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üotationsdrnünnd Verlag der Lnldaer Ak- tien-rnckerei in Fulda Fernsprecher Nr. 9.

Fulda, Montag den 21. August 1911.

a» 189.

38. Jahrgang.

en A »spräche, in der er den Werth »monistischer ldung betonte. Er ermahnte die Schüler, mit Eifer । > Interesse das Griechische zu pfl^en, um daS

Bi

Deutsches Mich.

*♦ Der Kaiser an die Jagend.

nastums zu sich kommen. Die jungen Lente waren von dem Direktor und dem Lehrerkollegium der Anstalt be­gleitet. Der Monarch begrüßte die Schüler, die mit ihren Klassenmützen angetreten^wareu, in einer herz­lichen A

der ihm in neuester Zeit zugewiesen sei. Aus dem Studium der Geschichte deS deutschen Volkes sollten sie zu lernen suchen, wie sie an der Größe des deutschen Volkes Mitarbeiten könnten an ihrem Teil, nur als Deutsche, ohne beengt zu fein von den Grenzen einer Partei. Als Studenten sollten sie Sport treiben, auch denjenigen des RiytpierS, aberden A l k o h o lm i ß b r a u ch meiden. Der Kaiser erwähnte hierbei das Beispiel der amerikanischen Studenten. Am Schluß seiner Rede schenkte der Kaiser dem Friedrich-Gymnasium eine neue Schulfahne. Der Direktor der Anstalt brachte den Dank der Schüler mit einem Hoch auf den Kaiser zum Aus­druck.

Die Ansprache wird in verschiedenen Fassungen verbreitet. Die Schlußsätze haben wir wiedergegeben, wie sie daS Wolff'sche Telegraphen-Bureau meldet. Die Frankfurter Agentur dieses Bureaus Übermittelt uns einen davon abweichenden Text, in dem die Empfehlung des Rappiers fehlt und die jungen Leute gemahnt werden, nicht durch die Partei einen Vorhang zwischen sich und ihr Volk ziehen zu lassen. Man wird abzuwarten haben, welchen Wortlaut die offiziösen Blätter übernehmen.

und Interesse das Griechische zu pflegen, um das gewaltig» Kulturvolk der Hellenen, deren Geist sich auch heute noch — vielleicht mehr denn je — in unserer Kunst und im Leben spiegelt, verstehen zu lernen. Ins­besondere solltm die Schüler ihren Geist auf die Harmonie richten, welche die griechische Kunst zu so hoher Geltung gebracht hat. Er hoffe, daß griechische Literatur und Kultur auf den humanistischen Bildungs­stätten sich für den einzelnen wie für die Allgemeinheit förderlich erweise. Der Kaiser erinnerte hierbei an das Wort: „Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir", und spornte die Gynmasiasten an, dahin zu streben, tüchtige Staatsbürger zu werden, damit Deutschland in der Geschichte den Platz behaupte.

% Berlin, 20. August 1911. Blättermeldungen zufolge wird ein Gesetzentwurf über die Ver­pflichtung der Sparkassen, einen Teil ihrer Be­stände in Staatspapieren anzulegen, vorbereitet. Wann der Entwurf sertiggestellt sein wird, steht noch dahin. — Zur Frage der Strafprozeß- re form erfährt die „Deutsche Tageszeitung": Alle von Zeit zur Zeit auftretenden Meldungen über die Verschiebung der Strafprozeßreform entbehren jeder tatsächlichen Unterlage und sind nichts als Ver­mutungen. Die verbündeten Regierungen bestehen jedenfalls auf der alsbaldigen Verabschiedung und werden es auch noch ausdrücklich erklären.

