Leitung
" fuldaer
Ich muß mich wohl daran ge-1 beugt, der alte, trotzige Recke! Er ist zahm geworden! und klappte das Buch zu. Sie I Die Not hat ihn klein geschlagen, den alten, herrischen [.gleht an den Lippen, alS schärfe Aristokraten: er ist zu uns gekommen! Weißt du.
was du damit — verraten hast? Weißt du das? —
wochen-Mitdichau.
[:] Fulda, 18. August 1911.
JVä 188.
Zamrtag den 19. A»M 1911.
58. Jahrgang.
Elga seufzte. ,,
wohnen", sagte fie und klappte das Buch zu. Sie wetzte das rote Zünglein an den Lippen, als schärfe sie ein Messer zum Kampfe. —
Nun stieß sie den Roman heftig von fich und sagte: „Ekliges Zeug! — Selbst Maupaffant totrb auf die Dauer ungenießbar. Ich muß mir einen andern Autor suchen. —" Als ihr niemand antwortete, zog fie die Braue» hoch und ihre Augen flackerten. Sie ging zum Angriff vor. „Nun, Hilde", sagte fie, „war eS amüsant bet Bergmanns?"
Hilde schoß alle» Blut ins Gesicht. Sie blickte ihre Mutter flehend an, daß fie ftffweige. Allein Frau Elga wollte nicht verstehen. „Du haft ja noch kein Wort von deinem Besuche erzählt."
Herr v. Sonneck, der in einem Journal geblättert hatte, blickte befremdet auf. Seine Augen blitzten unter den buschigen Brauen hervor. „Was redet ihr?"
„Ihr hört wohl beide nicht gut", sagte Elga gereizt. „Ich fragte, ob fich Hilde bei Bergmanns gut amüsiert hätte —"
Der Major stemmte di« Faust auf den Lisch und blickte seiner Frau starr ins Gesicht. „Bet Bergmanns?" —*
„Nun ja. Hilde war doch in der Villa drüben."
Der Major« Faust fiel dröhnend auf die Eichenplatte. „Zum Kuckuck, habt ihr mich jum Narren? Hilde, so sprich doch: warst du wirklich in der Villa?"
Hilde sich ihren Vater bittend an. „Ja, Papa!" Der Major erhob sich mit etnent Ruck; die Havanna fiel achtlos zu Boden und brannte ein großes Loch in den Teppich, aber niemand achtete darauf. Sonneck ergriff seinen Stock und machte ein paar mühsame Schritte. Die Adem auf seiner Stirn schwollen au. „Hilde!" schrie er, und seine Stimme klang so brüchig, al« käme sie aus einer zerrissenen Brust. „Hilde. — Das hcfft du mir getan? In da» Haus meines Todfeindes bist du gegangen? — Mei- nen Befehlen, meinem Wunsche zum Trotz! Weißt du, was du damit getan host? — Weißt du, daß du mich damit zum Spotte in den Augen dieser Geldmenschen gemacht hast, — daß fie jetzt über Hefen stolzen Sonneck lachen und laaeu: Sebt er hat sich doch ge-
»u Ende führen zu können, doch scheint nach alledem, was in die Oeffentlichkeit gedrungen ist, eine Grundlage zur Einigung noch nicht gefunden zu sein.
Der Katholikentag in Mainz läßt die liberale und kirchenfeindliche Presse nicht zur Ruhe : bmmen. Obschon zum so und so vielten Male erklärt worden ist, daß die Katholikenversammlung mit der wlitischen Partei des Zentrums nichts zu tun haben, ücht man doch wieder künstlich einen solchen Zusam- nenhang zu konstruieren. Andrerseits wundert man ich in der genannten Presse, daß die angebliche Spülung zwischen den deutschen Katholiken nicht in Mainz zum Ausbruch gekommen sei. Die Blätter vergessen aber ganz, daß es innerhalb des Katholizismus keine Spaltung geben kann; das, was die Blätter meinen, bezieht sich auf den angeblichen Zwiespalt im Zen- imm. Da aber Zentrum und Kaiholikenversammlung, wie schon gesagt, nichts miteinander zu tun haben, so konnte auch eine etwaige Verschiedenheit in der Auf- fassung politischer Fragen nicht in Mainz zum Aus- jrag gebracht werden. Mag diese Presse immerhin an den Katholikentagen herumnörgeln: es sind nicht die schlechtesten Früchte, an denen die Wespen nagen. Der ganze Aerger rührt daher, weil sich auch in Mainz die Einheit der katholischen Kirche wieder in glänzen-
2. Blatt.
vrick ewb Verlag der siuldaer Actienbrnckerei i» Selbe.
dem Lichte gezeigt hat.
