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Samstag -en 19. August Ml-
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Nruck xnl Verlag der Fuldaer Lclleudrnckerot I* LxldO.
Die Entstehung der Wappen.
Von Heinz M a n t h e.
Ueberall im öffentlichen Leben, an den Gebäuden d:g Staates, der Stadt, aus den Münzen, auf den Stempeln und Siegln der Urkunden usw., ja auch tm Privatleben und auf dem Siegel des Brieses, auf dem Ring, und anderswo tritt uns das Wappen entgegen, ost in sehr kunstvollen und komplizierten Formen. Für jede Korporation, oft dm kleinsten Kegeloder Skatklub, für viele Familim, am meisten für frisch geadelte, aber auch bürgerliche Parvmüs ist cs jetzt Ehrensache und standesgemäß, ein Wappen zu füh- rm. Bei dieser immerhin ziemlichen Bedmtung dieses symbolischen Zeichens dürfte es von Interesse fein, einiges über seine Herkunft zu erfahren.
Zuerst muß festgestellt werden, daß das Wappen im Laufe der Jahrhunderte seinen Zweck fast völlig verloren hat. Die ältesten Wappen waren nichts anderes als das gemeinsame Erkennungszeichen einer Heeresabteilung. Hervorgegangen sind sie aus den Fahnen, die das Symbol der Zusammengehörigkeit irgend einer Abteilung war, gerade wie noch bei uns die Regimmts- oder Bataillonsfahnen und Standarten. Schon im grauen Altertum brachte man zur näheren Unterscheidung irgend ein Bild oder Zeichen mit sinnbildlicher Bedeutung an. So führten die alten Achmer die Eule ihrer Göttin Athene, die Aegypter den Adler ihres höchsten Gottes. Bon diesem Brauche rührt auch unser Reichsadler her, den das alte deutsch-römische Reich vom alten römischen Reich übernommen hat. Seit dem Ende des 12. Jahrhunderts finden sich die Fahnenbilder bei dm deutschm Fürstm im allgemeinen Gebrauche.
Ein wichtiger Schritt zur Entstehung des Wappens geschah mit der Uebertragung dieser Bilder oder der Fahnenfarben auf andere Ausrüstungsstücke, besonders auf den Schild. Mit der Z-eit gewöhnte mau sich daran, ein einmal angenommenes Zeichen für immer festzuhalten, sodaß das allgemein bekannte Wappenbild jetzt ein leichtes Erkennungszeichen der Zusammengehörigkeit für Freund und Feind wurde. Helm, Brust- Panzer, Waffenrock und besonders der Schild bienten zur Anbringung des Wappenzeichens. Als dann im Laufe des Mittelalters der große normannische Schild cingeführt wurde, dec den ganzen Mann verdeckte, wurde dieser Schild saft ausschließlich der Platz des Heerzeichens.
Aus diesen Heerzeichen haben sich unsere heutigen Landeswappen mtwickelt. Sie waren ursprünglich die Hoheitszeichen über einen beftimmten Teil des Heeres, das irgend ein Land stellte. An dieses, nicht an die Person: des Führers, ist das Wnvpcn geknüpft. Wechselt der Führer, so übernimmt er das alte Heer- zeichc» des Territoriums. Als nun diese Kommandostellen in der Entwickelung des Lehensweiens erblich wurden, wurde auch das Wappen erblich vom Vater auf den Sohn. So war also das Geschlechts- wavpcn entstanden.
Alle Gewalt der Fürsten des deutschm Mittelalters stammte vom Kaiser. So führten sie, um dies sym-- bolisch arkszudrücken, den kaiserlichen Adler im Wap- pen. Er ist das Amtsabzeichen des Fürsten. Je selbständiger aber die Landesherren wurden, desto mehr verschwand dec Adler aus ihrem Wappen und andere Symbole traten an seine Stelle, die oft von den alten germonischen Heeresabzeicken stammten, z. B. das Roß, der Löwe, der Greif u. a.
Mit Beginn des 13. Jahrhunderts trat eine wichtige Verschiebung des Heerwesens ein mit bem Aufkommen des Ritterstandes, 0er oft unabhängig vom Landesherrn Kriege unh Fehden führte, so daß seine Mitglieder eigener Heerbannerzeichen bedurften. Hierdurch entstanden die Wappen des alten, mittleren und niederen Adels.
