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Unpolitische Zettläufe.

N. Berlin, 24. August 1911.

(Nachdruck verboten.)

Fast drei Monate (seit dem 27. Mai) hat der In­genieur Richter als Gefangener bei den Räu­bern Hausen müssen. Jetzt ist er endlich freigelaffen ivvrden. Ein wahrer „Räuberroman* aus der Wick- lichkeit des zwanzigsten Jahchunderts! Die euro­päischen Kulturmächte halten sich für Berufen, in sämt­lichen andern Erdtellen mit Einschluß der beiden Po- largegcnden Ordnung und Zivilisation zu schaffen. Aber vor den eigenen Türen ist auch noch recht viel zu fegen. Namentlich vor der südöstlichen Haustür des selbstbewußten Erdteils, wo Serben, Albanen, Bulgaren, Türken und Griechen mit einander wett­eifern in allen möglichen Dummheiten und Bosheiten.

Allerdings können diese ^interessanten" Völkerschaf­ten zu ihrer Verteidigung sagen, daß in dm älteren Kulturstaaten auch mit schmutzigem Wasser gekocht wird. Vergleiche z. B. die Revolution in Portugal mit ihren abscheulichen Zutatm und die neueren Kra­walle in England auS Anlaß des Massenstreiks. War insbesondere die Räuberei betrifft, so ist es ja noch gar nicht lange her, daß in den Abruzzen des Dreibund- staatcs Italien dasselbe „Geschäft* betrieben wurde, was jetzt in der griechisch-türkischen Gegend vom Olymp seine Blüte gezeigt hat. Dm Reisendm mit Gewalt abzunehmen, was sie bei sich haben, ist räube­rische Anfangskunst Reismde verschleppm, um aus ihrem heimatlich« Vermögen oder aus dem Vermögen ihrer Freunde und Gönner ein hohes Lösegeld zu er­pressen, ist schon eine höhere Stufe der Räuberei. So läßt sich aber nur dort oerfahrm, wo der Gefangme sich auf längere Zeit versteck« läßt. Es gehört also eine unwirtlich« Gegmd mit oerstecktm Schlupfwinkckn dazu und obmdrem eine Unterstützung der Räuber durch die umwohnende Bevölkerung. Je stacker der Beckehr wird, desto schlechter läßt sich die erpresse- rische Entführung an Fremden durchführen. Darum ist es ganz natürlich, daß mit der forffchreitendm Ent­wicklung Italiens der Mmschmfang sich aus bat Ab­ruzzen zurückgezogen hat. Auf der Balkanhalbinsel geht aber das Verschleppm und Erpreffm noch ganz gut, wie Herr Richter erfahrm hat. Daß die Räuber Drei Monate lang ihr Opfer versteckm können, Ötz aller Nachforschungen der dortizm Regierungm

i der deutschen Befreiungsversuche, ba8 wirst aller» .ßtngs ein sehr grelles Licht auf die Zustände in jmm Gegmdm, dir einst den alten Griechen als Wohnsitz ,f^ter Götter gölten.

m m.

Samstag Sen 26. Hugn|t l»u.

$8. Jahrgang.

« fuldaer W Zeitung

2. Blatt

vrnck und Verlag »er $ul»aet Ictienbtuderei in znlda.

spicklos« Krawallszmm, bk bet Streik mtt sich! Welch ehrlich brachte, bauern auch nach dem offiziellen Friedens- Gewtffm behaupt

ie liegt klar auf der

Der

deutschen Ar. Verbrennen wollen, so habm die Konservativen keine Erfolge kam-1 große Mühe, diesem Feuerlein, da- Haß und Liebe pen. Deutsch» I anzündm, getrost zuzuschauen! Und zum zweitm ist

