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JV2» 200.

Samrtag den 2. StpteinSer J9U

58. Jahrgang.

* Tuldaer» Leitung

,.v. 3. Bloh.

«wl Verlag der gelbe« ActiendruSerei

ii gelbe.

bequemere Reisende, der die Schnellzüge beliebt, von dem eigentlichen Land nicht» zu sehen befommt.

Mehrere Linien haben überhaupt keinen Schnell­verkehr. So braucht man für die Strecke Murcia- Granada zwei volle Tage. Auf der ganzen neuen Teilstrecke Baza—Guadix, die oie Bahnverbindung zwischen jenen Städten erst hergestellt hat, verkehrt täglich nur ein gewöhnlicher Zug, der in drei Stun­den 51 Klmtc. abrasselt! In Baza, einem großen Dorf, da» in hübscher Lage unter dem Schutze eine» alten, gänzlich zerfallenen Kastell» sich hinsiegelt, über- nachtet der Reisende, mit dem frohen Gefühl, 192 Klmtr. von morgens 9 bis nachmittag» 5 Uhr hinter sich gebracht zu haben.

Auf herrliche Orte bereite dich geziemend vor und nähere dich weltberühmten Landschaften mit Weile und Bedacht, du verwöhnter Kllometeffrefler unserer Zeit! So macht'» dir die spanische Bahnverwaltung klar, wenn du in jenem Zuge sitzest und Schatten der Ungeduld dich umfangen wollen.

Einen Zug gibt es im Lande, der seine Sache fast so gut macht tote hierzulande, der Blitzzug Peters­burg—Sevilla. Bon Köln bis Madrid braucht man 60 Stunden. Zwar etwas teuerer als bei unS, aber der Schmerz darüber läßt nach — sobald man seine Fahrkarte genommen und — bezahlt hat!

Das Reisen gilt in Spanien noch al» Strafe, schrieb vor etlicher Zeit die bekannte spanische Schrift­stellerin Emilia Pardo BazLn.

Der Morgenländer hält sich für verflucht von Al­lah und seinem Propheten, wenn er durch die Welt ziehm muß. Deshalb mußte Mohammed den höch­sten Htmmelslohn als Prämie aussetzen, wenn er der eingefleischten Reiseunlust seiner Gläubigen so be­gegnen wollte, daß der Jslamite die lange Wallfahrt gen Mella, der heiligen Stadt, dem Rom des Mor­genlandes, unternähme, und Hadschi werde, d. h. dec Mekkaceisende.

Man könnte es für ein Erbe der Araber an ihre Nachfahren, die heutigen Spanier, im Süden des Landes, ansehen, jene Reiselust, die kaum jemals einen Südspaniec in die anderen Länder Europas seine Schritte lenken läßt, es sei denn, daß die Reise zur See von statten gehen könnte. Als Seefahrer haben sich die Söhne JberienS bekanntlich einen Namen gemacht und fast die halbe Erdkugel mit spa­nischen Namen versehen. —

Das Reisen zu Lmide sei gefährlich, hört und liest man nicht selten. Zwei Landgendarmen, ein so- gmannter pareja, der Guarda civil, begleiten zwar jeden Zug mit geladenem Gewehr. Doch ist mir von verderblichen Mitmenschen weder im rauhen Norden und lachenden Süden, noch in den menschenleeren Oeden des inneren Sumpflandes irgend was mit- getetlt woöden. Die martialisch aussehenden ehe­maligen Soldaten Dienen höchstens zur Feststellung von llebertretungen der Bahnverordnungen — die, so dünkt mich, nur bei reichen Fremden vockamen. Unb was wird nicht alles in verwirrender Fülle unter dem Striche derStreckenfahrpläne in dem monat­lichen Kursbuch (guia official) klargemacht, was übertreten werden kann! Doch schafft auch der Fremdlisig mit der Zauberkraft des Duro (5 Pese­tas) das Schlimmste aus der Welt. Jeder Fremde gilt von vornherein als der Gast eines honetten Spa­niers, und die Gendarmen waren ost die einzigen Kinder des Landes, die mich auf langen Nachtfahrten begleiteten, lieber alles, was mein Herz begehrte, erhielt ich von ihnen Auskunft, über Land und Leute, gute und schlechte Büfetts an den Bahnhöfen, über das Trink- und Rauchbare usw. Niemals fand ich bei diesen schlecht besoldeten Waffenmännem eine solche Empfänglichkeit für freundliche Gaben, wie bei anderen Nationen unseres Kontinents.

