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üotationsdruckund Verlag der Fuldaer Ak- tiendruckerei in Fulda Fernsprecher Ur. 9.

M 193. Erstes Blatt.

Fuida, Freitag Den 25. August 1911.

38. Jahrgang.

K Aus der Sackgasse der Ostmarken Politik

möchte Professor Hans Delbrück einen Ausganz finden.

Im „Tag" erörtert er diese ebenso schwierige als Wichtige Frage in zwei Artikeln. Was er über die bisherigen schlechten Ergebnisse des Haka- tismus sagt, ist klar und durchschlagend. Aber, was er über eine b essere zukünftig e Ostmarken- Politik sagt, hat leider wenig Saft und Kraft. Es zeigt sich auch darin, wir überaus schwer es ist» die schlimmen Geister, die man gerufen hat, wieder los zu werden und aus einem leichtsinnig begonnenen Aben­teuer zur bedächtigen, soliden und geduldigen Arbeit zurückzukehren. .

ließet die Derfehltheit der bisherigen hakatsstischen Maßnahmen sagt Prof. Delbrück dasselbe, was in der Zentrumspresse schon so oft gesagt worden ist: daß sie nicht das deutsche, sondern vielmehr das Poli­tische Element gestärkt haben. Wenn wir die Zweckwidrigkeit dieses angeblichen „Kampfes für das Deutschtum" darlegen, so behauptet man, wir seien nicht national, sondern wegen der Glaubensgemein­schaft Helfershelfer der Polen. Prof. Delbrück ist wohl dem Verdacht des „Ultramontanismus" nicht ausgesetzt; ebensowenig die von ihm angezogenen Eideshelfer, der gewesene Oberbürgermeister Wit- i n g und Herr v. Heydebreck, der Vater des Üngsten Protestes gegen die gegenwärtige Leitung >es Ostmarkenvereins.

Delbrück will die Sache aus dem Gebiete der natio­nalen Sentimentalität in das Bereich des poli­tischen Verstandes rücken und beruft sich auf den „alten Meister erbarmungslos klarer Staatskunst", Macchiavelli, der da gesagt hat, man müsse den Men- jschen entweder liebkosen oder vernichten, den Nieder­geworfenen entweder Wohltaten erweisen oder sie aus- ■ tilgen; jeder andere Weg sei äußerst gefährlich. ^Unsere preußische Nationalitätenpolitik", meint nun Delbrück, „hat es fertig gebracht, noch etwas Ver­kehrteres zu tun, als es Macchiavelli hier zeichnet: wir haben die Polen mit Wohltaten überhäuft, ihnen Pildung, Kultur, Reichtum zugeführt und sie gleich­zeitig durch völlig untaugliche und ohn­mächtige Maßregeln der Niederhaltung zu einem solchen Hasse gegen uns aufaestachelt, daß nicht nur die eigentlichen Polen alle ihre alten inneren Zwistigkeiten vergessend, gegen uns zusammenhalten, sondern sogar die stillen Kassuben und die getreuen Oberschlesier zu Hunderttausenden ins polnische Lager übergegangen sind." Die letztere Tatsache werden auch die Hakatisten beim besten Willen nicht bestreiten wollen. Sie haben die polnische Partei, die sie ver- stichten wollten, stark und groß gemacht, ähnlich wie die Kulturkämpfer anfangs der siebziger Jahre bas Zentrum durch ihre Bekämpfung in die schönste Blüte gebracht haben.

?. Die hakatistische Politik ist tatsächlich in eine Sack­gasse geraten. „Könnt' ich doch den Ausweg finden, •6 wie fühlt' ich mich beglückt." Prof. Delbrück ist in sichtlicher Verlegenheit bei seiner Auswegforschung. Fr meint, es ginge nicht mit einer plötzlichen Schwen- tyng; eine Üeberg-mgsperiode sei notwendig, schon {Degen der allmählichen Loslösung des deutschen Vol- es von der „nationalen* Phrase. Für die Ueber- igangszeit will er nun die bäuerliche Kolonisation aber ohne neue Mittel) fortbestehen lassen. Das Ent­eign u n g s g e s e tz aber soll nicht angewendet Werden; man möge doch ja nicht dm politischen Agi­tatoren diesen Liebesdienst erweisen. Im weitern gibt K drei Ratschläge:

