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M 205.

Zrektag 8. September 19U

38. ratzrgang.

* fuldaer U Leitung «

2. Blatt.

unb Berlag b« $wiba« Heftenbrufleref in gMlba.

c? Steuerfragen.

Steuern sind eine staaiswirtschastliche Notwendig­keit und die wachsenden Ausgaben des Staates brin­gen es naturgemäß mit sich, daß auch seine Bedürf­nisse steigen und folglich seine Einnahmequellen, und das sind ja in erster Linie die Steuern, reichlicher Meßen muffen. Bekanntlich soll vom nächsten Jahre ab die preußische Einkommensteuer eine Erhöhung er­fahren, insofern, als die Zuschläge, die bisher pro­visorisch erhoben wurden, definitiv festgelegt werden sollen. Prakstsch würde das, soweit die Staatsein- ikommensteuer in Betracht kommt, ja keine Erhöhung her Steuer bedeuten, wenn nicht ein zweites Moment hinzukäme. Das ist der Umstand, daß mit einer Stei­gerung der Staatseinkommensteuer gleichzeitig auch die Kommunalsteuern, die ja auf Grund der ersteren er­hoben werden, sich von selbst fteigem. Wenn man auch anerkennen will, daß eine Steigerung der Einnahme­quellen des Staates nötig ist, so fragt es sich doch, ob auch die dadurch bedingte Steigerung der Kommunal­steuern gerechtfertigt ist. Diese Frage ist um so berech­tigter, als die vom Volk zu tragende Steuerlast in weiten Kreisen vielfach als eine drückende empfunden Wird. Es ist daher begreiflich, wenn sich innerhalb der Bevölkerung eine gewisse Beunruhigung über die erneute Vermehrung der Steuerlast bemerkbar macht, der nach dem oben Gesagten eine gewiffe Berechtigung Nicht abzusprechen ist. .

In einer Zuschrift an die „Kreuzzettung" werden nach dieser Richtung hin einige beachtenswerte Vor­schläge gemacht. Der Verfasser beschäftigt sich zunächst mit der Frage der Kommunalsteuern und meint mit Recht, es bestehe keine unbedingte Notwendigkeit, durch eine Erhöhung der direkten Staatslasten auch ohne weiteres eine Varmehrung der Gemeindeeinkünfte im­mer herbeizuführen. Vielmehr empfehle es sich, bei einer etwaigen Erhöhung der staatlichen Einkommen­steuer für die Zukunft diesen Zuschlag der Gemeinde gegenüber in irgendwelcher Form zu immunisieren, sodaß sie mit ihrer Besteuerung zunächst nur auf den bisherigen Betrag der ©teuerleiftuitg des einzelnen Zensiien angewiesen ist und ihren Zu­schlägen die Mehrleistung für den Staat nicht ohne weiteres zugrunde zu legen hat. Weiter macht die Zuschrift darauf aufmerksam, daß die geltenden Grundsätze der Besteuerung nicht überall restlos durch­geführt und für die Staatskaffe nutzbar gemacht wor­den seien. Es erscheint dem Verfasser nicht ausge­schlossen, »daß eine Erweiterung unseres direkten Steuersystems überhaupt nicht nötig sein wird, wenn man erst einmal das in der Theorie geltende Haupt- pcinzip desselben auch praktisch wirklich zur Anwen­dung gebracht haben wird.

Theoretisch beruht die preußische Einkommen­steuer auf dem Grundsätze dec Leistungsfähig­keit, welcher fordert, daß die Steuerleistung der Lei- stuiwsfähigkeir angemeffen sein soll, wobei nach unten hin mit Rücksicht auf das sogenannte Existenzniinimum

