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•je 199. ,

Srelt«() -e« September 191b

38. Jahrgang.

fuldaer W Leitung

2. Blatt

vr«ck und Verlag der Sulbc« Htüenbruderti in $nlba.

Deutscher Reich.

)( Ortskrankenkasse und Sozialdemokratie. In einer Arbeiterversammlung '"Dusseldors hatte der Vorsitzende des christlichen Gewerkschastskartells, Noven, die Behauptung ausgestellt, bet der An« stellung von Beamlerr in der dortigen unter sozial­demokratischer Verwaltung flehenden gemeinsamen Ortskrankenkasse werde weniger Wert auf eme ge­nügende Befähigung als auf s o z i a l d e m o k r a t r s ch e Gesinnung gelegt. Auch würde in der Orts- krankenkafse offen sozialdemokratische Agitation ge­trieben. Wegen dieser Behauptungen hatte der Kaffcnsührer Leyser gegen R. die Privatbcleidigungs- klage angestrengt. In der Verhandlung vor dem Schöffengericht konnte der Beklagte den Nachweis erbringen, daß die Anstellung der Beamten weniger nach der Befähigung als nach der sozial« demokrati chen Gesinnung erfolgt sei. Darauf zog Leyser seine Klage zurück. Wegen eines zweiten Vorwurfes, es werde sozialdemokratische Propaganda betrieben, kam ein Veraleich zustande.

** Verstorbene Reichstagsabgeordnete. Schmerz­liche Lücken hat der Tod seit 1907 gerade besonders stark in die Reihen des Reichstags-Zen­trums gerissen. So find zurzeit alle erledigten Mandate durch den Tod von Zentrumsabgeord­neten frei, nämlich das von Düsseldorf, von Kon­stanz und Ratibor. Im ganzen find insgesamt von 104 Zeiltrumsabgeordneten, die 1907 gewählt wurden, nicht weniger als ein volles Dutzend ver­storben, nämlich die Abgg. Prinz Arenberg, Das­bach, Franke, Hirschberg, Graf Hompesch, Hua, Hirsch, Dr. Rügenberg, Schmidt (Jmmenstadt), Schmidt (Warburg), Wattendorf und de Witt. Einen prozentual noch größeren Verlust hatten die Deutschkouservativen zu beklagen. Es starben nämlich folgende 8 konservative Abgg.: Arendt, Böning, v. Gesdorf, Nißler, Graf Stolberg- Wernigerode, v. Winterfeld, Zindler und Fürst Inn- und Knyphausen. Von den national- liberalen Abgeordneten starben folgende sechs: Detto, Graf Oriola, Quark, Reese, Schellhorn und v. Kaufmann. Die Sozialdemokraten ver­loren durch den Tod vier Abgeordnete: Auer, Ehr­hardt, Goldstein und Singer. Verhältnismäßig ge­ring war der Verlust der Fortschrittler: es starben die Abgg. Dr. Delbrück, Dr. Hermes und Schmidt (Halle). Von der Wirtschaftlichen Bereinigung starb Köhler und von der Re- f o r m P a r t e i Zimmermann. Bon den Polen starb von Starzynski und von den fraktionslosen Abgordneten: Keller. Die Rei-ch spartet hatte keinerlei Verluste. Im ganzen starben mithin 37 Reichslagsabgeordnete, fast 10 Prozent aller, von welchen auf die Zentrumsfraktion 12 oder etwa ein Drittel entfallen.

Aus Rirche und Schule.

* Dresden, 28. Aug. 1911. In den letzten 12 Monaten sind in Dresden bedeutsame Ue b e r - tritte zur katholischen Kirche erfolgt. Unter dell amerikanischen Konvertiten befindet sich die Gemahlin des amerikanischen Generalkonsuls Gaffney, die Tochter des Generals Henry, ersten amerikanischen Gouverneurs von Portorico, Miß Leutilhon aus der Familie Field. Auch die Baronin O'Byrn, die Gattin des militärischen Erziehers der sächsischen Prinzen, ist zur katholischen Kirche über­getreten. Ihr Gemahl entstammt einer alten iri­schen Familie.

