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Erstes Blatt

M 188

Fulda, Samstag den 19. August 1911

38. Jahrgang

Vie et» spaltige Petitzrile ober bereu Raum <5 pfg. »eNamendtepetttzrile Pffl-, bei Wieder­holungen wird entspr. Rabatt gewährt.

RotalionsbrnSunb Verlag der Zuldaer Ak- ttenbrutferei in Zulda Zernsprecher Nr. g.

L-fcheküs tägkfchmit Ausnahme der So.rn» «iib Leiertage- viertek- fShrNcheryezugrpreir ohne vringerlohn und vestelgelbinLulbass- wieamwSrtri.soM.

verant«. Redakteur» «ar? Schütter

§uldaer W Zeitung

3 parzeller in Lulda. wochendettaser „illustrierte bonntagzzeitung" Monatsbeilage: rLllldaek'Geschichtzblätter"

X Sedanfest und Marokkopolitik.

Unsere Alldeutschen wollen den bevorstehenden Gedenktag der Schlacht von Sedan zur hochpoli­tischen Agitation benutzen.

In der „Post", die neulich durch chren groben Ausfall gegen den Kaiser sattsam bekannt geworden ist, wird schon ein richtiges Programm für die Be» Handlung der Marokkofrage auf der Festver­sammlung entwickelt und dabei geeignete Redner namhaft gemacht. Man will einen „Sturm der Entrüstung" heraufbeschwören, ähnlich dem „Sturm" gegen das Zedlitzsche Schulgesetz von 1892.

Wenn solche Demonstrationen dazu mithelfen würden, daß Deutschland bei den schwebenden Ber- Handlungen mehr Vorteile einheimse, so könnte man sich mit ihnen befreunden. Aber wir fürchten, daß nichts weiter dabei herauskommt, als einerseits eine Zuspitzung des Gegensatzes zwischen der französischen und der deutschen Nation, sowie an­dererseits eine empfindliche Enttäuschung für das deutsche Volk.

Wird die marrokanische Angelegenheit im Lichte der Sedanfeier behandelt, so st e i g e r n sich unter den glorreichen Erinnerungen und bei dem gcho- benem nationalen Selbstgefithl die Erwartun­gen auf große Erfolge unserer Diplomatie. Wer­ken diese Erwartungen erfüllt werden können? Allem Anschein nach wird der Vergleich, wenn er überhaupt zustande kommt, für Deutschland mager ausfallen. Es ist ein sehr schwieriges Geschäst, was Herr v. Kiderlen-Wächter zurzeit als Sachver­walter Deutschlands betreibt, — ein Geschäft, dessen Aussichten keineswegs so glänzend sind, um den Vergleich mit den weltgeschichtlichen Erfolgen von Sedan zu vertragen. Es wäre viel besser, wenn man das Sedanfest überhaupt feiern will, dann es auch dieses Jahr in ruhiger und friedlicher Manier zu begehen, als Ausdruck der Freude über die sicher begründete nationale Einheit und Lebenskraft, — ohne Betonung der alten Gegensätze oder Schaffung von neuen Gegensätzen zu einer auswärtigen Macht.

Alles, was wie eine Reizung oder Herausfor- derung des französischen Nachbarn wirken könnte, würden wir nicht für klug und nach Lage der gegen­wärtigen Verhältnisse auch nicht für gerecht halten. Denn im Grunde genommen ist es gar nicht Frankreich, das für die Beeinträchtigung der deutschen Interessen und des deutschen Ansehens verantwortlich ist, sondern England.

Hätten wir es mit Frankreich allein zu tun, so wäre sicherlich schon ein annehmbarer Ausgleich er­zielt. England verhindert die Verstau- d i g u n g, indem es der französischen Regierung die gebotenen Zugeständnisse teils direkt verbietet, teils durch Aufstachelung unmöglich macht. Dasselbe England, das durch die hinterlistige Verschenkung Marokkos an seinen antideutschen Bundesgenoffen die ganze friedensstörische Geschichte eingefädelt hat. Wnc wollen nun keineswegs unsere Alldeut­schen ermuntern, daß sie für Sedan eine Hetze gegen England einleiten; das würde ja auch zu dem Ge­denktag einer deutsch-französifchen Schlacht nicht recht passen. Aber wir möchten sie doch daraus aufmerk­sam machen, daß die gegenwärtige Lage zu irgend einer anti französischen Hetze sich nicht eignet. Darüber würden nur unsere eigentlichen Gegner jenseits des Kanals sich freuen.