bei einem bestimmten Einkommen Steuerfreiheit ein­tritt, während nach oben die fiskalischen Anforderun­gen mit steigender Leistungsfähigkeit nicht nur absolut, sondern auch relativ zunehmen und durch Hinzufü­gung der Ergänzungs- oder Vermögenssteuer das Be- sitzeinkommen gegenüber dem Arbeitseinkommen noch besonders belastet ist. Praktisch wird aber die An­wendung dieses löblichen Grundsatzes wesentlich durch­brochen und aufgehalten durch die zu m e ch a n i s ch- materielle Fassung des Begriffes der Leistungs­fähigkeit. Dagegen dürste es unbestreitbar sein, daß die Leistungssähigkeit der Steuerzahler mit demselben Einkommen tatsächlich doch sehr verschiebt ist. Und daß dem Staate sehr erhebliche Neueinkunfte erschlossen Werden können, wenn die Gesetzgebung erst einmal dazu übergegangen fein wird, die Leistungsfähigkeit des Steuerzahlers nicht nur äußerlich und mechanisch nach dem Einkommen, sondern auch nach den ratsächlichen Verhältnissen einzuschätzen und zu besteuern Erst wenn der Grundsatz der Leistungsfähigkert vollständig durch- oeföhrt sei und sestgchellt werde, welcher Mehrbedarf an Steuern dann noch vorhanden fei, könne dazu überge­gangen werden, eine allgemeine Erhöhung der direk­ten Steuern herbeizuführen. ,

Das sind sehr beachtenswerte Vorschläge, die einer eirroehenden Prüfling wett stnd. Was in der Zu­schrift von der Feststellung dec Leistungsfähigkeit des einzeli.cn Steuerzahlers gesagt wird, ist ja durchaus gutreffenb, ober in bet tvirb boeb nicyt gnt so leicht sein, die Leistungssähigkeit des einzelnen Steuerzahlers genau festzulegen.

Deutsches Reich.

* Block ober Großblock? Ein Zukunftsbild von Dr. Otto Arend im „Tag-: „Es war im Sommer 1912, die Reichstagswahlen im Januar 1912 hatten das vom deutschen Liberalismus erhoffte Er­gebnis gehabt, die Mehrheit des „schwarz-blauen Blocks- war vernichtet. Die Stichwahlen brachten der Umsturzpartei nie geahnte Erfolge. Mehr als 140 Mann stark kehrte die Sozialdemokratie in den Reichs­tag zurück. Zentrum, Polen, Welfen, Elsässer waren ebenso stark, in den Rest von 112 Mandaten teilten sich die Rechte und Linke, die Fortschrittspartei war auf 30, die nationalliberale Partei gleichfalls auf 30 Man­date zurückgegangen, die gesamte Rechre hatte nur 52 Plätze inne. In allen nationalen Fragen stimmten Polen, Welfen, Elsäfler mit der äußersten Linken, und es war deshalb nötig, daß das Zentrum geschlossen dafür sttmmte, wenn irgend eine nationale Forderung durchgesetzt werden sollte. Aber auch sonst erwies sich jede positive Gesetzgebung ohne das Zentrum als unmöglich. Denn gerade die Stärke der Sozialdemokratie verpflichtete sie, ihren grundsätzlichen Standvunkt schärfer als früher zur Geltung zu bringen. In den fortschrittlichen Kreisen war man lief verstimmt, die kleine Fraktton hatte je­den Einfluß verloren. Man bedurfte ihrer weder rechts noch links. Die alte Zolltarifmehrheit einerseits und die nationale Mehrheit anderseits kamen nie ohne Zentrum, aber ganz ohne Fortschritt zusammen. Die verbündeten Regierungen konnten nicht mehr mit wech­selnden Mehrheiten rechnen, cs gab vielmehr nur eine Mehrheit, die Zentrumsmehrheit, welcher der Libera­lismus willig oder unwillig Gefolgschaft leisten mußte, wenn er nicht in völlige Abhängigkeit von der So­zialdemokrane geraten wollte. Die Liberalen waren ausgezogen, um den „schwarz-blauen- Block zu be­kämpfen, und hatten erreicht, daß die S ch w a cz e n allein das Heft in b i e Hand bekamen. Die unheilvollen Wirkungen der Großblockpolitik tra­ten so klar zutage, daß eine Umkehr der Geister sich notwendig vollziehen mußte. Die Beziehungen zwischen dec Rechien und der Linken gestalteten sich wieder freundlicher. Die liberalen Hoffnungen, daß die Sozialdemokratie zu einer positiven Volkspartei auswachsen könnte, waren bitter enttäuscht. Jetzt entstand eine liberale G e g e n b e w e g u n g ge­gen die Großblockideen, die davon ausging, daß die Lebensbedingungen des Liberalismus eine Front­stellung gegen das Zentrum und Sozial­demokratie bedingen, daß aber jede Stärkung der Sozialdenwkratie die Machtstellung des Zentrums erhöht und daß wie der Erfolg der Blockwahlen von 1907 bewiesen hat, nur die Niederwerfung der Sozial- demokratte die Vorherrschaft des Zentrums erschüttern kann. Gibt es keinen Weg zurück zu der allein gesun­den Politik des Blocks der bürgerlichen Partei, und muß das Blendwerk der G ro ß b l o ck i b e e uns ech in ben Sumpf hineingelockt haben, ehe wir toiebet klar sehen über das, was für Deutschlands Zukunft notwendig ist?" - • • ... v

