Maer W Zeitung
Monatrbeilage: „8uldaer Seschichtrblätter"
Fulda, Montag den 28. August 191L
Erstes Blatt
38. Jahrgang
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«nb der Herbeiführung geeigneter Zugverbmdungen auf den bestanden Streckm mit nachhaltigem Eifer widmete.
Als am 17. Juli 1904 25 Jahre verflossen waren, daß Rod. Kircher zum Mitgliede der städtischen Körper« schaftm gewählt worden war, hatte ihm die Stadtver« tretung eine Ehrung zugedacht. Herr Kircher mußte aber ablehuen, da er schon damals kränkelte. Der 1906 erstattete dritte Verwaltungsbericht der Stadt Fulda, der dies vermerkt, fügt bei: .es erscheint jedoch als eine besondere Pflicht der Dankbarkeit, ihm tm Namen der Bürgerschaft an dieser Stelle für seine tatsächlich un«
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schätzbaren Dienste, welche er mit großer Opferwilligkeit zu allen Zeiten feiner amtlichen Tätigkeit der Stadt mit Rat und Tat geleistet, von Herzen zu danken". „Seine tatsächlich unschätzbaren Dienste", das Wort gibt knapp aber treffend wieder, was die Stadt an Robert Kircher gehabt hat.
Die Ehrung, die ihm die Stadt damals nicht zuteil werden lasten konnte, kam in anderer Weise zum Ausdruck, indem der König ihm den Roten Adler« orden IV. Klaffe und der Heilige Vater das Ritter« kreuz und ein Jahr später daS Komturkreuz des St. GregoriuSordens verlieh.
Ein Mann wie Herr Kircher, der mit einer hervorragenden Kenntnis aller einschlägigen Verhältnisse ein gewinnend freundliches Wesen im Verkehr verband, und dadurch eine große Beliebtheit in Stadt und Land genoß, war wie dazu bestimmt, seine Mitbürger auch im Parlament zu vertreten. Als Amtsgerichtsrat Gößmann« Bergen nach der 1893 beendeten Landtagsperiode ein Mandat nicht mehr annahm, wurde Herr Kircher von der Vertrauensmännerversammlung der Zentrumspartei mit großer Begeisterung als Kandidat der Zentrums. Partei für die Wahlen zum Abgeordnetenhause aufgestellt und am 7. November 1893 von 178 Wahlmännern einstimmig gewählt. Nur fünf Jahre leider gehörte er dem Abgeordnetenhause an, da er wegen häuslicher und geschäftlicher Verhältniffe nach Ablauf der Wahlperiode fein Mandat in die Hände der Wähler zurückgeben mußte. Herr Kircher hatte als Abgeordneter an allen Arbeiten des Landtages tätigen und eifrigen Anteil genommen, wiederholt hatte er Gelegenheit, für die Jntereffen und berechtigten Eigentümlichkeiten seiner engeren Heimat tätig zu sein, so bei der Beratung der Städte« u. der Landgemeindeordnung und in der Paritätsfrage, wo er einmal einen viel bemerkten heftigen Zusammenstoß mit dem damaligen Minister v. Köller hatte. Er war überhaupt im Plenum ein häufiger und gern gehörter Redner und in verschickenen Kommissionen wußte man seine Mitarbeit hoch einzuschätzen. Es war gewiß keine Phrase, sondern ehrliche Ueberzeugung, als in der Versammlung, in der Herr Kircher den Vertrauensmännern von seinem Entschlich, nicht mehr zu kandidieren Mitteilung machen mußte, ein Redner erklärte, noch nie habe der Wahlkreis einen Abgeordneten im Landtag gehabt, der auch nur annähernd so viel für den Wahlkreis getan habe wie Herr Kircher.