In England herrscht zurzeit ein wahres Streik- fteber. Die Hafenarbeiter, die Dockarbeiter, die Eisenbahner, die Angestellten der Straßenbahn, die Auto- Vmnibusführer, die Gepäckträger und alles, was mit dem Verkehr zu tun hat, ist in den Ausstand getreten, sodaß für verschiedene Städte, London, Manchester nsw. die Gesahr einer Hungersnot vor der Tür steht. „Die Arbeitgeber haben sich infolgedessen auch zusam- mengeflsffkp. ünt hi? Forderungen der Arbeiter abzuwehren; so hat z. B. die ssist^cip^einiqupg in Liverpool 23000 Hafenarbeiter ausgesperrt Und dt? Verwaltungen der Eisenbahnen haben erklärt, dm Forderungen der Leute auf keinen Fall nachgeben zu wollen. An zahlreichen Orten ist es zu Zusammmstößm zwischen den Streikmden und der Polizei bezw. dem Militär gekommen, wobei es auf beiden Seiten Tote inb zahlreiche Verwundete gegeben hat. Die^Sozial- demokratie, die moralische Urheberin dieser Streikbewegung, suchst natürlich die Schuld von sich abzuwälzen, genau so wie sie es in Moabit gemacht hat. Aber trotzdem kann sie das fortwährende Aufhetzm der Arbeiter und Angestellten in der Presse nicht unterlassen. Hoffentlich kommt es bald zu einer im öffentlichen Interesse Gieaenben Verständigung und Einigung der streitenden Parteien. — Die Annahme des „Veto"-GesetzeS im Oberhause hat eine vollständige Veränderung der politischen Situation gebracht. Ein neuer Abschnitt der englischen Geschichte beginnt oon diesem Zeitpunkte an. Die nächste Folge der Freiheit, die die liberale Regierung und das Unterhaus sich durch die Ausräumung der alten ererbten Rechte der Lords erstritten haben, wird eine eigene Verfassung, Home-rule, ftir Irland sein. Wie lange die liberale Regierung aber dann noch über eine sichere Mehrheit verfügen wird, ist fraglich. In der Schulfrage werden die Irländer jedenfalls nicht mit den Liberalen gehen und auch die Auffassung der Arbeiterpartei weicht in manchem von der der liberalen Regiemng ab.
In Belgien hatten die Sozialisten und Liberalen einmal wieder ihren Spektakeltag. Am 15. August, am Feste Maria Himmelfahrt, veranstalteten sie eine große Demonstration zur Propaganda für für das allgemeine Wahlrecht. 100 000 Demonstranten wurden in Ertrazügen, die die Regiemng unverständlicher Weise bereitwilliglt zur Verfügung gestellt hatte, nack der Hauptstadt geschleppt und dort wurde diese urteilsunfähige Masse dann gegen die katholische Regierung „vereidigt", d. h. die Leute mußten die rechte Hand aufheben und eine sozialdemokratische Resolu-
Ausland.
♦♦ Die Verhaftung des Genfer Politikers und früheren Mitgliedes des StaatsrateL Berit erregt großes Auffehen. Der Verhaftete hat an der Bors« Verluste in der Höhe von 750000 Franken erlitte« und zur Deckung derselben bei Freunden große Geldbeträge geborgt. Da keine Rückzahlung erfolgte, erstatteten die „Freunde" Berits gegen Ujn die Anzeige wegen Betruges. c,
** Auch in Belgien ist die Geburtenziffer im Rückgang begriffen. Im Jahre 1910 zählte Belgien nur 54 Geburten mehr äS im Jahre 1909; daS bedeutet bei der sonstigen ViriuchMM her Bevölkerung durch Zuzug lediglich einen Rüagang. Dr» V'i Einwohnern betrug die vorigjährige Geburten« ziffer laut dem ,Patriote" 175768, dagegen vor zehn Jahren bei geringerer Volkszahl 193230. Der Rückgang ist als» sehr beträchtlich; er betrifft besonders die wallonischen Provinzen.
