M 186.
vstmerrlag den 17. August Ml.
38. Jahrgang.
fuldaer U Zeitung
2. Blatt.
Bind and Verlag Ur eulbati Sctlend«ck«rri itt $nlte.
X Ein sozialdemokratischer Geheimerlatz.
Der Tarifbruch im Berliner Zeitungsgewerbe hatte »u recht lebhaften Auseinander; etzuugen zwischen der sozialdemokratischen Parteipresse, die fich auf die Seite der Tarifbrecher stellte, und dem .Korrespondent^, dem tariftreuen Organ der Buchdrucker« gehUfen, geführt. Wie die .Zittauer Morgen-Ztg." von irgendeiner Seite erfahren hat, hatte die Generalkommission der Gewerkschaften, also die oberste gewerkschaftliche Instanz, die Absicht, wegen dieser Streitigkeiten im Korrespondenzblalt der Gewerkschaften eine Erklärung zu veröffentlichen, in der ausführliche Beispiele dieser verhetzenden Tätigkeit der Parteipresse gegeben werden.
So Habe-Pie „Freie Presse- in Elberseld u. a. geschrieben: „Im übrigen ist der dicknäsige Ton, in dem die unbequeme Kritik der Arbeiterpresse an dem Tarifamtsreiche abgetan wird, sehr charakteristisch. Ein derartiges Schindluderspiel, wie es die Buchdrucker- verbands-Oberbonzeu mit den Arbeiterintereffen getrieben haben, zu brandmarken, wird nach wie vor die Aufgabe der Arbeiterpresse sein, ganz gleich, ob es den Tariffanatikern recht ist oder nicht." Und das Solinger Parteiblatt habe von dem Beschluß der Gaulriter- konferenz u. a. gesagt: „Das ist nicht die Sprache einer selbstbewußten, freien und demokratisch velwalte- ten Arbeiterorganisation, die auf dem Boden des proletarischen Klassenkampfes steht, sondern die Sprache einer gelben Slreikbrecherorganisation, die sich als Schutztruppe des Unternehmers fühlt."
Die Erklärung gibt noch ähnliche Proben aus der roten Parteipreffe, und fährt daun fort:
Die Generalkommission erhebt gegen dies« Behandlung einer ihr angefchlossenen Organisation entschieden Protest; sie wird genötigt sein, wenn die hier gekennzeichnete Kritik in einem Teile der Parteipreffe fortgesetzt wird, diejenige Zurückhaltung in der Antwort auf dieses Verhalten auszugeben, die ihr bisher zur Aufrechterhaltung eines friedlichen Verhältnisses geboten schienen. Die Generallommifsio» erwartet von der Parteiprefse, daß sie auch dem Buchdruckerverbände gegenüber die Haltung einnimmt, d>e dem Frieden in der Arbeiterbewegung dient und sich aus den Beschlüssen des Mannheimer Parteitages ergibt, wonach Partei und Gewerkschaften „in ihren Kämpfen auf gegenseitige Verständigung und Zusammenwirken angewiesen" sind.
Dem Vorstand der sozialdemokratischen Partei, der vor der Veröffentlichung Kenntnis Don dieser Erklärung der Generalkommission erhielt, wurde darüber sehr angst; er bewog die General kommission, diese Zurückweisung der Parleipresse Nicht zu veröffentlichen, und richtete seinerseits ein vertrauliches Rundschreiben an die Redak- tionen der sozialdemokratischen Presse, in dem es heißt:
Da uns in der gegenwärtigen politischen Situation »ine öffentliche Diskussion dieser Beschwerden den Jntereffen der Arbeiterbewegung nicht förder- lich erscheint, haben wir die Generalkommission der Gewerkschaften ersucht, von der Veröffentlichung dieser Erklärung abzusehen und unS erboten, die Parteipreffe durch ein Zirkular von der beabsichtigten Erklärung in Kenntnis zu setzen. Wir Haden der Generalkommission der Gewerkschaften gleichzeitig erklärt, daß wir rhre Beschwerde über die gehässige Schreibweise der angezogenen Paiteiblütter für durchaus berechtigt hatten. Eine solche Kampfesweise widerspricht nicht nur den Grundsätzen der Mannheimer Resolution, sondern steht auch in schroffem Widerspruch zu dem Jenaer Parteitagsbeschluß über bit Preßfehden, tn dem der Paneitag gegen eine gehässige, persönlich verletzende Art der Diskussion Einspruch erhob und es weiter heißt: .Der Parteitag erklärt des! alb mit allem Nachdruck, daß dieser Art der Diskussion ein Ziel zu setzen ist, daß aber selbstverständlich der sachlichen Kritik der weiteste Spielraum gelassen werden muß". Wir ersuchen die Redaktion der Parteipreffe, die Jenaer Resolution bei Polemiken zu beachten.