) denkmder Arbeiter wollte mtt gutem ___behaupten, daß es besser gewes« sein würde, eher daS ganze Reformweck fchettern zu laffm, als auf einige weiter gehende Wünsche zu Verzicht«? — Sdned Das ganze Sinnen und Tracht« der So- zialdemÄraüe war aber daraus gerichtet, die Reichs» verficherungSteform zu Fall zu bringen, und tnenn sie sich darauf beruft, daß sie sich bemüht hätte, dttrch zahlreiche AbSnderungsanträge am Zustande­kommen der Vorlage mitzuarbetten, so beweist ste da- mtt nur, tote schuldbewußt sie sich fühlt, Verrat an bat Interessen der Arbeiterschaft ge»

schluffe noch an und arten Her und dort tn Judenver­folgungen an«. Die Arbeiter waren erzürnt darüber, daß die jüdischm HauSbesttzer so hohe Wtieten »er­

langten.

Auf dem Balkan hört man nichts mehr von d« Kämpfm, die bte Türkei mtt bat aufständischen Berg­völkern hatte. Anscheinend ist dort alles zur Ruhe ge» kommm, bis der Aufstand bd bet ersten heften Gcke- gmheit wichet ausflackert. Durch die Ruhe hat die Tückei auch Zett gefunden, die Räuber des Inge- nieurS Richter ju suchen und den vermißten Jngmieur lebenb aus den Hänben der Olymp-„bewohner* zu befreien.

ntifflon einjubentfen, e sten konstitutionell« Sh gerichtsverträge zu ger des Smatt m vielleic Fried mSvertrÜge miß siegelt.

des ExschahS Mohammed M hat sich nicht bestätigt. Dagegen scheinen seine Truppen mehrfach besiegt zu sein. Auch viele Desertion« sollen unter ben Anhän- gem des Exschahs vorgckommeu sein. Allerdings darf man daraus nicht auf eine baldige enbgittige Rio» deckage Mohammed ANS schlleßm, berat bie Nach­richten aus Persien find mit Vorsicht aufzufaffen. Siel- bet en doch kürzlich sowohl bte RegierungStruppm, al» auch die Truppen des Exschahs ihrm .Sieg' tn ein und derselben Schlacht.

In ben Bereinigten Staaten ist bie Ver­handlung bet Tastschm Schiedsgerichtsverträge ver­tagt tootben. Die Exttaseffion des amerikanischen Kon­gresses war eigens zu dem Zwecke der Verhandlung der Taftschen LieblingSpläne etnberufen worben. Aber der Senat machte emfte Schwierigkeiten. Der Samt sieht sich durch ben Dorschlaa, eine internationale Kom-

4- Der um die Reichs» verfichermlgSordnttng

wird, obwohl da» große bedeutungsvolle gefehgebe. rische Weck längst erledigt tft, oon der Sozimbemokra- tte unentwegt weitergeführt. W» AngriffSob- jekte »Men bte christlichen Gewerkschaf­ten und sp^iell ihre Führer bienen. Der gegen bie christlichen Gewerkschaften bereits währenb der 83er- handlung« im Reichstage eröffnete Kampf wirb tn der schamlosesten Weise fortgeführt, unb was die roten Arbeiterfreunde habet an Lügen unb Entstel­lungen leisten, spottet jeder Beschreibung.

Hand. Die jämmerliche Rolle, bte die Ge­nossen während der Verhandlungen um die ReichSver» sichemngSordnung gespielt hÄben, wird sobald nicht aus dem Gedächtnis des volle», speziell der Arbeiter, schwinden, um so weniger, al» die Stellungnahme bet Sozialdemokratie lediglich von Partei inier ess« da­tiert, in denkbar schroffstem Widerspruch zu den Inter­essen der Arbeiter stand. Daß bte Genossen ein ho- rechiigteS großes Jntereffe daran haben, diese Wahr­heit möglichst zu »erbunleln unb tn« Gegentell zu verdrehen, bedarf keine» Hinweis«». Ganz unzweifelhaft habm sich bte christlichen Gewerk­schaften befln. ihre parlamentarischen Vertreter ein überaus große» Verdienst um die Interessen bet A^ beiterschaft durch ihr selbstloser Einttetm imb ihre aufopfemde Mttarbeit an dem Zustandekommen der ReichsversichemngSordnung erworben, und ihre Mtt­arbeit ist um so höher zu schätzen, als sie manche wei- tergehmdm Wünsche zurückstellen mußten, um nicht das ganze Weck und damit seine unbestreitbar« Vor­teile für die Arbeiterschaft tn Frage zu stellen. Wie anders bogegen da« Verhalten der Sozialdemokratte.