„Papa, sprich nicht so! Stoß mich nicht von bei- ner Brust."
„Ich muß. Was du tatest, war Frevel an unserer Ehre und Verrat an deinem Vater! —" Sein« Augen blickten so zornig, daß Hilde erschrocken vor ihm zurücktmch.
„Aber, Papa", sagte fie unsicher, „ich tat es doch nur aus Liebe zu euch. Ich wollte euch retten au» dieser peinlichen Lage."
„Retten? — Al» ob ein Weib das vermöchte! Solcher Kampf auf Leben und Tod ist nicht Frauensache. Da» überlaß du nur den Männern. Glaubst du etwa, der Haß, der jahrelang so heiß in der Brust brannte, der lasse sich über Nacht auslöschen? — Nein, das brennt ein ganzes Leben lang! — Ach, tote war eS chedem hier so schön! Da schien wirklich die Swine! Da waren Friede und Glück beständige Gäste. — Da lag das Tal im Sonnenglanze wie ein märchenumsponnenes Traumland uns zu Füßen und auf den Höhen rauschte der heilige Wald. Die Menschen warm nicht reich, aber zufrieden und glücklich. Sie sehnten sich nicht nach Unerreichbarem und tonnten dm Haß gegen die Befihenden noch nicht. Ste waren trotz harter Arbeit fröhlich wie Kinder, und daS Tick war ihnm eine liebe Heimat! — Da kam Jener Mensch, stellte fich breit ins Tal wie ein Riese und riß alles an fich: mit roher Gqwalt, brutal, herzlos! Mit rauher Hand zerstörte er den Frieden dieses Paradieses, baute seine Fabrik mit den häßlichen, rauchmdm Schloten, ließ die Hämmer dröhnen und schlug das Glück und das friedliche Stilleben dieser frohen Mmschen in Trümmer. Alle Poche ging ver- inten, da» schwere dumpfe Lied der Arbeit dröhnte durch» Tick, nicht der segensreichen Arbeit - sondern der Sklavenarbeit, die durch tausend Mich- über dm Thrannm mtweiht ist. Man saßt Bergmann wett er die Menschen w Sklaven machte, weil er ihnen bL »JE* unb dm Frieden raubte und sich durch ih m S?ÄÄ Ms k« daher zu jenem ME GW, hast du die Heimat verraten und ich habe mein Bestes verloren: mein Kind, meta trautes, herrliches Kind! Erniedrigt hast du dich, gebeugt vor jenem Manne, der uns zum Fluche geworden ist, und nicht» andere» will, als unseren Untergang."
(Fortsetzung folgt)
„Ja, Papa, ich weiß alles —"
„Und doch hast du es getan? Wamm? Warum?"
„Well ich uns alle au» großer Rot und Bedrängnis retten wollte! Well ich glaubte, lener Mensch trage cck» solcher auch ein Stück Menschlichkeit In der Brust — aber ich habe mich getäuscht: diese Menschen haben kein Herz tat Leibe, sondern einen Stein."
Der Major trat noch einen Schritt näher, seine Faust umspannte krampfhast bett schweren Stock. „Und du hast vor diesen Menschen gebettelt, du, Hilda v. Sonneck, die ich immer für etwa» ganz Besonderes hielt, für einen Ausbund von Stolz und Noblesse, für ein unerreichtes Adelsweib — du hast dich vor ihnen emiebtiflt? —"
„Papa — ich wollte retten — und versöhnen!"