Das ist ein völliger Rückzug der Partei vor der Gewerkschaft. Die gründliche Erörterung dieser Dinge würde zwar nicht den Jntereffen der »Arbeiterbewegung" abträglich sein, tote das Rundschreiben des Parteivorstandes schämig St, die Partei aber würde auf die Dauer den rzeren ziehen und deshalb gibt sie gleich anfangs klein bei. Das ist die eine Lehre aus den beiden Geheimerlaflen; die andere läßt sich noch zwangloser aus dem Ton der Schreiben heraus- lesen: wenn der große gewerkschaftliche Bruder auch sehr aus seine BÄ>eutung und selbständige Ansicht pocht, so läßt er doch über seine nahen verwandt
schaftliche» Beziehungen zur Sozial, demokratre keinen Zweifel und mahnt da» nn- gedärdigm Bruder, keine Dummheiten zu mache«, die ihm die Arbeit erschweren könnten.
Der Inhalt der Aktenstücke ist als« ein neuer vollgilttger Beleg für die innig« Verbindung zwischen da, feg. freie» Gewerkschaften — also auch zwischen der Nichdruckergehilfen-Gewerk- schäft — «nb der sozialdemokratischen Partei. Wo und wie in diesen Aktenstücken oder m dem Gewerkschaftsorgan des Verbandes deutscher Buchdrucker, dem ,Korrespo«dentaff, von „der Partei", von „der Parteipreffe", von „der Brdeiterpreffe" die Rede ist, ist stets die sozialdemokratische Partei und die sozialdemokratische Preffe gemeint. Die Verbindung ist so eng, daß man beiderseits sich angavöhnt hat, so als ob man ganz unter sich wäre, mrr von „der Partei* und von „der Parteipreffe" zu reden. Und das entspricht ganz dem wirkstchen Verhältnis, das aber mit der statuarischen und vertragliche» Neutralität der Gewerkschaft „si^kband deutscher Buchdrucker" absolut unvereinbar ist, und auS dem endlich sowohl von der Tarifgemeinschaft als auch von Tausenden Mitgliedern des Verbandes, ivelche der Verbindung mit und der Zugehörigkeit zu der Sozialdemokratie grundsätzlich widerstreben, die einfachen Kons queuzen gezogen werden müssen.
Reich,
X Die Weimmhulm des Reiches au Zollen, Steuern und Gebühren hat für die Zeit vom 1. April bis zum End« des Juli 1911 465,9 Mill. Mark betragen. Eine erhebliche Steigerung gegenüber dem entsprechenden Zeitraum' des Vorjahres zeigen vor allem die Zölle, die 55,7 Millionen mehr brachten. Da? pars man als ein erfreuliches blichen für die Entwickelung der Reichsfinanzen aniehen. An zweiter "Stelle steht dir Branntweinsteuer, welche im laufenden Rechnungsjahr schort 29,8 Mrll. Mark mehr ergeben Hai, als im Mche« jseiivmm des Boljahres, nnd eie asier' Voraussicht nach den Ansatz für 1911 be» deutend überschreit« wird. Auch die Zuckerstener, Braussiuer, Zückdwnrenfteuer, Zigaretten, der EmifstossstempÄ und die Talonstener haben die Ergebniffe des Vorjahres fe um mehrere Millionen Mark »Geschritten.
