig Sorge verwendet habe, schreibt die „Tägl Rundschau": „Während man in der Reichshauptstadt noch immer über die Marokko­sache im Unflaten ist, hat mitten im Herzen Deutsch» lcmds, am Kysfhäuser, der steineme Bismarck sein Ur* 6 teil bereits gefällt; et warf am 2. September, dem - Sedantage, unmutig das Reichsschwert zu Boden." — Die Hitze scheint in der Redaktion bet „Tägf. Rundschau" einiges Unheil angerichtet zu haben.

Ausland.

** Der Staatssozialist Caillanx. Der von dem französischen Ministerpräsidenten Ccnllaux zur Be­kämpfung der teuren Lebensmittel- und Mietspreise geplante Gesetzentwurf, durch welchen den Gemeinden die Beteiligung an Genossenschafts-Fleischereien und -Bäckereien, sowie die Erbauung billiger Wohnungen in großer Zahl ermöglicht werden soll, wird von der gemäßigten „Röpublique Fran^aise" scharf krttisiert. Das Matt meint, wenn dieses Gesetz angenommen roerben würde, bedeute dies den Anfang des Kommunismus und das Ende der auf den Grund- sätzen der Freiheit rmd des persönlichen Eigentums beruhenden Republik.

* Der Bischof von Guarda an den Prasivcntcu der Rrpublik Portugal. Da vor einigen Tagen in fast allen Zeitungen eine offizielle Note veröffentlicht wurde, worin gesagt war, Justizminister Costa sei gerichtlich gegen den Bischof von Guarda vor­gegangen, weil er der Republik feindlich gesinnt fei, hat der Bischof ein energisches Schreiben an den Präsidenten d'Arriaga feibst gerichtet. Er erklärte, daß die katholifche Kirche von den verschiedenen politische» Regierungssorme« durchaus unabhängig sei. Et habe der republikanischen Regierung nicht die geringsten Schwierigkeiten verursacht. Er pro­testiere aber gegen die Dekrete, welche mit feinem Gewissen nicht in Einklang gebracht werde» können. Er habe feierlich gelobt, als er den Hirtenstab seiner Diözese ergriff, die katholische Religion, selbst auf die Gefahr hin, daß er periönliche Opfer brin­

gen müffe, zu verteidige»; daher habe er in keiner Weise sein Gelöbnis brechen dürfen und fei es ihm konsequenterweise unmöglich gewesen, nicht gegen daS Trennungsgesetz zu protestieren. Am Schluffe seines Brieses wicderhott er, daß er kein Feind der Republik fei, und wenn er dennoch verurteilt werde, so fei es, weil er feine Pflicht als Bischof erfüllt habe. Dies« Aeußerungen haben nicht nu bei den Katholiken, sondern auch bei vielen Republikanern einen guten Eindruck hetvorgerufen.

** Wie Rußland den Exschah begünstigte. Dem „Reut. Bur." wird aus Teheran gemeldet, Sardar Arschad habe am Abend vor seiner Hinrichtung beiläufig geäußert, er und der frühere Schah Mo­hamed Ali hätten bei zwei Gelegenheiten mit dem russischen Botschafter in Wien Besprechungen ge­habt. Der Botschafter hab« auf die Frage, ob Rußland die Rückkehr Mohamed Alis nach Persien begünstigen würde, erklärt, Rußland und England hätten sich gegenseitig verpflichtet, sich iu die inneren Angelegenheiten Persiens nicht eiuzumischen. Ruß­land könne deshalb weder eine finanzielle noch andere Beihilfe leisten; aber wenn Mohamed Ali versuchen sollte, seinen Thron wiederzugewinnen, würde Rußland sich neutral verhalten und die Ausführung dieses Planes nicht hindern. Auf die Frage, wie der Transport der Kanonen für den ehemaligen Schah durch Rußland bewerkstelligt worden sei, erwiderte Sardar Arschad, die Geschütze hätte« die Zollschranken als Mineralwasser deklariert passiert. — Das klingt wie ein schlechter Witz, aber es wird schon richtig sein. Wenn eS Väterchen befiehtt, so lassen russische Zollbeamte eben auch Geschütze als „Mineralwasser" passieren.

Aus Uirche und Schule.

* Münster, S. Sept. 1911. Die Meldung, daß die Bischofsweihe des Herrn KapitularvikarS o. Hartmann am 28. Oktober stattfinden werde, wird vom,Westf. Merkur' als unrichtig bezeichnet; der Tag der Weihe fei noch nicht festgesetzt.

* Rom, 9. Sept. 1911. Kardinal Agliards hat «ine bemerkenswerte Erklärung über die Pro« oinzial-Katholikentage abgegeben. Er b« zeichnete diese als äußerst notwendig, damit bil Gegner der Katholiken sehen, wie stark die Katho­liken seien und rote wett man ihnen Rechnung tragen müsse. Der Kardinal meinte jedoch, die jungen Katholiken sollten stch in ihrer Oppo« stlion gegen bestimmte Gesetze und Regierungen vor« nehmet verhalten wie andere Leute. Es werde durch die stürmische italienische Jugend manchmal gefehlt.

* Krakau, 9. Sept. 1911. Kardinalfürsterzbischof Puzyna, ist gestern im Alter von 71 Jahren gestorben.

Lokales.

Fulda, den 9. September 1911.

