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Fulda, Freitag den 4. August DH.
38. Jahrgang
Erstes Blatt
Jv5 176.
sei und weil er
Der Kaiser
kanzler seine Reise verschoben hat, der Verhandlungen nicht mehr fern diese Lösung hier abwarten wolle.
♦♦ Die Kaiserin ist leicht an Angina erkrankt. ■ Um er Angina versteht man eine akute, fieberhafte, schmerzhafte Mandelanschwellung, bmdj die unter
gehört in die Sakristei", um sich warfen, und dem Worte „politische Pastoren sind ein Unding" zujubelten, endgiltig vorbei. Heute haben sie ja sogar die meisten „politischen Pastoren"! Oder sollten die Liberalen es wirklich wagen, gelegentlich doch wieder mit solchen Schlagworten zu kouimen? Dann wird wan sie auf ihre Kandidatenaufstellung für die Reichstagswahlen von 1911/12 nachdrücklich er- innern.
-4- Sozialdemokratische Offenherzigkeiten. Hauptversammlungen der sozialdemokratischen Vereine Berlins finden alljährlich kurz vor dem Parteitage statt. So haben auch in diesem Jahre wieder eine Reihe von Versammlungen in den Berliner Wahlkreisen stattgefunden, auf denen gewissermaßen die Probe für die Generalwäsche in Jena gemacht wurde. An gegenseirigen Liebenswürdigkeiten fehlte es wie all- iährlich auch diesmal nicht. Besonders die Parteileitung bekam manches zu hören, was ihr nicht eben lieblich in den Ohren klingen wird. So führte Genosse Dr. Wehl in einer Versammlung aus, die So- zialdemokratte habe den (Segnern die Annahme der Reichsversicherungsordnung zu leicht gemacht. Sie hätte ruppiger auftreten müsien und Obstruktion treiben sollen. Dadurch würden große agitatorische Erfolge erzielt worden sein. Mit der Stichwahltaktik ist Genofle Düwell sehr unzufrieden. Er meint, jetzt , wo für dm Liberalismus die Blockära vorbei sei, reklainiere er die Sozialdemokratie als Retterin; demgegenüber niüffe man aber doch einmal fragen, ob diese Stichwahltaktik richtig sei, oder ob es nicht vielmehr zweckmäßig und notwendig fei, eine Partei so lange unter Wasser zu haltm, bis ihr das Schlucken vergehe. Was dazu wohl das .Bert. Tagebl." jagen wird. Aber es darf sich trö- ften, die Genoffen werden den Forderungen Düwells schwerlich Folge leisten, weil sie viel zu gut wissen, daß sich der Linksliberalismus noch immer als bester Helfershelfer der Sozialdemokratie bewährt hat und auch in Zukunft bewähren wird. Lebhastm Tadel des Genoffen Rosenfeld hat sich der Parteivorstand »segen seiner Stellung zum „Marokkoschwindel" zugezogm, die geradezu unbegreiflich sei. Das internationale Büro in Brüssel habe eine gewaltige Demonstration für dm Frieden angeregt, diese sei aber an dem Widerstande des deutschen Parteworstcm- des gescheitert. — Das verspricht ja in Jena wieder -nnmal ganz nett zu werden.
** Rückgang der Unfälle. Die gewerblichen und landwirtschaftlichen Berussgenofsenschasten haben einen erfreulichen Rückgang der Unfälle sestfiellen tonnen. Im Berichtsjahre 1909 wurden bei den 48 landwirtschaftlichen und 66 gewerblichen Verussgenoffenschaflen rund 139 000 llinäUe gezahlt. Im Jahre 1908 waren es noch fast 143000 Unfälle und im Jahre 1907 beinahe 1450t 0. Auch die Unfälle mit löblichem Ausgang sind gesunken. Im Jahre 1908 wurden 9586, dagegen im Jahre 1909 nur noch 9363 solche Unfälle gezählt. Für Unfallverhütung sind im Jahre 1909 über 15 Millionen Mark ausgewendet worden.