Nun gibt es aber ein Mittel, um all diesen Aergerniffen und Gefahren einen Riegel vorzu­schieben: UnsereRegierungmußbiszum Sedantage die Verhandlungen zum A b s ch l u ß b r i n g e n. Wir haben schon mehrfach ausgeführt, daß das weitere Hinziehen der Ange- legenheit von liebel ist. Jetzt tritt ein neues Mo­ment hinzu, das eine baldige Klärung auf das dringendste wünschenswert macht.

Zur Stunde ist zur Marokkopolitik nichts Neues zu sagen. In Wilhelmshöhe hat gestern fcer Raifer mit dem Reichskanzler und dem Staatssekretär des Auswärtigen über den Stand der Dinge konferiert und in den nächsten Tagen wird sich der französische Botschafter Camdon nach Paris begeben, um seiner Regierung über den Verlaus der bisherigen Verhandlungen Bericht zu erstatten, Nach der Rückkehr des Botschafters werden dann die Verband- hingen wieder ausgenommen werden, hoffentlich mit beff. rem Erfolge als bisher.

!SÜW£n nur zur Unterbringung

SB Swinge bient unb Oberleitung einem uwül’oo I? ^rbletben soll (für die evange- Irschen Waisenkinder ist infolge reicher Stiftungen vor Wen ein großes evangelisches Waisenhaus bei Sülz-Lindenthal erbaut worden). Die Vorlage der Verwaltung nimmt als Pflegepersonal die Schwestern vom armen Kinde Jesu in Ausficht. Für die evan- gelischm Zöglinge tm städtischen Waisenhause bleibt eine besondere Abteilung mit weltlichem Personal be­stehen. Durch die Einfi'chrung der Schwesternpflege wird neben einer besseren Verpflegung und Erziehung der Kinder auch eine jährliche Ersparnis von etwa 4000 Mark herbeigeführt. Das bisherige Pflegeperso­nal soll teilweise noch beibehalten »erben. Die Vor­lage wurde in namentlicher Abstimmung mit 21 Zen- trumSstimwen gegen 6 liberale angenommen. Die letz­tem habm wieder mal ihre „Toleranz" bewiesen. Die mhige und sachliche Behandlung der Angelegenheit stand im übrigen in wohltuendem Gegensätze zu dem intoleranten Vorgehen des Düsseldorfer Liberalismus gegen die bärtigen Krankenschwestern, denn die libe­ralen Redner beschränktm fich auf die kurze Hervor­hebung ihres prinzipiell ablehnenden Standpunktes gegen den Einzug von Ordensschwestern in eine städti­sche Anstalt. Nur einer ihrer Redner zeterte gegen die „konfessionelle Abschließung", gestand aber offen ein, daß an dieser Abschließung nicht die katholischen Mitbürger allein schuld seien, sondern daß alle Kon­fessionen gleiche Schuld treffe. Wer dieses interessante Geständnis machte, war — der Verleger der liberalen Kölnischen Zeitung, Dr. Nevm-Dumont. Der liberale Redner ignoriert anscheinend das Recht katholischer Waismkinder auf katholische Erziehung, für die zu sorgen eine tolerante Stadtverwaltung nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht hat. Konsequenter­weise müßte Herr Dr. Neven Dumont fich auch gegen die katholische Erziehung aller katholischen Kinder richten. Man kann sich des Eindmcks nicht erwehren, baß die Ausfühmngen beS liberalen Redners vor­nehmlich der Abneigung gegen katholische Ordens­schwestern entsprungen ist.