Der Major lachte laut auf; der Stock stampfte den Boden. „Retten? — Versöhnen? — Kannst du zwei Welten zusammenschmieden? — Oder Berg und Tal ebnen? — So wenig fich Feuer und Wasser zu einem neuen Element verschmelzen, ebenso ftoenig las- seit sich zwei Charaktere wie die unsrigen ausgleichen. Alte und neue Zeit ringen mit einander, die eine mit dem Schwach die andere mit dem Hammer! Da dröhnt die Erde, wenn fie zusammenjdtßen. Einer muß unterliegen. Wer wird e» sein? — Ich fürchte fast: die alte Zeit! Aber wenn sie fällt, so soll es in Ehren fein. Ich habe bisher geglaubt, ihr alle stehet treu zu mir in diesem Kampfe um unser höchstes Kleinod — um die Ehre! Ich war so stolz darauf, tarß ihr meines Blutes seid. Meines Stamme», von altem, echtem Adel! Und nun muß ich sehen, wie mir meta liebstes Kind untreu geworden ist. Ein Sturm fuhr über unser Hau» und über unser Gckchlecht — und du hattest nicht Kraft genug, ihm zu widerstehen. Im ersten Anprall hat er dich von meiner Seite gerissen. Nun stehe ich allein, ganz allein. — Du — mein eigenes Kind! — bist mir untreu geworden! — Der Miß hat Swlschen uns eingeschlaam - verstehst du das? - Du hast unser Wappen beschmutzt!"
Deutfd)e$ Reich.
cf München, 17. August 1911. Zu dem Erlaß de» bayerischen Berkehrsministerium» gegen den sozialdemokratischen Eisen- bahnerveroand bemerkt die „Münch. Post" u. a.: Der Erlaß proklamiert ein Ausnahmegesetz gegen die Sozialdemokratie, indem er den sozialdemokratischen Bediensteten grundsätzlich den Zugang zu den Staatsämtern verschließt." Darauf ist zu erwidern, daß dieser Ausschluß nichts Neues ist. Am 18. Oktober 1907 erklärte Ministerpräsident Graf Podewils: „Ein Staatsbeamter, welcher sich zu einer politischen Richtung bekennt, die die Grundlagen bet Verfassung verneint, setzt sich damit in unlöslichen Widerspruch zu seinem ganzen Dienstverhältnis, namentlich zu dem feierlich geschworenen Diensteid, und er müßte selbstverständlich gewärtigen, daß die Staatsregierung die au» einem solchen Widerspruch sich ergebenden Konsequenzen ziehen würde." Die Sozialdemokraten sind vom Beamtenstand ausge- schlossen. Das hat nicht erst jetzt der Ersenbahnerlaß ausgesprochen, sondern vordem Ministerpräsidem Podewils. Und was da ausgesprochen wird, v e r- st e h t sich von s e l b st. Bon einem Ausnahmegesetz kann keine Rede fern. Die Regierung hat das Recht, Bedingungen für die Aufnahme in den Be- amtenstand zu setzen. Ein Sozialdemokrat erfüllt die Vorbedingungen nicht, da er dem Monarchen, zu dem er in ein Treuverhältnis treten muß, vom Throne stoßen und Staatsversassung und Staat in seiner heutigen Form beseitigen will. Es wäre ganz widernatürlich und unsinnig, wenn der monarchrsche Staat Sozialdemokraten als Beamte aufnehmen wollte, und Bebel hat auf dem Parteitag in Nurn- berg gesagt, der Staat handle damit korrekt. Dre Sozialdemokratie gibt fich damit eine Ausnahme- stellung und kann sich nicht beklagen, wenn sie dem entsprechend behandelt wird.
Schloß Sonneck.
19" Roman von Felix Nabor.
Bergmann gab dem Chauffeur ein Zeichen und Hilde stieg aus. Sie fühlte ihre Knie zittern unb ihr graute vor bent furchtbaren Manne. Aber ihr Stolz gab ihr die Kraft, sich in diesem Augenblick nicht sihwach zu zeigen. Hochaufgerichtet stand sie vor ihm und sagte: „Tun Sie, was Sie nicht lassen können! Sie haben vielleicht die Diacht, uns zu vernichten. Aber eines können Sie uns nicht nehmen und darin stehen wir über Ihnen: den Adel der Gchurt — und den Adel der Seele!"
Stolz wie eine Königin schritt sie davon. Wer ihr war, als schwinge ein Zyklop- hinter ihr feinen ehernen Hammer und lasse chn niedersausen auf ihr unbeschütztes Haupt . . .