)( Die Essener Eisenbahndirektion gegen die Sozial­demokratie. Der Präsident der Eisenbahndirektion Effen hat, veranlaßt anscheinend durch den Eisen­bahnerstreik in England, an die ihm unterstellten Beamten und Arbeiter eine Verfügung erlassen, die sich gegen die Bestrebungen der Sozial­demokratie wendet, unter den Eisenbahnern festen Fuß zu fassen. Das Mitbringen von Flugblättern zur Dienst- oder Arbeitsstelle, überhaupt jede Be­tätigung im Interesse der sozialdemokratischen Partei wird unweigerlich mit Entfernung aus dem Amte oder mit Kündigung des Dienstverhältnisses bedroht. Der EisenbahndirektionSprästdent hat angeordnet, daß alle Bediensteten, Beamte und Arbeiter durch Namensunterschrift die Kenntnisnahme von dieser Verfügung zu bescheinigen haben. — Das ,Berl. Tagebl/ glaubt zu dieser Verfügung folgende dumme Bemerkung machen zu müssen:

„Unsere Eisenbahnbehörden, und nicht die preu­ßischen allein, entwickeln sich immer mehr zu Zentralen für die Bekämpfung der Sozialdemokratie, derselben Sozialdemokratie, die durch eine so überaus „segens­reiche" Regierungspolitik auf anderen Gebieten, wie Wirtschasts-, Steuer und Verwaltung, künstlich großge­züchtet wird. WaS Wunder, wenn eines Tages für die Verbesserung de? Verkehrs und die Sicherheit des reisenden Publikums gar keine Zeit mehr übrig sein wird!"

Natürlich, dem ,B. SV ist alles in der Seele zuwider, was sich gegen seinen großen lieben roten Bruder richtet.

= Politik in Badehosen. Im nationalliberalen „Rastatter Tageblatt" Nr. 188 lesen wir folgendes Inserat:

Sozialdemokratischer Schwimmklub. Je­den Abend von 6—10 Uhr Schwimm Übungen im Volks bad. Die Genossen werden ersucht, zahlreich zu erscheinen, da in den Pausen die neuesten poli­tischen Ereignisse besprochen werden. Der Vor- stand.

Es ist zu begxüßen, daß die Rastatter Genossen die Bekömmlichkeit kalter Bäder auch für die poli­tisierende Menschheit eingesehen haben. Insbesondere kann eine Kaltwasserbehandlung bei Lesern der sozialdemokratischen Presse nur von Nutzen sein. — Nebenbei bemerkt: wenn das Inserat in einem Zentrumsblatt stehen und lauten würde: Zentrums- Schwimmklub", welch ein Geschrei hätten wir dann erlebt!

---- Haust du meinen Jatho, zahl' ich nichts ab dato! Liberale Blätter berichten:

„Professor Dr. Geffken wird in der nächsten Nummer der „Evangelischen Gemeindenachrichten" einen offenen Brief an den Präsidenten des Konsistoriums der Provinz Brandenburg, Oberkonsistorialrat Sleinhausen veröffentlichen, in dem er sein Befremden ausdrückt, daß das Konsistorium ihm als Vorsitzenden des Rheinisch- westfälischen Verbandes der Freunde evangelischer Frei­heit einen Aufruf zugesandt hat, in dem er ersucht wird, sich au der Ausgestaltung des Klosters Lehnin zu einem Diakoniffenmulterhause zu beteiligen. Geffken gibt seiner Verwunderung darüber Ausdruck, daß zu den Unterzeichnern des Aufrufs dasjenige Mitglied des landeskirchlichen Spruchkollegiums gehört, das durch sein Verhalten am 23. Juni sich mit am verständnis­losesten gegenüber der „evangelischen Freiheit" erwiesen habe, sowie daß auch der Oberkonsistorialrat den Auf­ruf unterzeichnete, nachdem er erst kürzlich mehrere seiner Aufsicht unterstellte liberale Geistliche durch Konsistorialbeschluß das staatsbürgerliche Recht der freien Meinungsäußerung zu verkümmern suchte. Da