-T- Einschulung gewerblicher Lehrlinge in länd­liche Fortbildungsschulen. Vielfach besteht die An­sicht, daß die gewerblichen Lehrlinge in besonderen gewerblichen Fortbildungsschulen emzuschuten sind, sobald ihre Zahl baut irgend au-reicht. Der Handelsminister hat aber, in ilebereinstimmung mit dem Landwirtschcistsminister verfügt, daß die Zer- spiittenmg nach Möglichkeit zu verme den ist. Eine solche liegt nicht im Interesse des Fortbilduugs- schulwcsens, und cs besteht die Absicht, die Grün­dung zweier Schulen möglichst zu vermeiden, vielmehr, wo möglich, eine gemeinschaftliche Schule zweckmäßig auszubauen. Solange die gewerblichen Lehrlingen nicht der Zahl nach überwiegen, wird es auch angängig sein, eine neue Kiassenbildung zu vermeiden. Beträgt die Zahl der Lehrlinge in einer Fortbildungsschule nicht mehr als 30, so haben die Handwerker die Wahl zwischen einer gemeinschaft­lichen Fortbildungsschule mit den Landwirten, mit dreikla stgem Ausbau und einer einklassigen gewerb­lichen Fortbildungsschule. In diesem Falle kann die Wahi nicht schwer fallen. Steigt die Zahl der gewerblichen Lehrlinge ausnahmsweise auf dem Lande auf 50, so liegt nahe, daß eine gemeiuschafl- liebe Fortbildungsschule mit 3 oder 4 anfsteigenden Klaffen einer L klassigen gewerblichen vorzuziehen ist.

Ausland.

♦♦ Französische Antimilitaristen vor Gericht. Der Leiter der anttmilitarfftischen Zeitung Guerre sociale Auroy wurde vor dem Geschworenengericht zu vier Monaren Gefängnis verurteilt wegen eines Arttkels, der das Andenken an den Oberst Moll verunglimpfte. Auroy wurde ferner zu acht Monaten, der anttmili- tacistische Agitator Hervö zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt wegen einer in der „Guerre sociale" ver- öffenttichten Analogie von Taten, die als Mocde an­gesehen werden müßten. Aucoy und Hervs wurden endlich zu einem und der Zeichner Lay zu zwei Mo­naten Gefängnis wegen Beleidigung der Armee ver­urteilt.

* Die Sorglosigkeit der portugiesischen Monarchie, eine Ursache ihres Falles. Der jetzige Präsident Arriaga gehört ebenso wie sein unterlegener Mitbe­werber Bernardino Machado zum linken radikalen Flügel dec republikanischen Partei. Er war, wie schon kurz bemerkt, zeillebens ein republikanischer Agitator und bekämpfte die Monarchie schon zu den Zeiten der Könige Pedro VI. und Ludwig I., als der Thron des Hauses Koburg-Braganza noch fest zu stehen schien. Bezeichnend für die Sorglosigkeit dec Monarchie fft die Tatsache, daß König Ludwig I. einem solchen Manne eine Professur an der berühmten Lan­desuniversität Coimbra übertrug und ihn auch spä­ter als Rektor dieser Hochschule bestätigte. Den Republikanern wird es kaum beifallen, jetzt einem Royalisten auch nur den unbedeutendsten Staatsposten zu gewähren. Indessen hat Arriaga an ben revolu­tionären Gewalttaten seiner Partei keinen tätigen An­teil genommen, weder an dem Königsmord vom 1. Februar 1908 noch an den Ereignissen vom 4. Okto­ber 1910. Ec war der diskrete Ratgeber der Partei, deren Oberhaupt Braga ibn nach der Proklamierung der Republik zum Generalpcokucaior ernannte. In politischer Hinsicht ist er, wie alle anderen Radikalen, ein eifriger Anhänger der Kirchentrennung und dec Monarchistenverfolgung, und man gibt sich einem ganz unberechtigten Optimismus hin, von sei­ner Regierung in irgend einem Punkte weises Matz- halten zu erwarten.