Die Guardacivilbegleitung ist, abgesehen von eini­ger finanzieller Unterstützung seitens des Staates an wenige Linien, fast das einzige, was die Fürsorge des Staates dem öffentlichen Bahnverkehr zuwendet.

Dieser selbst untersteht bet Verwaltung von Pri­vaten, meistens auslänbischen Gesellschaften. Frank­reich ist in erster Linie hier beteiligt, dann kommt England, welches z. B. die einzige Linie zwischen dem südlichen Punkte de» Lande» mit Andalusien besitzt, die Strecke von Algeciras gegenüber Gibral­tar, nach Bobadilla. Eine herrliche Gegend, die diese Bahn durchquert. Bon den wenig schön aussehenden Korkeichenwäldern bet Algeciras kriecht sie die pracht­volle Sierra de Ronda hinan, übeichrückt die enge Schlucht bei Ronda mit ihrem tosenden Wasserfalle und bleibt nun auf erhabenen Höhen, die rechtt und llnks eine entzückende Fernsicht bietet.

Die Gesellschaften haben nur ein geldliches In­teresse an den Bahnen. Die persönliche Wohlfahrt de» Publikums tritt dabei zurück.

Unglaublich ist mitunter das rollmde Material. Maschinen, die „zwei Menschenalter fahren", ver­pusten den letzten dampfenden Atem, in treuer Arbeit und Pflicht. Sie-kommen schon in Antrieb, aber fahren beim Halten immer um eine Radlänge zurück, weil die Bremse versagt und die verschlissene Kurbel, wenn sie auf dem toten Punkte anlangt, sich auf diesem

nicht halten kann, sondern wieder heruntergeht.

Dien durchgehenden Züge haben zwar moderne Waschvorrichtungen und Kabinett, doch fehlt vielfach das Wasser und manches liegt in schmutziger Verwahr­losung.

Benutzest du aber, mein freundlicher Leser, einen gewöhnlichen Zug, so suche den verschwiegenen Ott vome Im Zug, im Gepäckwagen. Watte geduldig bis zur nächsten Station und bleibe dann dott hinter der Lokomotive, bis die zwtttnächste kommt. Spa­nisch sei deine Geduld, denn nicht feiten liegen die Stationen 20—30 Minuten von einander entfernt

Unendliche Langmut hat der Zug auch selbst. Btt der schönen Einrichtung, daß .die Stationen durch­gehend etwas mehr ober weniger wett von dem Orte entfernt liegen, wird das regelmäßige Sichverspätm bet spanischen Reisenden leicht erklärlich. Zum Be­lege einige kleine Erlebnisse.

Aus den spanischen Bahnen.

Von H. Nlex Steh mann.

I.

Ich hatte da» zweifelhafte Bergnügen, mehrere Monate lang alle paar Tage die Dienste der spani­schen Eisenbahn al» Tourist in Anspruch zu nehmen. Ihr danke ich e» vorzugsweise, daß ich rund um die ganze ibettsche Halbinstt und noch ein gutes Stück durch chr Innere- gezogen bin. Und zwar gründlich, mit der ganze« Langsamkeit und Eorglosigkett des Südens.

Erst sttt kurzem hat sich da» Bahnnetz in seiner südlichen Ausdehnung geschlossen. Da» Retz spannt sich nun zu drei Bierttttlen um die Peripherie de» Lande». Die letzt, fehlende Strafe war die von Baza nach Guadiz ta Hochandalusien.

Im Oktober 1848 Bef die erste Linie von Barce- lona nach Matarö (28 km). Im Vorjahre wurde die Landeshauptstadt Madrid mit Valencia direkt verbun­den. Die» ist die jüngst gebaute Strecke. Das Netz auf der LandeSpettphette steht an geeigneten Punkten mit der Zentrallmle in Verbindung, die Spanien vom Norden bis zum Süden durchzieht.

Durchweg gehen die schnellen Züge von den einzel­nen Landestellen nach Madrid zur Nachtzeit, desglei­chen die Schnellzüge von Madrid zur Provinz. Am Tage verkehren in der Siegel die langsamen Postzüge, sodaß der Fremdling, der nur die Bahn benutzt die

a Die Farbenphotographie.