Das ganze Wappenwesen war im Mfttelalter streng und bis aufs Einzelnste geregelt. Genau war feftae- setzt, wer überhaupt ein Wappen führen durfte. Das ivaren Adel. Patrizier. Kirchenfürsten. Länder, Städte, Klöster, Orden, Gesellschaften, Zünfte.
Im Lauf der Zeit hat sich eine unendliche Fülle von verschiedenartigsten Wappen gebildet, von denen wieder unzählige allen Gesehen miftelalterlicher Heraldik widersprechen. Denn es gab im Miitelalier den eigenen Stand der Herolde, die über die Echtheit und Richtigkeit der Wappen, über die Berechtigung der Inhaber wachten. Nur sechs Farben find im Wappen zulässig: rot, blau, grün, schwarz, gold und filber. Für den Druck ohne Farben stellt man die Farben durch verschiedene Schraffierung dar, eine sehr sinnreiche und einfache Erfindung des Jesuiten Silvester a Petra Sankt«. Dabei war alte Regel, daß Farbe nickst auf Farbe. Metall inchi auf Metall zu stehen kommen sollte, sondern nur Farbe auf Metall oder umgekehrt.
Die Darstellung dec Bilder erforderte der nötigen Fernwirkung wegen eine Vereinfachung auf die Hauptzüge hin. So werden bei den Zieren ihre Waffen, Krallen, Zunge, Hufe besonders betont, werden von dm Flügeln der Adler mir einige Schwungfedern in starker Vergrößerung gezeichnet. Blumen, besonders die Rosen und Likim, bekamen eine bestimmte heraldische Gestalt.
Mit der Zeit werden die Wappm komplizierter, intern besonders bei den Staatswappen die Wappen der einzelnen neuem?orbenen Herrschaften ins alte Wappen ausgenommen werden. So zeigt z. B. das Preußische Staatswappm die Wappen der einzelnen Provinzen. Im großen österreichischen Wappen finben sich die Wappen der Kronlänber auf den einzelnen Sckwung- und Schwanzfedern des kaiserlichen Adlers, so daß das Tier im gangen dreizehn Wappenschilde trägt.
Als Bekrönung des Wappens erscheint sehr oft der Ritterhelm oder bei Fürsten die Krone. Besonderes Interesse verdimen in dieser Hinsicht die Wappen der Kirchenftirstcu. So steht über dem päpstlichen Wappm die dreifach: Krone des Papstes, die Tiara mit dem Areuzapfel, von der zwei Bänder herabhängen. Hinzu kmmen noch die beiden Schlüsse, die die Binde- und Löfegewalt vorstellen, lieber dem Bischofswappen find besondere niedrige Hüte mit breiter Krempe angebracht. Vom Hute aus gehen verflochtene Quasten
schnüre. Die Fache des Hutes und die Zahl der Quasten künden den Rang des Bischofs an: Der Kar- d-nalshut ist rot und hat 15 Quasten, der Hut des Erzbischofs ist grün mit 10 Quasten, der grüne Hut des Bischofs zeigt 6 Quasten.
Zur Erhöhung der Wirkung toerben vielfach an ben Wappen noch sog. „heraldische Prachtstücke" angebracht. Man legt etwa das Wappen auf einen zeltförmigen Hermelinmantel mit Purpuchechrämung, oder man fügt ein Band mit einem Wahlspruch bei, legt es auf Fahnen, wie z. B. Italien, oder man nimmt Schildhalter. Letztere begegnen uns oft an den Läden der Hoflieferanten. Meist sind es die großen mit Keulen bewaffneten wilden Männer, wie beim preußischen Wappen, ober auch Tiere. Ein Beispiel dafür bieten die Löwen auf ben Münzen der freien Stadt Hamburg.
