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1>i«n»f«g den 22. a«gu|t tott-

38. Jahrgang.

Tuldaer M Zeitung

2. Blatt.

web Verlag btt Sulbatt XditnbtMdtttl in Selbe.

Deutsches Reich.

* Eine Verletzung der parteipolllischm ^euttlckität. Der Vorsitzende des Trier-Berliner Eisenbahnerver- bandes Jckler ist als nationallrberaler Retchstags- tanbibat für beit' Wahlkreis Gött inset-® u b er- ftadt aufgestellt. Da Mer dem locken Flügel bet ÄAfimmHiberfllen Partei angehört, können sich bte im äÄeÄw vertretenen rechtsstehenden Kreise FZso recht mtt seiner Kandidatur befreunden. Die We d^on ist, daß auch im Wahlkreiswahlfonds ziemlich Ebbe herrscht. Auch die Freisinnigen schei­nen in der Kandidatur Jckler ein Haar gefunden zu haben. So wird diese Kandidatur j. B. von der Frankfurter Zeitung als eine „wenig glückliche" be­zeichnet. Umso lebhafter wird die Kandidatur Jckler vom Vorstände des Trier-Berliner Eisenbahner- Verbandes unterstützt. Die Geschäftsstelle des Verbandes sendet an alle Ortsvereine Aufrufe und Listen zum Sammeln von Wahlgeldern. Daß dieser Mahlbettel den Vermerk „keine Verbandssache" trägt, spielt dabei keine Rolle, werden doch die Ortsvereine von der Geschäftsstelle angewiesen, dir Sammellisten ben Vertrauensmännern auszuhändigen. Der Sam­melruf wendet sich auch an alle Eisenbahner, also auch an solche, die sich politisch nicht zur nationalliberalen, sondern zur Zentrumspartei bekennen. Kurz, die Ver­bandsleitung gebraucht den ganzen Verbandsapparat in statutenwi>.iger Weise für nationalliberale Wahl- »wecke. Daß der nationalliberale Kandidat Jckler selbst Eisenbahner ist, entschuldigt diese Neutralitäts­verletzung keineswegs.

Ausland.

** Utbtr die Lage in Belgien schreibt angesichts der sozialdemokratisch «liberalen Wahlrechtsdemon- stration die Berliner ,Kreuzztg/:

„Die Lage hat sich so entwickelt, daß der immer mehr zusammengeschmolzene belgische Liberalis­mus zum vollständigen Schleppträger der So­zialdemokratie herabgesunken ist. Ein liberales Regiment ist in Belgien nicht mehr möglich, nur ein ultramontanes oder ein sozialdemokratisch-liberales; das hat der Liberalismus erkannt und zieht entschlossen die Konsequenzen daraus. Die Zeiten, wo die liberale Vartei noch einen großen Teil des Mittelstandes und der Arbester hinter stch hatte, sind längst vorüber. Sie ist von den beiden Mühlsteinen des Klerikalisnms und der Sozialdemokratie säst ganz zerrieben und hat nur noch eine kleine Zahl von Wählern hinter sich, die meist durch zwei „besondere Kennzeichen" auffallen, indem sie zugleich kirchenfeindlich und reich sind. Aus Haß gegen die Kirche wollen sie jetzt mit den „Roten" gehen, aber diese Gesellschaft macht Miene, an ihr Portemonnaie zu tasten, und in diesem Punkte sind sie äuch ziemlich empfindlich. Bei dem Rückgänge des Liberalismus rückt immer mehr der Enlscheidungs- kampf zwischen der katholischen Partei und der Sozial­demokratie in Sicht. Die erstere hat es längst nicht in dem Maße verstanden, die katholischen Arbeiter an sich zu fesseln, wie das deutsche Zentrum. Antisoziale Elemente, wie Woeste u. a., haben den nackten Kapital­standpunkt hervorgekehrt und die Arbeiter in das so­zialdemokratische Lager getrieben. Das kleine Land ist zwar auf wirtschaftlichem Gebiete gewiffermaßen als Großmacht anzusehen, und es gibt in Belgien kleine Städte, in denen mehrere Dutzend Millionäre wohnen, aber in starkem Gegensatz zu diesem Reichtum steht die Not der großen Arbeiiermaffen, die Staatsgewalt ist schwach, und darum droht gerade in Belgien die Ge­fahr, daß sozialdemokratische Arbeiterschaft sich eines Tages der Regierungsgewalt bemächtigen wird."