Es ist noch nicht lange her, daß anerkannte Fach­leute die kopierbare Farbenphotographte grund­sätzlich für unmöglich bezeichneten. Man glaubte, daß die Gebrüder Lumtsre in der Herstellung farbiger, nicht kopierbarer Diapositive die Grenze be» Möglichm auf dem Gebttte dec Farbenphotographie erreicht hätten. !

Da machte Prof. Luther, wohl die bedeutendste Au« totttät auf dem Schiele der wissenschaftlichen Photo­graphie, in der Photographischen Rundschau (Jahr­gang 1909 Hefte 16 und 24) die Mitteilung, daß endlich das Problem der Farbenphotographte in kau« zu übertreffenber Vollkommenheit durch einen in Sttaßburg studierenden Russen, Boris Loun» dine, gelöst fet Nur zur llebettettung de» Vev- fahrens von der Theorie in die Praxi» feien noch einig« Verbesserungen vorzunehmen, womtt der Erfinder zur Seit beschäftigt sei.

DaS Verfahren der Gebrüder Lumitzre gründet sich darauf, daß eine Seite der Platte mü nur mi­kroskopisch wahrnehmbaren, orangenroten, grünen und violetten Stärkekörnchen bestreut ist (Farbenfilter oder Raster genannt), über welche sich dann eine licht­empfindliche Schicht zieht. Während btt den gewöhn­lichen photographischen Aufnahmen diese Schichtseite der Lichtwirkung miSgefefct wird, werden bei dem Lumitzreschen Verfahren die Platten von der Rück­seite den Lichtsttahlen auSaefetzt, die dann zunächst eine Gelbscheibe und dann den Facbenfilter passiere« müssen, bevor sie auf die empfindliche Schicht Witten. Hierdurch erhält man auf der Platte da» Bild in natürlichen Farben, das aber nicht in der Aussicht — also bei horizontaler Bettachtung — son» dem nur in der Durchsicht, also verttkal gegen das Licht gehalten, sichtbar ist. AuS diesem Grunde ist es in keinem Falle kopiecfähig. Da die Gelb­scheibe und der Faroeraster btt dem Lumitzreschen Ver­fahren zwei Hauptfaktoren sind, die außerordenüich biel Licht absorbieren müssen die Lumttzrttchen Plat­ten mindestens 40» bl» 50mal länger exponiert wer­den, al» bie» btt gewöhnlichen Platten ber Fall ist. Die» Lumitzresche Verfahren gehött neben dem Drei­farbendruck, den Llett Maxwttl bereit» im Jahre 1861 erwähn«, zu den indirekten Verfahren de» Photographierm».

Im Gegensatz hierzu steht die neu erfundene Me­thode. Loundine will direkt, gerade tote bei der gewöhnlichen Photographie, verfahren. Jahrttang haben sich erfolglos nach dieser Richtung Soebek, Bequerel, Poitevin, Lippmann und Jenker bemüht. Loudine erponiett also die äußerst empfindliche Platte ohne Gelbscheibe direkt von der Schichtseite, wodurch da» Bild in der Auffuht sichtbar und die Kopieffähig- kett garantiert wird. Die Exponieczeit kann je nach den Lichtverhältnissen selbst im Zimmer bis auf eine zehnttt Sttunde verkürzt werden. Die Diaposittve sind außerordentlich lichtdurchlässig, die Farben auch in ber Kopie bi» in die fttnsten Töne schaff unb von lebendiger Wirklichkeit. Die Behandlung der Plai- ten ist ebenso leicht wie die der Trockenplatten btt dem gewöhnliche» Photographieren.