Zum Schluß sei noch einiges über das Reichswappen gesagt. Karl der Große hatte als Erbe des römischen Reiches dessen Adler als ReichKsymbol übernommen. Er stand auf dem Giebel der Aachener Pfalz. Seit Otto III. prangt er auf ben Siegeln und Münzen. Sett dem 13. Jahrhundert ist die Farbe des Reichswappens feftgelegt: ein schwarzer Adler in goldenem Felde. Nun war der deutsche Herrscher ge- wählter König und vom Papste gekrönter Kaiser. So gebührten ihm zwei Adler. Um diese bequem in einem Wappen darstellen zu können, halbierte man die Adler und ließ von jedem die Hälfte weg. So entstand das zweiköpfige Monstrum, das noch heute im österreichischen Reichswappen enthalten ist.
Das neue Wappen des Deutschen Reiches besteht aus dem einköpfigen schwarzen Adler mit rotem Schnabel und roten Fängen, lieber ihm schwebt die Kaiserkrone mit zwei goldenen Bändern. Auf der Brust liegt der preußische Wappenschild: ein schwarzer Adler mit goldenem Schnabel und ebensolchen Fängen mit Zepter und Reichsapfel in diesen. Der Adler selbst trägt noch ben Hohenzollemschild mit weiß und schwarzer Quadrierung. Um dieses preußische Wap Pen schlingt sich die Kette des Schwarzen Ablerordens. Diese Kette sowie die Krone fehlen im persönlichen Wappen unseres Kaisers. Dafür steht der Adler in einem goldenen Schilde, ben die Krone überragt.
In unterer Zeit ist das Wappenwesen wieder in reger Blüte, nachdem es in den Jahrzehnten der ge- schichtsseindlichen Ausklärung sehr niedergegangen war. Jetzt tritt uns das Wappen überall im öffentlichen und häufig im Privatleben entgegen. Der gewöhnliche Sterbliche ahnt e3 nicht, eine wie reiche Fülle von geschichtlicher Entwicklung durch diese Wapvenbilder symbolisch dargestellt wird. Der Geschichtsforscher toeiß aus ihnen eine reiche Kunde herauszulesen von Fürstengröße, vom ehrwürdigen Alter der Geschlechter, von blutigen Kriegen und rücksichtsloser Sänbergier.
Ein deutsches Esten.
Von C. Ernst.
„Hoch unser edles Sauerkraut! Wir sollen's nicht vergessen. Ein Deutscher hat's zuerst gebaut Drum ist's ein deutsches Essen!
und zwar eins, das von verschiedenen unserer Dichter besungen wurde Auch Busch, der liebenswürdige Humorist, erzählt von der Witwe Bolte,
welche in den Keller wollte,
-Daß sie von dem Sauerkohle Eine Portion sich hole.....
Jedenfalls zählt dieses Kraul, das in alten Chroniken als .eineLiebiingsipeise Karls des Großen" erwähnt wird, zu ben ältesten der in Deutschland bekannten Gemüsearten, das man bis zur Renaiflaneezeit auch als einzigstes „einzumachendes" kannte, während alle andern frisch verbrauchr wurden. Höchstwahrscheinlich ward bei uns das Sauerkraut zuerst durch Zisterzien- sermönche angepflanzt.
Verdanken wir doch überhaupt diesem Orden, der seine Misfioltstätigkeit nicht nur mit der Bibel, sondern ebenso sehr mit Pflugschar und Spaten auSübte und in Deutschland eine blühende Kuliur schuf, deren Segnungen wir uns noch jetzt erfreuen, die ersten Gartenanlagen.
Die Ordensregel dieser frommen Gemeinschaft bestimmte Ansiedlung in einsamer öder Gegend und verbot Fleischkost fast gänzlich, und so ergab es sich eigentlich von selbst, daß sich die Haupttätigkeit seiner Mitglieder aus Obst- und Gartenbau erstreckte, daß sie allmählich in der Rodenkutwr Hervorragendes leisteten.
Der Saueckohl muß aber nicht mir sehr schnell beliebt, sondern stets auch als sehr gesund bekannt gewesen sein, denn ein Gelehrter bezeichnet ihn im 16. Jahrhundert als den „Theriak (b. h. das Universal- mittel) unter den Speisen/
Schon damals war Magdeburg als Haupthandelsplatz für dies Gemüse bekannt, jetzt gelten, und mit Recht, Mainz und Straßburg gleichfalls dafür. Eigenartigerweise ist das „deutsche Essen" im Zeitenlause zur Rationalspeife der Russen geworden.