Die Borzeichen großer Kämpfe iu Belgien.

Belgien geht schtoerm inneren Kämpfen entgegen. Tie Riesenkundgebung, welche von Sozialisten und Liberalm in Brüssel an Mariä Himmelfahrt in Szene gesetzt worden ist, hatte ein doppeltes Ziel. Sie sollte die Forderung auf Einführung beS allgemeinen glei­chen Wahlrechtes mtt Verhältniswahl in Staat, Provinz unb Gemeinde nachdrücklich unterstützen und zweitens ben Widerstand gegen bie Schulreform Schollaett neu bckämpfen.

Wochen, ja Monate vor dem 15. August wurde bereits in alle M verkündet, daß bie Kundgebung 200 000 Teilnehmer zählen werbe. Die Bedingungen Warm f» günstig, al« nur denkbar: Herrliches kühles Wetter, größtes Entgegenkommm de» konservativ« Eismbcchnministers (Ministerpräfidmt de Broqueville) in Organisierung des Spezialzugsdienstes auf dm Staatsbahnen, gewaltige Zuschüsse her liberalen Mil­lionäre zu ben Transportkosten unb rücksichtsloser Terrorismus (5 Franken Strafe für den Fehlenden^ von Sette der sozialistischen Gewerkschaft«. Trotz allebem blieb die Beteiligung rund um die Hälfte hinter dm Ankünbigungen zurück; statt 200 000 sind 100 000 Mann aufmarschiert; bie Hauptsache aber ist, baß es zu drei Sterte! Sozialisten warm und daß die roim Embleme und Fahnen bie blauen liberalen völlig zudeckten. Auf ben 27. August veranstalten bie Katholiken eine Gegenkunbgebung in Löwen. Sie lassen sich nicht im geringsten etnschüchtern und toetben ihre Maßnahmen zu treffen wissen.

Wa» das Wahlrecht anbetrtfft, so haben bte Liberalm nach langem Zögern — bau anttkatho- lischm Haß folgend — sich der sozialtstifchen Forde» rung anbequemt, daß das Pluralwahlrecht fallen müsse, die Zuschlagsstimmen für Familimväter, akademisch Gebildete und Inhaber eines gewissen Ver­mögens abgeschasst werden sollm. Die Liberalm schneid« sich hier ins eigme Fletsch, und es ist gar kein Zweifel darüber möglich, daß nach Ausschaltung der Zuschlagsstimmen die Liberalm zur weitaus, schwächst« Packet im Lande herabsinkm. Wie könnm sie da twch von Uebemahme der Regierung träumen?!

Die leitenden Pckittker der katholischm MehrheitS- packck haltm übrigens gar nicht unbedingt am Mehr­stimmenwahlrecht fest. Es ist vielmehr höchst wahr­scheinlich, daß die belgischen Konservativen die Wahl­reform selbst in die Hand nehmm, daS Pluralshstem fall« taffen und als Neuerung das — Frauen­stimmrecht einfiihrm werdm. Eine dahingehende Bewegung macht sich stäcker gdtenb. Es ist festzu- nageln, daß die Konservativen bie Pluralstimmen unter bet Anführung bes Staatsmannes Bemaeck zu- gunften der bürgerlichen, zur Hälfte liberal« Bevölke­rung der Städte eingeführt hattm. Wmn nun bie Liberal« das von ihnen bisher gepckesme Plural­system auf dem Altar der rotblauen Verbrüderung

land unter allen Kulturnationen an der Spitze mit seiner sozialen Gesetzgebung. England und Frankreich, die bedeutend reicher find tote unser