geführt worden. Nämlich durch die Pariser Presse, die laut und gebieterisch forderte, daß Rußland als Verbündeter Frankreichs, das Abkom­men mit Deutschland in der Schwebe halten solle, so lange Frankreich nicht mit Deutschland zur Ver­ständigung gelangt sei. Die russische Regierung hat sich dieser Pariser Taktik nicht gefügt, sondern das Abkommen mit Deutschland unterzeichnet, während in Wilhelmshöhe und in Paris die bisherigen Ergeb­nisse der Kiderlen-Cambon'sche» Unterhaltungen noch bedächtig geprüft werden. Die gegenwärtige Leitung der russischen Politik bekundet damit eine gewisse Unabhängigkeit. Oder soll man vermuten, daß die russische Regierung mit der Gewißheit eines baldigen günstigen Abschlusses der sranzöstsch-deutschen Ver­handlungen gerechnet und also eine Taktik der Ver­zögerung für überflüssig gehalten habe?

In jedem Falle ist es erfreulich, daß von den beiden Hasen, auf welche die deutsche Diplomatie gleichzeitig jagen mußte, wenigstens der eine (wenn auch der kleinere) bereits zur Strecke gebracht wor­den ist.

ojr Das deutsch-russische Abkommen £t am Samstag unterzeichnet worden. Der Inhalt ist ’n fünf Paragraphen niedecgekegt. Sie bestimmen in Jer Hauptsache:

Wir überlassen den Russen nicht bloß ihre p o - l i t i s ch e Vormachsstellung in Nordpersien, sondern auch die Eisenbahn-, Wegebau-, Schissahrts- und Telegraphenkonzessionen in diesem Gebiet. Dafür sicherte Rußland uns zu:

1. die Gleichberechtigung des Handels aller Rationen in Persien (die „offene Tür") und

2. den Anschluß der Va g d a db ahn an das ge­plante nordpersische Reh durch eine Bahn Tehe­ran-Khan ekin.

Der baldige Bau der letzteren wichtigen Strecke wird gesichert durch folgenden Zusatz: Wenn zwei Jahr nach Fertigstellung der Bagdabahnstrecke bis Khanekin die Ruffen den Bau der Linie Khanekin- Teheran nicht in Angriff genommen haben solltm, so kann Deutschland sich die letztere Linie konzessio­nieren taffen. — Durch diefe Klausel wird der reelle Wert wesentlich erhöht.

Ein Jahr ist es bald her, daß der russische Zar In Begleitung des Ministers des Aeußem als Gast unseres Kaisers in Potsdam weilte. Der Besuch svurde von der gef amten politischen Welt als bedeut­sam erkannt und gewürdigt. Wenige Wochen nach dem persönlichen Meinungsaustausch zwischen den Herrschern und ihren Ministern wurde bekannt, daß oie Gedanken, die in Potsdam ausgesprochen wurden, bindende Gestalt erhalten würden in Form etuies schriftlich festgesetzten Vertrages zwischen Dmtsch- tand und Rußland. Als der Reichskanzler im Dezem­ber v. I. über die Begegnung von Potsdam berichtete, gab die bedmtsame Erklärung ab, es sei dort von neuem festigesteW worden, daß sich beide Regierungm ■in keinerlei Kombinationen eintaffen würden, die (einen Angriff gegen den andern Teil bedeuten könnte. §Das bedeutete, daß die englische Einkrei- is u ü g s p o l i t i f gebrochen war, denn Rußland ) ''stete dankend darauf, künftig der Mächteverbin- l. ..g gegen Deutschland anzugehören. Nun sucht man aber vergeblich in diesem Abkommm nach einer Be­stätigung für jene Erklärung des Reichskanzlers. Auch die Gmndsätze und Erwägung in der Einleitung ;bcS Vertrags befassen sich nur mit Persien und nichts anderem. Die Beschränkung auf die praktische sEinzelfrage braucht man aber nicht ungünstig zu deu­ten. Ob die erwähnte allgemeine Versicherung der Enthaltung von Angriffsabsichtm auf dem Papier steht oder mündlich ausgetauscht ist, macht keinen Unterschied. Es kommt in jedem Fall auf den an­dauernden guten Willen an, und man muß anerkennen, daß die gegenwärtige russische Regierung in den neun Monaten, die seit Potsdam verstrichen sind, sich wirk- tich auf keine deutschfeindliche Kombination einge­lassen hat.