Arni Geisa und Umgebung.

* Vacha, 8. Sept. 1911. Sine begrüßenswerte Neuerung hat die Staatsregierung dadurch geschaffen, daß sie jetzt an ben Wohnungen der Gendarmerie­wachtmeister Schilder anbringen läßt, die die Auf­schrift tragen: „Großherzogliche Gendacmeriestaiion".

* Dermbach, 8. Sept. 1911. An ben Folgen eines Beinbruchs starb im hiesigen Krankenhause Frau Schlotzhauer aus ber Reismühle bei Sechsen.

* Stadtlengsfeld, 8. Sept. 1911. Gestern sind sämtliche Feuerwehren der hiesigen Gegend alarmiert worden, um sich zu einem großen Kesseltrei­ben zur Einkreisung des Wilderers Klotzbach am Bayerberge zu versammeln. Klotzbach soll dort ge­sehen worden fein.

* Oechsen, 8. Sept. 1911. Das Gewerkschaftsge- länbe Hut sich insofern verändert, als ein Bahndamm zwischen Niederöchsen und den Schächten angelegt wird. Davon zweigt bann der Damm in westlicher Richtung nach Mieswarts ab. In 2 bis 3 Monaten wird bie Bahnlinie fertig gestellt fein. — Auf ber Gewerkschaft „Heiligenmühle" wurden 60 auswär­tige Arbeiter eingestellt. Da sie jedoch mit denselben nicht die besten Erfahrungen gemacht hat, erhielt die Mehrzahl ihre Abkehr. Gegenwärtig werden fast ausschließlich Arbeiter von hier, Gehaus, Wölfer­bütt, 9JIartengart und nächster Umgebung beschäftigt

* Wölferbütt, 8. Sept. 1911. Hier grassiert schon seit ta. 5 Wochen unter den kleineren Kindern dec Keuchhusten; bei vielen Kindern, wo diose Krankheit besonders stark auftritt, ift heftiges Bluten aus Mmid und Rase mit verbunden. Die Krankheit hat einen derartigen Umfang angenommen, daß fast kein Haus vorhanden ist, in welchem nicht eins ober mehrere Kinber erkrankt sinb.

Aus Gberheffen u. den Hess. Aenüern.

* Fnmkenberg, 8. Sept. 1911. Die seit längerer Zeit hier umgehenden Gerüchte, wonach bie geplante

Dahn Gemüuden-Frankenbrrg tm nächst« Jahr vorerst nur bis Haina wettergebaut werdm und bann zunächst bie Bahn Gemünden-Kirch- ijain in Angriff genommen werden soll, erfahren im Fr. Kreisbl. eine Bestätigung. Es heißt da: ... Nebenbahn Gemünde n—K irchhaiu ift bereits vor drei Jahren durch Gesetz genehmigt worden, mutz also ausgebaut werden. Der Kreis Kirch- v?tn' aer seit undenklichen Zeiten mit keiner neuen Staatsbahn bedacht worden war, kann wohl verlangen, daß endlich der nördliche Teil mit der Eisenbahnstation Kirchhain verbunden werde. Der Bau der Eisenbahn Gemünden—Frankenberg ist für das nächste Jahr noch nicht in Aussicht genommen worden, da wegen anderen dringenderen Eisenbahnbauten die Mittel nicht vorhanden sind. Um übrigens den guten Willen zu betätigen, hatte die Königliche Eisenbahnverwal- tung vorläufig die Fortsetzung nur bis Haina in An. regung gebracht, ohne den Gedanken zu hegen, dort Halt zu machen. Die Eisenbahn bis Frankenberg soll zweifellos gebaut werden. Ist nun dem Kreise der Ausbau der ersten Strecke, vorläufig von Gemünden bis Haina unerwünscht, so hat der Kreistag das Recht, die Bewilligung der Gelder für den Erwerb des Ge­ländes abzulehnen. Die Stadt Frankenberg hat' vor­läufig keinen Grund, sich zu beklagen, denn sie ist mit mehr Eisenbahnen bedacht worden, als ihr je ahnen konnte.

* Homberg, 7. Sept. 1911. Dem Gemeinderech­ner Karl Trieschmann zu Mosheim im Kreise Homberg würbe bas Allgemeine Ehrenzeichen ver­liehen.