Aus dem Rachbargebiete.

* Brückenau, 31. August 1911. Der Minister des Innern aenehmigte der Stadt Brückenau ein Statut, worauf von jetzt ab Fremde, welche in der Zett vom 15. Mai bis 15. September jeden Jahres sich länger als drei Tage, wobei der Tag der An- kuust nicht angerechnet wird, im Gemeindebezirk aufhaklen, eine Kurtaxe als örtliche Abgabe zu entrichten haben, welche für die Einzelperson 1 Mk., für eine Familie — wobei nur Ehefrau und Kinder als Familienqlieder gelten — 2 Mark beträgt.

* Göttingen, 3 k. August 1911. Bei der Station Etzenborn der Gartetakbah t geriet ein offener

Fiekirrurett- und Anzeigenter!

Güterwagen, welcher mit leeren Marktkörben und dergleichen befrachtet war, in Brand. Der Wagen fuhr direkt hinter der Lokomotive. Zum Glück wurde daS Feuer rechtzeitig bemerkt und so ein größerer Schaden verhütet.

* Aus Nassau, 31. August 1911. Nassau, das Land der Simultanschule, hatte früher auch eine Anzahl von Simultankirchen, die also von Evangelischen und Katholiken zu ihren Andachls­übungen benutzt wurden. Sie sind allerdings im Laufe der Zeit verschwunden, bis zuletzt nur noch eine vorhanden war, nämlich in Neuenhain im Taunus. Auch diese Simultankirche gehört bald der Vergangenheit an, da die Katholiken jetzt ein eigenes Gotteshaus bauen. Hoffentlich setzt sich der hier wirkende Grundsatz „Schiedlich — Friedlich" owohl für Kirchen als für Schulen im ganzen deutschen Vaterlande durch. — In einem Hotel in Wiesbaden wurde der berüchtigte Heirats­chwindler Thüringer festgenommen, der unter dem Namen v. Langen in Frankfurt und anderen deutschen Städten eine Anzahl von Frauen durch Heiratsversprechungen um ihr ganzes Vermögen gebracht hat. Bei dem Schwindler wurden noch über 10000 Mark in Bar vorgefunden. — Bei dem Umbau des Bahnhofes in Weilburg muß ein Teil des Flußbettes der Lahn verlegt werden. — Der einzige 18jährige Sohn des Justizrates Rinteln in Limburg hatte sich durch ein Furunkelgeschwür eine Blutvergiftung zugezogen, an deren Folgen er eines qualvollen Todes gestorben ist.

Furcht vor Strafe (er hatte sich Birnen von einem fremden Baume abgeworsen und war dabei erwischt worden) geflüchtet zu sein; geschlafen will er aus freiem Felde in der Nähe des Dorfes Leimbach haben. Man kann sich denken, daß die Freude der Eltern über das Wiedersehen ihres Sohnes groß war. Immerhin könnte dem Bürschchen, das auf diese Weise eine ganze Stadt in Aufregung gesetzt hat, eine Tracht Prügel nichts schaden.

* Heidenheim in der Rhön, 31. August 1911. Hier wollte die ll'/sjährige Tochter des Gastwirts Sanier auf einem Spiritusapparat Eier kochen. Sie goß Spiritus nach. Dabei explodierte die Kanne mit dem Spiritus. Das Mädchen erlitt schwere Brandwunden und starb bald darauf.