4- Fortbildungskurse für Bolksschulleßrer beabsichtigt die Untecrichtsverwaltung im nächsten Jahr auch an einer Universität im Westen einzurichten. Bisher bestehen solche Kurse an der Universität in Berlin und seit dem »origen Jahr auch an der Akademie in Posen. Der Zweck der Kurse ist, solchen Lehrern eine erweiterte Vorbildung zu schassen, die als Seminarlehrer ober an Mittelschulen oder als Leiter größerer Boltzschulverbände einen Wirkungskreis finden sollen. Die in Berlin bestehenden dreisemestrigen Kurse reichen bei den dauernd sich steigernden Gesuchen um Teilnahme schon lange nicht mchr aus.
)( Der Wände rrevuec Moll deS Trat scheu Bauer». Hundes wurde wegen übler Nachrede gegen den Reichs- und Landtagsabg.Henning, Berlin, von dem Landgericht Koltbus zu 300 Mark Geldstrafe, eventuell 30 Tagen Gefängnis, verurteilt. Moll hatte in Wahlversommlnugr« behauptet, der Abg. Henning beziehe Schmiergelder vom Kali syndika t.
d* Der Liberalismus als Bauernfreund. Irr Bayern hatte die liberale LandtagsftMüm den Vorschlag der Regierung unterbreitet, der Staat möge mit feinen eigenen Mitteln Futter aus den Donaulän- dem aufkaufen und es an die Rauern zum Selbstkostenpreis weiter verkaufen, wn f» dem vorzeitigen Verbrauch der bayerischen Heuernte vorzubeugen imd den BleWand zu erhalten. Das lmtzliberÄe Berliner Tagebrött meinte dazu, die Liberalen seien diesmal früher «ifgestanden als das Zentrum; aus Aer- ger darüber lehne die Zentrumspreffe den Vorschlag ab. ES ist ehte große Verirrung, derartige werktätige Mionen parteipolitisch «uSytbeuten. Der Vorschlag ist dazu geradezu unausführbar und zwecklos. Wieviel Waggon Hm müßte« eingeführt werden, um jeder Gemeinde auch nur einen Waggon zur Ber- fÜMNg zu stellen? Selbst wenn von den 7319 Landgemeinden (ohne Märkte und Städte) nut 2000 je einen Waggon Hm erhielten, wären dies schon 2000
Waggon, die nebenbei nur für kurze Zett reich« würden, abgesehen davon, daß auch in Ungarn und insbesondere in Rumänien selbst große Trockmheit herrscht. Es ist ja sehr löblich, wenn sich die Liberalm emstlich um die Bauern annehmen wollen, aber zuerst solltm sie in ben Staaten, in benen bet Liberalismus zu Hause ist, und zwar sofort, dafür sorgen, daß der Zwischenhandel, der meist in ben Händen von Angehörigen dec Liberalen liegt, veranlaßt wird, daß er die Fleischpreis: nicht so ht die Höhe treibt, resp. hochhält. Der liberale Vorschlag har aufs neue bewiesen, daß die führenden liberalen Politiker von biefen Dingen nichts verstehen. Die sm Ministerium des Innern am 12. August abgehaltme Beratung von Sachverständigen hat ben liberalen Vorschlag glatt verworfen. Mrmster des Jrmern von Brettreich war dagegen, Landeskierarzt Attinger war bagegen, alle Landwirte waren dagegen, namentlich wandten fich die liberalen Mitglieder des Sachverstän- digen-Ausschuffes bagegen. Erstens find die Donau- länber, aus denen Heu aufgekauft werden soll, von der bösartigsten Form der Maul- und Klanmseuche heimgefucht. Durch die Rauhfntiere'mfuhr würde ganz Nahem ein einziges Seuchengebiet, da gerade durch Rauhfutter die Seuche am leichtesten verschleppt wirb. Zweitens würbe bas importierte Heu hoch im Preis zu stehen kommen. Der liberale Vorschlag ist abgetan; die „früh aufgestandenen" Kammer-Liberalen haben fich bereits wieder ins Bett gelegt und schlafen wieder ben alten gewohnten Schlaf.
Ausland.
** Der König von England beabsichtigt im Süden von Irland ein Schloß zu kaufen, um dort jedes Jahr für mehrere Monate fein Hoflager auszu- sch azcn.