* Ein französischer Kolonial-Sieg. Eine französische Truppen-Abteilung unter der Führung des Haupt­manns Chauvelot hat dem Stamme der Dudrurgh am 29. Juni bei Solotane im Wadailand eine schwere Niederlage beigebracht. Die Wadai- leule ließen 130 Tote zurück, die Franzosen hatten 2 Verwundete. Der Sultan ist geflüchtet.

** Die portugiesische Nationalversammlung nahm unter lebhaften Zurufen die Vorlage über die Verfassung endg'ltig an.

* Die jüngste Revolution in Paraguay. Die Präsidentschaft und Diktatur des Obersten Jara hat ein ebenso rasches wie heiteres Ende genommen. Oberst Jara, ein Mann von ungefähr vierzig Jah­ren, war noch im vergangenen Sommer Kriegsminister unter der Präsidentschaft von Manuel Gondra. Fesch, schneidig, gelang es ihm, die Präsidentschaft an sich zu reißen vnd seine Gegner im Lande durch ein paar wuchtige Hiebe zu beseitigen. In den Nationalkon-

greß ließ er mit geringen Ausnahmen nur seine Freunde wählen, das Heer war ihm gewogen, und so war er bald der Diktator der unglücklichen, durch forttoäljrenbe Revolutionen verarmten Republik, die unter ihren dreiviertel Millionen Einwohnern auch mehrere tausend Deutsche zählt. Der Kamm schwoll dem guten Präfidentm derart, daß er Widerspruch »t nicht mehr duldete, und als sich das Organ Halen „El Diario" abfällige Bemerkungen über ihn erlaubte, ließ er alle Redakteure und das technische Personal einfach intz Gefängnis stecken. Darob organisierten die Studenten eine Mißbilligungs- Manifestation. Der Präsident schickte Truppen gegen sie, und als sie sich ins Rationalkolleg flüchteten, wur- ben sie dock von ben Soldaten mißhandelt und eben­falls ins Gefängnis abgefiihrt. Die Deputiertenkam­mer verlangte Aufklärungen. Sofort wurdest die op- posittonellm Volksvertreter in ihren Wohnungen ver­haftet und zur Demission gezwungen. Nun erhob sich aber das Volk und die Armee gegen ben Diktator: bie Minister dankten ohne Ausnahme ab, und Oberst Jara, der sich kurz vorher von der Depullertenkammer hatte zum General befördern lassen, stand allein. Noch einmal versuchte er sich wenigstens seine Artillerie zu sichern, indem er am 5. Juli bei Tagesanbruch in der Kaserne erschien. Kaum hatte er das Wachlokal be­treten, so erklärte ihm der Kommandant, Major Men­doza, daß es nun mit seiner Herrlichkeit zu Ende sei. Der Präsident machte gute Miene zum bösen Spiel und ließ sich ohne Widerstand gefangen nehmen. Die Kunde von seiner Beseitigung versetzte Asuncion in Freudentaumel; alle Gesellschaftsklassen beteiligten sich an Umzügen mit Musik und Fahnen, unter den Rufen: Es lebe die Freiheit! Tod dem Tyrannen! Nieder mit Jara! Schon am gleichen Abend hatte der rasch einberufene Kongreß als provisorischen Präsidenten Herrn Liberato Rojas gewählt. Seine erste Tat war es, „General" Jara wieder freizugeben, ja ihn zum Gesandten an den Höfen von Berlin, Wien und Rom zu ernennen! General Jara nahm am nächsten Morgen Passage auf dem Dampfer „Asun­cion" nach Buenos Aires und ist wohl jetzt auf der Fahrt nach Europa, um seine neuen Posten als Ver­treter der Republik, die ihn fo schmählich aus dem Lande gejagt .anzutreten. Ruhe herrscht nun wieder ht Paraguay — bis zur nächsten Revolution im Ok­tober, wenn die eigentliche Präsidentenwahl erfolgen wird.