Der Vertrag ist ein gutes Geschäft für beide Teile und eS darf uns ehrlich freuen, daß er zu­stande gekommen ist. Wenn der Braten noch immer nicht fertig werden will, so ist man für einen Ge- müsegang sehr dankbar. Der Ausgleich mit Frank- reich verschiebt sich leider immer noch, obschon alle Welt auf seinen Abschluß lauert. Das Abkommen mit Rußland hatte bei weitem nicht eine solche Spannung der Gemüter erregt; die große Menge halte schon fast darauf vergessen, daß vor neun Monaten in Potsdam der Grund zu einer Ver- ständigung gelegt worden war. Auf die Vollendung dieses Aktenstückes hätten wir allenfalls auch noch his zum nächsten Jahre warten können, ohne daß eine Kriegssnrcht Platz gegriffen. Doch wenn die weniger brennende Frage zuerst gelöst wird, so soll Uns das auch recht fein, — vorausgesetzt, daß das gute Beispiel aus der östlichen Politik auf die Geschäftsführung in der westlichen Politik be­schleunigend wirkt.

Es ist sogar ein innerer Zusammenhang zwischen den beiden diplomatischen Geschäften herdei­

q8 der orthodoxen Partei in der

Landeskirche handle, muffe er eine Beisteuer zu diesem Werke im gegenwärtigen Augenblick als kränkende und herausfordernde Zumutung ablehnen" —

4- Straßburg, 19. Ang. 1911. Tie elsaß- lothringische Zentrumspartei veröffentlicht soeben ihren Wahlaufruf nebst dem neu durch­gesehenen Programm, deffen politischer Teil jeden Fortschritt bezüglich der Verfassungsreform ableugnet. Ferner wird die völlige Unabhängigkeit vom Reichszentrum betont; man will nur die Partei des elsaß-lothringischen Volkes sein. Im einzelnen und im wirtschaftlichen Teil des Programms sind die sogenannten elsaß-lothringischen Forderungen scharf betont.

* München, 20. Aug. 1911. Der bayerische Kriegsminister erklärte einem Landtags-Abgeordneten, der ihn ersuchte, in Anbetracht der Gefahr der Weiter- verdreitung der Maul- und Klauenseuche die Manöver in Bayern ausfallen zu lassen oder doch wenigstens einzuschränken, daß ein Ausfallen der Manöver ganz unmöglich sei. Der Mini­ster wolle aber alles tun, um die von der Seuche bedrohten Ortschaften möglichst zu verschonen.

Die Anträge zum sozialdemokratischen Parteitag.

Der „Vorwärts" veröffentlicht die zum Jenenser Parteitag vorliegenden Anträge, deren Zahl gegen frühere Jahre einigermaßen bescheiden ist. Bis jetzt liegen nicht mehr als 50 Anträge vor. Sie charakte­risieren sich zumeist als „olle Kamellen", die seit Jah­ren zum eisernen Bestand aller sozialdemokratischen Parteitage gehören: Wir heben die wichtigsten au8 ihnen hervor:

Die Land cgitation soll auf „verwandtschaft­licher Grundlage" eingerichtet werden, und zwar der­gestalt, daß die Parteigenossen angehalten werden sol­len, die Adressen ihrer auf dem Lande lebenden Vev- wandten den Bezirksführern mitzuteilen. Um eine gründliche Aufklärungsarbeit unter der proletarischen Jugend durchzuführm, sollen Wanderredner be­reitgestellt werden. Sehr viele Anträge beschäftigen sich mit dem Maifeier-Beschluß des Nürn­berger Parteitags über die Ablieferung des TageS- arbeitsverdimstes am 1. Mai. Eine ganze Reihe von Wahlkreisen beantragt die Aufhebung dieses Beschlus­ses. Breslauer Genossen wünschen die Herausgabe einer Agitationsschrift, in der das Verhältnis der So­zialdemokratie zum landwirtschaftlichen Kleinbesitze bargelegt werden soll. Ein Ber­liner Genoffe erwartet vom Parteitage, daß er die Forderungen der Jmpfgegner anerkenne und die Fraktion im Reichstage beauftrage, diese Forderungen zu unterstützen. Von Berlin und Stuttgart wird der Parteitag ennahnt, den Parteigenoffen erneut und aufs dringendste ans Herz zu legen, daß sie dem Schn ap s g enn sse en,tf ag en. Stuttgart äußert den besonderen Wunsch, daß künftig in der Parteiprefle Schnapsanzeigen nicht mehr aufgenommen werden. Einen Antrag bett, die Marokkofrage haben die Genossen Max Maurenbrecher und Frau und Gerhard Hildebrand in Solingen eingebracht. Dieser Antrag verlangt u. a. einen dauernden Aus­gleich internationaler Gegensätze derart, daß „keine einzelne Nation an der kolonialen Versorgung einen monopolistischen Vorsprung für sich beansprucht und keine sich vom friedlichen Wettbewerb mit gleichen Chancen gewaltsam ausgeschlossen steht". Der An­trag schließt:

„Solange eine Verständigung auf einer dieser Grundlagen nicht erreichbar ist, wird sich die deutsche Sozialdemokratie im Verein mit den übrigen Teilen des deutschen Volkes allen Versuchen anderer Kolonialmächte widersetzen, ihre bereits un­verhältnismäßig wertvollen Einflußaebiete unter fpftema« tischer Nichtachtung der deutschen Wirtschaftsbedurfnisse durch weitere Besitz- und Vormachtsausdehnung immer noch mehr einjeitig zu vergrößern; denn dadurch würde der Spielraum der deutschen Volkswirtschaft unerträg­lich eingeengt und der kulturelle Ausstieg der deutschen Arbeiter gehemmt oder von den unkontrollierbaren Zufälligkeiten ausländischer Wirtschaftspolitik abhängig

Bei einer Begrüßung durch die Primaner des Kasseler Fridericianums, dem er einst selbst ange­hörte, hat der Kaiser Gelegenheit genommen, sich an die Jugend als den Träger der Zukunft zu wenden und Gedanken Ausdruck zu geben, die aus feinem Munde nicht neu sind, die aber gerade durch ihre Wiederholung zeigen, wieviel Gewicht der Kaiser auf sie legt und wie er in ihrer Befolgung eine Gewähr für die Größe des deutschen Volkes sieht. AuS Wilhelmshöhe wird darüber gemeldet:

Der Kaiser ließ Samstag vormittag auf der Terrasse vor dem Schloß Wilhelmshöhe die 30 Schüler der Unter- und Oberprima deS Kasseler Friednch-Gym-

Schloß Sonneck.

20] Roman von Felix Nabor.

Hilda erschauerte. Sie sah, daß ihr Vater Berg- i.tann durchschaute und seine Absicht ahnte — und die Schwere ihres Fehlers lastete,wie ein Berg auf ihr. Die fürchtete, ihr Vater möchte sie auch von seinem ^Hetzen verstoßen und umklammerte ihn in höchster Seelenangst. „Vater!" schrie sie auf, „sprich nicht so! Miß ich denn dafür büßen, daß ich das Gute sind das Glück unseres Hauses wollte?"

Herr von Sonneck drängte sie von sich. „Geh", tagte er, „auch du bist mir heute fremd geworden. Wo ist dein Adelsmut geblieben? — Zerbrochen! — Wo ist dein Stolz? — Dahingeschmolzen im ersten jpeuer der Not! — Laß mich, ich versteh' die Welt und die Menschen nicht mehr! Daß mir auch solches 'geschehen mußte, so Schweres, so Trauriges —"

, Er ging in das anstoßende Zimmer, um mit sei­nen Gedanken und mit feinem Grame allein zu fein. , Elga von Sonneck und Hilde blieben zurück und sahen sich starr in die Augen. Auch zwischen ihnen ;äab es einen Kamps, das wußte sie; er mußte ausge- !ttagen werden, eher gab es keinen Frieden auf Schloß Sonn eck.

i1 „Warum hat du das getan?" fragte Hilde. „Papa hat ohnedies Sorgen genug."