** Zum Präsidenten von Haiti hat der Kongreß, wie aus Port-au-Prince gemeldet wird, General Seconte einstimmig gewählt. Mit dieser Wahl ist jedoch Leconte rwch lange nicht unumstrittener Herr des Negerstaates. Denn die Bewegung zugunsten des „Generals" Fouchards im Süden des Landes wächst. Ihm strömen auf dem Marsch nach Port-au-Prince immer neue Anhänger zu, so daß es unzweifelhaft zu einem Entscheidungskampf zwischen ihm und dem neu erwählten Präsidenten Leconte kommen ivird.
** Einen Anschlag auf den chinesischen Admiral Lichun versuchten in (Santo« drei Chinesen, indem sie eine Bombe warfen. Der Admiral blieb unverletzt. Mehrere Soldaten seines Gefolges wurden getötet oder verletzt. Die Angreifer wurden verhaftet; sie sollen aus Penang gekommen fein und au5 Rache gehandelt haben, weil der Admiral den tuntigen Ausstand tatkräftig unterdrückt hatte.
Aus Kirche und Schule.
* Würzburg, 16. Aug. 1911. Angewiesen wurden Kaplan L. Fertig in Pfersdorf als Lokalkaplan nach Wargokshausen, Kaplan E. Ruf in Sailauf als Lokalkaplan nach lknterenerheim, Pfarrvikar E. Söller m Rohrbach als Kaplan nach Pfersdorf, Reopr. G. Blaß nie Kaplan nach Sailauf, Reopr. I. Brander als Kaplan nach RöWach, Neopr. P. Bauer als Kaplan nach Mörsbach. Zum SnbregrnS im bischöflichen Klerikalseminar dahier wurde dec Assistent an diesem Seminar Dc. C. Staab ernannt, zum Assistenten am gleichen Seminar Präfekt Dr. V. Brander im Ehklia- ntirm dahier.
Aus dem Nachbargebiete.
* Wittgenborn, Kreis Gelnhausen, 15. Aug. 1911. Mehrere junge Burschen trieben an bem in der Nähe gelegenen, zum fürstlich ysendnrgischen Hojgut« Äcchcrhof gehörigen Weiher, allerlei Kurzweil, wobei sich auch der 16jährige Tüpseriehrlirg Faust auf einem in das Wasser hinausführenden Damm vergnügte. Plötzlich stürzte er ab und verschwand vor den Augen seiner Alterskollegen in dem Weih«. Ta di« Umstehenden all« des Schwimmens unkundig waren, war an eine Rettung Faust'» nicht zu denken.
Alle« Anschein nach hat ein Herzschlag seinem jungen tieben ein End« gemacht. Sehr bald gelang es bann, die Leiche des Unglücklichen zu bergen.
*■ Gieße», 16. Aug. 1911. Ein hiesiger Kaufmann hatte sich kürzlich einer Operation im Munde unterziehen müssen, dir gut verlausen war. Trotz ärztlichen Verbotes rauchte der Genannte k'eser Tage aber eine Pfeffe Tabak, wobmch er fich eine Blutvergiftung zuzog, an der er jetzt gestorben ist.
* Göttingen, 15. Hugnft 1911. Dec Gartebahn- Mg überfuhr in der Nähe bei städtischen Brauerei das 5 Jahr« alte Töchterchen des Enenbahnschaffnerif Böker. Das Kind lief über das Gleis, wurde vom Zuge erfaßt, überfahre« und «ar sofort tot. — Im benachbarten Weende erfolgte abends in der Gastwirtschaft des „Gesellschaftsbaus s" eine Gasexplosion. Durch ein noch brennendes, achtlos fottgeworfenes Stteichholz explodierte die Gas- leit röt g, welche undicht war. Mit einem mächtigen, weithin hörbaren Krach wurde in den Fußboden ein gerissen.
♦ Tarin statt. 16. Ang. 1911. Der Senat des Oberlandesgerichts modtf bekannt, daß der Erbgras Erasmus zu Erbach-Erbach wegen Geisteskrankheit entmündigt worden ist. Damit wird anerkannt, daß die von dem jungen Erbgrafeu seinerzeit mit der Wäscherin Tora Fischer eingegangene Ehe wegen Ausschlusses der freien Willensbestimmung ungültig ist. Damit schwimmt der Nebenlinie das beträchtliche FdeikommiSvermögen davon. Auf die GüttiMit der Ehe und die aus der Unebenbürtigkeit dieser Ehe nach beut Erbachschen Hausgesctz sich ergebende Sabvenlionsfähigkett stützte fich nämlich der Anspruch dcr Nebenlinie.