, beginnen jetzt erst schüchterne Versuche zu machen. Deutschland ist nicht so reich Wie btefe bei. ben Länder, es steht in schärfster WeUkonkurrenz mtt ferner Industrie und Hai trotzdem mit dem Wachsen und Werden unserer immer blühender sich entfalten, ben Volkswirtschaft die VerficherungSgesetze für bie ss^^ui. DaS anzuerkennen tft Pflicht je» beS christlichen und nationalen Arbeiters. Wir lassen unS bie Freude am Reiche und da» Vertrauen auf die Zukunft unseres Volkes nicht durch sozialdemokratische Klaffenverhetzung rauben.'

DaS sind Worte, denen wir nichts Hirtzuzufügen haben al» nur den Wunsch, daß das Flugblatt in jede Arbeiterwohnung getragen wird und dort die Wür- digung finden möge, die es verdient.

wochen*Run-schau.

ftj Fulda, 25. August 1911.

gn d™ «nsp-ach- » **** er diese ermahnt, beim ErnMU INS politische Lebm den Blick aufs Ganze zu richt« und nicht durch die Packei einen Vorhang zwischen sich "U sein Voll ziehen zu lass«. Diese Redewendung ackiört zu jenen nicht seltenen Ausspmchm iut|ere8 rdatto n»tl« Md. B en .Mfk Packet einen solchen Vorhang zieht, tft die kaiserliche Mahnung angebracht. Gewiß aber wird auch der Kaiser nicht habm behcuiptm wollen, daß die Par- teien allgemein einm Vorhang zwischm sich und daS VE zögm. Von dm großen bürgerlichm Packckm kann man das allgemein wirllich nicht sagen. Andern­falls müßte ja das Land in schwerer Lage sein; denn bis heute sind es die Packeien, welche an dm Ge­schicken des Vaterlandes mitarbckten; ohne sie wäre das deutsche Reich in seiner blühend« Entwicklung nicht denkbar. Den Packeien gebühck als mitwirkmdm Faktoren ein vollgerüttelt Maß der Aneckennung.

Und immer noch Marokko! Der französische Botschafter Cambon ist nach Paris zurückgckehck, um dock mit dem Ministerium und dem Präsident« der Republik den Gang der bisherig« Verhandlung« zu besprechm und sich neue Anweisungen für die weiter« Verhandlungen zu Holm. Der deutsche Staatssekrckär v. Kiderien-Wächter hat unterdessen eine kurze Erho­lungsreise angetreten. Ende dieses oder Anfang näch­st« Monats werden die beiden Staatsmänner wieder zusammenkommen, um die Beratungen fockzusetzm und hoffentlich recht bald zu einem gut« Ende zu brin- g«. Es war vorauszusehen, daß diese Pause in dm Unterredungen zu verschiedenen Alarmnachckchtm be­nutzt werden würde; anscheinend sind dies jedoch alles nur reine Börsenmanöver. So war vor einigen Ta­gen in London das Gerücht verbreitet, daß zwischen Deutschland und Frankreich der Krieg eckläck Word« sei und am Tage darauf tauchte an der Berliner Börse das Gerücht auf, die Verhandlungen zivischeu Deutschland und Frankreich sei« abgebrochen. Es hat sich aber in beiden Fällen heranSgestellt, daß an den Meldungen kein wahres Wock ist. Unterdessm ver­such« dir französischen Blätter, die fortwährend nach London behufs Information« hinüberschielen, darauf hinzuarbeiten, den Schwerpunft der Verhandlung« von Berlin nach Paris zu verleg«. Sie schein« aber ganz dabei zu vergessen, daß'nicht Deutschland, sondern Frankreich der empfangende Teil ist und daß es des­halb dem Franzosen schlecht ansteht, uns bezüglich der Marokkoverhandlungen Vorschckstm mach« oder Be­dingungen vorschreiben zu wollen. Durch die Marok­kofrage sind so ziemlich alle ander« Fragen in den Hintergrund gedrängt worden, und so hat auch eigent­lich der Erfolg unserer deutschen Diplomatte, wie er in dem Abschluß des deutsch-russischen Ver­trages vorliezt, nicht die entsprechende Würdigung gesund«. Durch ben Vertrag mit Rußland Über Per­sien sichert sich Deutschland ganz erhebliche wirtschaft­liche Vorteile, und besonders das große Weck der klcknafiatisch-mesopotamischen Bahnbauten, dasDeutsch- land mit Energie in die Hand genommen hat, wird dadurch gefördert. Daß durch das Abkomm« auch die allgemeinen deutsch-russischen Beziehung« eine Kräftigung erfahren hab«, ist zweifellos, wenn auch ein besonderes Geheimabkommen nicht abgeschlos- sm ist.