Wie Loundine die farbigen Papiettopien heffteM, «st noch nicht bekannt, jedoch nicht mehr da» Entschei dende. Da da» Loundinesche Dnfahren zur öabd» farion fogut wie fertig ist und die Resultate von Fach, leuten anerkannt find, darf mit Bestumnthett vorausge- sagt werden, daß die Loundinesche Effrndung in der Photographie und der einschlägigen Jndustffe eine vollständige Umwälzung im Gefolge haben wird.

zu ihnen gehören die Lokomotiven der Schnellzüge. Der Lokomotivführer Brackhermer au8 Straßburg berichtet: Eine einzige Schnellzugs-Lokomotive rötete oder verletzte tödlich nach meinen eigenen Aufzeichnungen und Be­rechnungen Hunderte von 85gelx in entern Monat Nach einer einzigen Fahrt mtt dem Lloyd-Expreß 178 Straßburg - Ludwrgshafeu fand ich btt der Revistou der Maschine vor der Rauchkarnmertür... 2 Käuzchen, 1 arünfüßiges Rohrhuhn, 1 Drossel, 2 SraSmückeu, je 1 Goldammer, Hänfling und Grünfink, und im Alchen- faftengitter hingen ... 2 haldvettohlte Kegelschnädler. Wenn in Erwägung gezogen wttd, daß nur ein kleiner Teil, noch nicht 10 Prozent, aus oder an der Maschine liegen oder hängen bleibt, s- gibt die» ganz beträcht- liche Zahlen an Verlusten. Ferner muß erwogen werden, daß nicht fetten die aagebtüteten Eier oder Jungen verloren gehen, sttdst wenn nur eineHLlste des Eltern­paares getötet wird."

Nun bedeicke man die große und stttS wach­sende Zahl der immer schneller werdenden Schnell­züge. Tut demgegenüber der Staat seine Pflicht, wenn er in seinen ttgenen Waldungen Nistgelegen­heiten schafft unb im übrigen einige „Beihilfen" in Aussicht stellt? Nein, man wttd von ihm mehr fordern müssen, daß er überall aus eigenem An- triebe und auf eigene Kosten für Vogelschutz in großem Umfange Sorge trägt. DaS dürfte auch ohne übermäßige Kosten, namentlich für Land­erwerb, und ohne baß erhebliche Flächen ber Land­wirtschaft entzogen werden, erreichbar feilt. Es ist angeregt, die Totmhöfe zur Anlage von Vogelschutz- Hecken zu benutzen. Wenn Staat oder Provinz btt Kosten der Anlage übernehmen, werden sie schwer- lich auf Widerstand stoßen^ auch andere laudwitt« schaftlich nicht nutzbare Flachen dürsten bann zur

Eine statte halbe Stunde nach der fahrplanmäßi- gen Mfahrt hatte sich unser Zug tn Bewegung gesetzt. Niemand hatte die Abtttlttir zugehalten, aber auch nicht gerade fröhlich ausgffchaut, cllS alle fünf Mi­nuten ein verspäteter Fahrgast heranspazierte.

„Senner, Senner, kommen Sie Herl Hier ist Platz l* rief man den draußen Stehenden zu, der nach einem angenehmen Adrett suchte. „So komm doch! homhre! Ich fahre nur bi» zur nächsten Station. Ich kann auch ganz gut stehen. Platz ist

' War der Spätling endlich dazu entschlossen, s» packte man sein Gepäck unb verstaute es. Dann kam der Setreffenbe selbst und lehnte sich mtt dem Rücken an das Fenster.

--Mer warum stehen Sie doch, mein Lieber?"

•®€c Arzt hat e» mtt angeorbnet Das Sitzen schadet mir fo!'

, toetf der Mann zuletzt kam, daff er auf e5'n yaU stehen; das erlaubt einfach der Anstand nicht. Unb man tft doch ein höflicher Spanier!

snie stehen auf und nötigen ihn so, sich hinzu- H An Cordoba sprang jemand noch auf da» Trittbrett de» letzten Wagens, als dieser endlich Sn Rollen gekommen war. ES gdingt ihm in unser teil zu steigen. Voller Wut klagt er über die Un- zuvettäffigkett dec Bahn. „Caracho! sonst habe ich noch immer dreiviettel Stunden Zeit. Und heute dampft der vettl ... Zug schon eine halbe Stunde nach ber Zett, die im Fahrvlan steht, ab!" Der Ca­ballero will sich nicht beruhigen trotz der Wohlwollen- den Neckertten seiner Fahttgmoffen. Vielleicht stamme er aus einer Uhrmacherfamilie, daß er es mit der Zett so ernst nchme! —

Wie das Veamtenpersonal arbttitt, dafür em andere» Beispitt. Nur zu gewissen Stunden tft der Schalter für die Fahrkarten geöffnet. Das wäre noch nicht so schlimm, denkt mancher. Das ist mich btt uns so! In Spanien besteht außerdem die Einrich­tung, daß man tn jedem größeren Orte selbst ein despacho Central hat, meist Im ersten Hotel, wo man Fahttatten und Erkundigungen holen kann.