Amt Geisa und Umgebung.

* Stadtlengsfeld, 21. Aug. 1911. Der hiesige Geflügel- und Kaninchenzuchtverein besitzt eine Knochenmühle, durch welche sich die einzel­nen Verrinsmitglieder ihren Bedarf an Knochenmehl für ihr Geflügel Herstellen lassen können. Der Verein gedenkt in diesem Jahre noch eine Geflügel- und Ka­ninchenausstellung zu veranstalten.

* Weilar, 21. Aug. 1911. Das ca. 3jährige Kind des Schachtarbeiters Keßler wurde derart von einem Hunde gebissen, daß ihm der linke Mundwinkel aufgo- rissen wurde. Es mußte sofort ärztliche Hilfe in An­spruch genommen werden.

* Gerstungen, 21. Aug. 1911. Auf der Strecke Wartha-Gerstungen wurde der Hilfsschaffner H e 11» ner tot aufgefunden. Anscheinend hat derselbe freiwillig den Tod durch Ueberfahren gesucht. Die Leiche war furchtbar verstümmelt.

* Aus Thüringen, 12. Aug. 1911. Am Sonntag konnte die freiwillige Sanitätskolonne vom Roten Kreuz in Ruhla das Fest des 25jährigen Bestehens feiern. — Auf der Rückkehr von der hohen Sonne kam in der Drachenschlucht bei Eisenach ein Tourist so unglücklich zu Fall, daß er sich den Fuß brach und nun hilflos liegen blieb. Eine auswärtige Sanitäts­kolonne fand den Verunglückten und nahm sich sei­ner an. — In Unterrotrbad) bei Saalfelv ist bie Bertold Georgische Mühle bis auf den Grund niedergebrannt.

Aus Oberhessen u. den Hess. Aemtern.

* Mendorf (Kr. Kirchhain), 22. Aug. 1911. Bei dem am 20. August d. I. vom Kreiskriegerverband veranstalteten Preisschießen sämtlicher Kriegervereine des Kreises Kirchhain — 32 an der Zahl — errang der firteyertierein Ullen­dorf, Kr. Kirchhain, ben ersten Preis mit 61

Ringen. Der zweite Preis fiel nach Mardorf. Der errungene erste Preis besteht aus einem prächtigen, schweren Silberhumpen. Die beiden Meisterschützen warm Herr Förster Bornemann und Herr K. Rhein. In einem mit Eichenlaub geschmückter ßanbauer wür­ben bie beiben Sieger unter dem Jubel und der Be­grüßung der ganzen Gemeinde festlich eingeholt.

* Neustadt, 22. Aug. 1911. In dem benachbarten darmstädtischen Orte Arnshain stürzte unter furcht­barem Krachen ein baufälliges aber noch bewohntes HauS ein. Zum Glück befand stch von den Be­wohnern niemand im Hause, sodaß fie also vor grö­ßerem Unglück bewahrt blieben. — Dem hiesigen Krie­gerverein wurde oom Vorstände des Preußischen Lan- deskriegerverbandes ein Ehrendiplom als Anerkennung für die Werbung der meisten Refervisten für 1910 unter den 33 Kriegervereinen im Streife Kirchhain ver­liehen.