** Detmold, 18. Äug. 1911. Die Landtags­wahlen im Fürstentum Lippe finden am 14. Sep­tember statt. Die Sozialdemokraten Haden in allen zehn Wahlkreisen Kandidaten für die dritte Ab­teilung ausgestellt.

die Regierung entgegen dem allseitigen Wunsch des Reichstags nicht einmal den Versuch machen sollte, diese wichtige gesetzgeberische Maßnahme sozialer Fürsorge zur Durchführung zu bringen. — Auch über die Aufgaben des noch zu wählenden neuen Reichstags zerbricht man sich schon heute den Kops. Unter den Vorlagen, die ihm zugehen sollen, befinden sich angeblich u. a.: eine Novelle zur Reform der deutschen Fahrkartensteuer, ein Ent­wurf betreffend die Unsaüsürsorge bei Arbeiten, die freiwillig zur Rettung von Personen und zur Bergung von Gegenständen in Notfällen vorge­nommen werden, ein Entwurf eines SeeunfallgesetzeS, ein Entwurf über die Haftpflicht bet, Straßen­bahnen für Sachschäden, dem auch die Neben­bahnen unterworfen sein sollen, ein Entwurf bett. Revision de? Spionagegesetze?, eine Novelle zum Patentgesetz, ein Entwurf über die gesetzliche Rege­lung des Posischeckverkehrs, ein Entwurf eines Nahrungsmittelgesetzes, ein Entwurf über die Neu­regelung der Sonntagsruhe im Handelsgewerbe, ein Entwurf über den Erwerb und Verlust der Staats­angehörigkeit, ein Entwurf bett. Einschränkung in der Erteilung von Wandergewerbescheinen, eine No­volle zum Reichsbeamtengesetz bett. Einführung des Wiederaufnahmeverfahrens im Disziplinarverfahren, eine Vorlaxe über die Verwaltung der Einnahmen und Ausgaben des Reiche? und die Errichtung eine? deutschen Rechnungshofes. Ob und inwieweit diese Angaben zutreffen, entzieht sich unserer Kenntnis.

** Ein Kartellverband katholischer Arbeiter­vereine West-, Süd- und Ostdeutschlands ist gelegentlich des Katholikentages begründet worden. In der „Westdeutschen Arbeiter-Zeitung" teilen darüber die Vorsitzenden der drei Verbände fol­gendes mit:

Am Grabe des hochherzigen Volks- und Arbeiter- freundes Frhrn. v. Ketteler haben die Vorsitzenden der Verbände ein Bündnis der Treue und Einig­keit geschloffen; einen langgehegten Wunsch der Ar­beitervereine, der auf Delegiertentagen wiederholt zum Ausdruck kam, haben sie zur glücktichen Ausführung gebracht und einen Kartellverband katholischer Ar beilervereine West«, Süd- und Ostdeutschlands geschloffen. Sie hatten zugleich die Freude, daß noch am selben Tage bsr Altmeister christlicher Sozialpolitik, Herr Professor Hitze, das Ehrenpräsidium des jungen Kartettverbmides Übernahm. So werden denn nunmehr die Verbände der Arbeitervereine des Südens, Westens und Ostens einen festen Bund der Einheit bilden zu einem kraftvollen, gemeinsamen Wirken im Dienste der großen Sache der katholischen Arbeitervereins­bewegung Deutschlands. Durch Austausch der Er- sahrungen und Anregungen durch gemeinsames Vorgehen in den Fragen der Sozialreform wird die geschloffene Einheit den Arbeitervereinen größere Kraft und Sicherheit verleihen, wird sie in der Oeffevllichkeit zur wirkungsvollen Erscheinung bringen.

Außerhalb des Kartells steht nur noch der Verband der katholischen Arbeitervereine (Sitz Berlin).

* Eine wunderlich^ Windihorst-Anekdoie. Das Hamburger Fremdenblatt (Nr. 192) veröffentlicht kurze „Erinnerungen an Lothar Bucher", bie Hein­rich v. Poschinger „kurz vor seinem Tobe bem Frem- denblatt zur Veröffentlichung überfanbt" habe. Eini­gen knochentrockenen Notizen Buchers mißt Poschinger selbst mir „untergeordnetes Interesse" bei; auch was er selbst von Bucher erzählt, ist von bescheidener Be- beutung; erwähnt mag bie Bemerkung sein, daß Bu­cher, obwohl „kein Freund Roms", „es auch anderseits nicht begreifen kgnnte, weshalb es in Deutschland ge­rade einen Gustav-Adolfverein geben mußte; denn der Schwebenkönig war nach seiner Ansicht in erster Linie ein Eroberer gewesen, ber Deutschlands Schwäche be­nutzen tvollte." Unmittelbar an diesen verständigen Satz schließt fich folgender seltsame Bericht Poschin- gers:

Dem praktischen Arzt Dr. Gittermann, der im Juni 1889 die ärztliche Behandlung Buchers übe;» nommen hatte, erzählte dieser folgende Geschichte: „Ich pflegte gelegentlich mein Mittagsmahl in einem am Potsdamerplatz befindlichen Hotel einzunehmen und sah eines Tages mitten im Speisezimmer einen mit großer Sorgfalt gedeckten Tisch, der mit zwei Kuverts belegt war. Alsbald setzte sich an den Tisch eine westfälische Gräfin, deren großer Eifer für die ultramontane Sache mir bekannt war. Etwas später erschien Windthorst und nahm vor dem zweiten Kuvert Platz, nachdem er der Gräfin ehrerbietig die Hand geküßt hatte. In einer Ecke des Saales saßen an einem Tisch zwei Offiziere, ein General und ein Major deS Generalstabs, die sich nach einem guten Diner ziemlich laut unterhielten. Ich hörte, rote der Major von dem jetzt sehr gespannten Verhältnis zu einer Großmacht sprach, deren Name auch genannt wurde, und daß man im Generalstab die Ueberzeugung hätte, es müßte bald losgeschlagen werden. Mtzc war die Erörterung dieser Dinge, die auf Wahrheit beruhten, um so peinlicher, als ich sah, daß das Gespräch am Tisch der Gräfin gänzlich aufgehört hatte, während Windthorst sehr eifrig horchte und auf einem Zettel Notizen machte. Um der Sache ein Ende zu machen, stand ich auf, trat an den Tisch der Offiziere heran, indem ich tat, als suche ich eine Zeitung, und sagte zu dem Major: „Ich bin der Geh. Legationsrat Bucher vom Auswärttgen Amt und möchte Sie bitten, etwas leiser zu sprechen; drüben an dem Tisch sitzt Windthorst, der sich alles aufnotiert, und wenn Sie so fortfahren, dann können Sie morgen Ihre ganze Unterhaltung in der .Germania' lesen." Möglichst unauffällig ging ich mit einer Zeitung auf meinen Platz zurück und hörte nur noch, rote ber General seinen Kameraden fragte: „Was wollte der Herr?" Nachdem er die nötigen Aufklärungen erhalten halte, erhob er fich und rief mit lautet Stimme: „Pfui!• in den Saal. Windthorst mußte doch etwas von der Sache gemerkt haben, denn er stellte der Gräfin anheim, lieber auf ihrem Zimmer zu speisen, worauf bann beide verschwanden. Als ich selbst den Saal verließ, kam der Major auf mich zu und bebantte fich mit großer Wärme für die noch rechtzeitige Warnung." Bucher hielt Wwbthorst für ebenso klug wie gefährlich unb bedauerte lebhaft, daß man den gewandten Mann nicht zum Oberprästdenten von Hannover ober zum Justtzmimster gemacht hatte: „Er wäre sicher zu haben gewesen, unb dann gäbe es keine ultramontane Partei, weil außer Windthorst niemand imstande war, den auS so heterogenem Material bestehenden Turm deS Zen­trums auszubauen."

Also Herr v. Poschinger hat bem Frernbenblatt gesagt, Dr. Stttermarm habe gesagt, Lothar Bucher