In E n g l a n d sst der große Verkehrsstreik, wmig- l'tens offiziell, zu Ende gegangm. Die Nachgeplänkel dauern allerdings noch an. Der Stteik hat offensicht­lich mit einem Siege der Eifmbahngescllschasten ge-' endigt, da die Hauptforderung der Eisenbahnangestell- ten, um die der Stteik eingeleitet wurde, nämlich, daß die Gesellschaft« bie Gewerkschaftsführer als Vertre­ter dex Arbeiter an ernennen und mit ihn« direft ver- > haudeln sollten, nicht belvilligi worben ist. Die bei-1

Übt zu habm. Dm» jme Anträge war« nur zu dem Zweck gestellt, um das Zustandekommen der ReichSverflcherungsordmmg zu verhindern, da sie Forderung« enthielt«, dir einfach unerfüllbar waren. DaS hiell die ® «offen nicht ab, sich als wahre Ar- hetterfrmnde aufzuspickm, im G eg «teil, ihr Schuld- bewutztsein zwingt ste dazu, den Strbettern über dm wahren Weck der ReichsversichemngSordnung Sand indieAugenzu (treuen und die Führer der christ- llchm Geweckschastm zu Verrätern an der Sache der Arbeiter zu stempeln.

Zur recht« Zett tret« diesem verlogenen Treiben der Sozialdemokratie die christlich« Gewerkschaften in einem Massenflugblatte entgegen. In dem Flugblatt wird konstatiert, daß auch bck dieser Gelegenhckt die Sozialdemokratte ihre Doppel- züngigkeit und Unfähigkeit, Praktische Ar­beit zu leist«, glänzend bewies« habe Wärm die sozialdemokratischen Anträge in daS Gesetz cmsgmom- mm lvmchm, dann hätte ein Arbetter mit einem Lohne von 30 Mk., pro Woche 3,70 Mk. oder 12,3 Prvz. seine« Wochenlohnes für die Krmckm- und In- validenverstchemng aufbringen müsse«. Die Mehr­belastung der deutschen Volkswirtschaft toüri>e 2 Milliarden und 27 Mill. Mk. betra­gen haben. Daß eine solche Mehrbelastung rin Ding der Unmöglichkeit ist, ergibt sich von selbst.

Der wahre Zweck, dm die Sozialbemckratte mtt ihrm Antrögm verfolgt hat, kann nicht besser gefenn- zeichnck werdm als durch ein Geständnis auS dm eigenen Reih« der Sozialdemokratie. Der Gmosse Paul Kampfmeyer hat in dm „Sozialistisch« Monats- fcftm* 1902 erklärt: „Die Aufbringung von zirka 2—3 MMardm für bie Gesunderhaltung der VolkS» klaffm au» dm Raffen der einzelnen Proletarier ist dne wahre Unmöglichkeit/ Die chrifilichm Gewerkschaft« fügten ihrem Verdienst« um da» Zu- standckommm der Reichsv erstcherungSori>mmg ein großes Verdienst um bk Interessen der beutfchm Ar- beiterschaft hinzu, wmn sie bei Sozialdemokratte die Maske vom Gesäte reiß« und ste Äs das zeigm, was st« in Wahchett ist — d«r fchltmmst«Fetnd der Arbeiterschaft, und ein solches Verdienst bedeutet jme» Flugblatt, dar weiter daraus hinweist, daß bi» 1909 insgesamt 7651 Million« Mack an Entschädigung« gezahtt sind und an dessen Schluß <8 bann heißt?