♦ Kleinenglis, 22. Aug. 1911. In der Nacht vorn Sonntag auf Montag entstand in dem den Gebrüdern Rintnsland gehörigen Gehöft und zwar auf bem Stallboden Feuer. Die feit den letzten Bränden geschaffene sogen. Schleichwache stand kaum 30 Schritt von dem Stall entfernt und konnte doch weder ben Täter stellen, noch ben Brand verhindern. Außer dem Stall ist noch der Dachstuhl und eine Giebelwand des angrenzenden Wohnhauses des Landwirts Ludwig Wemer niedergebrannt. Seit Pfingsten d. I. ist dies der dritte Fall, daß in unserem Dorfe, das 80 Jahre vor Schadenfeuer bewahrt blieb, das Feuerhorn er­tönt. Da man bis heute keine Gewißheit über die Ursache dieser Brände hat, so bemächtigt sich der hie­sigen Bewohner eine große Unruhe u. Beklommenheit. Hoffentlich gelingt es, bald der stechen Unruhestifter habhaft zu werden.

* Marburg, 22. Aug. 1911. Der Artillerist Greif aus Wehrda, der aus feiner Garnison Bockenheim ohne Urlaub nach Marburg gekommen war, sprang auf dem Hauptbahnhof, als er wieder abreifen wollte, auf den bereits in Bewegung befindlichen Zug, wobei er abglitt und unter die Räder fiel. Es wurde ihm der r e ch t e F u ß teilweise abgefahren und der linke Fuß stark gequetscht. In der Klinik wurde der rechte Fuß ganz abgenommen.

p. Himmelsberg, 21. Aug. 1911. Am Sonntag fand hier eine Volksversammlung statt und da der Saal der hiesigen Wirtschaft zu klein war, tagte man unter der Linde bei der Kirche. Unser hochw. Herr Kaplan Quell schilderte die Reiseerlebnisse auf feiner Wallfahrt nach Lourdes und die Eindrücke, die der Aufenthalt am Gnadenorte auf ihn gemacht hat­ten, der hochw. Herr Kuratus Weber aus Kirchhain sprach anknüpfend an die Verehrung, welche die liebe Gottesmutter in Lourdes genießt, über die Würde, welche die christliche Frau in der heutigen Zeit besitzt und die sie allein der christlichen Religion zu ver­danken hätten. Er mahnte an die treue Erfüllung der Pflichten, welche der Frau und Jungstau in der heu­tigen Zeit obliegen. Weiter schilderte der Redner die Stellung der heidnischen griechischen Frau und for­derte die weiblichen Zuhörer auf, ihrerseits alles zu tun, damit nicht eine heidnische Weltanschauung über die christliche ben Sieg davon tragen möge. Mit leb­haftem Beifall wurden die Reden aufgenommen und unser Wunsch ist es, daß noch mehr ähnliche Versamm­lungen stattfinden mögen.

(?) Amöneburg, 22. Aug. 1911. Arn 2. Septem­ber trifft der Hochwürdigste Herr Bischof hier ein, um an den darauffolgenden Tagen in hiesiger Stadt, sowie im Dekanat Amöneburg das hl. Sakrament der Firmung zu spenden. — Hier ist die Ernte der Halm­früchte bereits völlig beendet. — Sonntag den 27. August wird hier das Kirchweihfest gefeiert.

* Frankenberg, 20. Aug. 1911. In lehtverflossener Nacht brach in der Kahn'schen Buchdruckerei, einem Papiervorratsraume, auf bis jetzt unaufgeklärte Weise ein Brand aus. Zum Glück gelang es dem recht­zeitigen Eingreifen der hiesigen Feuerwehr, ein weite­res Umsichgreifen des Feuers zu verhindern.

vermischtes.

* Aus der Zeche „Bruchstraße" waren die Berg­leute Lotz und Plate im Bremsberg mit Reparatur­arbeiten beschäftigt. Plötzlich ri ß ein Seil, beide stürzten mit dem Korb in bie Tiefe, wo sie mit zer­schmetterten Gliedmaßen tot liegen blieben.