„Sauerkraut und Spätzle" bevorzugt der gemütliche Schwabe, wie „Kraut und Krapfen" in Ostpreußen nicht unbekannt ist; Sauerkohl und Erbsbrei liebt man in Niedersachsen und gibt dem Gericht den Namen: Lehm und Stroh! „Erbsen, Saueckohl und Pikel- fleisch gilt in der Mark Brandenburg als „Donners- tagSeffen," sittlich beziehen sich nicht das Saueckraut, fonbem dir Erbsen auf den Donnerstag; eine Erinnerung an das germanische Heidentum. Erbsen machten, ehe die Kartoffel nach Europa kam, das Hauptnahrungsmittel der Bevölkerung aus. Ihre altflavische Bedeutmrg war die gleiche, wie die von Hagelkörnern, und so blieben sie dem Wettergotte Donar, der sowohl Gewitter als Hagelschlag bewirken konnte, und dem der Donnerstag gehörte, geweiht.
Echt deutschen Ursprungs ist auch das sich dem Saueckohl zugesillende Schweinefleisch. Galten doch die Germanen als die Erfinder der Kunst des Pikelns und Räucherns; und auch der Deutsche von heute versteht es, „durchwachsenen Speck" zu würdigen. So bestätigt Dr. Schwarz:
Da tritt zunächst hgI brave Schwein
In seine vollen Rechte ein.
Und des durchwachsnen Speckes Kraft Durchdckngt das Kraut mit würz'gem Saft.
Fett gehört unbedingt zum Kohl, der ja im Gmnde genommen em „Winter"gemüse ist. Da aber der moderne Mensch es liebt. Sveisen zu essen, ehe die Jah
reszett sie eigenttich bringt, so ist jetzt auch Sauerkraut im Monat Juli als „Saisondelikatesse" bekannt, um als solches in Verbindung mit Rebhühnern und Austern gebracht zu werden. Da soll denn der Kohl, zur Erlangung eines besonders feinen Geschmackes, in „Sekt" gekocht werden, obgleich sich die Hauptsache, die prickelnde Kohlensäure" ja beim Kochen verflüchtigt. Es gibt darum „Feinschmecker", die dem „Sauerkraut in Champagner" den „gewärmten" Kohl vorziehen. Sie ftimmen darin mit Buschs Witwe Bolte überein, die für den Kohl besonders schwärmt, wenn er wieder cufgeioamiT.
Es heißt, auch Friedrich der Große habe für gewärmten Kohl eine große Vorliebe gehabt. Daß an bestimmten Tagen Sauerkraut auf seiner Tafel, die sich sieilich durch Einfachheit auszeichnete, erscheinen mußte, ist sicher. Auch Kaiser Wilhelm war ein Freund des „deutschen Essens", bestimmte aber stets „Quetschkartoffeln" dazu. So har sich das Sauerkraut durch Jahrhunderte seine Beliebtheit gewahrt, noch heute ißt arm und reich das älteste aller Gemüse.
Bilder aus Marokko.
ii.
Nun noch ein Wort über ben religiösen Erbadel, die sog. Schrrisinwürde. Die Scherifen, marokkanisch Schörfa, leiten ihre Herkunft vom Propheten Mohammed ab. Eine solche Verwandschaft ist im Orient der Gipfel der Glückseligkeit, umsomehr im koranerstarrten Westen Afrikas. Nicht nur einzelne Familien, nein, es gibt ganze Stämme, die vom Propheten abzustammen glauben, und so ist denn alles, was zum Scheri- fenstannn gehört, heilig. So die Beni Kasern im Atlas, von denen das jetzige Herrscherhaus abstammt. Das größte Ansehen im Lande genießt das Geschlecht der Uafani,. die ihre Heckunst lückenlos von Mohammed selbst herleiten können. Der Einfluß und ihre Macht ist für uns Europäer unerfaßlich. Der jetzige Groß- scherif von Uafoit, Mulai el Arbi, hat zu offenkundig für die verhaßten Franzosen Partei genommen, was seinem Ansehen iuohk etwas geschadet hat, doch reicht sein Machtwort immer noch weiter als der Arm des Sultans. Letzteres wissen die Franzosen wohl auszunützen, und nicht umsonst trägt der Großscheris das große Kreuz der Ehrenlegion. Der ganze Einfluß der Prophetenfamilie scheint wieder zu erwachen in dem kaum 24jährigen Reffen des Großscherifen, Mu- lai Achmed, einem blondbärtigen Riefen. Wenn dieser beim Lab el Barud, dem beliebten maurischen Neuerspiel, erscheint, hoch zu Roß, wie angegossen an fein herrliches Tier, dann bricht die begeisterte Menge los: „Baraka al Mulai Achmed!" (Segen über M. Achmed).