* Karlsruhe, 1. Aug. 1911. In einer kürzlich gehaltenen Rede führte der Führer des badischen Zentrums, Herr Pfarrer Wacker, bezüglich der Wahl- laktik folgendes aus:
Die Zentrumstaktik im Wahlkampf von 1912 hat vor allem folgendes im Auge zu behalten: Als wichtigstes kourmt an erster Stelle die Bekämpfung der Sozialdeuiokratie. Das Zentrum ist es dem Interesse der Allgemeinheit schuldig, nötigenfalls bis an die äußerste Grenze des Möglichen zu gehen, damit mit seiner Hilfe der Sozialdemokratie das eine oder andere Mandat entrissen wird und jedes neue vorenthalten bleibt. Als nahezu gleichwichtig kommt an zweiter Stelle die Bekämpfung des Großblocks. Das Zentrum handelt ja im allge- meinen Interesse, wenn es jede Gelegenheit benützt, die sich ihm bietet, dem Großblock Niederlagen zu be»
Ausland.
* Im ungarischen Abgeorbnetenhause kam es am Donnerstag zu großen Tumulten, die zu einem förmlichen Handgemenge im Sitzungssaale führten. Es sprach der bis vor kurzem zur Kosiuthpartei gehörige Abg. Kolicsanyi, der für die Wehrvorlage eintrat und deshalb von der Opposition mit fortwährenden Zwischenrufen unterbrochen wurde. Der lauteste Ruser war der Abg. Pozsgay, dessen größte Tat es bisher war, daß er seinerzeit ein Mitglied des Kabinetts Fejervary in den Wandelgängen angespien hatte. Unter Anspielung auf diesen Vorfall rief der regierungsfreundliche Abg. Pal: „Gebt ihm einen Spucknapf!" Pozsgay antwortete: „Gib mir deinen Kopf dazu her!", worauf Pal zurückrief: „Unverschämtes Schwein!" Pozsgay sprang wütend auf und drang, umringt von zahlreichen oppositionellen Abgeordneten, auf Pal ein. Als beide aneinander sind, erheben sich die Fäuste und schlagen auseinander los, werden aber bereits im nächsten Augenblick getrennt. In der ungeheuren Aufregung, die sich des Hauses bemächtigt, unterbricht der Präsident Navay die Sitzung und beantragt nach ihrer Wiedereröffnung, daß Pal und Pozsgay an d?n Jmmunitälsausschuß verwiesen werden, damit dieser Ordnungsstrafen über sie verhänge. Zwischen Pal und Pozsgay wird ein Zweilampf ftatlfinben.
** Von einer Meuterei in der französischen Marine wird aus Cherbourg berichtet. Dort meuterten die Mannschaften der Torpedoboot- Flottille. Tie Meuterei richten sich hauptsächlich gegen den Leutnant zur See Goisset. Deckosfiziere, Quarliermeister und Matrosen erhoben gegen ihn bie Anschuldigung, daß er sie übermäßig anstrenge und übertrudene Strafen auf erlege. So erhielten
Deutsches Neich.
----- Abbruch der Marokkoverhandlungen?
Von verschiedener Seite kommen heute Meldungen, die von einer ernsten Störung der Marokko- jverhüudlungeu zu berichten wissen. Eine oft offiziös bediente Korrespondenz hebt jetzt hervor, daß die Be- fsprechung in der Wilhelmstraße nur langsam vorwärts schreitet, daß die Möglichkeit des .Scheiterns der Marokkoverhandlungen von den ^maßgebenden Faktoren bereits ins Auge^ gefaßt swurde, und daß schon in Swinemünde an Bord der i.Hohenzollem" die Konsequenzen einer solchen Wendung erörtert worden sind.
Von diplomatischer Seite wird der „Nar.-Ztg. bestätigt, daß jetzt tatsächlich eine sehr bedauerliche (Störung in den Verhandlungen über die Marokko-Kompensationen zu bemerken sei. Es wird aber hinzugesügt, daß der Staarssekretär Herr von Kiderlm-Wächter, der übrigens sich des vollen Vertrauens und der Unterstützung des Reichskanzlers erfreue, nicht gewillt sei, von dem einmal betretenen und für richtig erkannten Wege in dieser für Deutschland so bedeutsamen Stunde zurückzuweichen. Herr von Kiderlen-Wächter würde eher die eigene Person, als die großen nationalen Interessen opfern, für die er jetzt eintritt. Man hofft, daß es in diesem ernsten Augenblick zu keiner Meinungsverschiedenheit unter fiel? für die Leitung der Reichspolitik maßgebenden Persönlichkeiten kommen werde.
Die „Frkf. Ztg." betont demgegenüber, die Verhandlungen feien in den letzten Tagen eifrig fortgesetzt worden. Wenn auch ein definitives Ergebnis noch nicht sobald zu erwarten sein werde, so sei es doch nicht ausgeschlossen, daß man in der nächsten Zeit eine endgültige Basis finden werde. Dann werde natürlich die Diskussion über Einzelheiten noch längere Zeit dauern. Jedenfalls liege aber zur Zeit kein Grund zu einer pessimistischen Beurteilung vor.