Bergmann sah ihr nach. «Schön ist fie, das ift wahr. Aber dieser berrüt&r Stolz — nein, es hätte nicht gut getan zwischen uns. Jetzt sollen sie da drohen meine Faust spüren. Jetzt gibt es Krieg auf Leben und Tod."
Er stieg ein, der Chauffeur wandte den Wagen und die „weiße Alice" trug ihren Herrn in rasender Elle der Villa zu.
Es war eine dunkle, stürmische Herbstaacht. Der Regen schlug klatschend gegen die Mauern, der Wind geulte um das Schloß, die Bäume ächzten und mancher swlze Wipfel ward geknickt.
Drinnen im Schlosse war es traulich und warm. Die Scheite knisterten im Kamin, die züngelnden Flammen Waffen blutrote Reflexe auf das glänzende Parkett und der große Lüster mit den Kugellampen strahlte ein helles, ruhiges Licht über den weißgedeck- ten Tisch aus, an dem Herr von Sonneck, Elga und Hilde still beisammensaßen.
Hilde stichelte an einer Arbeit, aber ihre Hand zitterte unb tue Nadel fuhr in die Fingerspitze, an der .an kleiner roter Tropfen hing.
Elga von Sonneck las in einem Roman. Sie buf= tete wieder so stark nach Paffchuli, daß der Major nach einer Havanna griff. „Du gestattest, Elga. Bei solchem Wetter muß man doch einen Zeitvertreib haben."
ttau „beschwören". Ist et» solcher Eid an und für sich schon eine Blasphemie, so ift er e» besonder«, wenn man den Hintergedanken der Arrangeure kennt. Für die Sozialdenuckratte wenigsten» handelt e» fich um nichts andere», al» um eine Agitation zur Ausbreitung de« RevolutionSgedanken». In dieser Beziehung waren di« Brüsseler Vorgänge ein genaues Abbild der Berliner „Wahlrechtsspaziergänge", deren eigentlichster Grundgedanke neben der Parieipropaganda auch dir Ausbreitung der umstürz- lertschen Ideen der Sozialdemokratie war. Daß die belgische Regierung dazu ihre Hand reichen konnte, war ein Eingeständnis ihrer Schwäche. Daß die Liberalm an dm Demonstrationm teilgenommen ha- 6en, darf im« nicht weiter Wunder nehmen. Sie warm früher zwar mffchiedme Gegner de» gleichen Wahlrecht», habm ab« infolge des immer größerm Zusammmschmelzm» ihr« Partei fich d« Erkenntnis nicht verschlteßm können, daß für absehbare Zett ein liberales Regiment tn Belgien nicht mehr möglich ist. In der Zukunft wird d« EnffcheidungSkampf nur zwischen der katholischen Partei und dm Sozialdemokraten auszufechtm sein. Leid« habm die katholischen Par- lamentari« eS nicht verstanden, die Arbeiter unter ihre Fahne zu scharm, mich machte die EigenSbrödelet man- cher Politiker die so notwendige geschloffene Einigkeit ber Partei illusorisch, sodaß die Befürchtung nicht von der Hand zu weifen ist, daß in Belgien eines Tage» sich die sozialdemokratische Arbeiterschaft der Regierungsgewalt bemächtigm wird.
AuS Südalb anien werdm immer wieder neue Kämpfe zwischen ben Aufständischen und den türkischen RegierungStruppm gemeldet. Die Bewohn« des südlichm Teil» vgn Albanim wollm für sich die- selben Vortelle herausschlagen, die ben Malifloren zugebilligt worden find, und da die türkische Regiemng nicht sofort darauf eingtag, habm sie sich mit Waffen- gemalt gegen fie empört. Hoffentlich gelingt eS auch hier bet türkischen Regierung, durch Entgegenkommen und weise Mäßigung dm Fffedm wird« herzustellm und zu sichern.