* Ungebanten, 8. Sept. 1911. In ber Nacht auf Mittwoch würben bie hiesigen Bewohner bucch Feueralarm aus bem Schlafe geschreckt. Auf bis jetzt noch nicht aufgeklärte Weise war in einem Schuppen des Pfarrgrundstücks Holz in Brand ge­raten. Zum Glück wurde bas Feuer rechkzeittg be­merkt und konnte, ehe es größere Ausbehnung an­nahm, von ber sofort herbeigeeilten Feuerwehr nach ca. halbstünbiger Tätigkeit gelöscht werben.

* Niederstein, 8. Sept. 1911. In Anwesenheit von etwa 3000 Teilnehmern mit 30 Kriegervereins- sahnen würbe hier am Samstag bas erste Krie­gerdenkmal im Kreise Fritzlar eingeweiht.

♦ Gleichen, 8. Sept. 1911. Am Sonntag eat-, stand auf dem Wartberge ein Brand, der rasch' größeren Umfang annahm. Herbeigeeilten Be- wohnern von Kirchberg und G-eichen gelang es zwar, das Feuer zu dämpfen; aber der angerichtete Scha­den an dem jungen Tannenbestand auf G'eicher Seite beläuft sich doch auf ein paar hundert Mark.

vermischtes.

* Nachdem sie Zwetschen gegessen hatte, nahm in Feime bei Saarbrücken eine junge Frau Fruchteis, worauf sie nach wenigen Stunden so schwer erkrankte, daß sie starb.

* Was man in Berlin alles finden kann. Man darf sich hin und wieder die Mühe nicht verdrießen lassen, amtliche Berichte, und seien sie noch so trocken, durchzulesen. Wer genügend Sinn für Humor be- sitzt, den wird selbst der Bericht des „Berliner Fund­büros" interessieren. Ein sehr großer Teil der ge- fundenen „Gegenstände" rekrutiert sich aus dem Tier­reich; so führt der Bericht vom 1. September nicht weniger als 148 Hunde auf, 6 Kanarienvögel, 4 Pa­pageien, ja sogar ein Schwein fehlt nicht. 21 Ringe, 35 Schmucksachen von Damen, tote Armbänder, Bro­schen usw. 12 Stöcke, 115 Schirme, 159 sonstige Be­kleidungsgegenstände, 6 Zwicker, 7 Brillen, 40 Uhren, 83 Portemonnaies und bare Geldbeträge harren auf auf dem Büro ihres Besitzers; auch Gegenstände, die man schwer verlieren kann, wurden abgegeben, da­runter 11 Fahrräder, 6 photographische Apparate, 5 Wagen u. a. m. Selbst von 6 Trauringen trennten sich ihre Besitzer, ob freiwillig oder unfreiwillig, wird nicht betraten. Jedenfalls dürste der Verlust der 4 Gebisse für die davon Betroffenen recht schmerzlich gewesen fein.

* Die Typhnsepidemie in dem Faluncr Jnfanterie- Negiment, über deren Ausbruch wir seinerzeit berich­teten, nimmt größeren Umfang an. Es ist festgestellt, so berichtet man aus Stockholm, daß im ganzen von dem Regiment 717 Soldaten von verseuchtem Bier, das in einer Faluner Brauerei hergestellt wurde, getrunken haben. Auch Brauereiangestellte liegen krank. Da eine Weiterverbreitung der Seuche befürchtet wird, ist das Regiment von der Oeffentlichkeit vollständig abge- schlossen.

* Nach Veruntreuung von 20 400 Mark, die er in amtlicher Eigenschaft erhalten hatte, i'ü der öfter»

Schloß Sonneck.

36" Roman von Felix Nabor.

Als die Kutsche abflibr. beugte sich Herr v. Sonneck nochmals heraus und seine Augen betrachteten ben alttn, lieben Bau. Da schoß ihm bas Wasser m bie Augen, denn es war doch zuviel, was ec zurückließ: dir Heimat, bas Erbe seiner Ahnen . . .

Auch Hilbe fühlte, wie ihr bie Tränen tarnen; aber sic kämpfte sie tapfer nieber. Niemand, selbst ihr Ba­tt c nicht, sollte sehen, wie wehe ihr bei Abschteb von dem alten, trauten Schlosse tat.