Der R e i ch sk an z 1 e r, dessen Ankunft in Gastein in diesen Tagen erfolgen sollte, hat die bestellte Wohnung im Hotel Germania wieder abbestellt, da die Reise zunächst unmöglich geworden sei. Man könnte im ersten Augenblick versuch! fein, meint das „Bert. Tageblatt", ungünstige Schlüsse aus dieser Verschiebung der Reise zu ziehen. Das würde indessen, wie das Blatt glaubt, der wahren Sachlage nicht entsprechen. Nach den dem Blatte zugegangenen Informationen bewegen sich die Verhandlnugen seit Monrag auf einer veränderten Basis. Die Grundlage der geschäftlichen Unterhandlungen sei verschoben
** Berlin, 3. August 1911.
nahm am Donnerstag auf dem TruppenübungH- platz Altengrabow abermals an den militärischen Hebungen teil. Der Kaiser führte selbst das Kavalleriekorps gegen einen markierten Feind. Nachmittags reiste der Kaiser mit Sonderzug nach Klitschdorf zu einem Jagdbelnch beim Fürsten zu Solms-Baruth. Von Klftschdorf wird der Kaiser Freitag abend nach Wilhelms höhe abreisen. — Mit der staatlichen Unterstützung der Winzer ist der Anfang gemacht worden Die Winzer erhalten zinslose Darlehen, doch müssen diese nach drei Jahren jährlich mit einem Zwölftel der DarlehnSsumme zurückgezahlt werden.
worden. Auch jetzt müsse noch mit einer abermaligen wenig günstigen Wendung gerechnet werden. Aber als ganz ausgeschlossen scheine es angesichts der gegenwärtigen Lage der Dinge noch nicht, daß der Reichs- toeil das Ende
reiten und namentlich seinen Fortbestand zu zerstören ober doch zu erschüttern. An dritter Stelle ist nicht zu übersehen, daß bezüglich der Nationalliberaleu unterschieden werden muß zwischen Anhängern bet Großblockpolitik und solchen, welche Gegner des Groß, blocks und der Grotzblockpolitik sind, also auch das Tun der gegenwärtigen Parteileitung nicht billigen. Zwischen den ersteren und der Sozialdemokratie ist der Unterschied zu klein, als daß er Berücksichtigung finden könnte, wenn nicht Umstände besonderer Art dazu veranlassen. Bei letzteren liegt die Sache anders, falls sie sich dazu bestimmen lassen, ihre Gegnerschaft gegenüber dem Großblock und der derzeitigen nationalliberalen Parteileitung auch zu bekennen. Prak- ttsche Schlußfolgerung für gegebene Fälle legen sich von selber nahe.
* München, 3. August 1911. Der Kron- prinz traf heute, von Breslau kommend, in München ein. Prinz Ludwig von Bayern, der Thronfolger, begrüßte ihn auf dem Hauptbahnhof und begleitete ihn zum Brenner-Schnellzug, mit dem der Kronprinz nach Turin weiterreiste. — Die „Münch. N. Nachr." bringen an hervorragender Stelle eine Aufforderung an die Regierung. Es sei festgestellt, daß in den fitzten Jahren reiche Jagdherren nicht nur aus Bayern, sondern auch aus Norddeutschland weit ausgedehnte Alpenweiden kauften und pachteten und auf diese Weise für Weidevieh im Interesse der Jagd absperrten, sodaß meilenweite Strecken für die Viehzucht verloren gehen. An bie Staaten müsse, da die Fleischernährung des Volkes allmählich ernstlich bedroht sei, die ernste Forderung gestellt werden, durch Gesetze die Jagd- intereffen im Interesse der Viehzucht hintan zu stellen.
Umständen Atembeschwerden entstehen können. Da die Erkrankung glücklicherweise nur leichter Natur ist, sofft eine baldige Wiederherstellung der Kaiserin zu erwarten.
) ( Deutsche Jnstruktionsoffiziere für China. Das chinesische Kriegsministerium hat mit Major Dinkel- manu, mir dem ehemaligen Hauptmann und Jnstruk- teur der Militärschule in Nanking Bleyboeffer und mit einem deutschen Pionieroffizier vorläufig zweijährige Kontrakte als Lehrer an der im Entstehen begriffenen Kriegshochschule in Pautingfn abgeschlossen.