* Aus Thüringen, 31. Aug. 1911. Die neue Schule in Meiningen fertig und dec Bauleiter Ober­baurat Fritze hat das Kunststück fertig gebracht, den Kostenanschlag nicht zu überschreiten; ec hat sogar Geld übrig behalten. — In Schwarza wurde ein Werkführer im Schlaf von einem Insekt gestochen. Es entwickelte sich eine Blutvergiftung, die den Tod des rüstigen Mannes hecbeiführte. Der so jäh aus dem Leben Gerissene hinterläßt eine Frau mit drei Kin­dern. — Infolge der großen Hitze und Trockenheit, die einen schädigenden Einfluß auf die großen Blu­menanlagen ausgeübi hat, kann die für Köstritz in Aussicht genommene Blumenausstellung nicht stattfin­den. Gelitten haben namentlich die Rosen und Dah­lien, sodaß mancher Blumenzüchter auf Jahre hinaus seiner erzielten Kultucerfolge beraubt ist. — Ein drei­ster P o st s ch w i n d e l wurde in K o b u r g von einem Kellnerlehrling aus geführt. Dieser erhob seit viec Wochen die Postsachen des Kaufmanns Reif, nach­dem er sich überzeugt hatte, daß Postanweisungen oder Schecks im Fache lagen. Briefe und andere Sendun­gen vernichtete er. Mit dem Gelde, das er in Be­trägen von 20, 30 und 50 Mk. erhob, machte der junge Mann eine Reise nach Berlin, kaufte sich einen Photo- graphen-Aparat und das Buch „Der moderne Mensch". Jetzt kam der Schwindel heraus, und der Kellneclehr- ling und sein Komplize, ein Schusterlehrling, wurden festgenommen.

Aus Oberhessen u- den Hess. Remtern.

'△ Marburg, 31. Aug. 1911. Heute fand in her­gebrachter Weise das diesjährige KönigSprä- mienschießen des hiesigen JägerbakaillonS statt. Dm Meisterschuß mit 70 Ringen gab der Jäger Kers- bacher von der 3. Kompagnie ab. Er erhielt dm Ehrenhirschfänger. ,

♦ Marburg, 31. Aug. 1911. Der hiesige Metzger, meister M. Lang wurde aus Anlaß seines 70. Ge­burtstages zum Ehrenmitglied der Metzger innung ernannt. — Ein aufsehenerregender Fall, in öent Gericht und Irrenärzte über den Geistes­zustand einer Frau ganz entgegengesetzter Meinung sind, spielt sich in Marburg ab. Seit Jahren kämpft die Familie Albrecht, Mutter und Schwester, um die Entlaffung ihres nach ihrer Ansicht wider- rechtlich in der Irrenanstalt feftgebattenen Sohnes und Bruders. Statt die ersehnte Befreiung zu er­reichen, wurden jedoch beide, Mutter und Tochter, am lll.Dezember 1909, der Marburger und alsdann der Merxhausener Irrenanstalt überwiesen. Die Mutter und der Sohn befinden sich noch heute in der Anstalt, während die Tochter ihre Befreiung der Tatsache verdankt, daß der Direktor der Irrenanstalt alt in Merxhausen sie für „unheil­bar geisteskrank" erklärte und beim Marburger Gericht die Bestellung eines Pflegers beantragte. Das Marburger Gericht kam nun aber im Verlaufe der Verhandlung mit Frl. A. zu der Ansicht, daß diese durchaus nicht irrsinnig sei. Ihr ganzes Ver­halten sowohl in der Landesheilanstalt zu Mar­burg als auch im Landeshospital zu Merxhausen erkläre sich überzeugend auf die von ihr angegebene Weise aus der Verzweiflung und Empörung über die Macht- und Hilflosigkeit gegenüber dem an ihr begangenen Verbrechen der Freiheitsberaubung. Im Auftrage des Fräulein Albrecht werden nunmehr Schadensersahansprüche für sie wegen der wider­rechtlichen Einsperrung geltend gemacht werden.

* AuS dem Kreise Kirchhain, 31. August 1911. Am Sonntag war hier das Gerücht verbreitet, daß Zeppelin mit seinem Luftschiff die Gegend pas­sieren würde. Einige auswärtige Gäste brachten sogar die Hitzemeldung nach Kirchhain, daß das Luftschiff in Kleinseelheim bei der Lar.gschen Ziegelei den Schornstein umgerannt hätte. Es ist wenigstens gut, daß die Hundstage jetzt vorbei sind.

* Ziegenhain, 31. August 1911. Dem Fuß­gendarmeriewachtmeister Ludwig Böhm zu Gilser­berg im Kreise Ziegenhain, wurde das Allgemeine Ehenzeichen verliehen.