* Mainz, 15 Aug. 1911. In einer Feuerwerkskörper-Handlung in der Schäffer- straße entstand am Samstag eine Explosion. Frau und Kind des Geschäftsinhabers konnten nur mit Mühe in Sicherheit gebracht werden. Das entstandene Feuer richtete großen Schaden an. — Trotzdem er schon zweimal wegen lieber« schreitung des ZüchtigsngSrechtes vorbestraft ist, könnt« eS der 26jährige Boiksschnl- lehrer Peter Maner ans Ludwigshöhe nicht unlerkaffen, die Kinder weiter zu prügeln. Nachdem er mehrere Kmder wiederholt blutig geprügelt und auf Verwarnungen der Eltern nicht nachgelassen hat, wurde er von einem der Väter in Oppenheim angezeigt. Mauer hatte sich vor der Mainzer Ferienftrafkammer wegen vorsätz« sicher körperlicher Mißhandlung zu vermttworten. In neun Fällen wurde auf fe vier Tage Gefängnis erkannt, daraus eine Gesamtstrase von einem Monat gebildet. In einem Falle erfolgte Freisprechung.
* Biebrich a. Rh., 15. August 1911. Tas beinahe ein Jahr alte Kind der Eheleute Schäfer hatte sich während des Mittagsschläfchens derart in da- Deckbett verwickelt, daß eS darin erstickte. Als die Mutter es wecken wollte, fand sie es al8 Leich« vor.
** Aus Franken, 17. Aug. 1911. Einen riesigen Besuch hatte am Fest Mariä Himmelfahrt der bekannte fränkisch« Wallfahrtsort Mariabuchen auszuweisen. Aus der Diözese Fulda waren allein über 200 Pilger erschienen. Abends fand eine Lich- terprozessiou aus dem Serpentmweg zur Buchenmühle statt, an der zirka 300 Personen teilnahmen. Dem Hauptgottesdienst, bet mit 9 Uhr im Freien abgehal- ten würde, wohnten »eit übet 2000 Fremde bei. — Eine unverantwortliche Roheit verübte ein Soldat der 11. Kompagnie vom 4. Jnf.-Regt. auf dem Truppenübungsplatz bei Hammelburg. Um Rache an einem Kameraden zu nehmen, warf er nachts eine« schweren Stein auf de» im Schlafe Liegende«, traf aber einen Unteroffizier, her schwer verletzt ins Lazarett überführt werden mtn le. — Der „Spionage" verdächtig wurde ein Kunstmaler von auswärts tn Würzburg verhaftet. Er war mit Artilleristen beisammen und ließ sich mit diesen kn dn Gespräch über die neuen Zünder ein. Die Soldaten soll er zu einer weiteren Zusammenkunft bestellt haben. — In Volk- ach bei Würzbnrz äscherte ein Schadenfeuer einen Bauernhof und zaUreich« Nebengebäude tfn. — In Aschaffenburg verschied plötzlich der Herdfadri- kant Hermann Koloseus, der sein G-eschäst aus Beinen Anfängen zu einem Weitruf gebracht hotte.
Schloß Sonneck.
17] Roman von Felix Nabot.
Das Weh drohte sie zu erdrücken. Sie lehnte die brennende Wange an den feuchten Stamm einer Buche und weinte, wie an der Brust einet treuen Mutter über die Rot ihres Hauses . . .
Nnd da, während sie in Tränen zerfloß, kam ihr ein rettender Gedanke: Nur einer konnte helfen: Leo Bergmann. Vielleicht wat er gar nicht so schlimm wie die Leute sagten. Zu ihm wollte sie gehen und jh« um Hilfe bitten. Sie wußte zwar, daß ihr Baler ihr zürnen würde — aber es gab keinen anderen Wetzl
Nach dem Mittagsmahl machte sie fich auf den Weg. Sie wollte zugleich Iris die Grüße überbringen, die ihr Viktor aufgetragen hatte.
Der Tag war grau und düster. Schwere Regenwolken Hingen am Himmel.