War Rob. Kircher auch aus dem Parlamente ge- schieden, um so eifriger widmete er in der Heimat feine. Kräfte der Partei, deren eifrigstes und opferwilligstes Mitglied er seit ihrer Begründung gewesen war. Er war ein vielbegehrter Redner; wenn der Ruf an ihn erging, durch seine Worte die Anhänger des Zen- trums auf's neue zu begeistern, stets kam er ihm freudig nach. Namentlich in Wahlzeiten sah man ihn an fast jedem Sonntag in irgend einem Orte des heimischen oder benachbarten Wahlkreises. Gern erzähtte er im engeren Kreise von manchen intereffanten Episoden, die
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er während der früheren irbitterten politischen Kämpfe auf den Wahltouren erlebt hat. Auch dem Bolksverein widmete er seine Kraft, noch wenige Tage vor Beginn seiner letzten Krankheit hat er in HoraS eine Versammlung erneut für die kathol. Ideale begeistert. Wer von feinen Zuhörern hätte damals gedacht, daß es die letzte Rede fein sollte! Kirchers Rednergabe hatte etwas ungemein gewinnendes. Sie blendete nicht durch irgend welchen rhetorischen Schmuck und doch machte sie durch eine warme Begeisterung, eine seltene Klarheit des Urteils, eine eigene Würde und Ruhe und eine eindringliche Ueberzeugungs«
kraft außergewöhnlichen Eindruck.
Bei der Neuordnung der Parteiorganisation im Herbst 1907 wurde Kircher zum Vorsitzenden der kurhessischen Zentrumspartei und der lokalen Organisation in Fulda gewählt. Die folgenden Jahre haben gezeigt, wie glücklich diese Wahl war. Für die Partei durch die Macht seiner Rede oder durch fein organisatorisches Geschick zu wirken, war Rob. Kircher immer berett, und immer- , fort haftet es in der Erinnerung der | Parteifreunde, was er im Laufe der । Jahrzehnte für die Partei im Fuldaer i Lande und in ganz Kurheffen getan. Und doch ist nur ein Teil dieser Wirksamkeit indieOeffentlichkeit gedrungen. Mindestens so sehr wie die öffentliche VersammlungS« tätigkett nahm das organisatorische Wirken ihn in Anspruch, daS in zahllosen Besprechungen im engeren Kreise zu beraten und zu ordnen war. Ein großes Geschick bewies er in der Abfaffung von Wahl- aufrufen. Die Geschicke der Partei waren bei ihm immer in besten Händen. Sehr . kamen ihm dabei seine reichen Erfahrungen
L auf parlamentarischem Gebiete wie auch seine persönlichen Beziehungen zu zahlreichen Abgeordneten anderer Parteien zugute, deren Hochschätzung er sich in hohem Maße erworben hatte.
So unterzog sich Robert Kircher mit mustechafter Gewissenhaftigkeit, voll srischen Schaffensdranges all' den Arbetten, die ihm, dem Vertrauensmann Tausender, aufgebürdet waren, und nur daS Versagen seiner Kraft infolge einer gefährlichen Herzkrankheü konnte ihn ver- anlaffen, sich selbst etwa- Zügel anzulegen. Mit leb- hastem Bedauern wurde eS in der Stadt aufgenommen, als Herr Kircher im Jahre 1906 in Rücksicht auf feine Gesundheit sein Amt al- L Beigeordneter niederlegen mußte. Wir glauben die Stimmung, die dieser Enffchluß auslöste, am besten zu kennzeichnen, wenn wir die Worte wiedergeben, die damals unter dem frffchen Eindruck der Amtsniederlegung Herr Oberbürgermeister Dr. Antoni in der Stadtoerordneten-Versanimlung vom 7. Juni seinem scheidenden Beigeordneten widmete. Er sagte:
Es drängt mich. Ihnen zu sagen, wie ungeheuer schmerz- lich ich es empfinde, daß wir Herrn Kircher als Mitglied bei Magistrats verlieren müssen. Auch Sie, meine Herren, wird es gewiß ebenso schmerzlich berühren, Herrn Kircher au8 seinen Aemtern scheiden zu sehen, die er nunmehr 26 Jahre lang zum Wohle unserer Stadt bekleidet hat. Ich brauche Ihnen n,cht zu schildern, was Herr Kircher uns als Mensch ist, das wisse« Sre aUe aus eigener Erfahrung. Mir war er stets ein lieber Freund und em bereitwilliger Berater, der mir in alle» Lagen stets zur Hand gewesen ist. Er rst überall eingesprungen, wo immer eS seine Kraft erlaubte. Durch sein gewinnendes Auftreten, seine Redegewandtheit und durch seine sichere RepräsenlationS« fähigkeit war er immer ein würdiger Vertreter unserer Stadt, deren Geschäfte er mit großer Sachkenntnis besorgte. Diese Sachkenntnis hat er auch bewiesen, als er die Stadt Fulda im Landtage vertrat. Als die hessische Städteordnung zur Beratung stand, habe ich einen regen Briefwechsel mit Herrn Kircher gepflogen und ich war erstaunt, mit welcher Leichtigkeit und mit welchem Eifer er sich in den juristischen und staatsrechtlichen Fragen orientierte und zurechtsand. An dem Zustandekommen vieles Gesetzes gebührte Herrn Kircher ein besonderes Verdienst, indem et stets und ständig darauf hinwirkte, daß unfeiern geliebten Hessen lande sein Recht geworden ist. In der Ausübung seines Amtes als erster Beigeordneter hat Herr Kircher auch eine seltene Unverdrofsenheit an den Tag gelegt. Selbst wenn er zu später Stunde herangezogen wurde, nie waren ihm Muhe und Arbeit zu groß und stets war er zur Stelle, wenn es gatt, der Stadt feine Kraft zur Verfügung zu stellen. Ich behaupte daher nicht zuviel, wenn ich sage: Sein Name wird mit der Geschichte der Stadt unauslöschlich verknüpft sein.
Auch als er nicht mehr Mitglied der städtischen Körperschaften war, hat Rob. Kircher stets das lebhafteste Jntereffe für alle flädt. Angelegenheiten bekundet, zuletzt noch in besonderer Weise für die Frage der Wasserversorgung unserer Vaterstadt. Beim Erwerb der Quellen und der Einrichtung der Wasserleitung hat er sich große persönliche Verdienste erworben. Er betrachtete schon damals die Angelegenheit mit weitern vorschauendem Blick.
Neben seiner Tätigkit in den öffentlichen Körperschaften hat Robert Kircher auf den mannigfachsten Gebieten eine rege Tätigkeit entfaltet. Wo immer es galt, ein gutes Werk für Gott, Kirche, Staat und Volk zu fördern, stand Robert Kircher mit in erster Reihe. Wo immer man klugen Rates, tatkräftigen Brr-
Der Tod hat seine Fackel gesenkt. Einer der besten Männer ist nicht mehr.
Die Besürchtung, die die letzten Wochen und Monate hindurch unsere Herzen mit banger Sorge um ein teures Leben erfüllte, ist zur traurigen Tatsache geworden; Robert Kircher ist gestern, Sonntag, abend V*7 Uhr nach halbjährigem Krankenlager sanft im Herrn entschlafen.
Die Nachrichten vom Krankenbette ließen schon fett Wochen die Hoffnung auf eine Genesung des an Arterienverkalkung schwer Erkrankten immer mehr schwinden, zumal als noch ein Karzinom im Magen sich einstellte. Er selbst hat sich schließlich keinem Zweifel mehr darüber hmgegebm, daß dieses Krankenbett zu seinem Sterbelager werden würde, indem er sich wiederholt die hl. Sterbesakramente reichen ließ, die er mit inniger Andacht empfing. War schon sein ganzes Leben durch wahrhaft christliche Frömmigkeit ausgezeichnet, so suchte er auch in seinen letzten Lebenslagen auf einen christlich- frommen Tod sich vorzubereiten, um seine Seele rein und makellos in die Hände des Schöpfers rurückzugeben. Der Hochw. Herr Bischof, der ihn während seiner Krankheit besuchte, hatte ihm eine besondere Freude durch Ueberbringung deS päpst- sichen Segens bereiten können.