habe gesagt, Winblhorst habe usw. Ein wirklich wei­ter Umweg! Wer, bemerkt bie Köln. Vztg., auch ab­gesehen hiervon, kann man von ber ganzen Geschichte kaum einen Satz ohne Kopfschütteln lesen, unb nament­lich wer Winblhorst näher kannte, kommt au8 bem Erstaunen gar nicht heraus. Er wirb zunächst be­zweifeln, baß Windthorst, ber bei seiner großen Kurz­sichtigkeit nicht ohne Begleitung auszugehen Pflegte, mutterseelenallein in ein Berliner Hotä kommt, um mit einer westfälischen Gräfin zu speisen. Sehr be­zweifeln wirb er ferner, baß ber Zentrumsführer, „mitten im Speisezimmer" fitzend, nicht nur in auf­fälliger Weise „sehr eifrig horcht", sondern auch „auf einem Zettel Notizen macht"; bar hatte er erstens bei seinem kolossalen Gedächtnis nicht nötig, unb zweitens war er dafür viel zu vorsichtig; hätte er es aber ge­tan, fo ist schwer anzunehmen, Lothar Bucher habe ihm die Dummheit gugetraut, „bie ganze Unterhal­tung morgen in ber Germania" drucken zu lassen. Lothar Bucher war, wie ihm Poschinger bescheinigt, selbst ein sehr schweigsamer Mensch; daß auch Windt- horst vortrefflich zu schweigen verstand, wirb ihm nicht unbekannt gewesen sein, unb eS ist schwer anzunehmen, daß er gefürchtet habe, Windthorst werde erlauschte Geheimnisse berartig an bie große Glocke hangen, baß er sofort als der Lauscher erkannt werben mußte; übrigens konnte er über baS, war sich Winblhorst notiert haben soll, nicht mehr als einen Verbacht ha­ben, benn gelesen hat er jebensalls von ben angeblichen Notizen kein Wort. Nebenbei bemtrft, erscheinen bie beiben hohen Offiziere, die sich „nach einem guten Diner" im Speisezimmer eines Hotels über so intime Dinge „ziemlich laut unterhalten", in einem merkwür­digen Licht, unb ber General, ber, ohne etwas zu wis­sen, „mit lauter Stimme Pfui in ben Saal tust", ist entschieden eine komische Figur; ben Blauen Bries hätten beibe verdient, b. h. wenn ba8, was nach Po- ichingers Bericht Bucher bem Dr. Gittermann erzählt haben soll, wirklich passiert wäre. Auch die Fassung beS Schlußsatzes erweckt Bebeicken: Es ist boch Bucher gewiß nicht unbekannt gewesen, baß Windthorst gar nicht anwesend war, als „ber Turm beS Zentrums auf­gebaut" würbe, sondern ber bereits gebilbeten Frak­tion erst auf Einlabung Beitrat. UebrigenS hätte Bis­marck erst auf seine kirchenpolitischen Pläne verzichten müssen, wenn er Windthorst, falls bieser überhaupt für ein Amt zu haben gewesen wäre, zum Minister ober Oberpräfibenten hätte machen wollen. Unb so wirb man benn dies- seltsame Enthüllung wohl ruhig zu ben Akten legen bürfen, mit einem leisen Erstaunen, baß sie erst nach bem Enbe ber großen Hitze deS hei­ßen Sommers 1911 gebrückt worben ist.

* Eine gesetzliche Neuregelung des HeereSerganznngS« geschSfts soll demnächst erfolgen. Wie die ,Voff. Ztg.' hört, sind die kommissarischen Beratungen über diese Frage, die auf Anregung de? Reichstags seit längerer Zeit zwischen dem Ministerium deS Innern und dem Rrieg?minifterium stattfanden, nunmehr abgeschlossen worden. Gegenwärtig wird an Entwürfen gearbeitet, die sich auf eine 91 enbe» rung ber Wehrorbnung unb be? Reichs- Militärgesetze? vom Jahre 1874 erstrecken unb dem Reichstage üorgetegt werben sollen. Die Durch­führung ber neuen Bestimmungen würbe sich jeben- falls nicht vor bem Jahre 1913 ermöglichen lassen, zumal schon im Februar 1912 bie Musterung be­ginnt.

)( Die Flugapparate im deutschen Kaisermanöver. Die Anzahl ber Flugapparate, bie an ben bie?« jährigen Katterman övern teilnehmen werbe«, ist für beibe Manöverparteien auf acht festgesetzt worbe«. Die Verwenbung ber Flugapparate soll streng kriegsgemäß sein.

** Zur Rettung der Kolonne Fraukeuberg. Nach- bcm schon aus englischer Quelle gemeldet war, baß bie im Caprivizipfel operierenbe Kolonne beS Dist­riktschefs v. Frankenberg wohlauf sei, kommt von ihm selbst jetzt bie erste bhette Mitteilung, bie bie Nachricht bestätigt. Von Verlusten seiner Kolonne ist in ber Melbung von Frankenbergs nichts er­wähnt.