Neben den Uafani im Norden Hai auch der Süden einen großen Heiligen, Mulai Mohammed Ma el Ainiu aus der Familie der Schingeti. Er hat zurzeit das größte Ansehen in Marokko, nicht so sehr wegen f rin er Abstammung, als wegen seiner großen Gelehrsamkeit und Gerechtigkeitsliebe. Artbauer meint, der große Heilige habe wohl ein volles Jahrhundert gesehen, zeige aber noch eine fast jugendliche Geistesfrische und fein Machtspruch werde geachtet vom äußersten Süden des Landes bis an die Tore Marrakesch und in die Dünen der Sahara. Ma el Ainins Macht ist sogar gefürchtet von den Franzosen, denen dieser Berberfürst ein unversöhnlicher Feind bleiben wird. Auch die Scherifen wicken nach den Tagen ihrer irdischen Wanderung noch- in ihren Grabstätten. Sie haben einige Familiengrüfte, meistens in einer Moschee, mit der Bethäuser. Schulen, Pilgerherbergen, Wohnungen für Priester und Lehrer verbunden sind. Das Ganze erhält den Namen Sauja, eine Zufluchtsstätte für Arme und Kranke, für müde Wanderer und gehetzte Vecfolgie, wo jeder Schuh und Hilfe findet, Freistätten, die auch Verbrecher der fttafenden Gerechtigkeit entziehen.
Neben diesen Jslamsheiligen gibt es ein anderes Element, das die noch immer ausbehnungsfähige Macht des Islam zur Genüge darlegt, die zahlreichen mohammedanischen Orden. Dieses Sektierer- wcsen entwickelt im Marokkoreiche eine ben Pilzen ähnliche Fruchtbarkeit Es teigt bock eine Mischung von religiösem Eifer und Gaukelei, von gräulicher Sclbstaual und schrecklichem Wahnsinn, daß auch bet strengste Asket In der christlichen Kirche davor zurück- jchauderi. Ihre Macht kann man nicht hoch genug ein« schätzen. Der duldsamste Orden ist der Kardirjim. Sebr gefährlich ist der mächtige Orden der christenhaf- senden Derkani. In Europa sind schon bekannter die Sem-lli. Aber den entsetzlichsten Fanatismus zeigen die Aislaua. ihren Namen tragend vom Stifter Si Aiffo. Wohin Der Fanatismus den Menschen führen kann, zu welchem tierischen Wahnsinn die erhabene Menschennatur sich herabwürdigen läßt, sehen wir am Aissauasest, das in allen größeren Städten des Westens Afrikas alljährlich gefeiert wird. So lange ein Aissauasest in Marokko möglich ist, so lange bfribt das Scherisenland dem Christentum unzugänglich. Doch Horen wir Augenzeugen, die als Europäer dem schrecklichen Schauspiel zugesehen haben. Edmonbo de Amicis gibt uns saft dieselbe Schilderung aus dem Jahre 1875 wie Artbauer uns eine fesselnde Darstellung ans den letzten Jahren bietet. Am Haupt- fefttane sammeln sich die Mitglieder des Ordens auf dem Marktplätze, in allen Städten zur gleichen Stunde. Ungeheuer ist der Zulauf des gläubigen Volkes. Nicht nur die Straßen, auch die flachen Dächer sind mit Zuschauem dicht besetzt. Allmählich bringt dumpfes Murmeln an unser Ohr. Bald erkennen wir ben Ruf, besser das Geheul: „Subchannah allah ed daim!" — („Preis gebührt Gott dem Ewigen!") Nun können wsi sie sehen. Reihen von 6 bis 8 wahnwitzigen Männern in weißen, langen Hemden, die tanzend und springend und heulend vorüberwanken. Ganz eigentümlich sind ihre Bewegungen. Sie fassen sich gegenseitig an Händen, Armen oder Schultem, werfen den Kopf nach vorn und hinten und lassen dabei ein dumpfes, unterdrücktes Grunzen hören, in das sich Seufzen, Röchttn, Stöhnen und Ausrufe der Wut und Raserei