Tief bekümmert steht die Bürgerschaft Fuldas an der Bahre, aufrichtig trauert das katholische Volk und die Zentrumspartei Kurhessens über den herben Verlust, Wehmut erfüllt die kommunalen und kreisstündischen Körperschaften, Leid ist eingezogen in zahlreiche Organisationen und Vereine. Schmerzliche Erschütterung und wehe Ergriffenheit ist heute allgemein in allen Schichten der Bevölkerung ohne Unterschied des politischen oder religiösen
Bekenntniffes. Allen ist Robert Kircher gestorben.
Die Trauerflagge vom Schlöffe kündet, daß Fulda feinen hochgeschätzten Ehrenbürger verloren hat.
Lange hat er mit großer Zähigkeit dem Leiden getrotzt, das seit Jahren an ihm zehrte; immer wieder, wenn seine Kräfte sich erholt hatten, ging er der gewissenhaften Arbeit unermüdlich nach, bis in die jüngste Zeit hinein ein ebenso umsichtiger wie erfahrener Führer auf den vielen Gebieten, auf denen das Vertrauen seiner Mitbürger stets aufs neue Rat und Tat von ihm heischte. Nun ist sein beredter Mund verstummt, und über die Stirne, deren kluge Gedanken vielen vorangeleuchtet haben im Streit der Zeit, huscht der flackernde Schein der Totenkerzen.
Nur 58 Jahre ist Robert Kircher alt geworden. Er war geboren in Fulda am 1. Dezember 1852 als Sohn des Fabrikanten Melchior Kircher; seine Mutter war eine geborene BLchaud. Er besuchte die stadtpfarr- liche Knabenschule, das Gymnasium bis zur Obertertia und bann die Handelsschule zu Lautrach in Bayerisch- Schwaben. Nachdem ihm die Schulglocke Valet geläutet, trat er in das Theodor Mendelsche Tnch- und Modewarenhaus hier ein. Seiner militärischen Dienstpflicht genügte er als Einjähriger im Infanterie- Regiment 81 zu Frankfurt a. M. und ging als Leutnant der Landwehr ab. 30 Jahre alt, trat er 1882 in das Makornfche Geschäft ein, was insofern für fein Leben entscheidend wurde, als et fortan feine ganze berufliche Tätigkeit ausschließlich diesem Geschäft widmete. Nachdem er sich 1883 mit Elise Makorn vermählt hatte, übernahm er das Geschäft, dessen Firma nun ,Kircher - Makorn" lautete, erweiterte es in der Folge und förderte es durch Umsicht, Tatkraft und kauf- männische Tüchtigkett.
Schon ftüh stand Robert Kircher im öffentlichen Leben. Seine selbstlofe Hingabe an die öffentlichen Ziele, seine reiche Begabung und seine unermüdliche Arbeitskraft erklären es, daß er ungewöhnlich jung, erst 25 Jahre alt, bereits durch das Vertrauen seiner Mit- bürget zu ihrer Vertretung in der Gemeinde berufen wurde.
Am 17. Juni 1879 wurde er zum außerordentlichen, am 22.Nov. 1886 zum ständigen BürgerauSschuß- mitg lied und einige Wochen später, am 13. Dezember 1886 zum Stadtratsmitgliede gewählt. Erster Beigeordneter war et feit dem 1. April 1898. Auch im Kreistage hatte er die Jntereffen der Stadt zu vertreten, er gehörte ihm feit dem 19. Novbr. 1888 bis zu feinem Tode an. KreiSausschußMitglied wurde et am 21. September 1907, Im Kreistage kam ihm besonders feine ungemein große Kenntnis der wirt- schaftlichen Verhältnisse des Kreises zu statten. Die Umsicht und Gewiffenhaftigkeit, mit der er sich ihrer Förderung annahm, trugen ihm die Wahl zum Kreis-
tn ein. Verdienstlich wirkte er vor allem als Mitglied der Kleinbahnkommisston, wie er sich überhaupt der Erschließung des Kreises durch Bahnen