In P e r s i e n scheint eS dem Exschah Mohammed Ali an ben Kragen zu gehen. In TifliS meldetm sich beim dortigen Konsul einige Männer, die sich bereit erfiärten, dm Schah zu ermotdm, aber sie verlangten Vorschuß. Anscheinend tonnten sie die ständigen S'Hmüsjte bet persischen Regierung unb wollten keinen Morb'auf solch uklZAvsssrn Kredit hin begehen. 5000 Mann Regierungstruppen find ’Cä NS« ©cmabam abgegangen, um das Vorrücken Salar-ed-DaUlkhS, pe« Bruders des Exschahs, zu verhtadem. Raschid-eS- Sultan, ein Anhänger Mohammed Alis, der tn einer für dm Exschah verlorenen Schlacht gefangen genommen ivat, wurde nach Teh«an gebmcht und hinge- richtet. Das alles hat eine beunruhigende Wirkung aus die Anhänger Mohammed AliS auSgeübt.
Die Negertepublll H a i t i, in d« der Bürgerkrieg gegen ben bisherigen Präsidenten Simon entbrannt war, hat roiebet einen neuen Präsidenten: ben Führer ber Aufstänbischm, General Leconte. Dn Bürgerkrieg scheint somit bembet zu fein, wenn nicht noch General Fouchard auf Wunsch seiner Partei seine Kanbibatut aufrecht erhält.
Aus dem Nachbargebiete.
g. Poppenhausen, 18. August 1911. Das Rhön- turnfest auf ber schönen Wasserkuppe am letzten Sonntag bot Gelegenheit zu konstatieren, welche« Fortschritt der hiesige, von unserem Bürgermeister sehr geförderte Turnverein gemacht hat. Bereits im vorigen Jahre nahmen Mitglieder unsere- Turnvereins an ben Wettkämpfen teil, ohne jedoch einen Sieg «streiten zu können. Diesmal war un- serern Turnern ein schöner Erfolg beschieden. Im Vierkampf gelang es bem Benno Schonberg, den 30. Preis mit 50 Punkten zu erringen und zusam- men mit Johann Rötamelt als 8. Sieger im Zöglingskampfe zum erftenmale von der nahen Wasserkuppe als Preisträger in Poppenhausen einzuziehen. Es ist erfteulich, daß die edle Turnerei, diese überaus zweckmäßige Vorbereitung sür die Militärzeit, jetzt auch auf Bem Lande in so erfolgreicher Weise Aufnahme gefunden hat und eine erfreuliche Weiter- , entwicklung verspricht.
VDer Verband katholischer Gesellen- vereine in» Jahre 191V.
Die Ergebnisse der von der Verbandsleitung der katholijHen Gesellenvereine veranstalteten Sta- tistik über den Stand und die Wirksamkeit der katholischen Gesellenvereine im Jahre 1910 liegen nunmehr abgeschlossen vor. Es ist ein erfreuliches Bild frischm Wachstums und Gedeihens, das uns entgegentritt
Seit der letzten statistischen Aufnahme am Schluffe des Jahre» 1908 stieg die Zahl der katho- litten Gesellenvereine von 1182 aus 1221; im Deutschen Reich allein von 870 auf 921. ES wurden demnach in den letztm zwei Jahren im Deutschen Reich allein nicht wenig« als 51 neue Gesellenvereine gegründet, während im Auslände neben Neugrünbungen auch einzelne Auflösungen unb Umwandlungen in andere Organisationen zu verzeichnen waren. Die Zahl der aktiven Mit-
Di« Marokkoverhandlungen ta Berlin stehen zwar noch immer als Leitartikel-Thema im Vordergründe der öffenllichen Memung aber bas In- iereffe daran ist doch wesentlich abgeschwächt. Man Hoist nun zwar, die ««Handlungen bis Ende August
glieber vermehrte fich von 78 508 auf 79342, die bei Ehrenmitglieder von 120 440 auf 181 624. Im Deutschen Reich allein stieg die Zahl bet aktiven Mitglied« von 53 878 auf 60 742, b. h. um mehr als 13 Pozent in zwei Jahren; die der Ehrenmitglieder wuchs von 100 695 auf 108 585 an. Insgesamt find demnach gegenwärtig tat Verband katho- littet Gesellenvereine 1221 Vereine mit 79 342 aktiven Mitglieder und 131624 Ehrenmitgliedern vereinigt, sodaß also die katholischen Gefellenvereine in beiden Mitglied «gruppen zusammen 210 966 Mitglich« umfassen.