1. Die Schaffung einer Zeitungskorre- kpoiidenz, welche die deutsche Presse über die dor­tigen Dinge und Vorgänge rein sachlich, ohne haka- Mifcke Tende.-izmalerei, informiert. 2. Die Auflegung Vm Heydebreck'scheu Petition ober einer ähnlichen Kundgebung zur allseitigen Unterzeichnung, nament- von den dortigen Bauern und Lehrern. 3. Ver- Hpstaliung einer unparteiischen Untersuchung, einer En­

quete über das Ergebnis der letztm 25 Jahre und über die Möglichkeiten der Zukunft.

Dazu möchten wir kurz bemerken:

Eine amtliche Unterstützung der unparteiischen Korrespondenz sowie die @rlaubnl8, daß auch die Leh­rer die Heydebrock'sche Petition unterzeichnen, würde bereits eine Schwenkungder Regierung vor­aussetzen. Die beiden erften Punkte lassen sich aber auch privatim erledigen, wenn die Herren Del­brück, Heydebreck, SBitttng usw. Gesinnungsgenossen genug haben, um dem alten Kampfverein einen ost- märkischen Friedensverein entgegenzustellen.

Eine Enquete mit Zuziehung von Vertretern aller Richtungen zu „Rede und (Segenrebe" ist ein schöner Gedanke. Aber wir fürchten, die Verhandlungm wür- dm sehr lebhaft werben, sehr lange sich hin­ziehen und sehr wenig realpolitische Weisheit für die Zukunft zu Tage fördern, wenn nicht inzwischen eine Regierung an's Ruder kommt, die ihre Kraft und Kunst für einen neuen Kurs einsetzt. Im Ministerium muß die Erkmntnis durchbringen, daß die bisherige Politik verfehlt war, und das Mi­nisterium muß im Verein mit dem Landtage noch einen besseren Weg suchen.

Dahin wird es auch durch die L o g i k der Tat­sachen kommen. Es fragt sich nur, wie lange die Jrrungm und Wirrungm zum Schaden des Staa­tes, des Reiches und des ganzen DeutfchtumS noch andauem werdm. Eigentlich ist das schon so schlimm geworden, daß es j e tz t s ch o n Zeit zum Besserwerden wäre.

Deutsches Reich.

5 B-rlin, 24. Slug. 1911. Der Zentralverband Deutscher Industrieller verlangt in einer Eingabe an den Reichskanzler, daß das Interessengebiet Deutschlands in Marokko ungeschmälert erhalten und die deutschm wirtschaftlichen Interessen dort sicher- gestellt würden. — Betrefts der Ausprägung von 25psennigstücken, von benen bis jetzt 20 Mill. Stück, also 5 Millionen Mark, ausgeprägt worden sind, wirv offiziös gemeldet, daß der Bundesrat vor einiger Zeit beschlossen hat, eine weitere Ausprägung in gleicher Höhe vornehmen zu lassen.

= Die englische Regierung redet Frankreich gut zu. In England versucht man jetzt plötzlich die schlechte Stimmung, die durch die Treibereien gegen Deutsch­land bei uns ausgelöst wurde, durch einen Artikel zu verwischen, den die den amtlichen Kreisen nahe­stehende .Westminster Gazette' veröffentlicht. Es wird darüber auS London gemeldet:

Die „Westminster Gazette" betont in einem Leit­artikel, daß Deutschland Anspruch auf Kom­pensationen habe, wenn es Frankreich freie Hand in Marokko gewähre. Deutschland verfolge eine rein geschäftsmäßige Politik und Frankreich müsse sich klar machen, daß es für daS, waS es haben wolle, zahlen müsse. Ein Freund Frankreichs könne ihm nur drin­gend raten, die vorteilhafte Gelegenheit nicht unbenutzt vorübergehen zu lassen, weil es nicht eine angemessene oder sogar anständige Kompensation zahlen mag. Das Blatt weist die Idee zurück, daß England Frankreich aufreize, eine aggresive oder unver­nünftige Haltung einzunehmen. Der Gedanke, daß England eine Verständigung verhinderte, um Deutsch­land in eigenem Jnterfise in Westafrika vom Meere abzuschließen, sei ebenfalls völlig grundlos.