Die Leute] die ihr begegneten, grüßten refpcktvoll bas „gnädige Fräulein". Sonst hatte sie für jeden «in freundliches Wort gehabt, heute aber war sie von ihren eigenen Sorgen so erfüllt, daß sie ben ihr Begegnenden nut zerstreut zunickte.
Als st« durch das Einfahrtstor der Billa schritt, blieb sie einen Augenblick aufatmenb stehen, und da- Demütigende ihres Tuns ward ihr erst jetzt so recht klar. Aber sie biß tapfer die Zähne zusammen und trat ein.
Ein Diener geleitete sie in den Salon. „Die Herrschaften sind im Auto ausgefahren", sagte er, „werden aber bald zurückkehren. Ich will Fräulein Iris benachrichtigen."
Alles, was sie hier sah, war pmnkvoll und überladen, aber ohne Geschmrök. Die weißen, reichver- golbeten Rokokomöbel waren hübsch, harmonierten aber nicht mit der Tapet«. Und noch weniger stinlmte dazu das Bild Bergmanns in schwerem Goldrahmen, in Gehrock und weißer West«, über die sich Line dicke Goldkette spannte.
Gleich darauf erschien Iris,
„GnädiMS Fräulein", rief sie bei Hildas Anblick, „wÄche Ehre! Leider ist der Onkel mit Alice auLge- sahcen. Wenn Sie aber inzwischen mit meinet Gesellschaft vorsiebnehmen wollen —'
„Gerne", sagte Hilde lächelnd. „Liebe Iris, das „gnädige Fräulein" wollen wft doch lieber weglaffen, ein für allemal. Viktor hat mir alles erzählt."
IM stieß einen Schrei aus und ihr Gesicht war wie mit Purpur übergossen. „Wie — Sie wissen?" frömmelte sie. „Und Sie zürnen mir nicht?"
Hüde legte ifcre# Arm um He schlanke Gestalt des Mädchens nnd zog sie mr sich. „Wie sollte ich zürnen?" sprach pe. „Viktor hätte fein liebreicheres Mädchen finden Kröne. Ich bringe Grütze von ihm, »ide Grüße . . .'
„3rö drucke", fegte sie einfach. „Sie wissen gar nicht, wie lieb ich Viktor habe. Mein Leben war bis her so atm so einsam, so dunkel. Niemand hab ich gehabt, der mir Siebe zeigte nicht Vater, nicht Mutter, nicht Bneter! — Da ist er in mein geben getreten und hat «ich ans Herz genommen — und mir ist eine neue Gelt aufgegaugeu, eine Wett voll Sonne."
Hilde war aus» tiefste ergriffen »en dieser keuschen, zarten — und dHh so starken Liebe. Sie küßte Iris und sagte: Mir wolle« Schwestern sein und zu einander „Dn" sagen, wie wir es als Kinder taten. WM Du?"
Iris jnbelte. „Ach, tote gerne!" rief sie und flog ihr an den Hals. „Du, Du! — Du bist so gut. Weißt D.r, ich hob immer zu Dir hinaufgeschaut wie zu einer Königin, ich hab Dich heröckich sich gehabt! — Ich hab ja Euch alle s» lieb!" —
Hilde sicht Ht zärtlich übers Haar. „Brkwr hat Dich unsäglich sich, JAS. Aber es wird schwere Kämpfe geben. Ihr seid beide arm."
„O — ich furchte mich nicht vor Armut und nicht vor dem Kampf- Wir sind beide jung und stack. Ich wA fein treuer Kamerad sein."
„Meine liefe Iris, die Kämpfe find schon da. Die Sorge steht draußen vor bet Türe. Stemm, setz dich zu mk, ich Mr alles erzählen." Und sie fetzten stch nebeneinanfer mtb Hilde sprach von der Rot ihres Hauses, -5
Iris hörte atemlos zu. Als Hilde geendet hatte, brach fit in Dänen aus. „Ter arme Viktor!" sagte fit. .Wie traurig wird er sei»! Wie weh wird es ihm tun! Ach, warum bin ich nie': reich, daß ich ihm Helsen könnte. Woher nehmen wir nur be» Geld, denn die Schuld muß unter allen Umständen bezahlt werden."
„Ich habe an Deinen. Onkel gedacht", sagte Hilde leise. .Er ist ja so reich."