* Felsberg, 31. Aug. 1911. Der hiesige Bürger­verein hat die Errichtung eines größeren Restau­rationszeltes am Schloßberge beschlossen. Der Felsberger Schloßberg, der wegen seiner reizen­den Rundsicht alljährlich von vielen Fremden be­sucht wird, entbehrte bisher eines geigneten Raumes, in dem der Besucher sich erfrischen konnte. Die ge­plante Anlage ist auf 4000 Mark berechnet und dürfte die Frequenz unseres Schloßberges künftig wesentlich erhöhen.

* Metze, 31. Aug. 1911. Ein etwa zehnjähriges Mädchen, das ein Kind von zwei Jahren bei sich hatte, stürzte mit diesem aus einer geöffneten Windlade au: die Straße. Während das Mädchen sich einen Bruch des Handgelenkes zuzog, kam das Kind mir einigen Hautabschürfungen im Gesicht davon.

* Obervorschütz, 31. Aug. 1911. Der Mlihlenbe- sitzec August Wahl Hierselbst hatte das Unglück, von der Scheune herabzustürzen und sich schwere Verletz­ungen. zuzuziehen. Der Arzt stellte doppelte Rip­penbrüche fest.

„Dem Deutschen Kaiser und dem deutschen Volk gewidmet dom Kongreß der Vereinigten Staaten von Amekria als Wahrzeichen ununterbrochener Freund, chaft. (Nachbildung des Denkmals des Generals Friedrich Wilhelm August b. Steuden, geboren in Magdeburg 1730, gestorben im Staate Rcwyork 1794, errichtet in Washington in dankbarer Erinnerung fei« V?*lk ^"dienste im Freiheitskampf des amerikanischen

General v. Steuben hatte seine Jugendzeit im Feldlager zugebracht und zog später mit seinem Vater, der Ingenieur-Hauptmann war, nach Ruß­land. Mit 17 Jahren trat der junge Steuben als Fähnrich in das preußische Infanterie-Regiment v. Lestwitz em, machte unter Schwerin den sie­benjährigen Kr ieg mit und war längere Zeit Flügeladjutant des Königs Friedrich II. Im Jahre 1746 erhielt Steuben die nachgesuchte Ent­lassung und wanderte nach Amerika ans, wo er unter Washington seine Kriegslorbeeren Pflückte und Erneuerer der amerikanischen Ar­mee wurde. Am 3. November 1794 starb der der- dienstvolle Offizier auf seiner Farm in Oneide. Als Sonderbotschafter der Vereinigten Staaten, wird Rich. Bartholdi dem Kaiser das Steubendenk- mal übergeben. Er stammt aus Thüringen, kam im Knabenalter nach Amerika, erhielt dort eine gründliche Universitätsausbildung, und war als Cheftedakteur der St. Louis-Tribüne (1885—92) tätig. Seit 1893 ist er Mitglied des Kongreßes und gilt als einer der Hauptvertreter des Deutschtums im Kongreß.

Amt Geisa und Umgebung.

* Stadtlengsfeld, 31. August 1911. Nachts wurde die hiesige Bewohnerschaft durch Feuer­alarm aus dem Schlafe geweckt — aus sonder- barer Ursache. Der 13 Jahre alte Junge eines Schachihauerehepaars war bis zur Mitternachts- stunde noch nicht heimgekommen. Deshalb ließen die geängstigten Eltern die Feuerwehr alarmieren. Die Feuerwehr suchte alles, auch die benachbarten Waldungen, ab, jedoch ohne Erfolg. Anderen Tages in der Frühe stellte sich nun der „ver­lorene Sohn" von selbst ein. Er gab an, aus

vermischtes.

* Ein Unteroffizier des 53. Infanterie-Regiments in Köln entriß einer Same b a§ Handtäsch- chen und entfloh. Auf die Hilferufe der Dame wurde bet Täter verfolgt unb eingeholt. Er ist bem Militär­gefängnis eingeliefert worden.