* Es lebe der Optimismus I Der Kartellverband der katholischen süddeutschen Studenten- vereine hielt am 21. d. Mts. zu Landstuhl (Pfalz) seinen FerienkommerS. Der Bischof von Speyer, Dr. F a u l h a b e r, welcher dem Verbände als Philister angehört, wohnte dem Kommers bei und hielt dabei an seine jungen und alten Vereinsbrüder eine sehr bemerkenswerte Ansprache, deren Hauptgedanken in der,Köln. Volksztg/ wie folgt kurz wiedergegeben werden:

Anknüpfend an daS Buch von Pater Weiß, Le­bens- und Gewiffensftagen der Gegenwart, ein Buch, welches alle die Stimmen deS Pessimismus wieder-

gebe, welche das öffentliche Leben durch die schwarze Brille anschauen, warnte der Bischof vor solchem Pes- simismits. Wir wollen unsere Zeit nicht heilig spre­chen, es sind tiefe Schäden zu beobachten, aber es gibt auch große Lichtpunkte im Geistesleben der Ge­genwart. Das religiöse Interesse, das weite Kreise unserer Gebildeten zeigen, die Treue zum P a p sie, die gerade bei der Kunde von dessen Erkrankung sich so schön offenbarte, das große soziale Interesse, die sozialstudentische Bewegung, seien Lichtpunkte der Gegenwart. Also nicht schwarz sehen, nicht vor lauter Schatten das Licht übersehen, das immer noch hell herausleuchtet. Gerade weil die Schwarzseher durch die Lande gehen, gerade deshalb ist der Ruf zum Optimismus ein Bedürfnis der Seit. Der Ruf der Zeit ist die Stimme Gottes. Es kommt mir vor, als ob in unseren Zeitschriften zuviel Raum zur Kri­tik des kathol. Mitbruders verwendet werde. Wie­viel edle Kraft verblutet sich hier in unnötiger Polemik, wo wir in edler Arbeit mutig vorwärts streben könn­ten. Es kommt mir vor, wie zwei Kinder, die auf der Straße streiten. Das eine schlägt auf das andere tüchtig los und sagt: Es ist ja mein Bruder. Soll es erlaubt sein, den Bruder zu schlagen, wo man den Fremden nicht schlagen würde? Wenn ich nach einem deutschen Worte suchte, so könnte ich Pessimismus am besten übersetzen mit Katzenjammer. Der kann als Tagesstimmung vorkommen, darf aber n i e L e- bensstimmung werden. Der Pessimismus in der Jugend ist em Stück Herbst im Frühjahr. Das Wort Jugend allein ist ZukunftSwechsel. Der Optimismus ist der Arm, der nach der Zukunft greift. . . . Unsere Religion schaut nicht rückwärts, und es steht in der Urkunde des Christentums geschrieben: „Der die Hand an den Pflug legt und zurückschaut, ist meiner nicht wert." Das Christentum legt die Hand an den Pflug und zieht seine Furche vorwärts in die Zukunft hinein. Und wenn das Christentum der Menschheit nichts an­deres gegeben hätte als diesen großen Gedanken, mit beiden Armen nach dem zu greifen, waS die Zukunft bringt, wir müßten ihm auf den Knien danken und sagen: „Du bist der größte Wohltäter der menschlichen Kultur geworden." Unter diesem Gesichtspunkt nannte der Bischof die katholischen Studentenkorporationen eine Hochschule des religiös vertonten, arbeitsfreudigen Optimismus. In diesen Gedanken wollen wir heute unseren Kartellverband einstellen: er soll bleiben eine Hochschule deS arbeitsfreudigen Optimismus. Die Zukunft des akademischen Optimismus soll leben hoch!