♦ Die Hochstapeleien des flüchtigen „Grafen" de Passy (Ma; Schiemangk). Der vor einigen Tagen

in verwegenster Weise aus dem Heilbronner Unter« fuchungsgefängnis entwichene Graf be Passy, dessen richtiger Name Ma; Schiemangk ist, gehört zweifellos ju ben gefährlichsten Hochstaplern bet Welt. Er ist 1869 zu Staupitz geboren, seine Eltern und Geschwister sinb sämtlich hochachtbare Leute. Der r erm^n $en,tttelter Gasthofbesitzer, schickte ben Sohn °ufs Gymnasium. Da letzterer aber keine Fortschritte machte und allerlei dumme Streiche ausführte, nahm ihn der Vater vom Gymnasium fort und brachte ihn zu einem Rechtsanwalt als Schreiber. Dort gefiel es aber bem jungen Schiemangk sehr wenig, er äußerte ben Wunsch, Solbat zu werden. Der Vater sandte ihn deshalb auf die Unteroffizierschule nach Westburg. Dort gefiel es dem jungen Mann zunächst ganz gut, da er aber oftmals mit Kameraden in Streit geriet, gab ihn der Vater auf die Unteroffizierschule nach Potsdam. Dort verübte er Betrügereien, er wurde be­straft und aus der Unteroffizierschule verwiesen. Auf Veranlassung des Vaters trat nun Schiemangk jun. als Dreijährig-Freiwilliger in das Pionierbataillon in Torgau ein. Der Vater hoffte, durch die militärische Disziplin würde es gelingen, den jungen Mann auf eine bessere Bahn zu bringen. Anfänglich führte sich auch Schiemangk zur vollen Zufriedenheit seiner Vor- gefetzten. Nach einiger Zeit wurde er jedoch mehrfach wegen Urlaubsüberschreitung und disziplinarwidrigen Verhaltens mit Arrest bestraft. Schließlich beging er mehrere Diebstähle. Er wurde deshalb vom Kriegs­gericht mit Gefängnis bestraft und in die zweite Klaffe des Soldatenstandes versetzt. 1889 wurde er vom Militär entlassen und ging darauf nach Amerika. Dort wurde er in das erste Artillerieregiment der Ver­einigten Staaten als gewöhnlicher Soldat eingestellt. Nach einigen Monaten desertierte er und lebte in verschiedenen Teilen Amerikas von allerhand Be­trügereien, insbesondere vom Heiratsschwindel. Er soll in Amerika zweimal verheiratet gewesen fein. Der Boden Amerikas muß ihm schließlich zu heiß geworden fein. Er kehrte nach Deutschland zurück und gab sich hier als Major der Milizarmee der Vereinigten Staaten aus. Er prahlte mit aller­hand Erfindungen, die auf militärischem Gebiet liegen und setzte seine Betrügereien und Heiratsschwinde- leien fort. Als ihm in Deutschland Verhaftung drohte, war er eines Tages nach Amerika verschwunden. Da­mals drohte gerade der spanisch-amerikanische Krieg auszubrechen. Schiemangk bot dem amerikanischen Kriegsminister die Bildung eines aus alten gedienten deutschen Soldaten bestehenden, 1200 Mann starken Freiwilligen-Korps an, das bereit sein würde, sofort in den Krieg ausznrücken. Er selbst sei deutscher Jngewieuroffizier gewesen. Er habe Afrika, Brasi­lien und gan$ Europa durchquert, beherrsche in Wort und Schrift vollständig die deutsche, englische, fran­zösische, spanische, porttigiestsche, italienische und tür­kische Sprache. Schiemangk verlangte für die Bil­dung des Freiwilligenkorps eine so hohe Summe, daß die amerikanische Regierung das Anerbieten kurzer­hand ablehnte. Nach einiger Zeit tauchte Schiemangk wieder in Deutschland auf. Hier zeigte er sich oftmals in der Uniform eines amerikanischen Obersten. Er gab vor: er habe den spanisch-amerikanischen Krieg als Kommandeur eines Freiwilligenkorps mit­gemacht, sei zum amerikanischen Oberst ernannt und wegen seiner großartigen Erfolge mehrfach dekoriert worden. Er zeigte mehrere amerikanische Orden und eine amerikanische Rettungsmedaille, letztere habe et erlangt, weil er einem hervorragenden amerikanischen Rogierungsbeainten das Leben gerettet habe. Er nannte sich außerdem Graf de Passy. Er be­hauptete, im spanisch-amerikanischen Kriege fei er mit einem amerikanischen General namens Graf de Passy befreundet worden. Dieser sei schwer verwundet wor­den. Er habe den General aus dem Schlachtgetümmel getragen und lange Zeit gepflegt. Da er ihn vom sicheren Tode gerettet habe, habe der Graf ihn adop­tiert, sodaß er berechtigt sei, sich Graf be Passy zu nennen. Er habe außerdem eine hohe Vertrauens­stellung bei der amerikanischen Regierung erlangt und sei von letzterer beauftragt, in Deutschland 6500 Ge­wehre und 150 Feldgeschütze aufzukaufen. Die Eltern und Geschwister Schiemangks, die er in seinem Hei­matorte besuchte, waren ungemein stolz auf ihren Sohn und Bruder. Der Vater mußte es gestatten, baß auf seinem Hanse die amerikanische Flagge gehißt wurde. Schiemangk trat mit mehre­ren bedeutenden Gewehrfabriken und Geschützgieße­reien in Verbindung. Durch fein Auftreten fand