Ein halbe Stunde ober eine Stunde vor Abgang de» Zuges pflegt der Schalter Im Bahnhof geöffnet, eine Viertelstunde aber schon vor Abgang wieder ge­schlossen zu werden. Schutzleute sorgen dann dafür, daß jeder hübsch tn der Reche bleibt in dem langen Zuge, der sich früh vor dem Heinen Schalterfenster aufgfftellt hat und btt der effchreckllchen Langsamkeit der Abfertigung unendlich langsam vorwärts rückt.

Run wollte ich einmal tn ber Ebrostadt Zaragossq, einer der wenigen Großstädte de» Lande», ben Preis­unterschied zwischen der Fahtt in effter und zweiter Klaffe von Zaragoffa nach Barcttona In Erfahrung bringen. Ich trollte mich, von PonttuS zu Pllatu» geschickt, und endlich zum jefe de la estacion, dem Herrn Stationsvorsteher. Ueberall erhielt ich den­selben Bescheid. „Non sabbio, ich weiß eS nicht. Kommen Sie morgen wieder, Verehrtester. Mananal

Dieses verhängnisvolle manana! (morgen) I. Manana schwebt in der Atmosphäre des Lande», trösttt den Eingeborenen, setzt in Verzweiflung den Fremden und Uneingeweihten! In anderer Hinsicht nahm ich auch Äennmi» von der Gewissenhastigreft, mtt ber bie Beamten ihre» Amtes walten.

(Schluß folgt)

nutzen lassen. Unsre alten Landfttaßen erfreuen uns nicht selten durch eine Einfassung mit grüner dichter Hecke. An neueren Wegen finbet man sie nicht, vielmehr haben sie oft einen alten, von Hecken be- kränzten Weg verbrängt. Möglich, daß sie der Wege­baubehörde Belästigungen veruffachen. Aber sicher sind sie sehr vielfach anzulegen ohne eigentlichen Schaden. Welch gewaltige Dögel-Ansittielung könnte aber so geschaffen werden, zumal wenn auch die Bäume an den Wegen Nistkästen erhallen. So könnte der Staat mtt verhältnismäßig geringem Aufwande einigermaßen sühnen den Massenmord, den seine Schnellzugslokomotiven verüben.

Und diese Strt der Bögel-Ansiedelung hätte noch eine andere gute Seite. Der Landwirt wendet häu­fig ein: die Hecken bergen meist Raubzeug und Un­kraut. Nun läßt sich ja, wie erwähnt, über den Begriff „Raubzeug ftreüen. Aber ganz unbe­gründet ist der Emwand nicht. Schon ttn Weis­tum für Chiemsee on 1393 (Grimm, Welstümer, 8 S. 680) heißt eS über den „Bannzaun":

Wenn der Herr chn so verwildern lasse, daß dem Nachbar .durch BSgtt und dergleichen Schaden zu- gefügt wollt werden, so hat derselbe Nachbar wohl Macht, was über den Zaun aufgewachfen, ohne alle Widerrev unb Irrung deS ZaunS unb Grnndherren abzubauen".

Btt Beschreibung des landwirtschaftlichen Zu- standes von Hessen-Nassau sagt Mtttzen (Der Boden und die landwittschaftl. Verhältnisse des Prenß. Staats, 7 S. 213):

„Auch da? Muftfle Vmharidensem von ÄrenzraUieu, bunt) welche nicht nur beträchlliche Stücke Landes der Kultur entzogen, sondern auch Brut- unb Wacher« ftötten für tierische und pflanzliche Schädlinge erhalten werden, muß alS ein Uebelstand gelten."

Daraus ist zu entnehmen: Die Bogel-Nistge- legenheiten müssen, den wirtschaftlichen Verhältnis- feit angepaßt, am richtigen Orte angelegt und sie muffen fachgemäß unterhalten werden. Auf ge­eignete Plätze tft oben hingewiesen und richtige Uitterhaltmtg ist kaum besser zu gewährleisten, als durch chre Uebertragung an Forst- und Wegebau- Beamte.