(a) Kollefte für das St. Antoniusheim. Vom 10. bis 16. d. Bits, findet bei den kalhol. Bewohnern der Stadt Fulda die vom Oderprästventen geneh­migte Hauskollekte für das St. Antoniusheim statt. Dieselbe wird auch auf diesem Wege wärmstens empfohlen, da die Bedürfnisse dieser Wohlfahrt-« anflalt noch groß find. In der Stadtpfarrei haben sich, wie verlautet, eine Anzahl junger Damen opfer« willig in den Dienst dieses „Margaretentages* gestellt. Mögen sie überall offene Türen und wohl­tätig« Herzen finden.

(**) Volksunterhaltuugkabende. Nach einer Paust veranstaltet der hiesige Verein „Volksleseballe" in

nador, der jährlich am Neujahrstag neu gewählt wird und einige alte Diänner, die Principal es, als Beirat zur Seite hat. Die Einführung des neugetoählten Gobern ador wird in feierlicher Weise durch Uebereichung des Amtszeichens vollzogen. Es ist ein hübscher Stob, noch ein Geschenk des Präsidenten Lincoln." km

— Ein gerechter Richterfpruch. Papst Inno- zenz XII. war ebenso verehrt von allen seinen Zeit­genossen wegen seiner Weisheit, wie wegen seiner Gerechtigkeitsliebe. Manche schöne Erinnerung dieser Tugenden ist durch die Geschichtsschreibung cmsbetocchrt worden. Ein Richterspruch von salo­monischer Weisheit, den Papst Innozenz fällt«, wird uns vom Jahre 1691 mitgeteilt. Einer der einflußreichsten ©tauben der damaligen Zett zu Rom hatte eine großartige Festlichkeit veranstaltet, und dazu bei einem Bäcker für taufend Mark (nach unserem Selbe gerechnet) Ware bestellt. Der Hand­werker hatte hocherfreut die Lieferung besorgt. Al­es aber nachher ans Zahlen gehen sollte, da bet> jagte der edle Grande. Nach vielfachen Mahnungen blieb dem Bäcker nichts anderes übrig, als den Kadi anzurufen. In der damaligen Zett aber waren die Edelleute von fast unumschränkter Macht, und alles beugte sich chrem Uebermut. Der Richter be­fand sich also in begreiflicher Verlegenheit. Um nicht die Rache des EdeluianueS auf sein Haupt zu beschwören, traf er die Entscheidung, daß dieser die Summe in jährlichen Raten von je 100 Mark ab- zutragen habe. Der arme Gläubiger, der sein Geld bitter nötig brauchte, saßie den beherzten Entschluß, sich direkt an den Papst zu wenden im vollen Ver- trauen, er werde der Gerechtigkeit zum Siege ver­helfen. Und hierin sollte er sich nicht getäuscht haben. Der Papst ließ den Richter rufen, und sprach zu diesem: „Der Bäcker hat lange genug gewartet und braucht sein Geld. Du, Richter, wirft es binnen acht Tage» aus deiner Tasche zahlen. Da« Geld kannst du dann deinerseits von dem Gbelmanne einfordern, und wenn du, deiner R^htsprechung gemäß, zchn Jahre darauf warten willst, so habe ch g„ k„ W)«.

„en Woche fand in Rußland eme Revision der

Straßen statt, welche zu dem großen Automobil- rennen von Petersburg nach Sewastopol benutzt werden sollen. Man ist in Rußland nicht gewöhnt, hohe Anforderungen an den Zustand der Chausseen zu stelleii, doch die Straßen des Gouvernements Charkow machten einen derartig vorsintflutlichen Eindruck, daß auch das milde Herz der Revisions- kommissare ergrimmte. Nicht nur, daß der Wagen, in welchem die hohen Herren fuhren, fortgesetzt nach rechts, links, vor- und rückwärts schwankend in die Löcher fiel, wie ein auf hrcher See vom Sturm ge­schleudertes Schiff, nein, von Zett zu Zett sperrte ein tiefer, im Laufe der Zeit von selbst enfftandener Graben die Chaussee rechtwinklig zu einer Fahrt­richtung und nur der langjährigen Routine des gouvernementseingÄorenen Rosselenkers war eS zu danken, daß die hohen Herren nicht unversehens in einer Regenpfütze sich wiedetsahen. Noch im Ge- fühl der Püffe und Stöße ihrer Schreckensfahrt lebenb, setzten sich diese slugS nieder und richteten an den Provinziallandtag des Gouvernements Charkow ein würdevolles Schreiben mit der Auf­forderung, die Wege, besonders mit Rücksicht auf die Beteiligung bidet hoher Würdenträger an den bevorstehenden Rennen, in einen zeitgemäßeren Zu­stand zu versetzen. Doch man denke sich, wie wenig Respekt die Abgeordneten deS ProvinziallandtageS von Ckarkow vor Benzin, Exzellenzen und (Schreiben mit Amtssiegeln haben. Ihr flugs urrd deutlich gegebene Arttwort lautet: „Wir sehen nicht ein, warum die Automobilisten auf beffein Wegen fahren sollen als wir. Biogen sie sich daran ge­wöhnen." t ...

- DaS Kochexamen der Brant. Das norwegische Parlament, das den Ruf genießt, in ^rauenfro^en besonders sortschritttich gesinnt r» sem, hat sich schon mehrfach damit beschäftigt, bie Eheschließungen von einer Reche von Vorbedingungen abhängig zu machen. Nun haben die norwegischen Abgeoordne- ten sich auch mit dem Plan beschäftigt, ent regel­rechtes Heiratsexamen einzuführen; jede Braut, die mtt dem Geliebten vor den Slltar treten will, muß vorher dem Staate den Nachweis er­bringen, daß sie imstande ift, zu nähen, zu wasche« »ich vor allem selbständig zu kochen. Diese Prü«