Kleines Fenitteton

aufbewahrt.

vs

— Hitze und Gasbehälter. Die enorme Hitze, welche bisher über Mitteleuropa lagerte, wirkte auch in auf­fallender Weffe auf die Gasbehälter ein. Es ist eine bekannte Erfahrung, die für die Luftschiffer von größ­ter praktischer Bedeutung Ist, daß bie auf bie Ballon­hülle scheinende Sonne eine bebeutenbe Erwärmung des Leuchtgases hervorruft, infolgebeffen sich dieses merflich ausdehnt. Da bie Ballonhülle eine begrenzte Elastizität hat, muß der Aeronaut einen Teil seines teuren Füllgases in die Lust entweichen lassen, wenn er nicht die Gefahr des ZerplatzmS feines Ballons heraufbeschwören will. Der Aufftteg erfolgt daher auch meist nqch Sonnenuntergang ober nachmittags, wenn bie Gewalt der Sonnenstrahlen nachläßt. Auch die

dazu kommt noch Knoblauch; Hirse und Kastanien wur- ben vorzugsweise zur Brotbereitung verwendet. Fer­ner fand man Weintrauben, Feigen. Achsel, und Simen, Hasel- und Walnüsse, Mandeln, Tannensa- men und Johannisbrot. Pompeji wurde Ende Au­gust zerstört; zu anderen Jahreszeiten wird der „Spei­sezettel" wohl ein anderer gewesen sein. vs.

— Ein seltsamer Traum. In der italienischen medizinischen Akademie wird ein Aktenstück aufbe­wahrt, welches einen merkwürdigen Inhalt besitzt und beweist, daß es doch Wohl Vorahnungen geben muß, die sich im Traume offenbaren. Eine hohe Dame der Aristokratie träumte die Katastrophe von Messina vierzehn Tage vor dem Ereignis; der Traum stellte sich dann noch zweimal ein, sodaß die geäng- sttgte Frau an den König von Italien einen Brief schrieb und ihn ersuchte, die Bewohner von Messina zum schleumgen Verlassen der Stadt aufzufordern. Der Gemahl der Dame nannte den Traum jedoch lächerlichen Aberglauben und behielt den Brief zurück. Als dann aber die Befürchtungen der Dame auf bie schreckliche Weise sich erfüllten und das Erd­beben diele zehntausende von Menschen vernichtete, war auch der Gemahl tief ergriffen. Er hatte zum Glück glaubwürdige Zeugen für die seltsame Vor- Snung seiner Frau, ließ alles aktenmäßig nieder­reiben, und nun wirb dieses Aktenstück mitsamt bem an ben König gerichteten Brief für alle Zeiten