Soweit die Hauptgedanken auS der bischöflichen Rede. Dieser laute, feuerige Aufruf zum Opti­mismus fand jubelnden Beifall bei den zahlreich anwesenden Akademikern und wird gewiß freudigen Widerhall finden tm ganzen arbeitsfreudigen, katho­lischen Deutschland.

+ Eine neue Rechtfertigung der RetchSfinanzreform. Die ganz logische Schlußfolgerung, daß der Rech- nungsabschnitt des hinter uns liegenden EtatsjahreS die aus die Finanzreform gesetzten Hoffnungen glänzend erfüllt hat, wurden seinerzeit von der gegnerischen Presse mit Spott und Hohn ausge­nommen. Man bestritt die Richtigkeit der Schätzungen und sprach von Irreführung und Spielen mit Zahlen. Der jetzt vorliegende end- giltige Abschluß hat indessen vollauf bestätigt, waS der vorläufige erwarten ließ. Die Mehrein­nahmen des Etatsjahres 1910 betragen gegen den Voranschlag 18 Millionen Marr. Aber damit nicht genug. Auch im Etatsjahr 1911 wird der Voranschlag ganz erheblich überschritten werden und zwar dürste der Ueberschuß im Etatsjahr 1911 noch größer sein, als er im EtatSiahr 1910 war. Und wenn sich die Verhältnisse in oem bisherigen Maße weiter entwickeln, dann wird vielleicht schon 1912 der volle Betrag, den die Finanzresorm auf­bringen soll — 413 Millionen — einkommen. — „Wer jetzt noch von einem FiaSko der Reichsfinanz­reform spricht, bemerkt die .Deutsche Tageszeitung' mit Recht, der macht sich gröblicher Irreführung schuldig oder bekundet eine grenzenlose Unkenntnis der Sachlage."

* Kein Kleinkrieg der bundesstaatlichen Eisenbahnen. Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt: In einem Teil der Presse ist neuerdings wiederum das Thema: „Eine deutsche Eisenbahngemeinschaft" behandelt und behauptet worden, daß „ein erbitterter Klein­krieg der bundesstaatlichen Eisenbahnen gegeneinander

stattfinde", und daß „ein Staat den anderen durch Umleitungen schädige und ärgere". Dies entspricht nicht den Tatsachen.

)( Der „Evangelische Bund" hält vom 5. bis 8. Oktober seine 24. Generalversammlung in Dortmund ab. Aus der Tagesordnung stehen u. a. Vorträge des Bundesdirektors Everling: Zur Zeitl.ge und zur Jahresarbeit. Professor Dr. Wolf-Düsseldorf: Das protestantische und das ultramontane Schul­ideal. Abg. Dr. Lehmann: Vorbedingungen eines wahren konfessionellen Friedens. Prof. Tr. v. Wenckstern-Breslau: Der Protestantismus und bie deutschen Volksschichten. Justizrat Elze: Deutsch­evangelische Wacht in unserem Vaterlande. Der Hehbund hat den Mut, in dem Ausruf zu dieser Tagung seinen steten Kampf gegen den Katholizis­mus noch als „nationale Ausgabe" zu be­zeichnen. Der Bund will, heißt es weiter, „die Niederringung der unhellvollcn Bestrebungen, die den geistigen Weltkampf der Glaubensgemeinschaften zu einem politischen Machtkampf umgestalten". Mit anderen Worten, man will die politische Vertretung des Katholi ismus, das Zentrum, bekämpfen, und wenn diese niedergerungen ist, dann kann der „geistige Wettkampf" losgehen. Wie ein solcher geistiger Wettkampf beschaffen sein wird, das haben wir zur Genüge im Kulturkampf erfahren. Wir danken für eine Neuauflage und bauen lieber auf unsere eigene Stärke.