Langsam fuhren sie ben Schloßberg hinab. Drun­ten im Tale aber sang ber eherne Riese fein donnern­des Lieb — ihnen zum Hohn!

Als sie burchs Dorf fuhren, flogen bie Fenster auf unb bie Leute traten heraus auf bie Straße. Manner unb Frauen traten an ben Wagenschlag unb streckten bie braunen, wetterharten, ^erarbeiteten Hände hinein.

So viel Liebe unb Anhänglichkeit hatte Sonneck nicht erwartet; er drückte allen bewegt bie Hönde und sagte: „Lebt wohl!"

Da ging es wie ein Schluchzen durch bie Reihen, wie ein schmerzlicher Aufschrei. „Auf Wiedersehen!" tiefen die Leute, und bie ganze Siebe zu ber „gnäbigen Herrschaft" sprach aus biefen Worten.

Das Händeschütteln wollte kein Ende nehmen, das ganze Dors lief zusammen. Und als die Kutsche end­lich bavonrasselte, klang es aus hundert Kchlen: „Hoch der Herr Major! Hoch bas gnädige Fräulein! . . .

Tas klang wie lauter Protest gegen die neue Herr- schsst, von der bas Tors wohl nicht viel Glück er­wartete. . ..

Vstter unb Tochter sahen sich m bie Augen. Sie hatten nun bie Gewißheit, baß ihr Wirken nicht ver­gebens gewesen war unb baß sie nicht so bald ver- qessen sein würben. Das war doch em bißchen Lome, das warf boch ein wenig Licht auf ihren Lebens­weg. —

Währenb Sonneck unb Hilde bie Heimat verließen, stand Iris oben in bet verlassenen Villa unb sah ihnen weinend nach. Sie bedauerte aufs tieffte das Unglück dieser edlen Menschen, unb konnte doch nicht helfen. Ihre stillen Segenswünsche folgten ihnen nach unb bann bachte sie an Vikior, unb wo er wohl weilen mochte. Ein heißer Schmerz erfüllte sie: ber war ihr nun auch verloren! —

Zwei Wochen später traf Justizrat Buchner in bem Dorfe ein. Er ließ Iris ins Gastwirtshaus bit- ren, wo er ihr eröffnete, daß seine Nachforschungen ben Erfolg gehabt hätten. „Ich habe nicht nur eine Num­mer ber „Technischen Rundschau" entdeckt, in welcher auf die Erfindung Heinrich Bergmanns hingewiesen ist," sagte er, „sondern auch drei Firmen aufgefunden, die seinerzeit Maschinen von Bergmann bezogen. Ueberdies wurde das „Modell Bergmann" auf bie Na­men beider Stüber beim Patentamt angemeldet, einge­tragen unb gesetzlich geschützt. Auch bie Bücher unb bet Werkführer Wick geben barüber Aufschluß. Wäh­renb Leo Bergmann meistens auf Reisen war, hat Ihr Vater den technischen Betrieb geleitet, sodaß haupt­sächlich ihm der großartige Geschästsauffchwung der Firma zu verdanken ist. Ter Prozeß fft gewonnen. Ehe wir ober zum äußersten Mittel greifen, .will ich Bergmann einen gütlichen Vorschlag machen."

Iris freute sich, baß ihr Vater boch noch zu Ehren 'kommen sollte, und war mit allem einverstanden, was Buchner ihr vorschlug. Sie fürchtete jetzt den Kampf mit ihrem Onkel nicht mehr; vielmehr sah sie es nur als einen Akt der Gerechtigkeit an, wenn sie m ihr rechtmäßiges Erbe eingesetzt wurde.

Justizrat Buchner begab sich zur Fabrik Berg­manns. Dieser befand sich im Kontor unb war schlech­ter Laune. Wick hatte Klage erhoben unb bas Ur­teil war gefällt: Bergmann wurde zur Zahlung einer lebenslänglichen Rente verurteilt. Nun legte er Re­vision ein. —

Als ihm Buchner gemeldet wurde, sagte er: „Buchner? Kenn ich nicht. Was will der Mann? .. . Er mag kommen."

Buchner erklärte ihm kurz den Zweck seines Be­

suches und schloß: „Wie Sie sehen, Herr Bergmann, I habe ich das Recht, im Rainen meiner Klientin von Ihnen die Hälfte Ihres Vermögens zu verlangen. Sagen wir anderthalb bis zwei Millionen Reichs­mark."