„Diese Riesensummen, welche erhebliche Masse Ar­mut mw Rot bei den Aermsten der Ärmen gelindert wären dem deutschen Arbeiter nicht zuge- en, wenn bte bürgerlichen Parteien die gletch« verfolgt hätten, wie die Sozialdemokraten im tage, d. h. da» Gesetz abaelehnt hätten deshalb, weil nicht alle Wünsche befriedigt waren. Christlich- nationale Arbeiter Deutschland»! In diesem Resultate unf-r-r fnafalnt Versicherung liegt ein groß^ Stück gegen die arbeitenden St lag en. xxt8 Gegenteil kann nur der auf Klaffenverhetzung berechnete Fana- tiSmuS behaupten. Der erwiesen« stetige Fortschcktt und Ausbau unserer BerstcherungSgesetze rechtfer- tigi die Politik der christlichen Arbeiter- bewegung, bi« an einen allmählichen aber sicheren Aufstieg der Arbetterklaffe glaubt und daran mrtar- beitä vurch Selbsthilfe in den Gewerkschaften und

StaatShilfe in der Richtung einer staatserhaltenden Politik. Die Sozialdemokratie läßt die deutschen Ar­beiter nicht zum boll« Bewußtsein ihrer Erfolge kam- men. Ihr fmd diese Leistungen Bettelsuppen. ~

Sehr vorteilhaft für di« Räuber war der Grmz- stckch, der dock zwischm der Tückei und Gckechmland gezog« ist. An der Grenze fühlen sich die verschieden- ortigstm Missetäter sehr Wohl. Werd« ste von txr Polizei de» einm Staate» verfolgt, so entwisch« ste ans das Gebiet de» ander« Staates, und die Vev» folger müffm an der Grmz« Halt mach«. Ja, di« Ausnutzung der Grmz« tft sogar mehrfach ttn In­lands beickebm Word«, z. B. in Groß-Berlin, indem die Verbrecher au» dem Gebiete der einen PoUzck- behörde in da» Gebiet einer anderen Polizewe- Hörde wechselten und während der Hin- und Herschrei­bereim -wisch« dm „zuständig«* Bchörden sich unb ihre Beute in Sichechckt brachten. Nach dm bisher!» p« Bericht« war Richter auf türkischem Gebiet ge­fangen g«ommen, dann aber auf dm neutralen Strich zwischen ben beiden Staat« unb weiterhin auf grie­chisches Gebiet verschleppt worben. Die tückisch« Behörden nahm« bie Verfolgung auf; aber al» sie nichts fInben tonnt«, behaupteten ste, bet Gefangme werde in Gckechmland fein. Die gckechischm Behör­dm warm lange nicht in Bewegung zu bring«; al» sie endlich durch dm Druck von Berlin au» ihrer Siesta aufgescheucht wurden, ging« sie so oberflächlich vor, daß die Räuber noch wochenlang ihr grausame» Spick fortsetz« tonnten.