— Wie soll man Gurken essen? Viele Menschen wagen sich nur ungern an Gurkensalat, da sie an­geblich Magenschmerzen davon erhalten. Und wohl alle Mütter lehren ihre Kinder: ihr habt jetzt Gurken­salat gegessen, daß ihr mir kein Wasser darauf trintt! So löiib die schöne Gurke in Mißkredit gebracht, ohne im geringsten eine Schuld zu haben! Wer vom Gurkensalat Magenschmerzen bekommt, kann sicher sein, daß er noch nicht ganz reife Gurken gegessen bat, zu denen besonders die Treibhausgurken ge­hören, oder daß — saft immer •trifft beides zu — der Salat ganz falsch zubereitet war! Das einzig Brauchbare an der Gurke ist der Saft, alles übrige ist zwecklose, unverdauliche Zellulose, die den Magen belästigen kann. Es ist deshalb das Unvernünftigste, was man tun kann, wenn man die Gurken in Schei­ben schneidet, salzt, den Saft weggießt und nun mtt Pfeffer, Essig, Oel oder Milch eine „Würze" darüber gibt. Das einzig Richtige ist, die Gurken kurz vor Gebrauch in Scheiben schneiden, etwas mit Salz abschmecken, wenig pfeffern und den Saft mit Zitro- ttensaft mild anfäuent. Oel ist schwer verdaulich und kann wegbleiben. Landleute essen die Gurken am liebsten gleich frisch geschält und in Salz ge- taucht zu ihrem Brot. Das ist noch richtiger als alle ümstandliche Zubereitung. -kb

~ Die Pflanzenkost der allen Römer. Es ist gewiß nicht uninteressant, zu wissen, mit welchen Gemüsen, Leuchten usw sich die alten Römer ernährt haben. Die Schnfffteller der damaligen Zeit haben ja man- As vegetabilische Gericht nicht nur erwähnt, sondern chrch beschrieben. Was das allgemeine Volk aß, war aber weniger bekannt. Erst gelegentlich der Ausgra­bungen in Pompeji hat man hierüber allerlei Auf­schlüsse erhalten. In vielen der verschütteten Wohn­häuser fand man Küchenvorräte, ganz so, wie auch jetzt Noch unsere Hausfrauen um solche besorgt sind. Die verschiedenen Funde dieser Art sind im National- Museum in Neapel zu sehen. Danach waren Zwiebeln, Bohnen und Linsen die vomehmsten Volksgerichte,

auf den Gasbehälter brütende Sonnenhitze ruft eine Erwärmung des Gases hervor. Da die modernen Gasbehälter bis an 400 000 Kbm. Gas enthalten — nebenbei bemerkt sind sie neben den Talsperren die größten Kraftreservoire, welche die moderne Technik kennt — so macht es recht viel aus, wenn stch das Gas pro Kubllmeter auch nur wenig ausdehnt. In der Tat erfolgt bann auch mit bem Steigen der Sonne eine bebeutenbe Hebung des Gasbehälters im Laufe des Tages, die gegen Abend von selbst zurückgeht. Für den Gaswecksleiter, der nach dem Stand des Gas­behälters bie Arbeitsleistung seiner Retorten beurteilt, liegt infolgedessen bie Gefahr vor, seinen Gasvorrat zu überschätzen, wenn er nicht an die durch die Erwär­mung der Sonne erfolgte Ausdehnung bes Gases benft. Es möchte auf ben ersten Blick scheinen, als ob auch der Konsument von dieser Erscheinung mit betrof­fen wirb, in ber Weise, daß er um die Mittagsstunde an heißen Tagen dünneres Gas erhält. Indessen ist für ihn bie Erwärmung des Gases im Gasbehälter ohne jeden Belang, denn das Gas hat sich naturgemäß auf dem langen unterirdifchen Wege in ben kühlen Eisenröhren längst wieder abgekühlt, ehe es den Gas­messer in ber Wohnung des Verbrauchers paffieck. sk.