X Geistliche als Reichstagskaudidaten. Die ,Deutschen Nachrichten" veröffentlichen eine Znsa i menstellung der bis jetzt als Reichstagskandidaten aufgestellten Geistlichen. Bisher sind 15 amtierende und 2 nicht aehr im Amte befindliche katholische Geistliche als Kandidaten aufgestellt und zwar 5 von den Polen, 3 von den Elfäffern und die übrigen vom Zentrum. — Für die Freisinnigen kandidieren bis jetzt lOevangelische Geistliche, für bie Nationalliberalen 6 und für die rechtsstehenden Parteien 7 evangelische Geistliche. — Außerdem kandidiert für die Christlichsozialen der Schwiegersohn Stöckers, Liz. Mumm. — Das sind insgesamt 27 evangelische Geistliche gegen 17 katholische, und von diesen 27 evangelischen Geistlichen entfallen auf die liberalen Parteien 19. Das ist gewiß recht bezeichnend. Wenn man bedenkt, daß nach dieser Zusammenstellung die sortschrittliche Volkspartei allein 10 Geistliche aufgestellt hat, die doppelt so große Zentrumspartei 9, so wirst auch dies ein Helles Licht auf gewisse Schlagworte des Liberalismus. Jedenfalls sind die Zeiten, wo die Liberalen mit Redensarten, wie: „Der Geistliche
* Ein schönes Zeugnis für die deutschen Katholiken. Ma» schreibt der N. Vztg.: Im Anschluß an die bedauernswerten Uebertreibungen und falschen Verallgemeinerungen in dem bekannten Buche des P. Albert Maria Weiß sowie im Anschluß an die empörenden Bcfiidigungen der Correpondrnce de Rome, ist es nicht ohne Interesse, wie in dem neuesten (August-) Heft der von Jesuiten heraus- gegebenen, bei Herder in Frerturg erscheinenden, hochangesehene« Zeitschrift Die katholischen Missionen über die Katholiken Deutschlands geurteilt wird. In Japan hat ein P. Sudan Drouart de Lözey — verniutlich Franzose und Jesuit — vor einigen Jahren ein Preßunternehmen gegründet, dessen Zweck es fft, durch religrörwiffenschaftliche Broschüren unter den gebildeten Japanern Propaganda für .unseren katholischen Glauben zu machen, und ;roar mit Erfolg. Aber nun schreibt P. Dronart an die genannte Zeitschrift:
Wenn ich nicht ausgiebige Hülfe erhalte, werbe ich bas Unternehmen, bas so schöne Früchte versprach, wieber aus der Hand geben müssen. Darf ich Sie bitten, bie folgenbcn Zeilen ben deutschen Katholiken vorzulegen? Sie sind die Einzigen, auf deren Mitwirkung ich überhaupt rechnen kann. Ein Appell an die französische, italienische ober spanische Presse wäre, wie die Erfahrung lehrt, teere Liebesmühe.
Alsdann gibt der bedrängte Missionar, ein offenbar hochgebildeter und vielseitiger Manu, eine lebhafte Schilderung seiner oben gekennzeichneten '-8c« mühunaen und schließt daraus folgendermaßen:
In dieser Not wende ich mich an euch, Katholiken Dutschlands. Ihr versteht besser als alle anderen bie volle Bebeutung einer guten Presse, ihr habt euch bewährt, als ein Volk intelligenter, mutiger, ausdauernder Streiter für den wahren Glauben. Kommt einem armen Missionär zur Hilfe, der bereit ist, für dies Werk der Presse sein Herz, seine Kraft, sein Leben hinzugebn.
jährlich, das ift ein sck üues Zeugnis, das hier den deutschen Katholiken ausgestellt wird; und mich dünkt es angebracht, auf diese Worte eines fremdländischen Glaubensboteu hinrnweisen zu einer Ze i, da wir verdächtigt und beleidigt werden in bezug auf unsere Glaubenstreue selbst von Brüdern des eigenen Landes!
Schloß Sonneck.
8] Roman von Felix Nabor
.Was ist da zu faßen?*
.Viel, mein Lieber! Hai den Hof bar bezahlt!
, . Woher hat ec das Geld?*
„Weiß ich nicht.*
.Dir gestohlen hat er's in den zwanzig Jahren —*
„Mer, Weißenhofen, das ist doch ein bißchen sehr stark. Wer kann cs ihm beweisen?"