* Das Potsdamer Steuben-Denkmal. Unter großem militärischen Gepränge wird am 2. Sep­tember in Anwesenheit des Kaisers in Pots­dam das Steuben-Denkmal enthüllt werden. Das Denkmal enthält auf der Frontseite des Sockels fol­gende Widmung:

* Die Cholerakrawalle in Italien. Die näheren Meldungen über die von der erregten Menge in Verbiearo verübten Ausschreitungen enthalten grauenerregende Einzelheiten. Dem Tumult sind mehrere Personen zum Opfer gefallen, darunter der Amtsdiener Amoroso, auf den die Bauern seit lan­gem einen Zorn hatten, weil er strenge seine Pflicht erfüllte, was den unwissenden Menschen ein großes Unrecht erschien. Als sie ihn im Tore des Ge­meindehauses erblickten, riefen sie sich zu: „Schlagt ihn tot, er hat uns die Not gebracht! Er ist an allem schuld! Er hat die Brunnen vergiftet!" Sie ergriffen ihn, marterten ihn zu Tode, schlugen ihm den Kopf ab und trugen Kopf und Rumpf im Triumph durch den Ort, bis Gendar­merie dem grausigen Spiel mit Waffengewalt ein Ende setzten. Die wütende Menge überrumpelte daun das Telegraphenamt, zerstörte die Leitungen unb Apparate unb hätte den einzigen Beamten sicher umgebracht, wenn er sich nicht durch einen kühnen Sprung aus dem Fenster in einen Garten gerettet hätte. "Der Bürgermeister und dessen Familie konn­ten entfliehen. Der Landrichter starb auf der Flucht am Herzschlag. Ein Polizeileutnant und 3 Gen­darmen, die einzige in diesem Nest verfügbare Macht, taten ihr Möglichstes, um den Tumult zu bemeistern. Auf Befehl des Leutnants machten die Gendarmen von ihren Waffen Gebrauch. Jetzt sind aus Cosenza 80 Gendarmen und eine Kompagnie Infanterie, der Untersuchungsrichter und der Staatsanwalt im Rebellenneste eingetroffen. Die Bevölkerung ist mit den Kranken in die Wälder geflüchtet und hat sich dort gelagert. — Mini-, sterpräsident Giolitti hat an den in Verbicaro an­wesenden Unterpröfekten von Paola telegraphiert: „Die Unordnungen von Verbicaro sind eine Schande für Italien; handeln sie maßvoll, aber energisch, ein Beispiel tut not." — Die Turnier Stampa veröffentlicht eine Unterredung mit Giolitti. Der Ministerpräsident sagte, die Tumulte von Ver­bicaro seien die Frucht des fürchterlichsten aller Vorurteile. Die Bauern glaubten, die Cholera wäre von Giftmischern verbreitet worden, um die Folgen der bei der letzten Volkszählung festgestellten Volks­vermehrung wettzumachen; gegen solchen Wahnsinn ist schwer aufzukommen. Die Regierung wird aber ihre Pflicht tun. . ___________________

Schloß Sonneck.

BO] Roman von Felix Nabor.

„Ich habe die Heimat verloren", sagte sie leise.

„Hilde — was sagst du?'

Sie nahm seine Hände in die ihren, erzählte ihm, wie alles gekommen war, und daß sie nun Hofdame bei der Prinzessin Franziska sei.

Viktor bedeckte das Gesicht mit den Händen unb sagte mit schluchzenber Stimme: „Unb all bas habe ich verfchulbet durch meinen Leichtsinn! All das Un­glück habe ich über euch gebracht." •

„Sag' das nicht, Viktor. Ich mach' bir kernen Vorwurf; es hat so kommen müssen." Ihr fiel der Auftrag des Vaters ein, aber sie brachte es nicht übers Herz, dem Bruder die Wahrheit zu sagen. Es war später immer noch Zeit dazu.

So leicht kam sie aber nicht weg. „Unb was sagt Papa?" fragte bet Kranke. „Wie trägt er es? Wie gehl es ihm? Kommt er nicht einmal, nach mir zu sehen? Hat er bir keinen Gruß aufgetragen? Du hast mir noch gar nichts gesagt."