»Ich hielt es für meine Pflicht, meinen Gatten Über dich aufzuklären", erwiderte Elga scharf. „Ja, er hat Sorgen mehr als genug — aber du vermehrst sie noch durch deine Undankbarkeit."

; Dieser ungerechte Vorwurf kränkte Hilde aufs Reffte. Sie hatte alles für die Ihrigen geopfert, und yun beschuldigte man sie sogar der Undankbarkeit. Das war mehr als sie zu ertragen vermochte. Ihre Augen füllten sich mit Tränen und mit Bitterkeit im Herzen jtief fit: „Du, Mama, hast am allerwenigsten Gmnd, Jich über mich zu beklagen. Nie habe ich dir etwas

!i leid getan, nie ein schlimmes Wort gegen dich ge­

sagt. Und ich hätte doch manchmal Gmnd genug da­zu gehabt .

Fran von Sonneck fuhr gereizt empor. „DaS sagst du mir? Du Freche! Wenn du dankbar wärest, würdest du deine Pflicht kennen. Mit einem einzigen Wort könntest du alle Sorgen von deinem Vater neh­men. Aber du tust es nicht, du verharrst in deinem Eigensinn. Wenn du Papa wirklich lieb hast, dann mußt du den Schritt tun, der uns alle erlöst und frei macht — du mußt Weißenhofens Frau werden!"

„Ich kann nicht!"

„Das ist ein billiger Grund. Damit fchüttelt man seine Pflichten ab. Aber damit kommst du nicht durch — ich will dir ein letztes Wott sagen: ich be­fehle dir, Wetßenhofen dein Jawott zu geben. Nach dem, was hier vorgefallen ist, wirst du wohl selbst einsehen, daß hier deines Bleibens nicht mehr ist. Die Mutter hast du beleidigt, den Vater ins Herz gettofsen. Es bleibt dir nur ein Weg übrig — dieses Schloß zu verlassen."

Hilde erblaßte. Das klang ihr im Ohr wie ein Todesurteil. Aber so leichten Kaufes wollte sie die Heimat nicht preisgeben. „Wer will mich zwingen?" rief sie in aufflammender Entrüstung.

„Ich!" sagte Frau von Sonjneck, erfüllt von glühendem Hasse. „Ich weiß den Grund deiner Weigerung auf Weißenhofens Werbung: du liebst einen anderen! — Willst du es etwa leugnen?"

Hilde sah starr und erschrocken das Weib an, das sich in einen Dämon verwandelte; die Antwort er­starb ihr auf den Lippen.

Frau von Sonn eck war ihres Sieges sicher. „Ich habe Beweise!" fuhr sie ttiumphierend fort. Sie zog eine Photographie aus der Tasche und hielt sie Hilde hin. „Kennst du dieses Bild,"

Hilde erkannte auf den ersten Blick das ihr ge­raubte, so teure Bild. „O", rief fle empört, „du hast fpioniert? Du hast mir das Bild geraubt! Gib es zurück! — —" -

Sie sprang auf ihre Mutter zu, um ihr das Bild zu entreißen. Aber diese verschanzte sich hinter einen

Sessel. „Zurück, Wahnsinnige!" schrie sie, „willst du dich etwa an deiner Mutter vergreisen? Leugnest du auch jetzt noch?"

„Ich bin dir keine Rechenschaft schuldig! Gib mir das Bild zurück!"