* Ein Beispiel konfessioneller Unduldsamkeit In Harpersdorf, Kreis Goldberg, wo die Katho< liken in verschwindender Minderheit sich befinden, aber eigene Kirche und Schule besitzen, sieht zurzeit ein Bauerngut zum Verkauf, welches ein aus­wärtiger katholischer Käufer unlängst erwerben wollte. Die Parteien waren über alle Kaufbedin­gungen einig und hatten beiderseits schon einen Kaufvertrag unterschrieben. Auch war der gericht­liche Abschluß des Kaufes bereits verabredet, ohne daß der evangelische Verkäufer an der kalholischen Konfession des Käufers bis dahin irgendwie Anstoß genommen hätte. Als die Sache aber bekannt wurde, setzte eine fanatische Agitation ein, infolge deren der Verkäufer vom Vertrage zuruckt rat und nur unter der Bedingung zum Verkaufe sich bereit erklärte, daß der Käufer zum evangelischen Glauben übertrete. Wie groß war doch in der Ortschaft die Erregung darüber, daß ein Katholik neben dem evangelischen Pfarramt sich niederlaffen wolltet

* Kassel, 25. Aug. 1911. Der Kaiser und dtp Kaiserin wohnten gestem abend mit dem Prinzen Adalbert und der Prinzessin Viktoria Luise der Vor­stellung im Königlichen Theater bei. Gegeben wur­den „Die Journalisten". Nach der Vorstellung bega­ben sich dir Herrschaften zu dem auf Station Wll- helmshöhe bereitstehenden Hofzug. Die Abfahrt nach Altona erfolgte heute früh 3 Uhr.

* Wilhelmshaven, 24. Aug. 1911. Am Donners­tag ist auf der kaiserlichen Werft der kleine Kreuzer „Ersatz Kondor" von Stapel gelaufen. Bürger­meister Dr. Schwander, nahm den Taufakt vor und taufte den Kreuzer „Straßburg".

Ausland.

♦ * Von bett französischen Manöver». Das 1. und 6. Armeekorps werden wegen der herrschenden Maul- und Klauenseuche an den großen Manövern nicht teilnehmen. Diese werden vom 7. Armee­korps allein abgehalten werdm.

* AuS England wird gemeldet: Die Straßen­bahner in Liverpool haben beschlossen, den Aus­stand wieder einzustellm. Damit dürfte die Aus« standSbewegung ihr Ende finden.

* ♦ Der Präsident van Portugal. Bei der gestern vorgenommenen Präsidentenwahl ist das vorläufige Staatsoberhaupt, Bernardino Machado unterlegen. Gewählt wurde Manuel Arriaga mit 121 gegen

Schloß Sonneck.

24] Roman von Felix Nabor.

Draußen stand der graue, kalte Herbsttag — und so trübe und trostlos war feine Stimmung. Sein Herz blutete, weil er sein Kind verlieren sollte! Das .blühende Reis wurde von dem alten Stamme geschnit­ten und in fremde Erde verpflanzt! Das traf ihn wie etil Beilhieb — ins innerste Mark.

Er sah, wie sich unten im Dorfe alles regte. Diese Leute kümmerte es nicht, ob die Sonne schien — ober der Regen rann; sie hatten nur ein Gebot: die Arbeit!

Die Arbeit. — Da drunten lag der schwarze Riese langgesirecft im Tal, schaute aus glühenden Augen zum Schlosse empor, pfiff mit heulenden Tönen sein Lied, spie aus zehn hochragenden Schloten seinen Rauch zum Himmel und schwang seinen Hammer, als wollte er die Welt in Trümmer schlagen. Die Welt — und alle herkömmlichen Gesetze! All die Maschinen setzte er in rasende Bewegung, den Menschen, seinen Sflaven, schlug er seine eiserne Faust in den Nacken und brüllte Stt seiner donnernden Stimme: „Vorwärts! — Alle , räfte angespannt! An die Arbeit!"

Dieser Riefe war der grimmige Feind des alten Geschlechts. Er fraß dem Volke das Mark aus den Rnocfien und laugte ihm das Mut aus den Adern — er griff mit Raubtierkrallen hinauf nach den stolzen Höhen und riß alles an fick: Felder und Wiesen, Wei­den und Wälder.