— Die Lachkur gegen Nervenleiden. WaS hat man nicht alles schon empfohlen und angewendet gegen die Krankheit unserer Zeit, die Nervosttät! Nuhekuren, Wasserkuren, Milchdiät, Weintrauben, Luftwechsel, Sommerftischen usw. Hunderttmismde kämpfen auf diese ober jene Weise gegen ihr Nervenleiden und man sollte meinen, nun müsse bet Nervenpopanz doch falb ganz ans ber Welt verschwunden sein, aber im Gegenteil, die Nervosität wird immer verbreiteter, im­mer ärger. Sie ergreift sogar unsere Kinder, und demzufolge werden immer mehr Nervenheilanstalten gebaut, Ferienheims für blutarme, nervöse Großstadt- finbet und vieles sonst noch. Der Pariser Nervenarzt Dr. Jean Simeon behandelt seit Jahren feine Patien­ten in einer ganz eigenartigen, geradezu kostenlosen Weise, und der enorme Zulauf, den er hat, ist Beweis genug dafür, daß seine Methode Anerkennung findet. Er untersucht die Patienten sehr genau, trägt ihnen bann bie amüsanten lateinischen Bezeichnungen Nir

bie einzelnen anormalen Zustände vor, und versteht es, schon hierdurch die Kranken zum Lachen zu bringen. Dann befiehlt er ihnen direkt herzhaft zu lachen, er­zählt allerlei von der Kunst des Lachens, läßt wieder lachen, bis die Tränen aus ben Augen kommen, und — nach vier Wochen ist bet Pattent gesünder als er jemals war. Das ist bie Lachkur. Die Erschütterun­gen des ganzen Organismus, bie die Heiterkeit hervor­ruft, sinb bas fegenfpenbenbe Fluidum. Das wird wohl auch dem Laien einleuchten. Mr Menschen sor­gen uns von früh bis abends und ärgern uns über jede Mücke — wir sollten etwas gleichmütiger werden und mehr lachen, recht viel und oft lachen, bann wirb die Nervosität von selbst verschwinden. gl.

— Ein salomonisches Urteil sprach einmal der wegen seines Humors und seiner Schlagfertigkeit ivettbekannte, jetzt längst verstorbene Friedensrichter Verlier in Marseille. Ein Ehepaar wollte sich nach zehnjähriger Ehe, der drei Kinder entsprossen waren, scheiden lassen. Die Frau begehrte aber einen Sohn und eine Tochter für sich, der Mann jedoch beide Söhne. Nun sollte der Richter ein Machtwort spre­chen. Dieser versicherte sich zuvor der unbedingten Zustimmung beider Eheleute zu seiner Entscheidung und sprach dann folgendes Urteil: „Da jeder von Euch zwei Kinder begehrt, aber nur drei Kinder da sind, so wartet ihr, bis ein viertes Kind vorhanden ist. Dann kommt ihr wieder zu mir, und ich werde weiteres bestinnnen." Wohl ober übel zogen die beiden ab. Später traf Verlier einmal den Ehe­mann und fragte nach dem Stand der Sache. »Ach/ meinte dieser, „mit dem vierten Kinde wars nichts, wir haben Zwillinge bekommen." — "^luch gut­sagte Verlier, „nun müssen wir warten bis em sechstes Kind da ist." Das Ehepaar indes ersten nicht wieder vor dem Richter. vs

— Im Eifer. Freundin: „Wie bie Zeit vergeht; jetzt werde ich schon zweiundzwanzig!" — „Und ich neunzehn!" — „Ach, renommiere doch nicht! Fünf­undzwanzig wirst du; du bist ein Jahr jünger rote ich!"