Nach allem, wa» bisher bekannt getoorb« sst, ftnb die Räuber auch heute noch nicht gefaßt. Man hat ihn« ben Gestlngenm nicht abgejagt, sondem sie ha­bm ihn freigckaffm, angeblich nach Zahlung eine» Lösogeldes von 4000 Pstmb tückisch, etwa 74 000 Mk. Der deutsche Konsul tn Saloniki soll endlich Eingebo­rene gefunben habm, die da» Loskauf-Geschäft vermit- tckten. Nähere Aufklärung bleibt noch abzuwackm. Im Grunde genommen ist die Zahlung von Lösegckd eine Beförderung de» Räuberhandweck». Der Rin­gende Erfckg reizt zur Mederhokung. Das ckchttge wäre eine sofortig« Verfolgung, Einkreisung und Ab- sangung der Bruche. Aber wmn das nicht geling« will, so bleibt die Wahl zwischen zwck Hebeln. Die Zahlung oon Lösegeld erscheint al» daS kleinere liebel gegenüber der drohenden Ermordung des Gefangen«. Leider werb« bet Räuberhauptmann Folio» und seine Bande dock zu Lande sehr an Ansehen gewinn«. Man wich sie betounbem, nicht bloß wegen be» klingmbm Erfolge», sondern mich wegm der groß« Kunstfeckig- teit, mit der sie drei Monate lang der Behörde ein Schnippchm geschlagm. Viellckchi preist man sogar noch ihre . Humanttät', denn mancher von dm bortt- gen Räubern unb Räuberfreunbm wirb sich fugen, in bet lang« Zett fei bte Versuchung sehr groß gewesen, sich be» lästigen unb gefährlichen Gefangenen durch einm kleinm Stich oder Schuß zu milchig«.

gebenfan» hat der arme Mchter in der Todesangst furchtbar leid« müssen. Es ist k,m Wun­der, wenn er gebrochm in Saloniki ankonnr... So er- Härt er sich wohl auch, daß bis zur Stunde von ihm sckbst noch kein Tckegramm eingegangm ist. Er hat ja unvorsichtig, waghalsig gehandelt, ÄS er in die un­sichere Gegmd ging und nur zwei tückische Gmdarmm mttnahm. Die bckdm Begleiter sollten mgcklich von bat Stäubern erschoss« sein, ich glaube eher, daß ste auSgeckssen sind. Wellckcht stand« sie von vornherein mtt dm Stäubern in Geschäftsverbindung. Jedenfalls habm dk Räuber mehr Huge Gckdgier, als wilde Blutgier berenten. Anscheinend gilt dock dksckbe KlugheitStegck, wie bck viel« EigmtumSverbrechm in zivilifieckm Sfinbetn. Zum Blutvergießm schreit« sie nur im olleräußerstm Notfall; oft lassen sie sich ohne Wcherficmd verhaften, auch wenn sie in der Mehr­zahl Md. Sie tolffen, daß hinter dem Blutvergießm eine außerordentlich scharfe Verfolgung einfetzt und eine vick schwerere Strafe zu erwarten ist, als bei einem „friedlichen* Eigentumsverbrechm. Datum war eS auch sehr töricht, als einige rabiMe Blätter neu­lich sagten, der jüngste Erlaß deS Berliner Poftzei- präsidmtm, der die Schutzleute zum rechtzeittgm Ge­brauch ihrer Schießwaffe auffordecke, werde die Folge habm, daß nun die Verbrecher sich erst recht bsvaffne- ten und noch schneller auf die Schutzleute schössen. Ach nein; der Missetäter, der überhaupt schießm will, hat niemals gtwartet, bis er beschossen war, und wmn die Verbrecher Wtssm, daß bei ben Schutzleuten die Brow- ningpiftole sehr locker sitzt, so werden sie um so mehr auf die PmMrvbe verzichtm und ihr Heil mtrschließ- lich in der List fuchm.