.Ich weiß nicht", sagte Iris. „On$d Le» gibt nie Geld her, außer wenn er großen Borteil habet hat. O, Hilde, Du weißt nicht, wie kalt nnd heraus und geldgierig diese Menschen sind nnd wieviel ich hier gelitten habek — Da fällt mir jetzt auch ein, was ich Viktor vor ferner Abreise habe sagen wollen. — Gr ist nämlich ein Brief von einem Justizrat aus der Residenz an mich gekommen. Justiz«! Buchner heißt er. ®er schreibt mir, daß ich mich an meinem Geburtstage bei ihm einfmden solle, weil er mir wichtige Mitteilungen zu machen habe. Mein Geburtstag ist der 21. November. Da werde ich nämlich volljährig. Glaubst Du, daß die Vorladung damit zusammen- hängt?"
„3a, stehst Du, das weiß ich nicht. Mü^ich ist es schon!"
„Wenn ich nur wüßte, was cs ist! — Vielleicht bezicht eS fich ans meine Eltern. — Sie sagen in der Fabrll heimlich, Papa hätte auch einen Teil des Gewinns zu beanspruchen. Aber das sind wohl nur Redensarten. Wenn es aber doch s» wäre, Hilde! Wenn ich reich würde! Ach, wie froh wäre ich dal Nicht des Gelbe» wegen, sondern toeff ich dann Viktor helfen könnte. Aber ich glaube nicht daran."
„Gib Dich nur zufrieden, ich will mit Bergmann reden."
.Willst Dn wirklich? Du — er kann furchtbar so diel Courage gehabt, ich auch den Sbri dazu.
Hast Du ben Mut dazu? grob werden. Ich hick nie Aber jetzt, Hilde, jetzt hätte Für Viktor tue ich alles,
Draußen auf fern Korridor wmrdm Sttimn« und schwere Schritte laut. Dann vernahmen st« Berg- mannS drMhnmde» Lochen.
Iris sprang auf. „Da sind sie. Willst Du wick- lich -?"
Hilde zog ruhig ihre Handschuhe glatt. „Natür- sich", fegte sie. Sie war äußerlich ruhig, und doch bangte ihr em wenig, weil fie al» Bittende tarn.
Iris riß die Türe ans. „Onkel —"
Ehe sie wekker reden konnte, fuhr Alice gereizt auf fie los. JRaB tust Du denn im Salon?"
Iris wandte fich an Bergmann. „Es ist Besuch da —' >
„Dummes Ding", brummte dieser. „Hättest Du la» nicht gleich sagen können?"
.Ihr habt mich Ja nicht aus reden laßen."
„Ra als» —", rief Bergmann, der auch zu Hause in dem lauten herrischen Ton redete, den er von bet FadrS her gewöhnt toer, „da wollen wir uns gleich mal präsentieren. M es der Sultan oder der Schah von Persien?" — Als «r bann Hilde ». Sonn eck erblickte, machte er mächtig große Aage« und da- Wort Hieb ihm in der Kehle stecken.
Hilfe mußte unwillkürlich lächeln. Die beiden sichen auch gar zu komisch auS. Sie stecken noch in ihren Antokostümra und nahmen fich in den langen KmckschuftnSuteln aus, als wären sie in mächtige Sufisäcke gehüllt; die breiten Schirmmütze« und die Schutzbrillen mit bcn großen runden Gläsern trugen eben auch nicht dcyu fei, ihre Schönheit zu erhöhen. Aach ihre Srawgimgai in dem unbequemen Kostüm waren plump und schwerfällig wie die tappender
Bären.
Endlich fand Bergmann 2Bodr -Alle Wett«! - Gnädiges F-Lileim. ichZrö Jrömttett-migster Diener. Nein, dies« Freud«! Er »eck„ugte sich so gut es ging und küßte HKde die Hand.
Alice war voll rckerstießender Frermdlrchkerk. „Ach, Mit freue ich mich", sagte fie. „Aber Sie gestatten, daß ich mich aus dieser hätzsichen Hülle schäle.' IM sich zu Iris wendend, sagte fit: „Nimm mir mal Kitzche und $tSe ab! — Nein — draußen! Und ein twnif «sch, ja?" —
(Forksttzkmg folgt.) - 5