Durch die Steigerung ber Mitgliederzahlen haben die Gesellenvereine aufs neue gezigt, daß sie auch tat Organisationsleben der Gegenwart eine wichtige ©teile auszufüllen berufen sind und es der- standen haben, sich chre alte Anziehungskraft zu bewahren. ES ist nicht überflüssig, darauf besonders hinzuweffen. Denn als vor etwa 10 Jahren ein neu« frischer Organisationszug durch Deutschland ging, konnte man nicht selten recht skeptischen Ansichten über die Zukunft des Gesellenverems begegnen. Man glaubte und sprach es Wohl auch offen aus, daß für den Gesellenverein im modernen Organisationsleben kein Platz mehr sei, man hielt ihn Wohl gor in seinen wichtigsten Aufgaben für abgelöst durch die neuaufstrebende chrfftliche Gewerk- Kbetoegung oder meinte, eine Umwandlung der mbeteine in Arbeitervereine befürworten zu sollen! Heute dagegen ist man sich Wohl an allen maßgebenden Stellen darüber einig, daß alle derartigen Ansichten und Vorschläge nur auf recht un- Haren unb mißverstandenen Ansichten üb« bte speziellen Aufgaben ber Gewerkschaften unb Arbeiter- vereine, insbesondere aber der Gesellenvereine berufen. Mehr und mehr ift man zu der Heb«, zeugung gelangt, daß der Gesellenverein auch heute noch n o t w e n d i g ist als unentbehrliche Zwischenstufe zwischen Jugend- und Arbeiterverein, daß er nach wie vor unersetzt und unersetzlich ift in fein« religiös-sittlichen und erzieherischen Tätrgkeit an der h«anwachsenden gewerbtätigen Jugend, in seinem Unterrichtswesen, seinen Unterstützungskas- en, feinem auch gegenwärtig noch konkurrenzlos da- tehenden Wanderunterstützungswesen, feinen 406 (gegen 858 vor zwei Jahren!) Hofpitien, die gegenwärtig in ständigem Ausbau zu Ledigenheimen für die am Orte arbeitenden Mitglieder begriffen sind.
Wohl haben die Gefellenvereine an manchen kleineren Orten — und mit Recht — Mitglieder an Ibis katholischen Arbeitervereine abgegeben und dadurch fteueitfödfe Verluste erlitten, aber dieser Rückgang wurde reichlich ckü8gSgltch»N durch den Zuwachs, den die Großstadtvereme aufwötfflt und durch die Gründung von neuen Vereinen. Auch die Neuregelung und Zentralisation des Wander- ttnterstützungswesens tat Jahr 1907 brachte einen vorüber^henden Rückgang der Mitgliederzahlen, da manche Vereine sich zu ben mit ber Regelung beS Wanberunterstützungswesens verbundenen finanziellen Osffern nicht glaubten auffchwingen zu können. Heute sind alle diese Schwierigkeiten überwunden, unb voll freudig« Zuversicht können die katholffchen Gesellenv«eine in die Zukunft blicken.
Neben ber Ausdehnung und Mitaliederzunahme d« Gefellenvereine erweist die Statistik ab« auch, daß daS innere Vereinsleben sich ausge- ftaltet und die Vereinsarbeit sich vertieft hat. Das religiöse Leben ist eifrig gefördert worden und die Erfolge treten vor allem in der Zunahme d« gemein« chaftlichen heiligen Kommunionen zutage. Das Uni erricht sw es en hat fich weit« erfteulich entwickelt und ift namentlich durch die von der 53er» banbSlettung herausgegebenen Lehrmittel in wirk- famer Weise gefördert worden. Die Zahl d« Verein s f p a r ka f f e n und die Einlagen in dieselben sind üb« den hohen Stand von 1908 abermals hin« ausgewachsen, die zentralisierten Unterstützung s kaff en haben fich günstig weiterentwickelt; auch für die Pflege von Turnen unb Sport tft tn weitem Umfange Sorge getragen worben. So sieht ber Gesellenverein auf allen Einzelgebieten seiner weitverzweigten Tätigkeit Erfolg unb Fortschritt.