Hilde blickte weg und schüttelte das Haupt. „Frage nicht, Viktor! —*

Da ähnle er, was geschehen war und ein jäher Schreck lag in seinen Augen. Er starrte Hilde ganz entsetzt an und stieß zögernd hervor: „Er — er ver­achtet mich? — Er hat mich — verstoßen," Die Hände legten sich fest auf feine Brust, als empfände er einen furchtbacen Schmerz da brinnen; die Augen schloffen sich unb er lag still unb regungslos wie ein Toter. Unter ben geschloffenen Lidern hervor aber perlten die Tränen.

Hübe saß ganz still und wagte kaum zu atmen. Unb als Viktor bann endlich die Augen auffchlug, Ker sie mit so flehenden Blicken an, baß sie von tleib hingerissen, ihre Scheu bewälttgte unb sein Gesicht zwischen die Hänbe nahm, um es zu küssen. >, Armer Bruder! —" , .. .,

; Er hielt sie mit beiden Armen fest. „Ich weiß Dicht, was ich tun werde, wenn ich gesund Mn , sagte

er. „Laß mir Zeit zur Überlegung. Aber wie es auch kommen mag, um eines bitte ich dich: verlaß du mich nicht, Hilde! Sonst habe ich gar keinen Menschen mehr, an ben ich mich anklammem kann."

Sie fuhr ihm über die bleiche Stirne. „Das ver­spreche ich bir, Viktor. Ich glaube, wir müssen beide von vom anfangen — du und ich! Um unseretwillen — unb wegen Papa! Es werden schwere Tage für uns alle kommen, aber wir wollen fest zusammen­halten."

Viktor ahnte, daß die Sorgen sich riesenhoch türm­ten. Er sah auch, daß Hilde nicht so glücklich war, wie er vorausgesetzt hatte; auch an ihrer Seele schien ein Kummer zu nagen. Er fragte nach ihrem Leben und wie es ihr gehe. Sie erzählte ihm bereitwillig, aber auf den Grund ihrer Seele ließ sie ihn doch nicht blicken.

Es war Wend, als Hilde von Viktor Abschied nahm. Als sie schon an der Tüc stand, bettelte er: „Nicht wahr, du siehst manchmal nach mir? Ich bin so ganz verlaffen. Kein Mensch kümrnett sich um mich! Wenn es auch nur einmal im Monat ist, Hilde! Ich freue mich darauf wie auf einen schönen, lichten Tag!"

Da eilte sie zu ihm zurück unb küßte ihn. „Ich komme, so oft ich kann. Wir gehören boch zusammen, wir sinb eines Blutes, Zweige von einem Stamm — echte Sonnecks! Es ist ein Gewitter über uns ge­kommen, unb bei Sturm hat uns gezaust, ober wir wollen stark bleiben im Glauben an uns selbst unb im Gottvertrauen. Die Sonne wirb wieber kommen!"

Ein ftoheS Leuchten trat in seine Augen; er brückte ihr dankbar die Hand und sah ihr nach, bis sich die Türe hinter ihr schloß.

Dann lag er wieder still unb suchte einen Weg, bet hineinführte ins Leben.

11.

Einige Tage später kam auch Iris, einer Auffoc- berung des Justizrats Buchner folgenb, in bie Resi­denz. Gar zu gerne hätte sie Hilde v. Sonneck aus­gesucht, aber sie fürchtete, sie gu belästigen unb wagte

sich nicht in bas vornehm abgeschloffene Palais hin­ein.

Der Justizrat war ein alter, ernster Herr, ber sich ihr als Jugenbfreunb ihres Vaters vorstellte. Er holte einen Aktenfaszikel unb begann feine Erläute­rungen. Danach stellte sich ber Fall in folgender Weise dar:

Der Vater von Iris, Heinrich Bergmann, brachte seine Lehrjahre in England in verschiedenen techni­schen Betrieben zu, war bann als Begleiter eines Ingenieurs nach Kleinasien unb in bie Türkei ge­kommen, wo er verschiedene Fabrikbetriebe ein richten half. Dort hielt ihn eine romantische Liebe fest unb et verheiratete sich mit einem schönen, aber armen Mäbchen. Balb kam er in Not unb wäre nun gerne in bie Heimat zurückgekehrt, allein es fehlten chm bie Mittel dazu.