Bergmann war völlig verblüfft. Er starrte Buch­ner wortlos an und schlug mit der Faust auf ben Tisch. „Herr, Sie sinb wohl verrückt?"

Der Justizrat schloß seine Mappe unb erhob sich. „Bitte, benehmen Sie sich anständig."

Auch ^Bergmann sprang auf. „Da soll ich wohl ruhig bleiben, wenn man mir so im Handumdrehen zwei Millionen abknöpfen will. 2lls ob das ein Pap- pensttel wäre?"

Der Justizrat zuckte die Schultern. „Ihrer Nichte muß ihr Recht werden —"

„Meiner Nichte, .... Eine Schlange ist sie —"

„Bitte. Fräulein Iris ist nicht Ihre Magd. Sie steht unter meinem Schutze. Vergessen Sie bas nicht."

„Na, hören Sie mal," brauste Bergmann auf, „biefe Belehrung verbitte ich mir. Sie wissen, scheint mir, nicht, mit wem Sie reben.* Mit einer groß­artigen Hanbbewegung beutete er hinaus nach den Fabrikgebäuden. Er blähte sich vor Stolz. „Das alles ist mein Werk," sagte er pompös. „Das habe ich aus dem Boden gestampft. Leben habe ich in das Tal gebracht, Arbeit, Geld! Die blühenden Ver­eine, alles ist mein Werk! Ich bin ber erste Bürger dieser Gemeinde — und da wollen Sie mit Lehren geben? Ich danke. Was das andere anbelangt, so kann ick darüber nur lachen. Ich bin kein Green­horn, sondern ein Wann, der etwas bedeutet in bet Welt."

Buchner lächelte ironisch. „Herr Bergmann, ich anerkenne alle Ihre Vorzüge," sagte er. „Aber das spielt jetzt keine Rolle, vielmehr handelt es sich nur darum, zu wissen, ob Sie Ihrer Nichte den Gewmn- anteil ihres Vaters ausbezahlen wollen oder mcht.

„Nein," schrie Bergmann, „unter keinen Umstan­den."

„Dann bleibt nichts übrig, als die gerichtliche Entscheidung, es wäre denn, daß ein gütlicher Ver­

gleich —"

„Kein Wort davon," rief Bergmann, „ich will mit Iris nichts mehr zu schaffen haben. Nicht einen ro- tcn Heller zahle ich."

„Gut," sagte Buchner, „so sind wir miteinander fertig, Herr Bergmann. Fräulein Iris kann unter solchen Umständen nicht mehr in Ihrem Hause blei­ben. Sie begleitet mich heute in die Residenz, wo sie geborgen ist. Ich habe die Ehre —'

Bergmann tobte. Ec lief; an den Arbeitern feinen Zorn aus, als et bie Fabrikräume durchschritt. Diese waten machtlos dagegen; aber in ihren Augen glühte der Haß.

14.

Viktor v. Sonneck weilte seit zwei Monaten an der Riviera Das war für ihn ein zauberhaftes Mär­chenland, ein Wunder an Schönheit. Palmenhaine, Olivenwälder, Pinien und Zypressen, wunderbar leuch- tenbe Blumenbeete zwischen Lorbeer unb Myctenge- büsch, Priemeln, Lilien, Veilchen unb Rosen, Tulpen unb Magnonen. Dort bie milde, sonnenklare Lust, die mit süßen Wohlgertichen erfüttt war, und übet all dieser Pracht ein tiefblauer, glänzender Himmel.

Und da braufeen bas Meer mit seinen blauen, von weißem Schaum gesäumten Wellen, bem geheim­nisvollen Rauschen unb dem schäumenden Wogenprall, mit bem boimemben Lieb ber Brandung — das große.

ewig-rauschende Meerl ™

Er wohnte in dem palmenumrauschten Mentone, ging aber jeden Tag hinaus nach Monte Cartm ä« dunkle Fels lockte ihn. Hier raus» - das Leben wte rin glänzender Strom ort fernem Aug war

vornehme Ge cllschaf aus « Könige und

hier vertreten, *ujwn «» @(M§dttei Alle Spra- ch^eckLeE alle Völker waren hier versammelt ukb schienen sich ein Stelldichein gegeben zu haben.

Nicht Glanz und Schönhett war es, was all die Tausende hiecherlockte — sondern das Gold!"

(Fortsetzung folgt.)