mischen. Nur der Pinsel eines Rubens könnte uns diesen schrecklichen Anblick, das entsetzliche Mienenspiel wiedergeben, nur die phantastische Darstellungsgabe eines Pos könnte das Grausen und ben Ekel dieses Schauspiels schilbern. Von ben Dächern wirft man rohe Fleischstücke herab, die sogleich von ben Aissaui gierig verschlungen werden. Das ohrenbetäubende Geheul wird noch verstärkt von einer greu- lichen Musik auf Büffelhörnern, Schilfpfelsen Dudelsäcken und Trommeln. Und dieser Hexensabbat be-
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wirkt einen derartigen bemunftraubenben unb betäubenden Eindruck, daß auch die Zuschauer wie toll da- bon ergriffen werben. Leute jeden Standes und jeden Alters erfaßt der Taumel. Artbauer sah, wie Soldaten auf Posten plötzlich von krampfhaften Zuckungen befallen wurden und zufammenstürzlen, mit Schaum aus dm Lippen den Namen Si Aiffa ausstoßend. Der verlässigste, folgsamste Diener wurde angesteckt von dem wilden Fanatismus unb mischte sich heulend in bte Horde. Nur einen sah er ruhig und besonnen bleiben: eine ehrwürdige Greisengestalt in weißem Bari und faltiger Gewandung, ben Ordensscheik ben lebenden Vertreter Sidi Aissas. Weiter und weiter zichen die Fanatiker zum Friedhof. Hier stürzt einer zusammen, von den gräßlichen Gliederverrenkungen und Anstrengungen erschöpft, aber die Brüder reißen Um auf mit Fausthieben und Fußtritten, bis er wieder weiterspringt im Teufelsreigen. Ein anderer Ueber- müdeter, dem das Blut aus Ohren, Mund unb Nase strömt, bleibt regungslos liegen. Er wirb aus ben Reihen herausgestoßen, die nur umso stärker heulend weitertanzen. Am Friedhof zieht der Zug zur Herberge der Aissaui, doch ich fürchte, die Nerven der Leser und Leserinnen können das ganze blutige Schauspiel in seinen einzelnen Teilen nicht vertragen. Alles, was uns die Geschichte von dem Flagellantenunwesen und dem Hexenwahnsinn des Mittelalters berichtet, ist nicht zu vergleichen mit dem Hexensabbat am Aissaua- scste. Wenn hierbei die Wütenden sich selbst und ihre Genossen zur Genüge zerfleischt unb zerschlagen unb zertreten haben, bann wird ein lebender Hammel in den Kreis der Rasenden geführt. Mit Händen und Zähnen zerreißen alsbald die Tollhäusler die Opfer bei lebendigem Leibe, backen mit ihren bluttriefenden Mäulem ganze Stücke aus dem zuckenden Körper unb würgen und schlucken alles hinunter — ein furchtbares, viehisches Mahl. Und so toben und rasen sie weiter den ganzen Tag, bis endlich die gepeinigten Leibes- gliedcr ben Dienst versagen unb — ein ekelnder Schlußakt das wahnsinnige Treiben krönt. Der Ordensscheik schüttelt den Inhalt eines großen Topfes unter die rasende Schar. Schlangen, Eidechsen, Kröten, Skorpionen, Tarantttn springen hervor aus dem wirren Durcheinander. Doch dieser Anblick elektrisiert die sich am Boden krümmenden und todesmatten Aissaui. Sie stürzen auf das Ungeziefer, unb was sie erhaschen können, das fassen, beißen, freffen, würgen sie, wenn auch unter dem entsetzlichsten Gestöhn und Geächz, unbekümmert um die Bisse der Taranteln und Schlangen, um den Stachel der Skorpionen. Wenn das letzte Gewürm verschlrmgen ist, bann wird es ruhiger. Hier und da noch ein wahnsinniges Aufheulen, bis alles ohnmächtig hinfällt, und die mißhandelte menschliche Natur ihre Rechte fordert.