Die Moral auS der Gckchichte ist nun zunächst die, daß man nicht leichtfecktgerweise in unsichere Gegmdm reifen soll. Die Leser werben sagen, bas ginge sie nichts an, ba sie überhaupt keine Neigung hättm, ben Olymp zu besuch«. Schön; aber man kann auch un­ter bie Stäubet fallen, ohne nach Halbasien zu reisen. Unfiche« Gegenden gibt eS in den zivilisierten Län­dern, namentlich in unb bei dm Weltstädten. In Pa­ris hat man bk einheimische Räuberzunft mit einem besonderen Namm belegt: die Apachen habm ihr Standquartier in ben Gräben imb zwischm dm Wäl­len der Festungswerke, wckche die französische Haupt- stadt umgeb«; männliche imb weibliche Schlepper su­ch« bk Opfer au» b« Toren zu lock«, unb wenn sich nicht genug Opfer herauslocken lassen, so mach« die Apachm Raubzüge bi» mitt« in die Stabt hinein. In Berlin ist bie Unficherhett nicht so groß, aber doch groß genug. Hier verschleppt mmr die Fremd« niger in bi« Umgeburll b«r,SiÄ»t, wo bt$ AuSpiim»

it vor bem Schalter beim

derung nach bewähckm Rezept« vor sich geht. Dem einm nimmt man das Gelb beim Spick ab; d« an­dern macht man bcknckpt oder schläfeck ihn durch rin heimlich bckgebrachtes Nackotium ein, um ihn dann zu „fleddem*. Auch bte Stadtbahn, namenlich die häufig schwach besetzt« Abtelle 2. Klaffe, werd« vieffach zum Fleddem benutzt. Mcht sckim ist auch der direkte RMb, indem man dem Opfer mit einem schnell« Handgriff dm Gckdbmtck, die Uhr ober bie Tasche ent­reißt und Im Mmschmgedränge ober um bie nächste Ecke verschwindet, ehe der Beraubte zur Besinnung kommt. Wie die unedle Wckblichkeit da- Räubern auf eigme Rechnung oder im Dimste männlicher Verbre- chet betreibt, ist ein besonderes Kapitel ,das sich nicht gut vor aller Ohr« erörtern läßt. Gefahren ringsum für dm unvorstchttgm Fremdling. Gefahr« fogetr in der Kirche, da die Taschmdicke auch unter den An­dächtig« Jagd machm. Gefahr« für die gutgeklei­deten Fremd«, aber auch für die Hein« Leute in grober Tracht. Es find« sich immer Gauner in d« Wariefälm 4. Klaffe oder vor dm Bahnhof« für den Massmveckehr, die auch dem armen Sachsenfahrer oder dem zuziehmdm Dimstmädchm das bischm Habe ober die paar Groschm zu mtteißm such«.

Wie schützt man sich gegm diese Gefahren der Großstadt? Darüber ließe sich rin großes Buch schrei­ben; aber ich fürchte, es würde dm Gcmnem das Ge­schäft doch nicht verderbm. Hier nur ein paar Winke. L Stürze dich nicht in das bunHe Berlin oder da» Berlin bck Nacht; wer Abmtmer sucht, kommt darin um. 2. Trag nicht dein sämtliches Geld im Por­temonnaie, sondem ben Hanptbestand in einer Tasche u n t e r ber Kleidung. 3. Behalte das, was du mit-

führst, tn der Hand. Lege nicht Handtaschen oder Gepäckstücke beiseite, auch nicht vor dem Schalter beim Lös« von Fahckackm usw. Was du nicht selbst fest- halt« kannst, das gib auf der amtlichen Aufbewah­rungsstelle ab. 4. Zeige nicht wmötiger Weise dein Geld. Warn du dm Brutei zieh« mußt, so hatte ihn gut ftst. Stecke ihn nicht in eine Hintertasche, die sich deiner fortivahrmd« Kontrolle entzieht. 5. Sei dow Pelt imb dreifach vorsichtig, wenn sich Leute cm dich herandrängm. 6. Laß dich nicht mit Leuten eM, bi« dich begleit« oder führ« wollm ober dich in trgerw ein SoM einlad«; auch dann nicht.wennstevo^ geb«, sckbst stand zu sein und drinm^utzM brauchen. 7. Wmde dich um Auskunft oder Rat nicht an d« ersten besten »egegnaib«, sondem nur an dm Schutzmann oder sonst eine Amtsperson. 8. Mach bich so schnell als möglich wieber au» bem ©taube; bmy daheim bist du am oesim ausgehoben.