Ein Moloch war er. der Menschenopfer forderte, um den Eineu zu bereichern. Wie konnte auf solcher Arbeit Segen ruhen!

Aber unbekümmert um allen Jammer und um alle Not gedieh das Werk des Einen; er häufte Gold auf Gold und die Millionen fielen ihm nur so in den Schoß.

, Sonneck blickte finster. — Hatte nicht auch er seine Arbeit getan? Er und sein ganzes Geschlecht! Hat­ten nicht seine Vorfahren ihr Blut auf den Schlacht­feldern vergossen für die deutsche Ehre, für Hei­

mat und Vaterland? War benn das nutzlose Arbeit gewesen?

Wo aber war die Fmcht davon? . . .

Das Geschlecht war verarmt, der Ruhm dahin, der alte Stamm verdorrte! . . . Verweht war das ganze Geschlecht wie Spreu im Winde.

Dieser Mensch da unten im Tal hatte nichts für die Heimat getan. Sein Vater war am Amboß gestan­den, als die Sonnecks im Kampfe um die Heimat ge­gen einen erbitterten Feind ihr Blut vergossen, und bcttejiur am eigenen Glücke geschmiedet. Jetzt heimste der Sohn die goldenen Früchte ein, der Mann, der nie etwas für die Heimat getan hatte! Jener häufte einen goldenen Berg auf — sie aber, die Sonnecks, die das Deutsche Reich mit aufrichten halfen, sie verloren am Ende noch di- ganze Heimat und mußten darben! . . .

Wo blieb denn da die Gerechtigkeit? —

Herr von Sonneck ballte die Faust, als ob er je­nen Riesen niederschlagen wollte. Aber er war ja auch zu schwach dazu — bie alte, trotzige Kraft war gebrochen!

Der eintretende Diener störte ihn; er brachte Zei­tungen und Briefe. Der eine davon zeigte die mar­kante Schrift feines Freundes, des Obersten von Ro­tenburg; dir Buchstaben waren steil aneinandergereiht wie drohende Bajonette. Hastig erbrach er den Brief und las:

„Lieber Freund!" schrieb der Oberst, „es tut mir leid, daß ich Dir eine bettübende Mitteilung machen muß. Nie ist e8 mir so schwer geworden als diesmal, im Ehrenamt meine Sttmme abzugeben. Wir haben ge- urteHt nach Pflicht und Reckt, ohne Ansehen der Per­son, unter voller Berücksichtigung der vorliegenden Tatsachm. DaS Ehrengericht ist zu dem einstimmigen Urteil gekommen: Viktor von Sonneck ist der Ge­fährdung der Standesehre schuldig befunden worden, unter Beantragung der Entlassung aus dem Offizier­korps mit schlichtem Abschied . . . Nimm es nicht zu tragisch, lieber Freund, und füge Dich als tapferer Solbat in das Unvermeidliche.

Schlimmer ist eine andere Nachricht, die ich Dir mitteilen muß: Dein Sohn und Herr v. Rixhofen ha­

ben ihren Ehrenhandel in einem Duell ausgetragen, das für Deinen Sohn ungünstig ausgefallen ist — die KugA drang in die Brust und er liegt fchwervet- wundet darnieder. Für seine Pflege habe ich gesorgt; die Aerzte, die ich zurate gezogen habe, geben trotz allem die Hofftiung nicht auf. Hoffe auch Du, alter Freund, auf bessere Zeiten. In steter Treue

Dein Max v. Rotenburg."

Herr oon Sonneck zitterte und sank schwerattnend auf einen Sessel. Sein Sohu war ausgestoßen aus der Armee, viefleicht gar schon tot in dieser Stunde! Alle Hoffnungen, die er aus ihn gesetzt hatte, warm ver­nichtet. Das traf ihn ins Lebensmark. Sein Körper bebte im Fieberfrost, ein schluchzendes Stöhnen entrang sich seiner Brust . . .

So fand ihn Hilde. Sie kniete an seiner Seite nieder, umschlang ibn in jäher Angst: „Papa — lie­ber Papa, was ist dir?"