Elga von Sonneck geriet durch diese Festigkeit in rasende Wut. Ihre leicht erregbaren Nerven bebten itnb mit schriller Stimme rief sie: „Nein! — So nicht! — Erst zerreiße ich es, schau her! — Und bann — dann werfe ich es dir ins Gesicht, wie du es verdienst!" Sie riß das Bild mitten durch und schleuderte die Stücke nach Hilde. Diese stieß einen Schrei aus und sank in die Knie, um ihre Hände schützend über das Bild auszubreiten, da sie befürch­tete, ihre Mutter könnte es in ihrer Aufregung auch noch mit Fußen treten. „Auch das noch", jammerte sie. „Beschimpft und erniedrigt wegen des Teuer­sten, das ich im Herzen frage." Sie nahm das Bild an sich und erhob sich. Jeder Blutstropfen war aus ihrem Gesichte gewichen. „Du hast mir Worte ge­sagt", sprach sie, „die mich hinauspeitschen aus diesem Hause. Du hcfft dein Ziel erreicht — ich gehe! —"

„Wirklich — du gehst?" fragte Frau von Sonneck triumphierend.

„Ja — ich gehe!" sagte Hilde mit tonloser Stim­me. „Mr beide haben nicht mehr Raum unter einem Dache."

Sie wandte sich zur Türe — da stand ihr Vater im Rahmen. „Hilde!" rief er. „Was sagst du da? — Ich habe eure Unterredung gehört, ohne es zu wollen. Zeige mir das Bild!"

Hilde umklammerte mit zitternden Fingern das Bild. „Nachher, Papa", sagte fle. „Vor dir habe ich kein Geheimnis. Doch muß erst Klarheit zwischen uns fein. Hier steht deine Gattin — und hier deine Tochter--"

„Wähle!" rief Elga ihrem Gatten zu. »Wer steht dir näher: die Gattin — gder die Tochter?"

„Quält mich nicht! — Vertragt euch!"

„Nein — wähle!" rief Elga. „Jch ^in dein Weib, ich hab dich lieb — durch heilige Bande bin

ich an dich gebunden. Du wirst also wissen, wer da- Recht hat, hier zu leben!"

„Es ist schrecklich", stöhnte Sonneck.

„Papa", sagte Hilde, „es ist besser, wenn ich gehe. —"

Ein finsterer Zug gmb sich zwischen Sonnecks Brauen. „Gut denn", rief er, „wenn es nicht anders fein kann, so soll es geschehen, wie ihr es haben wollt."

Elga wollte sich ihm in der Freude ihres Sieges an die Brust werfen, aber er schob sie heftig von sich. „Geh' jetzt", rief et barsch. „Ich muß mit Hilde reden! — Geh! —*

Da ging sie. Als sich die Türe hinter ihr geschlos- fen hatte, sanken sich Vater und Kind in die Arme. „Hilde, mein teurer Kind", rief Sonneck mit schmerz­licher Sttmme, „muß ich auch noch dich verlieren?"

„Wir wollen in Frieden auseinander gehen, Papa. Ich weiß, ich habe dich heute erzürnt. Willst tat mir verzeihen? Willst du mich noch ein bischen lieb haben? --"

„Ach Hilde, ba8 ist ja alles vorüber. Das ist aus­gelöscht durch den großen Schmerz, daß du von mir gehen willst."

„Ich muß, Papa. Es ist besser fo. Für dich und für mich. Dann kommt vielleicht Friede unter dieses Dach."

Somieck fdiüttelte den Kopf. „Nie", 'fagte er schmerzlich. „Mit dir geht all mein Glück, all mein Sonnenschein. Die Nacht bricht herein, die dunkle, endlose Nacht."

Hllde schlang die Arme um ihn und geleitete tim zu seinem Sessel. „Laß uns in Ruhe darüber reden, Papa." , t ,

Sie warf ein Mat Scheit« ta ben Kamm, daß das Feuer aufflackerte, und löschte die Lampen bis auf eine. Milde Dämmerung erfüllte das Gemach; die roten Flammen im Kamin zuckten und züngelten, draußen heulte der Sturm und bet Regen rann. —

(Fortsetzung folgt.)