Die Feder sträubt sich beinahe, diese Orgien nieder» zuschreiben. Sie zeigen uns nur zu deutlich, welch ein Fanatismus in den Atlasländern schlummert, so daß Marokko für die Christen wohl noch lange ein vulkanischer Boden bleiben wird. Die christttche Mission hat bisher fast gar keine Erfolge aufzuweisen. Doch Darüber ein anderes Mal. Wer eingehender und gründlicher marokkanische Kulturverhältnisse kennen lernen will, den verweisen wir auf die neuesten Wecke des beften deutschen Marokkoforschers O. C. Artbauers („Kreuz und quer durch Marokko", Strecker u. Schneider, Stuttgart und „Afrikanische Spiegelbilder", Pustet, Regensburg.)
Allerlei.
— Hygiene und Eisenbahnrauch. Gerade jetzt zur Reisezeit, wo der Personenverkehr gewaltige Dimensionen annimmt, und auf allen größeren Strecken Züge eingelegt werden müssen, um den gesteigerten Anforderungen gerecht zu werden, scheint eine Forderung der Veckehrshygiene nachdrücklichster Betonung wert; die Verwendung rauch- und ruß- losen Feuerungsmaterials auf den Eisenbahnen. Die dicken schwarzen Rauchwolken, welche den Schornsteinen der Lokomotiven entströmen, vergiften mit ihrer schwefeligen Säure usw. nicht nur die reine Landluft, die von Tausenden der Erholung wegen ausgesucht wftd, sondern auch die an sich schon schlechte, über bett Städten lagernde Atmosphäre. Für den Reisenden ist der Rauch der Lokomotive aber geradezu eine ernste hygienische Gefahr, da er sich ben engen Wagenabteilen mitteilt, insbesondere, wenn der Zug durch Tunnels und enge Täler seinen Weg nimmt. Dabei soll noch ganz abgesehen werden von der Schädigung der Reisekleidung durch den Ruß. In dieser Beziehung würde die Elektrifizierung der Eisenbahnen unleugbar einen großen Fortschritt bedeuten. Allerdings stehen dieser ge- gewichtige militärische Bedenken entgegen, da bereits die einfache Durchschneidung eines Kabels genügen würbe, um den Zugverkehr eines Streckennetzes sofort lahm zu legen. Auch die Möglichkeit der Sabotage bei großen Verkehrsstreiks mit ihren weit- tragenden Folgen für die gesamte Volkswirtschaft wird durch die elektrische Zugbeförderung eher gesteigert als gemindert. Da also die von einer zentralen Kraftstation unabhängige Dampflokomotive sobald nicht aus unserem Verkehrsleben verschwinden wird — so verdient die Frage nach einem rcmch- unb rußlosen Brennstoff ernsteste Beachtung. In dieser Richtung scheint nun der Uebergang zur Teer- ölfeuerung einen Schritt näher zur Lösung zu sein, unb es ist sehr zu begrüßen, daß die preußische Eisenbahnverwatung bereits eine ganze Reihe von Lokomotiven mtt Teerölfeuerung eingerichtet hat. Das Teeröl, ein Destillat, das aus dem gewöhnlichen Steinkohlenteer gewonnen wird, hat einen der Steinkohle überlegenen Heizwert (9000 Wärmeeinheiten), während fein Preis sich im Verhältnis zum ausländischen Gasöl äußerst niedrig stellt. Praktische Betriebsergebnisse liegen bereits im großen Umfange vor und haben ergeben, daß die Oelzusatz- feuentng zur Steigerung der Leistungssähigkett, besonders auf stack in Anspruch genommenen Strecken sehr gut im Preis mit der Kohlenfeuerung m Wett- betoerb treten kann. Angesichts der großen PA duktion von Teeröl im Deutschen^Retch (450^OUO Tonnen) könnte es nur als erfreultch bezeichnet wer hert tvenn das rauch- und rußftete Teerol, bas, nebenbei bemerkt, neuerdings als billiges Treiböl für Dieselmotoren sich gut entfuhrt, tn Deutschland sich für die Lokomotiven so einführen würde, tote dies in Rußland der Masut, ein Rückbestand bei der Raffinale des Petroleums, getan hat, »sk-