** Kassel, 19. Aug. 1911. Der Kaiser hörte gestern vormittag ben Vortrag besReichskanzlers. Gestern mittag empfing ber Kaiser ben Botschafter Freiherrn Marschall v. Bieberstein zur Melbung. Mittags war anläßlich beS GeburtStageS be? Kaisers Franz Joseph bet Ihren Majestäten eine größere Tafel, zu ber u. a. bie Herren ber österreichisch-ungarischen Botschaft in Berlin gelaben waren. Der Rotier erhob sich im Laufe beS Mahles zu einem Trinkspruch, in welchem er, zum öfter« reichisch-ungarischen Botschafter gewenbet, sagte, er bitte Seine EMllenz, Er. Majestät bem Kaiser ber Kaiserin unb seinen aller herzlichsten Glück­wunsch zum Geburtstage zu übermitteln mit bem Wunsche, baß Gott ihm noch ein lange? Leben be­scheren möge. Er trinke auf ba? Wohl seine? hoch- verehrtenFreunbeSunbtreuenVerbünbet en, Sr. Majestät Franz Josephs, Kaisers von Oester­reich unb Königs von Ungarn. Nach bem Fest, mahle hatte ber Kaiser noch längere Konferenzen mit bem Staatssekretär v. Kiderlen-Wächter unb mit bem Reichskanzler v. Bethmattn-Hollweg. Der Reichskanzler fuhr abenbs 9 Uhr von Wilhelmshöhe birekt nach Berlin zurück. Staatssekretär v. Kiberlett- Wächter reiste nach Südb.utschlanb ab zum Besuch be? erkrankten früheren Unterstaatssekretär Sternri* in Badenweiler.

— Köln, 17. Aug. 1911. Heute wurde in der Stadwerordnetenversammlung eine Vorlage der städt. Verwaltung, betr. Einführung ber Ordens­pflege im Waisenhaufe, beraten. Nach der Vorlage der städtischen Verwaltung genügte das zur­zeit im Waisenhaus tätige Pflege- und Erziehungs­personal den heutigen Anfordemngen nicht mehr. Die Gewinnung eines weltlichen Personals, baS über ge­eignete Vorbildung, sowie über die für die Tätigkeit in einer derartigen Anstalt erforderliche Aufopferung verfügt, stößt auf große Schwierigkeiten. Vom Wai­senamt wurde daher in Erwägung gezogen, ob nicht zweckmäßig die Pflege und Erziehung einem Schwe­sternorden übertragen werden könne. Diese Möglich­keit schien gegeben, weil tcüsächlich das städttsche Wai-

veutscher Reich.

% Berlin, 18. August 1911. Ta? preußische AuZführunaSgesetz zum Rei ch s v iehseu ch en g esetz ist im „StäatZanzeiger" veröffentlicht. — Die Ber- kehr Seinnah men ber beutschen Eisenbahnen weise r auch im Juli bs. Js. gegen ben gleichen Monat beS Vorjahres eine recht erfreuliche Steige- tung auf. So betrugen bie Einnahmen aus bem Personenverkehr 89819129 Mark gegen 85 534 354 Mark im Juli 1910; aus bem Güterverkehr be­laufen fich bie Einnahmen auf 149291837 Mark, gegenüber ben Einnahmen im gleichen Monat v. I. bebcutet bas ein Mehr von 8 798795 Mark.

+ Das Arbeitspensum des Reichstags in seinem letzten Tagungsabschnitt bietet, je mehr wir uns feinem Beginn nähern, desto häufiger zu allerhand Meldungen Anlaß, bie jedoch u. a. auf Zuverlässig­keit keinen Anspruch erheben können. Erst vor wenigen Tagen ging die Nachricht durch die Blätter, baß die Strafprozeßordnung nicht mehr zur Er­ledigung kommen werde. Wir haben bereits betont, baf? wir biefe Meldung nicht als zutreffenb anzu« erkennen vermögen. Neuerdings macht abermals eine Notiz die Runde durch die Blätter, wonach dem Reichstag nur solche Vorlagen noch zugehen werden, )ie einer dringenden Verabschiedung bedürfen, so lex Entwurf über die Verlängerung des deutsch, englischen Handeisprovisorinms, der japanische Han. del? vertrag unb einige kleine Vorlagen. Auch bie Richtigkeit bieser Melbung müssen wir bezweifeln. Aicht nur vermissen wir auch hier wieber die Straf. Prozeßordnung, sondern vor allem auch die Privat« peamtenversicherung. Es ist kaum anzunehmen, baß

Ausland.