Solche Anlagen würden zugleich die beste Be­lehrung bitten. Der Direttor der Winterschule Fulda beabsichtigt, in diesem Jahre mit seinen Schülern die berühmten Vogelschutzanlagen des Freihcrrn von Berlepsch zu Seebach im Kreise Lan­gensalza zu besuchen, und solcher Anschauungs­unterricht wäre allgemeiner möglich, wenn der Staat in der vorgeschlageuen Weise ben Vogelschutz in die Hand nähme. Sieht der Bauer, daß Felder bet Vogelschutzhecken besseren Ertrag liefern, dann wird er bereit fein, ebenfalls zu deren Anlage mtt- zuwirken.

Bisher haben Staat und Kommunalverbände zu wenig getan zur Unaeziefer-Bekämpfung. Man denke nur daran, daß die Mäuse, auf den Aeckeru bekämpft, einen allzu sicheren Unterschlupf finden in Eisenbahn- und Wegböschungen. Möge künftig der Staat an der Spitze maffchieren mtt selbstäw digen Unternehmungen im Kampfe gegen Unge- tiefer, im Schutze der Bogttwttt, und möge sein Vorgehen die Staatsbürger, namentlich die Latw- toirie anfeuern, zu eifriger Hilfe bei diesem für das künftige Gedeihen unseres Vaterlandes bisher nicht genügend beamteten Werke!

Vogelschutz.

Vorn Regierungsrat P. Illg n er in Hünfelv.

„Winzernot" bildtt m Frankreich und Deutsch­land den Gegenstand ernstester Sorge, nicht nur der unmittelbar Beteiligten, sondern auch der Parla­mente und Negierungen. Der Heu- und Sauer« tourm mit seinen Verwüstungen ist keinem Zeitungs- lefer unbekannt geblieben. Zn seiner Bekämpfung hat man viele Mittel versucht, gewaltige Geldsum« men aufgetoenbet — mtt geringem Erfolge, noch fpotitt das Ungeziefer der Menschen.

Und kann es nicht noch schlimmer werden? Wenn weiterhin das Ungeziefer überhand nimmt, droht nicht dieselbe Vermchtung, die jetzt die Re- ben bestände traf, allen Erzeugnissen der Landwitt- schafti

Der Weise baut vor! Darum ist von ganz all« fiemeinem Interesse der Krieg gegen das Ungezie- er, und allgemeine Beachtung verdient ein zunächst änf Bekämpfung des Heu- und Sauerwurms ab« zielender Erlaß des Regierungspräsidenten von Wiesbaden vom 3. November 1910. Dott heißt es unter Hinweis auf di« unzureichenden Erfolge des bisherigen Vorgehens:

„ES scheint geboten, auf bie natürliche, billige und guten Erfolg bringende Bekämpfung der Schädlinge durch unsere Vogelwelt hinzuweifen. Keine Kntturan- lagen, keine Obst-, Weinbau- und Blumenzucht und i leine Ernte wäre möglich, wenn nicht bie '-Högel mit ihrem schwer zu stillenden Hunger emsig und surchlbar unter den Feinden der Land- unb Forstwirtschaft auf« räumten. Sie leisten hier eine Arbeit, wie sie von Menschen in so wirksamer unb gründlicher Weise schwer­lich ausgeführt werden."

Aber das ist schon oft gepredigt worden, — ver­geblich. Daß die Vögel an Erbsen und Kirschen na« chen, das sieht der Besitzer, und sein Aerger über« chätzt den Schaden. Was der Vogelmagen an In» ekten enthält und an Unkrautsamen, das kann er nicht feststellen. Mer andere haben es sestgestellt, wie der angefiihtte Erlaß ergibt:

„In einem Gewächshaus waren drei hochstämmige Rosen von mehreren Tausend von Blattläusen be­deckt — eine Sumpfmeise die'man darin fliegen ließ, säuberte die Rosen von diesem Ungeziefer in wenigen Stunden. . . . Die Zahl der Schwerterlingseier, die eine Blaumeise vertilgt, beträgt erfahrungsgemäß .jährlich Millionen. Der bekannte Ornithologe Balba- mns bemerkte eine Zaungrasmücke auf dem Zweige deines Pstistchbaumes, wie sie eifrig pickte unb schluckte. Mit Hilfe eines Zeitmessers stellte er fest, baß in der ersten Minute 123, in der zweiten 118, in der dritten 110 Blattläuse vertilgt wurden. . . . Ein Grasmücken­pärchen mit nur drei Jungen . . . würde danach bei einem fünfmonatigen Aufenthalt in unserer Gegend etwa 40 Millionen Insekten befestigen."