Nun hatte aber ber junge Techniker eine Erfin­dung gemacht, auf bie er große Hoffnungen setzte; boch fehlte es ihm an Gelb, um sie zu verwerten. Es handelte sich um einen sinnreichen Mechanismus zur Kraftübertragung bet Maschinen, wodurch nicht nur ein kompliziertes Räderwerk unnötig, sondern auch bet ganze Bau bet Maschinen unb ber Betrieb vereinfacht würbe.

Von dieser Erfindung machte Heinrich Bergmann seinem Bruder Mitteilung unb zugleich ben Vor­schlag, biefelbe gemeinsam- auszunützen. Leo Berg­mann, ber nach des Justizrats Aussage von jeher ein schlauer Fuchs gewesen wat, witterte einen Vorteil unb verlangte detaillierte Zeichnungen. Heinrich sandte sie ihm, war aber fiug gewesen, seine Beding­ungen zu stellen, ehe er sein Geheimnis preisgab. Auch die Briese seines Bruders sowie die Original« Zeichnungen hob er sorgfältig auf.

Umgehend sandte nun Leo fBergmamt seinem Bru­der 500 Mark, damit er die Kosten ber Rückreise be­streiten konnte, dazu einen eigenhändigen Brief, bet unter anderem ben Passus enthielt:

„Du weißt, daß ich mehr Kaufmann als Techniker bin unb daher in bet kleinen Fabrik die ich vom Va­

ter übernommen habe, schwer tue. Daher würde ich es mit Freuden begrüßen, wenn du als Kompagnon eintreten unb die technische Leitung übemehmen wür­dest. Ich würde Buchführung und Kottesponbenz besorgen unb bie Welt bereisen, um unsere Produkte an den Mann zu bringen.

Was deine Erfindung betrifft, so soll es mich freuen, wenn sie reüssiert. Wit werden, sobald sie sich praktisch bewährt, das Geschäft erweitern, neue Absatzgebiete erschließen unb können es bei einigem Glück zum Millionär bringen. Zeit haben wir ja ba- zu, ba wir beide jung sind. —*

Der Justizrat räusperte sich, stieß ben Zeigefinger auf bie Buchstaben, als ob er sie festnageln wollte, unb sagte mit erhobener Stimme: „Unb nun merken Sie wohl auf, beim jetzt kommt bie Hauptsache, wenig­stens für Sie!" Und er las:

„Wenn sich also deine Erfindung bewahrt, fo sind wir gemachte Leute. Den uns zufließenden Gewinn wollen wir als Brüder teilen: jeder die Hälfte."

Buchner legte bas Blatt auf ben Tisch unb schaute Iris mit feinen grauen Augen durchdringend an. „Run, was sagen Sie dazu?"

Iris sagte zunächst nichts. Eine fliegende Hitze flammte über ihren ganzen Körper. „Das — das verstehe ich nicht", stammelte sie endlich.

„Nicht? — Aber es ist boch sonnenklar. Ihr Va­ter hat bie Hälfte des Gewinnes anzuspcechen, ben Leo Bergmann eingeheimst hat; denn besten ganzer Reichtum basiert auf ber Ausnützung der Erfindung, die Ihr Vater gemacht hat. Ohne diese wäre Berg­mann nie hoch gekommen, am Ende gar wtois benn ehe Ihr Vater in bas Geschäft trat, staub es

E dasselbe Diese Erfindung allein hat also

2118 ffrbm Mres Vaters aebört ^hnen dieser Gewinnanteil, und ich als Ver­treter der Gerechttgkeit und als Freund Ihres Vaters werde nicht ruhen, bis Sie den letzten Heller erhalten haben, der Ihnen zukommt." Seine Hand schlug dröhnend auf ben Tisch.

(Fortsetzung folgt.)