.Niemand, natürlich! Sonst würden wir das Gericht auf ihn hetzen und er müßte den Raub herausgeben. . . Ja, mein Gott, wo soll er denn sonst das Geld her haben? Wie er auf dein Gut kam, war er ein armer Teufel. Und jetzt — na, wer das nicht kaviert! . . . Aber so ist's auf all den Gütern, wo Leute sitzen, die nichts von der Landwirtschaft verstehen: Rittmeister a. D., verkrachte Diplomaten und Stubenhocker. Da gehen alle zugrunde. . . . Still, Sonneck, du magst sagen, was du willst, es ist einmal so: wer die Landwirtschaft nicht studiert und nicht von der Picke auf gedient hat, der geht flöten. Lieber Bautz, ich meine, du solltest einmal Schluß machen, einen deiner Söhne auf die landwirtschaftliche Hochschule schicken, den Verwalter zum Teufel jagen und .lelber regieren. Eher kommt ihr nickt hoch. — Nun, was starrt ihr mich so an? . . . Es ist mein voller Ernst ..."
„Aber Weißenhofen," rief Sonneck, „das ist doch unmöglich. Wie kann man einen jungen Menschen aus seiner Karriere reißen?*
.Karriere?" rief Weißenhofen. „Du meinst beim Militär? Na, das ist ja großartig! Wie lange braucht denn Viktor, bis er es zum Hauptmann bringt? . . . Eine halbe Ewigkeit! . . . Und was hast du bann, was bist du dann? Na, ja — raffle also ruhig weiter mit dem Säbel, trage deine Epau- letten und das Bandelier — als Greis von 60 Jahren bringst du es dann, so Gott und der General es will, zum Oberst, wenn du nicht inzwischen an der berühmten Majors ecke gescheitert oder zur „großen Armee*
«ingerückt bist. Das heißt man dann — „Karriere"! Ra — Gott segne dich, mein Sohn!"
Wenn Weißenhofen einmal im Zuge war, hörte er nicht so bald wieder auf, und da Bautz bei ihm stef in der Kreide saß und Rücksichten zu nehmen hatte, io ließ man ihn eben reden. Nachdem er getrunken hatte, wandte er sich an Viktor: „Du bist also unabkömmlich und kannst nicht zur Landwirtschaft übergehen? Nun — so bleibt also nur der Diplomat übrig —*
„Ich?" rief Siri entsetzt und krümmte sich im Sessel wie eine große schwarze Puvpe mit weißer Brust und geöltem Kops. „Ich? —" In diesem Worte lag eine ganze Skala von Verachtung gegen einen Beruf, bei dem man sich die Hände beschmutzen könnte.
.Ja, du?* sagte der Baron bissig. „Oder bist du etwa zu schön dazu? Deinen Smoking mußtest du allerdings ablegen und dich in Loden stecken. Aber Loden ist gesund! . . . Ich finde überhaupt, daß chr auf Sonnet es euch ein bißchen bequem macht. Ihr legt bie Hände in den Schoß und laßt den Herrgott einen guten Mann fein.*
Sonneck seufzte. Der schöne Tag war ihm end- aülrig verdorben. „Ja, was sollen wir denn tun?* fragte er.
„Arbeiten — und nichts als arbeiten*
„Aber ich kann doch nicht —*
„Nein — aber deine Jungens 1 Ist denn Arbeit eine Schande? — Ree, sag ich. Eine Ehre ist sie, iofern sie nur Geld einbringt. Da schaut mal her, hab ich nicht die feinften Chevreauxstiesel an? Zwanzig Emm das Paar! — Heut früh aber hab ich „Rindslederne* angehabt, well ich drainierte. Alles w seiner Zeit. Du, mein Lieber, tätest auch besser, dich in ein Buch über Agrikultur zu vertiefen, statt an deinem „Moltke" zu schreiben."
Es entftanb eine peinliche Pause. Endlich sagte Sonneck: „Aber wir arbeiten doch auch — in unserer Art.*
.Was denn? . . . Eure Arbeit, mein Lieber, ist ein müßiges Spiel. Man muß die Hände rühren.
sonst kommt man zu nichts. Schau dir doch einmal diesen Bergmann an — das ist ein Mann der Arbeit! .Ich kann den Kerl zwar nicht ausstehen, aber vor seinen Millionen habe ich Respekt, weil er sie aus eigener Kraft aus dem Boden gestampft hat. Nun ist er der Favorit des ganzen Kreises und in ein kaar Jahren har er das „von* so sicher, als ich ietzt mein Glas leere. . . . Siehst du, das ist der Adel der neuen Zeit, der Adel der Arbeit!"