Er hob mühsam das Haupt und beutete auf den Brief. Sie hob ihn auf und las: „Sei ruhig," sagte sie bann, „vielleicht ist es bei Viktor gar nicht so schlimm. Sonst wäre boch ein Telegramm gekommen. Er ist jung unb kräftig unb wirb sich schon burchhaum. Diese Krankheit wirb ihn zur Einsicht unb zur Um­kehr bringen. Wmn bu es gestattest, Papa, will ich zu Viktor reifen unb ihn pflegen."

Sonn eck richtete sich auf unb fuhr sich über bie Stirne. „Verzeih," sagte er, „wenn ich einen Augen­blick schwach würbe. Aber ich habe in dieser Stunde meine letzte Hoffnung zu Grabe getragen. Du weißt, wie ich an Viktor hing — unb er hat mich so schmäh­lich getäuscht. DaS verwindet mau nicht so leicht. Wmn bu zu ihm willst — ich halte dich nicht, benn er ist bein Bruber. Aber sage ihm: er ist mein Sohn nicht mehr! Nie mehr soll er mir unter bie Augen, noch bie Schwelle dieses Hanfes hefteten. Ich habe meinen Sohn verloren —"

Hilde schrie auf. „Vater, sage das nicht! Er ist irotzalledem dein Sohn, dein eigen Blut!"

„Rein," spmch Sonneck hart. „Er ist aus der Art geschlagen unb hat Schande unb Schmach auf mein graues Haupt getaben. Ist es je erhört worden, datz ein Sonneck aus der ßifte. bet Offiziere gestrichen

wurde? Unser Name ist gebranbmarkt. Und bann biefes unselige Duell! Er weiß, wie ich darüber denke, daß ich das Duell als einen Eingriff in Got­tes Rechte über Leben und Tob, als unmoralisch unb sünbhaft verwerfe. Es ist ein Verbrechen, sein Leben so frevelhaft aufs Spiel zu setzm. Das alles hätte er bebenten sollen. Nun ist er mir doppelt verloren und ich habe bie Liebe zu ihm au3 bem Herzen ge­rissen. Sage ihm bas, Hilde!"

Hilde wagte keinen Widerspruch. Sie küßte ihn zärtlich auf die Stirne unb verließ das Gemach, um sich zur Reise zu rüsten. — Sie eilte angstvoll in bie Residenz.

Viktor v. Sonneck lag noch immer in heftigem Fie­ber. Hilbe faß an seinem Lager, ohne etwas helfen zu können. Der Arzt machte ein besorgtes Gesicht und erklärte Hilde, daß es sich hier um Leben und Tod handle. Sie blieb eine ganze Woche; am Ende der­selben glaubte ihr bet Arzt bie Versicherung geben zu können, daß Viktor am Leben bleiben werde, freilich werbe ber Heilungsprozeß lange bauern.

Da erst kehrte sie in bie Heimat zurück.

9.

Auf Schloß Sonn eck war mblich nach langem Har­ren bie Nachricht eingetroffen, daß Prinzessin Fran­ziska bereit fei, Hilde als Hofdame zu sich zu neh- men. Sie brauchte nur Tag und Stunde ihrer An­kunft in ber Residenz dem Hofmatschall Grafen v.

Seeburg anzuzeigm.

Hilde war erfreut über diese Nachricht, und ob­wohl ihr vor dem Abschied von Papa bangte, tthnle sie sich doch aus dieser gewitterschwülen Atmosphäre heraus und nach einem neuen Wirkungskreis

Das Allernötigste war rasch gepackt und wurde zut Bahn gegeben. Einige Dw- vor Kr Mreise stellte sich Weißenhofen ein, um fluchtig „guten Tag zu w gen. Sonneck teilte ihm mit, was Hilde beschlossen Babe und der Baron sagte beim Abschied zu Hilde:

Gnädiges Fräulein, ich halte meinen Antrag auf­recht und würde mich glücklich schätzen, wenn Sie ihn annehmen würden. Ein Wort von Ihnen — und

ich eite an Ihre Seite ., ." (Fortsetzung folgt.)