Diese Angaben vermag der einzelne nicht nach- zuprüfen, er kann nicht mit dem Zeitmesser in der Hand beobachten. Aber wie vieles ist heute selbft- vefftändlich, das der Großvater nicht kannte, weil es erst späterhin die Gelehtten herausgesunden haben! Man denke nur an den künstlichen Dünger. Darum sollte man auch an den Mahnungen nicht vorüber­gehen, die alle Forscher der Bogttwell laut wer- den lassen und die in der Winzernot eine traurige Bestätigltng bereits gefunden haben.

$1 an wird noch einwenden: Wir töten ja keine nützlichen Vögel, und zu Großvaetrs Zeiten ist s doch auch gegangen ohne besonderen Vogelschutz. Hat inan wirklich keine „nützlichen" Vögel getötet? Wäre die Mäuseplage so arg, wenn man nicht je- den Kauz und Fallen als „Raubzeug" niederge- fnallt hätte? (Vergl. Bräsch, Zum Schutze der Raubvögel, in Zeitschr. Hessen-Nassau 1911, 63).

Bei jeder Verkoppelung (Zusammenlegung) wird darauf hingewiesen, daß der Vogelschutz, notwendig ist unb durch die Verkoppelung noch notwendiger wird, es werden staatliche Geldbeihilseu ange­boten für Anlage von Schutzhecken und Anbringung von Nistkästen. Wenn der Effolg bisher ein gerin­ger blieb, so ist daran nicht die Vettovvelnng schuld, sondern die mangelnde Einsicht. Belehrung also ist nötig, Belehrung der Kinder in den Schulen, der Jünglinge in den landwirtschaftlichen Vereinen. Wenn diese Belehrung fruchttt, bann wird die Ver­koppelung zum Schaden der Vogelwelt ausschlagen, vielmehr gute Gelegenheit bieten zur Durch- fühutng des Bogttschutzes.

lind ist denn die Verkoppelung alleinige Ur­sache des Schwindens von Niftgelegenheiten? Nein, oie „Ltullurfortschritte" überhaupt vernichten unab­sichtlich die Tierwelt in Wald, Feld, Wasser und Luft. Nicht die Vettoppelung an sich beseitigt He­cken, sondern sie weichen dem Bestreben, jeden Fuß­breit Landes zum Ertrage auszunutzen. Sehr lo­benswert ist dies an sich. Aber man daff dabei nicht kurzsichtig fein. Jeder Bauer weiß, daß et aus dem Boden nicht nur hernutznehmen darf, sondern auch ihm Nährstoffe zuführen muß, da sonst ihn der schwere Vorwurf träfe, Raubbau zu treiben. Aber wenn jetzt die Landwirtschaft so betrieben wird, daß die Vögel schwinden, daß die Ernten der Zu­kunft voraussichtlich von Ungeziefer vernichtet wer­den, was ist das anders als auch ein Raubbau? Der Landwirt erhalle sich die unentbehrliche Mit­arbeit der Vögel, der „berufenen Wächter des Gleich­gewichts zwischen Pflanzen- und Jnsektenreich" (von Berlepsch, Der gesamte Vogelschutz, und er erfülle siuch diesen Arbtttern ihre bescheidenen Ansprüche auf Wohnung und Nahrung.

Aber nicht die Latidwirte allein sind daran schuld, vielmehr ist fast jede Kulturerungenschaft den Vögeln verderblich, vor allem die Eifenbahnzüge. U^^^eugend ist dies geschildert in einem Aufsatze: ÄÄÄ 2.' NlN

dar Leben kostet, sondern daß weit mehr das bestän­dig fortschreitende Ausroben von Hecken und Büschen auf den Feldern, da? Riederschtagen und Lichten der Waldungen und Gehölze unb die Anlagen von Fa- brtten und Häusern bis weit hinaus auf da» Land die Schuld an dem Verschwinden der Singvögel tragen, da ihnen mehr unb mehr bie Gelegenheit zum Nisten entzogen wird. Doch gibt es noch andere Ursachen, auf die noch wenig aufmerksam gemacht worden ist;