„Für solchen Adel danke ich!" rief Sonneck.
.Ja, was willst du denn? . . . Der Mann erkauft und erkämpft sich einfad) feinen Adel."
.Ein trauriger Adel!* rief Viktor zornig.
.Aber doch Adel, mein Junge! Der Adel der neuen Zeit. Dagegen ist nichts zu machen. Mir dem Uradel geht es sowieso abwärts, wie mir scheint. Die einen sterben aus, die andern verheiraten sich mit reichen Emporkömmlingen des Bürgerstandes, die dritten gehen auf ihren Gütern zugrunde, ober verarmen. . . .
„Leider!" seufzte Bautz von Sonneck.
.Warum aber geht es abwärts?" rief Hilde in hellem Eifer. „Weil wir rückständig gewesen sind. Weil wir das Rad der Zeit an uns vorüberrollen ließen, ohne ihm in die Speichen zu greifen. Wir haben die großen Zeichen nicht erkannt und nicht mitgearbeitet am Webstuhl der Zeit. Andere haben die schlummernden Kräfte geweckt und ausgebeutet; sie batten jetzt reiche Ernte. Wir sind Zuschauer und gehen dabei leer aus. Wir hätten doch auch eine Fabrik gründen können wie Bergmann, und besäßen dann Einfluß und Macht. . . .*
.Und Millionen dazu, unterbrach sie der Baron, „was doch immer die Hauptsache ift.*
„Nein, Herr Baron," rief Hilde. „Nicht allein des Geldes wegen ist die Arbeit da, fonbern um Segen zu stiften, um zu beglücken."
„Sehr ibeal," rief Weißenhofen, „aber nicht durch- ftihrbar."
.Warum benn nicht? Dieses ungeheure Großkapital in einer Hand ist ein Unding und eine Ungerechtigkeit. Es muß ein Ausgleich gefunden werben.
eine gleichmäßigere Verteilung, es muß jebem Arbeiter sein rechtlicher Schutz gesichert werden*
„Sozialistin vom reinsten Wasser!" rief der Baron spöttisch „Sehr bedenklich*.
„Durchaus nicht. Ich will Kommunismus im besten und edelsten — im christlichen Sinn. Staat und Kirche, Gemeinden, Arbeitgeber und Arbeitnehmer müssen zusammenwirken, um eine friedliche Lösung der großen, weltbewegenden Frage zu finden. Jeder Arbester ist seines Lohnes wert und foll so bezahlt werden, sich ein kleines Kapital anzusammeln, das ihn und seine Familie vor Rot schützt. Wohlfahrtseinrichtungen müssen für ihn getroffen werden zum Schutze und zur wirtschaftlichen und sirtlichen Hebung des Arbeitefftandes: Kirchen und Schulen, Krankenhäuser und Erholungsheime, Bildungsanstal- ftn aller Art, in denen das Volk erlogen, emporge- fcoben wirb zu höchster sittlicher Kraft."
.Mädel, wo hast bu nur den Unsinn her?" rief her Major. „Tas find Utopien. Was soll überhaupt der Adel dabei tun? Der Adel —*
hat nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten," ivhr Hilde rasch fort. „Sein schönstes Recht ist, andern ein gutes Vorbild zu geben. Die Armen und Elenden herauszureißen aus ihrer leiblichen und gei- stgen Rot, aus dem dumpfen Hinbüien und geistiger Versunchfung, sie einem frohen, menschenwürdigen Dasein zuzuführen. Denn nicht in Geburt und Rang liegt der wahre Adel, sondern in der edlen Gesinnung, in der Herzensbildung, in großen und edlen Taten! In diesem Sinne kann jeder Mensch ein wahrer Adeliger und Edelmann - ein Adelsmensch sein.
Weißenhofen pfiff durch die Zähne „Ah das sind Ideen! Allerhand Hochachtung! Das ist mir aanz neu. Durckführbar ist ja diese Idee von der Züchtung des-Adelsmenschen nicht. Aber hübsch hört sie sich an. Sehr hübsch, besonders wenn sie ans so schönem Munde vorgetragen wird." Sein Blick hing voll Bewunderung an dem schönen Mädchen, durch dessen Wesen ein Zug von Größe ging, der den übrigen Sonnecks fehlte.
(Fortsetzung folgt)