** Der 81. Geburtstag des Kaisers Franz Joseph wurde gestern in ganz Oesterreich festlich begangen. Die Blätter veröffentlichten Fcktarttkel. In den Kir­chen und sonstigen Gotteshäusern fanden feierliche Gottesdienste statt. Wien zeigte reichen Festschmuck. In Ischl wohntm die Mitglieder des Kaiserhauses und Prinz Leopold von Bayern mit Familie dem Hochmut in der Pfarrkirche bei. Der Kaiser hörte die Messe in der kaiserlichen Villa. — In O l m u tz fan­den anläßlich des Zapfenstreiches am Vorabend des Geburtstages des Kaisers Straßenausschreitungen zwi­schen Deutschen und Tschechen statt. Die Tschechen, die in der Minderheit waren, reizten die Deutschen, indem fie das Ständchen der Militärkapelle vor dem Stadthaus durch das Wstngen eines tschechischen Lie­des zu stören versuchten. Die Deutschen antworteten mit der Wacht am Rhein. Sofort kam e8 zwischen der 1000-köpfigen Mengezu großen Prügeleien, denen erst daS Einschreiten der Wache ein Ende machte. Mehrere Personen wurden verletzt, andere verhaftet.

** Wie Frankreich die Umsturzbestrebungen fördert. Der Präfekt von Nancy, also ein Zivilbeamter, hatte durch die Militärbehörde den Offizieren und der Garnison verbieten laffen, an einem Aufzuge der katholischen Turner teilzunehmen. Eine Anzahl Soldaten kümmerte sich nicht um dieses Zivilverbot und nahm doch teil. Dasür regnete es nun Strafen; ein Feld­webel erhielt sogar 80 Tage Arrest wegen Teilnahme an einer Kundgebung, die man hier und da vielleicht gar als überpatriotisch ansieht. Aber diese Republik gestattet wohl den Lehrern, revolutionär-umflürzlerische Tendenzen zu be­kennen, nicht aber den Soldaten, an patriotischen Kundgebungen teilzunehmen. In Nantes tagte der nationale Kongreß der Lehrerbünde. Abends begaben fich zahlreiche Mitglieder des Kongresses auf die Einladung des umstürzlerischen Arbeits« bundes in die Arbeitsbörse von Nantes, hörten dort mehrere sozialistische Redner an und stimm­ten schließlich dem Beschlüsse zu, daß bie beste Form gemeinsamer Wirksamkeit auch für bie Lehrerschaft bie syndikalistische Form fei, unb baß biefe mit ben Arbeitersyndikaten zur Ein- führung ber sozialen Republik tätig sein müsse.

** Ein Fall von Disziplinlosigkeit Hal sich wiederum tm französischen Heere gezeigt. In ber Kaserne Gouvion Saint Cyr zu Tou on hatte ber ehemalige DiSziplinarsolbat R fia, ber in baS 111. In enterte« regiment emgereiht worben war, erfahren, baß ihm fein Hauptmann einen achttägigen Arrest biktiert hatte. Aus Wut baiüber stürzte er sich mit auf« gepflanztem Bajonett auf ben Oifizier, ben nur seine Leute, bie sich bazwischenwarseu, davor retteten, aufgespießt zu werben. Ter Attentäter wirb sich vor bem Kriegsgericht zu verantworten Haden. , „ .

*♦ Vom Kullmkampf iu Portugal Die Natro- nalversammlung nahm bas Gesetz betreffend den Unterhalt ber Geistlichkeit an, nachbem ber Justizminifier versichert hatte, baß das! neue Tren« nnngsgeseh keine Verfolgung der kothoUfchen Ktrche bezwecke. Der Minister forderte bte Republikaner auf das Gesetz in wohlwollendem ®tnne anzu« roenben. — Diese Redensart kennt man nun schon zur Genüge. UebrigenS wirb bte Regierung wohl kaum in bie Lage kommen, bas neue Gesetz anzu« wenden, ba bie Geistlichen, von verseh wind enbe« Ausnahmen abgesehen, bie staatliche Unterstützung abgelehnt haben.